DIE SUCHE NACH AL-ANDALUS - Teil IV. – Jordanien - Herrschen und Genießen

rosenoiregf

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem überraschenden Welterfolg der ERZÄHLUNGEN VON DER ALHAMBRA des Amerikaners Washington Irving, besann sich die Arabische Welt wieder auf die Maurenzeit in Spanien, und das Abendland entdeckte al-Andalus mit romantischer Begeisterung. Erst im 20. Jh. erinnerten arabische und maghrebinische Literaten und Poeten mit schmerzerfüllten, sehnsuchtsvollen oder romantisch-verklärten Worten an das verlorene „Paradies al-Andalus“.
Der Glanz der arabischen Hochkultur im Abendland und ihr dramatischer Untergang fesselten und berührten auch mich. Das Ergebnis waren vier Bücher – jedes für sich betrachtet die spanische Maurenzeit aus einer anderen Warte. Die Blütezeit der islamischen Kultur hatte mit den osmanischen Eroberungen im Vorderen Orient ein jähes Ende gefunden: vom Byzantinischen Reich (1453) über Persien, Syrien, Ägypten und ganz Nordafrika bis an die Grenze des marokkanischen Königreichs. Der fast zu gleicher Zeit stattfindende Überlebenskampf der spanischen Mauren und letztendliche Untergang von al-Andalus Ende des 15. Jh., mehrere tausend Meilen westwärts, blieb fast unbemerkt.
Meine Suche nach Zusammenhängen führte mich in die Länder von denen ich wusste oder vermutete, dass sie schon im frühen Mittelalter einen kulturellen Einfluss, einen bedeutenden Anteil an der erstaunlichen Entwicklung des früheren, recht rustikalen westgotischen Hispanien zum legendären, im Orient und Abendland bis heute viel gepriesenen "Paradies al-Andalus" gehabt hatten: Marokko, Syrien, Usbekistan und die Große Seidenstraße, Jordanien und Iran (Persien). Könnte ich heute noch in diesen Ländern anschauliche Spuren, greifbare Zeugen von ihrem Einfluss auf al-Andalus oder ihrer befruchtenden Verbindung mit dem islamischen Spanien finden die mir erlaubten es nachzuvollziehen? Oder umgekehrt, in welchem Land hatte al-Andalus seinerseits ein nachhaltiges Erbe hinterlassen? Bei allen Reisen waren meine Fragen dieselben:... (mehr im Vorwort, S. 3)

DIE SUCHE NACH AL-ANDALUS

in Marokko Syrien Usbekistan Jordanien Persien (Iran)

Teil IV. Jordanien

Herrschen und Genießen

© Isabel Blanco del Piñal


DIE SUCHE NACH AL-ANDALUS

in Marokko Syrien Usbekistan Jordanien Persien (Iran)

Inhalt der Reihe

©Isabel Blanco del Piñal

Teil I. Marokko und al-Andalus Hüter des maurischen Erbes

(veröffentlicht)

https://www.yumpu.com/user/rosenoiregf

Teil II. Syrien und Al-Andalus Reichtum und Toleranz

(veröffentlicht)

https://www.yumpu.com/user/rosenoiregf

Teil III. Usbekistan, die Seidenstraße und Al-Andalus Wissen und Handel

(veröffentlicht)

https://www.yumpu.com/user/rosenoiregf

Teil III. Uzbekistan, the Silk Road and al-Andalus Knowledge and Trade

English version (published)

https://www.yumpu.com/user/rosenoiregf

Teil IV. Jordanien und al-Andalus Herrschen und Genießen

(veröffentlicht)

https://www.yumpu.com/user/rosenoiregf

Teil V. Persien (Iran) und al-Andalus Wasserbau und paradiesische Gärten

(veröffentlicht)

https://www.yumpu.com/user/rosenoiregf

Ψ

Titelbild: Fresko (8. Jh.) Wüstenschlösschen der Omaijaden Qusair ‘Amra, Jordanien

Anmerkung: Jedem Kapitel liegt das gesamte Verzeichnis der Serie „Die Suche nach al-Andalus“

bei.

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2


Einstimmung

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem überraschenden Welterfolg der ERZÄHLUNGEN VON

DER ALHAMBRA des Amerikaners Washington Irving, besann sich die Arabische Welt wieder auf die

Maurenzeit in Spanien, und das Abendland entdeckte al-Andalus mit romantischer Begeisterung.

Der Glanz der arabischen Hochkultur im Abendland und ihr dramatischer Untergang fesselten und

berührten auch mich. Das Ergebnis waren vier Bücher 1 jedes für sich betrachtet die spanische

Maurenzeit aus einer anderen Warte. Die Blütezeit der islamischen Kultur hatte mit den osmanischen

Eroberungen im Vorderen Orient ein jähes Ende gefunden: vom Byzantinischen Reich (1453) über

Persien, Syrien, Ägypten und ganz Nordafrika bis an die Grenze des marokkanischen Königreichs. Der

fast zu gleicher Zeit stattfindende Überlebenskampf der spanischen Mauren mehrere tausend Meilen

westwärts und der letztendliche Untergang von al-Andalus am Ende des 15. Jh., blieben fast unbemerkt.

Meine Suche nach Zusammenhängen führte mich in die Länder von denen ich wusste oder vermutete,

dass sie schon im frühen Mittelalter einen kulturellen Einfluss, einen bedeutenden Anteil an der

erstaunlichen Entwicklung des früheren, recht rustikalen. westgotischen Hispanien zum legendären, im

Orient und Abendland gleichermaßen und bis heute viel gepriesenen "Paradies al-Andalus" gehabt

hatten: Marokko, Syrien, Usbekistan, Jordanien und Iran. Könnte ich heute noch in diesen Ländern

anschauliche Spuren, greifbare Zeugen von ihrem Einfluss auf al-Andalus oder ihrer befruchtenden

Verbindung mit dem islamischen Spanien finden die mir erlaubten das nachzuvollziehen? Oder

umgekehrt, in welchem Land hatte al-Andalus seinerseits ein nachhaltiges Erbe hinterlassen? Bei allen

Reisen waren meine Fragen dieselben:






Vom 8. bis zur Mitte des 13. Jh. erlebte die gesamte arabische Kultur eine Blütezeit die

allgemein als „Goldenes Zeitalter des Islam 2 “ bezeichnet wird. Wie konnte das maurische

Spanien den außerordentlichen Wissensstand, das hohe Niveau an Gelehrtheit erreichen die

auch das mittelalterliche Europa bereicherten und befruchteten? Lag das Land nicht am

äußersten westlichen Ende der damals bekannten Welt?

Fast 8 Jahrhunderte lang war die Iberische Halbinsel die Heimat der Mauren gewesen. Al-

Andalus gilt heute als leuchtendes Beispiel für das tolerante Miteinander der Religionen.

Tatsächlich gab es diese Toleranz nur in wenigen Jahrhunderten. In welchem muslimischen Land

würde ich noch greifbare Hinweise auf diese Toleranz finden?

Wie kam es zu dem legendären Reichtum von al-Andalus?

In welchem Land würde ich Zeugen finden von der Lebensfreude der syrischen und maurischen

Omaijaden? Im 8. Jh., in der Zeit des noch jungen Islam, herrschten sie über ein Großreich: vom

damaligen Syrien über ganz Nordafrika und den größten Teil der Iberischen Halbinsel. Unter den

maurischen Emiren und Kalifen der Dynastie erreichte das orientalisch-sinnliche Raffinement in

al-Andalus einen Höhepunkt und … gab es schon immer ein Bilderverbot im Islam?

Al-Andalus war auch berühmt für Wasserbau, für hydraulische Systeme und paradiesische

Gärten. Woher hatten die spanischen Araber dieses Wissen? Nach der Eroberung von al-Andalus

gegen Ende des 15. Jh. übernahmen die Christen das fortschrittliche Wassermanagement der

spanischen Araber die maurische Institution des Wassergerichts von Valencia tagt heute noch

es gilt als die älteste Institution Europas.

Ψ

1 s. Anhang ganz am Ende

2 Mehr über diesen Begriff unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Bl%C3%BCtezeit_des_Islam

3


Al-Andalus, das hispano-arabische Spanien

von 711-1031

Mein bisheriger Streifzug durch die Geschichte

der Länder ergab, dass al-Andalus in Marokko

mit seiner Musik, seiner Architektur und

seinen Traditionen fest verankert ist. Zwischen

beiden Ländern hatte seit dem frühen

Mittelalter 3 eine Symbiose stattgefunden,

dennoch hat Marokko seit vielen

Jahrhunderten eine ganz eigene Persönlichkeit

entwickelt. Der Geist von al-Andalus ist, seit

dem 9. Jh. bis heute immer präsent geblieben.

Al-Andalus lebt weiter auf der anderen Seite

der Meerenge von Gibraltar.

Syrien war das Mutterland der arabischen

Kultur im Abendland gewesen. In den ersten

Jahrhunderten nach der Eroberung war al-

Andalus noch ein Übersee-Emirat des ausgedehnten Omaijadenreichs. In der ersten Hälfte des 10. Jh.

sagte sich das Große Kalifat von Cordoba vom arabischen Mutterland los das maurische Spanien

wurde ein unabhängiger Staat. Er entwickelte im Lauf der Jahrhunderte einen ganz eigenen hispanoarabischen

Charakter der zu einem großen Teil auch von den günstigen, klimatischen Gegebenheiten

bestimmt wurde. In Damaskus und Aleppo fand ich überzeugende Beispiele zu meinen Fragen nach

Toleranz und Reichtum. Meine Reisen nach Usbekistan und an die Große Seidenstraße waren nur eine

logische Folge um Antworten auf die Frage zu finden wie Reichtum durch regen Handel generiert wurde

und wie Wissenschaften und neue Technologien ihren Weg ins Abendland fanden; wie sie in der

gesamten muslimischen Welt zum Goldenen Zeitalter des Islam 4 führten und letztendlich auch al-

Andalus, das Land am äußersten Ende der damals bekannten westlichen Welt, befruchteten.

Es war nicht einfach historische Verbindungen zum Bilderverbot im Islam oder zur Lebensfreude der

Omaijaden zu finden. Sie waren die syrischen Stammväter der arabo-andalusischen Emire und Kalifen

gewesen. Aus dieser Herrscherdynastie gingen auch die ersten Kalifen nach dem Propheten im Orient

hervor. Es war die Zeit des jungen Islam, noch bevor sich im Lauf der nachfolgenden Jahrhunderte, wie

auch in der christlichen Religion, religiöse Gesetze und Regeln verschärfen sollten. Einst gehörte auch

Jordanien zum Omaijadenreich nur ist dort verschwindend wenig aus dieser Zeit erhalten geblieben.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Aber, um es gleich vorweg zu nehmen: Auch meine anfängliche,

vorletzte Frage wurde in Teil IVHerrschen und genießen“ zufriedenstellend beantwortet.

Und im Iran, im ehemaligen Persien, fand ich Antworten auf meine letzte Frage nach dem Wissen um

Wasserbau, nach den so oft gerühmten persischen Gärten und dem Ursprung der maurischen

Wasserkultur. Schon im Altertum und im frühen Mittelalter betrieben die Perser Wasserbau,

Wassermanagement mit einfachen aber effektiven hydraulischen Systemen. Das persische Reich der

Sasaniden ging ab dem Jahr 651 in arabischen Eroberungszügen unter, Spanien wurde Anfang des 78.

Jahrhunderts von den Arabern erobert. Vor allem im heutigen Andalusien finden wir noch herrliche

Gärten wie die der Alhambra in Granada oder des Alcázar mit einem eigenen, dem persischen sehr

ähnlichen hydraulischen System. Und die Tradition der andalusischen patios lässt unzählige

andalusische Innenhöfe kleinen Paradiesen gleichen.

3 wie z. B. die Gründung des Viertels der Andalusier/Quartier des Andalous in Fès (9. Jh.) durch hispano-arabische

Einwanderer

4 749 1258 AC

4


Zunächst ein wenig Geschichte …

Ausdehnung des syrischen Omaijadenreichs 5

Al-Andalus, das maurische Hispanien, war anfangs ein Übersee-Emirat des Kalifats der Omaijaden.

Diese dynamische, ausgesprochen eroberungsfreudige Dynastie hatte ihren Ursprung in einer der

einflussreichsten Familien von Mekka. Sie regierten von 661 bis ca. 750 n. Chr., die Hauptstadt ihres

Reichs war Damaskus. In nicht einmal 100 Jahren hatten sie ihr Reich bis an den Indus 6 im Osten

und über Ägypten und Nordafrika bis nach al-Andalus, das hispano-arabische Spanien im Westen

ausgedehnt.

Bis ca. 709 waren die Berber und damit der Maghreb unterworfen und schon im Jahr 711 begannen

von Marokko aus unter der Führung des Gouverneurs von Tanger Tariq ibn Ziyad die

Eroberungszüge gegen die Westgoten auf der Iberischen Halbinsel. Entscheidend wurde die

Schlacht am Fluss Guadalete (Juli 711) 7, in der der Roderich, der König der Westgoten fiel. Innerhalb

von nur sieben Jahren wurde Hispanien erobert. Natürlich rankt sich auch um die erste Invasion des

Tariq ibn Ziyad eine Legende hier soll Verrat im Spiel gewesen sein: Ein westgotischer

Widersacher von König Roderich soll die Berber nach der Vergewaltigung seiner Tochter durch

Roderich ins Land gerufen haben. Das heutige Gibraltar wurde nach dem Namen des berberischen

Feldherrn benannt im Spanischen eine Ableitung vom arabischen Jabal Ṭāriq, „Berg des Tariq“.

Für die arabische Namensgebung „al-Andalus“ gibt es wissenschaftliche Vermutungen, die

tatsächliche Bedeutung ist jedoch bis heute unklar.

Ψ

5 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Map_of_expansion_of_Caliphate.svg (hochgeladen von Tariq Ibn Ziyad,

06:14, 22 November 2012. Adjustments according to the original source,

http://www.gl.iit.edu/govdocs/maps/Middle%20East-Age%20of%20the%20Caliphs.gif)

6 Der Indus hat seine Quelle in Tibet, seine Wasser durchbrechen den Himalaya. In Pakistan bildet er ein 7800 km2

großes Delta bevor er im Arabischen Meer endet.

7 Südlich vom Ort Arcos de la Frontera(Andalusien)

5


An der Westmauer der Moschee-Kathedrale, Cordoba

Der Untergang der Omaijaden beruhte letztendlich auf

dem leidenschaftlichen Streit um die rechtmäßige

Nachfolge des Propheten Mohammed. Am Ende behielt

der Stamm der Abbasiden, die Nachfahren von

Mohammeds Onkel väterlicherseits al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-

Muttalib, die Oberhand. Die Omaijaden konnten keine

verwandtschaftliche Bindung an den Propheten

nachweisen, das führte zur Spaltung ihrer Anhänger. Als es

dann auch noch Machtkämpfe innerhalb der Dynastie und

zwischen verschiedenen Stammesclans gab war ihr

Untergang besiegelt: Im Jahr 747 brach im Osten des

heutigen Iran eine Revolution gegen die Omaijaden aus,

im Jahr 750 waren sie endgültig besiegt. Die Entmachtung

durch die Abbasiden überlebten nur wenige Mitglieder der

Herrscherfamilie. Einem Omaijadenprinz gelang jedoch die

Flucht über Nordafrika nach al-Andalus. Bis in die Mitte

des 8. Jh. kämpften dort verschiedene muslimische

Stämme und Clans um die Vorherrschaft, der Überlebende konnte sich dank vieler Anhänger der

Omaijadendynastie durchsetzen und rief 756 als Abd al-Rahman I. 8 das Emirat von Cordoba aus. Er

wurde der Stammvater der maurischen Omaijadendynastien.

War die friedliche Koexistenz der Religionen ein Weg zu Reichtum und

Fortschritt?

In der Moschee-Kathedrale, Cordoba

Bis zum Jahr 784 teilten sich Muslime

und Christen mehrere Jahre lang die

Kirche St. Vinzenz der Märtyrer in

Cordoba, der Hauptstadt von al-

Andalus. Die muslimische Gemeinde

wurde im Lauf der Jahre durch den

Ansturm von Zuwanderern aus dem

Orient und Nordafrika so zahlreich

dass eine eigene Moschee dringend

nötig war. Die Christen erhielten das

Recht außerhalb des inneren

Mauergürtels von Cordoba eine neue

Kirche zu bauen. Die neue Moschee

wurde auf den Grundfesten der

christlichen Kirche errichtet 9 .

8 Vollständiger Name: Abd al-Rahman ibn Mu'awiya ibn Hisham ibn Abd al-Malik ibn Marwan

9 Ihre Fundamente liegen unter der heutigen Moschee-Kathedrale von Cordoba und sind vom Boden der Gebetshalle

aus teilweise sichtbar.

6


Patio im Real Alcázar in Sevilla. Der „maurische“ Teil des

Palasts wurde unter dem Christenkönig Don Pedro I. nach der

Eroberung der Stadt im 14. Jh., errichtet.

Jeder Herrscher von al-Andalus nach Abd al-Rahman I.

erweiterte das Gebetshaus das heute zu den ältesten

und berühmtesten der Welt gehört: die Moschee-

Kathedrale von Cordoba. Bei einer Besichtigung lassen

sich gut die verschiedenen Bauphasen und Stilrichtungen

bis hin zum Anbau der Almohadendynastie, der letzten

berberischen Dynastie, die von 1147 bis 1269 nicht nur

über Marokko, auch über al-Andalus herrschte.

Eine nicht zu strenge Interpretation des Islam gepaart

mit einer gewissen Art von religiöser Toleranz könnten

der Schlüssel zur wirtschaftlichen, wissenschaftlichen

und schöngeistigen Blütezeit in al-Andalus gewesen sein.

Die Omaijaden förderten die Wissenschaften und die

Schönen Künste, sie liebten die Literatur, die Dichtkunst

und die Musik und bis heute ist die Ästhetik maurischer

Paläste und die Schönheit kunstvoll angelegter Gärten berühmt. In überlieferten Chroniken ist auch

die Rede von Dichterrunden am Hof des Kalifen und von Singsklavinnen die Musikinstrumente

beherrschten, tanzen und sogar aus dem Stegreif dichten konnten.

Die Toleranz könnte der fruchtbare Boden gewesen sein auf dem sich auch Handel und Handwerk

entfalten konnten. Im Dreireligionenreich al-Andalus war sie ein Garant für sozialen Frieden die

wichtigste Voraussetzung für wirtschaftliches Wohlergehen. Lange bevor die Araber das

westgotische christliche Hispanien eroberten gab es bereits eine stattliche jüdische Bevölkerung.

Danach blieben nicht nur viele Christen, auch zahlreiche Sefarden 10. in al-Andalus. Ihr historisches

Gedächtnis sagte ihnen dass die Araber milde Herren waren vorausgesetzt ihr Herrschaftsanspruch

wurde anerkannt und ihre Religion gebührend geachtet. Für die spanischen Omaijaden galt

offenbar die einfache Weisheit: „Lass den Untertanen ihre Bräuche und religiösen Traditionen, gib

ihnen die Möglichkeit einen bescheidenen Wohlstand zu schaffen, dann werden sie zufrieden ihre

Arbeit verrichten und die Steuerquellen werden sprudeln“. Die Abbasiden hatten ihr Machtzentrum

nach Bagdad verlegt. Dort begann um das Jahr 825 eine Blütezeit der Wissenschaften im Bayt al-

Hikma 11 wurden alle wissenschaftlichen Werke der griechischen Antike ins Arabische übersetzt 12 .

Obwohl die Abbasiden im 8. Jh. die Omaijaden gestürzt hatten, war das kein Grund für die

spanischen Nachkommen dieser Dynastie nicht beste Beziehungen zum Abbasidenreich zu pflegen.

Der Waren- und Wissensaustausch funktionierte bestens: Palmyra, Damaskus und Aleppo blieben

die Drehscheiben für den Handel entlang der Seiden- und der Weihrauchstraße. Von dort

erreichten die Handelsgüter auch den äußersten, muslimischen Westen der Welt. Und aus Bagdad

kamen alle wissenschaftlichen Erkenntnisse die in al-Andalus die Grundlage für weiteres Forschen

und bahnbrechende Neuerungen waren.

10 Die Juden kamen schon unter den Römern nach Hispanien, sie sahen in dem Land das mythische Sefarad. Daher

werden die jüdischen Einwohner von al-Andalus Sefarden (auch Sepharden) genannt. Der Name bezieht sich auf den

Schluss der kürzesten Prophezeiung im A.T. von Obadja (auch Abdias) „…und die Weggeführten von Jerusalem, die in

Se(ph)farad leben, werden die Städte im Südland besitzen …“ (gemeint war die Wüste Negev/Negeb, sie liegt im Süden

Israels). Inzwischen bedeutet das Wort in der jüdischen Welt so viel wie Diaspora.

11 Haus der Weisheit, (ähnlich einer Universität)

12 u. A. Euklid, Galen, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Ptolemäus oder Archimedes.

7


Denkmal Kalif Hakam II., Cordoba

Im 10. Jh. erreichte die Blütezeit von al-

Andalus ihren Höhepunkt unter Kalif Abd al-

Rahman III. 13 . Er wurde 929 als Herrscher über

al-Andalus ausgerufen und nahm als erster den

Titel Kalif 14 an. Sein Sohn Kalif Hakam II. 15 ,

erwies sich nach dem Tod des Vaters als

würdiger Erbe.

Von insgesamt rund sieben Jahrhunderten

Präsenz der Muslime in Spanien war ein

knappes Jahrhundert eine recht kurze

Zeitspanne um das Fundament der maurischen

Hochkultur in Spanien zu schaffen. Und doch

gelang es. Das Große Kalifat von Cordoba, das

Großreich al-Andalus, wurde berühmt für einen märchenhaften Reichtum der Kalifen, für eine

tolerante Haltung gegenüber Andersgläubigen und eine außergewöhnlich dynamische Entwicklung

des Handels, für die Förderung von Bildung und der schönen Künste, der Wissenschaften, der

Landwirtschaft und von Handel und Handwerk. Die Bibliothek der Kalifen von Cordoba war

legendär, darin wurden 400.000 der wichtigsten handschriftlichen Übersetzungen aus der

griechischen Antike und berühmter arabischer Wissenschaftler aufbewahrt, und jeder

Wissensdurstige hatte Zutritt zu dieser Bibliothek.

Die Kalifen Abd al-Rahman III. und nach ihm sein Sohn Hakam II. legten besonderen Wert auf die

Bildung ihrer Untertanen, auch die der einfachen Bevölkerungsschicht. Die Schulen in den Städten

waren kostenlos und auf dem Land fanden sich immer Lehrer die gegen Naturalien Kinder und

Erwachsene unterrichteten denn ein altes arabisches Sprichwort besagt: „ein berühmter Schüler

gereicht auch seinem Lehrer zur Ehre“. Das Studium der arabischen Sprache wurde für jedermann

von großer Bedeutung nur wer sie beherrschte konnte auf einen der begehrten Posten am

Herrscherhof oder in Verwaltungen hoffen. Und auch die Lebensbedingungen in den großen

Städten wurden erheblich verbessert: Im 10. Jh. hatte Cordoba die ersten Straßenlaternen in

Europa und Abwässer wurden unterirdisch entsorgt.

Als Kalif Hakam II. starb war sein Sohn Hisham II. gerade einmal 10 Jahre alt. Der Kalifenthron

wurde zum Streitobjekt für machthungrige Emporkömmlinge im Jahr 1010 brach ein

verheerender Bürgerkrieg aus. Er erschütterte al-Andalus bis in die Grundfesten. Bis ins Jahr 1031

hinein gab es noch eine schnelle Folge von Kalifen und Antikalifen, dann zerfiel das Große Kalifat

von Cordoba in eine Vielzahl kleine Splitterreiche: die Königreiche taifa 16 . Es war das Ende der

spanischen Omaijaden. Die Könige der Taifas konnten ihre Pfründe wahren bis ins Jahr 1095, dann

war es mit der Blütezeit in al-Andalus und auch mit der bis heute gepriesenen Toleranz im Land der

drei Religionen erst einmal vorbei das muslimische Spanien wurde von marokkanischen

Kriegermönchen, den berberischen Almoraviden erobert und Marrakesch wurde auch die

Hauptstadt von al-Andalus.

13 regierte von 912-961

14 . Der Titel „Kalif“ hat verschiedene Bedeutungen: Die älteste ist vorislamisch und bedeutet „Stellvertreter (des

Herrschers)“. Nach Gründung des Islam kann er sowohl „Stellvertretung, Nachfolge, Herrscher oder Richter“, als auch

„Herrscher aller Gläubigen“ bedeuten.

15 Hakam II. regierte von 961-976

16 Aus dem Arabischen: Splitterpartei, auch Abtrünnige

8


Jordanien und al-Andalus

Blick vom Zitadellenhügel auf den nächsten Berg. Das

römische Amphitheater ist hervorragend erhalten.

Amman ist einer der ältesten bewohnten Orte der Welt.

Rabbat-Ammon nannten die Ammoniter die Stadt der

Sieben Hügel. Sie gehörten zu den semitischen

Volksstämmen und werden häufig in der Heiligen Schrift

erwähnt. Nach der Eroberung durch Alexander den

Großen, bis in die Römerzeit hieß Rabbat-Ammon

Philadelphia 17 , erst nach der arabischen Eroberung

durch die Omaijaden im Jahr 635 erhielt die Stadt den

Namen Amman. Ihre Geschichte ist wechselhaft: aus

der ursprünglich kleinen Ansiedlung die Amman vor

Jahrtausenden einmal war wurde immer wieder unter

dem Einfluss mehrerer Hochkulturen eine blühende

Stadt, aus unbekannten Gründen wurde sie immer

wieder verlassen. Römer, Byzantiner, Araber haben

Zeugen vergangener Blütezeiten hinterlassen. Nach

Untergang der Omaijadendynastie in Syrien im Jahr 750,

versank sie auch wieder in Bedeutungslosigkeit; an der Wende zum 20. Jh. war der Ort ein Dorf mit

2.000 Seelen. Gegen 1920, als König Abdallah Ibn Husain I. Amman zur Hauptstadt erklärte, zählte

das Städtchen nicht mehr als 5.000 Einwohner.

