zds#41

mpvogel

DIE ZEITSCHRIFT

DER STRASSE

Das Bremer Straßenmagazin

Ausgabe 41

WWW.zeitschrift-der-strasse.de

Preis: 2 Euro

Davon 1 Euro für

den verkäufer

OSTER

STRASSE

FLUCH DER

GUTEN TAT?

„ICH BIN KLEIN,

MEHR NICHT“

KUNST IST IHRE

SPRACHE

OASE DER

LIEBE

Streit um geplante

Unterkunft für

Wohnungslose

Ein Gespräch über

Selbstbehauptung

und Erziehung

Brotlos, sagte die

Familie. Herma Siebrasse

tat es trotzdem

Ein musikalisches

Drama in drei Akten.

Und vier Fotos


EDITORIAL | 3

Wachgeküsst

Liebe Leserinnen

und Leser,

die Osterstraße ist ein Ort, der über Jahre in einer Art Dornröschenschlaf

vor sich hin träumte. Es war ein langer, ereignisarmer Schlaf. Doch dann

kamen die Menschen, und mit ihnen ihre Ideen und Projekte. Das faszinierende

an der Osterstraße ist heute, dass sie zu unterschiedlichen

Zeiten ganz unterschiedliche Menschen anzieht. Tagsüber die Alteingesessenen,

die Kioskgäste, die Krankenhausangestellten, die Besucher mit

ihren Blumensträußen. Abends dann die Studierenden, die in die Kneipen

einfallen, die sich entlang der Osterstraße neu angesiedelt haben.

Und in den Zeiten und Räumen dazwischen: bunte Vögel, eigenwillige

Ladenbesitzer, Künstler – und Lebenskünstler.

Unsere Fotografin Jasmin Bojahr, Meisterschülerin an der Hochschule

für Künste, fasste es auf einer Redaktionskonferenz treffend zusammen:

Die Straße oszilliert. Und auch unsere Texte atmen dieses Auf und

Ab. Die Geschichte von Herma Siebrasse etwa, die nicht anders konnte,

als ein künstlerisches Leben zu führen (Seite 20). Oder das Interview mit

Christine Fischer, klein im Wuchs, aber großherzig im Leben (Seite 8).

Ein ganzes Drama breiten wir Ihnen in unserem letzten Text in dieser

Ausgabe aus. In den Hauptrollen: zwei Liebende, freundliche Musiker –

und ein nicht immer freundliches Publikum (Seite 24).

Besonders ans Herz legen aber möchten wir Ihnen unseren Text über

die Spekulation mit Wohnraum für Wohnungslose, wie sie exemplarisch

derzeit auch an der Osterstraße geschieht (Seite 10). Ein wichtiges Thema,

wie wir finden – gerade weil es keine einfachen Antworten gibt.

Viel Vergnügen beim Lesen wünschen

Tanja Krämer, Philipp Jarke

und das ganze Team der Zeitschrift der Straße

Foto Titelseite: Jasmin Bojahr

Seite 2: Ann-Kathrin Just

Die Zeitschrift der Straße

… ist das Bremer Straßenmagazin – ein gemeinsames Projekt

von Studierenden, JournalistInnen, sozial Engagierten, StreetworkerInnen,

HochschullehrerInnen und von Menschen, die

von Wohnungslosigkeit und Armut bedroht oder betroffen

sind. Herausgegeben wird sie von dem Verein für Innere Mission

in Bremen. Die Zeitschrift der Straße wird auf der Straße

verkauft, die Hälfte des Verkaufserlöses geht an die VerkäuferInnen.

Jede Ausgabe widmet sich einem anderen Ort in Bremen

und erzählt Geschichten von der Straße.


DIE ORIGINALEN

Das ist Bremens Visitenkarte! Wenn Sie mit

Bremen zu tun haben, hier leben, hier Ihren

Firmensitz haben, dann kommen Sie an dem

Klassiker der Bremenkalender wohl nicht vorbei

… Und bestimmt werden Sie kaum etwas

Originelleres verschenken können!

„Da nich’ für“, sagt der Bremer, wenn er was

prima gemacht hat und er noch nicht einmal

ein Dankeschön erwartet. „Da nich’ für“, sagt

auch unser Premium-Kalender zu allen, die ihn

in die Hand bekommen. Da sehen Sie die

Wesermetropole von einer anderen Seite.

Die ganz neuen Stadtansichten werden mit

frechem Strich gezeigt, mit all dem witzigen

Drumherum, das detailverliebt in jeder Ecke

steckt. So kennen Sie die Doell Kalender. Je

mehr die Stadt sich verändert, desto frischer

weht auch hier der Wind.

Inhalt

08 „Ich bin klein, mehr nicht“

Ein Gespräch über Selbstbehauptung

und Erziehung

10 Fluch der guten Tat?

In einem Altbau sollen Wohnungslose

untergebracht werden.

Die Mieter mussten weichen

24

14 Oszillation Osterstraße

Fotostrecke

10

20 Kunst ist ihre Sprache

Brotlos, sagte die Familie.

Herma Siebrasse

tat es trotzdem

20

08

Beste Zeiten

Verlagsgesellschaft mbH

Oskar-Schulze-Straße 12

28832 Achim

Tel 0421 - 168 45 45

Fax 0421 - 20 53 94 95

info@beste-zeiten.de

www.beste-zeiten.de

24 Oase der Liebe

Ein musikalisches Drama in drei Akten.

Und vier Fotos

28 Abschied von Ronny

30 Todesanzeige

31 Impressum & Vorschau

Illustration:

Anna-Lena Klütz ist freie Künstlerin und freut

sich, wenn aus einer scheinbar nichtssagenden

Straße ein Bild voller spannender Einblicke wird.


