Jetzt werden wir alle umgebracht - Hinterland Magazin

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Jetzt werden wir alle umgebracht

Vor dem Landgericht München wird das Massaker von Falzano di Cortona im Juni 1944 verhandelt. Des 14-fachen Mordes

angeklagt ist der Ottobrunner Gebirgsjäger-Veteran Josef Scheungraber. Von Friedrich C. Burschel.


Foto: Friedrich C. Burschel

90 Jahre Einsamkeit:

Josef Scheungraber steht für die gesamte Kriegsgeneration

vor Gericht. Sein Pech: er lebt und ist gesund.


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kriegsverbrechen

Etwas zwischen postmoderner Kathedrale oder

Philharmonie, genauer betrachtet aber nichts weniger

als potthässlich, dieser Saal A 101, in dem das

Landgericht München I tagt. Und es ist alles andere

als ein Gottesdienst oder ein Sinfonie-Konzert,

was das Publikum im voll besetzten Zuschauerraum

hier geboten bekommt. Zu Gehör kommen

in diesem grell illuminierten Saal die Kakophonien

der deutschen Geschichte und dessen, was immer

noch gerne deren „Aufarbeitung” genannt wird. Es

geht um Mord. Es geht um die Verbrechen der

Wehrmacht. Es geht um deren zivile Opfer, in die-

sem Fall um ItalienerInnen.

Das ganze liegt 64 Jahre

zurück. Angeklagt ist ein früherer

Leutnant und Kompanieführer

der Gebirgsjäger,

der mit seinem Gebirgs-Pionier-Batallion

818 damals den Rückzug der deutschen

Truppen aus Italien absichern sollte. Partisanen

hatten eine Brücke in der Nähe von Cortona

gesprengt, der Angeklagte mit seinen Männern war

zu deren eiliger Reparatur herbeimarschiert. Drei

der Gebirgspioniere werden in das Örtchen Falzano

geschickt, um Kantholz zu besorgen, damit

die notdürftig reparierte Brücke dem Gewicht von

Panzerfahrzeugen standhalte. Die drei geraten in

einen Partisanen-Hinterhalt, zwei von ihnen werden

erschossen, der dritte rettet sich verletzt zur

Truppe.

Obskure Traditionslinien

Es geht um den Mangel

an Scham „der Deutschen”

Und für das, was jetzt beginnt, soll der uralte, kleine

Mann da auf der Anklagebank verantwortlich

sein. Er soll nämlich dann nicht nur die Bergung

der Leichen und deren Beerdigung, sondern auch

noch weitere Aktionen angeordnet haben. So steht

es in der Anklageschrift, die erste ihrer Art gegen

einen Angehörigen der Gebirgsjäger in der

Geschichte der Bundesrepublik, nachdem der

Leugnende bereits von einem italienischen Militärgericht

in La Spezia in Abwesenheit zu lebenslanger

Haft verurteilt worden ist. Aber was die Italiener

da großartig an Verfahren inszeniert haben,

das kann doch einen deutschen Offizier nicht

beeindrucken: Was kümmert es die deutsche

Eiche, wenn daran ein Schwein sich reibt? Das

Urteil von La Spezia sei sowieso noch nicht rechtskräftig,

denn es seien Mindeststandards nicht eingehalten

worden, behauptet Scheungrabers Verteidiger

Klaus Goebel. Wer solche Verteidiger hat,

braucht keine Richter mehr: das kann man vorausschicken,

ehe man die Herren näher unter die

Lupe nimmt. Dazu muss man gar nicht großartig

zu recherchieren beginnen, aus allen Zeitungen

tönt es unwidersprochen, dass diese drei Advokaten

eine bedenkliche Nähe zu rechtsextremen oder

- vorsichtiger formuliert - als rechtsextrem eingestuften

Organisationen und „Denkschulen” haben.