Im Garten der Stiftung Darat al-

Funun 18 , Stadtviertel al-Weibdeh

Nach der Erschaffung des Staats

Israel im Jahr 1948 und nach der

Besetzung des Westjordanlands

durch jüdische Truppen Ende der

60er Jahre wurde Amman Ziel

zahlreicher auch gutsituierter

Flüchtlinge. Mit dem Niedergang

von Beirut, der führenden

Metropole im Vorderen Orient,

in den 70er und 80er Jahren

wurde aus Amman eine

Millionenstadt; inzwischen ist sie

das Finanz- und Wirtschaftszentrum

des Vorderen Orients.

Heute leben im Stadtgebiet mehr als 2 Millionen Menschen, ehemalige Vororte sind von der

Metropole verschluckt worden. Alles in allem zählt Amman inzwischen über 4 Millionen Einwohner

und hat sich über 19 Hügel ausgedehnt.

17 Nach König Ptolemaios II. Philadelphos

18 Eine Stiftung für zeitgenössische Kunst

9


Auf dem Zitadellenhügel die

Ruinen des Herkulestempels

Für die Erkundung Ammans

sollte man gut zu Fuß sein oder

sich mit Bussen oder Taxen

behelfen. Ein gewisses Risiko ist

dabei weil die Richtung der

Busse in arabischer Sprache

angegeben, die Haltestellen,

wenn überhaupt, nicht auf

Englisch gekennzeichnet sind

und die wenigsten Taxifahrer

diese Sprache verstehen. Daher

ist es besser die Wanderschuhe

anzuziehen und von einem

Stadtteil einmal bergunter und

zum nächsten wieder bergauf laufen. Der positive Nebeneffekt zeigt sich spätestens das nächste

Mal wenn man sich auf die Waage stellt. Ein Vorteil ist dass es nicht viele Stadtteile gibt die so

interessant wären dass man sie unbedingt gesehen haben muss. Wie eingangs erwähnt sind kaum

mehr Zeugen der Omaijadenherrschaft vorhanden. Allerdings wurden in Jordanien ca. 40 km vor

der saudi-arabischen Grenze meine letzten beiden Fragen nach der Lebensfreude und dem

Bilderverbot so überwältigend und im wahrsten Sinn des Wortes so bildhaft beantwortet dass ich

hellauf begeistert war genau das war es wonach ich gesucht hatte!

In Amman beschränken sich Zeugen der damaszenischen Dynastie auf den Hügel der Zitadelle,

Jabal al-Qal'a: die Empfangshalle des Qasr 19 , ein Rest der ehemaligen Moscheemauer und auf eine

große, offene Zisterne. Auf dem Hügel sind noch Überreste des römischen Herkulestempels und

einer byzantinischen Kirche zu

sehen. Jordanien liegt in einem

erdbebengefährdeten Gebiet,

viele Gebäude sind der immer

wiederkehrenden Naturgewalt

zum Opfer gefallen. Der ganze

archäologische Komplex des

Qasr mit den angrenzenden

Gebäuden diente wahrscheinlich

dem Statthalter der Omaijaden

als Residenz und Sitz des

Verwaltungsapparats. Der Jabal

al-Qal'a ist einer der 7 historischen

Hügel der Stadt;

Ausgrabungen haben belegt,

dass er schon im Neolithikum

besiedelt war.

Mittagspause mit Schischa inmitten römischer Ruinen

19 Befestigte, palastähnliche Residenz mit Wohn- und Verwaltungsgebäuden

10


Jabal al-Qal'a: Überreste der byzantinischen Kirche, im Hintergrund, die Kuppel der Omaijadenresidenz

Mitte: Fassade des Omaijadenpalasts. Gegenüber lag die Moschee. Unten: Rest

einer Moscheemauer, dahinter werden die Säulen der ehemaligen Gebetshalle

durch runde Blöcke angedeutet.

11


Empfangshalle des Palasts: der Grundriss ähnelt dem einer byzantinischen Kirche: ein

Mittel- und 2 Seitenschiffe unter großzügigen Gewölben. Die Wände waren aufwändig

mit kunstvollen Steinmetzarbeiten verziert davon ist nur ein kleiner Teil erhalten.

Unten: Rückansicht der Empfangshalle. Von hier aus markieren runde Steinblöcke eine

lange frühere Kolonnade an denen weitere Gebäude lagen von denen nur noch die

Grundmauern erkennbar sind.

12


Seite aus den Qumranrollen 20

Sehr beeindruckend sind auf dem Hügel

der Zitadelle einzelne Exponate des

Archäologischen Museums Amman 21 , von

denen einige zwischen 6.500-8.000 Jahre

alt sind und von archaischen Zivilisationen

erzählen. Das Modell eines kunstvoll

gearbeiteten Wasserbeckens aus

Alabaster oder Marmor erinnert stark an

die herrlichen Steinmetzarbeiten von

Medina Azahara in der Nähe von Cordoba.

Dieses erste Jordanische Museum für

Archäologie 22 wurde 1951 auf dem Hügel

der Zitadelle gegründet. Danach entstand

eine Zweigstelle in Ostjerusalem das vor

1967 zu Jordanien gehörte. Nach der

Besetzung Ostjerusalems durch Israel

verlor das Museum die gesamte

Sammlung in dieser Zweigstelle, darunter

einige der wertvollen Schriftrollen vom

Toten Meer, die Qumran-Rollen, darunter

war auch die einzige Kupferrolle. Weitere

Schriftrollen sind inzwischen im neuen

Jordanischen Museum von Amman

ausgestellt im modernen Viertel Ras al-

‘Ayn. Heute zeigt das Museum auf dem

Zitadellenhügel vorwiegend Funde von der Jungsteinzeit bis in die die byzantinische Zeit.

Außerordentlich sind in diesem Museum verschiedene archaische Statuen von einer Fundstelle

namens Ain Ghazal. Sie waren eine Sensation, es sind die ältesten Zeugen menschlichen Lebens in

der Region. Mehrere Statuen gefertigt aus einem Gemisch von gebranntem Kalk und Lehm wurden

nahe Ain Ghazal, durch Zufall ganz in der Nähe von Amman beim Bau einer Autobahn entdeckt.

Dort fand man fand die Überreste einer früh-neolithischen Siedlung die zwischen 7.000 und 5.000

v. Chr. 2000 Jahre lang bewohnt war. Manche Statuen sind fast menschengroß, besonders

interessant sind die paarweise gefertigten, die einen gemeinsamen Torso haben. Die einzelnen

Stücke wurden so gut es ging zusammengeführt, ergänzt und restauriert. Es wird angenommen

dass die Statuen dem Ahnenkult dienten. Ihre Augen sind zwar geschlossen, die Konturen der

Augen, der Pupillen und zuweilen auch die Lippen waren mit Erdpech 23 gezeichnet. Hierdurch

erhalten die Gesichter eine besondere Eindringlichkeit, sie wirken merkwürdig intensiv und ich

glaube niemand bleibt davon unberührt.

20 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Amman_BW_10.JPG, upload 13.03.2012, author & user Berthold Werner.

Dead Sea Scroll 4Q175|1=Jordanien, Amman, Schriftrolle vom Toten Meer 4Q175. GNU Free Documentation License,

Version 1.2 or any later version

21 Ebenfalls auf dem Hügel der Zitadelle

22 Mathaf al-Ātār al-Urdunnī

23 Bitumen

13


Statuen von Ain Ghazal

Archäologisches Museum Amman, Zitadellenhügel

14


Oben: Ausschnitt von einer Statue aus Ain Ghazal

Unten: Sarkophage aus Ton (Eisenzeit)

15


Ein weiteres Fundstück auf jordanischer Erde ist ebenso außerordentlich wie die Statuen von Ain

Ghazal: die Mescha-Stele 24 , ein Gedenkstein aus Basalt mit einer Inschrift in moabitischer Sprache.

Der Stein ist das älteste erhaltene Zeugnis einer Sprache die mit dem Hebräischen verwandt ist. Die

Inschrift stammt aus der Zeit von König Mescha (850 B.C.), König der Moabiter, der darin der

Befreiung seines Volkes aus der Abhängigkeit und Vasallenpflicht von König Ahab 25 des Nordreichs

Israel gedenkt und Kemosch, dem Hauptgott seines Reiches für dessen Hilfe hierfür dankt. Der Text

ist lang, König Mescha schildert darin wie er das Nordreich Israel und König Ahab besiegte 26 . Die

Basalt-Stele wurde 1868 von dem elsässischen Missionar Frederick Augustus Klein in der

wüstenähnlichen Gegend Dibon (auch Dhiban), östlich vom Toten Meer entdeckt.

Links: Die Mescha-Stele (Basalt) mit den Originalbruchstücken, Louvre Museum

Paris. Sie wurden originalgetreu zusammengesetzt und fehlende Teile ergänzt. 27 .

Rechts: Gipsabdruck der Stele, Orientalisches Institut, Chicago 28

24 auch Moabiterstein oder Meshastein genannt.

25 war von etwa 871 bis 852 B.C. König des Nordreichs Israel.

26 Der ganze Text unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Mescha-Stele (s. Auszug nächste Seite)

27 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:P1120870_Louvre_st%C3%A8le_de_M%C3%A9sha_AO5066_rwk.JPG.

Upload by user Mbzt, 15.10.2012. Titel: “Stèle de Mésha, roi de Moab, commémorant sa victoire sur les rois d’Israël de

la dynastie d’Omri“. GNU Free Documentation License, Version 1.2 or any later version. Die fehlenden Teile wurden von

der Stiftung Palestine Exploration Fund und der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (legs prof. Schlottmann) für

die Wiederherstellung gefertigt.

28 Foto: user Daderot, 22.08.2014, upload 30.06.2015, Creative Commons CC0 1.0 Universal Public Domain Dedication.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mesha_Stele_%28Moabite_Stone%29,_plaster_replica_of_the_basalt_origin

al_in_the_Louvre,_Dhiban,_Jordan,_Iron_Age_IIB,_c._830_BC_-_Oriental_Institute_Museum,_University_of_Chicago_-

_DSC07740.JPG

16


Da der Missionar ihn nicht gleich mitnehmen konnte ließ er den Gedenkstein in der Obhut von

Beduinen die ihn aber teilweise zerstörten. Als er wiederkam fand er nur noch Bruchstücke vor.

Heute steht das Original im Louvre-Museum, Kopien davon gibt es im Britischen Museum in London,

im Orientalischen Institut, Chicago und im Archäologischen Museum Amman auf dem Hügel der

Zitadelle.

Die Inschrift beginnt mit: „Ich bin Mescha, Sohn des Kemosch […], König von Moab, der Diboniter.

Mein Vater war König über Moab dreißig Jahre, und ich herrschte nach meinem Vater. Und ich

machte dieses Höhenheiligtum für Kemosch in Qarchoh (Anmerk. vermutlich ein Teil von Dibon), ich

baute sie als Zeichen der Rettung, denn er rettete mich vor allen Angreifern und ließ mich

triumphieren über alle meine Gegner...“

„Omri war König über Israel und bedrängte Moab viele Tage denn Kemosch zürnte seinem Land.

Und es folgte ihm sein Sohn. Und auch er sprach: „Ich will Moab bedrängen.“ In meinen Tagen

sprach er (so). Aber ich triumphierte über ihn und über sein Haus. Und Israel ist sicher für immer zu

Grunde gegangen (…). Und ich baute Baal-Meon 29 und machte die Zisterne darin und ich baute

Qirjatan 30 (…)“.

„Und die Leute von Gad wohnten im Lande Atarot von jeher. Und der König von Israel hat für sich

Atarot gebaut. Ich griff die Stadt an und nahm sie ein. Und ich tötete alles Volk (?) der Stadt als

Opfer für Kemosch und für Moab. Und ich brachte von dort den Altar ihres (Gottes) Dod (=

Geliebter) und schleppte ihn vor Kemosch in Qerjot. Und ich ließ dort die Leute von Scharon und die

Leute von Maharot wohnen. Und Kemosch sprach zu mir: Geh, nimm Nebo (im Kampf) gegen

Israel.“

„Und ich zog bei Nacht los und kämpfte gegen es vom Anbruch der Morgenröte bis Mittag. Und ich

nahm es ein und tötete alle: siebentausend Männer und Sklaven und Frauen und Sklavinnen und

Dirnen, denn ich hatte es dem Kemosch geweiht. Und ich nahm von dort die (Kult-)Geräte JHWHs

und schleppte sie vor Kemosch. Und der König von Israel hatte Jahaz gebaut und lagerte darin

während seines Feldzuges gegen mich. Da vertrieb ihn Kemosch vor mir.“

„Und ich nahm aus Moab zweihundert Mann, alle seine Anführer. Und ich brachte sie nach Jahaz

und nahm es ein, um es Dibon anzugliedern. Ich baute Qarhoh, die Mauern, die Mauern des Parks

und die Mauern der Zitadelle. Und ich baute seine Tore und ich baute seine Türme und ich baute den

Palast des Königs und ich machte die Dämme des Becken[s für die Quellen] inmitten der Stadt. Aber

eine Zisterne gab es nicht inmitten der Stadt, in Qarhoh.“

„Da sagte ich zu allem Volk: Macht euch jeder eine Zisterne in seinem Haus. Und ich habe die

Gruben hauen lassen für Qarhoh durch Gefangene Israels. Ich habe Aroër gebaut und machte die

Straße am Arnon. Ich habe Bet-Bamot gebaut, denn es war eine Ruine. Ich habe Beser gebaut, denn

es war in Trümmern, mit fünfzig Mann aus Dibon, denn ganz Dibon sind meine Untertanen. Ich

regierte über Hundert in den Städten, die ich dem Land angegliedert habe.“

„Und ich baute [Mede]ba und Bet-Diblatan und Bet-Baal-Meon und trug dort davon […] Kleinvieh

des Landes(…). 31

Ψ

29 Baal-Meon ist ein biblischer Name (Genesis) und war die Stadt des Reuben (auch: Rubem), dem ältesten Sohn Jakobs

und seiner Frau Leah. Heute ist es wahrscheinlich die Stadt Ma’in in Israel

30 Kirjathajim, heute Chirbet el-Qureye, 5 km nordwestlich von Dibon

31 aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Mescha-Stele Nicht kursiv geschriebene (Orts-)Namen können unter dem Link

nachgeschlagen werden.

17


Und endlich … ein Hinweis auf Luxus und orientalische Sinnesfreuden


Das Gipsmodell im Archäologischen Museum Amman ist eine detailgetreue Replique

eines kunstvollen Kuppelzentrums aus Stuck im Hisham bin Abdel-Malik Palast,

Khirbat al-Mafdschar, in der Nähe von Jericho. In der Mitte sind 3 Frauen- und 3

Männerköpfe abgebildet. Mehr dazu auf den nächsten Seiten.

18


Ein Wüstenschloss der syrischen Omaijaden: Khirbat al-Mafdschar

Jetzt kommen wir endlich zum Untertitel dieses Teils meiner Suche nach Al-Andalus und zur

Antwort auf meine letzte beiden Fragen: „In welchem Land würde ich Spuren finden von der

Lebensfreude der syrischen Omaijaden? Mit den maurischen Kalifen dieser Dynastie erreichte auch das

sinnlich-orientalische Raffinement in al-Andalus einen Höhepunkt im 10. Jh. Neben den Staatsgeschäften

gaben sie sich gern dem Genuss von allem hin was das Leben nur bieten konnte, und … gab es immer

schon ein Bilderverbot im Islam?“

©Copyright statement: This is part of a cooperation project between Birzeit University in

Palestine and the Norwegian University of Life Sciences (2009-2011). Project funded by

QIF/World Bank. Project team: Ramzi HASSAN, Shadi GHADBAN, Omar ABOUDI, Yousif

KHATEEB, Hamed SALEM, Nour SHARKASI 32

Ich muss vorausschicken dass ich diese archäologische Fundstätte im Jahr 2012 nicht besuchen

konnte sie liegt in der Nähe von Jericho in den Palästinensischen Autonomiegebieten, vier

Kilometer entfernt von der ostjordanischen Grenze. Die Überreste des Palasts und die von dort

stammenden Fundstücke gehören mit zur bedeutendsten Hinterlassenschaft der syrischen

Omaijaden wie auch Qasr al-Hayr al-Sharqi oder Qusair ‘Amra 33 . Letzteres konnte bei dieser Reise

im Jahr 2012 besuchen und dort auch fotografieren. Aber selbst ohne Khirbat al-Mafdschar gesehen

zu haben bieten archäologische Studien und einige Überlieferungen über das Hofleben der

syrischen Omaijaden ausreichend Stoff für die Interpretation eines exquisiten Lebensstils und ihres

Bestrebens sich an allen sinnlichen Wahrnehmungen zu erfreuen. Dahingehend gibt es große

Übereinstimmungen mit Überlieferungen von den spanischen Omaijaden im 10. Jh.

Wie auch im Fall des maurischen Spaniens können archäologische Literatur über das Bauwerk an

sich und überlieferte Chroniken über das Hofleben und seinen Bauherrn beide zu neuem Leben

erwecken. Sehr hilfreich für die Vorstellungskraft ist eine wunderbare, mit sanften Klängen

untermalte 3D-Video-Rekonstruktion von Khirbat al-Mafdschar zu finden unter:

https://www.youtube.com/watch?v=caZTi-ULFLs&feature=youtu.be

32 Bild: Ausschnitt aus der 3D-Video Rekonstruktion unter : https://www.youtube.com/watch?v=caZTi-

ULFLs&feature=youtu.be

33 Qusair = kleiner Palast. Qasr al-Hayr al-Sharqi, erbaut 729 unter Kalif Hisham, liegt in der syrischen Wüste, ca. 120 km

von Palmyra und 120 km von den Ruinen der alten Stadt Rusafa entfernt. Das Wüstenschloss wurde von den

Umayyadenkalifen in Damaskus als Sommerresidenz genutzt. Es liegt in der jordanischen Wüste, ca. 40 km vor der

saudi-arabischen Grenze.

19


Modell des Hamam 34 , Hisham-Palast (bei

Jericho 35 )

Die Überreste der Wüstenschlösser der

Omaijaden wie Khirbat al-Mafdschar

oder Qusair ‘Amra 36 , zeugen auch vom

Selbstverständnis

einer

Herrscherdynastie die ein Großreich

geschaffen hatte. Sie zeichnen ein Bild

das nicht nur politische Macht

wiedergibt, sie zeigen auch die Freude

an exquisiter Lebensart im weitesten

Sinn und die Freude an orientalischer

Opulenz. Das Selbstverständnis der

syrischen Omaijaden war auch

charakteristisch für den maurischen

Zweig der Dynastie. Als erstes Kalifat

nach dem Propheten verstanden sich die syrischen Herrscher als seine rechtmäßigen Nachfolger.

Das war jedoch kein Grund sich nicht mit Luxus und Schönheit in all ihren Erscheinungsformen zu

umgeben und alle Freuden die das Leben nur bieten konnte, ausgiebig zu genießen. Die

überlieferten Chroniken aus al-Andalus bieten hierfür eine Fülle von Details. Derart ausführliche

Berichte sind für die syrischen Omaijaden rar aber es gibt sie, wie wir in der Folge sehen werden.

Khirbat al-Mafdschar wurde in der Regierungszeit von Kalif Hisham ibn Abd al-Malik 37 gebaut und

wird daher Hisham-Palast genannt obwohl sein Thronfolger Prinz Walid bin Yazid als eigentlicher

Bauherr gilt und als Kalif Walid II. nur 2 Jahre regierte, von 743-744.

Mit einer Gesamtfläche von rund 500 m2 gehört die Palastanlage mit zu den größten der syrischen

Omaijaden. Anliegende Gebäude und weitläufige Bewässerungsanlagen zeugen zudem von einem

großen, landwirtschaftlichen Betrieb. Die Mosaiken, Stuckverzierungen und Skulpturen des Hisham-

Palasts werden zu den hochwertigsten Kunsthandwerksarbeiten ihrer Zeit gezählt. Mit Hilfe der

UNESCO konnte eine Gruppe palästinensisch-italienischer Archäologen umfangreiche Ausgrabungen

und Restaurierungen durchführen, sodass heute selbst die Ruinen des Palasts noch

beeindrucken. Schon an der Palastfassade geben teilweise noch erhaltene Fresken und einzelne

Stuckverzierungen Anlass zu Bewunderung ebenso wie erhaltene und restaurierte Teile von

geometrischen Mosaikteppichen im Inneren der Anlage. Inzwischen wird angenommen dass die

Palastanlage auch nach den Omaijaden von den Abbasiden und wahrscheinlich sogar bis in die Zeit

der Ayyubiden 38 genutzt wurde. Besondere Aufmerksamkeit widmen alle Archäologen dem

Hamam, das Badehaus des Palasts, der ungewöhnlich großzügig und prächtig gestaltet war und

offenbar auch für offizielle Anlässe wie Audienzen genutzt wurde. Die Eingangshalle wurde von

einer großen Kuppel gekrönt und war ungewöhnlich reich ausgestattet: das Dach ruhte auf 16

Säulen, der Boden war mit einem geometrisch gemusterten Mosaikteppich belegt, die Wände mit

Stuckmotiven oder Fresken von Tieren und Pflanzen verziert.

34 orientalisches Bad

35 Bathhouse model, Hisham's Palace on a rainy day, Jericho, by Deror Avi upload Dec. 2012, Wikimedia Commons,

GNU-Lizenz für freie Dokumentation.

36 Qusair al-‘Amra wird nachfolgend ausführlich beschrieben und mit eigenem Bildmaterial unterlegt.

37 Kalif Hisham ibn Abd al-Malik regierte von 724-743

38

12. bis 13. Jh. Der bekannteste Herrscher der Dynastie war Sultan Saladin.

20


Rechts: Tänzerin aus der Empfangshalle des Hamam von Khirbat al-

Mafdschar. Heute im Rockefeller Museum, Jerusalem 39 . Unten:

Plan des Hamam (nach R.W. Hamilton 40 von Prof. Doris Behrens-

Abouseif 41 )

In der Empfangshalle wurden Statuen von Athleten, von

Tänzerinnen mit entblößten Brüsten und Überreste einer Skulptur

Walids II. gefunden die auf zwei Löwen stand. Während das

Badehaus selbst alle bekannten Elemente eines orientalischen

Hamam aufweist, ist die Bestimmung eines kleinen Diwans 42 darin

bis heute nicht eindeutig geklärt. Das Bodenmosaik am Eingang

des Raums und auf den Bänken weist ein geometrisches Muster

auf, das Halbrund ist durch eine Stufe leicht erhöht und als

einziges im ganzen Palast mit einer figürlichen Darstellung

mosaiziert.

Blick auf das Séparée 43

39 Tänzerin:. Hisham's Palace (Khirbat al Mafjar) remains at the Rockefeller Museum, Jerusalem by Deror_Avi, upload

08.11. 2013, Wikimedia Commons, GNU-Lizenz für freie Dokumentationen

40 R. W. Hamilton, Khirbat al-Mafjar: an Arabian Mansion in Jordan Valley (Oxford, 1959)

41 Doris Behrens-Abouseif in: The Lion-Gazelle Mosaic at Khirbat al-Mafjar, S. 11-18, Universität München (Deutschland)

https://eprints.soas.ac.uk/388/1/Lion-Gazelle_mosaic.pdf , S. 19

42 (arab.) Als Diwan/Iwan wird auch ein überkuppeltes oder mit einem Tonnengewölbe überdecktes Halbrund

bezeichnet das an einer Seite offen ist oder eine offene, überdachte Vorhalle.

43 The Diwan, Hisham's Palace on a rainy day, Jericho, by Deror_Avi, upload 09.12.2012, Wikimedia Commons, GNU-

Lizenz für freie Dokumentationen.

21


Das Löwe-Gazellen-Mosaik im Hamam im

Hisham-Palast 44

Der Diwan wurde von der

Empfangshalle des Hamam aus

betreten, die eher reduzierten Maße

deuten auf einen privaten Raum hin.

Das Mosaikbild auf dem leicht

erhöhten Halbrund des Iwans ist das

einzige im Palast mit figürlichen

Abbildungen: Es stellt einen Baum mit

Früchten, drei Gazellen und einem

Löwen dar. Das Motiv ist so exakt mit

winzigen Mosaiksteinchen gelegt, die

Bordüren an den Rändern sind so

plastisch herausgearbeitet, dass der

Eindruck eines Teppichs entsteht. Zusammen mit dem vorher erwähnten Kuppelzentrum aus Stuck

gilt das Mosaik als besonders wertvolles Erbe aus der syrischen Omaijadenzeit. Das Badehaus war

eine opulent ausgestatteten Wohlfühloase für den Bauherrn, ein Ort der alle sinnlichen

Wahrnehmungen anregte und bei den Gästen des Kalifen gewiss eine nachhaltige Erinnerung

hinterließ.

Fassade im Innenhof der Omaijadenmoschee,

Damaskus (Sept. 2010)

Die Art der Darstellung des Gazellenmosaiks

erinnert mich sehr an die

Mosaikfassade im Innenhof der

Omaijadenmoschee in Damaskus.

Auch hier überwiegt das Pflanzenmotiv,

erneut eine Interpretation des

Lebensbaums.

Beide Kunstwerke weisen auf einen

byzantinischen Einfluss hin. Wenn

auch die politischen Beziehungen

zwischen Byzantinern und Omaijaden

immer wieder von Eroberungs- und

Abwehrkämpfen geprägt waren,

wussten die arabischen Kalifen die

byzantinische Freskenmalerei und

Mosaikkunst sehr wohl zu schätzen.

