Vorschau Ornis 5/16

SVSBirdlife

Die Zeitschrift Ornis erscheint 6-mal im Jahr und enthält fundierte Artikel zu den Themen Vögel, Natur und Naturschutz. Experten schreiben zu aktuellen Themen auf wissenschaftlich fundierte, aber leicht verständliche Art und Weise. Wer Ornis liest, ist über das Aktuellste aus dem Natur- und Vogelschutz informiert und darf sich auf interessante Artikel, illustriert mit den schönsten Bildern freuen.
In jeder Ausgabe finden Sie Beiträge zu Natur- und Umweltthemen, Ornithologie, naturkundlichen Reisen usw. Weiter finden Sie die Nachrichten, ein Portfolio, Rätselvögel, Buchrezensionen und weiteres mehr.
Neu: 4 Seiten mehr und besseres Papier. Testen Sie das neue Ornis!

ornis

Vögel Natur Umwelt 5/Oktober 2016

Fr. 9.50

Zeitschrift von BirdLife Schweiz

Die Mittelmeermöwe

in der

Schweiz

Der neue

Bafu-Direktor

im Interview

Kampf gegen die Wilderei

rund ums Mittelmeer


Editorial

4 Fokus

6 Vogelschutz international

Kampf der Wilderei

Liebe Leserin, lieber Leser

Nun ist sie wieder da, die spannende Zeit des Vogelzugs, in

der die eine oder andere seltene Art entdeckt werden kann.

Bestens dafür geeignet sind Orte wie das Nuolener Ried, das

Fanel, der Gurnigel – oder der Klingnauer Stausee. Hier

werden BirdLife Aargau und BirdLife Schweiz in den kommenden

zwei Jahren gemeinsam ein Naturzentrum errichten,

um Tausende von Besucherinnen und Besuchern, darunter

Spa ziergänger, Velofahrer und Skater, für die Natur am

Stausee zu begeistern. Auch für die Ornithologinnen und

Ornithologen wird das Zentrum ein willkommener

Zwischenhalt werden.

In den anderen erwähnten Vogelzuggebieten droht hingegen

Ungemach. So hat der Kanton Bern allen Ernstes den

Gurnigel als Windenergieprüfraum in die Vernehmlassung

geschickt. Am Fanel will derselbe Kanton die Genehmigung

für den Campingplatz Gampelen mitten im Schutzgebiet verlängern

(siehe Seite 31). Und das BAZL hat im Sachplan den

Ausbau des Flughafens im Nuolener Ried vorgesehen. Dies

notabene in einem Flachmoor von nationaler Bedeutung.

Diese drei Projekte werden BirdLife Schweiz in naher

Zukunft ebenso beschäftigen wie die Revision des Jagdgesetzes.

Wir ärgern uns zu Recht über die illegale und legale

Vogeljagd rund ums Mittelmeer. Dass aber auch bei uns in

der Schweiz immer noch bedrohte Arten wie Birkhuhn,

Schneehuhn und Waldschnepfe geschossen werden dürfen,

ist nicht besser. Die Argumentation ist hüben wie drüben die

gleiche: Die Vogeljagd sei ein altes Kulturgut...

BirdLife Schweiz und seine Partner setzen sich mit allen

Kräften dafür ein, die Missstände beim Schutz der Natur anzugehen.

Ihre Christa Glauser

Stv. Geschäftsführerin BirdLife Schweiz

12 Naturschutz

Neues Naturzentrum

16 Interview

Marc Chardonnens,

Bafu-Direktor

20 Landwirtschaft

Biodiversität im Bio-Landbau

22 Saison

24 Birders Corner

25 Im Bild

29 Meinung, Nachrichten

33 International

34 Porträt

Die Mittelmeermöwe

39 Liberty Bird

Reiseziele 2017

40 Unterwegs

Fischteiche der Vojvodina

45 Kalender

46 BirdLife Schweiz aktuell

47 BirdLife-Shop

48 Für Sie gelesen

49 Rätselvögel

50 Leserbriefe, Kleinanzeigen, Impressum

Titelbild

Ortolan

Foto: Marcel Burkhardt

5/16 ornis 3


Fokus

Grangettes: Wasserflugzeuge

verboten

Die Wachtelkönige machten sich rar

Das Feuchtgebiet Grangettes

beim Einfluss der Rhone in den

Genfersee ist ein Wasservogelreservat

von internationaler

Bedeutung. Jedes Jahr im

August fand jedoch gleich

daneben in Bouveret VD ein

Festival von Wasserflugzeug-

Freunden statt, das während

einer Woche viele Störungen in

die Schutzzone brachte: Wasserflugzeuge

starteten und

landeten gleich neben dem

Vogelrastgebiet. Nun hat das

Bundesamt für Zivilluftfahrt den

Anlass aufgrund neuer Gesetze

verboten. BirdLife Schweiz

begrüs st den Entscheid. SB

Kranke Grünfinken in

Österreich

Laut BirdLife Österreich sind

die Bestände des Grünfinks in

unserem östlichen Nachbarland

in den letzten Jahren um die

Hälfte eingebrochen. Als Grund

wird Trichomoniasis vermutet,

eine durch Einzeller hervorgerufene

Krankheit. In der

Schweiz haben BirdLife

Schweiz und Vogelwarte noch

keine Häufung von toten Vögeln

festgestellt. Wichtig ist es,

Futterstellen und Vogeltränken

häufig gut zu reinigen, da sich

die Tiere vor allem dort anstecken

können. SB

Silvio Stucki/BirdLife Schweiz

33 Wachtelkönige wurden dieses Jahr in der Schweiz entdeckt.

«Crex crex» – überall dort, wo

nachts der spezielle Gesang des

Wachtelkönigs zu hören ist,

versucht BirdLife Schweiz sofort,

dem seltenen Wiesenbrüter

unter die Flügel zu greifen.

Das Artenförderungsprogramm

für die bedrohte Art läuft seit

1996. Ziel ist es, so viele Bruten

wie möglich vor der Mähmaschine

zu retten, indem Bird-

Life Schweiz mit den Landwirten

Verträge abschliesst.

Dieses Jahr war es in den Wiesen

allerdings etwas ruhiger als

auch schon. Mit insgesamt 33

rufenden Wachtelkönigen wurden

deutlich weniger Vögel

aufgespürt als in anderen Jahren

– und dies, obwohl neben

vielen Ehrenamtlichen erstmals

zwei Mitarbeiter von BirdLife

Schweiz gleichzeitig nach den

Seltenheiten fahndeten.

Von den 33 gefundenen Königen

der Wiesen waren 13 stationär

und 19 Durchzügler, bei

einem Mahdopfer ist der Status

nicht bekannt. Im Kanton Graubünden

wurden 17 Rufer gehört,

wovon sieben stationär

waren. Drei Bruten konnten

dank Schutzvereinbarungen

mit Landwirten ermöglicht

werden, zwei in der Gemeinde

Obersaxen, eine im Val Müstair.

Bei den vier anderen stationären

Rufern war wegen der frühen

Mahd der Wiesen eine Brut

nicht möglich.

Die Schutzvereinbarung beinhaltet,

dass jeweils mindestens

eine Hektare Wiese unter

Schutz gestellt wird und frühstens

ab Mitte August wachtelkönigfreundlich

gemäht werden

darf, so dass die Tiere flüchten

können. Die Wachtelkönige

benötigen zur Brutzeit während

über zwei Monaten grosse Wiesenflächen,

in denen sie sich zu

Fuss bewegen und sich von

Insekten, Schnecken, Würmern

und Samen ernähren können.

Im Neuenburger Jura kam es

bei insgesamt sieben gefundenen

Einzeltieren leider zu keiner

Schutzvereinbarung, dafür

zu einer im Kanton Waadt, wo

total drei Tiere zu hören waren.

Weitere Wachtelkönige wurden

aus Altstätten (SG), aus Mendrisiotto

im Tessin und aus Bürchen

und Geschinen (VS) gemeldet.

Drei sichere Brutnachweise

gab es aus Geschinen (VS), Fuldera

und Obersaxen (GR) zu

vermelden.

