VDV Das Magazin Ausgabe November 2016
Das Verbandsmagazin des VDV ist die redaktionelle Plattform für Unternehmen des Öffentlichen Personen- und Schienengüterverkehrs in Deutschland. Konzept und Realisierung: AD HOC PR, Gütersloh.
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Konzept und Realisierung: AD HOC PR, Gütersloh.
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Was uns bewegt. Wen wir bewegen. <strong>Ausgabe</strong> <strong>November</strong> <strong>2016</strong><br />
Jeder Griff<br />
muss sitzen<br />
Verkehrsunternehmen<br />
üben für den Notfall<br />
Seite 6<br />
Integration: Fast 500 Stellen<br />
für Flüchtlinge geschaffen<br />
Seite 12<br />
Kampagne: Klimaschützer<br />
Bus steht im Fokus<br />
Seite 16<br />
Güterverkehr: Mehr Effizienz<br />
durch längere Züge<br />
Seite 22
üge<br />
Regioshuttle (Triebzug)<br />
S-Bahn Berlin<br />
(Vollzug, 8 Wagen)<br />
Regionalzug<br />
(5 Wagen, mit Lok)<br />
ICE 1<br />
(14 Wagen)<br />
Längerer Güterzug<br />
24,4 m<br />
147,2 m<br />
153,5 m<br />
Zuglängen im Vergleich: Güterzüge<br />
mit mehr Waggons könnten dazu<br />
beitragen, das Schienennetz<br />
besser auszulasten.<br />
Sie ist abstrakt und trotzdem da: die Angst, dass sich<br />
ein großer Terroranschlag auch in Deutschland ereignen<br />
könnte. Nach Paris, Brüssel und Nizza rückt das<br />
bis zu 410 m<br />
Thema Sicherheit immer stärker in den Fokus – auch<br />
740 m<br />
bei den Verkehrsunternehmen. Sie überarbeiten ihre<br />
Notfallkonzepte für das Krisenmanagement, lassen<br />
die Lehren aus den Attentaten in den Nachbarländern<br />
mit einfließen. Und doch ist es nur ein Randaspekt im<br />
weiten Themenfeld Sicherheit. <strong>Das</strong> hat jetzt auch die<br />
erste „Sicherheitskonferenz Öffentlicher Personenverkehr“<br />
(ÖPV) von <strong>VDV</strong>-Akademie und „Nahverkehrsnachrichten“<br />
gezeigt.<br />
rndt Malyska ist oft auf Achse. Mehrmals pro Woche schaut<br />
Ader Geschäftsführer der Hamburger Hochbahn-Wache<br />
Würde die im Hamburger Hafen umgeschlagene Fracht ausschließlich (siehe mit Info-Kasten 740-Meter-Zügen Seite transportiert,<br />
würde die Hafenbahn um täglich 20 bis 30 entlastet.<br />
der Straße puncto Preis und Qualität stärken.<br />
8) im Polizeipräsidium 740-Meter-Züge könnten der Hansestadt<br />
die Schiene gegenüber<br />
22<br />
bereiten<br />
740-Meter-Züge: Branche<br />
oder bei den Kollegen der S-Bahn vorbei. „Eine hohe Schlagzahl“,<br />
sagt er selbst. Aber ohne engen Austausch geht es eben nicht.<br />
auf die Reise, die braucht unter der Standardlänge passende jeden Infrastruktur.<br />
Tag Schließlich 20 bis 30 haben Züge sich weniger die Hamburger ein- 2011 zu einer Sicherheitsvon<br />
740 Metern bleiben müssen, weil in und ausfahren.<br />
partnerschaft<br />
<strong>Das</strong> spart<br />
zusammengeschlossen,<br />
in erheblichem<br />
zu der POLITISCHER neben den drei WILLE<br />
Deutschland und in den angrenzenden Umfang Energie- und Betriebskosten<br />
Genannten auch der Hamburger Verkehrsverbund FEHLT (HVV), die<br />
Nachbarländern immer noch ein durchgängiges<br />
740-Meter-Netz fehlt.“ Was die Nutzer. Zugleich ist dies aber eine<br />
und schafft zusätzlich Freiheitsgrade für<br />
Bundespolizeidirektion Hannover sowie die Stadt selbst gehören.<br />
An Katastrophenschutzübungen über aktuelle – wie Entwicklungen.<br />
an der Frankfurter Fraport-<br />
Arena – sind auch Rettungsdienste beteiligt (o.). Unten: Polizisten<br />
Kreft meint, sind Schienenstrecken, auf stattliche Kapazitätsreserve, erklärt Hafenbahn-Chef<br />
An diesem Kreft: Dienstag „Wir könnten Mitte uns Oktober ist Peter Arndt Ramsauer Malyska ließ einen jedoch<br />
patrouillieren am Münchner Hauptbahnhof.<br />
Schon der ehemalige Verkehrsminister<br />
denen die betrieblichen Voraussetzungen<br />
„Aktionsplan<br />
für die Fahrt von Güterzügen dieser Länge gerade im nach Hinblick Berlin auf gereist. die immer Er ist größer auch Vorsitzender Güterverkehr des und <strong>VDV</strong>-Unterausschusses<br />
Security und soll auf der „Sicherheitskonferenz<br />
Logistik“ erarbeiten –<br />
vorhanden sind. „In manchen Relationen, werdenden Containerschiffe und Transportmengen<br />
Öffentlicher noch einmal Personenverkehr“ ordentlich Luft die Hamburger und effizient in die Partnerschaft<br />
Zukunft“. Auch das kann. „Wir waren schon vorher gut vernetzt, aber so haben wir<br />
mit dem markigen Nachsatz „Nachhaltig<br />
auf den<br />
zum Beispiel Hamburg - Prag, können nur<br />
Ernstfall<br />
630 Meter lange Züge fahren. <strong>Das</strong> bedeutet:<br />
Pro Zug verladen wir acht bis zwölf Züge einsetzen.“ ternehmen gemeinsam mit Partnern und die ist Sicherheitsfragen jetzt ausführlich in der jüngsten im nerschaftliche Zusammenarbeit, um Dinge zu bewegen“, blickt<br />
verschaffen vorstellen und bei – als Bedarf ein Praxisbeispiel zusätzliche dafür, Thema wie lange ein Güterzüge Verkehrsun-<br />
tauchte da auf 2011 ein hohes Maß an Verbindlichkeit geschaffen. Eine part-<br />
Container weniger.“<br />
Fassung des Planes (Juni <strong>2016</strong>) unter der<br />
ÖPNV-Alltag, aber vor allem auch Notfälle und Krisen managen Malyska vor den rund 70 Fachleuten aus Verkehrsunternehmen,<br />
Nur bedingt freie Fahrt<br />
Ägide von Minister Alexander Dobrindt<br />
Politik, Polizei und Wirtschaft zurück. Gemeinsam wollen sie die<br />
<strong>Das</strong> ist wenig effizient und schmälert Ein durchgängiges 740-Meter-Netz ist erneut beschrieben. Der Aktionsplan<br />
Sicherheit im ÖPNV erhöhen sowie Straftaten, Belästigungen<br />
die Wettbewerbsfähigkeit des Güterverkehrs<br />
auf der Schiene, betont Dr. Jürgen all Realität. Auch auf deutschen Schienen Untersuchungen gar für 1.500-Meter-und Ordnungswidrigkeiten an Stationen oder in den Fahrzeugen<br />
zwar längst EU-Standard, aber nicht über-<br />
spricht von 1.000-Meter-Zügen, von<br />
Sie müssen den Menschen durch Ihre Kommunikation<br />
in den sozialen Medien zeigen,<br />
Wilder, Vorstandschef von DB Cargo: „Die gibt es vielfach nur bedingt freie Fahrt Züge. Er berichtet aber auch: DB Netz reduzieren.<br />
Zuglänge ist einer der wirksamsten Hebel für die langen Güterzüge. Zwar taugt das habe 100 Projekte benannt, wo längere<br />
zur Senkung der Stückkosten im Schienengüterverkehr.“<br />
740-Meter-Züge wür-<br />
längere Züge, aber nur die das Infrastruktur bestätigen muss können,<br />
rollende Material, dass Loks Sie wie da Waggons, sind. Auch für wenn Sie zunächst<br />
Überholgleise 740-Meter-Züge möglich „Täglich liefern die Partner beispielsweise Zahlen für das polizeiliche<br />
Lagebild, und zusammen überlegen wir, wie wir auf<br />
machen<br />
was<br />
sollen.<br />
jeder<br />
Jedoch:<br />
selbst<br />
Die Bahn erwarte<br />
den die Schiene gegenüber der Straße in vielerorts angepasst wahrnimmt.<br />
werden. Häufig sind eine Finanzierung durch den Bundeshaushalt,<br />
für der die, so 1.000<br />
heißt es schlicht eine Lenkungsgruppe, spezielle Arbeitsgruppen und gemeinsame<br />
jeweilige Entwicklungen reagieren“, führt Malyska aus. Es gibt<br />
puncto Preis und Qualität stärken. Wenn nur 12 wenig Geflüchtete: aufwendige Veränderungen Die Hälfte<br />
die umgeschlagene Fracht ausschließlich<br />
mit 740-Meter-Zügen transportiert wendig. Da geplanten müssen Pressesprecher vereinzelt Polizei Stellen Signale München ist Grundlage fast existiert“. erreicht.<br />
bei der Leit- und Marcus Sicherungstechnik da Gloria Martins, not-<br />
und deutlich, „gegenwärtig noch keine<br />
Fachgremien. Dieses Konzept hat Erfolg: Schon im zweiten Halbjahr<br />
2012 hatten sich die Gewaltdelikte um 20 Prozent gegenüber<br />
würde, könnten in den Hamburger Hafen umgesetzt werden, um Blockabstände<br />
dem Vorjahreszeitraum reduziert. Und ebenso wichtig: <strong>Das</strong> Sicherheitsgefühl<br />
der Fahrgäste hatte sich laut HVV-Kundenbarometer<br />
ebenfalls verbessert.<br />
Mit schwerem Atemschutzgerät hat ein Feuerwehrmann eine<br />
Rangierlok erklommen (gr. Foto). <strong>Das</strong> Szenario dieser Unfallübung<br />
bei Poing: Ein Sturm hat Metallteile auf die Eisenbahnstrecke<br />
geweht, der Güterzug ist entgleist. Immer wieder gibt es<br />
auch „echte“ Einsätze – wie 2005 in Hamburg (Foto re.). Nach<br />
einem Schwelbrand musste eine U-Bahn-Station geräumt<br />
werden.<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
6 Sicherheit: Konferenz diskutiert<br />
Dies<br />
23<br />
ist der eine Aspekt der Sicherheitspartnerschaft. Der andere<br />
ist die Vorbereitung auf den Krisen- oder Katastrophenfall. Immer<br />
wieder werden Szenarien durchgespielt und Abläufe geprobt. „Es<br />
muss ja nicht gleich ein Terroranschlag sein“, sagt Malyska (siehe<br />
Interview Seite 9). „Ein Amoklauf, ein Unglück, eine Überschwemmung<br />
– das kann jeden treffen. Und gerade solche großen Lagen<br />
kann man nicht alleine bewältigen – da braucht man Partner. Und<br />
das ist schwer, wenn man sich erst in der Krise kennenlernt.“<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
7<br />
16 Deutschland-Tag: Verkehrsbetriebe<br />
werben bundesweit für den Bus.<br />
3 Editorial<br />
Jetzt sind die Länder<br />
in der Pflicht.<br />
4 <strong>VDV</strong> im Bild<br />
Busfahren stärker ins<br />
Gespräch bringen<br />
6 Titelstory<br />
Sicherheit im ÖPNV: Unternehmen<br />
proben den Ernstfall.<br />
12 Aus dem Verband<br />
„Möglichst schnell auf<br />
eigenen Beinen stehen“<br />
16 Aus dem Verband<br />
Aktionstag: Linienbusse<br />
schützen Klima.<br />
20 25 Jahre <strong>VDV</strong><br />
<strong>VDV</strong>-Vizepräsident Ingo Wortmann:<br />
„Den Vorsprung weiter ausbauen“<br />
2 05 | <strong>2016</strong>
Jetzt sind<br />
die Länder in<br />
der Pflicht<br />
Nach jahrelangem Streit haben Bund und Länder<br />
ihre Finanzbeziehungen endlich neu geordnet.<br />
Damit herrscht nun auch Klarheit in der Frage, wie<br />
es für unsere Branche bei den Entflechtungsmitteln<br />
weitergeht. Leider nicht gut: Nach 2019 wird<br />
es die Mittel in ihrer jetzigen Form nicht mehr<br />
geben. Damit geht ein jahrzehntelang erfolgreiches<br />
Finanzierungsinstrument verloren, mit dem die<br />
ÖPNV-Infrastruktur in den Städten aus- und umgebaut<br />
werden konnte.<br />
Betroffen sind in erster Linie die ohnehin schon<br />
klammen Kommunen, denn ab 2020 sollen die Entflechtungsmittel<br />
nicht mehr wie bisher zweckgebunden<br />
für den Verkehr gezahlt werden, sondern<br />
zusammen mit allgemeinen Zahlungen aus dem Umsatzsteueraufkommen.<br />
Wenn bei den Kommunen zu<br />
wenig Geld für die Verkehrsinfrastruktur ankommt,<br />
wäre dies genau das falsche Signal. In Zeiten, in<br />
denen die Steuereinnahmen von Bund und Ländern<br />
steigen, dürfen die Städte nicht abgehängt werden.<br />
Appell an die Politiker der Länder: Stellen Sie sicher,<br />
dass die kommunalen Verkehrsprojekte mit den zur<br />
Verfügung stehenden Mitteln nachhaltig finanziert<br />
werden. Am besten über eine Zweckbindung durch<br />
entsprechende Landesgesetze. Andernfalls drohen<br />
Flickschusterei und jährliche Verteilungskämpfe<br />
bei künftigen Haushaltsverhandlungen.<br />
Landeseigene Zweckbindungsgesetze, wie sie immerhin<br />
neun von 16 Ländern bereits haben, bringen<br />
die dringend benötigte Planungssicherheit, um den<br />
Sanierungsstau im ÖPNV abzubauen und die gesetzlich<br />
geforderte Barrierefreiheit bis 2022 zu schaffen.<br />
Denn viele Projekte, die sich aufgrund der lange ungeklärten<br />
Zukunft der Entflechtungsmittel verzögert<br />
haben, dulden keinen weiteren Aufschub.<br />
Herzlichst Ihr<br />
Jürgen Fenske<br />
Jetzt kommt es also auf die Landesregierungen an.<br />
Sie dürfen ihre Kommunen und Gemeinden nicht<br />
im Stich lassen. Wir richten deshalb einen klaren<br />
22 Unterwegs im Netz<br />
Güterzüge lang und lääänger<br />
25 Aktuell<br />
Soziale Medien:<br />
Den <strong>VDV</strong> gibt‘s jetzt auch<br />
bei Facebook.<br />
26 Hintergrund<br />
DVWG gilt als Schnittstelle zwischen<br />
Tradition und Innovation.<br />
28 Reportage<br />
Letzter Teil der Serie<br />
„Auf zum Fachwirt“<br />
30 Zu guter Letzt<br />
Ruhe im Trubel: Massen-Yoga in<br />
New Yorker Grand Central Station<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong><br />
als E-Paper unter:<br />
www.vdv.de/das-magazin<br />
05 | <strong>2016</strong> 3
<strong>VDV</strong> IM BILD<br />
4<br />
05 | <strong>2016</strong>
Busfahren stärker ins Gespräch bringen<br />
Mit CO2-Sparsäcken für die Fahrgäste haben Verkehrsunternehmen<br />
das Bewusstsein für die Nummer<br />
eins unter den Öffentlichen Verkehrsmitteln<br />
geschärft: Der Deutschland-Tag des Nahverkehrs<br />
bildete den Auftakt zur Kampagne „Der Bus bewegt<br />
besser“. In 40 Städten – wie hier in Wiesbaden –<br />
haben Verkehrsunternehmen, der <strong>VDV</strong> und die<br />
Infrastrukturinitiative „Damit Deutschland vorne<br />
bleibt“ verdeutlicht, dass der Linienbus die tragende<br />
Säule der Mobilität in der Stadt und auf dem Land<br />
ist – und ein unverzichtbares Instrument für den<br />
Klimaschutz. Auf „Testfahrten“ mit Bussen der neuesten<br />
Generation konnten sich Kunden, Medienvertreter<br />
und Politiker ein Bild davon machen. An Bund<br />
und Länder ging mit Blick auf die Klimadebatte der<br />
Aufruf, sich stärker für den Öffentlichen Verkehr zu<br />
engagieren.<br />
Mehr zum ÖPNV-Aktionstag und zur<br />
Bus-Kampagne erfahren Sie ab Seite 16.<br />
05 | <strong>2016</strong> 5
Vorbereiten<br />
auf den<br />
Ernstfall<br />
Mit schwerem Atemschutzgerät hat ein Feuerwehrmann eine<br />
Rangierlok erklommen (gr. Foto). <strong>Das</strong> Szenario dieser Unfallübung<br />
bei Poing: Ein Sturm hat Metallteile auf die Eisenbahnstrecke<br />
geweht, der Güterzug ist entgleist. Immer wieder gibt<br />
es auch „echte“ Einsätze – wie 2005 in Hamburg (Foto r.).<br />
Nach einem Schwelbrand musste eine U-Bahn-Station<br />
geräumt werden.