Und dies nicht nur im Orient: An der

herrlichen, mosaikverzierten Front der Gebetsnische der MoscheeKathedrale in Cordoba die von

spanischen Omayadenkalifen errichtet wurde, waren ebenfalls byzantinische Kunsthandwerker

beteiligt.

44 Quelle: The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by

DIRECTMEDIA Publishing GmbH. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arabischer_Mosaizist_um_735_001.jpg

File Upload Bot (Eloquence), upload 19.05 2005, Title: Bodenmosaik des Audienzzimmers im Badehaus von Khirbat al-

Mafdschar, Jordanien, Szene: Apfelbaum mit Gazellen und Löwe, Bodenmosaik. GNU-Lizenz für freie Dokumentationen

22


„Der König und seine Hofleute“. Frontispiz von einer

Ausgabe des Manuskripts des Kitāb al-Aghānī (Buch der

Lieder) von Abu al-Faradsch al-Isfahani 45

Es gibt zwar viele archäologische Studien über den Palast

die meisten sind sachlicher Natur und beschränken sich

auf Fakten 46 . Es gibt eine Fülle von Berichten über das

Hofleben der spanischen Omaijaden aber spärlich sind

ähnliche Schilderungen über die syrische Dynastie. Der

Kitab al-Aghani (das Buch der Lieder) aus dem Jahr 960

von Abu al-Faradsch al-Isfahani 47 liefert hierzu offenbar

die meisten Informationen. Abu al-Faradsch war ein

arabischer Historiker, Literat und Poet. Er wirft etwas

Licht auf den Menschen Walid II. der als Kalif nur zwei

Jahre regierte. Orientalische Chronisten sind wunderbare

Erzähler, sie verweben Fakten mit Geschichten und

schmücken geschichtliche Abläufe mit romantischen,

dramatischen, kuriosen oder amüsanten Geschehnissen

über das Leben der Menschen die ihre Zeit gestaltet haben, aus. Damit werden geschichtliche

Abläufe kurzweilig und historische Bauwerke und Persönlichkeiten erwachen zu neuem Leben. Und

so ist auch das Buch der Lieder des Abu al-Faradsch nicht nur eine Sammlung von Liedern aus

Arabien und Persien vom 7. bis ins 10. Jh., es enthält ebenfalls eine Fülle von Einzelheiten über die

alten, arabischen Stämme und gibt einen historischen Überblick beginnend mit der vorislamischen

Zivilisation bis in seine Zeit. Angesichts seines Geburts- und Todesjahres hat Abu al-Faradsch al-

Isfahani die Blütezeit der Omaijaden nicht selbst erlebt, er hat sich also der orientalischen Tradition

der schriftlichen und mündlichen Überlieferungen bedient. Insgesamt arbeitete Abu al-Faradsch 50

Jahre seines Lebens an dem umfangreichen Werk. Die erste gedruckte Ausgabe erschien 1868 und

umfasst 20 Bände. 48 .

Als große Hilfe bei der Vorstellung über den Menschen Walid ibn Yazid, der als Kalif Walid II. nur

von 743 bis 744 regierte und in der Regierungszeit seines Onkels Kalif Hisham den Bau des Hisham-

Palasts wahrscheinlich konzipiert und überwacht hat, erwies sich eine Studie von Frau Prof. Dr.

Doris Behrens-Abouseif über das Löwe-Gazellen-Mosaik, darin geht sie auch auf die Person des

Kalifen ein 49 und gibt dem Archäologen Robert Hamilton (Oxford, 1959) Raum, einer der

Wissenschaftler die das Wüstenschloss schon früh erforscht haben. Er erkundete die Ruinen unter

dem Einfluss der Berichte über die syrischen Omaijaden des Abu al-Faradsch und war von dessen

Schilderungen über die Dynastie als solche und über den Menschen Walid II. fasziniert.

45 Bildtitel: King and his court. Arab painting is the frontispice of a manuscript of Kitāb al-Aghānī (Book of Songs) of Abu

al-Faraj al-Isfahani. It may be a representation of Badr al-Din Lu'lu', between circa 1218 and circa 1219 AD. Istanbul,

Bibliothèque nationale (Millet Kütüphanesi), madrasa Feyzullah Efendi, 1566, fol. 1 r. Source/Photographer:

Ettinghausen, Richard (1977) Arab Painting, Geneva: Skira, p. 65 ISBN: 0847800954. Licensing: This file has been

identified as being free of known restrictions under copyright law, including all related and neighboring rights.

46 Dimitri C. Baramki, der 1933 mit Ausgrabungen begann und seine Studie 1944 veröffentlichte, ebenso wie R. W.

Hamilton, 1959, Whitcomb, 1988 oder K.A.C. Creswell, 1969 und andere.

47 auch: Abu al-Faraj, geb. 897 in Isfahan - gest. 967 in Bagdad

48 Digitalisat; Das Manuskript kann in arabischer Sprache unter: https://archive.org/details/al-aghani-asfhani gelesen

werden

49 s. Fußnote 40, S. 21

23


Was Hamilton in diesem Werk gelesen hatte inspirierte ihn derart, dass er die Erzählungen teilweise

in sein erstes Werk Khirbat al-Mafdschar, An Arabian Mansion in the Jordan Valley 50 einfließen ließ.

Die Persönlichkeit des Walid nahm ihn so gefangen dass er 1988 noch ein Buch veröffentlichte mit

dem Titel: Walid and his friends: An Umayyad Tragedy. Glücklicherweise kann ich nur sagen, damit

verlieh er der Gestalt des Walid und den Ruinen von Khirbat al-Mafdschar neues Leben. Demnach

war Walid II. ein ausgesprochener Genießer aller schönen Dinge die das Leben zu bieten hatte. In

ihrer Studie bezeichnet Frau Behrens-Abouseif ihn mit einem Augenzwinkern als „Playboy“. Und wir

können uns fragen ob der Raum mit dem halbrunden Mosaik als Rückzugsort für intime Treffen mit

einer Geliebten oder einer Favoritin gedacht war? Auch die syrischen Omaijaden hatten einen

Harem wie alle orientalischen und maurischen Herrscher die Frauen dienten der Zerstreuung und

Unterhaltung. In diesem Zusammenhang sei kurz daran erinnert dass in der Empfangshalle des

Hamam neben Abbildungen von athletischen, männlichen Körpern auch weibliche Skulpturen mit

entblößtem Oberkörper 51 und kunstvollen Frisuren gefunden wurden.

Walid reiste viel im Reich umher und besuchte abwechselnd seine Paläste; er liebte die Jagd, den

Wein und umgab sich gern mit Dichtern, Musikern und Tänzerinnen. Alle Prinzen und Kalifen der

Omaijaden in Syrien wie später auch im maurischen al-Andalus hatten eine exzellente Erziehung

genossen und waren gebildet. Walid war selbst ein begabter Poet und hat als solcher die Dichtkunst

seiner Zeit beeinflusst. Er verkleidete sich gern, mochte Späße und konnte sich köstlich amüsieren

wenn jemandem ein Streich gespielt wurde.

Das berühmte Bodenmosaik mit dem Löwen und den Gazelle interpretiert Frau Behrens-Abouseif in

diesem besonderen Fall anders als in den allseits bekannten Darstellungen aus dem persischen oder

arabischen Raum auf denen ein Löwe im Kampf mit einem Stier abgebildet ist als Symbol für den

Herrscher und einen gefährlichen Feind. Demnach wäre das Bild keine Anspielung auf kriegerische

Intentionen oder auf den Instinkt der Nahrungsbeschaffung des Löwen: Hier verkörpert der Löwe

den König, die Macht, und die Gazellen sind ein Symbol für liebreizende Mädchen. Dafür spricht

dass die beiden Gazellen auf der linken Seite ruhig weiter Blätter von den Büschen pflücken anstatt

die Flucht zu ergreifen. In der persischen, arabischen und auch in der maurischen Poesie wird ein

begehrtes weibliches Geschöpf häufig als „Gazelle“ bezeichnet und seine Vorzüge mit denen der

grazilen Tiere zu verglichen.

Saßen Musiker und SängerInnen auf den Steinbänken am Anfang des Raums? Gab es vor dem

erhöhten Halbrund einen Vorhang der zugezogen werden konnte während Walid sanften oder

anregenden Klängen lauschte die den Raum erfüllten? Hatte sich im Webmuster des Vorhangs das

Löwe-Gazellenmotiv wiederholt? Es ist überliefert dass Kalifen der Omaijaden, Abbasiden und der

Fatimiden 52 hinter einem Vorhang verborgen blieben bis sie sich in einem bestimmten Moment den

Anwesenden zeigten und dass es Vorhänge gab mit Motiven von Landschaften, Tieren oder

Pflanzen. Bei Berichten über Walid wird auch erwähnt, dass er gern hinter einem Vorhang saß um

Musik und Gesang zu lauschen. Hielt er sich dahinter allein auf oder kam es dort zu zärtlichen

Begegnungen mit einer begehrten „Gazelle“? Frau Behrens-Abouseif gibt in ihrer Arbeit einige

Zeilen von Walids Versen wieder, viele seiner Gedichte drehen sich um den Wein und die Liebe 53 .

50 erschienen bei: Clarendon Press, Oxford 1959

51 Einige Figuren sind im The Rockefeller Museum, Jerusalem ausgestellt, siehe Bild unter:

http://www.metmuseum.org/exhibitions/listings/2012/byzantium-and-islam/blog/where-in-the-world/posts/khirbatal-mafjar

52 Die Fatimiden herrschten von 909 bis 1171 in Nordafrika (Maghreb) und Ägypten und eine Zeit lang auch in Syrien

53 Alle nachfolgenden Verszeilen sind der englischen Studie von Frau Behrens-Abouseif entnommen: Doris Behrens-

Abouseif in:The Lion-Gazelle Mosaic at Khirbat al-Mafjar, S. 11-18, Universität München (Deutschland)

https://eprints.soas.ac.uk/388/1/Lion-Gazelle_mosaic.pdf Ref. S. 15-16

24


So schwärmt er von einem Mädchen namens Salma und

vergleicht ihre Vorzüge mit denen einer Gazelle.

„Salma, meine Geliebte,

ich liebe eine Antilope

Für ihre dunklen Augen und

makellosen Nacken und Hals.“

Bei einer Jagd verfolgte Walid einmal eine Antilope hält

dann aber plötzlich inne als er ihre Augen und ihren Hals

sieht die ihn an seine geliebte Salma erinnern:

„Wir fingen eine Antilope und hätten sie erlegt,

verheißungsvoll lief sie nach rechts.

Doch dann schauten ihre Augen Uns vorsichtig an

Es war das Ebenbild von Eurem Blick!

Wir ließen sie ziehen.

Wäre es nicht um Unserer Liebe

Zu Euch wäre sie gewiss gestorben.

Nun kleine Antilope, bist Du sicher und frei.

So spring davon,

sei glücklich mit anderen Antilopen.“

Nicht nur die Gazelle diente als poetischer Vergleich, in der frühen arabischen Poesie wird die

Angebetete auch als Garten oder Paradies beschrieben wie in diesen Zeilen von Walid:

„Salma, Ihr ward ein Paradies und seine Früchte

jeglicher Art, waren reif gepflückt zu werden.“

In der maurischen Lyrik gibt es einen reichen Schatz an romantischer und erotischer Poesie in der

Mädchen und Frauen als Gazellen, als Objekte der Huldigung oder des Begehrens erwähnt werden

wie hier bei al-Mutamid ibn Abbad, Dichterkönig von Sevilla im 11. Jahrhundert, der seiner

Hauptfrau Itimad von einem Feldzug ein Liebesgedicht überbringen lässt:

„(…)Möge Gott die Herrin meines Hauses

mit feinem Regen erfrischen,

so wie sie es tat mit meinem Herzen!

Ihr Hals ist einer Antilope und

ihre Augen sind Gazellen gleich,

sie duftet wie ein Blumengarten,

biegsam ist ihre Taille, wie eine Weidenrute.“ (…)

Al-Mutamid ibn Abbad,

Dichterkönig von Sevilla (11. Jh.) 54

Ψ

54 Aus: Geschichten aus al-Andalus, Isabel Blanco del Piñal, Verlag RoseNoire Gisela Fischer, München 2006, S. 57

25


Als Kalif war Walid II. bei seinen Untertanen umstritten er regierte nur zwei Jahre, zwei Jahre in

denen er sich oft in seinen Wüstenpalästen zur Zerstreuung und zum Jagen aufhielt; darunter war

auch das Jagdschlösschen Qusair ‘Amra zu dem ich nach diesem Abschnitt ausführlich komme.

Auch dort ist der Hamam erhalten geblieben, und die Wände waren über und über mit Fresken

bedeckt. Die Fundstätte liegt auf jordanischem Gebiet in einer steppenähnlichen Wüste, nicht weit

von der saudi-arabischen Grenze entfernt.

Bei seinem unbeschwerten Lebenswandel mangelte es Walid II. allerdings an Klugheit und

Weitsicht die einen Monarchen auszeichnen sollten, die Dynastie verlor während seiner

Regierungszeit gravierend an Ansehen. Seine Herrschaft führte zu erheblichen Spannungen unter

den arabischen Stämmen von denen einige ihm letztendlich die Gefolgschaft verweigerten.

Unruhen erschütterten das Reich, immer wieder flammten Revolten auf. Als er auch noch zwei

seiner unmündigen Söhne die ihm eine Sklavin geboren hatte zu Thronfolgern ernannte, war das

Maß voll mit nur 40 Jahren wurde er 744, nach nur zweijähriger Regierungszeit ermordet.

Das war das Ende der syrischen Omaijaden, ihr Reich zersetzte sich von innen heraus. Gleichzeitig

war es der Beginn einer neuen, aufstrebenden und kraftvollen Dynastie: die Abbasiden, die 750

gewaltsam die Herrschaft über das große Reich antraten. Sie töteten fast alle Mitglieder des

Omaijadengeschlechts und erkoren Bagdad zur neuen Hauptstadt ihres Reichs. Mehr Details über

das Hofleben der syrischen Omaijaden liefert auch das Kapitel La Dolce Vita in Early Islamic Syria in

Studies in Medieval Islamic Architecture, Tl. 1, von Robert Hillenbrand 55 interessant.

Ψ

Bei der Machtübernahme durch die Abbasiden war fast die ganze Omaijadendynastie ausgelöscht

worden. Nur Prinz, Abd al-Rahman ibn Mu'awiya konnte dem Massaker entkommen und erreichte

nach mehrjähriger Flucht durch Nordafrika über Marokko die Iberische Halbinsel. Als Emir Abd al-

Rahman I. herrschte er von 756788 über das maurische Spanien. Er gab dem Emirat von Cordoba

eine organisatorische und politische Struktur und zeichnete sich durch Kunstverstand und eine rege

Bautätigkeit aus. Unter anderem ließ er den ersten Teilabschnitt der Moschee von Cordoba

errichten, die heute als Moschee-Kathedrale ein einmaliges europäisches Kulturerbe darstellt. Er

schuf das Fundament für die maurische Hochkultur in Spanien.

Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, und weil ich nicht nur Spanien sondern auch das

Königreich Marokko als Hüter des maurischen Erbes betrachte, dass nach einer Revolte im Jahr 786

gegen die neue Dynastie der Abbasiden noch ein Flüchtling seine syrische Heimat verlassen musste:

Idris ibn Abdallah aus dem Stamm der Aliden. Nach einer abenteuerlichen Flucht durch Nordafrika

kam er in Marokko an. Er blieb in dem Land und verbreitete den Islam unter den Berbern. Sie

betrachteten ihn im Lauf der Zeit als so rechtschaffen dass sie ihn zum Imam ernannten. Im Jahr

789 wurde der ehemalige Flüchtling als Idris I. 56 von nordmarokkanischen Berberstämmen zum

Herrscher ausgerufen. Er starb im Jahr 791, sein Sohn übernahm als Idris II. den Thron. In Marokko

ist die maurische Kultur im Lauf vieler Jahrhunderte in die eigene eingeflossen, sie lebt weiter in

Bauwerken, im Brauchtum und der Musik des Königreichs.

55 In: La Dolce Vita in Early Islamic Syria: The Evidence of Later Umayyad Palaces Hillenbrand, Robert. (2001) Studies in

medieval Islamic architecture Tl. 1, S. 58-113.

REGESTA IMPERII, Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. http://opac.regestaimperii.de/lang_de/anzeige.php?buchbeitrag=La+Dolce+Vita+in+Early+Islamic+Syria%3A+The+Evidence+of+Later+Uma

yyad+Palaces&pk=1012385

56 Idris I. liegt in der nordmarokkanischen Ortschaft Moulay Idris begraben. Die Moschee über seinem Grab ist der

heiligste Wallfahrtsort Marokkos. Bis weit in das 20. Jh. hinein war das Betreten nicht nur der Moschee, auch des

ganzen Orts Nicht-Muslimen untersagt.

26


Bevor wir zum letzten Kapitel über die syrischen Omaijaden übergehen möchte ich die überlieferte

Beschreibung eines luxuriösen und privaten orientalischen Hamam in Bagdad einfügen. Wir können

den Wert der zahlreichen Handschriften die die Neuzeit erreichten gar nicht hoch genug

einschätzen die arabischen Chronisten, Lobredner, Poeten und Reisende waren wie Reporter

ihrer Zeit. Ihr literarisches Erbe war und ist weiterhin eine wertvolle Grundlage für Arabisten und

Archäologen. Sie hielten minutiös alles fest was im Reich passierte, gaben jedes Detail aus dem Hofund

Gesellschaftsleben wieder, schilderten politische Verwicklungen und kriegerische Auseinandersetzungen

und genauso wie in den Klatschkolumnen von heute wurde auch damals ausführlich über

das Privatleben maßgeblicher Persönlichkeiten berichtet. Auch Bauwerke und Anlagen wurden mit

einer solchen Überfülle von Details beschrieben dass wir Paläste, Moscheen, Gärten und, wie

nachfolgend auch einen Hamam, dank der Schilderungen tatsächlich zu sehen vermeinen.

Die begeisterte Beschreibung des Besuchers eines luxuriösen Bades nimmt uns gefangen sie ist

meiner Übersetzung des Buchs „Rosen der Wüste Die Architektur in der arabischen Literatur“ von

Prof. María Jesús Rubiera 57 entnommen. Ihr Kapitel „Bäder“ beginnt so:

„Öffentliche Bäder waren eine weit verbreitete Einrichtung in der arabischmuslimischen

Zivilisation, die sie von der griechisch-römischen Kultur übernommen

hatte. Für wenig Geld konnte man hier alle Lust genießen, die Wasserdampf und

Schwimmbecken zu geben vermögen. In Luxusbädern oder in den privaten Bädern die

in den Palästen gebaut wurden, konnte man außerdem den Anblick von schönen

Gemälden, Skulpturen oder eine besonders erlesene Architektur bewundern wie wir sie

noch im Omaijadenpalast Qusair Amra 58 sehen können. Häufig waren die Bäder Häuser

der Lust im wahrsten Sinne des Wortes, wo man sowohl mit Männern als auch mit

Frauen schlafen konnte“. [Anm: Es folgt der Originaltext mit der Beschreibung eines

Hamam in Bagdad aus dem 13. Jh.]:

„„Badr al-Din al-Hasan ibn Zafir al-Irbili, der Heilkünstler, erzählt Folgendes:

In Bagdad, im Haus des Fürsten Scharaf al-Din Harun 59 , Sohn des Wesirs Schams al-Din

Muhammad al-Dschawini 60 , sah ich ein Bad von vollendeter Ausführung und

wunderbar in seinen Formen, sehr hell und umgeben von Blumen und Bäumen. Ich

durfte es mit einer Empfehlung von Baha al-Din ibn al-Fachr Isa al-Irbili besuchen. Der

Aufseher der Bäder war ein alter und würdiger abessinischer Diener der mich während

meines Besuchs begleitete.

Ich sah die Wasserbecken, die Fenstergitter, die Wasserrohre aus Silber, einige davon

waren vergoldet. Manche hatten Wasserhähne die aussahen wie Vögel, und wenn das

Wasser aus ihnen lief, machte es ein angenehmes Geräusch. Es gab schön geformte

Marmorbecken die das [verbrauchte] Wasser aufnahmen das dann in ein Becken im

Garten abfloss.

57 Lehrstuhl für Arabistik und Islamkunde an der Universität Alicante und sehr bekannte Autorin. Ihr großer Erfolg La

arquitectura en la literatura Árabe wurde von mir übersetzt. Titel: Rosen der Wüste die Architektur in der arabischen

Literatur. Verlag RoseNoire Gisela Fischer, München, 2001

58 Nachfolgend berichte ich ausführlich über das Jagdschlösschen Qusair Amra

59 Auch: Sharaf al-Din Harun Juvayni

60 Auch: Shams al-Din Muhammad Juvayni, war von 1263 bis 1285 ein hochgestellter Wesir und Finanzminister unter

drei mongolischen Teilfürsten (Ilchane/Ilkhane) die 12561335 über ein großes Reich herrschten das sich zeitweise über

ganz Persien, Mesopotamien und große Teile Zentralasiens und Anatoliens erstreckte. Er wurde 1285 angeklagt einen

Fürsten vergiftet zu haben und hingerichtet.

27


Der Aufseher zeigte mir an die zehn getrennte Pavillons, einer war schöner gestaltet als

seine Brüder; danach brachte er mich zu einem der mit einem Eisenschloss verschlossen

war. Er öffnete es und ging mit mir durch einen langen Korridor aus reinstem Marmor;

in der Mitte des Gangs befand sich ein quadratisches Zimmer, in dem wohl bis zu vier

sitzende und zwei liegende Personen Platz fanden; seine vier Wände glänzten wie

Spiegel, sodass jeder seinen ganzen Körper von den Wänden wiedergegeben sah; der

Boden hatte Muster aus roten, gelben, grünen und vergoldeten Steinen, alle aus Glas,

gefärbt mit roter und gelber Farbe; die grüne Farbgebung, so sagt man, kommt von

den Byzantinern und der Goldton ist vergoldetes Glas. Das Muster war wunderschön

und zeigte verschiedene Figuren die sich der Lust hingaben sodass sich beim Betrachter

Verlangen regte. Der Wärter sagte mir: “Das wurde so nach den Wünschen meines

Herrn gemacht damit, wenn jemand es betrachtet und sieht was die Figuren

miteinander machen, seine Lust erweckt wird und er den dringenden Wunsch verspürt,

mit dem geliebten Wesen zu schlafen“.

Dieser Raum lag abseits von allen anderen und war für diesen Zweck bestimmt. Wenn

Fürst Scharaf al-Din Harun sich im Bad mit einer schönen Frau oder einer Sklavin die er

liebte treffen wollte, tat er es in diesem Zimmer denn er sah, wie sich das Muster vom

Boden an den Wänden in allen Einzelheiten spiegelte, und gleichzeitig sah jeder im

Zimmer den Körper seines Gespielen; in der Mitte des Raums war ein Becken aus

geädertem Marmor mit einer Wasserzuführung in der Mitte und zwei Hähnen, einer für

kaltes Wasser und der andere für warmes Wasser. Rechts und links standen zwei

Säulen aus geschliffenem Glas mit zwei Räucherpfannen mit Parfüm und Aloeholz.

Auch sah ich einen sehr großen, hell erleuchteten Raum, für den man viel Geld

ausgegeben hatte. Ich fragte den Wärter nach diesen hohen erleuchteten Wänden,

indem ich sagte: “Wer hat das gemacht?” Und er antwortete mir, dass er es nicht

wüsste. Aber nie zuvor hatte ich vorher ein Zimmer wie dieses gesehen oder je von

etwas Vergleichbarem gehört, auch gab es keins wie dieses im ganzen Bad. Beide,

Raum und Bad, waren das Schönste was man beschreiben könnte, aber ich könnte

nicht wiedergeben welche Wirkung ihr Anblick und ihre Betrachtung in mir hervorrief.

Lassen wir es gut sein mit dem, was ich gesagt habe““.

Al-Maqqari 61 , Nafh al-Tib 62

Ψ

61 Abū l-‘Abbās Ahmad al-Maqqarī kurz al-Maqqari (auch:Makkari) genannt, (geb. in Tlemcen, Algerien 1578, gest. in

Kairo 1632)

62 Vollständiger Titel: Der Hauch von Wohlgeruch vom grünen Zweig Andalusiens und Lebensbeschreibung seines Wesirs,

Lisān ad-Dīn ibn al-Chatīb. Arab. Originaltitel: Nafh at-tīb min ġusn al-Andalus ar-raīb wa-ḏkr wazīri-hā Lisān ad-Dīn Ibn

al-Haṭīb. Das Werk besteht aus 2 Teilen in 9 Bänden und ist der Einfachheit halber als Nafh al-Tib bekannt. Der erste

Teil ist eine Sammlung von Texten, Prosa und Lyrik einer Vielzahl von arabischen und maurischen Autoren über die

Geschichte und das Gesellschaftsleben der Araber im Orient, vor allem aber der Muslime auf der Iberischen Halbinsel

28


Qusair ‘Amra 63 Ein Jagdschlösschen in der Wüste:

Nur rund 70 km von der saudi-arabischen Grenze entfernt stehen in der jordanischen Wüste die

Überreste eines kleinen Palasts der wahrscheinlich ein Jagdschloss gewesen war. Ich hatte schon so

viel darüber gelesen dass ich, als ich die Fundstätte im Jahr 2012 von außen sah zunächst von ihren

reduzierten Maßen etwas enttäuscht war. Von dem ehemaligen Palast selbst ist nichts mehr

erhalten. Es ist fast ein Wunder dass ein nach römischem Vorbild angelegter Hamam nicht nur als

Bauwerk, sondern auch das was sich in seinem Inneren verbirgt noch existiert. In der versandeten

Landschaft um das kleine Bauwerk sind noch Spuren eines längst ausgetrockneten Flusslaufs zu

erkennen vor mehr als 1000 Jahren muss diese Gegend ganz anders ausgesehen haben. Ein tiefer

gemauerter Brunnenschacht wenige Meter vom Badehaus entfernt ist Zeuge dafür dass damals das

Leben spendende Nass ausreichend vorhanden war.

