Housing the Many - Stadt der Vielen / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 65 (4/2016)

derive

Die Palette der Beiträge des Schwerpunkts der kommenden dérive-Ausgabe »Housing the Many – Stadt der Vielen« reicht von der Beschäftigung mit historischen Aspekten der Wohnungsfrage bis zu aktuellen konkreten Beispielen, die Strategien für ein besseres (und leistbareres) Zusammenleben in der Stadt zeigen, als es der derzeit dominierende Wohnungsbau zu bieten vermag. »Housing the Many – Stadt der Vielen« erkundet Wohnen als politisches Thema, das untrennbar mit Fragen des Zusammenlebens, von Besitz und Eigentum, der Verteilung von Ressourcen, und damit dem Recht auf Stadt und dem Recht auf Zentralität zu tun hat. https://shop.derive.at/collections/einzelpublikationen/products/heft-65

Okt — Dez 2016

N o 65

Zeitschrift für Stadtforschung

dérive

dérive

HOUSING THE MANY

Die Stadt der Vielen

ISSN 1608-8131

8 euro

dérive


Aufforderung zur ungeforderten

freiwilligen Intersprachlichkeit

Výzva k nevyžádané dobrovolné

mezijazykovosti

Platzgestaltung in Pottenhofen

von transparadiso (Barbara Holub/ Paul Rajakovics)

www.publicart.at


Editorial

Housing the ManyStadt der Vielen lautet das Thema

des 7. urbanize!-Festivals, das dieses Jahr erstmals in Hamburg

und Wien stattfindet. Im Mittelpunkt des Festivals stehen die

vielfältigen Erfahrungen aus Initiativen und Projekten urbaner

Selbstorganisation, die mit alternativen Ansätzen für Stadtentwicklung

und Wohnbau längst Wege aufzeigen, wie Stadt von,

mit und durch die Vielen geplant werden kann. Gemeinsam mit

unserem Ko-KuratorInnen-Team von der Hamburger Planbude

und zahlreichen Festivalgästen wollen wir im Lichte der Wohnungskrise

und der wachsenden Stadt dazu einladen, gemeinsam

über Strategien und Muster einer selbstbestimmten Produktion

von Stadt mit Potenzial auf Skalierung nachzudenken,

um von der Vielzahl an Einzelprojekten zu Modellen zu gelangen.

MitdenkerInnen, MitstreiterInnen und MitwisserInnen sind

herzlich willkommen!

Auch diese dérive-Herbstausgabe nimmt sich des Themas

an – als vertiefender Reader, Ergänzung und Erweiterung

der urbanize!-Diskurse. Der Fokus der acht Schwerpunkt-Texte

liegt auf dem Thema Wohnen: Von der Beschäftigung mit

grundsätzlichen Aspekten der Wohnungsfrage, der Friedrich

Engels bereits 1872 zu Öffentlichkeit verholfen hat, bis zu konkreten

Beispielen, die Strategien für ein besseres (und leistbares)

Zusammenleben in der Stadt zeigen, als es der derzeit dominierende

Wohnungsbau zu leisten vermag.

»Was heißt hier eigentlich bezahlbar?« fragt sich Carsten

Praum in seinem Beitrag Der Mythos der Bezahlbarkeit. Er geht

der ominösen Drittel-Faustregel auf den Grund, die monatliche

Mietkosten von 25 bis 30 Prozent des Einkommens unabhängig

von seiner Höhe als leistbar definiert. Ganz so, als ob es unerheblich

wäre, ob 70% von 1.200 Euro für das Leben übrig bleiben

oder von 3.600 Euro. Bereits in den 1970er Jahren hat Michael

E. Stone mit seinem residual income approach dafür ein alternatives

Modell vorgelegt, das Praum in seinem Beitrag vorstellt.

Auch Michael Klein, einer der Schwerpunktredakteure

dieser Ausgabe, wirft einen Blick zurück in die Geschichte. Er

rückt die Wohnungsfrage und die Ansätze ihrer Reform in den

Fokus, die „das gesellschaftliche Zusammenleben in Städten und

ihre Konflikte im 19. und 20. Jahrhundert über weite Strecken

begleitet und maßgeblich geprägt“ haben. Auch heute, in einer

Phase der – auch für die Mittelklasse – zu stark steigenden

Wohnkosten, ist das Wohnungswesen samt Nebenaspekten wie

Gentrifizierung wieder eines der meist diskutierten Themen.