TITELSTORY<br />
Sie ist abstrakt und trotzdem da: die Angst, dass sich ein<br />
großer Terroranschlag auch in Deutschland ereignen<br />
könnte. Nach Paris, Brüssel und Nizza rückt das Thema<br />
Sicherheit immer stärker in den Fokus – auch bei den<br />
Verkehrsunternehmen. Sie überarbeiten ihre Notfallkonzepte<br />
für das Krisenmanagement und lassen die<br />
Lehren aus den Attentaten in den Nachbarländern mit<br />
einfließen. Und doch ist es nur ein Randaspekt im weiten<br />
Themenfeld Sicherheit. <strong>Das</strong> hat jetzt auch die erste<br />
„Sicherheitskonferenz Öffentlicher Personenverkehr“<br />
von <strong>VDV</strong>-Akademie und „Nahverkehrsnachrichten“<br />
gezeigt.<br />
Arndt Malyska ist oft auf Achse. Mehrmals pro Woche schaut<br />
der Geschäftsführer der Hamburger Hochbahn-Wache<br />
(siehe Infokasten Seite 8) im Polizeipräsidium der Hansestadt<br />
oder bei den Kollegen der S-Bahn vorbei. „Eine hohe Schlagzahl“,<br />
sagt er selbst. Aber ohne engen Austausch geht es eben nicht.<br />
Schließlich haben sich die Hamburger 2011 zu einer Sicherheitspartnerschaft<br />
zusammengeschlossen, zu der neben den drei<br />
Genannten auch der Hamburger Verkehrsverbund (HVV), die<br />
Bundespolizeidirektion Hannover sowie die Stadt selbst gehören.<br />
Sie müssen den Menschen durch Ihre Kommunikation<br />
in den sozialen Medien zeigen,<br />
dass Sie da sind. Auch wenn Sie zunächst<br />
nur das bestätigen können, was jeder selbst<br />
wahrnimmt.<br />
Marcus da Gloria Martins,<br />
Pressesprecher Polizei München<br />
An Katastrophenschutzübungen – wie an der Frankfurter<br />
Fraport-Arena – sind auch Rettungsdienste beteiligt (o.). Unten:<br />
Polizisten patrouillieren im Münchner Hauptbahnhof.<br />
An diesem Dienstag Mitte Oktober ist Arndt Malyska jedoch<br />
nach Berlin gereist. Er ist auch Vorsitzender des <strong>VDV</strong>-Unterausschusses<br />
Security und soll auf der „Sicherheitskonferenz<br />
Öffentlicher Personenverkehr“ die Hamburger Partnerschaft<br />
vorstellen – ein Praxisbeispiel dafür, wie ein Verkehrsunternehmen<br />
gemeinsam mit Partnern die Sicherheitsfragen im<br />
ÖPNV-Alltag, aber vor allem auch Notfälle und Krisen managen<br />
kann. „Wir waren schon vorher gut vernetzt, aber so konnten<br />
wir 2011 ein hohes Maß an Verbindlichkeit schaffen. Eine partnerschaftliche<br />
Zusammenarbeit, um Dinge zu bewegen“, blickt<br />
Malyska vor den rund 70 Fachleuten aus Verkehrsunternehmen,<br />
Politik, Polizei und Wirtschaft zurück. Gemeinsam wollen sie die<br />
Sicherheit im ÖPNV erhöhen sowie Straftaten, Belästigungen und<br />
Ordnungswidrigkeiten an Stationen oder in den Fahrzeugen reduzieren.<br />
„Täglich liefern die Partner beispielsweise Zahlen für das polizeiliche<br />
Lagebild. Zusammen überlegen wir, wie wir auf jeweilige<br />
Entwicklungen reagieren“, führt Malyska aus. Es gibt eine Lenkungsgruppe,<br />
spezielle Arbeitsgruppen und gemeinsame Fachgremien.<br />
Dieses Konzept hat Erfolg: Schon im zweiten Halbjahr<br />
2012 sanken die Gewaltdelikte um 20 Prozent gegenüber dem<br />
Vorjahreszeitraum. Und ebenso wichtig: <strong>Das</strong> Sicherheitsgefühl<br />
der Fahrgäste hatte sich laut HVV-Kundenbarometer ebenfalls<br />
verbessert.<br />
Dies ist der eine Aspekt der Sicherheitspartnerschaft. Der andere<br />
ist die Vorbereitung auf den Krisen- oder Katastrophenfall. Immer<br />
wieder werden Szenarien durchgespielt und Abläufe geprobt. „Es<br />
muss ja nicht gleich ein Terroranschlag sein“, sagt Malyska (siehe<br />
Interview Seite 9). „Ein Amoklauf, ein Unglück, eine Überschwemmung<br />
– das kann jeden treffen. Und gerade solche großen Lagen<br />
kann man nicht alleine bewältigen – da braucht man Partner. Und<br />
das ist schwer, wenn man sich erst in der Krise kennenlernt.“<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
7
TITELSTORY<br />
HAMBURGER HOCHBAHN-WACHE<br />
Die Hamburger Hochbahn-Wache ist eine<br />
hundertprozentige Tochter der Hochbahn. <strong>Das</strong><br />
Unternehmen ist für die Sicherheit im gesamten<br />
Bereich der Hochbahn zuständig. Insgesamt beschäftigt<br />
die Wache rund 400 Mitarbeiter. Etwa<br />
300 davon arbeiten im Sicherheitsdienst. 100<br />
sind als Fahrkartenprüfer im Hochbahn-Netz<br />
im Einsatz. Im Rahmen der Sicherheitspartnerschaft<br />
erhält die Hochbahn-Wache vonseiten<br />
der Stadt eine jährliche Zuwendung in Höhe von<br />
acht Millionen Euro – ein „deutliches politisches<br />
Signal in Richtung Sicherheit im ÖPNV“, so das<br />
Unternehmen.<br />
Die Betriebszentrale der Hochbahn: Sie vereint<br />
die Leitstellen von U-Bahn, Bus und Hochbahn-Wache<br />
unter einem Dach.<br />
Hamburger Hochbahn/Hartmut Völker<br />
Übung entscheidet<br />
Wie wichtig eingespielte Abläufe sind, das zeigt an<br />
diesem Tag auch der eindringliche Vortrag von Geert<br />
Charita vom Brüsseler Verkehrsunternehmen STIB:<br />
„Es war das Traurigste, das wir je in Brüssel erlebt<br />
haben“, blickt er auf die Anschläge im März zurück.<br />
Am Flughafen und in der Metro starben mehr als<br />
30 Menschen. „So ein Anschlag weckt Sie auf.“ Erst<br />
zwei Jahre zuvor habe das Unternehmen intensiv damit<br />
begonnen, Szenarien für den Notfall zu entwickeln und<br />
durchzuspielen – „zum Glück“. Aber: „Sie können so<br />
viel üben wie Sie wollen. In den ersten 15 Minuten<br />
nach einem solchen Anschlag herrscht Panik.“ Dann<br />
aber greife das Krisenmanagement. Und trotz der<br />
Zugevakuierung im März <strong>2016</strong>. Der Grund war zum Glück harmlos: Der IC war<br />
wegen eines abgerissenen Stromabnehmers liegen geblieben.<br />
anfänglichen Panik fiele jeder in die immer wieder<br />
geübten und eingeprägten Rollen. „Die Leute verwandeln<br />
sich sprichwörtlich in Maschinen und tun ihre<br />
Arbeit.“ Gerade deswegen habe etwa die Evakuierung<br />
von Fahrzeugen und U-Bahnhöfen gut funktioniert.<br />
Eine wichtige Lektion, die die STIB für sich nach dem<br />
22. März gezogen habe: „Evaluieren Sie. Seien Sie sich<br />
immer Ihrer aktuellen Situation bewusst, stellen Sie<br />
die dümmsten Fragen“, appellierte Charita. Nur so ließen<br />
sich rechtzeitig Schwachstellen finden und beheben.<br />
„Und regeln Sie die Kommunikation mit Medien<br />
und Kunden.“<br />
Mit diesem Appell steht Charita nicht allein. „Krisenkommunikation<br />
ist ein wichtiges Thema – nicht nur<br />
für Verkehrsunternehmen, sondern für jede Behörde“,<br />
betont etwa Marcus da Gloria Martins auf der Sicherheitskonferenz.<br />
Der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit<br />
der Münchner Polizei wurde nach dem<br />
Amoklauf im Juli von vielen für seine souveräne Art<br />
gelobt. Eine gute Kommunikation, machte der Polizeioberrat<br />
deutlich, beantwortet nicht nur Fragen der<br />
Journalisten. Sie lenkt Informationen und beruhigt<br />
die Bürger. Gerade die digitale Gerüchteküche hatte<br />
sich in München als Problem erwiesen, so da Gloria<br />
Martins. Immer wieder waren Notrufe bei der Polizei<br />
wegen weiterer Schießereien eingegangen – doch alle<br />
erwiesen sich als falsch. Über die sozialen Netzwerke<br />
und vor allem über Messenger wie Whatsapp verbreiteten<br />
sich die Nachrichten trotzdem und verursachten<br />
Panik.<br />
<strong>Das</strong> Wichtigste in einer solchen Lage sei es deswegen<br />
aus Kommunikatorensicht, überhaupt zu reagieren.<br />
„Sie müssen den Menschen zeigen, dass Sie da sind“,<br />
8 05 | <strong>2016</strong>
DREI FRAGEN AN<br />
Arndt Malyska, Geschäftsführer<br />
der Hamburger Hochbahn-Wache<br />
und Vorsitzender des <strong>VDV</strong>-<br />
Unterausschusses Security<br />
» Herr Malyska, sind Sie schon einmal mit einem unguten Gefühl in<br />
die U-Bahn gestiegen?<br />
Arndt Malyska: Nein, das tue ich grundsätzlich nicht – natürlich<br />
auch, weil ich im Zweifel weiß, was zu tun ist. Menschen, die in<br />
dieser Hinsicht Bedenken haben, kann ich aber sagen: Es gibt natürlich<br />
immer ein gewisses Lebensrisiko, doch das ist im ÖPNV sehr,<br />
sehr gering. Auch mit Blick auf mögliche Anschläge, über die ja jetzt<br />
intensiver diskutiert wird. <strong>Das</strong>s man darüber nachdenkt, muss man<br />
jedem Menschen zugestehen. Aber jeder muss sich dann auch selbst<br />
disziplinieren, um das alles wieder zu versachlichen.<br />
» Von den Verkehrsunternehmen wird beim Thema Sicherheit viel<br />
verlangt. Was wünschen Sie sich von der Politik?<br />
Vor allem müsste diese den Verkehrsunternehmen einen klaren<br />
Rahmen vorgeben. Es kann nicht sein, dass wir keine einheitlichen<br />
Regularien haben – zum Beispiel bei Videoaufzeichnungen. Die<br />
einen dürfen Bildmaterial für 72 Stunden speichern, die anderen gar<br />
nicht. Ein anderes Thema ist das Finanzielle: Die <strong>Ausgabe</strong>n für Sicherheit<br />
können nicht allein den Unternehmen aufgebürdet werden.<br />
Einsatzkräfte simulieren die Bergung von Menschen aus<br />
einem brennenden ICE (o.). Die Bedeutung solcher Übungen ist<br />
unumstritten – im Gegensatz zu Videoaufzeichnungen. Hier<br />
ein Bild vom Berliner S-Bahnhof Gesundbrunnen.<br />
empfiehlt er, „auch wenn Sie zunächst nur das bestätigen<br />
können, was jeder selbst wahrnimmt – dass<br />
gerade Streifenwagen mit Blaulicht durch die Stadt<br />
fahren. Aber dieser erste Schritt in Verbindung mit<br />
weiterer, kontinuierlicher Information ist wichtig,<br />
um als Kommunikationsinstanz wahrgenommen zu<br />
werden.“ Da Gloria Martins nennt das, „den digitalen<br />
Fuß in die Tür zur digitalen Kommunikation bekommen“.<br />
ÖPNV sicherer als öffentlicher Raum<br />
Gleichwohl handelt es sich bei diesen „großen Lagen“<br />
in der Regel um unwahrscheinliche Szenarien.<br />
Vorbereitung ist gut, die reale Bedrohung jedoch gering<br />
– darin sind sich nicht nur die Teilnehmer der<br />
ÖPNV-Sicherheitskonferenz einig: Es ist branchenweit<br />
Konsens. Der ÖPNV gilt gerade gegenüber<br />
anderen öffentlichen Räumen als sicher.<br />
» Stichwort Notfallpläne: Welchen Rat würden Sie Verkehrsunternehmen<br />
geben, die hier noch am Anfang stehen?<br />
Sie sollten wirkungsorientiert arbeiten und sich nicht zu sehr auf<br />
den „Auslöser“ der Notlage konzentrieren. Nehmen Sie einen Fall<br />
wie München: In der Situation ist es für uns als Verkehrsunternehmen<br />
erst einmal egal, ob es sich um einen Terroranschlag oder<br />
einen Amoklauf handelt. Wichtig ist die Konsequenz, die sich daraus<br />
ergibt: nämlich die Einstellung des Betriebs. Was die Auslöser angeht,<br />