6 | zahlEN

OSTER

STRASSE

530 Meter lange Straße in der Neustadt zwischen dem

Neuen Markt und dem Buntentorsteinweg. zweigeteilt durch die

vierspurige Friedrich-Ebert-Straße

vor 1944

2016

Recherche & Text: Philipp Jarke

Fotos: Carl Schünemann Verlag Bremen (vor 1944); Hartmuth Bendig (2016)

Ursprünglicher Zweck des Rolandbrunnens in

der Neustadt: Pferdetränke

Zahl der Standorte des Brunnens seit 1737: 3

Höhe des über den Brunnen wachenden kleinen

Rolands, in Metern: 1,28

Höhe der Roland-Statue in der Altstadt, in Metern:

5,47

Ursprung der Piepe: Rest des Neustadtgrabens

Ursprung des Namens: Die Uferform erinnerte

manche an eine Pfeife

Größe, in Hektar: 1

Maximale Tiefe, in Metern: 1,9

Von Anglern gemeldete Fischarten in der Piepe:

Aal, Barsch, Hecht, Karpfen, Rotauge, Schleie

Größe der Verkaufsfläche des Kiosks an der Piepe,

in Quadratmetern: 10

Zahl der Einbrüche in den Kiosk, im Jahr 2015: 9

Kältester Ort der Welt: östliches Polarplateau

nahe dem Südpol

Tiefste dort gemessene Temperatur: −93,2 °C

Kältester Ort in Bremen-Neustadt: Kältekammer

des Roten-Kreuz-Krankenhauses

Temperatur in der Kältekammer: −110 °C

Zweck der Kältetherapie: Linderung von Schmerzen

und Rheumabeschwerden

Wenig bekannte Funktion des Osterquartiers:

Ausgangspunkt politischer Karrieren

Hauptberuf des späteren Reichspräsidenten

Friedrich Ebert von 1894 bis 1899: Wirt der Kneipe

„Zur guten Hilfe“ in der Brautstraße

Standort des Elternhauses des späteren Bürgermeisters

Henning Scherf: im östlichen Teil der

Osterstraße

Neuer Name des Deutschen Hausfrauenbundes:

DHB – Netzwerk Haushalt, Berufsverband der

Haushaltsführenden

Grund für die Namensänderung 2009: Stärkere

Rolle der Männer in Erziehung und Hausarbeit

Zahl der weiblichen Vorsitzenden in den Bremer

Verbänden, Fachgruppen und im Bildungswerk: 8

Zahl der männlichen Kollegen: 0

Die Osterstraße war im 17. Jahrhundert Teil einer

Fernstraße, die von Bremen zum Kattenturm,

nach Arsten und bis nach Osnabrück führte. Als

der Dreißigjährige Krieg ausbrach, entschloss sich

Bremen, auch das linke Weserufer gegen feindliche

Armeen zu schützen: Ab 1623 hob man einen

Wassergraben aus und errichtete den Festungswall

und insgesamt acht Bastionen. Der Graben

konnte nur mittels einer Zugbrücke überquert

werden. Das Tor der Brücke war bunt bemalt und

wurde namensgebend für den Buntentorsteinweg,

von dem man über die Zugbrücke zur Osterstraße

gelangte, über die es in einem großen Bogen ins

Zentrum der Neustadt ging, zum Neuen Markt.

Schon 1796 beschloss Bremen, die Befestigungsanlage

wieder zu entfernen. Militärisch war

sie nur noch wenig hilfreich und sie nahm kostbaren

innenstadtnahen Platz ein. Also wurden Wälle

und Mauern ab 1805 abgetragen. Das Buntentor

blieb noch bis 1861 stehen, der Graben wurde

größtenteils zugeschüttet. Ein Überbleibsel ist die

Piepe, die anfänglich noch eine Verbindung zur

kleinen Weser hatte.

Die Neustadt war lange ein Bremen zweiter

Klasse. Die Bewohner waren nicht wahlberechtigt,

hatten keine eigene Interessenvertretung und

durften den Zünften nicht beitreten. Unter den

Einwohnern waren daher viele zunftungebundene

Gewerbetreibende wie Schuster, Lumpensammler

und Zigarrenmacher. Von rechts der Weser schaute

man abfällig auf das Gebiet um die Osterstraße:

Dort ging man nicht hin.

Die Neustädter aber hatten ihren Stolz. Sie

stellten 1737 ihren eigenen Roland auf. Die Neustädter

Variante ist zwar kleiner als das Original

der Altstadt, war damals aber ebenso ein Sinnbild

für Freiheit und Bürgerrechte.

Der Bremer Rat ignorierte jahrzehntelang die

Forderung nach Gleichstellung. Stattdessen verlegte

er den ungeliebten, stinkenden Schweinemarkt

vom Domshof auf den Neuen Markt – ohne

die Neustädter vorher zu befragen.

Der kleine Roland sollte 77 Jahre alt werden,

ehe die Neustädter schließlich doch noch das große,

altstädtische Bürgerrecht erwarben und dem

Bürgerkonvent beitreten durften.


8 | INTERVIEW

INTERVIEW | 9

Text: Nola Krohn

Foto: Norbert Schmacke

„Ich bin klein,

mehr nicht“

Christine Fischer, 29, ist Mitglied im „Bundesverband

Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e. V.“.

Ein Gespräch über Selbstbehauptung, Gemeinschaft und

Familiengründung

Dass sie kleiner ist als andere, entdeckte Christine Fischer in der Grundschule. Behindert fühlt sie sich dadurch nicht.

Frau Fischer, wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt,

dass Sie kleinwüchsig sind? Das war in der

Grundschule. Zu der Zeit wuchs ich langsamer als

meine Mitschüler, da fiel mir das irgendwann auf.

Dass ich kleinwüchsig bin, wurde bereits bei meiner

Geburt festgestellt. Diagnose: Achondroplasie.

Das ist eine der häufigsten Kleinwuchsformen.

Der Oberkörper ist dabei normal groß, aber ich

habe einen größeren Kopf und Beine und Arme

sind extrem verkürzt. Meine Eltern haben noch

im Krankenhaus eine andere Familie mit einem

kleinwüchsigen Kind kennengelernt, sich mit

ihnen zusammengeschlossen und später dann den

Bundesverband „Kleinwüchsige Menschen und

ihre Familien e. V.“ gegründet.

Wie sind Sie mit der Krankheit umgegangen? Ich

kenne es nicht anders. Klar, es gab Hänseleien,

aber meine Eltern haben mich überallhin mitgenommen,

in Vereine geschickt, auf Ferienfreizeiten.