Da eröffnet sich ein Panorama, das „aller Ehren

wert” ist: von Burschenschaften über Nazi-Vereine,

die neurechte „Junge Freiheit” bis hin zu obskuren

militaristischen Zirkeln. Der Münchener Anwalt

Goebel soll im Kuratorium der „Stillen Hilfe”

gesessen haben, so schrieb es die SZ. Die „Stille

Hilfe”, 1951 als Verein

gegründet und noch heute

unter der Führung der Himmler-Tochter

Gertrud Burwitz,

kümmert sich ausschließlich

um das Wohl und Wehe deutscher

NS-Kriegsverbrecher, darunter Erich Priebke,

Klaus Barbie und Anton Malloth. Goebel steht

auch auf Du und Du mit Holocaust-Leugnern wie

David Irving und Germar Rudolf und der „Freundeskreis

Freiheit für Rudolf Hess” sah ihn engagiert

für seine „Ziele”. Vor Gericht tritt der grauhaarige

Jurist arrogant und mit der Leidensmiene

dessen auf, der hinter diesem Prozess eine Verschwörung

gegen das ehrenvolle Andenken der

deutschen Wehrmacht riecht. Sein Kollege Rainer

Thesen, der irgendwie leutseliger und verbindlicher

auftritt, ist auch so eine Marke: der Oberst

der Reserve sitzt im Beirat des 1. FC Nürnberg und

ist eigentlich Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht.

Dieses Prozess-Schmankerl aber konnte sich

der eifrige Leserbriefe-Schreiber und Referent

dubioser „wehrpolitischer Verbände” nicht entgehen

lassen. 1 Schließlich geht es um die Ehre des

deutschen Soldaten, egal, ob er nun Wehrmachts-

Veteran oder Angehöriger der Bundeswehr ist.

Letztere ist ohne die Traditionslinie zur Hitler-

Wehrmacht scheinbar gar nicht zu denken. 2

Unschuld vom Vorort

Da sitzt er also, der 90 Jahre alte Mann. Scheungraber

ist Ehrenkommandant der Freiwilligen Feuerwehr

in Ottobrunn und wurde erst kürzlich mit

der „Bürgermedaille” seiner Heimatgemeinde

geehrt. Sie soll ihm auch nicht vor einem Schuldspruch

aberkannt werden, so der CSU-Bürgermeister

der prosperierenden Münchener Vorort-

Gemeinde, Thomas Loderer, der für ihn noch im

Juni eine Ehrenerklärung abgab. Natürlich kann

sich der Bürgermeister schadlos auf das Postulat

der Unschuldsvermutung berufen, das auch in


Foto: Friedrich C. Burschel

noch so eindeutig erscheinenden Fällen bis zur

rechtskräftigen Verurteilung fordert, dass der

Beschuldigte als unschuldig gilt. Das ist eigentlich

eine tolle Einrichtung des bürgerlichen Rechts,

auch wenn es einem schwer fällt, sich in Scheungrabers

Fall nach dem italienischen Urteil daran zu

halten. Aber das Gemunkel unter einigen ZuschauerInnen,

die nur vom „Nazi-Verbrecher” und „Massenmörder”

reden, behagt einem schließlich auch

nicht.

Aber wenn Scheungraber schon angibt, ein reines

Gewissen zu haben und von den Geschehnissen

in Falzano nichts zu wissen und gar nicht dort

gewesen zu sein, weshalb holt er sich dann derart

merkwürdige „Szene”-Anwälte wie Goebel, Thesen

und den dritten im Bunde, Christian Stünkel aus

Jena, „Alter Herr” der mehr als rechten, schlagenden

Halle-Leobener Burschenschaft „Germania”,

der als Verteidiger von Rechtsextremen und NPD-

Leuten u.a. in Sachsen-Anhalt bekannt ist? Auch

Scheungrabers erster Anwalt, Gerhart Klamert, ist

als Aktivist des Kameradenkreises der Gebirgstruppe

kein unbeschriebenes Blatt, Wehrmachtsverbrechen

nennt er „Unseligkeiten” oder - wahlweise -

„Hirngespinste”.

Böse alte Männer vor Gericht

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl macht

einen guten Job. Er schreitet entschieden ein,

wenn die Verteidiger mit irgendwelchen Winkelzü-

gen und Suggestivfragen versuchen, Zeugen bloßzustellen

oder die Kompetenz aller Nichtmilitärs in

Frage stellen. Besonders penetrant tritt in diesen

Fragen Rainer Thesen in Erscheinung, der vor

Stolz, selbst Reserveoffizier zu sein, schier platzt.