gibt es einfach zu viele Möglichkeiten. Konzentrieren Sie sich<br />
also auf Grundannahmen wie Feuer oder Überschwemmung. Daraus<br />
entwickeln Sie Szenarien wie eben die Einstellung des Betriebs oder<br />
die Evakuierung von Haltestellen und Fahrzeugen. Die Handlungsempfehlungen<br />
der Bund-Länder-Arbeitsgruppe geben hier gute<br />
Ratschläge (siehe Infokasten Seite 11).<br />
Was wir sicher nicht wollen, sind Zugangsbarrieren.<br />
Der ÖPNV bei uns ist ein offenes<br />
System.<br />
Martin Schmitz,<br />
<strong>VDV</strong>-Geschäftsführer Technik<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
9
TITELSTORY<br />
Auch abseits von Sicherheitsthemen arbeiten Verkehrsunternehmen<br />
und Polizei zusammen – etwa für den Fan-Transport<br />
bei Fußballspielen.<br />
500 Rettungskräfte und 100 Statisten waren im Herbst 2015 bei<br />
einer Katastrophenschutzübung in Sachsen-Anhalt im Einsatz (o.).<br />
Bundes- und Landespolizisten während einer Streife im Münchner<br />
Hauptbahnhof (u.)<br />
ÜBERGRIFFE AUF MITARBEITER<br />
Nicht nur die Sicherheit der Fahrgäste und das Üben für den<br />
Katastrophenfall sind Themen, die die Verkehrsunternehmen<br />
beschäftigen. Auch die zunehmende Zahl von Übergriffen auf<br />
die eigenen Mitarbeiter treibt die Branche um. Auf der ÖPNV-<br />
Sicherheitskonferenz beklagten die Teilnehmer besonders die<br />
„zunehmende Verrohung“ und Aggressivität. Die Unternehmen<br />
reagieren unterschiedlich. Die Deutsche Bahn etwa hat im Frühjahr<br />
ihr neues Sicherheitskonzept verabschiedet, wie Hans-Hilmar<br />
Rischke, Leiter Konzernsicherheit bei der DB, erläuterte. So<br />
will die Deutsche Bahn insgesamt weitere 500 Sicherheitskräfte<br />
einstellen. In Berlin wurden zudem einige Sicherheitsmitarbeiter<br />
testweise mit Bodycams ausgestattet. Auch ein Diensthundeeinsatz<br />
ist geplant.<br />
Bundesweite Statistiken gibt es hier zwar noch nicht –<br />
sie kommen aber. Doch auch die Zahlen der einzelnen<br />
Verkehrsunternehmen sprechen eine deutliche Sprache.<br />
Beispiel Deutsche Bahn: Der Konzern hatte 2015 in<br />
seinen Zügen und auf den Bahnhöfen 12.500 Körperverletzungen<br />
registriert. <strong>Das</strong> waren 1.100 weniger als<br />
2014, bei 7,5 Millionen Fahrgästen pro Tag. Damit habe<br />
die DB täglich etwa so viele Kunden wie Niedersachsen<br />
Einwohner. In dem Land sei die Gesamtzahl solcher<br />
Delikte mit 53.000 jedoch vier Mal so hoch.<br />
Dennoch weicht gerade das subjektive Sicherheitsgefühl<br />
der Fahrgäste von den objektiven Fakten ab.<br />
Gerade nachts fühlen sich viele unwohl, wenn sie allein<br />
in Bus und Bahn unterwegs sind. Zudem erreichen<br />
Straftaten im ÖPNV meist eine größere mediale Aufmerksamkeit<br />
als anderswo. „Schlechte Nachrichten<br />
setzen sich fest“, erläutert in diesem Zusammenhang<br />
Hubert Jung, Vorstandsmitglied bei den Dortmunder<br />
Stadtwerken DSW21, auf der Konferenz. „Wir haben es<br />
immer wieder mit Ereignissen zu tun, die dafür sorgen,<br />
dass Menschen skeptisch gegenüber dem ÖPNV sind.“<br />
Selbst dann, wenn die Faktenlage anderes zeigt.<br />
Verkehrsunternehmen versuchen deswegen gegenzusteuern<br />
– doch das kostet. Hellere Haltestellen,<br />
U-Bahnen mit durchgängigen Fahrgasträumen, mehr<br />
Sicherheitspersonal und moderne Notruftechnik sind<br />
in Zeiten knapper Haushalte nicht ohne Weiteres zu<br />
finanzieren. Zudem bleiben rechtliche Fragen – etwa<br />
in Sachen Videoaufzeichnung. Die Frage „Wie viel und<br />
welche Videotechnik ist in Fahrzeugen und an Haltestellen<br />
erlaubt?“ wird von Verkehrsunternehmen,<br />
10<br />
05 | <strong>2016</strong>
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN<br />
2015 hat die Bund-Länder-Arbeitsgruppe (BLAG) eine aktualisierte<br />
Version ihrer Rahmenkonzeption „Umsetzung der<br />
Handlungsempfehlungen zur Aufklärung und Beratung von<br />
Betreibern des Öffentlichen Personenverkehrs zur Früherkennung<br />
geplanter Anschläge“ herausgebracht. <strong>Das</strong> Dokument<br />
mit dem komplizierten Namen hat hohen praktischen Nutzen:<br />
Verkehrsunternehmen finden hier eine Reihe von Empfehlungen<br />
zum Aufbau eines Krisenmanagements. Die Schrift stammt<br />
ursprünglich aus dem Jahr 2005, wurde 2015 jedoch auf Initiative<br />
des <strong>VDV</strong> hin aktualisiert.<br />
Verkehrsunternehmen können die Handlungsempfehlungen<br />
über den Verband erhalten:<br />
stienen@vdv.de<br />
Mit Organisationen wie dem<br />
Technischen Hilfswerk (THW)<br />
wird ebenfalls kooperiert.<br />
Politik und Datenschützern diskutiert. Auch das zeigt<br />
die ÖPNV-Sicherheitskonferenz in Berlin.<br />
Streitthema Videotechnik<br />
Barbara Thiel, niedersächsische Landesdatenschutzbeauftragte,<br />
beleuchtet die gesetzlichen Regelungen<br />
beim Datenschutz und stellt die Frage nach dem Nutzen<br />
der Videoüberwachung. Gerade die Aufzeichnungen<br />
per Blackbox sind ihr ein Dorn im Auge. Dazu<br />
zählen beispielsweise Videoaufnahmen in den Fahrzeugen,<br />
die für eine bestimmte Zeit gespeichert, aber<br />
nicht in Echtzeit übertragen werden. Eine Reaktion<br />
des Sicherheitsdienstes im „Fall der Fälle“ ist somit<br />
nicht möglich. Helfen können die Bilder jedoch bei der<br />
Aufklärung einer Tat. „<strong>Das</strong> Sicherheitsgefühl ist ein<br />
ernstzunehmender Faktor. Aber lässt es sich wirklich<br />
messen? Und bewirkt die Aufzeichnung per Blackbox<br />
tatsächlich mehr Sicherheit?“, wirft Thiel in den Raum:<br />
„<strong>Das</strong> muss objektiv festgestellt werden können.“ Eine<br />
flächendeckende Videoaufzeichnung – wie sie derzeit<br />
etwa im ÖV in Niedersachsen geplant ist – sei schwer<br />
100<br />
INTERAKTIONEN<br />
per Twitter registrierte die Münchner Polizei in der<br />
Nacht des Amoklaufs in ihre Richtung – pro Minute.<br />
Marcus da Gloria Martins von der Polizei München<br />
sprach bei der Sicherheitskonferenz in Berlin über<br />
Krisenkommunikation in sozialen Medien.<br />
mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung<br />
vereinbar. „Wichtig ist eine am Einzelfall orientierte<br />
Videoüberwachung“, betont sie: „Eine abstrakte Gefahrenlage<br />
reicht nicht aus.“<br />
Viele Verkehrsunternehmen sehen das anders. Allein<br />
das Gefühl, dass sich der Täter anhand der Aufnahmen<br />
ermitteln lasse, verbessere das Sicherheitsempfinden.<br />
Einigkeit herrscht jedoch in zwei anderen Punkten.<br />
Erstens: Im Datenschutz müssen einheitliche Standards<br />
die bislang 17 Datenschutzgesetze – 16 auf Landes-,<br />
eines auf Bundesebene – ablösen. Und zweitens<br />
sind auch Videoaufzeichnungen kein Allheilmittel.<br />
Wichtig sei das Gesamtkonzept, angefangen beim gemeinsamen<br />
Lagebild mit Polizei und Behörden, bilanziert<br />
letztlich Martin Schmitz, <strong>VDV</strong>-Geschäftsführer<br />
Technik: „Wir müssen unseren Kunden eine gefühlte<br />
und reale Sicherheit gewähren. Aber was wir sicher<br />
nicht wollen, sind Zugangsbarrieren. Der ÖPNV bei<br />
uns ist ein offenes System.“ Diese Philosophie gelte es<br />
zu bewahren.<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
11
AUS DEM VERBAND<br />
498<br />
STELLEN<br />
für Geflüchtete haben die Verkehrsunternehmen<br />
bis Mitte Oktober geschaffen.<br />
Bis zum Jahresende sollen insgesamt<br />
1.000 Plätze eingerichtet werden.<br />
„Möglichst schnell auf eigenen<br />
BEINEN STEHEN“<br />
Im Juni hatte der <strong>VDV</strong> seine Mitgliedsunternehmen dazu aufgerufen, bis Ende des Jahres<br />
1.000 Stellen für Geflüchtete zu schaffen. Nun ist die Hälfte fast erreicht. Und jenseits<br />
der Zahlen gilt: Jede besetzte Stelle leistet im Einzelfall viel Unterstützung.<br />
„<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>“ hat ein Team des Bielefelder Verkehrsunternehmens Mobiel begleitet.<br />
12 05 | <strong>2016</strong>
Seit September absolviert Fayez Yossef (gr. Foto l.) ein Praktikum<br />
bei Mobiel. Im Rahmen seiner Schnuppertour durch das Unternehmen<br />
lernt er auch die Arbeit der Tunnelwerkstatt kennen. Deren<br />
Leiter Klaus Scherner (Foto oben, r.) begleitet Jan Oliver Kunze<br />
und Fayez Yossef bei ihrem ersten gemeinsamen Einsatz und<br />
erläutert unter anderem das Profil einer modernen Stadtbahn<br />
vom Typ „Vamos“ (Foto r.).<br />
Es gibt immer etwas zu tun in den unterirdischen Stationen<br />
der Bielefelder Stadtbahn. Die Technik warten, größere und<br />
kleinere Reparaturen erledigen, Aushänge aktualisieren. An diesem<br />
Morgen sollen routinemäßig Leuchtmittel ausgetauscht werden.<br />
Heute übernehmen das Jan Oliver Kunze und Fayez Yossef. Die<br />
jungen Männer in den leuchtend orangen Sicherheitswesten<br />
bauen mit routinierten Handgriffen matt gewordene Neonröhren<br />
aus, legen sie vorsichtig auf dem Bahnsteig ab und ersetzen sie<br />
durch neue. In wenigen Minuten ist das erledigt. Klaus Scherner,<br />
der für die Wartung und Qualitätssicherung im Bielefelder<br />
Stadtbahntunnel verantwortlich ist, prüft das Ergebnis und nickt<br />
zufrieden. Ein Außenstehender hätte nicht gemerkt, dass das Team<br />
in dieser Konstellation heute zum ersten Mal zusammenarbeitet.<br />
Während Jan Oliver Kunze seine Ausbildung zum Elektroniker für<br />
Betriebstechnik bald abschließt, ist Fayez Yossef erst seit Anfang<br />
September beim Bielefelder Verkehrsunternehmen Mobiel. Vor<br />
zwei Jahren musste der junge Syrer seine Heimat verlassen, um<br />
dem Krieg zu entkommen. Neun Monate dauerte seine Flucht –<br />
zu Fuß. Jetzt absolviert der 19-Jährige ein Praktikum. Auf seiner<br />
Schnuppertour durch das Unternehmen ist die von Klaus Scherner<br />
geleitete Tunnelwerkstatt eine von mehreren Stationen. „Davor<br />
war ich bereits in der Haustechnik, in der Kundenbetreuung und<br />
im Ticketverkauf“, berichtet Fayez Yossef: „Der Umgang mit den<br />
Kunden hat mir Spaß gemacht.“ Dabei dürften ihm seine guten<br />
Deutschkenntnisse eine große Hilfe gewesen sein. Wer ihn sprechen<br />
hört, mag kaum glauben, dass der Syrer erst seit 2014 im Land ist.<br />
Verkehrsbranche engagiert sich<br />
Fayez Yossef ist einer von 498 Geflüchteten, die jetzt bei den<br />
deutschen Verkehrsunternehmen arbeiten – im Rahmen eines<br />
Praktikums, einer Hospitation, einer Ausbildung oder einer<br />
Festanstellung. 1.000 Stellen wollen die Mitgliedsunternehmen<br />
des <strong>VDV</strong> bis Jahresende zusätzlich schaffen – Mitte Oktober war<br />