Wenn ich anfangs von der Außenansicht enttäuscht war wurde ich schon beim Betreten des

Hamam schnell eines Besseren belehrt. Die Mauern hüten einen Schatz früh-islamischer Kunst der

im Jahr 1898 von dem Österreicher Alois Musil 64 l entdeckt wurde. In Anbetracht der vergangenen

Zeitspanne seit dem Bau des Badehauses im Jahr 734 ist der inzwischen restaurierte archäologische

Komplex einigermaßen gut erhalten, was zum einen der Abgeschiedenheit und zum anderen dem

trockenen Wüstenklima zu verdanken ist. Außergewöhnlich an dem Badehaus ist, dass alle

Innenwände, Kuppeln oder Tonnengewölbe einst ganzflächig mit Fresken bemalt waren in satten,

leuchtenden gelben und blauen Farben wie sie auch in der byzantinischen Freskokunst vorkommen.

In einer Kuppel ist ein Antlitz wiedergegeben das von Christen als ein Abbild Jesu interpretiert wird.

Wäre dem tatsächlich so, könnte es ein weiterer Hinweis auf Kunsthandwerker aus dem

christlichen Byzanz sein. In einer großen Kuppel des Badehauses sind noch Spuren eines fast exakt

wiedergegebenen Tierkreises zu sehen.

63 Arab. für kleines Schloss, kleiner Palast. Auch als Qasr ‘Amra, Quseir ‘Amra oder Qusayr ‘Amra bekannt. Seit 1985

gehört es zum Weltkulturerbe der UNESCO

64 Alois Musil (geb. Juni 1868 gest. April 1944 im Protektorat Böhmen und Mähren) war ein österreichischtschechischer

Orientalist, Theologe und Geograph.

29


Links: Al-Walid ibn Yazid als Pantokrator. Zeichnung nach

©Vaclav Fiala 65. kurz nach der Entdeckung des Hamam

Unten links: Selbst in der Vergrößerung ist heute die Szene

der Zeichnung unter dem Halbrund nicht mehr zu erkennen.

Schemenhaft sind nur noch die beiden Figuren links und

rechts des Throns zu erraten. Darunter, in der Nische unter

dem Bogen (s. blauen Pfeil) genau gegenüber vom Eingang

zum Badehaus präsentierte sich der Thronfolger wenn er

Gäste empfing.

Viele Fresken wurden durch Vandalismus

beschädigt, manche bis zur Unkenntlichkeit

zerkratzt, doch ist selbst das was übrig blieb

beeindruckend und zeugt vom standes- und

machtbewussten Lebensgefühl einer Dynastie die

sich hier als ein in Geisteswissenschaften bewandertes, kunstorientiertes, sinnenfrohes und dem

Volk zugewandtes Herrscherhaus darstellt und das, obwohl muslimischen Glaubens, alle irdischen

Freuden ausgiebig zu genießen wusste. Damit belegen die Fresken dass es kein Bilderverbot im

frühen Islam gab und dass Abbilder von Menschen

oder Tieren nicht verboten waren. Dargestellt sind

Motive in Anlehnung an alt-griechische

Philosophie, Tiere, Pflanzen und Jagdszenen, im

Tonnengewölbe des großen Mittelschiffs

Handwerker mit ihren Werkzeugen und hier und da

an den Wänden, nackte oder halbnackte Männer

und Frauen bei verschiedenen Beschäftigungen.

Auch ein humoriges Fresko wie ein Laute

spielender Bär fehlen nicht. Die Errichtung des

Palasts wird ebenfalls dem Thronfolger Walid

zugeschrieben obwohl damit gewiss auch in der

Regierungszeit von Kalif Hisham ibn Abd al-Malik

begonnen wurde; das resultiert aus einer Inschrift

die den Namen Al-Walid ibn Yazid 66 ohne den

Kalifentitel erwähnt.

In diesem Hamam gibt es eine Empfangshalle mit

einem großen Mittelschiff und zwei Nebenschiffen

angelegt wie eine Basilika, ähnlich der

Omaijadenmoschee in Damaskus. Direkt gegenüber

vom Eingang der Empfangshalle gab es ein

berühmtes wenn auch nicht mehr erkennbares

Fresko: Danach war der zukünftige Kalif dargestellt als Weltallherrscher ähnlich christlichorthodoxen

Fresken. In der Vergrößerung sind nur noch zwei Figuren die rechts und links neben

dem Thron standen und die zwei gewundenen Säulen zwischen ihnen und dem Thron zu erahnen.

Daher können wir die obige Zeichnung von Vaclav Fiala nicht hoch genug werten.

65 Qusayr ‘Amra: Art and the Umayyad Elite in Late Antique Syria by Garth Fowden, Cap. “O God, bless the Amir”,

S. 115-140. University of California Press, Berkeley - Los Angeles, California - London. University of California Press, Ltd.,

London, England. ©2004, by the Regents of the University of California

66 Siehe vorheriges Kapitel Khirbat al-Mafdschar

30


Ausschnitt aus den „Sechs Königen“.

Das Fresko geht in das Tonnengewölbe

eines Seitenschiffs über.

Zusammen mit meinen eigenen Bildern

im Jahr 2012 können wir uns in etwa

vorstellen was die Besucher nach dem

Betreten der Halle sahen die in den

lebhaftesten Farben strahlte. Im

rechten Seitenschiff ist teilweise noch

ein berühmtes Fresko zu sehen: die

Darstellung von sechs Königen. Sie

waren in griechischer und arabischer

Schrift benannt, vier der Inschriften

konnten entziffert werden:

Caesar, als „Kaisar“, Herrscher über das

Römische Reich, Roderich, als König der Westgoten in Hispanien „Rodorikus“, der Anfang des 8.

Jahrhunderts im Auftrag der syrischen Omaijaden besiegt wurde, der Chosrau von Persien

„Chosroës“ und „Negus“, ein Königs- und Kaisertitel im alten Äthiopien 67 . War das Fresko so zu

interpretieren dass sie von den Omaijaden besiegt wurden, oder entsprach es eher der Vorstellung

des Thronfolgers dass er als Kalif als Gleicher unter Gleichen den ruhmreichen Königen damaliger

Weltreiche ebenbürtig sein würde 68 ? Nachfolgend eine Bilderreihe mit Ausschnitten von

verschiedenen Fresken, die meisten bedürfen keiner Kommentare wir können nur bewundernd

darüber staunen.

Verschiedene Szenen an einer Wand: im Hintergrund Teile eines Bauwerks mit Säulen und Bögen, in der

Mitte eine Frau im Bad mit einem Bediensteten. Rechts, zu erahnen: Athleten mit nacktem Oberkörper

67 Auch: das alte Abessinien

68 Monarchische Herrschaftsformen der Vormoderne in transkultureller Perspektive von Wolfram Drews, Antje Flüchter,

Christoph Dartmann, Jörg Gengnagel, Almut Höfert, Sebastian Kolditz, Jenny Rahel Oesterle, Ruth Schilling und Gerald

Schwedle. S. 200 1.4.3: Die weltmonarchische Sakralität (Wolfram Drews, Almut Höfert, Jörg Gengnagel),

© Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston, 2015

31


Oben links und rechts:

Ausschnitte vom Fresko auf der Vorseite

Links: Frau mit entblößten Brüsten mit einem Korb

oder einer Schüssel über dem Kopf, Eingangshalle,

in einem Bogen im Mittelschiff der zu einem

kleinen Raum neben dem zentralen Fresko über

Walids Thron (s. Seite 30), führt.

32


Oben Mitte: In einem Tonnengewölbe verschiedene Motive: Tiere, Menschen, in der Mitte

übereinander 3 Portraits mit den drei Lebensstadien des Menschen: jung (nicht mehr erkennbar),

in voller Blüte und alt. Das mittlere Portrait wird von Christen oft als die Darstellung Jesu‘

interpretiert. Oben ganz links im Bild zu sehen: Bär mit Laute. Unten links: Ausschnitt „Bär mit

Laute“ Unten rechts: Ausschnitt mittleres Portrait (oft als Jesusbild interpretiert)

33


Oben: Ein liegender Mann schaut herab auf eine liegende Figur (Frau?). Neben ihm

ein geflügeltes Wesen (Gott Amor?). Darüber, mittig, noch einmal das Abbild für

das Lebensstadium „alt“ (s. vorhergehende Seite).

Unten: Frau mit Kind und Mann, unbekleidet

34


An diesem Punkt der Geschichte sollten wir nicht dem Irrtum verfallen den opulenten und

exquisiten Lebensstil der Omaijaden in Syrien oder, wie wir später sehen werden im maurischen

Spanien, als dekadent zu bezeichnen. In Okzident wie Orient war das Selbstverständnis von Königen

und Kalifen im Mittelalter standesbewusst und elitär. Dass sich dieses Selbstverständnis ebenfalls in

ausgiebigem Genuss irdischer Freuden äußern konnte war lange Zeit eine Besonderheit des

Morgenlands die auch die, zuweilen überschäumende Phantasie des Abendlands anregte wie wir es

in der Orientmalerei des romantischen Zeitalters 69 sehen. Dass die früh- und hochmittelalterlichen

christlichen Burgen im damaligen Europa zumeist düster, kalt und bar jeglicher Annehmlichkeit

oder Raffinesse waren sollte sich erst später ändern. Das elitäre Denken der westgotischen Könige

in Hispanien war auch nach der arabischen Eroberung in den wenigen christlichen Königreichen

erhalten geblieben. Sie beschränkten sich einige Jahrhunderte lang auf kleine Teile des Landes in

Nordspanien während ihre Könige nur auf einen günstigen Zeitpunkt warteten um die maurischen

Gebiete zurückzuerobern.

Das standesbewusste, königliche Selbstverständnis wird in der Person des hispanischen Königs

Alfons X. von Kastilien-Leon (13. Jh.) dem die Geschichte den Beinamen „der Weise“ oder „der

Gelehrte“ verliehen hat, besonders deutlich: Wie seine Vorfahren glaubte auch er an den göttlichen

Ursprung der Königswürde. Immer wieder sollte er in seinen Schriften ausdrücklich betonen dass

ein König in seinem Reich der Stellvertreter Gottes für irdische Belange sei und ihm auf Erden

niemand übergeordnet sein könne. Diese Überzeugung brachte ihm zeitlebens erhebliche

Schwierigkeiten mit dem Heiligen Stuhl ein. Wenn auch nicht direkt vergleichbar gibt es in der

islamischen Welt ein ähnlich gelagertes Selbstverständnis das in der rechtmäßigen Nachfolge des

Propheten begründet ist und bis heute auch einen fundamentalen Unterschied zwischen Schiiten

und Sunniten ausmacht.

Ψ

Im Orient hatten die Abbasiden im 8. Jh. die Dynastie der syrischen Omaijaden zwar ausgelöscht,

jedoch war seither mehr als ein Jahrhundert vergangen und das Omaijaden-Emirat von Cordoba

pflegte exzellente Beziehungen zum Kalifat von Bagdad. Erst im 10. Jh. rief Kalif Abd al-Rahman III

ein unabhängiges Kalifat aus. Der Handel mit dem Orient und den Anrainerstaaten des gesamten

Mittelmeerraums blühte, eine der ertragsreichsten Handelswaren aus al-Andalus waren Produkte

aus Seide Teppiche, Wandbehänge, Kissenbezüge, Vorhänge und Stoffe für Gewänder 70 . Auch die

Venezianer waren damals berühmt für ihre Seidenprodukte doch selbst im christlichen Europa gab

man oft der exotischen Ästhetik von orientalischen Webmustern den Vorzug. Für neueste

wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Neuerungen gab es einen regen Austausch mit

Bagdad. Auf diesem Weg waren die Papierfertigung und die Kunst der Seidenproduktion nach al-

Andalus gelangt, dort wurde schon Papier hergestellt viele Jahrzehnte bevor das übrige Europa die

Neuerung übernahm. Das Rechnen mit den Ziffern die wir heute arabische Zahlen nennen wurde im

Okzident zuerst im Orient, in Nordafrika und im maurischen Spanien angewandt ebenso wie die

Algebra und eine einfache Form des Algorithmus. Alle Abschriften arabischer Übersetzungen der

Werke von altgriechischen Gelehrten waren auch im maurischen Spanien Gegenstand sorgfältiger

Studien. Jedem Lehrer oder Studierenden war es erlaubt sie zu konsultieren.

Ψ

69 Die Epoche der Romantik wird von Sehnsuchtsmotiven und den Themen Liebe und Natur bestimmt. Sie begann Ende

des 18. Jahrhunderts und endete mit der Spätromantik in der Mitte des 19. Jahrhunderts

70 s. hierzu Teil II. Suche nach al-Andalus „Syrien und al-Andalus Reichtum und Toleranz“

35


Erzähler auf einem orientalischen Marktplatz. Vor dem

Bekanntwerden der Papierfertigung wurden seit

Menschengedenken in allen Teilen der Welt Neuigkeiten,

Informationen und Geschichten, mündlich überliefert.

Nach dem Untergang des römischen Reichs und bis zu den

erfolgreichen Eroberungszügen des Tariq ibn Ziyad 71 auf

der Iberischen Halbinsel im Jahr 711 hatten die Westgoten

in Hispanien regiert; zum Zeitpunkt der muslimischen

Eroberung war ihr Reich schon im Zerfall begriffen. Es

dauerte gute anderthalb Jahrhunderte bis das maurische

Emirat 72 gefestigt war und in Orient wie Okzident als das

„Paradies al-Andalus“ gepriesen werden sollte. Das

maurische Hispanien wurde zum Mekka für Einwanderer

aus dem ganzen Arabisch sprechenden Mittelmeerraum

für Kunsthandwerker, Baumeister, Wissenschaftler,

Musiker und Poeten. Die maurische Hochkultur sollte ihre

Blütezeit erst im 10. Jh. erreichen Cordoba wurde auch

im damaligen Europa zum Inbegriff für Macht und

märchenhaften Reichtum, für das friedliche Zusammenleben

der drei Religionen, für wissenschaftlichen Fortschritt und eine exquisite, lusterfüllte

Lebensart.

Wenn das im Kapitel Khirbat al-Mafdschar erwähnte „Buch der Lieder“ des Abu al-Faradsch al-

Isfahani mit der Wiedergabe von überlieferten Chroniken ein wenig Licht in das Hofleben der

syrischen Omaijaden bringt, sind die neun Bände des Nafh al-Tib 73 des nordafrikanischen Literaten

und Historikers Abū l-ʿAbbās Ahmad al-Maqqarī 74 ein ebenso außergewöhnliches Werk über die

Geschichte der Muslime in Spanien, über die geographische und politische Entwicklung und die

Prosa und Lyrik von al-Andalus. Darin hat der Autor unzählige überlieferte Gesellschafts- und

Geschichtschroniken, Lyrik und wissenschaftliche Abhandlungen zusammengetragen, die im Lauf

vieler Jahrhunderte aus al-Andalus in die arabisch sprechende Welt gelangten und dort aufbewahrt

wurden. Die maurischen Chronisten, Stadtschreiber und Poeten hielten mit großem Eifer jedes noch

so belanglose Ereignis fest, nicht nur was den Kalifen oder die Hofgesellschaft betraf, auch über das

Gesellschaftsleben wurde geschrieben: über Dichter-Wettstreite und wie diese von statten gingen,

über Besuche von Gesandten aus Okzident und Orient, es wurde von fröhlichen Festen und Gelagen

berichtet, von liebreizenden Singmädchen, talentierten Musikerinnen und klugen Dichtersklavinnen;

auch wird von schönen Palastpagen, Weinschenken oder ganz allgemein, von jeder nur

vorstellbare gesellschaftliche Begebenheit erzählt. Man kann sagen dass für die maurischen

Chronisten, Lobredner oder Poeten jedes Wort es wert war festgehalten zu werden: Palastgeflüster

oder Gesellschaftsklatsch, Liebesfreud oder -kummer, glühendes Verlangen oder verbitterter Hass

bis hin zu politischen Verstrickungen oder Kriegsgeschehen. Zum Glück erreichte ein beachtlicher

Teil diese Chroniken unversehrt die Neuzeit.

71 s. S. 5

72 In den ersten Jahrhunderten nach der Eroberung herrschten Emire (Fürsten) über al-Andalus. Erst Abd al-Rahman III.

(10. Jh.) proklamierte sich selbst zum Kalifen (arab. Chalifa, häufig in einer spezifischen Funktion als Titel für religiöspolitische

Führer verwendet).

73 s. Fußnoten 60, 61, S. 28

74 Ebd.

36


Das Maurenland auf dem Weg zum Paradies ……

Ein kurzer Rückblick: Der Omaijadenprinz Abd al-Rahman

ibn Mu'awiya ibn Hisham ibn Abd al-Malik ibn Marwan 75

war als syrischer Flüchtling nach Hispanien gekommen

und wurde 756 als Abd al-Rahman I. zum Emir über al-

Andalus ausgerufen. Als seine Dynastie im Jahr 750

unterging war er 19 Jahre alt und war noch in den Glanz

des syrischen Herrscherhauses in Damaskus

hineingeboren worden, war in herrlichen Palästen

aufgewachsen und hatte, selbst wenn er aus

Altersgründen vielleicht nicht direkt daran teilnahm, so

doch viel über das Dolce Vita 76 in den letzten Jahren der

untergehenden Dynastie gehört und so einiges gesehen.

Alles wurde Teil seiner Erinnerungen an die verlorene

Heimat. Schenkt man den Überlieferungen Glauben hat

er immer unter Heimweh nach Arabien gelitten und sich

in al-Andalus nie wirklich heimisch gefühlt. Oft hätte man

ihn durch seine Palastgärten wandeln und auf einer

Aussichtsterrasse in Ufernähe des Guadalquivir stehen

sehen, den Blick sehnsüchtig gen Osten gerichtet. Er hätte immer wieder eine Palme aufgesucht die

er gleich nach seiner Thronbesteigung aus der alten Heimat kommen ließ und hier eigenhändig

einpflanzte. Man sagt sie sei die Mutter aller Palmen in Spanien. Unter ihren grünen Fächern an den

schuppigen Stamm gelehnt, spendete ihre vertraute Nähe dem Emir Trost ihr hätte Abd al-

Rahman I. -so heißt es weiter- mit einem Gedicht sein Herz geöffnet:

Du, o Palme, bist ein Fremdling

so wie ich in diesem Lande,

bist ein Fremdling hier im Westen

fern von deiner Heimat Strande.

Weine drum! Allein die Stumme,

wie vermöchte sie zu weinen?

Nein, sie weiß von keiner Trauer,

keinem Kummer gleich dem meinen.

Aber könnte sie empfinden,

O, sie würde sich mit Tränen

nach des Ostens Palmenhainen

und des Euphrat Wellen sehnen.

Nicht gedenkt sie ihrer und auch ich

fast vergaß ich meine Lieben,

seit mein Hass auf Abbas’ Söhne

aus der Heimat mich getrieben. 77

75 Geb. 731 in Palmyra (Syrien) gest. 788 in Cordoba (Spanien)

76 s. Kapitel über Khirbat al-Mafjar. Auch interessant: La Dolce Vita in Early Islamic Syria: The Evidence of Later Umayyad

Palaces, Robert Hillenbrand, 2001 in Studies in medieval Islamic architecture Tl. 1, S. 58-113.

77 Die Verse werden Abd al-Rahman I. zugeschrieben. A.F. von Schack, Poesie und Kunst der Araber in Spanien und

Sizilien, Verlag Wilhelm Hertz, Berlin, 1865, Bd. I, Bayerische Staatsbibliothek München, S. 47

37


Bobastro, Blick auf die Felsenkirche des Ibn Hafsun

Bis fast zur Mitte des 10. Jh. gab es auch Herrscher

über al-Andalus die nicht unbedingt um das Wohl

ihrer Untertanen bemüht waren das hatte ernste

Folgen. Das maurische Spanien wies eine

Besonderheit auf die im syrischen Omaijadenreich

in dem Ausmaß fehlte: al-Andalus war ein Reich der

drei Religionen viele Sefarden 78 deren Familien

schon lange vor der arabischen Eroberung dort

lebten und auch Christen blieben danach ebenfalls

in ihrer alten Heimat. Daher musste es ein

vorrangiges Ziel der maurischen Emire sein eine

homogene Gesellschaft zu schaffen. Das 9. Jh.

gestaltete sich für kirchliche Würdenträger in al-

Andalus schwierig. Bis zur arabischen Eroberung

war der Sitz des Erzbischofs in Toledo gewesen. Er

durfte seinen Amtssitz auch nach der Eroberung

behalten, konnte aber nur sehr begrenzt Einfluss auf seine Gemeinde im südlichen Teil des Reichs

nehmen.

Inzwischen war es unter jungen Mozarabern 79 Mode geworden die arabische Sprache zu erlernen

und sich nach orientalischer Art zu kleiden. Im Lauf der Zeit hatten sich die islamischen

Glaubensregeln gelockert und zahlreiche Christen in al-Andalus konvertierten das machte das

Leben für sie um einiges einfacher. Einige Kirchenfürsten beklagten dass Christen häufig den Koran

lesen und gar daraus zitieren könnten es wäre doch weitaus wünschenswerter wenn sie ebenso

viel Begeisterung beim Bibelstudium zeigen würden.

Anders als die Sefarden die darüber wachten die Reinheit ihrer Religion und Traditionen zu

bewahren gab es zwischen Muslimen und Christen immer mehr Mischehen. Wenn auch die Eltern

ihren jeweiligen Glauben behalten durften, wurden die Neugeborenen als Muslime registriert. Im 9.

Jahrhundert verschlechterte ein unglücklicher Vorfall vorübergehend die Lage der Christen in al-

Andalus: Unter dem Schutz der religiösen Toleranz und besorgt ob der zunehmenden Arabisierung

von Mozarabern wähnte sich eine Handvoll kordobesischer Christen so sicher dass sie den

islamischen Glauben öffentlich beleidigten. Das konnte der Emir nicht tolerieren, er musste ein

Exempel statuieren: 48 oder 49 Christen wurden hingerichtet. Sie gingen als die „Märtyrer von

Cordoba“ in die spanische Geschichte ein. 80 .

In den letzten Jahrzehnten des 9. Jh. brach eine bürgerkriegsähnliche Revolte aus, angeführt von

einem muslimischen Rebellen namens Ibn Hafsun 81 . Der Aufstand erfasste das ganze südliche Drittel

der Iberischen Halbinsel und sollte fast 40 Jahre bis ins 10. Jh. dauern. In Bobastro, gut versteckt in

den Bergen von Ronda, errichtete er über die Jahrzehnte eine fast uneinnehmbare Festungsstadt

als Rückzugsort.

78 Die spanischen Juden wurden Sefarden genannt. (s. ausführliche Fußnote auf Seite 7)

79 Christen, die unter arabischer Herrschaft lebten und ihren Glauben weiter ausübten

80 Die Ereignisse wurden von Bischof Eulogius von Cordoba und Paulus Alvarus überliefert. Eulogius von Cordoba starb

859 als „Märtyrer“, Paulus Alvarus (geb. 800 gest. um 861/862) hatte kein Kirchenamt inne. Beide zeichnen in ihren

Schriften das Bild einer Märtyrerbewegung in Cordoba; da jedoch unabhängige Überlieferungen aus anderen Quellen

fehlen können die Geschehnisse nicht bewertet werden.

81 Umar ibn Hafsun, geb. um 850 - gest. um 917

38


Gut erkennbar ist der Durchgang mit dem

Hufeisenbogen der zur rechteckigen Apsis führt

Je länger der Aufstand dauerte desto mehr

mangelte es an Mitstreitern. Ibn Hafsun und

seine Familie traten zum christlichen Glauben

über in der Hoffnung damit mehr Mitstreiter

anwerben zu können mit mäßigem Ergebnis.

Dafür kündigte ihm seine muslimische

Gefolgschaft die Treue, sie waren nicht bereit

unter einem Christen zu kämpfen. Daher

wurde lange darüber spekuliert ob die Revolte

einen religiösen Hintergrund gehabt haben

könnte. Inzwischen überwiegt die Meinung

dass der Auslöser für den Aufstand ein

ungerechtes Steuersystem war.

Von der ehemaligen Festungsstadt ist heute

kaum mehr etwas zu sehen: Immer wieder

führen ein paar in den Berg geschlagene Stufen weiter nach oben, hier und da sind von Gestrüpp

überwachsene Mauerreste sichtbar und ein Wasserbecken wahrscheinlich eine Viehtränke. Das

Eindrucksvollste ist an diesem Ort der noch erhaltene Teil der Felsenkirche, er erinnert an die

dramatischen Ereignisse die sich hier abspielten. Ibn Hafsun starb 917 an einer fiebrigen

Entzündung, seine vier Söhne konnten die Festung noch bis ins Jahr 928 halten. Erst Emir Abd al-

Rahman III. 82 konnte den Aufstand durch eine unerbittliche Belagerung der Felsenstadt beenden.

Wir werden im weiteren Verlauf des Kapitels noch viel von ihn hören. Wer nicht bei den Gefechten

ums Leben gekommen war, wurde gefangen genommen oder des Landes verwiesen. Argentea, die

einzige Tochter des Ibn Hafsun, wurde nach Cordoba gebracht und wäre wahrscheinlich

weitgehend unbehelligt geblieben, hätte sie sich nicht danach gesehnt als Märtyrerin zu sterben

und forderte Abd al-Rahman III. solange durch ungebührliches Verhalten heraus bis sie ihr Ziel

erreichte.