Ein grosser Dank geht an die

Kantone, Landwirte und an alle

freiwilligen Helferinnen und

Helfer und engagierten Wildhüter,

die Wachtelkönige gesucht

und ihre Beobachtungen gemeldet

haben. FS/SB

Infos: www.birdlife.ch/

wachtelkoenig

Herbstaktion zur Ökologischen Infrastruktur

Thema der diesjährigen Herbstaktion von Bird-

Life Schweiz ist die Ökologische Infrastruktur

(siehe Ornis 4/16). Die entsprechende Broschüre

haben alle Mitglieder und Gönner in den letzten

Wochen erhalten. Die Herbstaktion kommt zur

richtigen Zeit: Im September konnten wir die

Anforderungen des Naturschutzes an die Ökologische

Infrastruktur, wie sie in der BirdLife-

Broschüre beschrieben sind, vor vielen Gemeindevertretern

an einer Tagung der Stiftung Pusch

vorstellen. Auch in den Kantonen läuft einiges

zum Thema. Die Schweizer Pärke haben ebenfalls

Projekte gestartet, wie auf ihrem Gebiet

mehr für die Biodiversität getan werden kann.

Der nächste Schritt wird nun die seit langem

angekündigte Vernehmlassung zum Aktionsplan

Biodiversität sein, die Ende dieses oder

Anfang nächsten Jahres starten dürfte. Die Ökologische

Infrastruktur ist die wohl wichtigste

Massnahme des Aktionsplans. In der Vernehmlassung

gilt es, möglichst viele davon zu überzeugen,

die Ökologische Infrastruktur zu

unterstützen. Auch dabei wird die neue BirdLife-

Broschüre gute Dienste leisten. WM

4 ornis 5/16


99 Millionen Jahre

alte Vogelflügel

Paul Hobson/FLPA/OKAPIA

Auch bodennahes Licht beeinflusst das

Verhalten von Zugvögeln

Schon länger ist bekannt, dass

die zunehmende Lichtverschmutzung

einen Einfluss auf

die Vogelwelt hat. Sie führt

beispielsweise zu zeitlichen

Verschiebungen des Morgengesangs

oder des Nistbeginns. Die

Beleuchtung an hohen Gebäuden,

Mobilfunkmasten, Windturbinen

oder Ölplattformen

irritiert zudem die Zugvögel

und führt allein in den USA

jährlich zu tausenden tödlichen

Kollisionen. Doch auch bodennahes

Licht – etwa von Strassenlaternen

oder Gebäudebeleuchtungen

– kann das

Verhalten von Zugvögeln beeinflussen,

wie die Ergebnisse

eines kanadischen Forscherteams

zeigen. Mit speziellen

Mikrofonen erfassten die Wissenschafter

im Raum der Grossen

Seen (Ontario) die nächtlichen

Flugrufe der ziehenden

Vögel. Dabei verglichen sie Orte

mit und ohne bodennahen

Lichtquellen und stellten fest,

dass die Vögel beim Überfliegen

von beleuchteten Orten deutlich

häufiger Flugrufe aus stiessen

als über dunklen Orten. Die

Gründe hierfür sind noch unklar.

Eine mögliche Erklärung

ist, dass die durch das Licht

verwirrten Vögel tiefer fliegen

und mehr rufen, um sich anhand

von Artgenossen neu zu

orientieren. Womöglich werden

die Vögel aber auch durch das

Licht angelockt. Beide Möglichkeiten

sind aus Sicht der Forscher

für die Vögel nachteilig,

weil sie zu einem zusätzlichen

Energieverbrauch führen. NB

Zwei Klumpen Bernstein aus

dem Nordosten von Myanmar

haben Erstaunliches konserviert:

die winzigen Flügel

zweier Urvogelküken, welche

vor zirka 99 Millionen Jahren

gelebt haben. Der als Kreidezeit

bekannte Abschnitt der

Erdgeschichte wurde von den

Dinosauriern beherrscht,

doch war die Entwicklung

von Säugetieren und Vögeln

bereits in vollem Gange. Die

Forscher vermuten, dass die

gefundenen kleinen Flügel

von einem Vertreter der

En an tiornithes stammen.

Diese Gruppe zähnetragender

Urvögel war damals weit

verbreitet, starb jedoch gemeinsam

mit den Dinosauriern

vor rund 65 Millionen

Jahren aus. Die perfekt erhaltenen

Flügel weisen voll

ausgebil dete Federn auf.

Diese ent sprechen in ihrem

Aufbau bereits demjenigen

moderner Vögel. NB

Xing L. et al. (2016) in: Nat Commun 7.

DOI:10.1038/ncomms12089

Zugvögel (hier Stare) rufen häufiger, wenn sie Lichtquellen überfliegen.

Watson M.J. et al. (2016) in: The Condor 118:

338-344

Deutschland: neue Studien zur Windenergieanlagen

Wissenschafter haben über

fünf Feldsaisons hinweg erforscht,

wie gross der Einfluss

der Windenergieanlagen in

Deutschland auf die Vögel ist.

Es ist die erste quantitative

Untersuchung in einem grossen

Massstab. Die Studie namens

«PROGRESS» ergab, dass Windkraftanlagen

vor allem für

Greifvögel wie Mäusebussarde

und Rotmilane ein grosses

Problem darstellen. Bei den gut

26 000 Windrädern in unserem

nördlichen Nachbarland muss

zum Beispiel von über 12 000

getöteten Mäusebussarden pro

Jahr ausgegangen werden – bei

einem bundesweiten Bestand

von 100 000 Brutpaaren eine

sehr hohe Zahl. Damit können

laut dem BirdLife-Partner Nabu

aktuelle Populationsabnahmen

in Regionen mit vielen Windpärken

erklärt werden. Der

Bestand des Mäusebussards hat

in Deutschland seit 2006 um

mindestens 30 Prozent abgenommen.

Laut den Forschern

könnte ein Grossteil der Verluste

vermieden werden, wenn

rund um die Horste ein Mindestabstand

von 1,5 km eingehalten

würde. Solche Abstandslimiten

fordert BirdLife Schweiz

auch für die Schweiz (siehe

Ornis 4/15).

Weitere neue Studien befassen

sich mit dem Effekt von Windrädern

auf Fledermäuse. Forscher

des Leibniz-Instituts für

Zoo- und Wildtierforschung

fanden heraus, dass Grosse

Abendsegler zu 95 Prozent auf

einer Höhe unter 144 Metern

fliegen – in ähnlichen Höhen,

in denen sich auch die Rotorblätter

drehen. Vor allem weibliche

Tiere werden von den

Windkraftanlagen regelrecht

angezogen, besonders nach der

Jedes Jahr kollidieren in Deutschland

rund 12 000 Mäusebussarde

an Windenergieanlagen.

Aufzuchtszeit. Vermutlich

verwechseln sie die Masten mit

alten Bäumen. Andere Forscher

gehen laut dem Nabu davon

aus, dass jedes Jahr rund

250 000 Fledermäuse der Windkraft

zum Opfer fallen. SB

Hans Glader

5/16 ornis 5


Vogelschutz international

David Tipling

BirdLife Cyprus

Kampf der Wilderei

Wilderei und Vogeljagd im Mittelmeerraum. Jedes Jahr werden in den Ländern rund um das Mittelmeer etwa

25 Millionen Vögel illegal abgeschossen oder gefangen. Internationale Arbeitsgruppen wollen der Wilderei nun

einen Riegel vorschieben. BirdLife International und seine Partner kämpfen an vorderster Front mit. Die Bemühungen

tragen erste Früchte: In einigen Ländern wie Malta ging die illegale Vogeljagd markant zurück. Andernorts sind die

Herausforderungen weiterhin riesig. Stefan Bachmann

Jetzt in diesen Tagen fallen die Vögel wieder vom Himmel.

Ob in den Voralpen Italiens, auf Sardinien, an

der Atlantikküste Frankreichs, auf Zypern oder an den

Sandstränden Ägyptens – überall rund um das Mittelmeer

warten Männer in tarnfarbenen Anzügen mit Waffen

auf die Zugvögel. Wilderer stellen Netze auf, verteilen

Leimruten, stellen Fallen scharf. Rund 25 Millionen Vögel

fallen laut einer wissenschaftlichen Studie von Bird-

Life International pro Jahr dem illegalen Treiben zum

Opfer. Weitere vielleicht 50 oder gar 75 Millionen werden

gemäss Schätzungen von BirdLife-Experten auf legale

Weise abgeschossen – eine aktuelle Zusammenstellung

der Jagdstrecken existiert nicht.