So war ich immer wieder mit dem Thema

konfrontiert, musste die Krankheit vor Fremden

erklären und mich halt auch immer wieder selbst

behaupten. Kinder nehmen ja auch kein Blatt vor

den Mund.

Das klingt anstrengend. Natürlich hätte ich meine

Eltern dafür manchmal köpfen können, weil ich

einfach keinen Bock mehr hatte darauf. Aber sie

haben damals die richtige Entscheidung getroffen.

Sonst wäre ich nicht so, wie ich jetzt bin.

Hat der Bundesverband Ihnen ebenfalls geholfen?

Ohne den Verband wäre ich heute sicherlich nicht

so selbstbewusst. Gerade in der Pubertät war

es einfach schön zu wissen, dass man nicht die

Einzige auf der Welt ist. Es gibt ja etwa 100.000

Kleinwüchsige in Deutschland. Der Verband

veranstaltet für uns regelmäßige Treffen. Sich da

auszutauschen, ist toll. Früher nahm ich wirklich

an jedem Jugendseminar teil.

Welche Einschränkungen begegnen Ihnen im Alltag?

Einige Parkautomaten zum Beispiel sind für

mich zu hoch, da komme ich an den Münzschlitz

nicht heran. Fürs Auto habe ich eine Pedalverlängerung.

Und im Supermarkt erreiche ich viele

Produkte nicht, ohne andere Leute zu fragen.

Nervt Sie das manchmal? Ja, das muss ich zugeben.

Wenn ich das Produkt nicht wirklich brauche,

lasse ich es oft stehen. Ich habe kein Problem

damit, auf die Leute zuzugehen, aber wenn ich in

Eile bin, habe ich oft nicht die Geduld zu warten,

bis jemand vorbeikommt, den ich fragen kann.

Wie sollten andere Ihnen im Idealfall begegnen?

Bei kleinen Kindern habe ich Verständnis, wenn

sie mich anglotzen und „Guck mal!“ schreien.

Aber es gibt irgendwann ein Alter, bei dem ich

denke, langsam müsstet ihr auch wissen, dass

es unterschiedliche Menschen gibt: große Leute,

fette Leute, Kleinwüchsige, Behinderte, Rollstuhlfahrer.

Allgemein würde ich mir wünschen, dass

die Menschen einfach fragen, wenn sie Fragen

haben – ob Kind oder Erwachsener. Und nicht

hinter meinem Rücken tuscheln.

Sie gehen sehr offen mit Ihrem Kleinwuchs um,

hatten lange eine eigene Website. Warum? Ich bin

einfach so. Ich wollte auch mal Schauspielerin

werden: Ich schauspielere gern und mag es auch,

im Mittelpunkt zu stehen. Mit der Musikschule

hatte ich im Rahmen einer Musicalausbildung ein

paar Auftritte, später habe ich beim Schimmelreiter

im Stadttheater Bremerhaven mitgespielt

Außerdem gab es mal eine Fernsehreportage über

meinen Alltag. Das war total schön. Über die Doku

habe ich auch meinen Mann kennengelernt: Er hat

sie gesehen, fand mich toll und hat mich gegoogelt.

Wir haben uns ein Jahr lang E-Mails geschrieben.

Und dann sind wir zusammengekommen.

Inzwischen sind Sie auch Mutter. Da Ihre Form

der Kleinwüchsigkeit vererbbar ist, hätte auch ihr

Kind klein sein können. War das für Sie von Bedeutung?

Mein Mann ist normalwüchsig, daher

war die Chance für unsere Tochter 50:50. Sie hat

die Krankheit nicht geerbt, und natürlich finden

wir es schön, dass sie gesund ist. Wenn es anders

gewesen wäre, hätten wir das auch in Ordnung

gefunden. Für mich ist mein Kleinwuchs ja nicht

schlimm. Es ist eine Art Behinderung, aber ich

fühle mich nicht behindert. Ich bin eben klein,

mehr nicht. Ich kann fast alles alleine, habe nur

wenige körperliche Beschwerden. Wenn meine

Tochter die Krankheit geerbt hätte, hätte ich

mich bemüht, dass sie genauso selbstbewusst

wird wie ich.

Nola Krohn studiert Kommunikations- und

Medienwissenschaft an der Universität Bremen.

Dies ist ihr erster Text für die Zeitschrift

der Straße.

Norbert Schmacke fotografiert in seiner

Freizeit. Er war beeindruckt von Christine

Fischers Offenheit.


10 | BERICHT

„Wo die Verdrängten heute wohnen“ – stiller Protest der Mieter des Altbaus in der Rückertstraße 2, der

zu einer Herberge für Wohnungslose umgebaut wird.

Fluch der

guten Tat?

In einem Altbau in der Rückertstraße sollen Wohnungslose

untergebracht werden – die Mieter mussten deshalb weichen

Text: Nina Sieverding

Fotos: Sabrina Jenne

Die Feuerschutztür liegt schon im Treppenhaus

bereit. Für die Bewohner der letzten Wohngemeinschaft

in der Rückertstraße 2 wirkt sie wie

eine Drohung. Seit Monaten tauschen Handwerker

alle Holztüren des Altbaus gegen graue Metalltüren

aus. Das Treppenhaus ist nun halbhoch

gefliest, das Geländer an manchen Stellen bereits

grau gestrichen. Überall liegt feiner Staub. „Das

war eine wandernde Baustelle“, sagt Ariane im

Frühsommer 2016. Sie ist eine der letzten festen

Mieterinnen des Hauses. Alle anderen haben es

bereits verlassen – darunter eine Wohngemeinschaft

mit zwei kleinen Kindern, der Lärm und

Staub zu viel wurden. In dem Haus an der Ecke

zur Osterstraße soll eine private Herberge für Obdachlose

entstehen.

Seit Juli 2015 mietet das Land Bremen hier

bereits eine der Vierzimmerwohnungen als temporäre

Unterkunft für Menschen, die sonst auf der

Straße leben müssten. Jetzt sollen im gesamten

Haus weitere wohnungslose Menschen einziehen.

Die bisherigen Mieter fühlen sich mutwillig verdrängt,

und das nicht nur durch den Baulärm.