Abd al-Rahman III. war von 912 bis 929 achter Emir von al-Andalus und nahm 929 den höchsten

islamischen Herrschertitel Kalif an. Insgesamt herrschte er knapp 50 Jahre über das große Reich auf

der Iberischen Halbinsel bis er 961 starb. Es gibt viel über ihn zu berichten und vieles erinnert an

Prinz Walid den wir aus den Kapiteln über die Wüstenschlösser Khirbat al-Mafdschar und Qusair

‘Amra schon kennen. Die Übereinstimmungen zwischen Abd al-Rahman III. und dem syrischen

Thronfolger und Kalifen Walid II. sind frappierend allerdings nur was Prachtentfaltung,

Standesbewusstsein und das Genießen aller Freuden betrifft die das Lebens bieten konnte. Der

große Unterschied zwischen beiden war, dass Kalif Abd al-Rahman III. sich als kluger Staatslenker

erwies in seiner langen Regierungszeit entfaltete sich die maurische Hochkultur zu voller Blüte.

Ψ

82 geb. 889 gest. im Oktober 961 in Cordoba. Er wurde fast 70 Jahre alt

39


Das Paradies al-Andalus

Es heißt ab und zu dass der Chronist al-Maqqari in seiner Schriftensammlung Nafh al-Tib die

Maurenzeit hier und da romantisch verherrlicht hätte, das tut dem historischen Wert des Werks

aber keinen Abbruch. Ihm verdanken Andalusforscher und Archäologen die ausführlichsten und

wertvollsten Informationen über die Architektur und die Kultur von al-Andalus, über die maurische

Literatur und Poesie und das Gesellschaftsleben im Allgemeinen. Wie wir noch sehen werden

konnten oft nur dank der ausführlichen überlieferten Beschreibungen Bauwerke bei Ausgrabungen

konkret bestimmt, zumindest teilweise detailgetreu restauriert oder ganz wieder hergestellt

werden. Und tatsächlich war die neue Heimat für die Mauren wie ein Paradiesgarten: hier gab es

ausgedehnte Wälder, großzügige Flüsse und ausgewogene klimatische Bedingungen:

„Ich habe immer die Farbe Grün gewählt,

um die arabische Zeit in Cordoba zu beschreiben.

Als die Araber nach Andalusien kamen,

lebten sie nur durch das Grün.

Ihre Lyrik, ihre Prosa, ihre Gedanken

und ihre Seele waren so.

Die Eroberer alle Eroberer

haben Schwerter gesät,

wohin sie auch kamen.

Die arabische Eroberung aber

war die erste, die Palmen, Orangenbäume,

Jasmine und Springbrunnen brachte.

Diese kordobesischen Häuser,

schläfrig auf ihrem Lager

aus Veilchen und Myrte ruhend,

mit ihren Mosaiken und Verzierungen aus Alabaster,

verstecken sich in engen, gewundenen Gässchen

wie kleine Paradiese in ihrer Stille ungestört.

Diese Brunnen, die Tag und Nacht

in den patios eurer bezaubernden

Häuschen singen, wovon erzählen sie?

Als Dichter kann ich es euch sagen:

Sie erzählen davon dass die Araber

nicht als Eroberer nach Cordoba kamen,

sondern als Liebende.

Und so ist es das erste Mal in der Geschichte,

dass aus einer Eroberung Liebe wurde

und aus dem Schwert eine Rose . . .“(…)

Nizar Qabbani, Damaskus 20. Jh. 83

Ψ

83 Der Dichter verfasste viele nostalgische aber auch romantische Gedichte über al-Andalus, das „verlorene Paradies“

geb. März 1923 in Damaskus gest. April 1998 in London

40


Buchmalerei aus „Die Geschichte von Bayâd und

Riyâd“. Maghrebinisches Manuskript, 13. Jh., Szene:

Bayâd singt zur Laute vor der Herrin und ihren

Dienerinnen 84

Seit dem Untergang der syrischen Omaijadendynastie

in der Mitte des 8. Jahrhunderts hatte

Bagdad Damaskus kulturell und gesellschaftlich

den Rang abgelaufen. Bagdad war unter den

Abbasiden nicht nur zum Zentrum der

Wissenschaften im Orient geworden, Bagdad

war inzwischen die Hauptstadt der Mode, des

gepflegten Lebensstils und für kultiviertes

gesellschaftliches Raffinement geworden wie

es einst Paris für Europa war. In al-Andalus gab

es offenbar Nachholbedarf das änderte sich

als ein berühmter Musiker, Sänger und Poet

aus Bagdad der Einladung von Emir Abd al-

Rahman II. folgte und im Jahr 822 in Cordoba ankam: Abul-Hasan ‘Alí Ibn Nafí, der wegen seines

wunderbaren Gesangs und unerschöpflichen Repertoires an Liedern nur Ibn Ziryab 85 genannt wurde

was doppelsinnig auch „Schwarzdrossel“ heißen kann, denn er hatte eine dunkle Hautfarbe.

Er war ein Meister im Lautenspiel und brachte die neuesten Modetrends aus Bagdad mit: dass man

sich parfümierte, die Haut mit Cremes pflegte und mit Deodorant Schweißgeruch verhindern

konnte, dass Zahnpasta sehr nützlich und die neueste Frisur für Männer und Frauen

kurzgeschnittenes Haar à la Bagdad war. Ibn Ziryab verfeinerte auch die Tafelsitten er brachte der

vornehmen Gesellschaft bei dass ein Tisch mit feinem Tuch bedeckt elegant wirkt, und dass Wein

aus Kristallgläsern besser mundet als aus goldenen Bechern. Die kordobesische Elite empfing ihn

mit offenen Armen innerhalb kürzester Zeit avancierte er zum Modepapst. Ibn Ziryab erhielt ein

monatliches Salär von Abd al-Rahman II. von 200 Golddinar 86 , heiratete, bekam acht Söhne und

zwei Töchter und eröffnete eine Musikschule in Cordoba in der Singsklavinnen erzogen wurden. Ein

kleines, überliefertes Zitat über Ibn Ziryab 87 beschreibt sehr anschaulich welche Wirkung der

Musiker und Ästhet auf die kordobesische Gesellschaft hatte: „Nach der Ankunft dieses Orientalen

wehte eine Brise von Vergnügungen und luxuriösem Lebensstil durch Cordoba“.

Letztendlich war es jedoch dem wachsenden Wohlstand im 10. Jh., der politischen Stabilität unter

Kalif Abd al-Rahman III. und dem friedlichen Miteinander der drei Religionen zu verdanken dass sich

mit der zunehmenden Verfeinerung der Sitten eine gesellschaftliche Elite unter den wohlhabenden

Mauren bildete die ein gesteigertes Verlangen nach exquisitem Lebensstil und Luxus hatten und

eine gewisse Manieriertheit nach sich zog. Die Dichtkunst nahm einen immer bedeutenderen

Stellenwert ein und bald gehörten auch die Poeten zur Elite von Cordoba. Wichtigtuerisch schritten

sie in ihren langen, weißen Gewändern durch die Stadt und gaben hier und da einem staunenden

Straßenpublikum Kostproben ihrer Kunst.

84 Arab. Titel: Hadîth Bayâd wa Riyâd. In der Bibliotheca Apostolica, Vatikan, Rom. The work of art depicted in this

image and the reproduction thereof are in the public domain worldwide. The reproduction is part of a collection of

reproductions compiled by The Yorck Project. The compilation copyright is held by Zenodot Verlagsgesellschaft mbH

and licensed under the GNU Free Documentation License.

85 Ibn Ziryab bedeutet Amsel, auch Schwarzdrossel. Geb. 789 in Persien gest. 857 in Cordoba

86 Auf die Währungen Dinar und Dirham gehe ich später ausführlicher ein

87 Henri Terrasse, „Islam d'Espagne une rencontre de l'Orient et de l'Occident", 1958, Librairie Plon, Paris, S. 52-53..

41


Auf dem Sklavenmarkt in Zabid, Jemen 88

Abd al-Rahman I. war der einzige maurische Herrscher

von dem bekannt ist dass er seiner syrischen Heimat

nachtrauerte. Die nachfolgenden Emire und Kalifen

sehnten sich nicht mehr nach einem fernen Land, al-

Andalus bot den Mauren alles was das Herz begehren

konnte. Wie die Herrscher im Orient liebten auch sie

die Prachtentfaltung und die Ästhetik der reich mit

Arabesken geschmückten arabischen Architektur. Sie

ließen herrliche Bauwerke errichten und paradiesische

Gärten anlegen, mit Wasserbecken und Pavillons um

sich dorthin vom Tagesgeschäft zurückzuziehen oder

erfreuten sich an der schattigen Kühle der

Säulengänge um blumengeschmückte Innenhöfe und

am sanften Plätschern der Springbrunnen darin. Bei

offiziellen Anlässen zeigten sie demonstrativ ihren

Reichtum ihr hoher Stand, ihre Macht wurde durch

ein aufwändiges Protokoll untermauert. Außerhalb des Hofzeremoniells umgaben sie sich gern mit

Poeten und dichteten zum Teil selbst. Luxussklavinnen und Musikerinnen waren immer anwesend

auch in der wohlhabenden Stadtelite. Sie waren das Tüpfelchen auf dem „i“ die jedes

gesellschaftliche Ereignis abrundeten. Die maurischen Chronisten und Stadtschreiber hielten mit

großem Eifer jedes noch so belanglose Ereignis fest nicht nur was den Kalifen oder die

Hofgesellschaft betraf, auch über das Gesellschaftsleben wurde geschrieben: über Poeten die sich

zu Dichter-Wettstreits versammelten und wie diese von statten gingen, Besuche von Gesandten aus

Okzident und Orient; von fröhlichen Festen und Gelagen wurde berichtet, von liebreizenden

Singmädchen, talentierten Musikerinnen und klugen Dichtersklavinnen von schönen Palastpagen

und Weinschenken oder ganz allgemein, über jede nur vorstellbare gesellschaftliche Begebenheit.

Man kann sagen dass für die maurischen Chronisten, Literaten oder Poeten jedes Wort es wert war

festgehalten zu werden: Palastgeflüster oder Gesellschaftsklatsch, improvisierte oder präzise

ausgefeilte Lyrik, Liebesfreud oder -leid, glühendes Verlangen nach einer Angebeteten, poetische

Schilderungen erotischen Inhalts oder tödlicher Hass bis hin zu politischen Verstrickungen oder

Kriegsgeschehen. Große Diskretion, selbst in den intimsten Angelegenheiten war nicht angesagt

alles wurde an die Öffentlichkeit getragen.

Auch im maurischen Spanien war der Sklavenhandel ein äußerst einträglicher Handelszweig. Bis zur

Ankunft von Ibn Ziryab im 9. Jh. wurden Singmädchen in Bagdad oder Medina gekauft und nach

Cordoba gebracht. Im Orient hatten sie eine umfassende Ausbildung in Gesang, Tanz und dem Spiel

verschiedener Musikinstrumente erhalten. Die meisten waren farbig, sie oder ihre Eltern waren im

Zuge der Eroberungen der syrischen Omaijaden im Maghreb, in Nubien oder im Sudan gefangen

genommen worden. Hellhäutige, blonde Sklaven waren äußerst rar und wenn es sie gab wurden sie

zu astronomischen Preisen verkauft. Das sollte sich etwas mehr als ein Jahrhundert nach der

Musikschule des Ibn Ziryab ändern.

88 Buchmalerei aus: Manuscrit arabe 5847, fol. 105, Maqâma 34: al-Hârith au marché aux esclaves, Bibliothèque

Nationale de France, Département des Manuscrits, Division orientale. Autor/Titel: Al-harîrî maqâmât, Irak: 1236-1237,

Künstler/Artiste: al-wâsitî. Upload Dcoetzee, 05.Feb.07. Public domain work of art

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Slaves_Zadib_Yemen_13th_century_BNF_Paris.jpg,

42


Die Schule der kostbaren Mädchen

L’inspection des nouvelles arrivées (Musterung der Neuankömmlinge) 89

Ein vielseitiger kordobesischer Gelehrter namens Ibn al-Kattani 90 erkannte mit wachem

Geschäftssinn den Trend der Zeit und eröffnete in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts ein

Institut für die Erziehung von Mädchen als Sing- und Dichtersklaven in Cordoba und Knaben die als

Weinschenken oder Pagen ausgebildet wurden. Bei Sklaven wie Haremsaufsehern, Leibwachen

oder Soldaten war eine helle Haut eher unbedeutend, die einzige Forderung die an sie gestellt

wurde war bedingungsloser Gehorsam dafür sorgte bei Palasteunuchen oder Heerführern die

Kastration damit war es ihnen unmöglich jemals eine Familie zu gründen und ein unabhängiges

Leben zu führen. Hellhäutige Sklaven wurden vorwiegend von Händlern aus Nord- und Osteuropa

angeboten. Das arabische Wort al-saqaliba bezeichnete in arabischen Quellen ursprünglich das

Volk der Slawen und andere hellhäutige Völker in Nord- und Mitteleuropa. Wegen der großen

Anzahl slawischer Sklaven in al-Andalus wurden im Lauf der Zeit alle al-saqualiba genannt, daraus

entstand später das spanische Wort esclavo und wurde in ähnlicher Form von anderen Sprachen

übernommen, wie im Deutschen das Wort „Sklave“. Aber es gab noch einen einfacheren Weg: die

Mädchen wurden unter den Mozarabern angeworben. Viele junge Christinnen mussten nicht

geraubt werden, die gesellschaftliche Stellung eine Luxussklavin oder Singmädchens war um einiges

besser als das Leben das sie vielleicht erwartet hätte. Sie kamen vorwiegend aus einfachen

Verhältnissen und im Vergleich zu den Bediensteten die normale Arbeiten bei Hof und in

Residenzen der gehobenen Gesellschaft verrichteten nahmen die Mädchen bei ihren Besitzern eine

bevorzugte Stellung ein. Anfangs fand Ibn al-Kattani die Christinnen zwar etwas plump und geistig

träge aber auch sie lernten singen, anspruchsvollen Konversationen zu folgen, erwarben

Kenntnisse in der Dichtkunst und beherrschten mindestens ein Musikinstrument.

89 Giulio Rosati (18581917), uploaded by Barbe-Noire, 22:46, 11 November 2008. Wikimedia Commons, public domain

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/12/Inspecting_New_Arrivals_by_Giulio_Rosati_2.jpg File is

identified as being free of known restrictions under copyright law, including all related and neighboring rights.

90 (zuweilen auch Ibn al-Kinani genannt), Muhammad ibn al-Hasan al-Madhayti al-Kattani (Cordoba, 950 Zaragoza

1029), Arzt, Philosoph, Literat, Astrologe, Musiker und Dichter.

43


War ihre Ausbildung beendet wurden sie zu Höchstpreisen verkauft nicht nur in al-Andalus, auch

in den arabisch sprechenden Mittelmeerraum und in den Orient. Dort galten hellhäutige, blonde

Sklaven als besonders exotisch. Während ihrer harten Ausbildung hatten sie ihre Unschuld

bewahrt, das machte sie zusätzlich zu einer höchst begehrten Handelsware. Es stand ihnen frei

Einladungen anzunehmen oder abzulehnen, wobei es hier galt sorgfältig das Für und Wider

abzuwägen, denn eine abschlägige Antwort konnte zu einer gefährlichen Gratwanderung zwischen

Leben und Tod werden. Waren sie besonders begabt durften sie sogar an Dichterrunden

teilnehmen. Aber lassen wir Ibn al-Kattani selbst von sich und seinem Institut schwärmen auch

das verdanken wir den maurischen Überlieferungen:

(…)„Ich bin fähig, die Intelligenz eines Steins zu erwecken, umso mehr die von Personen,

wie ungeschliffen sie auch sein mögen. Wisset, dass ich gerade vier Christinnen habe

die, gestern noch dumm und ungebildet, heute gelehrt und weise sind; sie haben

Kenntnisse in Logik, Mathematik und Philosophie und können mit einem Astrolabium

umgehen. Außerdem sind sie versiert in Grammatik, Literatur und Kalligraphie. Sie

haben Abhandlungen über wissenschaftliche Themen geschrieben und sich auch die

instinktiven Kenntnisse der Beduinen über die sie umgebende Natur angeeignet. Das ist

der herrliche Beweis dafür dass ich einzigartig bin. Ich habe viel Zeit mit Versuchen und

Beobachtungen verbracht. So erkennt denn auf dass Gott euch Kraft gewähren möge!

meinen großen Wert und zollt mir den Ruhm der mir gebührt. Versucht nicht einen

Gelehrten zu finden der mir ebenbürtig wäre oder auch nur einen Teil meiner

Verdienste hätte. Ihr würdet ihn nicht finden, auch wenn ihr in den entferntesten

Ländern suchen ginget(...)“ 91

91 Henri Pérès, Esplendor de al-Andalus, Ediciones Hiperión, S.L., Madrid, 1990, S. 386387 aus: Al-Dachira, III.,

(Gotha), 85b-86a

44


Die Luxussklavinnen waren bekleidet mit leichten fließenden Stoffen und trugen weiche,

durchsichtige Schleier die mehr erraten ließen als sie verbergen sollten. Kein gesellschaftlicher

Anlass war ohne ihre anregende Gesellschaft denkbar. Bei offiziellen Gelegenheiten bei Hof wie es

Empfänge von Gesandten waren, blieben weibliche Musikgruppen zumeist hinter einem Vorhang

verborgen. Es scheint dass es wahre Juwelen unter seinen Zöglingen gab, es wird erzählt, dass am

Hof des Königs von Denia 92 eine Sklavin im ganzen Land berühmt wurde weil sie als einzige wusste,

wie die Grübchen in den Wangen heißen und dass Ibn al-Kattani eine andere Sklavin zum Preis von

3.000 Dinaren (60.000 Goldfranken 93 ) verkaufte. Dieses Mädchen muss wirklich einmalig gewesen

sein der Chronist Ibn Bassam 94 preist ihre Vorzüge in überschäumender Weise:

„Keiner hatte je eine Frau von so lieblichem Äußeren gesehen mit so lebhaften

Bewegungen, einem so schlanken Körper und einer so süßen Stimme dass niemand

besser singen konnte. Sie konnte lesen und schreiben und beherrschte die Kunst der

Kalligraphie, war über die Maßen kultiviert und hatte eine reine Aussprache. Sie

machte nie einen Fehler in Rhythmus und Metrik wenn sie sang oder dichtete.

Dazu besaß sie solche Kenntnisse auf den Gebieten Medizin, Naturgeschichte,

Anatomie und anderen Wissenschaften, dass es schwer gewesen wäre ebenbürtige

Gelehrte zu finden. Sie beherrschte mehrere Waffen und konnte mit Lederschilden,

Säbeln, Lanzen und Dolchen jonglieren. Es gab niemanden der sich mit ihr messen

konnte. Um diesem Wunder von Frau einen gebührenden Rahmen zu geben kaufte ihr

neuer Herr, Prinz Hudayl ibn Razin 95 noch eine große Anzahl von anderen Mädchen die

gerühmt wurden ob ihrer Kunst mit Schwertern zu jonglieren. Zudem nannte er auch

noch eine über die Grenzen seines Landes hinaus berühmte Musikgruppe sein Eigen, die

nur aus Frauen bestand.” 96

In Ibn al-Kattanis Epoche galt sein Institut als das prestigeträchtigste in al-Andalus. Als im Jahr 1010

in Cordoba ein Bürgerkrieg ausbrach verlegte Ibn al-Kattani seine Schule nach Zaragoza. Berühmt,

reich und hoch betagt starb er dort eines natürlichen Todes. Als Literat schrieb er die Antologie:

„Dichterische Vergleiche der Andalus-Araber“ 97 ein Regelwerk für jeden Andalusforscher. Darin

sind Verse und Gedichte von rund einhundert maurischen Dichtern nach Themen gegliedert

wiedergegeben. Das Sammelwerk ist von unschätzbarem Wert da es einen direkten Einblick in die

kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen in al-Andalus erlaubt. Eins seiner Werke mit dem

Titel Muhammad und Suda soll autobiografische Züge haben. Es muss in der Zeit geschrieben

worden sein als er schon in Zaragoza lebte. Suda war wahrscheinlich eins der Christenmädchen

gewesen die in Zaragoza angeworben und als Luxussklavinnen nach Cordoba gebracht wurden,

nachdem sie vom Meister in Literatur und Wortkunst, in Musik, einigen Wissenschaften und in

höfischem Benehmen unterrichtet worden waren.

92 11. Jh., In der 1. Hälfte des 11. Jh. ging das Kalifat von Cordoba in einem Bürgerkrieg unter und al-Andalus zerfiel in

viele kleine Splitterreiche. Denia war ein Taifa-Königreich.

93 Im Mittelalter: französische Goldfranken

94 Abu l-Hasan ‘Ali Ibn Bassam al-Santarini, Geschichtsschreiber und Poet in Al-Andalus. Zwischen1106 und 1111

entstand sein Hauptwerk; die al-Ḏaḫīra fī maḥāsin ahl al-ǧazīra (Schatzkammer der Verdienste/Errungenschaften der

Leute von der [iberischen Halb]Insel), eine der wichtigsten Quellen zu Geschichte, Literatur und Kultur im 11. Jh.

95 Die Mitglieder der Berberfamilie Banu Razin gingen schon zu Zeiten des Emirats von Cordoba bei Hof ein und aus und

besaßen viele Liegenschaften außerhalb der Stadt.

96 Henri Pérès, Esplendor de al-Andalus, Ediciones Hiperión, S.L., Madrid, 1990, S. 386387

97 Kitab al-Tasbihat min as'ar ahl al Andalus von Ibn al-Kattani. Die Sammlung wurde von dem Islamwissenschaftler

Wilhelm Hoenerbach übersetzt und erschien 1973 im Selbstverlag des Orientalischen Seminars der Universität Bonn

45


Cordoba „Perle des Okzidents!“

Hroswitha von Gandersheim 98 , 10. Jh., überreicht Kaiser

Otto I. ihr lateinisches Werk Gesta Oddonis. Sie pries das

damalige Cordoba als „Kleinod der Welt“! und „Perle des

Okzidents!“!

Die berühmteste maurische Palaststadt ist ohne Zweifel

die Alhambra in Granada. Es wurde so viel über sie

geschrieben dass ich hier nicht mehr darauf eingehen

brauche. Aber es gab in al-Andalus eine Palaststadt viel

früheren Datums die ebenso bedeutend wenn nicht noch

berühmter war. Sie stammt aus der Blütezeit der

maurischen Hochkultur im 10. Jh. und konnte nur dank

überlieferter Texte bestimmt werden: ihr Name war

Medina Azahara 99 , ungefähr 8 km westlich von Cordoba

gelegen. Nur durch einen Zufall wurde sie am Anfang des

20. Jahrhunderts an einem Ausläufer der Sierra

Morena 100 , dem sogenannten „Berg der Braut“ entdeckt.

Lange hatten spanische, französische oder deutsche

Historiker, Arabisten und Archäologen ihre Existenz

angezweifelt und die überschwänglichen Schilderungen

maurischer Chronisten von einer märchenhaften, prachtvollen Palaststadt für Legenden gehalten.

Inzwischen weiß man dass sie seinerzeit die größte Stadt im gesamten Mittelmeerraum war. Die

Ausgrabungen wurden nur durch die Jahre des spanischen Bürgerkriegs unterbrochen und dauern

heute noch an, wenn auch der wichtigste Teil inzwischen freigelegt und so gut es ging rekonstruiert

oder restauriert wurde. Sie hatte gewaltige Ausmaße, hangabwärts erstreckte sie sich über rund

112 Hektar: 1500 m von Ost nach West und 750 m von Nord nach Süd. Wie wir den

Überlieferungen entnehmen, sollte die Prachtentfaltung von Medina Azahara den Glanz des Kalifats

von Cordoba im 10. Jh. wiederspiegeln. Ein Hofdichter und Rethoriklehrer aus Cordoba namens Ibn

Abd Rabbihi 101 erging sich in Lobpreisungen des Kalifen:

„Er stellte die Einheit des Reiches wieder her und riss die Schleier der

Finsternis herab (…) In seinem Glanz erstrahlte ein neuer Morgen”.

Unter Abd al-Rahman III. wurde Cordoba zu einem Leuchtturm der Zivilisation und Kultur. Die

deutsche Kanonissin und Schriftstellerin Hroswitha von Gandersheim erging sich in Lobeshymnen

über die Stadt. Sie gilt als die erste deutsche Dichterin und schrieb religiöse und historische Werke

sowie Lyrik; ihr werden die ersten Dramen seit der Antike zugeschrieben.

98 Hroswitha (auch: Hrotsvita, Hrosvit, Roswitha oder Hroswitha (ca. 935 nach 973, ca. 1002?) war eine Kanonissin von

Stift Gandersheim (heute in Niedersachsen). Sie gehörte dem Orden der Benediktiner an, war eine bekannte deutsche

Schriftstellerin und glühende Verehrerin von Kaiser Otto. I. und schrieb die „Gesta Oddonis“, eine lateinische Erzählung

über die Taten Kaiser Ottos I. mit seiner Biographie.

99 arab. Madīnat az-Zahrā' (die leuchtende Stadt, die strahlende Stadt), auch: Medina al-Zahara, Madinat Zahara

100 Das dunkle Gebirge. Das Gebirge trennt Andalusien im Nordwesten von der span. Provinz Extremadura und dem

kastilischen Hochplateau

101 Cordoba, 860-940

46


Cordoba im 10. Jahrhundert

Cordoba im 10. Jahrhundert. Zum Vergleich: Anfang des 21. Jh. war Cordoba ebenso groß wie

hier gezeigt 102 . ©Consejería de Medio Ambiente y Ordenación del Territorio de la Junta de

Andalucía 103

Cordoba war im 10. Jh. übervölkert, arabische Chroniken sprechen von bis zu einer Million

Einwohner wahrscheinlich ist, dass es zwischen 350.000 und in der Mitte des 10. Jh. sogar

500.000 waren. Zur gleichen Zeit hatten Paris oder London noch nicht einmal runde 30.000

Einwohner nur in Konstantinopel lebten in jener Zeit so viele Menschen. Es gab 27 öffentliche

Schulen für Mädchen und Jungen, für Kinder aus bescheidenen Verhältnissen war der Unterricht

kostenlos. Die Beziehungen mit den Christenkönigen im Norden Spaniens waren ausgeglichen, man

respektierte einander; jugendliche Adlige wurden sogar an den Kalifenhof geschickt um dort eine

exquisite Erziehung zu genießen.