Währenddessen treffen sich die Staaten seit 2012 regelmässig,

um das Problem verstärkt anzugehen. Denn

auch Länder wie Malta, Italien oder Ägypten haben inzwischen

gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann.

Nach einem jahrzehntelangen Kampf der BirdLife-Partner

und anderer Naturschutzorganisationen haben sie

sich im Rahmen der Berner Konvention endlich auf ein

gemeinsames Vorgehen verständigt. 2013 verabschiedeten

sie im Beisein von BirdLife International und von

BirdLife Schweiz den sogenannten «Tunis Action Plan»,

der bis 2020 zahlreiche Massnahmen vorsieht. Gleichzeitig

wurden andere internationale Institutionen aktiv. Die

Konvention zum Schutz der migrierenden Arten (CMS)

gründete eine Task Force, die EU erarbeitete eine Road

Map und finanziert Massnahmen, und auch der europäische

Jägerverband oder die Interpol haben das Thema

weiter oben auf die Agenda gesetzt.

«Vor allem die Aktivitäten im Rahmen der Berner

Konvention und der CMS sind sehr wichtig», sagt Wim

Van den Bossche vom BirdLife-Büro für Europa und Zentralasien.

«Die Behörden der einzelnen Länder werden dadurch

immer wieder ermuntert, aktiv zu werden.» Der

Tunis Action Plan sei eine wichtige Richtschnur. «Auch

wenn der politische Support vielerorts noch eher klein ist

und oft das Geld fehlt, steigt doch das Bewusstsein, dass

etwas getan werden muss.» Beginnen sich die jahrzehntelangen

Bemühungen der BirdLife-Partner und anderer

Organisationen also auszuzahlen?

Malta: erste Erfolge

Einblick in die neusten Entwicklungen gab es vom 12.

bis am 15. Juli 2016 an einer CMS-Konferenz in Kairo. Vor

allem ein Vortrag stach hervor: jener von Sergei Golovkin,

dem Chef der Wild Birds Regulation Unit von Malta.

Sein Land gehörte bisher zu den Spitzenreitern, was die

Wilderei betrifft: 341 Vögel wurden jedes Jahr gewildert

– pro Quadratkilometer. Dabei wurde alles abgeschossen,

was Flügel hat, so auch Flamingos, Schwarzstörche

oder seltene Greifvögel. Die Wilderer haben es sogar so

weit gebracht, dass sämtliche Greifvogelarten auf der Insel

als Brutvögel ausgestorben sind. Daneben wurden

6 ornis 5/16


Holger Schulz

Malta: Die

Zugvögel

werden von

tausenden

Jägern und

Wilderern erwartet.

Zypern: Mitarbeiter

von

BirdLife Cyprus

fanden

diese Klappergrasmücke

an einer

Leimrute.

Ägypten: An

fast der ganzen

Mittelmeerküste

stehen Fangnetze.

hunderttausende Kleinvögel in Netzen gefangen, bis 2008

ganz legal, später illegal, ab 2014 wieder teilweise legal.

Doch nun werde alles anders, sagte Sergei Golovkin.

Malta habe seit 2012 zahlreiche Gesetzesänderungen vorgenommen.

90 staatliche Ranger seien während der Jagd

unterwegs. Ebenso wurden die Polizisten ausgebildet und

mit Material wie etwa zwei Drohnen ausgerüstet. Mit

letzteren können sie privates, abgesperrtes Gelände besser

überwachen. Vor allem aber seien die Bestrafungen

für Wilderer massiv erhöht worden. Golovkin zeigte eine

lange Liste von aktuellen Verurteilungen: So wurde ein

Wilderer 2015 zu einer Strafe von 2500 Euro verurteilt,

weil er einen Kuckuck geschossen hatte. Gleichzeitig

wurde ihm für drei Jahre die Jagdlizenz entzogen. Ein

anderer ging für drei Monate unbedingt ins Gefängnis,

weil er einen Kiebitz erlegt hatte. Wieder ein anderer sass

für ein Jahr hinter Gittern wegen des Abschusses eines

Turmfalken. Daneben musste er 5000 Euro Bus se bezahlen

und darf nie mehr jagen. Hunderte Straftaten wurden

jedes Jahr aufgedeckt und geahndet.

Maltas Bemühungen wurden an der Konferenz gelobt.

Auch Vertreter von BirdLife International und von anderen

Organisationen zollen dem Land Respekt. «Obwohl

noch viel zu tun ist, hat sich die Situation stark verbessert»,

schrieb das Komitee gegen den Vogelmord. Man

habe dieses Jahr sogar während der Brutzeit mehrere

Greifvögel während Tagen und Wochen kreisen sehen,

was bis vor kurzem undenkbar gewesen wäre. Ob sie jetzt

als Brutvögel langsam zurückkehren?

Ein Problem auf der kleinen Mittelmeerinsel ist weiterhin

die legale Jagd: Während das Land die höchste Jäger-Dichte

Europas pro Quadratkilometer hat, sind auch

die Gesetze noch immer sehr vogelfeindlich. So dürfen

seit 2014 im Herbst wieder ganz legal sieben Finkenarten

sowie Goldregenpfeifer und Singdrosseln gefangen werden.

Malta nutzt ein Schlupfloch der EU-Gesetze aus, die

den Fang von Vögeln eigentlich generell verbieten. Ausnahmen

sind aber erlaubt, wenn es um traditionelles Kulturgut

geht. Immerhin hat Maltas Regierung dieses Jahr

die Frühlingsjagd auf die weltweit gefährdeten Turteltauben

eingestellt, die von BirdLife Malta schon lange angeprangert

worden war.

Frankreich: Gesetzes-Schlupflöcher

Während es in Malta vorwärts geht, sind die Fortschritte

in unserem Nachbarland Frankreich noch

bescheiden. Den Vogelschützern – allen voran dem Bird-

Life-Partner LPO – steht eine riesige Jäger-Lobby gegenüber,

die bis in die höchsten Regierungs- und Beamtenkreise

ihre Mitglieder hat. Mehr als 1,2 Millionen Jäger

warten auch in diesem Herbst darauf, bis ihnen ein Kiebitz,

eine Taube oder eine Gans vor die Flinte gerät.

Entlang des Mittelmeers und des Atlantiks stehen beinahe

in allen Feuchtgebieten Jagdverstecke. Die nahrungsreichen

Lebensräume werden so für viele Vögel unbenutzbar

– entweder werden die Tiere auf ihrem Zug

abgeschossen oder vom Geknalle vertrieben.

Kommt hinzu: «Rund 20 Arten sind noch immer jagdbar,

obwohl ihre Bestände klein sind oder stark abnehmen»,

sagt Pierre Maigre, Präsident der LPO Herault. So

können in Frankreich noch immer Auerhuhn, Schneehuhn,

Kiebitz, Turteltaube oder Grosser Brachvogel gejagt

Anzahl gewilderte Vögel (ohne legale Jagd, pro Jahr)

Singvögel: 20,1 Millionen

Wasservögel: 1 Million

Tauben: 700 000

Greifvögel: 100 000

Andere: 1,8 Millionen

5/16 ornis 7


Alle Grafiken: BirdLife International

Frankreich

0,5 Mio.

Kroatien

0,5 Mio.

Spanien

Italien

Albanien

0,3 Mio.

0,25 Mio.

5,6 Mio.

Griechenland

0,7 Mio.

Syrien

Andere (hellgrün)

Malta

0,1 Mio.

2,3 Mio.

Zypern

3,9 Mio.

Libanon

2,6 Mio.

0,9 Mio.

Libyen

0,5 Mio.

Ägypten

5,7 Mio.

In diesen Ländern werden am meisten Vögel gewildert: Anzahl gewilderter Vögel pro Jahr (ohne legale Jagd, mittlere Schätzung).

werden. Besonders abstossend aber sind die Ausnahmegenehmigungen

für den Fang von Singvögeln. Indem

Frankreich ebenfalls die erwähnte Ausnahmeregelung

der EU-Gesetze ausnutzt, erlaubt es den Jägern, rund

500 000 Singvögel pro Jahr zu fangen, und zwar mit

Fang apparaten wie Rosshaarschlingen, Steinquetschfallen

oder Netzen mit lebenden Lockvögeln. Die Vögel –

darunter über 200 000 Feldlerchen – werden danach

gegrillt oder mit Gin flambiert. Selbst Spitzenpolitiker

loben das Gericht als herbstliche Delikatesse.