Was bisher geschah: Im Januar 2015, das Haus

ist gerade verkauft worden, schickt der neue Eigentümer

Kündigungen an alle Mieter. Er will

das Haus weiterverkaufen – und zwar mieterfrei.

„Der Eigentümer ist hier nie selbst aufgetreten“,

sagt eine Mieterin, die nicht mit Namen genannt

werden möchte. Stattdessen hätten sie schon bald

den neuen Kaufinteressenten Yehya Masri im

Haus angetroffen. Masri betreibt im Nachbarhaus

seit 20 Jahren eine private Obdachlosenherberge.

Dort bringt die Zentrale Fachstelle Wohnen des

Amts für Soziale Dienste Menschen ohne Obdach

vorübergehend unter, die Kosten – laut Masri sind

es 16 Euro pro Person und Nacht – trägt das Land

Bremen. „Er hat recht schnell gesagt, dass er plane,

hier Obdachlose und Geflüchtete unterzubringen“,

erzählt die Mieterin. „Uns war klar, was mit

unserem Wohnraum passieren soll.“ Sie legte, wie

die anderen Mieter auch, Widerspruch gegen die

Kündigung ein.

Nach einem weiteren Kündigungsschreiben

schließt der Eigentümer das Konto, auf das die Bewohner

die Miete überweisen. „Man hat gemerkt,

dass der Vermieter kein Interesse an uns hat“, sagt

Jeffrey, der mit richtigem Namen anders heißt und

mit seiner WG mittlerweile ausgezogen ist. Die Bewohner

hinterlegen die Miete beim Amtsgericht,

doch im August 2015 kommt eine Räumungsklage.

Der Vermieter aber scheint an einer Verhandlung

gar nicht interessiert zu sein. Der erste Gerichtstermin

platzt, der Anwalt des Vermieters sei

erkrankt, heißt es. Einen Tag vor dem Ersatztermin

wird die Räumungsklage zurückgezogen. Dasselbe

geschieht mit der zweiten Räumungsklage

im Februar 2016. Die Taktik hat Erfolg: Einige Monate

später sind alle Bewohner ausgezogen, bis auf

die WG im ersten Stock. Das Haus wird im Juni an

Yehya Masri verkauft.

Masri sagt, es habe keine mutwillige Verdrängung

der Mieter gegeben: „Die Leute haben eine

anständige Abfindung bekommen und sind freiwillig

ausgezogen.“ Auf die verbliebene Wohngemeinschaft

angesprochen, sagt er: „Wenn sie die Wohnung

behalten wollen – gerne. So lange sie sich an

die Hausordnung halten, gibt es keine Probleme.“

Wie kommt es, dass die Unterbringung obdachloser

Menschen – die ohne Zweifel nötig ist – unbeteiligte

Mieter aus ihrem Zuhause drängt? 2014

waren in Deutschland etwa 335.000 Menschen


BERICHT | 13

sich damit der Kontrolle über seine eigene Entwicklung

beraubt.“ In den 1990er-Jahren wurde

beispielsweise die Bremische Wohnungsbaugesellschaft

privatisiert – heute gehört sie Vonovia, dem

größten Immobilienkonzern in Deutschland. 1991

gab es in Bremen noch 61.000 Sozialwohnungen,

30 Jahre später waren es nur noch 8.000. Joachim

Barloschky fordert daher eine Kehrtwende, mehr

Wohnungen in kommunalem Eigentum: „Dann

kann man solche Dinge als Stadt entscheiden und

muss sie sich nicht von der privaten Wohnungswirtschaft

vorschreiben lassen.“

Gert Brauer, der als Anwalt für Mietrecht für

den Bremer Mieterschutzbund arbeitet, ist skeptisch:

„In vielen Bremer Stadtteilen sind mittlerweile

alle Wohnungen vergeben. Im Stadtgebiet

selber wird man es nicht schaffen, Obdachlosen

ohne Verdrängung Wohnraum zu gewähren.“ Daran

werden auch die 40 Millionen Euro wenig ändern,

die das Land Bremen privaten Bauherren als

Kredite zur Verfügung stellen will.

Wie es in der Rückertstraße nun weitergeht,

ist noch offen. „Das muss mit dem Amt noch besprochen

werden“, sagt Masri. Zwar hat der Senat

öffentlich zugesichert, keine Wohnungen mit Obdachlosen

zu belegen, sollten sie durch eine „Räumungsklage

oder eine andere Form von Zwang frei

gemacht worden sein“. Doch wann fängt Zwang

an? „Uns wurde damals von Vermieterseite keine

andere Möglichkeit angeboten“, sagt Jeffrey. Als

ein Mitglied seiner WG auszog, habe der Vermieter

die Aufnahme eines Nachfolgers verweigert. „Eine

Option zu bleiben, gab es so nicht.“

Für die letzten verbliebenen Bewohner ist ihr

Wohnungskampf zu einem traurigen Hobby geworden:

„Wir haben sehr viel gelernt – über Mietrecht,

die Strukturen und wie in verschiedenen

Stellen und Behörden zusammengearbeitet wird“,

sagt Ariane. Ihr Plan für die Zukunft: „Ein Bewusstsein

schaffen, dass so etwas passiert – nicht

nur hier bei uns.“

Nina Sieverding, Studentin der HfK Bremen,

wohnt auch in der Neustadt. Das Thema des

Artikels beschäftigt sie noch immer.

Sabrina Jenne, ebenfalls Neustädterin, kann

nicht verstehen, dass man Altbau-Charme so

radikal entfernt.

Über Monate glich das Haus einer Baustelle, innen wie außen. Etliche Mieter sind deshalb

entnervt auszogen.

Anzeige

wohnungslos, und es werden immer mehr: Die

Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe

schätzt, dass schon in zwei Jahren über eine halbe

Million Menschen ohne eigene Wohnung leben

müssen. Dazu zählen zwar auch Menschen in Notunterkünften,

Wohnheimen und den Auffangstellen

für Geflüchtete. Doch 39.000 Menschen leben

in Deutschland buchstäblich auf der Straße, weil

sie sich keine Wohnung leisten können.

