BOGARTexhibition01

reinhard46

Günter Vossiek "Der Hund des Odysseus" – Ausstellung bis Frühjahr 2017 in der Radiologie/Neuromedizin (Gießen, Bahnhofstr. 64)

Reloaded

REVIEW

»Kunst auf Kunst«

mit Strich & Farbe

Heinrich Will (1922):

Stehender Rückenakt; Kohle auf Papier (bläulich); ca. 44/60 cm

Teamwork: Günter Vossiek finishes Heinrich Wills „Vorarbeit“.

Gemeinsam mit Susanne

Brückmann, Hans-Michael

Die Holzschnitt-Porträts von ehemaligen Minenarbeitern

entstanden 2014/15. Dabei

ging es nicht darum, eine Reproduktionstechnik

zum tausendsten Mal zu wiederholen, um wie

beim klassischen Holzschnitt möchte viele möglichst

gleich aussehende Abzüge herstellen. Der

allzu präzisen Planung des traditionellen Mehrfarbenholzschnitts

wird eine neue Ausdrucksmöglichkeit

entlockt: eine Bohrmaschine ersetzt die

traditionellen Holz-Schneidemesser. Mit ihrer Hilfe

werden die Konturen eines projezierten Fotoporträts

in eine MDF-Platte 'gezeichnet'. Dieser Vorgang

wird auf zwei weiteren Platten wiederholt,

wobei der vibrierende Bohrer in jede weitere Platte

eine leicht abweichende Kontur fräst.

Alle drei Konterfeis werden übereinander auf

die dunkelfarbige Grundplatte gedruckt, sodass

ein Vierfarbdruck entsteht (s. Abb. rechts). Der

jeweils folgende Druck hat eine hellere Farbe als

der vorherige. Die letzte gedruckte Platte ist also

farblich die hellste und suggeriert 'Licht'. Die darunterliegenden

drei Farben bleiben innerhalb der

gefrästen Kontur der letzten Platte sichtbar, da diese

Konturen nicht deckungsgleich sind. Aber nicht

nur in der Kontur erscheinen die darunterliegenden

Farben: da die einzelnen Platten nicht vollständig,

sondern nur teilweise eingewalzt werden, sind

auch in der Fläche alle vier Farben sichtbar. Die

Farbe wird nicht unüberlegt, aber doch eher spontan

über die Holzplatte gerollt. Entscheidend ist:

die Wirkung des Farbauftrags ist nur noch zum Teil

planbar, der Zufall wird ein entscheidender Faktor

für das Druckergebnis. Genau das ist das Kalkül.

© Jérémy Bionda / Musée des Gueules Rouges

So gleicht kein Abzug dem andern, obwohl durch

die fotografische Projektion die Person in jedem

Abzug wiedererkennbar bleibt. Ausserdem entstehen

die Abzüge ohne Druckpresse. Die Farbe wird

(wie zu Beginn des europäischen Holzschnitts in

der Renaissance üblich) in das Papier gerieben, in

diesem Fall mit Bürste und Stoffballen. Der Farbauftrag

und die Kontur wirken grob, oft löchrig, stellenweise

fast verwittert, das abschliessende Porträt

ist jedoch äusserst

prägnant.

»Der traditionelle

Drucker würde sich

vermutlich an den

Kopf fassen, wenn

er meine Drucktechnik

sieht,«

sagt Vossiek, »weil

ich die über viele

Generationen entwickelten

Regeln

des Druckens –

scheinbar respektlos

– allesamt

über den Haufen

werfe. Aber für

die spezifische

Ausdruckskraft,

die mir für meine

Holzschnitt-Porträts

vorschwebt, muss

das so sein«.

Die vier Phasen

des Farb-

Holzschnitts

Léon

Kirstein, Frank Maessig,

Sergej Oster, Andreas Reh,

Florian „Flowy“ Schimke

und Dóra Szöke war Günter

Vossiek an der vorherigen

Ausstellung in den Gießener

Gemeinschaftspraxen

»Liebig-Center« beteiligt, bei

der aktuelle Übermalungen

originaler Akt- und

Porträtzeichnungen von

Heinrich Will

(* 27.8.1895;

† 19.2.1943) präsentiert

wurden. Diese eigenwillige

Hommage an den von NS-

Schergen durch das Fallbeil

hingerichteten Gießener

Kunstmaler verlieh dessen

Credo »Verschleudert mein

Werk nicht!« Respekt und

kann im Ausstellungskatalog

unter www.gi-mix.de online

nachvollzogen werden.

G. Vossiek (2015); Pastellkreide

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