Danny Dorling zeigt in seinem Artikel am Beispiel

Großbritannien, wie negativ sich die Laissez-faire-Politik der

letzten Dekaden auf die Lage am Wohnungsmarkt ausgewirkt

hat. Während sich viele das Leben in den Städten nicht mehr

leisten können und die Qualität der Wohnungen in keiner Weise

ihre Preise rechtfertigt, herrscht gleichzeitig Leerstand. Dorlings

Forderung: »Housing in the UK needs to be for homes, not

for investment«.

Einen Blick auf die Alltagswirklichkeiten des Zusammenlebens

werfen Barbara Emmenegger, Meike Müller und Bettina

Nägeli. Am Beispiel des Schweizer genossenschaftlichen Wohnbaus,

dessen »Grundidee sich mit den Schlagworten Selbsthilfe,

Selbstverantwortung, Gleichheit, Demokratie, Solidarität

zusammenfassen lässt«, zeigen sie, welche Herausforderungen

sich heute für Nachbarschaft einstellen. Denn auch Wohnbaugenossenschaften

sehen sich mit der allgemeinen gesellschaftlichen

Tendenz zu Individualisierung und Pluralisierung

konfrontiert, die sich in einer »Ausdifferenzierung der Engagementformen«

zeigt.

Wie in zahlreichen anderen Städten hat die große Zahl

an Geflüchteten in den letzten Monaten auch in Hamburg den

schon lange bestehenden Mangel an leistbarem Wohnraum in

den Fokus gerückt. Der gleichzeitig aufkommende Protest gegen

Großunterkünfte für Flüchtlinge aus der Wutbürgerfraktion hat

das Plenum von Recht auf Stadt Hamburg veranlasst, eine

Erklärung »gegen die Hysterie – für eine andere Planung« zu

verfassen, die wir auf den Seiten 29 bis 31 dokumentieren.

In unseren Breiten noch eher unbekannt, verfolgen in

angloamerikanischen Ländern lokale Initiativen mit dem Community

Land Trust (CLT) Modell bereits seit Jahrzehnten einen

ähnlichen Ansatz wie das Mietshäusersyndikat, zu dem es in den

letzten dérive Heften Beiträge gab. Udi Engelsman, Mike Rowe

und Alan Southern analysieren an zwei eindrucksvollen Beispielen

aus Boston und New York die unterschiedlichen Phasen der

Entwicklungsgeschichte zweier CLTs.

Die Initiative Neustart Schweiz hat wiederum ein umfassendes

Konzept entwickelt, das sich Fragen des Wohnens und

Zusammenlebens, der Mobilität, der Arbeitswelt und der Nachhaltigkeit

widmet und eine Lösung in Form eines Nachbarschafts-Modells

vorschlägt. Eine erste Umsetzung des Modells

ist mit dem Projekt NeNa1 geplant, das Fred Frohofer, einer der

Akteure der Initiative, unter dem ambitionierten Titel Urbane

Weltrettung vorstellt.

Eine weitere konkrete Initiative, die sich den Themen

Zusammenleben und der Verbindung von Wohnen, Arbeiten,

Kunst und Kultur widmet, ist das Haus der Statistik, ein seit vielen

Jahren ungenutzter Gebäudekomplex auf dem Berliner Alexanderplatz.

Die gleichnamige Initiative will ihn zu einem Zentrum

für Geflüchtete, Soziales, Kunst und Kreative entwickeln.

Florian Schmidt, Christian Schöningh, Maria Munoz Duyos

und Claudia Hummel stellen Geschichte und Pläne der Initiative

vor. Andreas Hofer ergänzt den Beitrag um einen Kommentar

zu den Perspektiven eines Urbanismus von unten, der auf einer

gemeinwohlorientierten Ökonomie basiert und den Schritt vom

Besetzen zum Besitzen macht.

Housing the ManyStadt der Vielen erkundet Wohnen

als politisches Thema, das untrennbar mit Fragen des Zusammenlebens,

von Besitz und Eigentum, der Verteilung von

Ressourcen, und damit dem Recht auf Stadt und dem Recht auf

Zentralität zu tun hat.