Götzl funkt zornig dazwischen, wenn er merkt, da

will jemand ein Spielchen treiben. An den betagten

Zeugen jedoch, ehemaligen Gebirgsjägern aus

Scheungrabers Truppe, perlt selbst die Strenge des

Richters ab. Da sitzen sie, erst Johann F., dann

Georg H., beide aus der Rosenheimer Gegend,

beide eher bäuerlich-grobschlächtige Greise, die

sich wahlweise auf ihr Alter, auf die lange Zeit, die

seit damals verstrichen ist, oder darauf berufen,

dass man sie doch wohl nach 64 Jahren nicht

mehr länger quälen wollen könne. Es schält sich

in der Befragung heraus, dass beide „dabei

waren”, damals in Falzano di Cortona. Aber immer

dann, wenn es ernst wird, versagt das Gedächtnis,

weiß man nichts mehr, war man nicht dabei oder

war man anderweitig eingesetzt „ganz weit draußen

am rechten Flügel”. Niemand hat nie nichts

nicht gesehen, die Alten geben je nach Frage den

Dementen oder die verfolgte Unschuld. Dabei tritt

Georg H. geradezu großspurig auf, verwehrt sich

dagegen, nachdem er bereits mehrfach mit „Kriminalern”

geredet habe, denselben Mist nun vor

Gericht ein weiteres Mal auszubreiten. Er sagt

wörtlich in empörter Abwehr: „Ich kann mich

nicht an einen jeden Dreck erinnern!” Das sind die

Momente, wo man zweifelt, ob diese bösen alten

Männer geistig überhaupt noch in der Lage sind,

Eine postmoderne

Philharmonie für

die Kakophonie der

deutschen Geschichte:

Saal A 101 im

Münchener Justiz-

Zentrum

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kriegsverbrechen

Foto: Friedrich C. Burschel

Der Nürnberger

Anwalt Rainer

Thesen ist wohl der

schrillste Vogel

in Scheungrabers

Verteidiger-Riege

zu erfassen, was damals durch Deutsche in ganz

Europa angerichtet worden ist, welches Leid über

Millionen das Deutsche Reich und über 14 Menschen

und ihre Familien die Mittenwalder Gebirgsjäger

in Falzano gebracht haben. Der rüstige H.

flüchtet sich so weit in seine Opferrolle, dass er

bei allzu bohrender Nachfrage der Nebenklagevertreterin,

der Hamburger Rechtsanwältin Gabriele

Heinecke, plötzlich aufschreit: „Ja, soll ich mich da

herin umbringa lassn? I dabag des ned!” Begriffsstutzig

klemmen sich die Zeugen hinter ihr Selbstbild

der Verführten und machtlosen Befehlsempfänger,

die sich an nichts erinnern können und

nun zu Unrecht gequält werden. H. lacht: „Mia

ham ned mera gmacht, ois ma miaßn ham.”

Ein Mordstheater

Als die Sprache auf die polizeiliche Telefon-Überwachung

(TÜ) kommt, der der Apparat Scheungrabers

im Rahmen der Ermittlungen unterzogen

wurde, machen die beiden „Ertappten” weiter auf

doof. Ob sie mit dem Angeklagten nach dem Krieg

noch einmal Kontakt hatten,

will Richter Götzl wissen.

Nein, gar niemals nicht mehr.

Kameradschaftstreffen? Nein,

auch nicht, nie! Auch nicht mit

dem Angeklagten telefoniert?

Nein, nicht, dass sie wüssten.

Als der Richter dann die Telefonate

aus der TÜ zitiert und die Verabredung der

beiden Zeugen mit dem Angeklagten und seinem

damaligen Anwalt vorhält, kommt das überraschte:

Ach das? Nein, kann ich mich nicht mehr genau

erinnern, wo soll des gewesen sein? Da war nichts,

das hat höchstens eine halbe Stunde gedauert, da

im Gasthof Stocker in Rohrdorf, da ist im Grunde

nichts geredet worden, wir wissen ja auch nicht

mehr, als wir schon x-mal der Polizei gesagt

haben... Dass der Angeklagte aber mit Anwalt Klamert

offenbar versucht hat, Zeugen zu beeinflussen,

erhöht seine Glaubwürdigkeit nicht gerade.

Gemeinsam mit den Aussagen unterdessen verstorbener

Kameraden, welche von italienischen und

deutschen Ermittlern bis ins Jahr 2006 vernommen

worden sind, ergibt sich jedoch ein ziemlich eindeutiges

Bild des Tathergangs: die Angehörigen

der 1. Kompanie des Gebirgs-Pionier-Batallions

818 unter dem Befehl Scheungrabers waren von

dem Tod ihrer beiden Kameraden „aufgebracht”.