somit die Hälfte fast erreicht. Rund 250 Plätze hat allein das<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
13
AUS DEM VERBAND<br />
Auch außerhalb der<br />
Großstädte nehmen<br />
viele kleinere Unternehmen<br />
ihre soziale<br />
Verantwortung wahr.<br />
Jürgen Fenske,<br />
<strong>VDV</strong>-Präsident<br />
größte <strong>VDV</strong>-Mitgliedsunternehmen<br />
– die Deutsche Bahn<br />
– angeboten. Eine<br />
zweistellige Anzahl<br />
hat eine Reihe von<br />
kommunalen Verkehrsbetrieben<br />
eingerichtet<br />
– darunter<br />
in Berlin, Köln, Hamburg, Bremen, München, Darmstadt<br />
und Mainz (siehe auch Bericht Seite 15). Und nicht nur<br />
dort. „Mich freut, dass auch außerhalb der Großstädte<br />
viele kleinere Unternehmen ihre soziale und gesellschaftliche<br />
Verantwortung wahrnehmen und entsprechende<br />
Stellen anbieten“, sagt <strong>VDV</strong>-Präsident Jürgen<br />
Fenske: „<strong>Das</strong> Engagement der Branche ist insgesamt<br />
sehr groß.“<br />
Nach dem Praktikum in die Ausbildung<br />
Wie zahlreiche andere <strong>VDV</strong>-Mitglieder stellen auch<br />
die Stadtwerke Bielefeld und ihr Tochterunternehmen<br />
Mobiel junge Geflüchtete als Praktikanten ein. Zusätzlich<br />
bieten sie Qualifizierungen für den Berufseinstieg<br />
und Ausbildungsplätze als Fachkraft im Fahrbetrieb.<br />
Später eine moderne Stadtbahn vom Typ „Vamos“ zu<br />
fahren, das ist auch der Traum von Fayez Yossef. „Nach<br />
dem Praktikum möchte ich die Ausbildung dafür beginnen<br />
und möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen.“<br />
Wenn Fayez Yossef so weitermacht, stehen die<br />
Chancen gut, ist sich Klaus Scherner sicher. Mit seiner<br />
langjährigen Erfahrung hat er schon viele junge Menschen<br />
in den Beruf begleitet. Er selbst kann gut nachvollziehen,<br />
was den jungen Geflüchteten bewegt und<br />
wie er sich in seinem neuen Umfeld fühlt. Ende der<br />
1970er-Jahre kam Scherner aus den schlesischen Gebieten<br />
Polens nach Deutschland.<br />
Auch seine Kollegen bei Mobiel haben mit den Geflüchteten<br />
bislang nur positive Erfahrungen gemacht.<br />
„Praktikanten und Teilnehmer der Einstiegsqualifizierung<br />
konnten gut integriert werden“, berichtet<br />
Pressesprecherin Lisa Schöniger: „Sie waren und sind<br />
zuverlässig und zeigen großes Engagement.“ Probleme<br />
gebe es jedoch im schulischen Bereich, wenn der Stoff –<br />
vor allem Fachbegriffe – zu schnell unterrichtet werde<br />
und die Schüler die deutsche Sprache noch nicht so gut<br />
verstehen. „Wir werden mit Sicherheit viel Zeit investieren<br />
müssen, da der Lernprozess deutlich langsamer<br />
läuft als bei in Deutschland geborenen Auszubildenden“,<br />
resümiert Lisa Schöniger. Allein die sprachliche<br />
Förderung nehme viel Zeit in Anspruch.<br />
Der Aufwand könnte sich jedoch für alle Beteiligten<br />
nachhaltig lohnen – nicht nur in Ostwestfalen.<br />
Bis 2020 muss die Verkehrsbranche in Deutschland<br />
30.000 Stellen neu- oder nachbesetzen.<br />
Mehr Informationen zu Fragen rund um die<br />
Beschäftigung von Flüchtlingen finden Sie im<br />
Mitgliederbereich auf www.vdv.de<br />
Teambesprechung:<br />
Klaus Scherner (r.)<br />
erklärt Jan Oliver<br />
Kunze (l.) und Fayez<br />
Yossef (M.), welche<br />
aktuellen Aufgaben<br />
in den unterirdischen<br />
Stationen der<br />
Bielefelder Stadtbahn<br />
anliegen.<br />
14 05 | <strong>2016</strong>
Geflüchtete helfen, den Bedarf<br />
im Fahrdienst zu decken<br />
In den vergangenen Monaten haben die Verkehrsunternehmen ihr Engagement<br />
verstärkt, Geflüchtete zu integrieren – etwa als Busfahrer. Ein Blick zu den Kölner<br />
Verkehrs-Betrieben (KVB) und zur City-Bus Mainz (CBM).<br />
Geflüchtete Menschen fördern und<br />
sie über den Beruf am sozialen Leben<br />
teilhaben lassen: Auf diese Weise nehmen<br />
zahlreiche Verkehrsunternehmen ihre Verantwortung<br />
wahr, bei der Integration zu<br />
helfen. Beispiel Köln: „Mit der Busfahrschule<br />
bieten wir Geflüchteten eine gute und qualifizierte<br />
Ausbildung mit der Perspektive einer<br />
anschließenden Festanstellung“, erläutert<br />
Jürgen Fenske, KVB-Vorstandsvorsitzender<br />
und <strong>VDV</strong>-Präsident. Zwölf Männer und<br />
eine Frau, die aus Syrien, Iran, Irak, Afghanistan<br />
und Ägypten stammen, haben<br />
kürzlich eine einjährige Ausbildung zum<br />
Busfahrer begonnen. Zunächst absolvieren<br />
sie einen sechs- bis neunwöchigen Sprachkurs.<br />
Wer den Führerschein Klasse B noch<br />
nicht hat, macht diesen anschließend. Dann<br />
folgt die Qualifizierung zum Busfahrer mit<br />
dem Führerschein Klasse D, die mit einer<br />
Abschlussprüfung vor der IHK endet. Nach<br />
bestandener Prüfung steht ein dreimonatiges<br />
Praktikum bei der KVB an. Wer auch diese<br />
Zeit erfolgreich absolviert, kann eine unbefristete<br />
Anstellung als Busfahrer bekommen.<br />
Mehrmonatige Qualifizierung<br />
Auch in Mainz bereiten sich Geflüchtete<br />
auf den Berufseinstieg als Busfahrer vor.<br />
20 Teilnehmer, überwiegend aus Syrien,<br />
haben einen berufsbezogenen Sprachkurs<br />
erfolgreich abgeschlossen und können<br />
sich nun zum Busfahrer weiterqualifizieren.<br />
Bei der City-Bus Mainz (CBM) haben<br />
vier von ihnen im Oktober bereits mit ihrer<br />
Ausbildung begonnen. Die anderen bereiten<br />
sich mit einem mehrmonatigen Qualifizierungskurs<br />
auf die innerbetriebliche<br />
Fahrschule vor. Auch sie sollen später den<br />
Bedarf an qualifiziertem Fahrpersonal decken.<br />
Bei den Projekten arbeiten die Verkehrsunternehmen<br />
eng mit den Arbeitsagenturen<br />
sowie mit regional und überregional aktiven<br />
Bildungswerken zusammen.<br />
DREI<br />
FRAGEN AN<br />
Sylvia Pyzik,<br />
CBM-Personalabteilung<br />
» Frau Pyzik, welche Erfahrungen<br />
haben Sie bei der City-Bus Mainz mit den<br />
neuen Auszubildenden gemacht?<br />
Sylvia Pyzik: Sie haben sich bisher sehr<br />
gut integriert. Negative Erfahrungen gibt<br />
es bislang nicht. Die Teilnehmer unserer<br />
Qualifizierungen sind jedoch nicht nur<br />
mit den Sprachkursen und der Ausbildung<br />
beschäftigt. Auch Behördengänge und<br />
Bürokratie nehmen viel Zeit in Anspruch.<br />
<strong>Das</strong> ist für sie belastend.<br />
» Welche Rückmeldung geben Ihnen die<br />
Geflüchteten?<br />
Sie sind sehr stolz, an den Qualifizierungen<br />
teilnehmen zu dürfen. Die Teilnehmer<br />
sind hoch motiviert und bereit, sich schnell<br />
Dinge anzueignen. Am liebsten würden<br />
sie sofort anfangen zu arbeiten. Zudem<br />
bekommen wir viele Anfragen für einen<br />
neuen Kurs.<br />
Betriebsbesichtigungen zählen bei der City-Bus Mainz zu den Angeboten, die das Unternehmen<br />
Geflüchteten macht, bevor sie in die weitere Qualifizierung einsteigen.<br />
» Welche Angebote machen Sie außerdem?<br />
Wir wollen über eine gute sprachliche Ausbildung<br />
nicht nur eine solide Basis für den<br />
Einstieg in den Beruf schaffen, sondern den<br />
Teilnehmern auch bei der Integration<br />
helfen. Vorab können sie den Betrieb<br />
kennenlernen und kostenlos Sportangebote<br />
besuchen. Zudem stand mir von Beginn<br />
an ein Mitarbeiter aus dem Fahrdienst zur<br />
Seite, der die Betreuung in der Muttersprache<br />
gewährleistet und als Begleitperson für<br />
Behördengänge zur Verfügung steht.<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
15
AUS DEM VERBAND<br />
660<br />
GRAMM<br />
So viel CO2 spart eine Person auf einer<br />
zehn Kilometer langen Strecke ein, wenn<br />
sie den Bus und nicht das Auto nimmt.<br />
ÖPNV-Aktionstag: In Köln (gr. Foto) und vielen anderen Städten wurden<br />
Busse der neuesten Generation vorgestellt und die Entlastung für das<br />
Klima mit CO2-Sparsäckchen veranschaulicht – auch in Osnabrück,<br />
Lörrach und Aachen (kl. Fotos Seite 17, v.l.n.r.).<br />
16 05 | <strong>2016</strong>
ÖPNV-Rückgrat und<br />
Klimaschützer<br />
„Der Bus bewegt besser“: Der <strong>VDV</strong> und die Infrastrukturinitiative „Damit Deutschland<br />
vorne bleibt“ lenken in den kommenden Monaten die Aufmerksamkeit auf das hierzulande<br />
meistgenutzte Nahverkehrsmittel. Auftakt der Kampagne war der diesjährige<br />
ÖPNV-Aktionstag.<br />
Er ist im Nahverkehr mit Abstand die Nummer<br />
eins und ein echter Klimaschützer: Den Linienbus<br />
nutzen bundesweit mehr als vier Milliarden<br />
Fahrgäste pro Jahr – das entspricht 42 Prozent aller<br />
ÖPNV-Kunden. In der Stadt und in der Fläche bilden<br />
36.000 Fahrzeuge das Rückgrat des Öffentlichen<br />
Verkehrs. Sie helfen, die Straßen von zusätzlichen<br />
Autofahrten zu entlasten. Dennoch ist dieses Verkehrsmittel<br />
nicht unumstritten. „Leider wird der Bus<br />
immer wieder mal zu Unrecht als Verursacher von<br />
Schadstoffproblemen im Straßenverkehr kritisiert“,<br />
erläutert <strong>VDV</strong>-Präsident Jürgen Fenske: „Dabei ist<br />
genau das Gegenteil der Fall.“ <strong>Das</strong> wollen der <strong>VDV</strong>,<br />
die Infrastrukturinitiative „Damit Deutschland<br />
vorne bleibt“ und zahlreiche Verkehrsunternehmen<br />
unter Beweis stellen.<br />
Auf „Testfahrt“ durch die Stadt<br />
Mitte September startete am Deutschland-Tag des<br />
Nahverkehrs die Kampagne „Der Bus bewegt besser“.<br />
In 40 Städten konnten sich zahlreiche Fahrgäste,<br />
Medienvertreter, Prominente und Politiker<br />
von den Stärken moderner Busse ein Bild machen.<br />
Die beteiligten Verkehrsunternehmen hatten zu<br />
einer zehn Kilometer langen Tour mit Fahrzeugen<br />
der neuesten Generation eingeladen und dabei<br />
über deren Besonderheiten informiert. Wer den<br />
Bus nimmt, leistet einen aktiven Beitrag zum<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
17
AUS DEM VERBAND<br />
Weitere Aktionen gab es in Rosenheim,<br />
Nordhorn im deutsch-niederländischen<br />
Grenzgebiet, Gelsenkirchen, Weiden und<br />
Herne (von unten l. nach oben r.)<br />
Klimaschutz. <strong>Das</strong> erfuhren die Kunden auf ganz plastische<br />
Weise: Nach der Tour durch ihre Stadt erhielten sie ihren<br />
persönlichen, mit Sonnenblumenkernen gefüllten „CO2-Sparsack“.<br />
Dessen Gewicht entsprach der Menge des Klimagases<br />
Kohlendioxid, die ein Busnutzer auf einer zehn Kilometer<br />
langen Strecke gegenüber einem Autofahrer vermeidet – 660<br />
Gramm (siehe Infokasten).<br />
Appell an Umweltministerin Hendricks<br />
Am 10. <strong>November</strong> soll auch Barbara Hendricks<br />
ihren Sparsack bekommen – überreicht von<br />