Und wer auf der Straße übernachtet, begibt

sich in Gefahr. Deshalb muss das Land Bremen

gemäß Ortspolizeirecht obdachlosen Menschen

eine kurzfristige – meist vierzehntägige – Unterkunft

anbieten. Dies geschieht bevorzugt in vier

Notunterkünften gemeinnütziger Träger. Weil die

insgesamt 108 Plätze meist ausgelastet sind, arbeitet

die Zentrale Fachstelle für Wohnen aber auch

mit derzeit sieben privaten Vermietern und Einfachhotels

wie der Herberge Masris zusammen.

Solche Privatunterkünfte sind in den letzten Jahren

zunehmend auch mit Geflüchteten belegt. Die

Auslastung ist aus Unternehmersicht erfreulich,

weshalb mancher expandieren möchte.

Bremen nahm sich die

Kontrolle über die eigene

Entwicklung

Wie aber lässt sich temporärer Wohnraum für

wohnungslose Menschen schaffen, ohne andere

zu verdrängen? Joachim Barloschky, Sprecher des

Aktionsbündnis „Menschenrecht auf Wohnen“,

sieht das Grundproblem in der zunehmenden Privatisierung

in Bremen: „Dem Land Bremen gehört

nur noch etwa ein Drittel des Stadtgebiets. Es hat

Die JOBMESSE für den öffentlichen Dienst

Ausbildung.

Bremen

16./ 17. Sept.

10–15 Uhr

AFZ — Aus- und Fortbildungszentrum

der Freien Hansestadt Bremen

Doventorscontrescarpe 172B, Bremen-Mitte

Doventor: Linien 2, 10 und 25

www.ausbildung.bremen.de


14 | Fotostrecke

FOTOSTRECKE | 15

Isabell Matura und Raphael D. Segelken, WG-Bewohner in einer ehemaligen Urologie-Praxis

Merle Schottmayer (Bar und Tresen) und Janosch Kurzrock (Geschäftsführer), Bar „Panama“

Oszillation

Osterstraße

Fotos: Jasmin Bojahr

Jasmin Bojahr machte 2014 ihr Diplom im Bereich der Bildenden Kunst an

der HBK Braunschweig und ist derzeit Meisterschülerin an der HfK Bremen

mit Schwerpunkt Fotografie und Film. Ihre Obsession gilt der analogen

Arbeitsweise und dem damit verbundenen, real haptischen Schaffensprozess

sowie der lebendig erdigen Ästhetik dieses Mediums. „Der analoge Film lässt

Raum für Illusion, Ruhe und Poesie“, sagt sie. Neben diesen Aspekten steht

die Zusammenarbeit mit Menschen im Fokus ihrer Arbeit, weshalb sie die

neue und bereichernde Tätigkeit bei der Zeitschrift der Straße so sehr schätzt.

Facetten einer Straße

Hier, mitten in der Bremer Neustadt, schillert das Leben hinter

jedem Fenster, hinter – und vor – jeder Tür: Die Osterstraße

und ihre kreativen und kommunikativen Anwohner verleiten

zu einem spannenden Streifzug, der durch die wachsende

Kneipenszene zusätzlich an Attraktivität gewinnt.


16 | Fotostrecke

FOTOSTRECKE | 17

Klaus Herbst, Inhaber „Second-Hand für die Frau"

Nick Bampton aus England, Service „PAPP“


18 | Fotostrecke

FOTOSTRECKE | 19

Eny Bartosiewicz, Chefin des Kiosks in der Osterstraße

Manfred Bartosiewicz, Kiosk-Mitbetreiber


20 | PORTRAIT

Text: Rebeca Dobrică

Foto: Lena Möhler

PORTRAIT | 21

Kunst ist

ihre Sprache

Malerei galt als brotlos in ihrer Familie. Nach anfänglichen

Zweifeln hat Herma Siebrasse ihren eigenen Weg gefunden

Sie öffnet die Tür ihrer Wohnung in der Osterstraße

und lässt dich in ihr Leben treten. Einfach so. Sie gibt

dir keine Richtung vor, was du dir zuerst anschauen

sollst, welche ihrer Kunstwerke dir gefallen könnten.

Du wirst gleich verstehen, dass ihre Sprache die Kunst

ist, ihre Art, sich auszudrücken. Und du wirst dich in

ihre Welt verlieben. Herma Siebrasse malt, zeichnet,

sie entwirft Kleidung, schreibt Kinderbücher und

arbeitet mit Keramik. Jede Ecke ihres Ateliers,

das zugleich ihre Wohnung ist, trägt die Handschrift

ihres künstlerischen Wesens. „Ich weiß

nicht, ob das Kunst ist, was ich mache. Ich mache

das einfach“, sagt Herma Siebrasse, „ich muss das

machen. Ich habe etwas im Kopf und will es gern

sehen und dann arbeite ich damit, bis man es sieht.

Dann kann ich wieder etwas Neues machen.“

Du befindest dich nun in ihrem Wohnzimmer. Es

könnte ebenso gut eine Kunstgalerie sein. Die Mischung

der Farben ist es, was deine Aufmerksamkeit

erregt. Die Wände wimmeln von bunten Gemälden.

Töne von Blau, Gelb, Grün und Rot. Es ist

Nachmittag, und das Licht, das von der Terrasse

hereinfällt, füllt den gesamten Raum. Ein Altar

für die Kunst. „Eine psychedelische Wohnung!“,

meinte einmal einer ihrer Freunde. Und Herma

Siebrasse ist wie ein weiteres Kunstwerk, das perfekt

zum gesamten Bild passt.

An der Wand vor ihrem Schreibtisch entdeckst du

ein Foto aus einer Zeitung. Du möchtest wissen, was

es bedeutet. Sie zeigt dir mit dem Finger auf dem Papier:

„Das ist die Weser, das ist der Industriehafen

und hier, in diesem kleinen Haus, habe ich bis

zum elften Lebensjahr gewohnt. Genau am Wasser.

