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Der Neue Extraktivismus

de zwischen den einzelnen Regierungen, versuchen diese in zentralen Punkten

mit dem neoliberalen Erbe zu brechen und die Rolle des Staates zu stärken.

Diskursiv am weitesten links stehen Venezuela, Bolivien und Ecuador. Venezuela

hat es sich zum Ziel gesetzt, einen „Sozialismus des 21.Jahrhunderts”

aufzubauen, in Ecuador wird eine „Bürgerrevolution” propagiert, und Bolivien

verfolgt das Ziel, einen plurinationalen und kommunitären Staat zu schaff en.

Ein gesteigertes Selbstbewusstsein gegenüber den transnationalen Konzernen

ist bei allen drei unverkennbar. Bestehende Verträge wurden neu verhandelt,

um die staatlichen Einnahmen aus dem Öl- beziehungsweise Gasgeschäft

deutlich zu erhöhen, den Unternehmen wurden höhere Abgaben auferlegt

und das Geld für Sozialprogramme genutzt.

Doch nicht nur in der Verteilungsfrage, sondern auch im Umgang mit

Mensch und Natur kommen aus Lateinamerika interessante Impulse. Bolivien

und Ecuador haben in ihren neuen Verfassungen als gesellschaft liches Ziel

die Verwirklichung des „guten” oder „erfüllten Lebens” (buen vivir) formuliert.

Dieses Konzept steht dem westlichen Entwicklungsbegriff kritisch gegenüber

und basiert zum Teil auf indigenen Wertvorstellungen. In der Verfassung Ecuadors

sind sogar Rechte der Natur verankert.

Doch jenseits dieser neuen diskursiven Elemente besteht die ökonomische

Fixierung auf den Export von Rohstoff en weiter, teilweise sogar in verstärktem

Ausmaß. Daran regt sich Kritik von links. Der uruguayische Intellektuelle

Eduardo Gudynas charakterisiert die neuen Rohstoff politiken der progressiven

Regierungen als „Neo-Extraktivismus” und hat damit eine Debatt e über

die Nachhaltigkeit des extraktiven Wirtschaft smodells ausgelöst, die in immer

mehr Ländern Lateinamerikas aufgenommen wird. Das Neue am Neo-

Extraktivismus ist dabei laut Gudynas in erster Linie die größere staatliche

Kontrolle über die Einnahmen aus den extraktiven Industrien, die vermehrt

für Sozialprojekte verwendet werden. Die Ausbeutung von Rohstoff en werde

durch die breitere Verteilung der Gelder allerdings stärker legitimiert und Kritik

daran politisch marginalisiert. Dieser „Neue Extraktivismus” habe jedoch

nur kurzfristige Vorteile und sei weder ökologisch noch sozial dauerhaft tragfähig.

Anstatt an der klassischen linken Überzeugung festzuhalten, dass möglichst

viele Einnahmen aus dem Rohstoff sektor abgeschöpft werden müssten,

fordert Gudynas zum Nachdenken über Alternativen zum Extraktivismus auf.

Tatsächlich gibt es in Lateinamerika bereits vereinzelt Beispiele konkreter Pro-

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