Gleichzeitig sind gebietsweise auch Wilderer aktiv.

«Wohl rund die Hälfte von ihnen stammt aus der Jägerschaft»,

glaubt Pierre Maigre, «auch wenn die Jagdverbände

dies nicht zugeben würden.» Im Departement Landes

am At lan tik werden jedes Jahr 10 000 bis 30 000 Ortolane

gefangen. Dazu werden die Ammern mit Lockvögeln angelockt

und dann mit Futter in Fallen getrieben. Die Ortolane

werden danach wie Gänse gestopft, bevor sie für

bis zu 150 Euro als Delikatesse verkauft werden.

Der Fang der Ortolane ist illegal. In ganz Europa ausser

im Osten nehmen die Bestände seit den 1970er-Jahren

stark ab. In Frankreich gibt es nur noch 15 000 Brutpaare,

in Deutschland sind es noch um die 14 000, in der Schweiz

gibt es gar keine mehr. Die LPO kämpft daher mit medienwirksamen

Aktionen und Petitionen gegen die Wilderei

– doch die Politiker haben die Beamten angewiesen,

in Sachen Ortolan ein Auge zuzudrücken.

Immerhin weiss Pierre Maigre von mehreren Verurteilungen

von Wilderern in den letzten Jahren. «Die LPO

zeigt jeden Wilderer konsequent an», sagt er. In seinem

Departement Herault ist vor allem der Abschuss von

Greifvögeln noch ein Problem: «50 Prozent der Wanderfalken,

die verletzt in unserer Auffangstation landen,

weisen Schrotkörner auf.»

Ein wichtiger Meilenstein im internationalen Kampf

gegen die Wilderei war der BirdLife-Report «The Killing»

vom letzten Herbst. Er zeigt in einem wissenschaftlichen

Rahmen das ganze Ausmass auf. Für jedes Land fasst der

Report zusammen, wie viele Vögel pro Jahr illegal getötet

werden und welche Arten betroffen sind. Der Bericht

wird von den Ländern anerkannt und kann so zur Richtschnur

für die Zukunft werden. Die Zahlen werden laufend

aktualisiert; weitere Länder wie die Schweiz – in

der zum Beispiel vorsätzlich Wanderfalken getötet werden

– sollen künftig integriert werden.

Ägypten: Ein Aktionsplan schürt Hoffnungen

Durch den BirdLife-Report erfuhr auch die breite Öffentlichkeit,

in welchen Ländern die Wilderei besonders

gross ist. Spitzenreiter ist: Ägypten. In dem Land am Nil

Möchten Sie

weiterlesen?

Bitte bestellen Sie ein

Heft oder ein Abo.

8 ornis 5/16


Ornis junior

DIE Naturzeitschrift für Kinder

Das ideale

Geschenk!

4

4

4

4

Neu mit 28 Seiten

Attraktive Reportagen über

die einheimische Natur

Mit vielen Mitmach-Ideen, Comics

und Rätseln

Für Kinder von 7 bis 13 Jahren

Nur Fr. 22.–* / 25.– pro Jahr (4 Ausgaben)

Ich möchte das «Ornis junior» abonnieren!

Anzahl Abos (Preise siehe unten):

Adresse:

evtl. Institution*:

Name/Vorname:

Strasse:

PLZ, Ort:

evtl. Nr. des Mitgliedausweises*:

Das Abo ist ein Geschenk für:

Name/Vorname:

Strasse:

PLZ, Ort:

Datum/Unterschrift:

Ornis 2016

Weitere Infos:

www.birdlife.ch oder

Tel. 044 457 70 20

Jahres-Abo (4 Ausgaben) Fr. 25.– /

mit BirdLife-Mitgliedausweis* Fr. 22.–

* Für Vergünstigung unbedingt Nummer des Mitglied-Ausweises

oder Institution angeben. Wer keinen Ausweis erhalten hat, fragt

bitte bei der BirdLife-Mitgliedorganisation nach.

Senden an: BirdLife Schweiz, Postfach, 8036 Zürich

Online-Bestellung: www.birdlife.ch/ornisjunior


Naturschutz

Ein Traum wird wahr

Neues Naturzentrum. BirdLife Aargau und BirdLife Schweiz werden im Herbst 2018 das Naturzentrum Klingnauer

Stausee eröffnen können, wenn sich die nötigen Finanzen finden lassen. Damit wird ein lang gehegter Traum in

Erfüllung gehen. Der Klingnauer Stausee ist ein Publikumsmagnet mit jährlich über 100 000 Besucherinnen und

Besuchern. Diese sollen über Wasser- und Watvögel und über Auen und Flachwasserzonen informiert und für den

Naturschutz gewonnen werden. Werner Müller und Kathrin Hochuli

Hauenstein Märki Architekten GmbH

So soll das neue BirdLife-Naturzentrum aussehen. Das weisse Gebäude entspricht dem bestehenden Haus. Der beige Teil und das Vordach

werden neu erstellt.

Geträumt haben BirdLife Schweiz

und BirdLife Aargau von einem

Naturzentrum am Klingnauer Stausee

schon lange. In den letzten Jahren

haben die beiden Organisationen deshalb

ihre Bemühungen verstärkt, einen

geeigneten Ort am See zu finden.

Denn anders als zum Beispiel im

Neeracherried sind die Besucherinnen

und Besucher am «Klingnauer»

bereits vor Ort: Tausende von Vogelbeobachtenden

kommen jährlich

mehrmals ins Mekka der Ornithologie

der Schweiz, und, ebenso wichtig:

Über 100 000 Menschen sind pro Jahr

am Stausee unterwegs, ohne viel über

die Vögel zu wissen. Sie alle für den

langfristigen Erhalt des einmaligen

Vogelschutzgebiets und ganz generell

für den Schutz der Natur zu gewinnen,

soll das Ziel eines neuen Bird-

Life-Naturzentrums Klingnauer Stausee

sein.

In den letzten fünf Jahren haben

BirdLife Aargau und BirdLife Schweiz

beharrlich auf die Verwirklichung

des Traums hingearbeitet. Das Ökobüro

Orniplan AG stellte die Grundlagen

für ein künftiges Naturzentrum

zusammen. Die Zürcher Hochschule

für Angewandte Wissenschaften

(ZHAW) führte eine Befragung der

Besuchenden durch. Zwei Fachleute

aus Frankreich brachten mit einer

Studie zur Besucherlenkung vor Ort

eine interessante Aussensicht ein.

Und mehrmals haben wir zum Verkauf

stehende Gebäude geprüft. Zuerst

ohne Erfolg. Bis vor genau einem

Jahr ein Inserat in Ornis wie ein Blitz

einschlug.

Perfekte Eignung

Zum Verkauf stand ein Haus, das

alle Besucherinnen und Besucher des

Klingnauer Stausees schon gesehen

haben, direkt beim Beobachtungsturm

von BirdLife Aargau, keine 20

Meter vom Rundweg um den See entfernt.

Die Besichtigung zeigte die perfekte

Eignung des Gebäudes für ein

Naturzentrum. Rund um das Haus

erstrecken sich eine naturnahe Magerwiese,

Hecken aus einheimischen

Büschen und ein Bach mit regelmässigen

Besuchen des Eisvogels und immer

wieder neuen Biberdämmen.

12 ornis 5/16


Dieter Hopf BirdLife Schweiz

N. Wächter/Reportair

Das neue Naturzentrum wird direkt am Uferweg stehen (rechts, weisser Kreis). Gleich nebenan steht der Beobachtungsturm (links oben) von

BirdLife Aargau. Der Eisvogel (links) ist häufig auf dem Grundstück zu sehen.

Nun galt es abzuklären, wie das Haus

umgebaut und erweitert werden

könnte, um den Anforderungen eines

Naturzentrums gerecht zu werden.

Ein heimischer Architekt zeigte mit

einer Machbarkeitsstudie die sehr

gute Eignung des Gebäudes als Besuchszentrum

und des Gartens als

Lernort. Ganz wichtig ist, dass das

künftige Zentrum direkt am Stausee

und damit am Besucherstrom liegt.

Im nächsten Schritt musste die

zonenplanerische Situation durch

den Kanton Aargau abgeklärt werden.