Hier war damals eine große Holzfirma, an der

Louis-Krages-Straße. Wir konnten überall spielen

und uns verstecken. Früher legten dort fremde

Schiffe an, und jeden Morgen waren wir neugierig,

wer da jetzt angekommen ist. Das war eine schöne

Station in meinem Leben, ein Abenteuer.“

Du wirst neugierig, möchtest mehr wissen, wie aus

dem Kind Herma die Künstlerin Herma Siebrasse

wurde. Nach der Schule versuchte sie es zunächst

mit einer kaufmännischen Ausbildung, auf Anraten

ihrer Mutter. „Das war aber nichts für mich.“

Stattdessen reizte sie die Kunst – das Malen, Zeichnen,

Gestalten, das sie seit ihrem vierten Lebensjahr

so sehr liebte. „Ich hatte das innere Gefühl,

dass ich das machen will. Das alles hat mich interessiert.“

Sie wollte tiefer eintauchen in diese Welt

und ging an die Hochschule für Gestaltung in Bremen

und Berlin, wo sie lernte, Mode zu entwerfen.

„Das war das Richtige in dem Moment. Ich hätte

zwar gern Malerei studiert, aber das habe ich mich

nicht getraut.“ Malerei galt als brotlose Kunst bei

ihr zu Hause. „Mein Vater, der mich immer in allem

unterstützt hatte, ist zu früh gestorben. Ich war

noch ein Kind.“

Die Liebe war für Herma Siebrasse wie die

Kunst: Sie kam ganz natürlich und blieb mit dem

ersten Tag. Es begann schon, als Siebrasse nur den

Namen ihres künftigen Mannes las, noch bevor sie

ihn kennenlernte. Er hatte ein Kunstatelier und einen

eigenen Verlag. Herma Siebrasse bekam zufällig

eine Mappe des Verlags in die Hände. „Die Mappe

stand in meinem Zimmer und ich habe seinen

Namen immer wieder angeschaut: Friedemann

Siebrasse. Ich fand ihn so schön, den Namen. Eines

Tages stand er dann vor meiner Wohnungstür in

Bremen. Wir haben uns am nächsten Tag verlobt

und im nächsten Jahr geheiratet.“

Sie lebten gemeinsam in Berlin, zogen später

nach Worpswede. Doch wie ihr Vater starb ihr

Mann viel zu früh – die zwei Menschen, die sie

in ihrer künstlerischen Laufbahn unterstützt haben.

Woran genau ihr Mann gestorben ist, darüber

möchte Siebrasse nicht sprechen. Die Künstlerin,

die mit ihren Werken so viel über sich verrät,

möchte sich einen Rest Privatsphäre bewahren.

Vorerst hat sie dir genug erzählt, sie will sich jetzt

an den Tisch setzen und arbeiten. Du hörst nur den

Wind, der auf der Terrasse die Pflanzen wiegt. Mit

einem Bleistift zeichnet Siebrasse Bananen und

Erdbeeren, die sie vor sich auf den Tisch gelegt hat.

Später wird sie den Entwurf kolorieren.


22 | PORTRAIT

ANZEIGEN | 23

Nach ihrem Studium hat Herma Siebrasse in

Hemmoor als Kunsterzieherin gearbeitet, sie führte

den Modeladen „Stoffwechsel“ und gründete

mit anderen Bremer Modedesignerinnen das Projekt

Mode28, in dem sie Kleider aus Papier entwarf

oder aus weißem Stoff, der anschließend von anderen

Künstlern bemalt wurde.

In Siebrasses Werken gibt es kein Leitmotiv.

Alles, was sie sieht, dient ihr als Inspiration. In ihrem

Kopf entstehe dann ein Bild, sagt sie, sie wisse

dann, wie ein Gemälde aussehen soll. Ihren kreativen

Prozess genauer zu erklären, fällt ihr nicht

leicht. „Reden finde ich schwieriger als malen, nähen

oder zeichnen.“

In dem Kinderbuch „Miranda oder Wildschweine

fressen keine Kastanien“, das sie geschrieben

und illustriert hat, taucht Michael

Jackson auf. „Jackson war der König des Pop, und

im Märchen sollte doch ein König auftauchen.

Also habe ich ihn genommen.“

Du schaust weiter zu, wie sie Bananen und Erdbeeren

zeichnet. Sie erzählt dir, dass sie derzeit an einem

fast veganen Kochbuch arbeitet. Sie fühlt sich befangen

und sagt dir, sie könne sich nicht richtig konzentrieren,

sie mache alles falsch. Für deinen Geschmack sieht die

Skizze perfekt aus. Sie erzählt dir, wie sie auf die Idee

kam, ein Kochbuch zu schreiben. „Als ich mit dem

Modeladen aufgehört habe, habe ich mit wachsender

Begeisterung gekocht. Und es hat es mir Spaß

gemacht, Gemüse zu zeichnen.“ So praktisch wie

möglich soll das Buch sein: „Mit einem Umschlag,

den man abwaschen und leicht zum Trocknen aufhängen

kann. Es wird Kunst für die Küche.“

Du fragst dich, warum sie ihr Buch nicht „vegan“,

sondern „fast vegan“ nennt. „Ich bin selbst Vegetarierin

und fast vegan. Die meisten Leute, mit denen

ich gesprochen habe, sind so. Das ganz pure

Vegane, das halten die wenigsten durch.“

Rebeca Dobrică ist freie Journalistin und unterstützt

die Zeitschrift der Straße als Übersetzerin.

Sie denkt, Kunst ist ein Medikament für

die Seele.

Lena Möhler ist Fotografin und lernte Herma

Siebrasse am Tag des offenen Ateliers kennen.

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Herma Siebrasse arbeitet an einer Illustration für ein Kochbuch, das

sie geschrieben hat.

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24 | Experiment

ExperimenT | 25

OASE DER LIEBE

Text: André Beinke

Foto: Benjamin Eichler

Ein Drama in drei Akten

Personen

ENTSCHEIDUNG

Vorbemerkung

FIRECATCHER

FABO

DIRTY

SUCKER PUNCH MC

COLLY

MODERATOR

ER

SIE

Am späteren Abend füllt sich die Panama-Bar

ganz plötzlich. Draußen Strahle-Sonne. Drinnen

sechs Männer, die gegeneinander rappen wollen.

Oder füreinander? So genau weiß man das nicht

beim Rap-Nettle.