Kein Wunder, dass die Kalifenstadt zum Ziel für Gelehrte, Poeten, Musiker und Kunsthandwerker

aus ganz Arabien und Nordafrika wurde. Auch für Landwirtschaft, Handel und Handwerk brach eine

Blütezeit an. Die Ortschaften wuchsen rasch, neue Gassen wurden geplant und gepflastert, in

Cordoba gab es die ersten Straßenlaternen im Abendland. Der städtischen Hygiene wurde

besondere Aufmerksamkeit geschenkt und die Versorgung der öffentlichen Brunnen mit sauberem

Trinkwasser gewährleistet Abwässer wurden unterirdisch entsorgt. Von größter Wichtigkeit war,

dass für die Bauern Wasser in ausreichender Menge zur Verfügung stand. Dafür gab es eine eigene

Institution die die Wasserverteilung regelte. Die florierenden Städte mussten mit Lebensmitteln

versorgt werden und selbst die Bauern brachten es zu bescheidenem Wohlstand. Aus dem

maurischen Granada stammt eine Tradition die von den Christen nach der Rückeroberung der

muslimischen Gebiete übernommen wurde: das Wassergericht. Der Brauch hat sich bis in unsere

Tage erhalten, es tagt noch heute in Valencia um Streitigkeiten zwischen Landwirten zu schlichten.

102 327.362 Einwohner im Jahr 2015. Dabei gilt zu beachten, dass arabische/maurische Städte immer sehr in sich

verschachtelt gebaut und die Gassen sehr eng sind. Siehe das Beispiel der Altstadt von Fès. Daher erscheint eine

Einwohnerzahl von 500.000 im X. Jh. durchaus plausibel.

103 fotografiert im Centro de Recepción de Visitantes Visitors Center, Turismo de Andalucía und Turismo de Córdoba,

Plaza del Triunfo, Cordoba

47


In den Baños del Alcázar Califal,

Cordoba 104 , zweite Hälfte 10. Jh.,

erbaut unter Kalif Hakam II. 105

Baumeister, Steinmetze, Gartenbauer

für Lustgärten, Freskenmaler

und Zimmerleute, Weber,

Töpfer oder Schreiner hatten alle

Hände voll zu tun um der

wachsenden Nachfrage aus

Palästen, öffentlichen Bädern,

aus den Residenzen wohlhabender

Bürger nachzukommen.

Vornehme französische Damen

ließen elegante Roben in Cordoba anfertigen Teppiche und Wandbehänge mit orientalischen

Mustern hielten Einzug in christliche Burgen. Die neuen Bauwerke verlangten auch nach

standesgemäßer Einrichtung: Groß war der Bedarf an Möbeln und Haushaltswaren aller Art aus

wertvollen Hölzern und Metallen, aus Keramiken, Glas und Stoffen. Wände und Böden wurden mit

Wandbehängen und Teppichen, Ruhepodeste in Schlafgemächern und Sitzbänke mit Kissen und

Polstern geschmückt. Allein in dem kleinen Mittelmeerstädtchen Almería gab es im 11. Jh. an die

5.000 Webstühle und an den Molen seines Hafens wurden wöchentlich Dutzende von Schiffen beund

entladen. Rührige Händler wussten auch die ausgefallensten Wünsche nach erlesenen

Luxusgütern selbst aus China, Indien oder Arabien zu befriedigen. Die Waren kamen über die Große

Seidenstraße und die Weihrauchstraße auf die Märkte im Vorderen Orient von wo aus sie auf dem

Landweg oder per Schiff nach al-Andalus transportiert wurden.

Die Bäder in al-Andalus

Aus Cordoba ist überliefert dass es im 10. Jh. an die 300 öffentliche Hamams gab; damals hieß es

„dass ein Bettler lieber auf ein Stück Brot verzichtet als auf ein Bad“. Die arabischen Bäder dienten nicht

nur der Reinigung, für Frauen und Männer waren sie regelrechte Wellnessoasen, Orte des

körperlichen Wohlbehagens. Dort konnte man sich die Haare schneiden, sich depilieren und

massieren lassen. Gleichzeitig waren sie gesellschaftliche Treffpunkte und waren, wie die Arabistin

María Jesús Rubiera in ihrem Buch feststellt, im wahrsten Sinn des Wortes „Häuser der Lust“ “ 106 .

Von den mehreren 1.000 arabischen Bädern in al-Andalus sind nur sehr wenige erhalten geblieben.

Nach Abschluss der christlichen Rückeroberung wurden die meisten Moscheen, Paläste oder

Stadthäuser wohlhabender Mauren umgebaut: Aus Moscheen wurden Kirchen, aus Minaretts

Glockentürme, prächtige Residenzen wurden christlichen Feldherren zugeteilt die sich besondere

Verdienste bei der Rückeroberung erworben hatten und im Renaissancestil umgestaltet.

104 Al-Hakam II. war der Sohn und Nachfolger von Kalif Abd al-Rahman III., er herrschte von 961976. Der Hamam

„Bäder des Kalifenpalasts“ wurde 1903 zufällig bei Erdarbeiten entdeckt und zwischen 1961 y 1964 soweit freigelegt

dass er restauriert werden konnte. Heute liegt der Eingang wieder unter der Erde.

105 Baños del Alcázar Califal, Foto: Stefanía Villanueva y Lucía Silva, Autor: Delegación de Cultura Ayto de Córdoba,

trans-ferred from Flickr via Flickr2CommonsLizenz, Creative Commons Attribution 2.0 Generic, upload: 31.01.2016 by

Hameryko. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ba%C3%B1os_del_Alc%C3%A1zar_Califal_(24375040152).jpg

106 La literatura en la Arquitectura Árabe, deutsche Übersetzung von Isabel Blanco del Piñal Rosen der Wüste Die

Architektur in der arabischen Literatur, Verlag RoseNoire, München, S. 115-123

48


Nach der christlichen Eroberung der Maurenreiche blieben die Hamams noch geöffnet bis König

Philipp II. 107 im 16. Jh. ein Dekret erließ dass sie Orte der Sünde und zu schließen seien. Die

öffentlichen Bäder wurden dem Erdboden gleich gemacht, nur wenige haben die Zerstörung

überlebt wie die Hamams in Gerona, Jaen, Ronda oder die vorher zitierten Baños Califales in

Cordoba. Von den Hunderten Hamams in der Stadt Granada ist das Baño del Nogal, auch El Bañuelo

genannt, aus dem 11. Jh. erhalten geblieben.

Baño del Nogal (El Bañuelo), 11. Jh. Bild:

© Patronato de la Alhambra, Granada/Pepe Marín Zarza

Der kordobesische Poet Ibn Schuhaid beschreibt uns den Saal eines luxuriösen Bads aus

Marmor so:

„Sprachlos bin ich vor Wonne in diesem Bad, denn mir war,

als würde sich mir das Himmelsrund eröffnen.

Das Rot und das Weiß über uns machen uns glauben,

sie seien die Wange der Geliebten,

wenn Schweißperlen sie bedecken.

Entzückt über die Schönheit dieses Bads

begann die Tageszeit das Sternenzelt der Decke

mit dem Erröten der Dämmerung zu färben“.

Ibn Bassam 108 (Antologie)

Ψ

107 geb. Mai 1527-gest. Sept. 1598

108 María Jesus Rubiera, La arquitectura en la literatura árabe, S. 102. Enthalten in: al-Dhachira (al-Dajira) von Ibn

Bassam, Bd. I, I, S. 258. Dazu s. Fußnote 90 auf S. 44.

49


Die Hamams von Granada sind späteren Datums, die Stadt wurde erst am Anfang des 11. Jh. von

einem berberischen Heerführer aus dem Stamm der Ziriden auf dem Hügel Albaicín 109 gegründet. In

allen größeren Städten gab es Hunderte von öffentlichen Bädern. Einige müssen ähnlich prächtig

ausgestattet gewesen sein wie das Bad im Palast Khirbet al Mafdschar. Das lässt ein Lobgedicht auf

die Reize einer Marmorstatue die in einem Hamam in Sevilla stand vermuten:

Im Baño de Comares 111 , La Alhambra,

Bild: ©Patronato de la Alhambra, Granada

Fotograf: Pepe Marín Zarza

„In der Mitte unseres Hamam

steht eine Frau,

die dich beim ersten Blick verzaubert

und dich mit jeder Einzelheit verführt.

Ihre Haut ist leuchtend rein,

ihre Wange, ein glattes Rund,

das Gesicht ist lieblich

und der Blick, sittsam gesenkt.

Ihre Gestalt ragt schlank empor

ein moschusduftender Weidenzweig,

von einer fruchtbaren Erde

gestillt und genährt.

Ihr Lächeln, öffnete sie dabei die Lippen,

würde die Perlreihen ihrer Zähne zeigen,

wie Hagelkörner so weiß.

Wie sie sich umschaut,

tut sie es mit einer Geste,

die in ihrer unbeschreiblichen Anmut

eine Andeutung ist und in euch

Gedanken an die Lust der Liebe erweckt.“

Ibn Zaidun, Sevilla, 11. Jh. 110

Die Nasridenkönige 112 begannen mit dem Bau der Kasbah, der imposanten Stadtburg der Alhambra,

in der ersten Hälfte des 13. Jh. es dauerte bis ins 14. Jh. hinein bis eine richtige kleine Stadt auf dem

Alhambrahügel entstand. Der Kern besteht aus mehreren Palästen die ineinander übergehen. Der

eindrucksvollste ist der königliche Palast Comares mit dem legendären Myrtenhof. Eine Ausnahme

ist das kleine Lustschlösschen Generalife es liegt auf einem nahen Hügel gegenüber der Alhambra.

Es gab einige palastartige Gebäude mehr als die die wir heute sehen, sie wurden für den Bau des

Palasts Kaiser Karls I. von Spanien, der zugleich Kaiser Karl V. des Römisch-Deutschen Reichs war,

abgerissen. Es gab immer wieder Stimmen die kritisierten dass maurische Paläste dem Palast Kaiser

Karls V. zum Opfer fielen. Doch müssen wir uns in die Zeit nach der christlichen Eroberung der

muslimischen Gebiete versetzen. Alles was Zeugnis ablegte von der Blütezeit der maurischen

Hochkultur war verhasst. Es ist wahrscheinlich nur dem Palast und dem Kunstverstand des römischdeutschen

Kaisers zu verdanken dass die Alhambra wie wir sie heute sehen, erhalten blieb.

109 Das Viertel auf dem Hügel Albaicín ist der älteste Teil der Stadt Granada. Er liegt direkt gegenüber der Alhambra.

110 Henri Pérès, Esplendor de al-Andalus, Ediciones Hiperión S.L., Madrid 1990, S. 336.

111 Der Hamam liegt unmittelbar am Palast des Monarchen, dem Palacio de Comares.

112 Stammvater der Dynastie war ein adliger Maure namens Muhammad ibn Nazar (auch Nasr) im Jahr 1238, daher

Dynastie der Nasriden.

50


Bilder oben und unten: Im Baño de Comares, in Alhambra,

Granada. © Fotos: Patronato de la Alhambra, Granada/ Pepe

Marín Zarza

Inzwischen weiß man, dass jeder Palast in der Alhambra

einen eigenen Hamam hatte im Wohnviertel der Stadtburg

gab es wahrscheinlich mehrere öffentliche Bäder. Eins davon

ist erhalten, es gehörte zur ehemaligen Hauptmoschee die

Anfang des 17. Jahrhunderts zur Kirche Iglesia de Santa

María de la Alhambra, umgestaltet wurde. Spektakulär ist

das Bad Baño de Comares, der Hamam des Königs in der

Alhambra. 113 Er war nur für ihn, für seinen Harem und

wahrscheinlich auch für hohe Gäste bestimmt, ähnlich dem

arabischen Bad im Palast Khirbet al Mafdschar.

Der Hamam hat als einziger in der westlichen Welt fast

unversehrt unsere Zeit erreicht. Nur die schmückenden

Kachel- und Fliesenarbeiten wurden im 15. Jh. nach der

christlichen Eroberung Granadas wahrscheinlich von

maurischen Kunsthandwerkern erneuert. Der schönste

Raum ist herrlich. Hier entledigte man sich seiner Gewänder oder ruhte nach der ausgiebigen

Badeprozedur noch eine Weile entspannt auf den erhöhten, von unten beheizten,

mosaikdekorierten Liegeflächen in den Nischen. Daher erhielt der Raum den Namen Sala de las

Camas (Saal der Liegen). Den Abschluss des Raums bildet eine Kassettendecke. Der erste Stock

diente wahrscheinlich auch der Repräsentation. Es wird erzählt dass der Sultan von der rundum

laufenden Galerie seine Haremsdamen von dort beobachtete und der Auserwählten für die nächste

Nacht einen Apfel zuwarf.

113 Der Hamam war lange Zeit schlicht als „Königliches Bad“ bekannt weil er zu den Gemächern der Christenkönige

Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragonien gehörte. Nach ihrem Sieg über Granada im Jahr 1492 war das

letzte muslimische Reich in Spanien erobert, danach wohnten sie in der Alhambra.

51


Die Palaststadt Medina Azahara 114

Kalif Abd al-Rahman III. empfängt christliche Gesandte aus Byzanz

im Botschaftersaal von Medina Azahara. 115

Im 10. Jh. unter Kalif Abd al-Rahman III. beginnt der letzte glanzvolle und zugleich tragische

Abschnitt des Kapitels „Herrschen und Genießen“. Nach der Wissenschaftlerin María Jesús Rubiera

erlag der Kalif einem wahren Baufieber das seinen Höhepunkt in Medina al-Zahara erreichte. Er

renovierte das Lustschloss La Noria 116 , errichtete das Minarett 117 der heutigen Moschee-Kathedrale

in Cordoba und am Ende, die legendäre Stadtburg Medina Azahara. Sie war die Krönung der

Baukunst der Kalifen und vielleicht ein Symbol für eine Architektur deren einziges Ziel es war mit

ihrer Ästhetik die Sinne zu erfreuen. Für die Beschreibung von Medina Azahara gibt es eine Fülle

von detailverliebten Überlieferungen maurischer Chronisten, Lobredner und Literaten.

„(…)Danach plante er Madinat az-Zahra, dort sollte seine Residenz sein und der Thron

seines Reiches stehen, und er füllte sie mit Gebäuden, Palästen und Gärten, dazu

kamen weite Gehege für Wild und Häuser für Vögel, mit Netzen umhüllt. Er baute in

der Stadt auch verschiedene Fertigungsstätten für Gebrauchsgegenstände, Waffen,

Schmuck und andere Sachen“.

Al-Maqqari, Naf al-Tib 118

114 span. Name, abgeleitet vom arabischen Madīnat az-Zahrā', die leuchtende, die strahlende Stadt

115 Gemälde von Dionís Baixeras i Verdaguer (18621943) fotografiert im Turm Torre de la Calahorra, im Museumsturm

der Stiftung Fundación Paradigma de Córdoba (am Ende der römischen Brücke).

Das Bild ist ein Phantasieprodukt, sehr charakteristisch für die Zeit der Orientmalerei/-literatur im romantischen

Zeitalter(19. Jh.). Wahrscheinlich hat es wenig mit der Realität zu tun, kann aber unsere Phantasie unterstützen.

116 „Das Schöpfrad“

117 Der heutige Glockenturm der Moschee-Kathedrale. Das Minarett erhielt einen Aufbau im Renaissancestil.

118 s. Fußnoten 60, 61, S. 28, Bd. II, S. 112

52


Der Bau begann im Jahr 936 an die insgesamt 10.000 Menschen Baumeister, Sklaven,

Handwerker, Gärtner und Kunsthandwerker waren daran beteiligt. Obwohl die Arbeiten noch nicht

ganz beendet waren zog der Hof 945 dorthin um. Die Hauptmoschee war seit 941 fertiggestellt

um das Jahr 947 wurde die Münzprägeanstalt nach Medina Azahara verlegt. Der Kalif ließ

verkünden, dass jeder Bürger der sein Haus in der Nähe des Herrschers errichten wolle von ihm 400

Dirham 119 erhalten würde. Bald erstreckte sich die Stadt über mehr als 40 Morgen Land. Die

gesamte Bauzeit dauerte an die 40 Jahre, bis in die Regierungszeit von al-Hakam II., dem Sohn und

Thronfolger von Abd al-Rahman III. der die Palaststadt vollendete.

Über die Entstehung von Medina Azahara hält sich hartnäckig eine Legende. Auch der maurische

Mystiker, Sufimeister und Literat Ibn ‘Arabi der als Doctor Maximus des Sufismus gilt, griff sie in

einem seiner Werke 120 auf. Das ist auch gut so, denn wie sich bei der sehr späten Entdeckung der

Ruinen im Jahr 1911 und den, inzwischen seit rund einem Jahrhundert währenden, Ausgrabungsund

Restaurierungsarbeiten herausstellte, verdiente die Palaststadt tatsächlich die Bezeichnung

„märchenhaft“.

„Sagte Muhyi l-Din ibn al-‘Arabi: Einige Weise von al-Andalus erzählten mir, dass der

Grund für den Bau von Madinat az-Zahra der war dass die angesehenste Konkubine des

al-Nasir [Abd ar-Rahman III.] im Jahr 936 starb. Sie hinterließ eine Schatztruhe voller

Gold und Juwelen. Der Kalif ordnete an, mit diesen Schätzen die Glaubensbrüder

freizukaufen, die im Laufe kriegerischer Auseinandersetzungen in die Hände von

Ungläubigen gefallen sind. Da die ausgesandten Späher jedoch nirgends gefangene

Muslime ausmachen konnten, fragte der Kalif seine Favoritin al-Zahara, was so viel

heißt wie „die Orangenblüte“, was er mit diesen Reichtümern machen solle. Al-Zahara

wünschte sich eine Stadt die ihren Namen tragen sollte. Und so wurde einer Bergflanke,

ungefähr vier Meilen nordwestlich von Cordoba, die Palaststadt Medina Azahara

erbaut. Abd al-Rahman befahl, das Portrait der Namensgeberin über dem Stadttor

einzumeißeln

Als alles fertig war, bewunderte al-Zahara die strahlende Schönheit der Stadt,

angeschmiegt an den dunklen Berg und sagte: „Oh mein Gebieter, siehst du nicht die

schöne Sklavin in der Armbeuge dieses hässlichen Schwarzen?“ Der Kalif befahl, den

Berg abzutragen doch seine Höflinge sagten: „Der Herrscher der Gläubigen versucht

etwas, was gegen alle Vernunft ist. Auch wenn alle Lebewesen dieser Erde schaufeln

würden könnten sie ihn doch nie verschwinden lassen. Das kann nur der, der ihn

geschaffen hat.“ Da befahl er alle Bäume an dem Berg zu fällen. An ihrer statt ließ er

Feigen- und Mandelbäume pflanzen, und so erschien zur Blütezeit die Landschaft

fröhlich und hell.“

Al-Maqqari, Nafh al-Tib, nach Ibn al-Arabi, 12. Jh. 121

119 Der Dirham war eine Silber- und der Dinar eine Goldmünze (4.25 Gr.). Historiker schätzten das Jahreseinkommen in

der Zeit des Kalifats unter Abd al-Rahman III. auf ca. 6.245 Mio. Dinar allein durch Steuern. Zum Vergleich: Ein erster

Minister (Großwesir) erhielt 80.000 Dinar im Jahr, davon musste er aber seine Leibwache selbst bezahlen.

120 Ibn al-Arabi (11641240), in (gekürzt) Muhadarat al-abrar (Unterhaltung der Frommen), Übersetzung Ma. Jesús

Rubiera Mata, Literatura Hispanoárabe, Editorial Mapfre, Madrid 1992, S. 184. Sufismus ist ein sehr alter, friedlicher

Zweig des Islam; Sufis leben zumeist in klosterähnlichen Gemeinschaften, pflegen einen asketischen Lebensstil und

widmen sich vorwiegend der Meditation. Sinn und Inhalt ihrer Glaubensrichtung ist die Liebe zu Gott die sich auch in

der Liebe zu allen Lebewesen ausdrückt. Ibn ‘Arabi wird als „Doctor Maximus“ des Sufismus bezeichnet.

121 S. Fußnoten 59, 60, S. 28. Ibn al-Arabi (11641240), Muhadarat al-abrar, Ma. Jesús Rubiera Mata, Literatura

Hispanoárabe, Editorial Mapfre, Madrid 1992, S. 184.

53


Teilansicht von Medina Azahara, Blick auf die offizielle Ebene. Das Gebäude mit den 5

Längsdächern gehört zum Botschaftersaal, dem Salón Rico. Davor liegt ein Ziergarten mit

einem Wasserbecken in dessen Mitte sich ein Pavillon befand. Bildmitte: Die teilrestaurierten

Grundmauern hinter der hohen hellen Fassade mit den Säulenbögen und die Fassade selbst

gehören zum Haus des Großwesirs 122 .

Nur wenige Meilen nordwestlich von Cordoba wiesen schon aus der Ferne die in der Sonne

glitzernden Dächer von Medina Azahara Besuchern und Händlern den Weg. Die Stadt muss den

mythischen Palästen des Orients ähnlich gewesen sein die auf dem beschwerlichen Weg durch die

Wüste aus Visionen der Beduinen entstanden. In den schillernden Trugbildern die über verlassenen

Ruinen längst untergegangener Zivilisationen schwebten, sahen sie goldglänzende, mehrere

Stockwerke hohe, mit Türmen und Kuppeln verzierte Bauwerke. Und auch das wohlige Lustgefühl,

wenn der Wüstenwanderer von der gleißenden Sonnenglut in die dämmrige Kühle grüner Oasen

eintaucht fand sich in den duftschwangeren Gärten von Medina Azahara wieder. Der

Rechtsgelehrte Ibn Challikan 123 , Biograph von König al-Mutamid von Sevilla(11. Jh.), preist Medina

Azahara mit dieser Beschreibung:

„Az-Zahra ist eins der Weltwunder, von Abu l-Muzaffar Abd ar-Rahman ibn

Muhammad ibn Abd Allah 124 , auch genannt al-Nasir, erbaut, einem der Monarchen aus

der Omaijadendynastie in al-Andalus, zu Anfang des Jahres 325 (936) in der Nähe von

Cordoba in einer Entfernung von vier und einer drittel Meile. Die Länge von az-Zahra

von Ost nach West war 2.700 [ ]Ellen und ihre Breite von Süd nach Nord [ ] 1.500

Ellen. Die Anzahl ihrer Säulen war 4.300 und die der Türen größer als 15.000. Al-Nasir

teilte die Steuereinnahmen des Reichs in drei Teile auf: Ein Drittel für das Heer, ein

Drittel für das Schatzamt und den anderen Teil gab er für den Bau von az-Zahra aus“.

Al-Maqqari, Nafh al-Tib 125

122 Der Erste Minister am Hof.

123 Syrischer Historiker (1211-1282), er stellte ein biographisches Sammelwerk zusammen mit dem Titel Wafayat al-

A‘yan.

124 Vollständiger Name des Kalifen Abd al-Rahman III.

125

s. Fußnoten 60, 61,, S. 28, Ebd. Bd. II, S. 6566

54


Auf der mittleren Stufe der Palaststadt. Oben im

Bild ist ein Teil des heutigen Verwaltungsgebäudes

zu sehen von dort nach oben

erstreckte sich der Palastbereich des Kalifen

Der Biograph und Historiker Ibn Idhari (13. Jh.)

nennt beeindruckende Zahlen:

„Die Anzahl der Häuser, die im Palast az-Zahra

standen belief sich auf 400, und sie waren nur für

den Kalifen und seinen Hofstaat. Es lebten dort

3.750 Diener und die Zahl der Frauen -ob von

edler Herkunft oder nicht- und Dienerinnen belief

sich auf 6.300“. 126

Die Palaststadt machte sich das natürliche

Gefälle vom “Berg der Braut” zunutze, ein

Ausläufer der Sierra Morena 127 . Von hier

überblickt man das ganze Tal des Guadalquivir.

Sie ist terrassenförmig angeordnet und folgt

einer hierarchischen Anordnung. Ganz oben

lagen die Paläste für den Kalifen, für seinen Hofstaat, die Haremsdamen und -so wird hinter

vorgehaltener Hand berichtet- auch für seinen männlichen Harem. Von hier oben schweift der Blick

über das ganze Tal des Guadalquivir. Auf der mittleren Ebene lag der öffentliche, der offizielle Teil

mit dem prunkvollen Empfangssaal mit einem Wasserbecken davor mit einem Pavillon in der Mitte

und einem Ziergarten. Das ist das was wir auf dem Stand der bisherigen Ausgrabungen sehen. Es

heißt dass nicht einmal die Hälfte freigelegt wurde. Wenn man bedenkt dass das ganze Areal

buchstäblich am Berghang verschüttet und zum Teil metertief vergraben war, kann man das

Resultat der fast 100-jährigen Ausgrabungen und Restaurierungen nicht hoch genug werten und

loben. Um die oberste und die mittlere Ebene gab es noch einen inneren Mauerring, zusätzlich zu

den im Mittelalter üblichen Wehranlagen und Befestigungen aus massigen Quadersteinen um die

ganze Stadt. Im Anschluss an den Garten auf der letzten Ebene breitete sich die Stadt mit

hunderten von kleineren und größeren Häusern aus, denn nach dem Umzug des Kalifen wollte

jeder Bürger in seiner Nähe wohnen. Dazu kamen die geschäftigen Basare, das Handwerksviertel,

die öffentlichen Brunnen, die Bäder, Schulen und Koranschulen. Gewaltige Tore verbanden die

einzelnen Abschnitte der Stadt mit Durchgängen und alle Tore wurden jeden Abend geschlossen

und verriegelt. Ob noch Ausgrabungen stattfinden werden ist nicht bekannt. Es ist allerdings seit

vielen Jahren verboten auf der Talebene zu bauen, die Flächen werden als Viehweiden genutzt.