Die Abteilung Landschaft und

Gewässer und die Standortgemeinde

Böttstein halfen tatkräftig mit. Im

Schutzgebiet des Klingnauer Stausees

gibt es bezüglich neuen Bauten und

Erweiterungen sehr restriktive Vorgaben.

Nur wenn ein Gebäude der Besucherinformation

dient, also genau

für unseren Fall, sind Ausnahmen

möglich. Nach der Prüfung bestätigten

Gemeinde und Kanton mit einer

offiziellen Verfügung, dass die Umnutzung

und Erweiterung des Hauses

zu einem Naturzentrum bewilligungsfähig

ist.

Darauf galt es für BirdLife Aargau

und BirdLife Schweiz sofort zu handeln,

bevor das Haus anderweitig verkauft

wurde. Im März 2016 stimmten

die Delegierten von BirdLife Aargau

und im Mai die Delegierten von Bird-

Life Schweiz dem gemeinsamen Kauf

des Grundstücks, dem Umbau des

Hauses und dem Betrieb des Naturzentrums

zu. Seit diesem Sommer

sind nun der Kantonalverband und

der nationale Verband Besitzer des

Gebäudes. Ermöglicht haben dies ein

namhafter Beitrag aus dem Swisslos-

Fonds Kanton Aargau und ein Beitrag

des Bundes an den Erwerb der Naturfläche

um das Gebäude. Mit diesen

Beiträgen ist gut die Hälfte der Erstellungskosten

inklusive Kauf gedeckt.

Möchten Sie

weiterlesen?

Bitte bestellen Sie ein

Heft oder ein Abo.

5/16 ornis 13


Teil des Schwarms

werden.

ZEISS Ferngläser und Spektive

// RELIABILITY

MADE BY ZEISS

Das neue ZEISS Victory SF 42 und ZEISS Conquest Gavia 85

Die erste Wahl für Birder.

Fitis oder Zilpzalp? Mit den neuen Ferngläsern und Spektiven von ZEISS entgeht Ihnen keine

Federzeichnung. Dank ihrer kompakten und leichten Bauweise, der hohen Detailschärfe sowie der

dynamischen Fokussierung sind sie perfekter Begleiter für Birder, die für ihre Leidenschaft gerne bis an

die entlegensten Orte der Welt reisen. www.zeiss.ch/natur


Interview

«Es braucht überzeugte

Leute!»

Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat seit Mitte April einen neuen Direktor: Marc Chardonnens. Der Agraringenieur

hat bereits in zahlreichen Funktionen die Schweizer Umweltpolitik mitgestaltet, zuletzt als Leiter des Amts für Umwelt

im Kanton Freiburg. Ornis hat Marc Chardonnens zu seiner Beziehung zur Natur und dem Stand der Umsetzung der

Strategie Biodiversität Schweiz befragt. Interview: Daniela Pauli und Stefan Bachmann

Daniela Pauli

Marc Chardonnens, Direktor des Bundesamts für Umwelt (Bafu).

Ornis: Herr Chardonnens – was

bedeutet Ihnen die Natur?

Marc Chardonnens: Ganz spontan:

Sie ist etwas Schönes. Diese

Schönheit ist aber auch zweischneidig

– denn man sieht nicht auf den

ersten Blick, dass die Natur nicht so

ist, wie sie sein sollte. Dies ist bei anderen

Umweltbereichen grundsätzlich

anders. Wenn es im Sommer zu

viel Ozon in der Luft hat, können wir

weniger gut atmen. Das merkt man

am eigenen Leib. Oder bei den Gewässern:

Da hat nach den 1950er-Jahren

jeder gesehen, dass es so nicht weitergehen

kann, die Gewässer waren voller

Schaum und Algen. Im Wald war

es ähnlich. Auch da hat man gemerkt:

Wenn wir weiter in diesem Ausmass

roden, bekommen wir langsam aber

sicher grosse Probleme, weil der Wald

nicht mehr genug Schutz bietet. Oder

beim Abfall: Plötzlich merkte man,

dass da überall Deponien waren, und

dies erst noch neben den Flüssen.

Dies führte dazu, dass der Bund reagierte

und Massnahmen traf. Es entstanden

Waldgesetz, Gewässerschutzgesetz

und so weiter.

Da sprechen Sie ein zentrales Problem

an: Die Wissenschaft zeigt,

dass die biologische Vielfalt weiterhin

auf dem Sinkflug ist – die Bevölkerung

hingegen ist der Meinung,

der Biodiversität gehe es gut.

Wie wollen Sie diese Diskrepanz

angehen?

Wir müssen mit Zahlen dokumentieren,

wie die Lage ist, sonst

glaubt die Bevölkerung es nicht. Der

Rückgang ist nicht eine Erfindung

von ein paar Naturliebhabern! Und

dann müssen wir als Bundesamt aufzeigen,

was dieser Diversitätsverlust

bedeutet. Wahrscheinlich haben wir

einen Mikadoeffekt. Noch sieht man

es nicht, aber wenn wir zu weit gehen,

erfolgt der Absturz. Dem möchte

ich vorbeugen und vorher sagen:

Jetzt müssen wir handeln, sonst haben

wir Probleme. Die Leute sind sich

nicht im Klaren, dass Biodiversität

mehr ist als Pflanzen oder Tiere. Biodiversität

gibt es auch in den Gewässern

und im Boden – und wichtig

sind auch all die Interaktionen zwischen

den verschiedenen Räumen

und Arten. In der Politik beginnt sich

die Erkenntnis durchzusetzen, wie

wichtig das Thema ist, das zeigen die

Strategie Biodiversität Schweiz des

Bundesrats von 2012 und der anerkannte

Bedarf, dazu einen Aktionsplan

zu erarbeiten. Je nachdem sind

auch Ergänzungen in der Gesetzgebung

nötig. Der Bundesrat hat sich

im Mai hierzu deutlich bekannt, indem

er die Finanzen für Sofortmassnahmen

gesprochen hat.

Wo steht der Aktionsplan denn

nun im politischen Prozess?

Möchten Sie

weiterlesen?

Bitte bestellen Sie ein

Heft oder ein Abo.

16 ornis 5/16


Saison

Entdecken im Oktober

Merkwürdige «Herbstblume»

Immerblüher in unseren Gärten

Das uns wohlbekannte Gänseblümchen

(Bellis perennis)

blüht im Spätherbst noch erstaunlich

munter dem Winter

entgegen. Es wendet seine

Blütenstände immer der Sonne

zu. Die Blattrosette des Gänseblümchens

ist immergrün. Da

die Blütenköpfchen oft vom

Rasenmäher gekappt werden,

entwickelt das Gänseblümchen

unermüdlich neue Blüten –

manchmal auch noch mitten

im Winter. SS

Frühling im Herbst?

Ähnlich wie die Krokusse im

Frühling zieren jetzt im Herbst

die Herbstzeitlosen (Colchicum

autumnale) die Wiesen. Ihre

lilafarbenen Blüten kommen

ohne Stängel und Blätter direkt

aus dem Boden. Sie entspringen

unterirdisch den Wurzelknollen;

der Fruchtknoten bleibt

gut geschützt in der Erde verborgen.

Die bis zu 20 cm lange

Blüte wird durch Insekten

bestäubt. Die Befruchtung

findet unterirdisch erst im

Winter statt. Im Frühling streckt

sich dann die Fruchtkapsel

zusammen mit den grünen,

tulpenähnlichen Blättern aus

der Erde. Danach verdorren die

oberirdischen Teile, und die

Pflanze bleibt bis im Herbst

scheinbar verschwunden. SS

Pirsch nach Vogelnestern

Dank des Laubfalls wird jetzt

die Sicht frei auf die zuvor gut

versteckten Vogelnester. Es

sind faszinierende Meisterwerke.

Nester von erstbrütenden

Vögeln sind meistens genauso

perfekt wie diejenigen von

erfahrenen Altvögeln; offenbar

müssen die Vögel den Nestbau

nicht erst erlernen. Neststandort

und -form, Baumaterialien

und Bauweise sind artspezifisch.