Vertretern der Verkehrsbranche. Sie wollen<br />
die Umweltministerin dazu auffordern,<br />
sich innerhalb der Bundesregierung und im<br />
Parlament für die weitere Förderung eines<br />
modernen Bussystems einzusetzen. „Die Klimaziele<br />
stehen fest. Der Verkehr wird einen<br />
deutlichen Beitrag dazu leisten müssen“, sagt<br />
<strong>VDV</strong>-Hauptgeschäftsführer Oliver Wolff. Bis<br />
2050 sollen die deutschen Treibhausgasemissionen<br />
gegenüber 1990 um bis zu 95 Prozent<br />
und im ersten Schritt bis 2020 um 40 Prozent<br />
gesenkt werden. „Bis dahin bleibt nicht mehr<br />
viel Zeit“, mahnt Jürgen Fenske und fordert<br />
ein Umdenken im Verkehrssektor: „Im kommunalen<br />
Verkehr führt aus Klima- und Umweltschutzgründen<br />
kein Weg am Ausbau des<br />
Bus- und Bahnangebots vorbei.“<br />
18 05 | <strong>2016</strong>
Auch in Darmstadt (l.) und in Ludwigsburg<br />
(o.) wurde für das Busfahren geworben.<br />
Ingo Wortmann, <strong>VDV</strong>-Vizepräsident<br />
für den Bereich Personenverkehr Bus,<br />
präsentierte das Kampagnenmotto (r.).<br />
Die Nahverkehrsbranche ist<br />
Vorreiter einer effizienten und<br />
umweltfreundlichen Mobilität.<br />
Oliver Wolff,<br />
<strong>VDV</strong>-Hauptgeschäftsführer und Geschäftsführer<br />
„Damit Deutschland vorne bleibt“<br />
Mit Blick auf die Klimadebatte sieht<br />
die Verkehrsbranche Bund und Länder<br />
in der Pflicht, sich stärker für den Öffentlichen<br />
Verkehr zu engagieren. „Die<br />
Nahverkehrsbranche ist Vorreiter einer<br />
effizienten und umweltfreundlichen<br />
Mobilität“, verdeutlicht Oliver Wolff:<br />
„Sie versteht sich deshalb zu Recht als<br />
Speerspitze einer notwendigen und<br />
nachhaltigen Verkehrswende.“ Jürgen<br />
Fenske betont, dass die Verkehrsunternehmen<br />
bereits viel in moderne Fahrzeugflotten<br />
investieren. Allein sei diese<br />
Aufgabe jedoch nicht zu bewältigen.<br />
„Eine auskömmliche Busförderung seitens<br />
der Länder ist unverzichtbar“, so<br />
der <strong>VDV</strong>-Präsident. Zudem gelte es, die<br />
Potenziale des Busses für den Klimaschutz<br />
voll auszuschöpfen. „Wir benötigen<br />
vom Bund Unterstützung für<br />
die Entwicklung der Elektrobusse,<br />
denn diese sind noch lange nicht so<br />
wirtschaftlich und zuverlässig wie<br />
unsere anderen Fahrzeuge.“ Die<br />
Elektromobilität steht bei den Bussen<br />
ebenso in den Startlöchern wie<br />
weitere innovative Antriebe. Auch<br />
moderne, technisch ausgereifte<br />
Dieselbusse, die die Euro-VI-Norm erfüllen,<br />
fahren äußerst abgas- und schadstoffarm<br />
– und sind deshalb besonders<br />
umweltfreundlich. Unterdessen sammeln<br />
immer mehr Unternehmen Erfahrungen<br />
mit batteriebetriebenen Elektrobussen.<br />
Ab Dezember stellen die Kölner Verkehrs-Betriebe<br />
(KVB) eine komplette<br />
Linie von Dieselfahrzeugen auf acht<br />
E-Busse um. <strong>Das</strong> spart jährlich 520 Tonnen<br />
CO2 ein. Auch Hamburg und Berlin<br />
wollen ab sofort jedes Jahr gemeinsam<br />
200 emissionsfreie Busse beschaffen.<br />
Alle Teilnehmerstädte, Infos<br />
und weitere Fotos finden Sie<br />
online unter:<br />
www.bus-bewegt-besser.de<br />
WIE SICH DER<br />
KLIMAVORTEIL<br />
BERECHNET<br />
In einem Vergleich der Verkehrs-<br />
träger rechnet das Umweltbundesamt<br />
wie folgt: Ein Auto, das<br />
mit durchschnittlich 1,5 Personen<br />
besetzt ist, stößt 142 Gramm an<br />
Treibhausgasen pro Personenkilometer<br />
aus. Dagegen verursacht<br />
der Linienbus bei einer zugrunde<br />
gelegten Auslastung von 21 Prozent<br />
lediglich 76 Gramm. Daraus ergibt<br />
sich eine Differenz von 66 Gramm<br />
pro Personenkilometer – macht auf<br />
zehn Kilometern 660 Gramm.<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
19
vierteljahrhundert<br />
Serie zu 25 Jahren <strong>VDV</strong><br />
DEN VORSPRUNG<br />
weiter ausbauen<br />
Der Linienbus ist das meistgenutzte Verkehrsmittel<br />
des ÖPNV - und zudem ein äußerst<br />
umweltfreundliches. Mit diesem Beitrag von<br />
Ingo Wortmann, <strong>VDV</strong>-Vizepräsident für den<br />
Bereich Bus, endet die Serie zu 25 Jahren <strong>VDV</strong>.<br />
AUTOR<br />
Ingo Wortmann,<br />
<strong>VDV</strong>-Vizepräsident<br />
für den Bereich<br />
Personenverkehr Bus<br />
Wie können wir die Klimaschutzziele<br />
im Verkehrsbereich erreichen?<br />
Einen wesentlichen, bereits funktionierenden<br />
Teil der Lösung liefert der Öffentliche<br />
Personennahverkehr. Und dessen Rückgrat<br />
ist der Linienbus. Von den mehr als zehn Milliarden<br />
Fahrgästen, die im vergangenen Jahr<br />
den ÖPNV genutzt haben, nahmen über vier<br />
Milliarden den Bus. Damit bleibt der Bus auf<br />
dem Land und in der Stadt das mit Abstand<br />
meistgenutzte öffentliche Verkehrsmittel –<br />
noch vor den U-, Straßen- und Stadtbahnen.<br />
Flexibel, überall einsetzbar, vergleichsweise<br />
kostengünstig in Anschaffung und Betrieb:<br />
<strong>Das</strong> sind die Stärken der Linienbusse. Sie<br />
gelten in vielen Bereichen als ideale Verkehrsmittel.<br />
Verschiedene Varianten und<br />
Bauformen erleichtern es, auf die unterschiedliche<br />
Fahrgastnachfrage passend zu<br />
reagieren. Eingesetzt werden dabei neben<br />
den zwölf und 18 Meter langen Standardmodellen<br />
auch Fahrzeuge mit zwei Gelenken,<br />
Busse mit Anhängern – die Buszüge – sowie<br />
Midi- und Kleinbusse. <strong>Das</strong> macht das System<br />
Bus so effizient.<br />
Hinzu kommt der Umweltvorteil, den der<br />
Bus wie auch der gesamte Nahverkehr<br />
gegenüber dem Pkw haben. Dieses Plus<br />
gilt es auszubauen. In den vergangenen<br />
Jahren haben die Verkehrsunternehmen<br />
viel Geld in ihre Fahrzeugflotten und in<br />
umweltfreundliche Antriebstechnologien<br />
investiert. Mit der Norm Euro VI haben<br />
Dieselmotoren einen äußerst abgasarmen<br />
Standard erreicht und das Potenzial<br />
dieses Antriebs annähernd<br />
ausgeschöpft. Und die Entwicklung<br />
schreitet voran.<br />
Alternative Antriebe sind<br />
im Kommen. Vor allem die<br />
Elektromobilität wird künftig<br />
dazu beitragen, die ohnehin<br />
schon gute Umweltbilanz<br />
des Busverkehrs noch weiter<br />
zu verbessern. Derzeit sammeln<br />
30 Verkehrsunternehmen aus<br />
ganz Deutschland Erfahrungen mit<br />
dieser noch jungen Technologie. Wir<br />
hoffen, in den nächsten Jahren marktfähige<br />
und wirtschaftliche Fahrzeuge mit<br />
alternativen Antrieben zu erhalten, die mit<br />
dem ausgereiften und hochentwickelten<br />
Dieselbus auch in puncto Zuverlässigkeit<br />
mithalten können. Bis es soweit ist, benötigen<br />
die Verkehrsunternehmen die Unterstützung<br />
von Bund und Ländern.<br />
Fahrzeuge gemeinsam verbessern<br />
Denn neben der noch zu optimierenden betrieblichen<br />
Zuverlässigkeit liegen weitere<br />
Herausforderungen in den Anschaffungskosten<br />
sowie im Aus- beziehungsweise<br />
Umbau der Infrastruktur. Mit 700.000 Euro<br />
kostet ein Elektrobus derzeit etwa doppelt<br />
so viel wie ein herkömmlicher Dieselbus.<br />
Hinzu kommen die im Vergleich wesentlich<br />
höheren Kosten für Wartung und Reparaturen.<br />
Zudem müssen die Mitarbeiter<br />
speziell geschult werden. Wenn E-Busse<br />
also den endgültigen Durchbruch am Markt<br />
schaffen sollen, muss die Verkehrsbranche<br />
20 05 | <strong>2016</strong>
Busse in unterschiedlichsten<br />
Erscheinungsformen und mit<br />
verschiedenen Antrieben bilden<br />
das Rückgrat des ÖPNV.<br />
Ihre Flexibilität macht sie zum<br />
idealen Verkehrsmittel in der<br />
Stadt und auf dem Land.<br />
Fotos: DVB | Jürgen Herrmann; SBI | INVG; OVPS; SSB<br />
zusammen<br />
mit<br />
der Politik in<br />
Bund und Ländern<br />
sowie den Herstellern daran arbeiten, die<br />
Fahrzeuge weiterzuentwickeln und zu<br />
optimieren. Hilfreich wäre ein Programm,<br />
das an die derzeitige Forschungsförderung<br />
anschließt und die Ladeinfrastruktur mit<br />
berücksichtigt.<br />
<strong>Das</strong> würde auch den deutschen Fahrzeugherstellern<br />
zugutekommen. Denn die<br />
haben in diesem Segment noch spürbaren<br />
Nachholbedarf. Von den bislang im<br />
Test befindlichen rein batteriebetriebenen<br />
Elektrobussen ist keiner „made in Germany“.<br />
Deutsches Know-how steckt dagegen<br />
maßgeblich in den verschiedenen<br />
im Ausland produzierten Modellen. Ohne<br />
die heimischen Hersteller gestaltet es sich<br />
allerdings schwieriger, sich national wie<br />
international auf die notwendigen Standards<br />
zu einigen. Und die sind zwingend<br />
notwendig, um die Produktionskosten pro<br />
Fahrzeug mittelfristig deutlich zu senken,<br />
die Einsatzmöglichkeiten flexibler zu machen<br />
und später dann einen Markt für gebrauchte<br />
Fahrzeuge aufzubauen.<br />
Busförderung sichert Mobilität<br />
Aber wie teuer Busse mit alternativen Antrieben<br />
auch sein mögen: Selbst mit dem<br />
Kauf herkömmlicher neuer Fahrzeuge sind<br />
für die Betreiber erhebliche Investitionen<br />
verbunden. Um diese Kosten abzufedern<br />
und Fahrpreiserhöhungen in Grenzen zu<br />
halten, benötigen die Verkehrsunternehmen<br />
die Mittel aus der Busförderung der Länder.<br />
Sie wäre für uns in einigen Ländern ein ganz<br />
entscheidendes Finanzierungsinstrument<br />
und eine wesentliche Voraussetzung, um im<br />
Nahverkehr regelmäßige, flächendeckende<br />
Mobilitätsangebote mit Linienbussen zu sichern.<br />
Umso mehr begrüßt es der <strong>VDV</strong>, dass<br />
Niedersachsen vor einem Jahr die Busförderung<br />
wieder aufgenommen hat. Denn<br />
nur so können die Verkehrsunternehmen<br />
in moderne, energieeffiziente Fahrzeuge<br />
investieren und ihren Beitrag leisten, um<br />
auch in Zukunft ein flächendeckendes<br />
ÖPNV-Angebot zu gewährleisten.<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
21
Bei allem Stolz auf die<br />
Leistung – unsere<br />
Kapazitäten sind nicht<br />
optimal genutzt.<br />
Harald Kreft,<br />
Chef der Hamburger Hafenbahn<br />
Mit dem ständig wachsenden<br />
Güterverkehrsaufkommen steigt<br />
die Nachfrage nach Transportkapazitäten.<br />
Während der Einsatz von<br />
extralangen Lkw vielfach mit Skepsis<br />
gesehen wird, setzt die Bahnbranche<br />
auf längere Güterzüge. Sie sind<br />
wirtschaftlich, verkehrssicher<br />
und umweltfreundlich.<br />
Güterzüge<br />
lang und<br />
lääänger<br />
Großer Bahnhof im Großen Festsaal des<br />
altehrwürdigen Hamburger Rathauses:<br />
Bei einem feierlichen Senatsempfang wurde<br />