Christoph Laimer

01


Internationales Festival für

urbane Erkundungen

dérive

urbani7e!

Artwork — Christoph Schäfer

HOUSING THE MANY —

STADT DER VIELEN

23. September — 2. Oktober 2016, HAMBURG

12. Oktober — 16. Oktober 2016, WIEN

www.urbanize.at


Inhalt

01

Editorial

CHRISTOPH LAIMER

04 — 09

When SPECTRES RETURN

Wohnungswesen, WOHNREFORM und

die Vorstellung vom GUTEN WOHNEN

MICHAEL KLEIN

10 — 13

HOUSING: a better politics

DANNY DORLING

14 — 17

Urbane WELTRETTUNG

Wer die NATUR schützt, lebt in der STADT

FRED FROHOFER

18 — 22

HAUS der STATISTIK

ZUsammenKUNFT für BERLIN

FLORIAN SCHMIDT,

CHRISTIAN SCHÖNINGH, MARIA MUNOZ

DUYOS, CLAUDIA HUMMEL

23 — 28

Nachbarschaften in

WOHNBAU GENOSSENSCHAFTEN

Wohnen zwischen OPTIONEN

und VERBINDLICHKEITEN

BARBARA EMMENEGGER,

MEIKE MÜLLER, BETTINA NÄGELI

29 — 31

MIGRATION findet STADT

GEGEN die Hysterie –

für eine andere PLANUNG

PLENUM DES HAMBURGER

RECHT AUF STADT-NETZWERKS

32 — 36

Kunstinsert

– und daß es hier nichts

zu sehen gibt, es sei ...

MARIA HAHNENKAMP

37 — 41

Der Mythos der BEZAHLBARKEIT

Zur wohnungspolitischen

RELEVANZ von FAUSTREGELN

CARSTEN PRAUM

42 — 50

NARRATIVES of URBAN Resistance

The COMMUNITY LAND TRUST

UDI ENGELSMAN,

MIKE ROWE, ALAN SOUTHERN

51 — 54

BESPRECHUNGEN

Architektur als offenes System S.51

Jenseits der Creative City

S. 53

Die reanimierte Stadt

56

BACKISSUES

60

IMPRESSUM

S. 52

FOTOS

Der Großteils der Fotos in diesem Heft stammen von

Chris Bethell (cbethell_photo, www.christopherbethell.com)

und von Rasande Tyskar (www.flickr.com/photos/rasande).

Bethell begleitet und dokumentiert seit einiger Zeit Londons

Rent Strikes, Demonstrationen von StadtaktivistInnen,

Proteste gegen Delogierungen und hält die Veränderung des

Stadtraumes durch Luxusimmobilien fest. Tyskar ist seit

Jahren eine verlässliche Quelle für Fotos von Demonstrationen

und politischen Aktionen in Hamburg.


dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von

17.30 bis 18 Uhr in Wien auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235


MICHAEL KLEIN

When SPECTRES

RETURN

Woh nungswesen,

WOHNREFORM und die

Vorstellung vom GUTEN WOHNEN

Wohnungsfrage, Geschichte des Wohnungswesens,

Wohnreform, Diskurse des Wohnens

Alle Fotos Chris Bethell

(ursprünglich für VICE fotografiert).

Debatten um das Wohnen erleben gegenwärtig

wieder Aktualität. Nachdem die Wohnungsfrage die

Städte, das gesellschaftliche Zusammenleben in

Städten und ihre Konflikte im 19. und 20. Jahrhundert

über weite Strecken begleitet und maßgeblich

geprägt hatte, war es um sie ruhig geworden.

Nun ist sie wieder da – und mit ihr einige Themen,

die auf die Debatte um die Wohnungsfrage eingewirkt

haben.

Wohnungsfrage und Funktionalismuskritik

Wenige Jahre, nachdem sich nahezu jede zeitgenössische

Architektur nach der Moderne mit Selbstverständnis und

dezidiert von den Wohnsiedlungen der Moderne abgegrenzt

hatte, die einmal als Wohnbunker, ein anderes mal als Retortenstädte

gebrandmarkt über Jahrzehnte schlechtgeredet wurden,

ist das Wohnen wieder im Kanon der Architektur, der Planung

und in der Öffentlichkeit angekommen. In Ausstellungen und

Festivals, Konferenzen, Artikeln und Büchern wird wieder

darübe r nachgedacht, wie das Wohnen in Städten für die Masse

gesichert werden kann 1 – ein Wort, das zwischenzeitlich aus

den (Architektur-)diskursen verbannt schien.