Es kam, so schilderten es sogar die nun vor

Gericht begriffsstutzig auftretenden Zeugen, zu

Niemand hat nie nichts nicht

gesehen, die Alten geben je nach

Frage den Dementen oder die

verfolgte Unschuld

einem „Racheakt” (Johann F.) oder einer „Vergeltungsaktion”

(verstorbener Zeuge), „Säuberungsaktionen”

und „Partisaneneinsätzen”, die, so sagt

einer der Zeugen aus, „immer unmittelbar” nach

Angriffen auf deutsche Soldaten stattfanden.

Es wird dann in Falzano etwa so abgelaufen sein,

wie der Überlebende und die verschiedenen Zeugen

es schildern und es im La Spezia-Urteil steht.

Ein „Mordstheater” sei das gewesen, sagt ein

Zeuge: Hektisch trieb man die Menschen zusammen,

wer sich verdächtig verhielt, wurde - wie vier

der Opfer von Falzano - an Ort und Stelle niedergemacht

und dann wählte man die elf Männer

jeden Alters aus, darunter den Jugendlichen Gino

M., um sie in dem verminten Haus zu Tode zu

sprengen. Gesehen hat das freilich niemand, mitgemacht

sowieso nicht und wer die Befehle gegeben

hat, wird sich vermutlich nicht mehr zweifelsfrei

ermitteln lassen. Hieß der Kompanie-Chef

nicht Stengel? Am Ende wird Josef Scheungraber,

der in Italien (noch nicht rechtskräftig) verurteilte

Massenmörder, mangels Beweisen freigesprochen.

Das ist sehr wahrscheinlich. Es sei denn, es

geschieht das Unvorstellbare

und einer der Greise steht

auf und sagt endlich, nach

64 Jahren: Ja, wir waren

das, ich war dabei, es war

wie üblich nach Partisanenangriffen,

wir suchten uns

Zivilpersonen, die zur Sühne

getötet werden sollten und richteten sie zur

Abschreckung und aus Rache hin. Ja, natürlich war

unser Kompanieführer dabei. Nur einer der vernommenen

Zeugen drückte seine Abscheu vor

dem Geschehen und sein Mitgefühl mit den

Opfern aus. Der unterdessen Verstorbene berichtete,

dass keiner der Festgenommenen zugegeben

habe, Partisan zu sein. Die wären doch auch

dumm gewesen, wenn sie nicht schon über alle

Berge gewesen wären. „Erwischt hat es dann die

Zivilisten, die armen Teufel”.

Der Mangel an Scham

Man kann den alten Mann da vorne dennoch auch

als denjenigen betrachten, der für die Zehntausenden

von deutschen Soldaten, die an Massakern in

ganz Europa beteiligt waren, die „Arschkarte” ziehen

muss, weil er noch lebt und in bester geistiger

und körperlicher Verfassung ist, gemessen an seinem

biblischen Alter. Nur weil Mitte der 1990er

Jahre in der römischen Militär-Staatsanwaltschaft

der so genannte Schrank der Schande geöffnet


wurde. In dem Schrank sollen fast 700 ähnliche

Massaker der Wehrmacht oder anderer deutscher

Mordverbände dokumentiert sein. Für die überwiegende

Zahl von Tätern spät genug: sie sind unterdessen

vermutlich reinen Gewissens gestorben,

einem Gewissen, auf dem ein paar tote ItalienerInnen

kaum Gewicht haben. Scheungraber lebt und

muss jetzt - ob schuldig oder nicht - die Suppe seiner

„Kameraden” alleine oder als einer von ganz

wenigen auslöffeln.

Dabei geht es Opfern und Hinterbliebenen in Italien,

und vermutlich auch in Griechenland, Frankreich,

Polen, Russland oder wo sonst die deutschen

Herrenmenschen wüteten, überhaupt nicht

um Scheungraber oder andere Veteranen und

deren Verurteilung als Massen-

mörder. Es geht ihnen, und das

sagen sie auch immer wieder,

nur darum, dass die Tode ihrer

Väter, Mütter, Geschwister oder

Freunde endlich eine angemessene Berücksichtigung

finden. In Deutschland hat man sich über

sechzig Jahre kaum um die unvorstellbare Barbarei

deutscher Soldaten in ganz Europa gekümmert,

man hat sich selbst als Opfer von Bombardierung,

Vertreibung und „alliierter Geschichtsfälschung”

geriert und den Opfern deutschen Wahns allenfalls

ein paar Almosen der „Wiedergutmachung” hingeworfen.

Es geht um den Mangel an Scham „der

Deutschen” für diese Verbrechen, wie Klaus Theweleit

es beschreibt: „Die mangelnde Scham der

meisten Deutschen über das, was Nazideutschland

in Europa und im Nahen Osten angerichtet hat,

sichert ab, dass sie es nicht einmal zur Kenntnis

nehmen in der allergeringsten Tatsachenform. Die

Deutschen, sofern sie passen wollen unter solch

ein Sammelwort und die meisten wollen es (...),

wissen nicht, was das ist, Scham. Dass man sich

schämen können soll für etwas, das man ‚nicht

selbst’ getan hat, das vielleicht die Eltern getan

haben ... Leute aus der Stadt, die man kennt oder

auch jemand, den man gar nicht kennt ... Gruppen,

Horden, Meuten von Leuten, die agierten im

Namen Deutschlands oder jedenfalls mit Zustimmung

großer Teile der Deutschen - diese Empfindung

geht den Deutschen ab.” 3

Ein rettender Balken

Er lacht: „Mia ham ned mera

gmacht, ois ma miaßn ham.”

Und es war die „Gruppe, Horde, Meute” der

Gebirgspioniere (wahrscheinlich) unter dem Befehl

Scheungrabers, die in Falzano anrichteten, was der

einzige Überlebende des Massakers am 7. Oktober

vor Gericht in München schilderte: Nach der Beerdigung

der beiden erschossenen Soldaten sollen

Scheungrabers „aufgebrachte” Leute nicht nur vier

Zivilisten, darunter eine 74-jährige Frau, im Zuge

der Durchkämmung des Geländes erschossen und

die Gebäude von Falzano nebst Kirche eines nach

dem anderen gesprengt haben. Sie sollen außerdem

auch eine Gruppe von 11 „ortsfremden” Männern

in eines der Häuser verbracht haben, um es

dann mit ihnen zu sprengen. „Ich schlotterte vor

panischer Angst und ging einfach mit,” erinnert

sich Gino M. An einer Mauer aufgereiht mussten

sie zunächst einige Sprengungen miterleben und

ahnten, als sie in die „Casa Cannicci” getrieben

wurden, dass sie jetzt sterben würden. Einer

sprach es aus, während von außen die Tür mit

Draht verschlossen wurde: „Jetzt

werden wir alle umgebracht.”

Ein nach der Explosion quer

gestürzter Balken und der Körper

eines über ihn geschleuderten

Leidensgenossen haben Gino M. das Leben

gerettet. Die zehn anderen Männer sterben alle in

den Trümmern. Gino M. muss zwar einige Jahre

ein Stützkorsett tragen, doch er gesundet vollständig.

Nur das Trauma bleibt, die Erinnerung an den

strahlenden Sommertag, an dem die Deutschen in

Falzano „Rache” übten.

Josef Scheungraber war 1943 in Italien kurz

Ordonnanzoffizier bei Generalfeldmarschall Albert

Kesselring. Kesselring ordnete am 17. Juni 1944 an,

nach Partisanenüberfällen alle männlichen Einwohner

der betreffenden Ortschaften zu töten. Über

Exzesse dabei, so versprach er, werde er hinwegsehen.

So hat es Deutschland noch 60 Jahre

danach gehalten.<

1 Rainer Thesen hat am 28.11.2006 vor der Gesellschaft für Wehrund

Sicherheitspolitik, Sektion Nürnberg, den Vortrag „Erschießungen

von Geiseln, Sühnegefangenen und sonstigen Zivilpersonen

im II. Weltkrieg” gehalten, nachzulesen unter:

http://www.swg-hamburg.de/Geschichte/Erschiessungen_von_Geiseln_Suhnegefangenen_und.pdf

2 Wichtigste und materialreiche Website zur Traditionslinie der

Wehrmachtsgebirgsjäger, zur Gebirgstruppe der Bundeswehr und

zu den Verbrechen und Massakern der Gebirgsjäger im Zweiten

Weltkrieg in ganz Europa ist die des „Arbeitskreises Angreifbare

Traditionspflege”: www.keine-ruhe.org

3 Klaus Theweleit: Das Land das Ausland heißt. Essays, Reden,

Interviews zu Politik und Kunst, München 1995, S. 33

kriegsverbrechen

Friedrich C.

Burschel

ist freier Publizist

und lebt in München

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