RENDEVOUZ IM DUNKELN

Lichtschläuche an der Decke durchziehen den schmalen

Raum. Werfen rotes Licht in schummrige Dunkelheit.

Die Bühne ist gleich neben der Bar. Überall stehen

und sitzen Leute, alle Plätze sind besetzt. Selbst die Luft

im Panama wird langsam knapp. Eine Frau, Anfang

20, setzt sich genervt auf den Schoß ihres Freundes.

ER hochgegelte Haare. Jung. Vielleicht Maschinenbau-Student

Schatz … Schatz! Schatz, nein. Guck

nicht so.

SIE ordnet ihr offenes Haar, verärgert Ja, wenn er

sich da hinsetzt ...

Auf den verbrauchten Holztischen liegen Tischdecken.

Darauf Teelichter. ER hält prüfend die Flasche gegen

das schimmernde Licht. Sie ist fast leer. Versucht SIE

innig zu küssen.

SIE guckt dem Kuss mit offenen Augen zu und wendet

sich plötzlich ab Jetzt!

MODERATOR schlaksig. Brille, ernster Blick, ruft

COLLY und FIRECATCHER!

Im Dunkeln stehen zwei Gestalten und schauen sich

an. Ein Beat erklingt aus den Lautsprechern der kleinen

Musikanlage. Vier sanfte Klavierakkorde vom

Band, in Endlosschleife.

COLLY rappt Er sieht gut aus und hat ein nettes

Lächeln!

Ich glaube ich möchte mal unter vier Augen mit

ihm sprechen!

FIRECATCHER feuerrotes T-Shirt, schlank, schön.

wunderschön! Okay du siehst gepflegt aus. Ich würde

dich heut mitnehm’.

Oder würde jemand von euch vielleicht mit mir

gehn?

Das Publikum lacht überraschend laut und

klatscht in die immer noch fragenden Blicke von

FIRECATCHER. Auch SIE lacht hell auf, applaudiert.

ER hält sie fest an sich gedrückt.

COLLY Vielleicht ist es ja mein Parfüm oder mein

Plan,

ich komm hier gerade nicht so gut an.

FIRECATCHER Lieber COLLY, macht dich bitte

nicht so runter.

Ich komm und kitzel dich, dann wirst du wieder

munter.

Lachen. Die Nettler verstummen grinsend. ER versucht

zu klatschen. SIE rutscht kurz ab und rollt die

Augen. Nach zehn Minuten pegelt der Moderator die

Musik runter.

MODERATOR stellt sich zwischen COLLY und

FIRECATCHER, mit motivierter Stimme So … Das

Applaus-O-Meter entscheidet. Ihr könnt mit eurer

demokratischen Stimmengewalt bestimmen.

COLLY oder FIRECATCHER? Wer hat euch besser

gefallen? Wer hat besser genettlet?

FIRECATCHER wird laut beklatscht, sodass es auch

die vor der Panama Bar hören können, die drinnen

keinen Platz mehr gefunden haben. Drinnen gehen

die Nettles weiter. Bei einem klatscht das Publikum


26 | experiment

experimenT | 27

Und er ist genauso verliebt, wie wir in Dad – der

Transmann,

der dich geheiratet hat; und alles kann.

FABO Es ist paradox, wenn zwei beste Freunde gegeneinander

battlen.

Das hier ist das Gegenteil von einem Battle.

Das ist klar, er ist besser als Knut, der Panda.

Sein Shit ist besser als schwarz, rot, weiß –

sein Shit ist einfach meganice!

Das Nettle ist zu Ende. Es gibt keine Sieger – eine feste

Regel hier. Das Publikum lichtet sich. ER und SIE stehen

neben dem Durchgang zur Bar, eng beieinander.

Inniges Küssen.

– ENDE –

André Beinke arbeitet noch an seinem Nettle-Stil.

Bis dahin hat er alle ZdS-Leser lieb.

Auch ohne Reim.

Benjamin Eichler ist freier Fotograf. Für ihn

war es schön, frischen Wind in der Hip-Hop-

Kultur zu erleben.

SUCKER PUNCH MC von der Bühne. Der Ton wird

rauer.

SUCKER PUNCH MC angespannte Stimme Jo, ich

wusste es,

es stand vorher auf meinem Zettel:

Jetzt wird dieses Nettle doch zum Battle.

Du musst stiften gehen, Alter, ich will dein Stift

hier nicht stehen sehen –

Schlaffe Nudel – Für dich: Zeit zu gehen.

Dein Körper ist aus Stahl – Ironman.

Und du bist noch schöner als Wonderwoman.

ER legt den Kopf auf ihre rechte Schulter Duhu, ich

kann nicht mehr.

Die Musik setzt ein. Unverständliche Antwort. SIE

steht von seinem Schoß auf. ER erhebt sich. Positionswechsel.

Jetzt sitzt ER auf ihrem Schoß. Doch nur kurz.

Wieder Applaus. Wieder Lachen.

indonesische lebensmittel

Das nächste Nettle entscheidet über den Finalisten für

die letzte Runde – FIRECATCHERS Endgegner –

oder Liebhaber?

MODERATOR Dann würde ich offiziell vermelden

wollen: FABO ist eine Runde weiter!

FABO weißer Hut, sonniges Kerlchen, Dauergrinsen

Okay wir nettlen hier in der Panama Bar;

mach ich dir mal eben meine Banane klar.

DIRTY Ja, meine Zeit hast du gar nicht verschwendet.

Ab jetzt werden hier Komplimente gespendet.

HAPPY END

Kurze Pause. Wieder allgemeines Gerede. Dann das

Finale. Es geht richtig lieb zur Sache. Plötzlich sind ER

und SIE verschwunden.

FIRECATCHER entspannte Stimmme Ich möchte

ein Kind von dir, es trägt den Namen Josephin.

Tipps und Hinweise zur Zubereitung

wochentags um 9-12 Uhr

Eny‘s Shop

Osterstraße 73, Bremen-Neustadt


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Abschied | 29

Text & Foto: Jonas Pot d’Or

Abschied

von Ronny

Mitte Juni starb unser langjähriger Verkäufer

Ronald Brand. Er wurde 60 Jahre alt. Ronald

Brand, genannt „Ronny“, wurde in Bremen geboren.

Er war 15 Jahre lang als Matrose auf großer

Fahrt in der ganzen Welt unterwegs. Auf seinen

Matrosenbrief und seine Seefahrtsbücher war

Ronny sehr stolz. Er hat diese immer gut verwahrt.

Dann kam ein lebensentscheidendes Jahr: Ein

Kumpel überredete Ronny, als Geschäftsführer

für seine Gerüstbau-Firma einzuspringen. Ronny

bekam dafür 1.000 Mark im Monat. Während der

große, starke Ronny mit den anderen Arbeitern die

Gerüste auf- und abbaute, steckte sich der Kumpel

die Sozialabgaben der Angestellten in die eigene

Tasche. Das flog nach einem Jahr auf. Als Verantwortlicher

wurde allerdings Ronny verhaftet – er

war ja schließlich der Geschäftsführer.

Er konnte zwar nachweisen, von dem Betrug

nichts gewusst zu haben, aber die Nachforderungen

der Krankenkassen in Höhe von einer Million

Mark blieben an ihm hängen. So verlor er seine Eigentumswohnung,

sein Erspartes und seinen Job.

Daraufhin war Ronny über zehn Jahre in

Deutschland mit Freunden als „Berber“ unterwegs.

Er war ein Überlebenskünstler: „Auf der

Straße musst du Stachelbeeren rasieren und als

Weintrauben verkaufen können … Sonst gehst du

unter“, sagte er einmal.

Dann gab es eine erneute Wende. Ronny war

körperlich angeschlagen. Also nahm er sich wieder

eine Wohnung, trank keinen Tropfen Alkohol

mehr und begann seine Karriere als „Ein-Euro-Jobber“.

Erst in einer Fahrradwerkstatt, dann

als Streetworker für den Bahnhofsbereich. Diese

Aufgabe setzte er schließlich ehrenamtlich fort

und war so zehn Jahre lang der „Engel“ vom Bahnhof.

Dazu arbeitete Ronny von Anfang an als Verkäufer

für die Zeitschrift der Straße … aus Überzeugung,

wie er selbst sagte.

Zum Schluss hatte Ronny immer mehr mit

seiner Krebserkrankung zu tun. Zwei Jahre hat er

gekämpft. Und doch verloren.

Wenn wir an Ronny denken, dann an den großen,

starken Kerl, der immer offen, ehrlich und

direkt war. Zuverlässig für andere unterwegs und

immer einen guten Spruch auf Lager. Und an den

Ronny, der andere stets aufs Neue mit lustigen Geschichten

aus seinem Leben aufheitern konnte.

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Impressum

Ronald Brandt, genannt Ronny

Geboren am 24.03.1956,

gestorben am 15.06.2016

Er war der erste Verkäufer der Zeitschrift der Straße

und stand meist am Jan-Reiners-Center in Findorff

oder am Hauptbahnhof

Herausgeber Verein für Innere Mission in Bremen,

Blumenthalstraße 10, 28209 Bremen

Partner

Hochschule Bremerhaven

Büro

Auf der Brake 10–12, 28195 Bremen,

Mo, Di, Do 10–16 Uhr, Mi und Fr 10–13 Uhr,

Tel. 0421/17 52 16 27

Kontakt post@zeitschrift-der-strasse.de

Internet www.zeitschrift-der-strasse.de

Anzeigen Preisliste 06, gültig seit 1.12.2015

Kontakt: Michael Vogel,

anzeigen@zeitschrift-der-strasse.de

Abo

nur für Firmen, Institutionen und

Nicht-BremerInnen (40 € / 10 Ausgaben):

abo@zeitschrift-der-strasse.de

Spendenkonto Verein für Innere Mission

IBAN DE22 2905 0101 0001 0777 00

Sparkasse Bremen

Verwendungszweck (wichtig!): Zeitschrift der Straße

Spenden sind steuerlich absetzbar.

Redaktion

Fotografie

Marketing

Vertrieb

Gesamtleitung

André Beinke, Rebeca Dobrică, Philipp Jarke,

Anna-Lena Klütz, Tanja Krämer, Nola Krohn,

Jonas Pot d’Or, Nina Sieverding

Leitung: Philipp Jarke (pj), Tanja Krämer (tak),

redaktion@zeitschrift-der-strasse.de

Hartmuth Bendig, Jasmin Bojahr, Benjamin

Eichler, Philipp Jarke, Sabrina Jenne,

Ann-Kathrin Just, Lena Möhler, Jonas Pot d’Or,

Norbert Schmacke

Bildredaktion: Jan Zier

Marina Guliev, Lena Meyer-Krügel, Vanessa Rau,

Linda Schmidt, Lisa Walsch

Leitung: Prof. Dr. Wolfgang Lukas

marketing@zeitschrift-der-strasse.de

Lisa Bäuml, Angelika Biet, Eike Kowalewski,

Georg Kruppa, Klemens Latz,

Dorle Martischewsky, Pawel Mehring, Eva Schade,

Jens Schilling, Eva Schönberger sowie

viele engagierte VerkäuferInnen

Leitung: Rüdiger Mantei, Reinhard „Cäsar“ Spöring

vertrieb@zeitschrift-der-strasse.de

Bertold Reetz, Prof. Dr. Dr. Michael Vogel

Gestaltung Paula Fülleborn, Janina Freistedt, Ottavo Oblimar,

Glen Swart

Lektorat Textgärtnerei, Am Dobben 51, 28203 Bremen

V. i. S. d. P. Tanja Krämer / Anzeigen: Michael Vogel

Druck

BerlinDruck GmbH + Co KG, Achim

Papier

Circleoffset White, hergestellt von Arjowiggins,

vertrieben durch Hansa-Papier GmbH & Co. KG,

Bremen, ausgezeichnet mit dem Blauen Umweltengel

und dem EU-Ecolabel

Erscheint zehnmal jährlich

Auflage 10.000

Gerichtsstand

& Erfüllungsort Bremen

ISSN 2192-7324

Mitglied im International Network of Street Papers (INSP).

Gefördert durch den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft.

Wir suchen Spuren

und Visionen,

finden Orte und

gehen baden.

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