Ungewöhnlich ist, dass Medina Azahara nicht dem üblichen islamischen Baustil entspricht. Große

arabische Städte wie Fès, Kairo oder Tunis bestehen aus einem Gewirr verschachtelter Gassen mit

bienenkorbartig ineinander gebauten Häusern die für jeden Ortsunkundigen ein Labyrinth

darstellen. Medinat Azahara dagegen wurde in rechten Winkeln angelegt und hatte ein gut

durchdachtes unterirdisches Netz für Frisch- und Abwasser. Sie ist die einzige Stadt im gesamten

Mittelmeerraum die im Ganzen geplant und buchstäblich auf einen Schlag aus dem Boden

gestampft wurde.

126 Ebd. Bd. II, S. 231. Ibn Idhari war ein marokkanischer Historiker (2. Hälfte 13. Jh.). Er schrieb eine Geschichte über

den Maghreb und al-Andalus von der arabischen Eroberung bis zu seiner Zeit. Titel: Al-Bayan al-Mughrib fi achbar

muluk al-Andalus wa al-Maghrib

127 Das dunkle Gebirge, s. Fußnote 88, S. 46

55


Der Dichter Ibn Schuchais 128 beschreibt Medina Azahara mit Überschwang, wobei berücksichtigt

werden muss dass er als Lobredner zum Hofstaat des Kalifen gehörte.

„Diese Paläste des Fürsten aller Gläubigen können

auf alle anderen auf der Welt verachtend herabschauen,

so wie für uns die Sonne das Strahlendste aller Gestirne ist,

wenn sie auch die Höhe von Saturn nicht erreicht;

die Paläste von az-Zahra sind einmalig in ihrer Pracht,

sind Beispiel und Vorbild zugleich.

Ihr Glanz übertrifft alles Bemühen sie zu beschreiben;

gar unbeschreiblich sind sie und Schweigen käme einem Redeschwall gleich …

Ihre Erhabenheit übertrifft die Herrlichkeit aller Paläste,

so wie die Dynastie seines Erbauers allen Dynastien überlegen ist.“

Ibn al-Kattani, Al-Tashibat 129

Der Palastbereich des Kalifen bestand aus mehreren Palästen die ineinander übergingen und

prunkvolle Säle hatten. Einige sind namentlich bekannt: Al-Mumarrad oder „der Getäfelte”, ein

Name der sich an einen Pavillon König Salomos anlehnt und dessen Dach Abd al-Rahman III. mit

vergoldeten Ziegeln decken ließ. Oder „der Vertraute“ in dem er ein Becken mit zwölf Tierfiguren

aus Gold unterbrachte. Er baute auch einen Saal bekannt als „Palast des Kalifen“ wo eine große

Perle -ein Geschenk des Kaisers von Konstantinopel- aufgehängt und ein kleines Becken mit

Quecksilber aufgestellt wurde das wegen seiner Lichtspiele zum Vergnügen des Kalifen bestimmt

war:

„Im Palast von Medina Azahara ließ Abd al-Rahman III. einen Saal bekannt als

“Palast der Kalifen” bauen. Seine Decke war aus Gold und massivem Marmor und

die Wände auch. In der Mitte der Decke wurde eine große Perle angebracht, ein

Geschenk von Julian, dem König von Konstantinopel. Der Palast war außen mit Gold

und Silber verkleidet und in der Mitte stand ein Becken voll mit Quecksilber. Der Saal

hatte acht Türen, darüber ruhten in sich verschlungene Bögen aus Marmor und

Ebenholz mit Einlegearbeiten aus Gold und Edelsteinen auf Säulen aus Marmor und

Kristall. Wenn die Sonne in den Saal schien und ihre Strahlen auf das Becken und die

Wände trafen, glänzte alles so hell, dass es die Augen blendete. Wenn der Kalif

jemanden beeindrucken wollte, hieß er einen seiner Sklaven das Quecksilber

umzurühren, und dann sah man in dem Saal blitzende Lichter die die Herzen erbeben

ließen, und es ging so weit, dass der ganze Saal zu fliegen schien, solange das

Quecksilber in Bewegung war ...

Andere erzählen, dass dieser Saal sich drehte und dem Lauf der Sonne folgte. Der

eine oder andere sagt: “Dieses Becken hat es wirklich gegeben und niemand, nicht in

der vorislamischen Zeit und nicht zu Zeiten des Islam, hat je etwas Ähnliches

vollbracht”. Das war möglich, dank der reichen Quecksilbervorkommen in al-

Andalus“.

Al-Maqqari, Nafh al-Tib 130

128 Nach dem Tod des Kalifen Abd al-Rahman III. stand er auch noch in den Diensten des Thronfolgers al-Hakam II. und

erlebte den Anfang der Herrschaft des Usurpators al-Mansur (Almanzor.

129 s. Fußnote 89 auf S. 43

130 Ebd., Bd. II, S. 66-67

56


Auf der mittleren, der öffentlichen Ebene, liegt dieses

Haus von dem Fassade und Grundmauern wiederhergestellt

werden konnten. Jedes Gebäude mit

Hufeisenbögen in der Fassade wies auf den hohen

Rang seines Bewohners hin.

Auf der öffentlichen Ebene von Medina Azahara mit

dem Botschaftersaal, den Gärten, Verwaltungen,

der Leibgarde, den Küchen und dem prächtigen

Haus des Großwesirs herrschte immer geschäftiges

Treiben. Früh morgens war Wachablösung, die

Leibgarde marschierte zum Exerzierplatz vor der

Stadt, die Wesire eilten zum Haus des Großwesirs

um Anweisungen zu empfangen oder Bericht zu

erstatten. Küchen und das öffentliche Bad auf dieser

Ebene waren in Betrieb Tag und Nacht. Im Salón

Rico, dem Botschaftersaal, wurden Vorkehrungen

für den Empfang bedeutender Gäste getroffen.

Obwohl man von der darüber liegenden Ebene fünf

Längsschiffe erkennt, belegt der Salón Rico selbst

nur drei innen voneinander mit aufwändig gearbeiteten Säulenbogenreihen getrennt sind. Rechts

und links davon liegen zwei zusätzliche lange Räume die nicht öffentlich waren. Wahrscheinlich

waren es private Räume für den Kalifen zwischen den Empfängen und Audienzen. Am Kopfende,

zum Garten hin, wird das Ganze von einem Querschiff abgeschlossen. Dort warteten die Gäste bis

sie zum Kalifen vorgelassen wurden 131 .

An der Stelle auf der die Moschee stand konnten nur

noch die Fundamente des Gebetshauses und ein paar

Mauerteile und der Grundriss wiederhergestellt

werden 132

Im Osten des offiziellen Bereichs, außerhalb des

inneren Schutzwalls und für jedermann zugänglich,

lag die Moschee; sie wurde Anfang des 11. Jh. in

einem Bürgerkrieg dermaßen zerstört dass an eine

Restaurierung nicht zu denken war, aber der

Grundriss blieb erhalten. Es heißt dass es in der

Nähe des Botschaftersaals eine Hebevorrichtung

für den Kalifen gab die den erlauchten Füßen das

Hinaufsteigen zu seinen Palästen ersparte, und

dass es vom Botschaftersaal zur Großen Moschee

einen teilweise unterirdisch verlaufenden Gang

gab, damit Abd al-Rahman III. auf seinem Weg

dorthin nicht mit Dienstboten oder dem gemeinen

Volk in Berührung kam.

131 Zur Lage des Boschaftersaals s. Bild S. 54.

132 Die unterschiedliche Qualität der Bilder ist darauf zurückzuführen, dass ich die Ausgrabungen der Palaststadt seit

rund 35 Jahren verfolge. Manche Bilder stammen aus der Zeit vor der digitalen Fotografie.

57


Osteingang von Medina Azahara. Die Besucher hielten ihren Einzug durch den größten

Bogen. Von den ursprünglichen Bögen konnten diese vier wieder hergestellt, und

restauriert werden. Davor liegt der Exerzierplatz. Ursprünglich waren es 15

Doppelbögen mit einem Gang zwischen den Bogenreihen

Abd al-Rahman III. verwandte besondere Sorgfalt auf seine eigene Erscheinung. Seine Gewänder

waren aus feinsten Stoffen gewebt und kostbar verziert, an seinen Händen funkelten die

erlesensten Schmuckstücke und sogar an seinem Turban und seinen Pantoffeln leuchteten

wertvolle Juwelen. Aber er war auch ein weiser, vorausschauender und auf das Wohl seines Reichs

bedachter Herrscher, hatte aber einige Charakterzüge die lebhaft an Prinz Walid erinnern. Wie

seine syrischen Vorfahren liebte auch er die Pracht und die luxuriöse Ausstattung seiner Paläste, die

paradiesischen, blumengeschmückten Gärten, das beruhigenden Plätschern der Springbrunnen in

den Innenhöfen, die Dichtkunst und Musik, die liebreizenden Singmädchen und klugen

Dichtersklavinnen. Und -ebenso wie Prinz Walid- verkleidete er sich gern und war Späßen durchaus

nicht abgeneigt, das sollten einige Besucher zu ihrem Leidwesen ab und zu erfahren.

Die Botschafter und Würdenträger die nach Medina Azahara kamen um dem Kalifen ihre

Aufwartung zu machen wurden von einer wahren Theaterkulisse empfangen. Eingefügt in die

Stadtmauer, direkt am Exerzierplatz wölbten sich 15 gewaltige Hufeisenbögen die abwechselnd in

Weinrot und Beige leuchteten. Die Besucher machten ihren Einzug durch den größten Bogen. Das

schwere, mit glänzenden Appliquen beschlagene Tor war einladend geöffnet. Danach ging es über

einen gepflasterte Gasse nach oben. In Doppelreihen hatten Wachsoldaten in malerischer Kleidung

rechts und links des Wegs mit gezogenen blitzenden Schwertern Aufstellung genommen. Während

die Gäste sich erfrischten und umkleideten wurden die Reit- und Packtiere entladen und versorgt.

Geübte Augen erfassten schnell Wert und Umfang der mitgeführten Geschenke und lange bevor

diese dem hohen Herrscher offiziell übergeben wurden kannte der Kalif fast jede Einzelheit der

wertvollen Fracht. Je nachdem konnte sich dann die Wartezeit bis ein Besucher empfangen wurde

verkürzen, sie konnte sich aber auch dramatisch verlängern. Dann war endlich der große Augenblick

gekommen. Zunächst mussten sie aber erst einmal im Vorraum des Botschaftersaals ausharren bis

ihnen der Großwesir würdevoll bedeutete dass sie vortreten durften. Ungeduldig warteten die

Gäste darauf dem Kalifen endlich von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen.

58


Im Botschaftersaal von Medinat Azahara

Unter Verbeugungen näherten sie sich dann dem

Thron, gefolgt von den Dienern mit ihren Geschenken.

An den Wänden entlang scharten sich die Höflinge des

Kalifen die jeden Besucher und seine Gaben auf das

Ausführlichste begutachteten und kommentierten. Es

ist überliefert dass der Kalif wenn er Gesandte

empfing die nicht von sehr hohem Rang waren sich

gern verkleidet irgendwo im Botschaftersaal

versteckte. Besonders betroffen waren die Besucher

von denen der Großwesir ihm schon zugetragen hatte

dass die mitgebrachten Gaben nicht den Erwartungen

entsprachen. Denn wenn die Geschenke auch in

Truhen verpackt auf den Packtieren in Medina

Azahara ankamen, hatten sie neugierige Dienstboten

längst inspiziert nachdem die Fracht abgeladen

worden war. Während der Gast zu seinem Quartier

geleitet und sich dort erfrischen und umkleiden

konnte, hatten die Diener schon einem Wesir

berichtet, dieser dann dem Großwesir, der seinerseits

vor der Audienz dem Kalifen alles bereits haarklein

erzählte.

Palastähnliche Residenz des Großwesirs: In der Vergrößerung

ist an der Fassade zu erkennen wie reich sie mit

Ornamenten und Arabesken verziert war 133 .

Wurden die mitgebrachten Gaben als nicht

angemessen beurteilt ließ man den Besucher gern

länger als gebührlich vor dem Salón Rico im grellen

Tageslicht warten, bis der Großwesir ihm bedeutete

den dämmrigen Saal zu betreten. Noch geblendet von

der Sonne musste sich der Gast unter zahlreichen

Verbeugungen dem Sitz des Herrschers nähern. Wenn

er aus der letzten Verbeugung auftauchte, den Platz

leer vorfand und verblüfft um sich blickte freuten sich

die Höflinge schon insgeheim auf das was folgte: Die

Menge der Hofgesellschaft öffnete sich und bildete

eine schmale Gasse mit einer höflichen

Handbewegung bedeutete ihm der Großwesir durch

das Spalier zu schreiten. Am Ende angekommen, in

einer Ecke saß der Kalif koranlesend und in Lumpen

gekleidet wie ein Bettler auf dem blanken Boden.

Wenn dann die Gesichtszüge des Gasts blankes

Entsetzen und höchste Verlegenheit wiederspiegelten war das allgemeine Ergötzen groß.

133 Für die Grundmauern und die Lage des Gebäudes siehe Bildbeschreibung auf S. 54

59


Pflanzenmotiv aus dem Salón Rico, dem Botschaftersaal. Jede Wand, jede noch so kleine

Fläche war verschwenderisch mit Steinmetzarbeiten verziert 134

Die untere Hälfte der aller Wände des Salón Rico war aus Marmor mit Pflanzenmotiven verziert und

die obere Hälfte bis zur Decke mit unterschiedlichen Ornamenten und Arabesken versehen. Die

Decke war mit kostbaren Holzeinlegearbeiten getäfelt und die Querbalken mit feinsten

Schnitzereien geschmückt. Die Säulen mit den Hufeisenbögen waren aus Marmor, die Übergänge zu

den Bögen bildeten herrlich gearbeitete Kapitele von denen einige erhalten blieben und restauriert

werden konnten. Sie sind zusammen mit anderen Kunstgegenständen aus der Fundstätte im

Museum der Palaststadt ausgestellt. Die Arbeiten weisen die gleiche Kunstfertigkeit der Steinmetze

auf wie die, die einst im 8. Jh. herrliche Objekte wie das Kuppelzentrum im Palast Khirbat al-

Mafdschar aus Marmor oder Alabaster schufen. Sie scheinen wie aus feinster Spitze gewebt, es ist

fast ein Wunder dass wir sie nach fast über 1.000 Jahren noch an restaurierten Wandpaneelen,

Kapitelen und anderen kostbaren Fundstücken aus der Blütezeit der Palaststadt Medina Zahara

bestaunen können.

Gar manchem mag in den Sinn kommen die kunstvollen Objekte von Medinat Azahara mit den,

ebenfalls überreichen Verzierungen und Ornamenten an den Wänden der Paläste der Alhambra zu

vergleichen. Die Stadtburg wurde zwischen dem 13. und 14., also ein paar Jahrhunderte später

unter der granadinischen Nasridendynastie gebaut. Wir können keine Vergleiche anstellen weil

viele der schmückenden Wanddekorationen mit kalligraphierten Gedichten und religiösen

Lobpreisungen in der Alhambra aus Stuck sind, die in vorgefertigten Formen verschiedener Größen

entstanden und dann im Ganzen an den Wänden aufgebracht wurden. In Medina Azahara dagegen

schufen die Steinmetze unter Abd al-Rahman III. und seinem Sohn und Nachfolger Hakam II. noch

wahre Wunderwerke aus Marmor und Alabaster. Die Fertigung von Ornamenten aus Stuck war ein

deutliches Zeichen für den abnehmenden Reichtum der Maurenkönige im 14. und 15. Jh., sie

mussten gewaltige Summen für die Verteidigung gegen die unerbittlich voranschreitende

christliche Rückeroberung der muslimischen Gebiete aufwenden, wollten aber nicht auf den Luxus

herrlich dekorierter Paläste verzichten. Müssten wir es nach heutigem Ermessen relativieren wäre

hier das Wort „mehr Schein als Sein …“ angebracht.

134 Arabesque of Medina Azahara in Córdoba, Spain, License: Creative Commons Attribution 2.0 Generic, Author:

robven http://www.flickr.com/photos/robven/3049065474/in/photostream/ - Arabesco de Medina Azahara (2)

(Córdoba, España).jpg

60


Untergang des Kalifats und Dekadenz

Im Botschaftersaal von Medinat Azahara

Die Herrlichkeit der Palaststadt und die Stadt

Cordoba wurden im Abendland und Morgenland

gleichermaßen gerühmt. Die unruhigen Jahrhunderte

nach der arabischen Eroberung waren

vergessen; im 10. Jh. galt Cordoba in der damaligen

Welt als Symbol für Reichtum, für Gelehrtheit,

Toleranz und Fortschritt, für politische Stabilität

und exquisite Kultiviertheit.

Kalif al-Rahman III. starb im Oktober 961, sein Sohn

Kalif al-Hakam II. erwies sich als würdiger

Nachfolger 135 . Wie sein Vater war er nicht nur ein

kluger Politiker, er war ein großer Förderer der

Wissenschaften und der schönen Künste, auch er

legte großen Wert auf die Bildung seiner

Untertanen. Er vollendete die Palaststadt Medina

Azahara und pflegte einen ebenso erlesenen wie

genussvollen Lebensstil wie sein Vater. Aus al-

Andalus ist von drei Kalifen überliefert, dass sie

auch einen männlichen Harem hatten: Kalif Abd al-

Rahman III., sein Sohn Kalif Hakam II., von dem es heißt dass der Hof lange vergeblich auf einen

Nachkommen wartete und dass erst ein Thronfolger geboren wurde, als man dem Herrscher eine

Konkubine zuführte die Hosen trug und kurz geschnittenes Haar hatte. Erst dann wurde neun

Monate später der Thronerbe Hisham geboren und auch er sollte später einen männlichen Harem

unterhalten.

Nicht nur in Medina Azahara, auch in den palastähnlichen Residenzen reicher Untertanen fanden

am späten Nachmittag und abends oft gesellige Zusammenkünfte statt Lautenklänge schwangen

in der Luft, in den Bogengängen um die Innenhöfe sorgten Räucherschalen mit kostbaren Düften

aus dem Orient für wohlriechende Duftschwaden. Hier und da spazierten auch fröhliche Gruppen

zum Ufer des Guadalquivir um sich dort zu einem Picknick niederzulassen und ab und zu eine

Bootsfahrt zu wagen. Ob in Medina Azahara, in der Stadt oder am Fluss eine eifrige Dienerschaft

sorgte dafür dass es an nichts fehlte: köstliche Leckerbissen wurden angeboten und junge Pagen

füllten immer wieder die leeren Weinschalen. Poeten und schöne Sklavinnen rundeten jede

Zusammenkunft ab: die einen boten nur zu gern und bei jeder Gelegenheit Beispiele ihrer Kunst

und animierten die Anwesenden mit humorvollen Anspielungen und Formulierungen sich auch im

Reimen zu versuchen, die anderen erfreuten die Runde mit Musik, mit Gesang oder ganz einfach

mit ihrem Anblick. Zu fortgeschrittener Stunde versuchte oft mehr als einer nicht nur ein Mädchen

zu verführen, auch schöne Pagen oder Weinschenke wurden das Ziel lustvollen Begehrens. Und wie

so oft wenn in einem Reich lange Zeit Frieden herrscht, wenn eine Zivilisation im Überfluss lebt ist

es nur ein kleiner Schritt bis zur Dekadenz.

Ψ

135 Hakam II. regierte von 961-976.

61


Weingenuss und gleichgeschlechtliche Liebe waren inzwischen offiziell verboten aber das

kümmerte die maurische Gesellschaft wenig: der Wein floss reichlich bei Zusammenkünften und es

gab immer einen Weg sich das Getränk zu beschaffen und sei es der Messwein von einem

Kloster 136 . Dazu gibt es zahlreiche Überlieferungen in Form von Versen oder Gedichten, wieder aus

der Sammlung Dichterische Vergleiche der Andalus-Araber des Ibn al-Kattani 137 :

„An so manche Klosterpforte klopften wir im Morgengraun,

wenn Glockenstimmen von oben herabriefen“.... 138

oder:

„Wird er eines Tages nach Ahmads Religion verboten,

so trink ihn nach der Religion des Messias, Sohnes Mariä…“ 139

Gern gewährten die Mönche den Zechgesellen Einlass die nicht nur die Qualität des Weins, nicht

selten auch die Schönheit des Weinschenks anerkennend wahrnahmen …

„Gar manchen roten, christlichen, strahlend schönen Wein,

den ein [ebenfalls] strahlend schöner Zechgenosse kredenzte!

Sie übergossen ihn mit Wasser, so dass du glaubtest er sei

als er zu ihm kam, ein rituell gewaschener Muslim!

Ein Roter, der durch seine Mischung seine Gegensatz[farbe gelb] annimmt;

Es scheint ein Liebender in ihm zu sein, der sich verhüllt!“ 140

und die Weinschenken ließen sich offenbar ab und zu auf ein Liebesspiel ein:

Wie viele Nächte wurde mir der Becher

von den Händen eines jungen Hirsches gereicht,

der mir gefährlich ward!

Er gab mir mit seinen Augen zu trinken und mit seiner Hand ...

Und es war Trunkenheit auf Trunkenheit,

und Leidenschaft auf Leidenschaft.

Ich pflückte Küsse von seinen Wangen

und tränkte meine Lippen an seinem Mund

und beides war süßer als Honig(…).

(…)Die Nacht verbrachte ich mit einem vollen Mond,

obwohl der Wahre nicht am Himmel stand,

und wähnte mich vor lauter Lust im Paradies.

Er bat mich, das Geheimnis zu wahren,

während seine Hand mir Kissen wurde,

und er mir die gleiche Leidenschaft zeigte wie ich ihm. 141

136 aus: Dichterische Vergleiche der Andalus-Araber, Kapitel Wein und Musik in der Andalus-Dichtung (Erläuterungen

Fußnoten 293, Verweis auf 280, S. 87-88) von Wilhelm Hoenerbach, Selbstverlag des Orientalischen Seminars der

Universität Bonn, 1973. Übersetzung des Manuskripts von Ibn al-Kattani (10./11. Jh.), S. 88 und S. 91

137 Über Ibn al-Kattani siehe das Kapitel „Die Schule der kostbaren Mädchen“, S. 43

138 s. Fußnote 135

139 Ebd.

140 Ebd.

141 Ali ibn l’Husayn, 11. Jh., aus: Ibn al-Kattani, Tashbihat, num. 177. Ma. Jesús Rubiera Mata, Literatura Hispanoárabe,

Editorial Mapfre, Madrid 1992, S. 63.

62


Die maurische Armee unter Almanzor in der Schlacht

von San Esteban de Gormaz (Provinz Soria, Kastilien-

Leon) 142

Als Hakam II. im Jahr 976 starb war sein Thronfolger

Hisham II. noch ein Kind. Ein Chambelan am

Kalifenhof namens Almansor 143 , auch genannt „der

Siegreiche“, ergriff die Gelegenheit, riss die

Herrschaft an sich und setzte damit der langen

Erbfolge von Kalifen aus der OImaijadendynastie

ein Ende. Das konnte nur zu Unruhen führen denn

Almansor stammte aus dem Clan der Amiriden 144 .

Die Gesellschaft war gespalten die Einen spannen

Intrigen für eine Dynastie der Omaijaden, die

anderen dagegen. Nach jahrzehntelanger, recht

friedlicher Koexistenz mit den christlichen Königen,

führte Almansor wieder Eroberungszüge in ihre

Reiche im Norden Spaniens. Almansor setzte dafür vorwiegend berberische Heerführer ein, das

raue marokkanische Soldatenvolk machte schon unter Kalif Abd al-Rahman einen Großteil der

Truppen aus die die Grenzen von al-Andalus sicherten immer unter adligen maurischen

Kommandanten. Allerdings war jetzt die Situation eine andere, es ging darum anzugreifen, zu

siegen schlimmstenfalls konnte man dabei auch sterben. Die hochrangigen Mauren die das Heer

hätten befehligen können zeigten sich wenig begeistert davon in den Krieg zu ziehen, Monate lang

in unbequemen Feldlagern zu nächtigen und im schlimmsten Fall auf einem christlichen

Schlachtfeld das Leben zu lassen.

Die Christenkönige waren zunächst vollkommen überrumpelt und Almansors Heere errangen einen

Sieg nach dem anderen. Die Berber wurden fürstlich entlohnt, sie erhielten sogar Erlaubnis Land zu

erwerben. Immer schon waren sie von der maurischen Oberschicht verachtet worden weil sie kein

Hocharabisch sprachen und auch nicht die Gepflogenheiten der guten Sitten beherrschten aber

jetzt, als sie von Almansor bevorzugt behandelt wurden war die feine Gesellschaft brüskiert. Die

Berber wurden vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und beleidigende Schmähgedichte über sie

machten die Runde. Almansor fiel im Jahr 1002 in einer Schlacht bei Medinaceli, ihm folgten zwei

seiner Söhne an der Macht Hisham II. blieb zeitlebens in der Rolle eines Scheinkalifen. In den

Folgejahren verschärften sich politische Intrigen und soziale Spannungen in deren Folge Kalifen und

Antikalifen sich in schneller Folge abwechselten. Als Hisham II. auch noch einen Nachkommen

Almansors als seinen Nachfolger benannte kam es zu einer blutigen Palastrevolte angezettelt von

Befürwortern einer Omaijadenherrschaft. Die Unruhen begannen im August 1009 und mündeten in

einem schrecklichen Bürgerkrieg 145 . Erbittert kämpften die verschiedenen Lager um Cordoba und

um den Thron in al-Andalus. Im Jahr 1013 wurde Kalif Hisham II. ermordet und die Palaststadt

Medina Azahara vollkommen zerstört die „Leuchtende Stadt“ hatte nicht einmal 100 Jahre

überdauert.