kürzlich ein stolzes Jubiläum der Hamburger<br />
Hafenbahn gefeiert. Seit 150 Jahren<br />
rollen Güterzüge von den Kais des größten<br />
deutschen Seehafens ins Hinterland. „Die<br />
Hafenbahn ist stabiler Umschlagsfaktor<br />
im Hamburger Hafen. Sie ist das Bindeglied<br />
zwischen den Umschlagterminals der<br />
Containerschiffe und dem europäischen<br />
Schienennetz“, sagte Wirtschaftssenator<br />
Frank Horch auf dem Empfang. Auf dem 300<br />
Kilometer langen Schienennetz des Hafens<br />
verkehren täglich mehr als 200 Güterzüge<br />
mit über 5.000 Waggons, mit Ladung von<br />
den Schiffen und für die Schiffe in alle Welt.<br />
Jeder achte Güterzug, der durch Deutschland<br />
fährt, kommt aus dem Hamburger Hafen<br />
oder hat ihn zum Ziel.<br />
„Bei allem Stolz auf die Leistung – unsere<br />
Kapazitäten sind nicht optimal genutzt“,<br />
erläutert Harald Kreft, Chef der Hafenbahn.<br />
„Wir schicken jeden Tag Güterzüge<br />
auf die Reise, die unter der Standardlänge<br />
22 05 | <strong>2016</strong>
UNTERWEGS IM NETZ<br />
Regioshuttle (Triebzug)<br />
S-Bahn Berlin<br />
(Vollzug, 8 Wagen)<br />
Regionalzug<br />
(5 Wagen, mit Lok)<br />
24,4 m<br />
147,2 m<br />
153,5 m<br />
Zuglängen im Vergleich: Güterzüge<br />
mit mehr Waggons könnten dazu<br />
beitragen, das Schienennetz<br />
besser auszulasten.<br />
ICE 1<br />
(14 Wagen)<br />
bis zu 410 m<br />
Längerer Güterzug<br />
740 m<br />
Würde die im Hamburger Hafen umgeschlagene Fracht ausschließlich mit 740-Meter-Zügen transportiert,<br />
würde die Hafenbahn um täglich 20 bis 30 Züge entlastet.<br />
740-Meter-Züge könnten die Schiene gegenüber<br />
der Straße in puncto Preis und Qualität stärken.<br />
von 740 Metern bleiben müssen, weil in<br />
Deutschland und in den angrenzenden<br />
Nachbarländern immer noch ein durchgängiges<br />
740-Meter-Netz fehlt.“ Was<br />
Kreft meint, sind Schienenstrecken, auf<br />
denen die betrieblichen Voraussetzungen<br />
für die Fahrt von Güterzügen dieser Länge<br />
vorhanden sind. „In manchen Relationen,<br />
zum Beispiel Hamburg - Prag, können nur<br />
630 Meter lange Züge fahren. <strong>Das</strong> bedeutet:<br />
Pro Zug verladen wir acht bis zwölf Container<br />
weniger.“<br />
<strong>Das</strong> sei wenig effizient und schmälere<br />
die Wettbewerbsfähigkeit des Güterverkehrs<br />
auf der Schiene, betont Dr. Jürgen<br />
Wilder, Vorstandschef von DB Cargo: „Die<br />
Zuglänge ist einer der wirksamsten Hebel<br />
zur Senkung der Stückkosten im Schienengüterverkehr.“<br />
740-Meter-Züge würden<br />
die Schiene gegenüber der Straße in<br />
puncto Preis und Qualität stärken. Wenn<br />
die umgeschlagene Fracht ausschließlich<br />
mit 740-Meter-Zügen transportiert werden<br />
würde, könnten in den Hamburger<br />
Hafen jeden Tag 20 bis 30 Züge weniger<br />
ein- und ausfahren. <strong>Das</strong> spare in erheblichem<br />
Umfang Energie- und Betriebskosten<br />
und schaffe zusätzlich Freiheitsgrade<br />
für die Nutzer. Zugleich sei dies aber eine<br />
stattliche Kapazitätsreserve, erklärt Hafenbahn-Chef<br />
Kreft: „Wir könnten uns<br />
gerade im Hinblick auf die immer größer<br />
werdenden Containerschiffe und Transportmengen<br />
noch einmal ordentlich Luft<br />
verschaffen und bei Bedarf zusätzliche<br />
Züge einsetzen.“<br />
Nur bedingt freie Fahrt<br />
Ein durchgängiges 740-Meter-Netz ist<br />
zwar längst EU-Standard, aber nicht überall<br />
Realität. Auch auf deutschen Schienen<br />
gibt es vielfach nur bedingt freie Fahrt für<br />
die langen Güterzüge. Zwar taugt das rollende<br />
Material – Loks wie Waggons – für<br />
längere Züge, aber die Infrastruktur muss<br />
vielerorts angepasst werden. Häufig sind<br />
nur wenig aufwendige Veränderungen bei<br />
der Leit- und Sicherungstechnik notwendig.<br />
Da müssen vereinzelt Signale umgesetzt<br />
werden, um Blockabstände für die<br />
längeren Züge einzurichten, oder Bahn-<br />
IM HAUSHALT<br />
FEHLEN DIE MITTEL<br />
Schon der ehemalige Verkehrsminister<br />
Peter Ramsauer ließ einen „Aktionsplan<br />
Güterverkehr und Logistik“ erarbeiten –<br />
mit dem markigen Nachsatz „Nachhaltig<br />
und effizient in die Zukunft“. Auch das<br />
Thema lange Güterzüge tauchte da auf<br />
und ist jetzt ausführlich in der jüngsten<br />
Fassung des Planes (Juni <strong>2016</strong>) unter der<br />
Ägide von Minister Alexander Dobrindt<br />
erneut beschrieben. Der Aktionsplan<br />
spricht von 1.000-Meter-Zügen, von<br />
Untersuchungen gar für 1.500-Meter-<br />
Züge. Er berichtet aber auch: DB Netz<br />
habe 100 Projekte benannt, wo längere<br />
Überholgleise 740-Meter-Züge möglich<br />
machen sollen. Jedoch: Die Bahn erwarte<br />
eine Finanzierung durch den Bundeshaushalt,<br />
für die, so heißt es schlicht<br />
und deutlich, „gegenwärtig noch keine<br />
Grundlage existiert“.<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
23
UNTERWEGS IM NETZ<br />
Die Zuglänge ist einer der wirksamsten Hebel<br />
zur Senkung der Stückkosten im Schienengüterverkehr.<br />
Dr. Jürgen Wilder,<br />
Vorstandsvorsitzender von DB Cargo<br />
übergangssicherungen angepasst werden.<br />
Zu den umfangreicheren Maßnahmen<br />
zählen Verlängerungen von Ausweichund<br />
Überholgleisen auf den Strecken und<br />
auch in einigen Umschlagterminals des<br />
Kombinierten Verkehrs.<br />
„Wenn man sich die Prognosen zum Verkehrswachstum<br />
ansieht, dann müssen die<br />
Lücken im 740-Meter-Netz in den nächsten<br />
zwei, drei Jahren in weiten Teilen geschlossen<br />
werden. Wir brauchen einfach<br />
mehr Leistungsfähigkeit auf der Schiene“,<br />
fordert Hafenbahn-Chef Kreft. Der Bund<br />
als Infrastruktur-Eigentümer sei gut beraten,<br />
zügig die entsprechenden Mittel<br />
bereitzustellen. „<strong>Das</strong>s der Bund bei solchen<br />
offensichtlich wirtschaftlichen Maßnahmen<br />
schnell handeln kann, hat er bereits<br />
bewiesen. Als vor einigen Jahren die<br />
Nacht-Parkplätze für Lkw an den Autobahn-Raststätten<br />
nicht mehr ausreichten,<br />
stellte der Bund in kurzer Zeit 550 Millionen<br />
Euro zum Abbau dieser Engpässe zur<br />
Verfügung und ließ sie beseitigen. Wenn<br />
der politische Wille da ist, geht das.“ Immerhin:<br />
Vor wenigen Wochen beschäftigte<br />
sich erstmals die Verkehrsministerkonferenz<br />
mit dem Thema und diskutierte eine<br />
nachträgliche Aufnahme des 740-Meter-Netzes<br />
in den „Vordringlichen Bedarf“<br />
des Bundesverkehrswegeplans 2030.<br />
5.000<br />
WAGGONS<br />
verteilt auf 200 Güterzüge rollen täglich<br />
über das 300 Kilometer lange Schienennetz<br />
des Hamburger Hafens.<br />
Beitrag zum Klimaschutz<br />
Rückendeckung erhält die Bahnbranche<br />
vom Umweltbundesamt (UBA): „Wenn<br />
wir unsere Klimaschutzziele erreichen<br />
wollen, kommen wir um das Thema Verkehrsverlagerung<br />
gar nicht herum. Besonders<br />
der stark wachsende Güterverkehr<br />
muss künftig seinen Beitrag zum Klimaschutz<br />
leisten“, sagt UBA-Präsidentin<br />
Maria Krautzberger. Die für den Bundesverkehrswegeplan<br />
angemeldeten Projekte<br />
für das 740-Meter-Netz seien nachhaltig.<br />
„Der Ausbau eines durchgängigen Netzes<br />
für Güterzüge mit 740 Metern Zuglänge ist<br />
eine Schlüsselmaßnahme. Sie erhöht die<br />
Produktivität des Schienengüterverkehrs<br />
und reduziert dessen Kosten.“<br />
Neben der Diskussion um das durchgängige<br />
Netz für 740-Meter-Güterzüge gibt<br />
es längst Überlegungen und Versuche für<br />
noch längere Züge. So testete die Deutsche<br />
Bahn drei Jahre lang den Betrieb mit<br />
835 Meter langen Güterzügen zwischen<br />
dem Rangierbahnhof Maschen südlich<br />
von Hamburg und dem dänischen Padborg.<br />
Sie machte ihn 2015 zum fahrplanmäßigen<br />
Angebot. Mit angebunden ist der<br />
Hamburger Hafen, doch Hafenbahn-Chef<br />
Kreft wirkt nicht so ganz zufrieden: „Bis<br />
auf die erfolgreichen Testfahrten ist bisher<br />
nicht viel passiert. Wir würden uns<br />
auch in diesem, zugegebenermaßen besonderen<br />
Segment mehr Verkehr wünschen.“<br />
Auch noch länger geht: Auf der<br />
niederländischen Betuwe-Linie zwischen<br />
dem Rotterdamer Hafen und der<br />
deutschen Grenze bei Emmerich sind<br />
die betrieblichen Voraussetzungen für<br />
1.000-Meter-Güterzüge geschaffen<br />
worden. Auf deutscher Seite ist zum<br />
Leidwesen der Branche davon nicht die<br />
Rede: Die Ausbaustrecke Emmerich -<br />
Oberhausen wird gerade mal von derzeit<br />
möglichen 690 Metern Zuglänge auf 740<br />
Meter umgerüstet.<br />
Loks und Waggons eignen sich für lange Züge,<br />
aber die Infrastruktur oft nicht.<br />
Während auf den Langstrecken in Nordamerika<br />
und Russland noch wesentlich<br />
längere Güterzüge mit über den<br />
Zugverbund verteilten Loks unterwegs<br />
sind, könnte die Digitalisierung den Güterbahnen<br />
in Europa neue Möglichkeiten<br />
verschaffen: <strong>Das</strong> European Train Control<br />
System (ETCS) als länderübergreifendes<br />
Leit- und Sicherungssystem soll im<br />
„Level 3“ elektronisch gesicherte Zugfahrten<br />
ohne übliche stationäre Streckenblocks<br />
ermöglichen. Kreft: „<strong>Das</strong> macht die Schieneninfrastruktur<br />
richtig durchlässig. Dann<br />
sind selbst 1.500-Meter-Züge denkbar.“<br />
24 05 | <strong>2016</strong>
AKTUELL<br />
Den <strong>VDV</strong> gibt’s jetzt auch<br />
bei Facebook<br />
Zeitgleich mit der diesjährigen Eröffnungsveranstaltung der Inno-<br />
Trans, der wichtigsten Verkehrstechnik-Messe der Welt, fiel auch<br />
der Startschuss für den gemeinsamen Facebook-Auftritt von <strong>VDV</strong>,<br />
<strong>VDV</strong>-Akademie und E-Ticket Service.<br />
„<br />
Facebook ermöglicht es uns, unsere Mitgliedsunternehmen<br />
und deren Mitarbeiter ohne Zeitverzögerung<br />
zu erreichen. Gerade auf Veranstaltungen, bei denen vieles<br />
gleichzeitig passiert, ist das Gold wert“, sagt Rahime Algan,<br />
Projektleiterin Online-Kommunikation beim <strong>VDV</strong>. Die<br />
InnoTrans bot sofort Gelegenheit, diesen Anspruch in die<br />
Praxis umzusetzen: ein weitläufiges Gelände, mehr als<br />
3.000 Aussteller, ein volles Programmheft. <strong>Das</strong> Ergebnis<br />
war ein Messetagebuch. Vom Besuch des Bundesverkehrsministers<br />
am <strong>VDV</strong>-Gemeinschaftsstand über einen<br />
Rundgang bis hin zu Impressionen aus den Diskussionsforen<br />
haben Facebook-Nutzer einen umfänglichen und<br />
aktuellen Blick auf die diesjährige InnoTrans erhalten.<br />
Wir freuen uns auf Lob,<br />
Kritik und spannende<br />