Die Jahre der Kritik an der Monotonie und Langeweile

der modernen Vorstadt, an der Funktionstrennung der modernistischen

Stadtplanung und an ihrem strukturellen Mangel

sind an Architektur und Planung nicht spurlos vorübergegangen. 2

Die Durchmischung von Funktionen, die Gleichzeitigkeit

verschie dener Programme und das romantische Bild der historischen

Innenstadt werden weiterhin bemüht, wenn es um die

Wunschbilder der Stadt von morgen geht, schließt man aus Renderings

und Collagen von PlanerInnen. Aber fast wirkt es, als

wäre die Architektur von ihrer Wirklichkeit eingeholt worden:

Die historischen Innenstädte bergen nicht länger die unsanierten,

aber günstigen Nischen in sich, in denen scheinbar alles möglich

ist, wie noch in den frühen Tagen der Funktionalismuskritik.

Sie sind nun Austragungsort in einem Wettkampf um hohe Mieten,

um Aufwertung und der Frage, wer früher geht und wegzieht;

und Funktionsmischung läuft oft auf die Ergänzung des

Wohnungsbestandes durch Shopping hinaus oder aber auf

das Einstreuen kurzzeitig mietbarer Apartments, mit denen sich

über Online-Plattformen noch höhere Erträge erwirtschaften

lassen als mit Wohnungsmieten. Die gegenwärtige Sorge gilt also

dem Wohnen.

04

dérive N o 65 — HOUSING THE MANY Stadt der Vielen


DANNY DORLING

HOUSING

A better politics

Distribution of Wealth, Inequity,

Housing Regulation, Social Cleansing

Photo Chris Bethell

(originally shot for VICE).

By 2015, in any neighbourhood of San Francisco, it

had become impossible for a single teacher to pay the

median rent on a one-bedroom apartment; the average rent in

the very poores t neighbourhood there rose to $3,500 a month.

Cali fornia n teachers’ starting annual salaries were $50,000. After

paying taxes and buying food, any teacher without recourse

to wealth would inevitably find themselves in debt (Moskowitz

2015). However, travel a third of the way round the world in

the opposite direction and you come to Tokyo, where rents have

fallen by over 15% in the last ten years as landlord greed is

bette r controlled (Smith 2014). In contrast, in the UK, rents in

the city of Oxford, for example, are rising rapidly and will

soon exceed £1,000 a month for a one-bedroom apartment.

This will leave rent consuming a large majority of a newly

qualifie d teacher’s income of £22,000 a year. Indeed, it leaves

very little after taxes are deducted and clothes and food are

paid for (Fransham 2015). Few newly qualified teachers stay

long in the city, meaning that a very large proportion of teachers

in Oxford’s schools are young and inexperienced.

Rising Rents and Social Cleansing

Average UK private rental prices went above £1,000 a

month during the early autumn of 2015. One-bedroom flats in

London had already passed that price level in August 2015.

Nation ally, in 2015 rents were rising by 4.6% a year, but by 20%

a year in London boroughs like Islington (Butler 2015). Part

10

dérive N o 65 — HOUSING THE MANY Stadt der Vielen


FRED FROHOFER

Urbane

WELTRETTUNG

Wer die NATUR

schützt, lebt in der STADT

Commons, Nachhaltigkeit, Leistbarkeit,

Wohnmodelle, Stadtentwicklung

Foto — Whit Andrews

Urbanes Leben beansprucht weniger Siedlungsfläche

und vermeidet Verkehr. Wenn wir zudem Dinge

des täglichen Bedarfs mit »Commoning« bereitstellen,

schonen wir nicht nur Ressourcen, sondern

erhöhen die Lebensqualität und sparen erst noch

Kosten ein. Der Verein Neustart Schweiz stellt sein

dahingehendes Modell vor, das genau besehen

wesentliche Antworten auf weltweit vorhandene und

für kommende Generationen überlebenswichtige

Problemstellungen enthält.

Wer sich vom Alltagsstress erholen will, bucht ein Hotel und

packt die Koffer. Mehr braucht es nicht, es ist ja alles da: Ein

Zimmer als Rückzugsort; Restaurant, Bar und Kickertisch oder

Billard-Raum um sich in Gesellschaft zu begeben; Pool oder

Badesee, um auf andere Gedanken zu kommen. Und alles ist zu

Fuß erreichbar. Was will man mehr? Das sagten sich schon

manch Kunstschaffende und Prominente, die ihren Wohnsitz ins

Hotel verlegten.Das wohl berühmteste und berüchtigste Habitat

für Dauergäste war das Chelsea Hotel in Manhattan. Derzeit

wird es renoviert und aufgewertet, doch der Glanz vergangener

Zeiten wird kaum zurückkehren: Es war das inspirierende

Zuhause von Legenden wie Stanley Kubrick, Janis Joplin, Arthur

Miller, Patty Smith oder Bob Dylan.

Warum also die überdimensionierten Einfamilienhäuser,

wozu den Bedarf verfehlende Wohnungen in öden Agglomerationen,

wenn wir uns in Hotels besser von der Arbeit erholen

können; wenn wir dort alles finden, was wir brauchen? Ist es

eine Preisfrage? Hotelstrukturen sind nur dann teuer, wenn man

sich bedienen lässt: Wären die Gäste gleichzeitig die Angestellten

des Hotels, so käme eine mit einem Hotel vergleichbare Infrastruktur

gar günstiger als unsere heutigen Wohnformen und es

würden erst noch viele Probleme gelöst.

Und schon stecken wir tief drin in der Thematik von

Neustart Schweiz, einem Verein, der ein nachhaltiges Nachbarschaftsmodell

entwickelt hat. Die Nachbarschaft dieses Modells

umfasst eine Gruppe von rund 500 Menschen, die die Dinge

des täglichen Bedarfs selber organisieren. Nachbarschaften sind

nach Wohnungen – den unabdingbaren Rückzugsorten von

Individu en – das zweitkleinste Element einer raumplanerischen

Sichtweise, wie sie in etwa auch von Christopher Alexander in

A Pattern Language beschrieben wurde. Denn es soll nicht einfach

nur gebaut werden, vielmehr müsste von vornherein klar sein,

was wie und wo hingehört. Nur so vermeidet man Fehlinvestitionen

und Unter- oder Überversorgung: Jedes Element hat

demnach klare Funktionen und Anforderungen.

14

dérive N o 65 — HOUSING THE MANY Stadt der Vielen


FLORIAN SCHMIDT, CHRISTIAN SCHÖNINGH, MARIA MUNOZ DUYOS, CLAUDIA HUMMEL

HAUS der

STATISTIK

ZUsammenKUNFT

für BERLIN

Bottom-up-Urbanismus, Zusammenleben, Initiativen,

Liegenschaftspolitik, Stadt der Vielen, Berlin

(c) Raumlabor

18

dérive N o 65 — HOUSING THE MANY Stadt der Vielen


BARBARA EMMENEGGER, MEIKE MÜLLER, BETTINA NÄGELI

Nachbarschaften

in WOHNBAU-

GENOSSENSCHAFTEN

Wohnen zwischen

OPTIONEN und VERBINDLICHKEITEN

Genossenschaft, Nachbarschaft,

Partizipation, Schweiz, Möglichkeitsräume,

Kooperative Strukturen

Foto — Rasande Tyskar

Barbara Emmenegger, Meike Müller, Bettina Nägeli — Nachbarschaften in WOHNBAUGENOSSENSCHAFTEN

23


PLENUM DES HAMBURGER RECHT AUF STADT-NETZWERKS

MIGRATION

findet STADT

GEGEN die Hysterie –

für eine andere PLANUNG

Notstandsurbanismus, Hamburg,

Volksentscheid, Wutbürger, Recht auf Stadt,

Stadt der Vielen

»Beyond Welcome«-Parade, Hamburg, 28. Mai 2016.