Vielleicht entdecken Sie

ein Nest in Ihrer Umgebung

und können es einer Vogelart,

die im Frühling bei Ihnen gebrütet

hat, zuordnen. SS

Markus Bolliger

Was hier am Waldboden auf den ersten Blick an eine Blüte erinnert, ist ein Pilz: ein Gewimperter Erdstern

(Geastrum sessile). Sein Fruchtkörper wächst unterirdisch als unscheinbare Kugel heran, die aus mehreren

Schichten besteht. Diese Schichten platzen nach und nach auf. Bei den crèmefarbenen, zurückgebogenen

«Blütenblättern» handelt es sich in Wirklichkeit um die sternförmigen Reste der äussersten Schicht. Sie präsentieren

eine kugelige innere Hülle, welche die Sporen enthält. Fällt nun ein Regentropfen auf diese weiche Kugel,

schiessen die Sporen aus der feinen, bewimperten Öffnung am Scheitelpunkt in alle Richtungen und sorgen so

für die Verbreitung des Pilzes. Weltweit existieren etwa 60 Arten von Erdsternen, die meisten wachsen in Steppen

oder auf sandigen Böden. Auch in der Schweiz sind mehrere Arten heimisch; der Gewimperte Erdstern ist

der häufigste unter ihnen. Er kommt vor allem in Nadelwäldern vor und mag es warm und trocken. Erdsterne

sind hübsch anzusehen, aber ungeniessbar. DP

Lebensspuren auf Blättern

Wer war hier wohl alles am Werk? Jetzt, wo die Blätter

kein Chlorophyll mehr enthalten, werden die Spuren

der Sommergäste sichtbar, welche die Baumkronen

bevölkert haben.

Bäume rüsten sich jetzt für die Winterzeit: Sie

ziehen die wertvollsten Stoffe aus ihren Blättern

zurück und stossen diese ab. Auf den abgefallenen

Blättern zeugen Spuren vom vielfältigen und

emsigen Sommerleben in den Baumkronen. Da

gibt es Blattwucherungen in den unterschiedlichsten

Formen und Farben. Meist sind es sogenannte

Blattgallen, worin sich die Larven der

Gallwespen entwickeln. Andere Insektenlarven

wie zum Beispiel jene des Buchenspringrüsslers

hinterlassen Frassgänge im Blattinnern, die ganz

fein beginnen und mit dem Dickerwerden der

Larve wachsen. Läuse, Milben, Pilze, Bakterien

und Viren haben Verfärbungen, russige oder klebrige

Beläge und Blattdeformationen hinterlassen.

Schliesslich sind viele Blätter durchlöchert oder

vom Rand her angefressen – eindeutige Spuren

von Käfern, Heuschrecken, Raupen etc., die

sich an den nahrhaften Blättern gütlich getan

haben. SS

Albert Krebs

22 ornis 5/16


Im Bild

850 Höhenmeter für ein Bild

Fotos: Fabian Fopp

Damit gute Bilder von Tieren gelingen,

braucht es einiges an Aufwand – und manchmal

den einen oder anderen Trick. Das Bild

der Haubenmeise im Schneetreiben glückte

mir, weil ich an einem geeigneten Ort Futter

auslegte. Bald schon kamen mehrere Arten in

mein «Freiluft-Fotostudio». Auch der Hintergrund

– ein Arvenwald – war ganz bewusst

gewählt: möglichst dunkel, damit man die

Schneeflocken besser sieht.

Naturfotografie ist neben meinem Biologie-

Studium meine grosse Passion. Ich wohne in

Flims-Waldhaus und bin so oft draussen in

der Natur wie nur möglich. Häufig bin ich bei

meinen Foto-Ausflügen auch mit Kollegen unterwegs.

Besonders angetan haben es mir die

Berge, sei es in meiner Umgebung rund um

Flims oder auch im Wallis oder im Berner

Oberland. An schönen Wochenenden oder in

den Ferien nehmen wir häufig das Zelt mit

und übernachten irgendwo in der freien Natur.

So verpassen wir die interessanten Stunden

am Abend und am frühen Morgen nicht.

Auf diese Weise sind mir auch schon Bilder

von Schneehühnern geglückt – eine nicht

ganz einfach zu fotografierende Art. Sehe ich

einen Trupp, nähere ich mich in einem grossen

Bogen ganz vorsichtig. Dann lege ich

mich hin und hoffe, dass sich die Vögel in

meine Richtung bewegen. Natürlich klappt

das meistens nicht – aber wenn es einmal gut

geht, dann können Bilder aus 15 Metern

Nähe gelingen.

Besonders schön sind die Stimmungen auf

dem Cassonsgrat oberhalb von Flims. Dort

rasten im August manchmal Mornellregen-

Möchten Sie

das Portfolio sehen?

Bitte bestellen Sie ein

Heft oder ein Abo.

5/16 ornis 25


Porträt

Horst Jegen

Die Mittelmeermöwe ist die einzige Grossmöwe, die in der Schweiz brütet – schon seit den 1960er-Jahren.

Ein Hauch von Mittelmeer

Die Mittelmeermöwe. Nach einer langen Zeit der gnadenlosen Bejagung haben sich die Bestände der Mittelmeermöwe

wieder ausgebreitet. Auch in der Schweiz brütet die schöne Grossmöwe an Seen und gar mitten in der Stadt.

Bis vor einigen Jahren wusste man gar nicht, dass es sich um eine eigene Art handelt. Manuel Schweizer

V

or einiger Zeit wären sie noch

eine absolute Sensation gewesen,

heute aber gehören sie nahezu zum

Alltag: Mittelmeermöwen in der

Stadt Bern. Oft fliegt eine dieser eleganten

Grossmöwen knapp über meinen

Kopf hinweg, wenn ich morgens

auf meinem Arbeitsweg mit dem

Fahrrad die Kirchenfeldbrücke überquere.

Letztes Jahr hat ein Paar sogar

zum ersten Mal erfolgreich auf einem

Gebäude nahe der Aare gebrütet.

Beinahe täglich hörte ich zu

dieser Zeit die charakteristischen lachenden

Rufe des Brutpaares, wenn

ich bei offenem Fenster arbeitete –

und wähnte mich dann für ein paar

Sekunden am Mittelmeer oder zumindest

auf dem Damm des Chablais

de Cudrefin am Neuenburgersee.

Noch vor etwas mehr als hundert

Jahren schien die Mittelmeermöwe

(Larus michahellis) selten zu sein, mit

einem viel kleineren Verbreitungsgebiet

als heute. Damals wurde die

Art noch gnadenlos gejagt. Doch ab

Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen

die Bestände mit nachlassender Verfolgung

durch den Menschen wieder

zu. Ab 1908 brütete die Möwe erneut

auf Korsika, ab 1912 auf den Inseln

vor Marseille und ab 1929 in der Camargue.

Als sehr anpassungsfähige

Allesfresserin konnte die Mittelmeermöwe

neu entstandene Nahrungsquellen

wie offene Mülldeponien erschliessen

und von Abfällen des

kommerziellen Fischfangs profitieren.

Auch in intensiv genutzten

Agrargebieten suchte und sucht die

Mittelmeermöwe gerne nach Nahrung.

Mitte des 20. Jahrhunderts begann

die Kolonisation des französischen

Rhonetals, und nach und nach

34 ornis 5/16


etablierte sich die Mittelmeermöwe

als Sommergast in der Schweiz. 1968

gelang dann der erste Brutnachweis

im Fanel am Neuenburgersee. Mittlerweile

brüten etwas mehr als 1000

Paare an den verschiedensten Gewässern

in der Schweiz. Mit mehr als 600

Paaren in der letzten Zeit beherbergt

das Fanel die grösste Kolonie.

Wie andernorts auch nutzt die

Mittelmeermöwe bei uns gerne Inseln

als Brutplätze. In mehreren Städten

hat sie zudem bereits auf Gebäuden

gebrütet. Als Standorte von

Einzelbruten können aber auch Felswände,

Bäume, Pfähle im Wasser

oder sogar ein Storchenhorst dienen.

Gäste aus Italien

In der Schweiz tritt die Mittelmeermöwe

aber nicht nur als Brutvogel,

sondern auch als Gastvogel auf.

Im Spätsommer gesellen sich zu den

lokalen Brutvögeln Sommergäste aus

dem Mittelmeerraum. Ringfunde zeigen,

dass diese meist aus den Küstenregionen

Norditaliens zu uns kommen.

Im Spätherbst und frühen

Winter ziehen die meisten dieser Vögel

wieder zurück ans Mittelmeer.

Auch die Individuen, die bei uns

schlüpfen, sind keine Standvögel.