Diskussionen.<br />
Rahime Algan,<br />
Projektleiterin <strong>VDV</strong>-Online<br />
So soll es weitergehen, aber nicht nur in eine Richtung:<br />
„Unser Facebook-Auftritt richtet sich nicht nur<br />
an unsere Mitglieder. Wir wollen auch Politik und Öffentlichkeit<br />
erreichen, indem wir über unsere Positionen<br />
informieren und einen Einblick in unsere Arbeit<br />
geben“, erläutert Rahime Algan: „Wir freuen uns auf<br />
Lob, Kritik und spannende Diskussionen.“ Damit es<br />
genug Stoff für Kommentare und Likes gibt, hat sich<br />
das Social-Media-Team thematisch breit aufgestellt.<br />
Ob politische Entwicklungen, spannende technische<br />
Neuerungen oder einfach interessante Geschichten:<br />
Der Auftritt des <strong>VDV</strong> im größten sozialen Netzwerk<br />
deckt die ganze Welt des ÖPNV und des Schienengüterverkehrs<br />
ab.<br />
Mehr Informationen finden Sie online unter:<br />
www.facebook.com/DieVerkehrsunternehmen<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
25
HINTERGRUND<br />
Schnittstelle<br />
zwischen Tradition<br />
und Innovation<br />
Sie steht für den Wissenstransfer von der Theorie in die Praxis<br />
– und zurück. In der Deutschen Verkehrswissenschaftlichen<br />
Gesellschaft (DVWG) vernetzen sich Experten unterschiedlicher<br />
Fachrichtungen. Auch nach mehr als 100 Jahren und in Zeiten<br />
des Internets hat das nichts von seiner Aktualität eingebüßt.<br />
Wir bieten Vertretern aus Theorie und<br />
Praxis des Verkehrs eine Plattform, um<br />
ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz<br />
auszutauschen.<br />
Iris Götsch,<br />
Teamleiterin in der DVWG-Geschäftsstelle<br />
Was haben die Dampfloks der Harzer<br />
Schmalspurbahnen mit dem<br />
Transrapid in Shanghai und den japanischen<br />
Shinkansen-Hochgeschwindigkeitszügen<br />
gemeinsam? Sie waren<br />
kürzlich Ziele von Fachexkursionen der<br />
Deutschen Verkehrswissenschaftlichen<br />
Gesellschaft (DVWG). Aber es muss nicht<br />
gleich das Land der aufgehenden Sonne<br />
sein: Auch der ÖPNV in Dortmund, die<br />
Umgestaltung des Stuttgarter Bahnknotens<br />
und die Zukunft des Hamburger<br />
Hauptbahnhofs dürften viele interessieren,<br />
die sich dem Thema Mobilität verschrieben<br />
haben. Dieser kurze Auszug aus der langen<br />
Liste von Besichtigungen, Vorträgen,<br />
Symposien und Hintergrundgesprächen<br />
spiegelt das Selbstverständnis der DVWG<br />
wider. „Wir bieten Vertretern aus Theorie<br />
und Praxis des Verkehrs eine Plattform,<br />
um ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz<br />
auszutauschen“, erläutert Iris Götsch, Teamleiterin<br />
in der Berliner Geschäftsstelle.<br />
Diesen Transfergedanken verfolgt die<br />
DVWG seit ihrer Gründung im Jahr 1908.<br />
Tradition und Innovation sind seitdem<br />
untrennbar miteinander verbunden. Die<br />
Gesellschaft hat es sich schon früh zur<br />
Aufgabe gemacht, aktuelle und zukünftige<br />
Fragen des Verkehrssektors aufzugreifen,<br />
zu diskutieren und die Ergebnisse zu<br />
veröffentlichen. Außerdem unterstützt<br />
sie politische Entscheider mit fachlichem<br />
Rat. „Wir sind jedoch keine Lobbyorganisation“,<br />
sagt Prof. Knut Ringat, der Präsident<br />
der DVWG. Vielmehr versteht sich<br />
die DVWG als neutrale Plattform, die sich<br />
allen Verkehrsträgern zu Lande, zu Wasser<br />
und in der Luft widmet. Sie orientiert<br />
sich an einer nachhaltigen Entwicklung<br />
des Verkehrs. Als aktiver Teil der Verkehrswissenschaft<br />
verknüpft die DVWG<br />
unterschiedliche Fachrichtungen. Neben<br />
der Forschung zählen Planung, Technik,<br />
Recht, Infrastruktur, Politik sowie Verkehrsmanagement<br />
und -wirtschaft dazu.<br />
Auf diese Weise will die DVWG neuen<br />
wissenschaftlichen Erkenntnissen den<br />
Weg in die Praxis ebnen – und umgekehrt<br />
der Wissenschaft Anregungen aus dem<br />
Alltag des Verkehrswesens geben. Am<br />
einfachsten funktioniert das Netzwerken,<br />
wenn möglichst viele Experten einander<br />
2.300<br />
MITGLIEDER<br />
– persönliche und körperschaftliche – gehören<br />
zur DVWG. Die föderal organisierte Gesellschaft<br />
gliedert sich in 17 Bezirksvereinigungen, die die<br />
regionale Arbeit gestalten.<br />
26 05 | <strong>2016</strong>
DREI FRAGEN AN<br />
Prof. Knut Ringat,<br />
Präsident der DVWG<br />
Verzweigtes Netzwerk: Die DVWG versteht sich<br />
als neutrale Plattform, die sich allen Verkehrsträgern<br />
widmet.<br />
» Herr Prof. Ringat, warum ist es auch im Internetzeitalter<br />
wichtig, dass sich Verkehrsexperten<br />
über eine Plattform wie die DVWG vernetzen?<br />
Prof. Knut Ringat: Gerade in Zeiten, in denen<br />
der wissenschaftliche Austausch zunehmend<br />
virtuell stattfindet und die Digitalisierung uns<br />
neue Möglichkeiten und Wege, aber auch Risiken<br />
eröffnet, braucht es die DVWG als Plattform, die<br />
wissenschaftliche Erkenntnisse und Marktentwicklungen<br />
zusammenführt und zu Strategien<br />
formt. Unsere Stärke ist es, Experten mit unterschiedlichsten<br />
Blickwinkeln auf Verkehr und<br />
Mobilität zu vereinen. Und jeder, der schon mal<br />
auf unserem Mobilitäts- oder Verkehrskongress<br />
war, weiß, dass der persönliche Austausch durch<br />
keine Internetplattform ersetzt werden kann,<br />
ebenso wie die konkrete Arbeit in den Bezirksvereinigungen<br />
vor Ort.<br />
am selben Ort begegnen. <strong>Das</strong> Flaggschiff<br />
unter den Veranstaltungen der DVWG<br />
ist der Deutsche Mobilitätskongress, den<br />
sie gemeinsam mit dem Rhein-Main-<br />
Verkehrsverbund (RMV) und dem House<br />
of Logistics & Mobility (Holm) ausrichtet.<br />
Seit 2013 treffen sich Entscheider aus Politik,<br />
Wirtschaft und Gesellschaft einmal<br />
jährlich, um mit Fachleuten verschiedener<br />
Disziplinen ins Gespräch zu kommen und<br />
Lösungen für den Verkehr der Zukunft<br />
vorzuschlagen – das nächste Mal vom<br />
4. bis zum 6. Oktober 2017 in Frankfurt am<br />
Main.<br />
Nachwuchs wird gefördert<br />
Ähnlich wie andere Vereinigungen und<br />
Verbände steht auch die DVWG vor der<br />
wachsenden Herausforderung, ihr Leitbild<br />
zeitgemäß mit Leben zu füllen. Die<br />
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen<br />
ändern sich. Der demografische Wandel<br />
hinterlässt Spuren. Gefragt ist in der<br />
DVWG ehrenamtliches verkehrswissenschaftliches<br />
Engagement, da ähnlich wie<br />
im <strong>VDV</strong> auch in der DVWG die Mitglieder<br />
das Fundament aller Arbeit darstellen.<br />
Deshalb wollen und müssen neue Mitglieder<br />
gewonnen werden. Eine wesentliche<br />
Rolle spielt dabei die Vernetzung und Förderung<br />
des verkehrswissenschaftlichen<br />
Nachwuchses. Zum modernen Auftritt<br />
der DVWG gehört nicht zuletzt das „Junge<br />
Forum“. <strong>Das</strong> 2000 gegründete, bundesweite<br />
Netzwerk hat sich als anerkannte<br />
Plattform etabliert. Studierende und Berufsanfänger<br />
können nicht nur fachliche<br />
Themen diskutieren, sondern auch von<br />
den Kontakten zu renommierten Wissenschaftlern<br />
und langjährigen Führungskräften<br />
aus den Verkehrsunternehmen<br />
profitieren. Für herausragende Arbeiten<br />
junger Verkehrswissenschaftler vergibt<br />
die DVWG zudem im jährlichen Wechsel<br />
Preise, die nach ihrem Mitbegründer Carl<br />
Pirath und dem verdienstvollen Mitglied<br />
Henry Lampke benannt sind – also ganz<br />
im Sinne von Innovation und Tradition.<br />
Mehr Informationen finden Sie online<br />
unter:www.dvwg.de und<br />
www.deutscher-mobilitaetskongress.de<br />
» Wie lange kann sich die DVWG ihre Neutralität<br />
angesichts des globalen Verkehrswachstums und<br />
des notwendigen Umwelt- und Klimaschutzes<br />
noch leisten?<br />
Die Neutralität der DVWG ist wesentlicher Garant<br />
für ihre Glaubwürdigkeit und Zeichen ihres<br />
Verständnisses als wissenschaftliche Plattform.<br />
Lobbyorganisationen gibt es im Verkehrswesen<br />
mehr als genug. Was oftmals gerade fehlt, ist der<br />
verbindende und nachhaltige, möglichst wissenschaftliche<br />
Blick. Genau den bietet die DVWG.<br />
» Was wünschen Sie sich von der Forschungspolitik?<br />
Als Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds<br />
habe ich natürlich auch immer<br />
die Brille des Praktikers auf. Forschung ist für<br />
mich daher kein Selbstzweck, sondern gibt mir<br />
im Idealfall konkrete Impulse für die Weiterentwicklung<br />
der Branche. Von der Forschungspolitik<br />
– eine schöne Wortkreation – wünsche ich mir<br />
Offenheit für neue Herausforderungen, politischen<br />
Rückhalt, konkrete Förderungen, um neue<br />
Antworten für das „Hier und Jetzt“, auf alte Fragen<br />
der Branche, aber auch für Lösungen der Zukunft<br />
verstärkt finden zu können. Die Impulse aufzunehmen,<br />
aber auch umgekehrt Fragestellungen<br />
in die Wissenschaft zurückzuspielen, leistet seit<br />
nunmehr über 100 Jahren die DVWG.<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
27
Teil 4:<br />
Endspurt<br />
Die 19 Männer und Frauen haben es geschafft – zumindest fast. 18 Monate<br />
lang haben sie im Vorbereitungslehrgang zum Fachwirt für Personenverkehr<br />
und Mobilität der <strong>VDV</strong>-Akademie die Schulbank gedrückt<br />
und gebüffelt. Im Oktober haben sie nun die schriftliche Prüfung vor der<br />
IHK Wuppertal abgelegt. Jetzt heißt es: Warten auf die Ergebnisse. Wer<br />
bestanden hat, darf im Dezember zur mündlichen Prüfung antreten. Der<br />
vierte und letzte Teil der Reportage-Reihe.<br />
Die Mobilitätslandschaft<br />
ist einem enormen Wandel<br />
unterworfen. Darauf haben<br />
die Rahmenpläne und<br />
der Lehrstoff Rücksicht<br />
genommen.<br />
Michael Weber-Wernz,<br />
Geschäftsführer <strong>VDV</strong>-Akademie<br />
Anfang September in Kassel, sechs<br />
Wochen vor der Prüfung. In einem<br />
Schulungsraum auf dem Betriebsgelände<br />
der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft haben<br />
sich die angehenden Fachwirte dieses Mal<br />
auf eigene Initiative hin eingefunden. Um<br />
sich vorzubereiten, haben sie eine Wiederholungswoche<br />
mit Dozenten organisiert,<br />
inklusive Simulation der Prüfungen. „Um<br />
die eigenen Stärken und Schwächen zu<br />
erkennen, lohnt sich das auf jeden Fall“,<br />
findet Marc Hilterhaus, stellvertretender<br />
Standortleiter Verkehrslenkung Mülheim<br />
bei der Via Verkehrsgesellschaft. Ähnlich<br />
sieht das seine Kollegin Katharina Windisch,<br />
Verkehrsmeisterin im Außendienst bei den<br />