Foto — Rasande Tyskar

Das folgende Statement des Plenums des Hamburger

Recht auf Stadt-Netzwerks aus dem Februar

2016 bezieht sich auf die seit Jahren ungelöste

Wohnungsfrage, die im Zuge des weiter gestiegenen

Bedarfs an Wohnraum durch die Ankunft einer

großen Zahl von Flüchtlingen in den letzten Monaten

in Hamburg – sowie in vielen anderen Städten

– unübersehbar geworden ist. Ganz konkret ist

es auch eine Reaktion auf die Forderung der Hamburger

Initiativen für Integration (IFI) nach einem

Volksentscheid gegen Großunterkünfte für Flüchtlinge.

Die IFI sind ein Dachverband von lokalen

Initiati ven, die sich in den letzten Monaten in – vor

allem wohlhabenderen – Stadtteilen Hamburgs

gebild et haben, um gegen den (großmaßstäblichen)

Wohnbau für Flüchtlinge zu protestieren. Im

Juli vereinbarten die IFI hinter verschlossenen

Türen einen Deal (Bürgerverträge) mit der Stadt,

der ihre Forderungen erfüllt.

(Anm. Redaktion dérive)

Plenum des Hamburger Recht auf Stadt-Netzwerks — MIGRATION findet STADT

29


Kunstinsert:

Maria Hahnenkamp

– und daß es hier nichts

zu sehen gibt, es sei …

Anlass für dieses Insert war die im Juli zu Ende gegangene umfassende Werkschau von Maria

Hahnenkamp in der Fotogalerie Wien im WUK. »Ihr zentrales Thema ist die Auseinandersetzung

mit Fotografie als mediale Macht, die den (vor allem weiblichen) Körper in den Medien und

der Werbung in einen engen Bildraum zwingt. In ihrer (Anm.: fotografischen) Arbeit verweigert

Hahnenkamp diese Schaulust, sie führt hinter die ›schöne‹ Bildoberfläche und versucht die

unsicht bare Gewalt in den Medien und in der Gesellschaft sichtbar zu machen.« (Katalogtext)

Maria Hahnenkamp lässt die Bilder in ihrer Überfülle erzählen, bis diese wie von selbst einen

Nachdenkprozess bei den RezipientInnen generieren. Dann findet man ein zweites (freigelegtes)

Bild hinter der Oberfläche, welches, von oberflächlichen Inhalten befreit, eine Reduktion auf das

Wesentliche freigibt.

Besonders radikal zeigte dies eine 1,50 x 7,50 m große, zentral im Raum gehängte Fotoarbeit

bestehend aus abgeschmirgelten und zusammengenähten Farbfotografien. Im Katalog

ist dazu anstatt eines Titels zu lesen: Analoge Farbfotos, Gelatinschicht bis zum Papierträger mittels

Bohrmaschine und Schleifaufsatz abgeschmirgelt / Feinschliff händisch / maschinell zusammengenäht

/ ursprüngliches Fotomotiv: weibliches Modell bei Schönheitspflege / 1995.

Es handelt sich also – um es mit Bruno Latour zu sagen – um eine ikonoklastische

Geste, die das Bild manuell entfernt, um es noch viel stärker im Imaginären zu suchen. Das neu

entstandene Bild wird durch die Beschreibung der Eingriffe in die Fotooberfläche überformt.

Die handwerkli chen Tätigkeiten (schleifen, nähen, usw.) sind – obwohl nicht sichtbar – wesentlich

stärker als die Mutmaßung des weggearbeiteten Bildes.

Genau hier setzt auch das vorliegende Insert von Maria Hahnenkamp an. Sie bezieht

sich auf Guy Debords Film Hurlements en faveur de Sade aus dem Jahr 1952, als dieser noch Mitglied

der Lettristischen Internationale war. »Der Film besteht aus einem Wechsel von leeren

Schwarzweiß-Bildflächen und gesprochenen Texten in Französisch. Die Untertitel standen wie

üblich am unteren Ende der leeren Bilder. Das hat mich zu der Arbeit mit den vorgefundenen

Texten angeregt, und mir endlich zu meiner lang gesuchten Problemlösung verholfen.«

Die in dérive vorgestellten Textarbeiten waren – kontextualisiert durch die Architektur

des Ausstellungsraums JesuitenFoyer – im Format 70 x 90 cm dieses Frühjahr ebendort bereits zu

sehen. Die verwendeten Textzitate sind auch für andere Werke der Künstlerin von Bedeutung.