Viele insbesondere junge Möwen verlassen

die Schweiz im Herbst in nördlicher

Richtung und ziehen – wie

Ringfunde zeigen – bis an die Küste

des Ärmelkanals sowie bis an die

Nord- und Ostsee. Warum sie statt

nach Süden nach Norden ziehen, ist

nicht klar. Vielleicht ist in den angeflogenen

Gebieten das Nahrungsangebot

im Herbst besonders gut.

Als die ersten Mittelmeermöwen

die Schweiz kolonisierten, galten sie

noch als die südliche gelbfüssige Unterart

der Silbermöwe (Larus argentatus).

Diese hat als Altvogel im Gegensatz

zur Mittelmeermöwe nicht gelbe,

sondern fleischfarbene Beine. Als Folge

ihrer Ausbreitung begann dann

aber diese «gelbfüssige Silbermöwe»

in den 1970er-Jahren im Westen

Frankreichs in Kolonien der «richtigen»

Silbermöwe zu brüten. Erstaunlicherweise

kam es dabei zu keiner

Vermischung. Also war klar, dass es

sich bei beiden um verschiedene Arten

handeln muss. Fortan wurde die

gelbfüssige Form unter dem neuen

Namen Weisskopfmöwe (Larus cachinnans)

geführt.

Genaue Beobachtungen insbesondere

von deutschen Möwenkennern

haben in den 1990er-Jahren die Systematik

der Weisskopfmöwe noch einmal

aufgewühlt. Anhand vom Studium

beringter Vögel auf deutschen

Mülldeponien stellten die Ornithologen

fest, dass die aus dem Mittelmeerraum

stammenden Weisskopfmöwen

sich klar von denen aus dem Osten,

unter anderem vom Schwarzen Meer,

unterschieden. Insbesondere fanden

sie auffällige Unterschiede in Struktur

und Gestalt. Später stellte sich heraus,

dass die unterschiedlichen Formen

am Schwarzen Meer in Rumänien

sogar nebeneinander brüten. Aus

der Mittelmeerform der Weisskopfmöwe

wurde daher die Mittelmeermöwe

(Larus michahellis) und aus der

östlichen Form die Steppenmöwe (Larus

cachinnans).

Das Brutgebiet der Mittelmeermöwe

umfasst heute den gesamten

Mittelmeerraum, grosse Teile der

Atlantikküste von Marokko bis

Frankreich, das südliche Schwarze

Meer und zerstreute Vorkommen im

Europäischen Binnenland. Auf den

Makaronesischen Inseln und den

Azoren brütet zusätzlich die Unterart

atlantis. Die Steppenmöwe dagegen

Genaue Beobachtungen in den 1990er-Jahren haben die

Systematik der Weisskopfmöwe noch einmal aufgewühlt.

brütet von der Region des Schwarzen

Meers ostwärts über das Kaspische

Meer bis ins kasachisch-chinesische

Grenzgebiet.

Möchten Sie

weiterlesen?

Bitte bestellen Sie ein

Heft oder ein Abo.

Manuel Schweizer

In den ersten Monaten ist die Mittelmeermöwe

noch braun gesprenkelt. Danach

mausert sie sich langsam ins Adultgefieder

– ein komplizierter Prozess, der erst

nach drei Jahren abgeschlossen ist.

5/16 ornis 35


Unterwegs

Mario Romulić

Europas unbekannte

Teichlandschaft

Vojvodina. Neunzig Prozent der einst riesigen Feuchtgebiete der Pannonischen Tiefebene zwischen den Alpen

und den Karpaten wurden in den letzten 200 Jahren trockengelegt. Seither gehören die Fischteiche der serbischen

Provinz Vojvodina für ziehende Wasservögel zu den wichtigsten Trittsteinen auf dem Weg in die afrikanischen

Winterquartiere. Für viele koloniebrütende Wasservögel und schilfbewohnende Singvögel sind sie wichtige Brutgebiete.

Ein Besuch der Vojvodina lohnt sich zu jeder Jahreszeit. Borut Stumberger

Fischteiche sind ein Teil der historisch gewachsenen

europäischen Kulturlandschaft. Manche Teichwirtschaften

sind viele hundert Jahre alt. In der heutigen serbischen

Provinz Vojvodina nördlich der Save und der

Donau begann die Kultur- und Naturgeschichte der Fischteiche

1697 mit der Schlacht bei Senta an der Theiss. Damals

schlugen die kaiserlichen Truppen Habsburgs die

Hauptmacht des Osmanischen Heeres – damit waren die

Weichen für die Wiederbesiedlung der grossen Pannonischen

Tiefebene zwischen den Karpaten und den Alpen

durch europäische Siedler gestellt.

Die Erschliessung der vom Krieg verwüsteten Landschaft

und die Wiederbelebung des Wirtschaftslebens

waren Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im

Wesentlichen abgeschlossen. Vorerst florierte die Fischerei,

insbesondere an der Donau. Doch je mehr Sümpfe

trockengelegt und in Wiesen, Weiden und Äcker umgewandelt

wurden – allein in der Vojvodina sind es bis

heute um 4500 km 2 –, je mehr die Donau und ihre Nebenflüsse

wie die Theiss durch Begradigungen und Dämme

von den angrenzenden Auen abgeschnitten worden

waren, desto weniger Fische wurden gefangen. Unter anderem

verschwanden die grossen Laichplätze der Wildkarpfen

in den Überschwemmungsgebieten der Flüsse

Möchten Sie

weiterlesen?

Bitte bestellen Sie ein

Heft oder ein Abo.

40 ornis 5/16


Für Sie gelesen

Förderung der Biodiversität im

Siedlungsgebiet

In der Regel fokussiert die Gestaltung von

Grünräumen in Siedlungen entweder auf

den Nutzen für den Menschen oder aber auf

die Förderung der Naturvielfalt. Doch die

Grünräume schrumpfen angesichts zunehmender

Verbauung und Verdichtung. Gesucht

sind deshalb Wege, die es erlauben,

Grünräume so zu gestalten, dass sie sowohl

der Biodiversität wie den Menschen zugute

kommen. Dass das Potenzial hierfür gross

ist, zeigen die Beispiele in diesem Buch, bei

denen es gelungen ist, die Förderung der

biologischen Vielfalt mit den Bedürfnissen

der Nutzenden zusammenzubringen –

gute Praxis eben. Das Werk enthält auch

Erfolgsfaktoren und eine Checkliste. Es

richtet sich an Planende, Liegenschaftsverwalter

und Unterhaltsverantwortliche,

Investoren, Architekten, Bauherren und

Gartenbauer. Der im Buch enthaltene Wissensfundus

müsste eigentlich bei der Ausund

Weiterbildung in den betroffenen

Berufen zum Standard werden. DP

Biodiversität im Siedlungsgebiet. Gute

Beispiele und Erfolgsfaktoren. M. Di Giulio.

Zürich: Bristol Stiftung; Bern: Haupt, 2016.

125 Seiten, Fr. 36.–

Die neuen Wilden

Vom Menschen eingeführte oder eingeschleppte

Arten breiten sich rasant aus.

Viele dieser Neozoen machen keine Schwierigkeiten,

einige jedoch schon: Ratten bringen

auf Inseln Vögel zum Aussterben, Neophyten

überwuchern artenreiche Ökosysteme,

eingeschleppte Insekten verbreiten

Seuchen etc. Für den Journalisten Fred Pearce

ist das alles kein Problem. Sein Credo:

Lasst die Natur einfach machen, ohne die

Zeit zurückdrehen zu wollen. Ob die Arten

wegen des Menschen oder aus eigener Kraft

an einen Ort gelangen, macht für ihn keinen

Unterschied. Unangetastete Naturräume

gäbe es sowieso keine mehr. Auch die

Ausbreitung weniger Generalisten auf Kosten

vieler lokaler Spezialisten sei okay: «Die

schwachen Arten haben nun ausgedient, die

Welt gehört den Starken.» Obwohl spannend

zu lesen, handelt es sich bei dem Buch um

astreinen Thesenjournalismus. Dabei belässt

Pearce viele Gegenbeispiele seltsam unkommentiert.

