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ELVEA | Das Magazin, Ausgabe 2/2016

Das Literaturmagazin

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© ELVEA VERLAG 2016 Der Mann, der von Apostrophen verfolgt wurde Achim Stößer Als Hans am Sonntag vom Baggersee nach Hause fuhr, sah er auf der B36 rechterhand eine meterhohe Neonschrift: »...alles für's Büro«. Zunächst lächelte Hans nur kopfschüttelnd. Da Präpositionen wie für mit einem darauffolgenden das ohne Apostroph zu einem fürs verschmelzen können, hätte das Geld für dieses Neonhäkchen eingespart werden können, doch wenn es den Besitzern Spaß machte ... aber dann dachte Hans nach. Er erinnerte sich, sicherlich aufgrund des neuerlichen Zwischenfalls in Tschernobyl einige Wochen zuvor sensibilisiert, gelesen zu haben, daß ein Ausschalten aller ungenutzten Fernsehgeräte in Deutschland – statt des Stand-by-Betriebs – ein ganzes Atomkraftwerk einsparen könnte. Wenn nun alle überflüssigen Apostrophe aus all den Kneipen und Geschäften, die »Udo's«, »Stefan's Bistro«, »Inge's Boutique«, »Marco's Feinkost«, »Werling's Frische-Shop«, »Susi's Bastelecke«, »Tabak Mang's Gute Stube«, »Gudrun's Lädle« oder »Ute's Café« hießen, entfernt würden ... Einmal aufmerksam geworden, sprangen ihm weitere Apostrophe ins Auge. Montags auf dem Weg zur Arbeit war es zunächst nur die neue »Badische Backstub'« in der Rüppurer und »Ritchy's Inn« in der Kapellenstraße, und hier war die Schreibweise durchaus korrekt; trotzdem trat er kräftiger in die Pedale. Bei McDonald's gegenüber waren die Scheiben eingeschlagen. Es war nicht zu erkennen, ob aus Spaß von 32 Hooligans, von militanten Vegetariern, die glaubten, so etwas gegen die Umweltzerstörung und Tierquälerei durch Hamburgerproduktion tun zu können, oder von Nazis, die in der Amerikanisierung einen Zerfall der deutschen Kultur – Bockwurst und Bier statt Big Mäc und Cola – sahen: die aufgesprühten Sprüche waren bereits entfernt. Doch als er in der Mittagspause beim Einkaufen den Slogan »Wer die Penny's nicht ehrt« am gleichnamigen Supermarkt entdeckte, machte er kehrt und ging zur Konkurrenz. Trotz der Aufforderung »Mach' plus bei Plus!« – als ob diese Imperativform ein Auslassungszeichen erfordern würde – überwand er sich, denn seine Zeit war knapp, und zudem war er an diese Form der Zeichensetzung von den selbstgereimten Gedichten Bettinas, mit denen sie alle ihre Bekannten mehr oder weniger erfreute, gewöhnt. Auch »Kafkas Orientteppiche« versöhnte ihn nicht. Am Tag darauf war Hans mit Ute (ohne Apostroph und S) im Krokodil (ebenfalls ohne) zu einem Kaffee verabredet. Doch er blieb nicht verschont. Einige Passanten warfen ihm einen missbilligenden Blick zu, als er auf dem Weg dorthin in der Blumenstraße plötzlich einen Urschrei ausstieß und scharf bremste. Er wandte sich um, und tatsächlich, er hatte richtig gesehen: Auf dem Schild der Bar stand: »Max's«. Er habe doch sonst nichts gegen Einflüsse anderer Sprachen, versuchte Ute abzuwiegeln, die bemerkt hatte, wie aufgebracht er war. »Psyche statt Seele, Jeans statt Baumwollköper, Telefon statt Fernsprechapparat ... - gerät, Apostroph statt Häkchen, wieso stört dich ein bißchen englische Interpunktion? Die Bierwerbung an sich ist

© ELVEA VERLAG 2016 schlecht, nicht, dass auf dem Plakat »noch ein's« steht. Im Karstadt liegen tote Fische, selbst wenn sie den Apostroph von »Neptun's Reich« entfernen. Und an der Hegelschen Philosophie ändert sich ebenfalls nichts, nur weil jemand meint, »Hegel'sche« schreiben zu müssen.« Darum gehe es doch gar nicht, antwortete er. Partikel Elektron zu nennen statt Bernstein sei sinnvoll. »Aber wenn etwas falsch ist, wenn etwas so absolut falsch ist, dann mach' ich nicht mit, selbst wenn Millionen Fliegen andrer Ansicht sind. Es verbreitet sich wie ein Virus, ein Virus, das von Kopf zu Kopf springt. Natürlich, ein paar Häkchen mehr oder weniger schaden nicht, aber wenn es mit so simplen Dingen geschieht, dann können sich auch wirklich gefährliche geistige Viren auf diese Weise fortpflanzen.« Am nächsten Tag zwang ihn eine Baustelle zu einem Umweg, und er erreichte die Kapellenstraße von der anderen Seite, fuhr an den Fenstern der Ausstellungshalle des Autohauses Gramling vorbei. Plötzlich bremste er so stark, daß sein Hinterrad wegrutschte und er stürzte. Aus der Froschperspektive sah er es, in großen, gelben Buchstaben, die auf der Innenseite der Scheiben klebten: »Alle Volkswagen! Alle Audi's!« Damit war Hans' Geduld am Ende. Er stieß das Fahrrad weg und schrie: »Jetzt reicht's!«, sprang auf und lief auf die Straße. Autos hupten. Hans hämmerte wütend auf ihre Motorhauben. Als er die Fahrbahn glücklich überquert hatte, stand er vor einer fensterlosen, brüchigen Backsteinmauer, die mit Graffiti besprüht war. Keuchend sah er an ihr hoch. Auf der Mauer stand: »Ausländer raus!« Immerhin ohne einen einzigen Apostroph. Infos zu Achim Stößer auf seiner Website: http://achim-stoesser.de/ 33

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