142 Title: moorish army of almanzor during the Battle of San Esteban de Gormaz, from cantigas de alfonso x el sabio.

source: cantigas de alfonso x el sabio, author: unknown. Uploaded by paypayvay 11.04.2013. This media file is in the

public domain in the United States. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mouwahidoune.jpg

143 Die höchste Stellung bei Hof, in etwa vergleichbar mit einem Kämmerer oder Großwesir. Abu Amir Muhammad ibn

Abdallah ibn Abi Amir, auch als „al-Mansur bi-llah“ (der mit Gott Siegreiche).geb. um 938 gest. 1002. span. Almanzor,

in der Literatur oft nur al-Mansur.

144 arabische Dynastie in Andalusien

145 (arab.) Revolte. In der Geschichte von al-Andalus wird dieser Bürgerkrieg fitna genannt.

63


Im Jahr 1031 existierte das Große Kalifat von Cordoba

nicht mehr. Aus seiner Asche erhoben sich zahlreiche

unabhängige kleine Splitterreiche, die Kleinkönigreiche

der taifas 146 . Zunächst schien es als erstrahle

der Glanz von al-Andalus im dem krisengeschüttelten

Jahrhundert noch heller:

Die „kleinen Könige“ verwandelten ihre Epoche in ein

poetisches Juwel, sie ging als Goldenes Jahrhundert in

die maurische Literaturgeschichte ein. Der Bürgerkrieg

und der Untergang des Kalifats hatten der maurischen

Gesellschaft jedoch den Boden unter den Füßen

entzogen. Mit dem gewaltsamen Zusammenbruch des

stabilen politischen Gefüges verlor sie jeglichen Halt.

Auch in der Lyrik dieses Jahrhunderts zeigt sich der

fortschreitende Sittenverfall:

„Oft in der Nacht ging der Wein von Hand zu Hand,

und zwischen uns lief ein Spiel, so sanft

wie eine Brise über Rosen streicht(…)

(…)Meine Beikost waren die Margeriten ihres Mundes

und die Amaryllis ihres Halses,

der leuchtende Narziss ihrer Augen

oder die blühende Rose ihrer Wangen.

(…)Ich sah, sie hatte ihren Umhang abgelegt

und umarmte dieses Schwert,

das aus der Hülle kam.

welch‘ Sanftheit beim Berühren,

welch‘ schlanke Taille

welch‘ Zittern in den Flanken,

welch‘ Schimmer auf der Klinge!

Ich verwöhnte sie, ich spielte mit dem Zweig,

der wuchs auf sandigem Grund

und küsste das Gesicht der Sonne

bei Anbruch eines herrlichen Tags(…)

(…)Meine Hände wanderten über ihren Körper,

mal an die Taille, dann zu ihren Brüsten(…)

Ibn Chafadscha/Ibn Jafaya (12.J.) 147

Ψ

146 arab. ta’ifa: Schar, Gruppe, Partei, auch Splitterpartei, auch Abtrünnige, Plural al-Tawaif. Zeitweise gab es bis zu 40

Kleinkönigreiche in al-Andalus.

147 (Liebesspiel mit einer Sklavin). Henri Pérès, Esplendor de al-Andalus, S. 405 , Al-Dachira, III, 157a

64


Haus der Wesire, Medina Azahara

Allen Verwüstungen zum Trotz weckte die

melancholische Schönheit der Ruinen von

Medina Azahara bei manchen immer noch

romantische Gefühle. Einst hatte es herrliche

Kuppeln und schattige Bogengänge um

entzückende Innenhöfe gegeben, unzählige

Werkstätten hatten Tongeschirr, Schalen und

Gefäße aus Glas oder Edelmetallen hergestellt,

herrliche Wandbehänge, Teppiche und Kissen

waren gewebt worden und begabte Kunsthandwerker

hatten kostbare Deckentäfelungen,

Truhen, Bänke und Tische aus edlen Hölzern

angefertigt. Alles war geplündert oder vom

Feuer zerstört worden. Abu l-Hasan ibn

Siradsch, Dichter und Wesir am Hof von König

al-Mutamid von Sevilla 148 erzählt wie er sich mit Freunden in den Ruinen der Stadt einfand um dort

ein bacchantisches Fest zu feiern. Dank dieser Beschreibungen erfuhren die Archäologen dass

einige Häuser zwei Stockwerke und Balkone hatten und konnten bei den Ausgrabungen gezielt

darauf achten:

„Und so erzählt es al-Fath ibn Chaqan 149 :

„„… Sie gingen von einem Palast zum anderen, spielten mit Zweigen um Früchte zu

pflücken oder sie abzubrechen. Sie stiegen in die oberen Kammern, um ihre Gläser hier

oben wieder aufzufüllen und gingen in den Garten nachdem sie diese Ruinen genügend

begutachtet und Betrachtungen angestellt hatten, was dieses Erlebnis bedeutete. Sie

setzten sich auf frühlingshafte [Gras-]Teppiche, übersät mit Blumen und bewässert von

kleinen Bächen und Wasserläufen. Die Zweige wiegten sich im Laubwald, von der Brise

Hand gebogen. Die Ruinen dieser Wohnstätten richteten sich vor ihnen auf wie Frauen,

die ihre Söhne verloren hatten, klagend über die Zerstörung und das Ende der

glücklichen Tage während Risse in ihren Wänden spielten und Raben auf ihren Mauern

krächzten. Die traurigen Ereignisse hatten ihre Lichter gelöscht, Schatten und

sonnengeschützte Hänge die einst blühten und die Tage der Kalifen erfreuten wenn sich

ein angenehmer Duft verbreitete und die Zeit als sie dort lebten mit Wohlgeruch

erfüllten, waren entschwunden. Es war die Zeit, als sie erfrischendes dichtes Grün

anlegten, Ziergärten und Gemüsegärten erstehen ließen und ihre Hoffnungen wuchsen

und die Löwen sich in ihren Höhlen fürchteten (...) Doch blieben nur Gräben und Steine,

die Kuppeln waren zerstört und die frische Jugend des Palasts war zum Greis geworden.

Es ging so weit dass Eisen zerfiel und alles Neue alt wurde. Sie gingen zum Palast des

Gartens am Tor der Dufthändler und fanden einen unvergleichlichen Saal, wo sich dann

Orgie und Lust vereinten, wo die Sterne des Weines funkelten und die Lenden der

Diener ermüdeten. Er übertraf al-Chawarnaq und al-Sadir““

Al-Maqqari, Nafh al-Tib 150

148 Cordoba wurde im 11. Jh. von König al-Mutamid, dem sogenannten Dichterkönig von Sevilla erobert

149 Auch: al-Fath-ibn Khaqan. Ein bekannter Literat aus Sevilla der seine Werke vorwiegend in gereimter Prosa schrieb.

Er starb 1134, das Geburtsdatum ist nicht bekannt.

150

Bd. II, S. 153

65


Die Flötenspielerin 151 . Es ist eins der wenigen Zeugnisse

islamischer Kunst in Spanien über gesellschaftliche

Vergnügungen. (12. Jh., Zeit der Almoraviden)

An den Höfen der Taifakönige wurde ein

verschwenderischer Lebensstil gepflegt, sie waren

süchtig nach Schönheit in all ihren Erscheinungsformen

und verloren sich in einer Traumwelt in der die Grenzen

von Realität und Phantasie verschwammen. Die Poesie

wurde zur Lebensart, es wurde gedichtet um des

Dichtens willen. Wesire mussten in Reimen sprechen

können und begabte Poeten wurden zu Ministern

ernannt. Doch nicht nur Literaten, Berufspoeten oder

Möchtegernpolitiker wurden vom landesweiten

Poesiefieber ergriffen: Könige und Prinzessinnen,

Sklavinnen und selbst das einfache Volk übten sich mit

großem Eifer in der Kunst aus jedem Gedanken, Gefühl

oder Ereignis mehr oder weniger einfallsreiche

Wortgebilde zu konstruieren. Die zerschlagene Macht der Kalifen, das politische Unvermögen der

maurischen Kleinkönige, ihre Uneinigkeit, ihre verschwenderische Prunksucht und Dekadenz

weckten im christlichen Norden Spaniens die Hoffnung auf eine baldige Rückeroberung der

maurischen Gebiete.

Schon in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts sollten die Kleinkönige unsanft aus ihrem Traum

vom Paradies al-Andalus erwachen. Immer häufiger wurden sie Opfer erfolgreicher christlicher

Angriffe vor denen sie sich in Folge nur mit immer höheren Tributzahlungen schützen konnten. Die

Christen ließen den Taifakönigen ihre scheinbare Unabhängigkeit, aber in den letzten zwei

Jahrzehnten des 11. Jh. waren alle maurischen Könige zu Vasallen der Christen geworden und

mussten exorbitante Schutzzahlungen leisten. Im Jahr 1085 sahen sich die „kleinen Könige“ in einer

derart verzweifelten Lage dass sie in höchster Not die Almoraviden, strenggläubige Kriegermönche

aus dem Maghreb, zu Hilfe riefen. Es war eine folgenschwere Entscheidung: die nordafrikanischen

Glaubensbrüder durchkreuzten zwar die Eroberungspläne der Christenkönige, gereichten aber den

Königen der Taifas zum Verderben. Sie befanden die Kleinkönige als unwürdige, vom wahren

Glauben abgefallene Muslime. Einige wurden umgebracht, andere nach Marokko verbannt.

Berberische Gouverneure zogen in ihre Paläste ein und Marrakesch war für anderthalb

Jahrhunderte auch die Hauptstadt von al-Andalus. Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts machte die

christliche Eroberung mühsam aber unerbittlich große Fortschritte. Die symbolhafte Übergabe der

Schlüssel der Stadt Granada an die Katholischen Könige Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II.

von Aragon am 02. Januar 1492 markierte das Ende der maurischen Hochkultur im Abendland. Al-

Andalus ging unter, fast unbemerkt von der arabischen Welt die mit den Eroberungen des

Osmanischen Imperiums zu kämpfen hatte.

Ausführlich finden Sie die ganze, spannende Geschichte des 11. Jahrhunderts in al-Andalus in

Kapitel I. dieser Serie: „Marokko und al-Andalus“.

Ψ

151 Sie spielt wahrscheinlich eine arabische mizmar, ein Holzblasinstrument das mit der surnai verwandt ist, einem

Vorläufer der Schalmei. Sie ist in Murcia im Museum des Klarissenklosters Monasterio de Sta. Clara la Real ausgestellt.

66


Die Alhambra in Granada

In der Mitte des 19. Jahrhunderts erschienen die Erzählungen von der Alhambra des

amerikanischen Schriftsteller Washington Irving 152 und setzten der Maurenzeit in Spanien ein

Denkmal. Die Welt entdeckte al-Andalus aufs Neue der Okzident mit romantischer Begeisterung

und der Orient mit wehmütiger Sehnsucht. Das Buch war sofort ein Welterfolg, es wurde in alle

gängigen Landessprachen übersetzt. Selbst in unserer Zeit gilt es noch als Klassiker und ist seit

Erscheinen das meistverkaufte Werk aller Zeiten über die Alhambra und Granada.

Das Vermächtnis von al-Andalus ist auf immer mit Andalusien verbunden, mit der einzigen Provinz

deren Name noch die Erinnerung an eine ruhmreiche und auch tragische Vergangenheit in sich

birgt. Im 20. Jh. wurde die hispano-arabische Vergangenheit jahrzehntelang totgeschwiegen, nur

eifrige spanische, französische und deutsche Arabisten und Archäologen übersetzten

Originalmanuskripte, forschten und publizierten ihre Entdeckungen. Nicht selten habe ich in Madrid

den Spruch mit leicht verächtlichem Unterton gehört „Hinter der Sierra Morena beginnt Afrika“. Die

Expo 1992 in Sevilla gab der Maurenzeit einen neuen und entscheidenden Impuls. Jahrtausendealte

Bauwerke und Ruinen wurden restauriert und in das heutige Städte- und Landschaftsbild integriert.

Inzwischen ist die Maurenzeit in Spanien zum Flaggschiff des weltweiten Kulturtourismus avanciert.

Nirgendwo in Spanien ist das maurische Erbe so zum Greifen nah wie in Granada. Der Albaicín, das

älteste Stadtviertel, weist noch die verschlungene, arabische Städteplanung auf, hier, auf diesem

Hügel hatte das maurische Granada seinen Ursprung. Gegenüber, wie unberührt vom

zerstörerischen Zahn der Zeit beherrscht die Alhambra immer noch majestätisch die Stadt. Des

Abends, wenn die Beleuchtung den Mauern und Palästen ein warmes Leuchten verleiht scheint es,

als durchlaufe ihre Mauern ein pulsierender Atem, als erwache sie, ihrer ewigen Schönheit gewiss,

zu neuem Leben. Man fühlt und sieht es, man riecht, schmeckt und hört es: al-Andalus lebt weiter

in dem Land südlich der Sierra Morena und in seinen Menschen. Die arabischen Eigenschaften

Fröhlichkeit, Gelassenheit, Gastfreundschaft, die Lebensfreude, die Lust an Kommunikation und das

tiefe Empfinden der Gefühle sind Bestandteil der Seele Andalusiens.

Ψ

152 Erschienen 1832 in englischer Sprache, fast zeitgleich folgte die deutsche Übersetzung. Washington Irving (geb. 1783

in New York, gest. 1859 in Sunnyside, Tarrytown) war ein amerikanischer Schriftsteller und stand zeitweise im

diplomatischen Dienst der amerikanischen Botschaft in Madrid.

67


Bücher von Isabel Blanco del Piñal

GESCHICHTE, GESCHICHTEN und GEDICHTE

aus der

SPANISCHEN MAURENZEIT und MAROKKO

Isabel Blanco del Piñal geht die Geschichte von al-Andalus -dem maurischen Spanien- nicht

wissenschaftlich an, sie ist eine leidenschaftliche Erzählerin und folgt dem Schreibstil arabischer

Chronisten aus der Zeit der klassischen islamischen Literatur: Geschichtliche Ereignisse und Entwicklungen

wurden mit Gedichten, amüsanten Anekdoten, Palastgeflüster und romantischen oder tragischen

Geschichten aus dem Leben von Kalifen und Königen, von Wesiren, Poeten, heiligen Männern oder

berühmten Frauen ihrer Zeit ausgeschmückt.

Damit waren die arabischen Chronisten nicht nur Geschichtsschreiber, ihre Jahrhunderte alten Werke

liefern gleichzeitig ein gesellschaftliches Spiegelbild, sie geben den Zeitgeist der jeweiligen Epoche wieder.

In den vielen Jahrhunderten arabischer Herrschaft in Spanien hatte es Blütezeiten der Wissenschaften

gegeben, die auch das Abendland befruchteten, Zeiten des friedlichen Zusammenlebens der drei

Religionen aber auch Epochen ausufernder Dekadenz.

Es war eine ganz besondere Ehre dass Frau Dr. Dr. h.c. mult. Annemarie Schimmel das Vorwort zu Isabel

Blancos erstem Buch „GESCHICHTEN aus AL-ANDALUS“, schrieb. Die stimmungsvollen Lesungen und

lebendigen Vorträge von Isabel sind beliebt, besonders ihre Ausführungen zur Toleranz im Reich der drei

Religionen. Auf der Webseite www.rosenoire.de finden Sie Leseproben und/oder Inhaltsverzeichnisse der

verschiedenen Bücher und Rezensionen. Wir sind für Sie da, gern beantworten wir weiterführende Fragen

per Email.

Herausgeber: RoseNoire Gisela Fischer, D - 81827 München,

Tel. 089/439 53 21, Fax 089/439 75 89

Email: rosenoiregf@gmail.com

Alle digitalen Veröffentlichungen: https://www.yumpu.com/user/rosenoiregf

Ψ

68


GESCHICHTEN AUS AL-ANDALUS (3. Auflage)

Die Königreiche Taifas, ein andalusischer Traum

Isabel Blanco del Piñal

Vorwort von Frau Dr. Dr. h.c. mult. Annemarie Schimmel

Geschichten, Geschichte und Gedichte: Die Autorin schreibt lebendig und

abwechslungsreich über Glanz und Untergang der maurischen Kultur in

Spanien. Viele Jahrhunderte lang pflegten arabische Literaten und Chronisten

die Tradition der, jede auch noch so winzige Kleinigkeit erfassenden,

Überlieferungen. Sie verknüpften historische Fakten mit dramatischen

Geschichten, mit Lyrik und Prosa jener Zeiten, mit amüsanten oder

tragischen Anekdoten aus dem Leben von Königen, Dichtern, Wesiren,

Philosophen oder Prinzessinnen. Ihre Chroniken bieten eine Überfülle an

Informationen und enthalten auch Palastgeflüster, bösartige Intrigen,

bewegende Liebes-geschichten oder Eifersuchtsdramen zuweilen lesen sich

diese Schriften wie orientalische Märchen.

Isabel Blanco del Piñal hat diesen Schreibstil übernommen und lässt nicht nur die Blütezeit der maurischen

Hochkultur noch einmal aufleben, die auch die abendländische Philosophie, Wissenschaft und Religion

inspiriert und bereichert hat. Sie erzählt auch von dem dramatischen Untergang der spanischen Araber. Die

Geschichten aus al-Andalus sind ursprünglich in drei Bänden erschienen. Bei der ersten überarbeiteten und

erweiterten Neuauflage wurden sie in einem Sammelband zusammengefasst. Die liebevoll gestaltete

hochwertige Veröffentlichung erschien als Hardcover.

64 Bilder in nostalgisch-braunem Duplex-Druck, 224 S. 16x21cm, ISBN 978-3-933653-07-9

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe finden Sie auf unserer Website www.rosenoire.de.

Ψ

LAND AM SONNENUNTERGANG MAROKKO

Isabel Blanco del Piñal

Bereits im 4. Jahrhundert n.Chr. verließen die alten Araber ihre Halbinsel,

um die angrenzenden Kontinente zu erkunden. Im äußersten Westen gebot

ein Furcht einflößendes und legendenumwobenes Meer ihrem

Entdeckungsdrang Einhalt. „(...) Dort im Okzident beginnt das westliche

Meer, das man auch das Meer der Dunkelheit nennt. Weiter darüber hinaus

weiß niemand, was dort existiert (...)“ schrieb der Geograph al-Idrisi im 12.

Jahrhundert. Dort, am Ende des afrikanischen Erdteils, lag ein Land, das die

Araber al-Maghrib al-aqsa nannten, „den äußersten Westen“ - ein Land am

Rande des Sonnenuntergangs.

Isabel Blanco schöpft wieder aus der reichen Fülle der überlieferten

Literatur und verleiht der bewegten Geschichte des Königreichs Marokko

menschliche Züge: Im Land der Berber erwachen Sultane und Poeten zu

neuem Leben, heilige Männer und Geistwesen sind der Ursprung für faszinierende Legenden. Daneben lässt

die Autorin auch eigene Reiseeindrücke einfließen. Große Bedeutung kommt der Epoche vom 11. bis zum

14. Jahrhundert zu in der die Schicksale von al-Maghrib und al-Andalus, dem arabischen Spanien, besonders

eng miteinander verbunden waren. Dicht an dicht sind die andalusischen Ornamente in den

farbenprächtigen Teppich der marokkanischen Geschichte eingewoben.

Es ist ein lebendig geschriebenes Portrait eines Landes in dem historische Zusammenhänge aufgedeckt

werden und sich Vergangenheit, Traditionen und Gegenwart zu einem schillernden Mosaik zusammenfügen.

Hardcover, 304 S. 38, ganzseitige Bilder (S/W), 17x21cm

ISBN 378-3-933653-06-2 Inhaltsverzeichnis auf www.rosenoire.de

69


ROSEN DER WÜSTE Die Architektur in der arabischen Literatur

von María Jesús Rubiera Übersetzung aus dem Spanischen von Isabel

Blanco del Piñal

ROSEN DER WÜSTE ein poetisches Symbol für die prunkvollen,

märchenhaften Bauwerke der arabischen Architektur. Ihre Paläste und

Gartenanlagen wurden aus der Wüste geboren. In der Fantasie der Beduinen

verwandelten sich Hitze flimmernde Trugbilder in Türme und Kuppeln, die

vor Gold und Edelsteinen glitzern, und dem erlösenden Wohlgefühl bei der

Ankunft in schattigen, grünen Oasen sind üppig blühende Gärten mit leise

plätschernden Wasserläufen nachempfunden. Die arabische Architektur

inszenierte ein dynamisches Schauspiel, erfüllt von Licht, Farben, Klängen und

Düften. Sie erschuf Bauwerke als Lustobjekte und Orte der Lust zugleich.

Die Autorin gibt in diesem Band mittelalterliche Texte von arabischen

Chronisten, Hofpoeten und Reisenden wieder. Sie beschreiben bis ins kleinste

Detail die ehemalige Pracht von Städten, Palästen, Moscheen, Bädern und

Gärten im alten Arabien und im islamischen Spanien. María Jesús Rubiera interpretiert Fakten und

Legenden, jedoch ist dies keine Abhandlung über Kunst oder Archäologie. Es ist eine lange Reise durch die

arabische Architektur mit weit geöffneten und verträumten Augen ein Buch verführerischer ferner und

fremder Visionen.

Paperback, 256 Seiten, 20 x15cm, ISBN 978-3-93365305-5

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe auf www.rosenoire.de

Ψ

ICH PFLÜCKTE DIE ROSE …

Eine Auswahl der schönsten Verse und Gedichte

Aus der spanischen Maurenzeit

Die überlieferte Lyrik in diesem Band lässt den verführerischen Zauber von

al-Andalus, dem maurischen Spanien, wieder auferstehen. Sie beflügelt

unsere Fantasie und erfüllt uns mit einer unbestimmten Sehnsucht, die

unsere Seele wie eine sanft gezupfte Saite vibrieren lässt. Ist es unser

Verlangen nach märchenhafter, schwärmerischer Romantik, nach einer

heilen Welt die heute mehr denn je in fast unerreichbare Ferne gerückt

scheint? Doch die Zeiten, die uns hier bewegen, waren keineswegs nur

paradiesisch. Die Anthologie spiegelt auch ein Gesellschaftsbild wieder und

am Ende erwartet uns, wie eine historisch logische Folge, die raue

Wirklichkeit, denn der Zauber von al-Andalus zerbrach an der christlichen

Rückeroberung.

Isabel Blanco del Piñal führt mit Versen und Gedichten durch die Glanzzeit der maurischen Kultur bis hin zu

ihrem dramatischen Untergang. Abschließend lässt sie auch zeitgenössische arabische Dichter mit ihren

Klagen über den Verlust vom Paradies al-Andalus zu Wort kommen. Die Verse und Gedichte sind

chronologisch nach Jahrhunderten geordnet und mit zahlreichen Erläuterungen zum Hintergrund ihrer

Entstehung versehen.

Hardcover, 144 S., 21x17cm, ISBN 978-3-933653-08-6

Vorwort kostenlos als PDF lesen unter: https://www.yumpu.com/user/rosenoiregf

Unter dem Titel: Historische Arabesken Die hispano-arabische-Dichtkunst

70


MAURENLAND, CHRISTENLAND

Ein Ritter, ein König und ein Poet: Drei Jahrhunderte spanische

Reconquista Isabel Blanco del Piñal

Nach den „Geschichten aus al-Andalus“, in denen Isabel Blanco del Piñal

die Geschichte Spaniens von der arabischen Eroberung der Iberischen

Halbinsel im Jahre 711 bis zum Untergang der maurischen Kultur im

Abendland mit der Stimme und aus der Sicht der spanischen Mauren

erzählte, widmet sie in diesem Band ihre Aufmerksamkeit der

Gegenseite, der spanischen Christenwelt. Drei berühmte

Persönlichkeiten führen durch die drei wichtigsten Jahrhunderte zähen

Ringens um die Reconquista, die christliche Rückeroberung des

muslimischen Spaniens: der Ritter Rodrigo Díaz aus Vivar (11. Jh.) kurz

"der Cid" genannt, König Alfons X. von Kastilien und Leon (13. Jh.), dem

die Nachwelt den Beinamen „der Gelehrte“ verlieh und Miguel de

Cervantes Saavedra (16./17. Jh.), der Autor des Don Quijote von der

Mancha.

Alle drei waren sie Grenzgänger zwischen den Religionen und Kulturen, ihr Leben und ihr Vermächtnis

führen anschaulich vor Augen, wie facettenreich das Verhältnis von Christen und Mauren im damaligen

Spanien bis über das Mittelalter hinaus war. Sie zeigen uns Welten politischer Grauzonen und innerer

Zerrissenheit, und es wird in jedem Fall offenbar, dass nichts so war, wie es auf den ersten Blick scheint. So

unterschiedlich sie von ihrem Stand her waren, haben sie doch etwas gemeinsam: Mit Leidenschaft lebten

sie ihre Visionen, sie verfolgten unbeirrt ihre Ziele und vollbrachten Außergewöhnliches. Und wenn auch das

Leben jedes Einzelnen, aller Berühmtheit zum Trotz, nicht einer gewissen Tragik entbehrt, haben ihre Werke

und Taten sie doch unsterblich gemacht.

Hardcover, 21x16cm, 100 Bilder in Farbe, 440 S.,ISBN 978-3-933653-09-3

Inhaltsverzeichnis auf www.rosenoire.de

Die letzte Rezension (14. Juni 2014) für diesen Titel …:

MAURENLAND, CHRISTENLAND,

Ein Ritter, ein König und ein Poet,

drei Jahrhunderte spanische Reconquista

… finden Sie unter:

http://afarab.blogspot.com/2014/06/maurenland-christenland-rezension.html

Frau Birgit Agada ist eine bekannte Reisejournalistin, Reiseunter-nehmerin und selbst auch Autorin

von Reiseliteratur. Sie ist spezialisiert auf arabische und nordafrikanische Länder und Kulturen.

Kontakt:

RoseNoire

Gisela Fischer Isabel Blanco del Piñal

Günderodestraße 20, D-81827 München

Tel. +49 (0)89 439 53 21 Fax +49 (0)89 439 75 89

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