Sein krasser «Laisser-faire-Liberalismus»

liegt wohl im Trend, ist aber meiner

Ansicht nach unethisch und einer differenzierten

Betrachtung nicht förderlich. SB

Die neuen Wilden. F. Pearce. München:

oekom, 2016. 330 Seiten, Fr. 31.90

Britain’s Birds

Ornithologen arbeiten normalerweise mit

Bestimmungsbüchern, welche auf Zeichnungen

basieren. Diese geben die typischen

Merkmale meist besser wieder als Fotos, auf

denen oft nicht alles Relevante optimal zu

sehen ist. Ein neuer Vogelführer für Grossbritannien

und Irland beweist hingegen

eindrücklich, dass es auch mit Fotos geht.

Fast 650 Arten sind beschrieben, wobei

sämtliche möglichen Kleider und alle Unterarten

in 3200 brillanten und schön zusammengestellten

Bildern zu sehen sind.

Die Abbildungen werden durch kurze Texte

ergänzt, welche die Merkmale und Stimmen

beschreiben, sowie durch gute Verbreitungskarten.

Besonders nützlich sind die

vielen Vergleiche von einander ähnlichen

Arten: So gibt es zum Beispiel Doppelseiten

mit grossen Limikolen im Flug, weissflügeligen

Möwen im Flug oder allen Krähenvögeln

im Flug. Wäre dieses Buch für ganz

Europa herausgekommen, so wäre es ein

Must-Have für alle, die sich für Vögel interessieren.

SB

Britain’s Birds. An identification guide to the

birds of Britain and Ireland. R. Hume et al.

Princeton: Princeton University Press, 2016.

560 Seiten, Fr. 39.90

Kurz besprochen

Greifvögel

Vom Leben der Wildbienen

Dieses Buch handelt fast mehr von

Evolutionstheorien als von Greifvögeln.

Zudem ist es gespickt mit

persönlichen Geschichten des

Autors und mit historischen Angaben.

Wer sich eine verdauliche,

schöne Präsentation der Greifvögel

und ihrer Ökologie wünschte, wird

enttäuscht werden – auch weil die

Qualität der Bilder, die teilweise

Vögel in Gefangenschaft zeigen,

durchzogen ist. Wer jedoch einen

Rückblick auf die Geschichte der

Evolutionstheorie sucht, wird fündig.

Zudem geben die Überzeugungen

des Autors bereichernde

Denkanstösse über Artkonzepte

und Aspekte der Ökologie. RA

Greifvögel. Artproblem und Evolutionstheorie

– ökofunktionell betrachtet.

W. Baumgart. Melsungen:

Neudamm-Neudamm, 2016. 515

Seiten, € 68

Das Interesse an Bienen ist zurzeit

gross, und das Bewusstsein über

ihre reiche Vielfalt wächst. Wer

einen Einblick in die Welt der

Wildbienen gewinnen will, ist mit

dem Einsteigerbuch von Philippe

Boyer gut bedient. Mit wunderschönen

Nahaufnahmen stellt der

Autor eine Auswahl von spannenden

Arten aus verschiedenen

Familien vor. Man sieht die kleinen,

pelzigen Sympathieträger beim

Nestbau und beim Pollensammeln

und staunt über ihr Geschick und

ihren Fleiss. Ein Kapitel ist den

Beziehungen zwischen Pflanzen

und Insekten gewidmet. Das Buch

ist aus dem Französischen übersetzt;

dies merkt man den Texten

leider hin und wieder an. DP

Vom Leben der Wildbienen.

P. Boyer, 2016. Stuttgart: Ulmer.

144 Seiten, Fr. 26.90

48 ornis 5/16


Rätselvögel

Rätselvogel A (leicht)

Rätselvogel B (schwierig)

Bestimmen Sie beide oder

einen der beiden Rätselvögel

und gewinnen Sie mit

etwas Glück das neue Buch

«Wintervögel» des Vogelzeichners

Lars Jonnson,

Wert Fr. 47.50, oder ein Buch Ihrer Wahl im

gleichen Wert.

Pro Kategorie wird unter den Einsendern der

richtigen Lösung je ein Buch ver lost. Pro

Teil nehmer und Kategorie ist nur eine Einsendung

gültig. Wer bei A gewinnt, kann bei

B nicht auch gewinnen. Bei beiden Kategorien

kommen alle Arten der Westpaläarktis

inkl. Irrgäs ten in Frage. Dies entspricht den

Arten, die im «Neuen Kosmos-Vogelführer»

von Lars Svensson et al. (2015) beschrieben

sind. Der Rechtsweg ist ausge schlossen.

Senden Sie uns die Lösung im Internet unter

www.birdlife.ch/raetselvogel, per E-Mail an

ornis@birdlife.ch oder an: BirdLife Schweiz,

Ornis-Rätsel vogel, Postfach, 8036 Zürich.

Einsendeschluss: 10. November 2016.

Grosse Jahresverlosung

Wer 2016 bei allen sechs Rätselvögeln

mitmacht und bei einer

der Kategorien immer richtig

tippt, nimmt an der Verlosung

eines Gutscheins von Optik

Riesen im Wert von Fr. 500.–

teil. Sie können

bei A

und bei B

tippen. Bedingungen

siehe links.

für:

Gutschein im Wert von

Fr. 500.–

Optik Riesen

Optik Riesen, 3125 Toffen

www.optikriesen.ch

Auflösung Rätselvögel aus Ornis 4/16

beide: Dieter Hopf

Rätselvogel A: Steinrötel

Sehr hübsch präsentiert sich da unser Rätsel-Singvogel. Der lange,

dünne Schnabel und die geschuppte Unterseite erinnern sehr an

eine Drossel; Pieper und Lerchen würden eher Längsstreifen zeigen.

Orange Farbtöne auf der Unterseite findet man nur bei wenigen

Drosselarten wie der Singdrossel, Rotdrossel, Wacholderdrossel,

den Irrgästen Rotschwanz- und Rotkehldrossel oder beim Steinrötel.

Sing- und Rotdrossel zeigen jedoch auch eher Längs- als Querflecken

sowie eine weniger regelmässig orange Färbung. Die Wacholderdrossel

ist ähnlicher, hätte aber eine andere Kopffärbung. Und

die Rotkehldrossel würde weniger und auf die Kehlregion beschränktes

Orange zeigen. Am

ähnlichsten wäre noch die Rotschwanzdrossel,

nur machen bei

dieser Art nicht schwarze, sondern

weisse Bänder die Schuppung

der Unterseite aus. Es bleibt

der Steinrötel, ein Weibchen

oder Jungvogel, als richtige Lösung

– ein Blick auf die roten

Steuerfedern bestätigt dies. DM

Rätselvogel B: Falkenraubmöwe

Was ist wo? Der Schnabel mit Gonyseck wird in die Höhe gestreckt,

links ragt ein Flügelbug hervor, hinter dem Kopf die Handschwingen.

Weiter unten sind die Handschwingen des anderen Flügels

und ganz rechts die Steuerfedern zu sehen. Also wohl eine Yoga-

Pose, gezeigt von einer adulten Raubmöwe im Prachtkleid, wie man

anhand der schwarzen Kappe, der grauen Ober- und hinteren Unterseite

erkennt. Es muss eine der kleinen Arten, etwa Spatel-,

Schmarotzer- oder Falkenraubmöwe sein, die lange Schwanzspiesse

zeigen. Deren Form schliesst jedoch eine Spatelraubmöwe aus; diese

würde breite «Spatel» zeigen. Schmarotzer- und Falkenraubmöwe

können wir anhand folgender

Details bestimmen: Unterseitenund

Stirnfärbung, Schnabelform

und Länge der Schwanzspiesse.

Die Kombination von diffus grauen

Brustseiten und Unterseite, das

Fehlen von hellen Stirnflecken

sowie ein kurzer, kräftiger Schnabel

und lange Steuerfedern zeigt

nur die Falkenraubmöwe. DM

Das sind die Gewinner aus Ornis 4/16

Kategorie A: Mirjana Stamenic, Adligenswil. Kategorie B: Pablo Ruckli, Wettingen. Als Lösungen wurden genannt:

Kategorie A: Steinrötel 58%; Rotkehlchen 24%; Gartenrotschwanz 11%; Amsel 5%; ferner Zaunkönig. Kategorie B: Falkenraubmöwe 56%;

Lachseeschwalbe 19%; Schmarotzerraubmöwe 5%; Raub- und Schwarzstirnwürger je 4%; ferner Akazien- und Klappergrasmücke, «ferne

Seeschwalbe», Kleine Raubmöwe, Spatelraubmöwe, Sturmtaucher und Weissflügelseeschwalbe.

5/16 ornis 49

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine