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Der Neue Extraktivismus

(nicht nur der Wasserversorgung) rückgängig gemacht wurde, begannen in

Bolivien Massenmobilisierungen gegen die neoliberale Regierungspolitik.

Im sogenannten Gaskrieg kam es schließlich zu massiven Protesten gegen das

Vorhaben Flüssiggas über einen Hafen in Chile in die USA zu verkaufen, wobei

die Konditionen zum enormen Nachteil von Bolivien ausgefallen wären.

Besondere Bedeutung hatt e hierbei auch der Verdacht, dass das Gas nach Chile

verkauft werden sollte, was wegen der schwierigen Beziehungen zwischen

Bolivien und Chile vielen Bolivianer_innen als Aff ront galt 2 (Perreault 2010:

695).

Ergebnis dieser Auseinandersetzung war am 17. Oktober 2003 der Rücktritt

des seit 2002 erneut amtierenden Präsidenten Sánchez de Lozada. Anschließend

ließ Vizepräsident Carlos Mesa zur Beschwichtigung der Bevölkerung

ein Referendum durchführen, in dem sich die Mehrheit der Bolivianer_innen

für eine Verstaatlichung der Kohlenwasserstoff vorräte, eine Neugründung

von YPFB und eine Erhöhung der Steuern für transnationale Unternehmen

aussprach. Da Carlos Mesa weder gewillt noch fähig war, diese Forderungen

umzusetzen, trat er nach erneuten Protesten im Jahr 2005 zurück. In der Folge

wurde im Januar 2006 mit Evo Morales der erste indigene Präsident Boliviens

vereidigt. Im Mai desselben Jahres verabschiedete seine Regierung das „Helden

des Chaco“ genannte Dekret, mit dem laut gängiger Darstellung die Bodenschätze

Boliviens wieder verstaatlicht wurden (Fritz 2006: 31).

Eine Verstaatlichung im eigentlichen Sinne fand jedoch nicht statt . Zwar

wurde formal das Eigentum der Kohlenwasserstoff e an den Staat übertragen,

allerdings nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Messung der Fördermenge

vorgenommen wird. Und selbst dieser Besitz ist lediglich formal, da immer

noch Privatunternehmen die Förderung vornehmen. Das staatliche Unternehmen

YPFB, das neu gegründet bzw. aus den drei einzelnen Unternehmen

wieder fusioniert wurde, steht wegen jahrelang ausbleibender Investitionen

2 Die Beziehungen zwischen Bolivien und Chile sind wegen der Salpeterkriege (1879

bis 1883), während denen Chile den bolivianischen Küstenstreifen besetzte, noch

immer belastet. Erdgaslieferungen an Chile werden, ohne Zugeständnisse Chiles im

Bezug auf den Meereszugang Boliviens, von vielen Bolivianer_innen als Verletzung

nationaler Interessen gesehen. Deswegen ist in den Gaslieferverträgen zwischen

Bolivien und Argentinien auch explizit ausgeschlossen, dass dieses Gas nach Chile

weitergeleitet wird.

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