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ELVEA | Das Magazin, Ausgabe 2/2016

Das Literaturmagazin

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© ELVEA VERLAG 2016 Mahlzeiten Achim Stößer 40 Das Licht der Taschenlampe flackerte wie eine Kerze im Luftzug, stach durch die Dunkelheit, die mich wie Teer umschloss. Das Innere des Schiffs schien mit Vantablack lackiert, so finster war es, auch wenn ich bezweifle, dass sie ihre Wände mit Nagellack aus senkrecht ausgerichteten Kohlenstoffnanonröhrchen besprühen. Natürlich, die Abiden sind blind wie Maulwürfe und orientierten sich wie Fledermäuse mit Ultraschall und wie Grubenotterm an der Körperwärme ihrer Beute. Das Schiff schien wie ein gigantischer Kühlschrank, ihre Heimatwelt muss deutlich kälter sein als die Erde. Knirschend zerbrach das Eis unter meinen Füßen, die Stücke türmten sich wie Glasscherben auf. Als das Schiff in einem Wäldchen bei Quedlinburg gelandet war, wobei mehrere Hektar des Baumbestands dem Feuer zum Opfer gefallen waren, reagierten die einen mit Panik, die anderen mit Jubel. Ich war noch ein Kind damals, doch ich erinnere mich deutlich an die Bilder, die die Medien von der kleinsten Tageszeitung bis zu den sozialen Netzwerken durchfluteten, von den im Beschuss der Abiden zu Staub zerfallenden Panzern und Kampfjets der Bundeswehr, die erst seit kurzem nicht mehr nur für Auslandseinsätze zuständig war. Die Straßenprediger zitierten ihren alten Aberglauben aus dem 1. Buch Mose 3:19, »Denn Staub bist du, und zum Staub wirst du zurückkehren!« Als die Abiden begannen, Jagd auf die Menschen in Sachsen-Anhalt zu machen, reagierte die nationalalternative Regierung prompt: Ein Zaun wurde um das gesamte Gebiet errichtet – inzwischen haben sie eine Mauer gebaut, in rund fünfzig bis hundert Kilometern Entfernung vom Schiff. Nur wenige, die über ausreichende finanzielle Mittel verfügten, um die Umsiedlungsgebühren zu entrichten, wurden herausgelassen, alle anderen blieben gefangen. Ich war dagegen ohne Probleme über die Mauer gelangt, kein Soldat hatte auch nur einen einzigen Schuss auf mich abgegeben – kein Wunder, sie sorgten nur dafür, dass niemand herauskam; dass jemand so wahnsinnig wäre, hineinzugehen, erwartete keiner. Kaum hatte ich die Mauer überwunden, stand ich einer Rotte verwilderter Hausschweine gegenüber. Der christdemokratische Minister für Kultus, Ernährung und Landwirtschaft hatten damals beim großen Koalitionspartner offene Türen eingerannt mit dem Vorschlag, mehrere Millionen Schweine in dem Gebiet auszusetzen, um den Aliens die deutsche Kultur näherzubringen. Genützt hatte es, wie ziemlich alles, was die Clowns in der Regierung taten, nichts, die Abiden jagten weiterhin Sachsen-Anhalter. Doch die Rotte zog grunzend weiter, ohne mich zu behelligen, und so gelangte ich nach einigen Stunden teils zu Fuß, teils auf einem klapprigen Fahrrad, das ich gefunden hatte, durch die Finsternis zum Schiff. Einzudringen war ein Kinderspiel, offenbar rechneten die Aliens nicht damit, dass jemand es auch nur versuchen würde; die Türöffnung stand einladend offen, und es schien keinen Alarm zu geben. Ich sah kaum etwas, nur das knirschende Eis unter meinen Füßen, das

© ELVEA VERLAG 2016 den welligen Boden des Schiffs bedeckte, war zu hören, dann plötzlich ein Kratzen wie von Krallen auf Metall hinter mir, ein Stich im Nacken, und ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, lag ich nackt und zitternd in einer Art flachen, leeren Badewanne. Mein Kopf brummte, in meinen Beinen hatte ich unerträgliche Schmerzen – in meinen Beinstümpfen vielmehr, beide Beine waren abgetrennt, aus den dürftig kauterisierten Wunden rann Blut. Die Kälte stach mir in die verbliebenen Glieder. Ein Geruch nach heißem Öl hing in der frostigen Luft. Meine Taschenlampe war verschwunden, doch der Raum wurde schummrig durch ein paar Kerzen auf einem knöchelhohen Tisch erleuchtet, an dem im Schneidersitz zwei der blassblauhäutigen, frappierend menschenähnlichen Aliens in knielangen Hemden saßen. Sanfte Musik plätscherte leise dahin. Auf dem Tisch standen Schüsseln und ein kleiner Kessel, der von einer Flamme darunter erhitzt wurde, eine Flasche Chardonnay, eine Obstschale mit Äpfeln, Weintrauben, Pfirsichen, Kiwis, Quitten und Pflaumen, eine schwarze Vase, die mit einem Relief aus an Sägezahnlinien eines medizinischen Monitors erinnernden Ornamenten verziert war, darin eine einzelne blaublühende Rose. Der weibliche Abide kraulte den Kopf eines Bernhardiners, der neben ihr lag. Der Hund nagte an einem großen Kochen, an dem nur noch wenige Fleischfetzen hingen. Mein Oberschenkelknochen, oder der eines andern Menschen. Die Abiden tauchten an kleinen Spießchen steckende Fleischwürfel in den Kessel, zogen sie nach einer Weile wieder heraus, tunkten sie in Saucenschüsselchen 41 und steckten sie in den Mund. Dabei sah ich, dass ihre fast menschlich anmutenden eckigen Zähne mit einem grenzwertigen Überbiss sich nach hinten über den Gaumen zogen wie bei einem Riesenpacu. Genesis musste wohl umgeschrieben werden. Nicht zu Staub wurde ich, sondern zu Fleischfondue, im Magen der Aliens verdaut und schließlich zu Exkrementen, die allenfalls noch einen Exokoprologen interessieren würden. »Warum …«, stöhnte ich röchelnd, wobei sich ein Wölkchen vor meinem Mund bildete, »warum tut ihr uns das an?« Dort, wo meine Knie gelegen hätten, starrte mich ein abgetrennter Schweinskopf aus toten Augen an. Der Hund ließ von meinem Knochen ab und sah mich lächelnd an. Seine Zunge war blau. Es war wohl doch kein Bernhardiner, sondern ein Chow-Chow. Die lautlose Antwort dröhnte als Echo in meinem Gehirn: »Warum nicht. Wir brauchen Protein. Ihr seid schließlich keine Abiden, nur Tiere. Ihr könnt nicht telepathisch kommunizieren, nicht einmal partielle Differentialgleichungen lösen wie ein dreijähriges Kind.« Ich konnte nicht erkennen, von welchem der Aliens das kam. Beide hoben Glasschälchen und tranken daraus. »Ich kann sehr wohl partielle Differenzialgleichungen lösen«, widersprach ich mit zitternder Stimme, »einfache wenigstens, aber gibt mir das das Recht, andere, die das nicht können, aufzufressen?« Ich konnte kaum noch die Augen offenhalten. Die Abidin stecke eine Zigarette in den Mund, entzündete sie an einer Kerzenflamme und blies Rauch in die Luft. »Und selbst wenn ich es nicht könnte«, fuhr ich keuchend

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