Barbara Holub und Paul Rajakovics

Nachweis der Zitate:

»Und daß es hier nichts zu

sehen gibt, es sei denn,

rein intensiv.«

Meyer, Eva (1993): Trieb und

Feder. Frankfurt: Stroemfeld/Nexus.

»Man muß alles wegnehmen,

damit sich ein neues Fenster

öffnet.«

Bachelard, Gaston (1997):

Die Poetik des Raumes.

Frankfurt: Fischer Wissenschaft.

»Mit Weiß läßt sich vieles

überdecken.«

Jarman, Derek (1995):

Chroma. Ein Buch der Farben.

Berlin: Merve.

Von 12.11.2016 bis 31.1.2017

sind Arbeiten von Maria

Hahnen kamp in der

Galerie Jünger in Wien zu

sehen. Anläss lich der

Vienna Art Week findet dort

am 19. Novemb er ein

Artist-Talk mit dem Kurator

Walter Seidl statt.

32

dérive N o 65 — HOUSING THE MANY Stadt der Vielen


CARSTEN PRAUM

Der Mythos der

BEZAHLBARKEIT

Zur wohnungspolitischen

RELEVANZ von FAUSTREGELN

»Beyond Welcome«-Parade, Hamburg, Mai 2016.

Foto — Margit-Czenki

Leistbarkeit, Wohnkosten,

Geschichte des Wohnungswesens, Vermögensverteilung,

Wohnraumversorgung, Diskurse des Wohnens

1

Aufgrund seines traditionell

liberalen bzw. frühzei

tig liberalisierten

Wohnungs marktes betraf dies

zunächst insbesondere

den anglo-amerikanischen

Raum (Paris 2007, S. 2);

im deutschsprachigen Raum

setzte die Debatte mit

deutlicher Verzögerung ein

(Schönig 2013).

Die Wohnungsfrage ist bereits seit geraumer Zeit »mit aller Wucht« (Dell 2013, S. 15) zurück

auf der politischen Tagesordnung. Dabei steht ein Aspekt im Vordergrund: das Problem der Bezahlbarkeit

des Wohnens. Im Gegensatz dazu rücken vormals zentrale Fragen hinsichtlich Wohnstandards

und Überbelegung in den Hintergrund (Whitehead 1991; Linneman & Megbolugbe 1992). 1

Wenngleich also vermehrt über die Bezahlbarkeit des Wohnens diskutiert wird, offenbart sich

genau hier eine große Diskrepanz zwischen dem Postulat vom bezahlbaren Wohnraum und seiner

exakten Definition. Nicht zuletzt im deutschsprachigen Raum erscheint bezahlbar häufig als

eine hohle Phrase.

In Berlin trat das Problem der Bezahlbarkeit des Wohnens vergleichsweise spät zutage –

dafür jedoch umso vehementer. So stiegen die Angebotsmieten in den vergangenen acht Jahren

stadtweit um rund 50 Prozent; eine nicht unwesentliche Anzahl an Quartieren weist für den gleichen

Zeitraum sogar eine Verdopplung auf (GSW 2008; Berlin Hyp 2016). Infolge dieser Entwicklung

bewegen sich die Wohnkostenbelastungsquoten in Berlin mittlerweile auf dem Niveau von

Carsten Praum — Der Mythos der BEZAHLBARKEIT

37


UDI ENGELSMAN, MIKE ROWE, ALAN SOUTHERN

NARRATIVES

of URBAN

Resistance

The COMMUNITY LAND TRUST

CLT, Land Tenure, Alternative Practice,

Affordability, Housing Initiative, Activism

Staff and Board of the Dudley Street Neighborhood Initiative, 1990.

Photo — Dudley Street Neighborhood Initiative.

42

dérive N o 65 — HOUSING THE MANY Stadt der Vielen


»We outline the

contradiction between

housing as the

process of activism

and housing

as a commodity.«

Udi Engelsman, Mike Rowe, Alan Southern, S. 43

Wohnungsfrage, Notstandsurbanismus, Commons, Leistbarkeit,

Vermögensverteilung, Genossenschaften,

Community Land Trust, Hamburg, Liegenschaftspolitik, Zusammenleben,

Partizipation, Bottom-up-Urbanismus

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