Kölner Verkehrs-Betrieben. „Bei einigen<br />
Themen wusste ich, dass ich Defizite habe –<br />
das hat die Woche bestätigt. Andere Inhalte<br />
wiederum haben deutlich besser geklappt<br />
als gedacht.“<br />
Zumal der Probedurchlauf auch auf unerwartete<br />
Hürden vorbereitet: „Die schriftlichen<br />
Prüfungen finden an zwei Tagen statt<br />
und dauern jeweils fünf Stunden“, sagt<br />
28 05 | <strong>2016</strong>
REPORTAGE<br />
UNSERE PROTAGONISTEN<br />
Katharina Windisch, 35<br />
Verkehrsmeisterin im Außendienst bei der<br />
Kölner Verkehrs-Betriebe AG (KVB).<br />
Marc Hilterhaus, 47<br />
Stellvertretender Standortleiter Verkehrslenkung<br />
Mülheim bei der Via Verkehrsgesellschaft mbH<br />
Mit einer Umstellung zum 1. Oktober 2013 hat sich die Weiterbildung<br />
in der Branche entscheidend verändert: Der Verkehrsfachwirt<br />
wurde durch den „Fachwirt für Personenverkehr und<br />
Mobilität“ beziehungsweise den „Fachwirt für Güterverkehr<br />
und Logistik“ ersetzt, der hinsichtlich seiner Wertigkeit einem<br />
Bachelor-Hochschulabschluss entspricht. Die <strong>VDV</strong>-Akademie<br />
entwickelte hierfür gemeinsam mit der ÖPNV-Akademie Nürnberg<br />
den neuen Vorbereitungslehrgang. „<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>“ wollte<br />
seine Leser an dieser Entwicklung teilhaben lassen. 18 Monate<br />
lang haben wir deswegen Teilnehmer des Kurses begleitet.<br />
Katharina Windisch. <strong>Das</strong> muss erstmal<br />
geschrieben werden: „Da können Sie jetzt<br />
schon überlegen, welcher Stift sich dafür<br />
eignet“, scherzt die Kölnerin.<br />
Sowohl Hilterhaus als auch Windisch sind<br />
nun zuversichtlich, dass sie nicht nur die<br />
schriftliche Prüfung im Oktober geschafft<br />
haben, sondern im Dezember auch bei<br />
der mündlichen antreten dürfen. Diese<br />
wird in dieser Septemberwoche ebenfalls<br />
durchgespielt. Die selbst zu wählenden<br />
Prüfungsthemen haben die Lehrgangsteilnehmer<br />
bereits bei der IHK angemeldet<br />
– von daher üben sie nun gleichsam am<br />
lebenden Objekt. Helfen dürfen die Lehrer<br />
nur bedingt – aber immerhin Ratschläge<br />
geben. „Ihre Präsentation hat nur sieben<br />
Minuten gedauert“, mahnt Dozent Stefan<br />
Dietz. „<strong>Das</strong> ist zu kurz.“ Zehn Minuten sind<br />
das Ziel.<br />
„Lernen hat sich verändert“<br />
„Der Schritt vom ‚alten‘ Verkehrsfachwirt<br />
zum neuen Fachwirt für Personenverkehr<br />
und Mobilität war richtig und wichtig“,<br />
zieht <strong>VDV</strong>-Akademie-Geschäftsführer<br />
Michael Weber-Wernz zum Ende des<br />
Premierenlehrgangs Bilanz: „Denn erstens<br />
ist die Mobilitätslandschaft einem enormen<br />
Wandel unterworfen. Darauf nehmen<br />
der neue Rahmenplan und der Lehrstoff<br />
Rücksicht. Und zweitens gestaltet sich<br />
das Lernen heute anders als noch vor zehn<br />
Jahren. Es kommt viel selbstorganisierter<br />
und handlungsorientierter daher.“ Aus<br />
diesem Grund habe der Deutsche Industrie-<br />
und Handelskammertag (DIHK) auch<br />
die Prüfungsstruktur verändert.<br />
Marc Hilterhaus und Katharina Windisch<br />
hoffen nun beide, dass sich die harte Arbeit<br />
für den neuen Fachwirt auszahlt und<br />
sie beruflich weiterbringt. „Viele innerbetriebliche<br />
Zusammenhänge sieht man<br />
jetzt anders als vorher“, findet Hilterhaus<br />
schon heute.<br />
<strong>Das</strong>s der Lehrgang die Teilnehmer weitergebracht<br />
hat, das glaubt auch Michael<br />
Weber-Wernz. Es sei aber sicherlich auch<br />
für alle Beteiligten – Teilnehmer, Dozenten<br />
und <strong>VDV</strong>-Akademie – eine Herausforderung<br />
gewesen. Nicht nur die Abschlussprüfung<br />
sei völlig anders als beim alten<br />
Verkehrsfachwirt. Zudem kam erstmals<br />
das Lernnetz – die Online-Lernplattform<br />
der Akademie – zum Einsatz. Außerdem<br />
wurde ein Modellunternehmen entwi-<br />
ckelt, auf das sich Teile des Lehrstoffs und<br />
der Übungen bezogen. „Eine Menge Neues<br />
also“, so Weber-Wernz: „Kein Wunder,<br />
dass es an manchen Stellen geknarzt hat.“<br />
Beim zweiten Lehrgang, der im Mai an den<br />
Start gegangen ist, läuft nun alles routinierter<br />
– aber auch anders. Einiges habe<br />
man aus dem ersten Fortbildungslehrgang<br />
mitgenommen: Unter anderem sei nun<br />
ein Ausbau der Online-Anteile geplant,<br />
erklärt Weber-Wernz. Bis zu 50 Prozent<br />
der 600 Unterrichtsstunden sollen in den<br />
nächsten Jahren digital aufbereitet und<br />
über das Lernnetz zur Verfügung gestellt<br />
werden. Zudem plane die Akademie in<br />
größerem Umfang individuelle Feedbackgespräche<br />
mit den Teilnehmern. „<strong>Das</strong> ist<br />
eine große Herausforderung für uns“, sagt<br />
Weber-Wernz und betont: „Aber es wird<br />
sich lohnen. Vor allem auch, weil dadurch<br />
der Präsenzunterricht eine ganz andere<br />
Dynamik und Spannung gewinnen wird.“<br />
Mehr Informationen zum<br />
Fachwirt finden Sie online unter:<br />
www.vdv-akademie.de<br />
05 | <strong>2016</strong><br />
29
ZU GUTER LETZT<br />
Ruhe im Trubel<br />
Termin<br />
Mitten in der Hektik Ruhe finden – das<br />
ist eine Kunst für sich. Und im Trubel<br />
des Öffentlichen Verkehrs in New York<br />
gilt das sicherlich noch einmal mehr.<br />
Trotzdem – oder gerade deswegen? –<br />
treffen sich inmitten des Hauptbahnhofs<br />
Grand Central der US-Metropole einmal<br />
im Jahr Hunderte von Menschen zum<br />
gemeinsamen Massen-Yoga. Mitte<br />
September war es wieder soweit (Foto).<br />
„Grand Zentral“ nennen die Veranstalter<br />
die Aktion. <strong>Das</strong> „Z“ steht dabei für die<br />
fernöstliche Zen-Philosophie. Einen Tag<br />
lang bieten sie kostenlose Yoga-Stunden<br />
in der Bahnhofshalle an. Und diese ist die<br />
meistgenutzte der USA: Rund 750.000<br />
Menschen pro Tag frequentieren die<br />
Grand Central Station. U-Bahnen und<br />
Züge fahren hier ab beziehungsweise<br />
sie kommen an. Sogar Führungen für<br />
Touristen finden statt.<br />
Die „Yogis“ scheint das nicht zu stören.<br />
Die Nachfrage sei enorm, berichten die<br />
Veranstalter, und die Kurse seien schnell<br />
ausgebucht. Ganze 600 Menschen waren<br />
in diesem Jahr dabei. Seine eigene Mitte<br />
unter besonderen Herausforderungen<br />
finden, heißt das wohl. Und wem das<br />
gelingt, den bringt so schnell bestimmt<br />
nichts mehr aus der Ruhe.<br />
8. bis 9.<br />
<strong>November</strong> <strong>2016</strong><br />
8. <strong>VDV</strong>-Marketing-<br />
Kongress in Berlin<br />
Neue Medien verändern<br />
Marktbearbeitung und Entscheidungsfindung<br />
im ÖPNV. Was genau das<br />
bedeutet, darauf will der Kongress eine<br />
Antwort geben. Thema ist unter anderem<br />
die Digitalisierung im ländlichen Raum.<br />
www.vdv.de/termine.aspx<br />
Termin<br />
24. bis 25.<br />
Januar 2017<br />
10. BME/<strong>VDV</strong>-Forum<br />
Schienengüterverkehr<br />
in Bonn<br />
Auch 2017 trifft sich die Branche des<br />
Schienengüterverkehrs zum Forum in<br />
Bonn, um über aktuelle Themen zu diskutieren.<br />
Beispiele aus der Praxis werden<br />
vorgestellt.<br />
www.vdv.de/termine.aspx<br />
Die nächste <strong>Ausgabe</strong> von<br />
„<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>“<br />
erscheint Mitte Dezember <strong>2016</strong>.<br />
Impressum<br />
<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong><br />
Herausgeber:<br />
Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V. (<strong>VDV</strong>),<br />
Kamekestraße 37-39, 50672 Köln,<br />
Tel. 02 21/5 79 79-0,<br />
E-Mail: info@vdv.de,<br />
Internet: www.vdv.de<br />
Redaktion <strong>VDV</strong>:<br />
Lars Wagner (V.i.S.d.P.),<br />
Pressesprecher und Leiter Presse- und<br />
Öffentlichkeitsarbeit<br />
Anschrift der Redaktion:<br />
Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (<strong>VDV</strong>),<br />
Redaktion „<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>“,<br />
Leipziger Platz 8, 10117 Berlin,<br />
magazin@vdv.de<br />
Realisierung, Text und Redaktion:<br />
AD HOC PR, Gütersloh: Stefan Temme (Lt.),<br />
Elena Grawe, Ulla Rettig, Tobias Thiele<br />
Mitarbeit:<br />
Eberhard Krummheuer<br />
Gesamtleitung und Anzeigen:<br />
Christian Horn (Lt.), (AD HOC PR),<br />
Tel. 0 52 41/90 39-33 | horn@adhocpr.de<br />
Meike Jochens (AD HOC PR),<br />
Tel. 0 52 41/90 39-15 | jochens@adhocpr.de<br />
Grafik-Design:<br />
Volker Kespohl (Volker.Kespohl ı Werbung Münster)<br />
Lars Haberl (AD HOC PR, Gütersloh)<br />
Produktion und Druck:<br />
Bitter & Loose GmbH, Greven<br />
Anzeigenpreise:<br />
Laut Mediadaten <strong>2016</strong><br />
Für Anregungen, Themenvorschläge, Lob und Kritik erreichen Sie uns unter magazin@vdv.de<br />
Bildnachweise:<br />
Titelmotiv: picture alliance<br />
City-Bus Mainz (15); Deutsche Bahn (23); DVWG (26);<br />
Fotolia/artemegorov (23); Fotolia/den-belitsky (27);<br />
Fotolia/Digitalpress (26); Fotolia/Marco 2811 (26);<br />
Fotolia/Günter Menzl (26); Fotolia/Christian Müller (27);<br />
Fotolia/teerayuttae (26/27); Fotolia/thomaslerchphoto<br />
(26); Fotolos/nanomanpro (25); Elena Grawe (11, 21, 29);<br />
Lars Haberl (2, 12, 13, 14); Hamburger Hafenbahn (23);<br />
Hamburger Hochbahn (9); Infrastrukturinitiative (2,<br />
4/5, 16, 17, 18, 19); Münchner Verkehrsgesellschaft (21);<br />
picture alliance (2, 6, 7, 8, 9, 10, 10/11, 11, 22, 24, 30);<br />
RMV/Jana Kay (27); <strong>VDV</strong> (3; 20; 25); <strong>VDV</strong>-Akademie (28);<br />
<strong>VDV</strong>-Akademie/Martin Kurtenbach (28); VHH (20)<br />
„<strong>VDV</strong> <strong>Das</strong> <strong>Magazin</strong>“ erscheint alle zwei Monate (sechsmal<br />
im Jahr). Alle im <strong>Magazin</strong> erscheinenden Beiträge und<br />
Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Außerhalb der<br />
Grenzen des Urheberrechts ist die Verwertung ohne die<br />
Zustimmung des Herausgebers nicht zulässig. <strong>Das</strong> gilt vor<br />
allem für Vervielfältigungen, Übersetzungen sowie die<br />
elektronische Speicherung und Verarbeitung.<br />
30 05 | <strong>2016</strong>
Wir vernetzen Verkehrsexperten<br />
Was ist die DVWG?<br />
• Vereinigung von Verkehrsfachleuten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verwaltung<br />
• neutrales Kompetenzzentrum der Verkehrswissenschaften – gemeinnützig, unabhängig, föderal<br />
• interdisziplinär und verkehrsträgerübergreifend<br />
• über 100 Jahre Erfahrung<br />
• 2.200 persönliche und körperschaftliche Mitglieder<br />
Was bietet die DVWG?<br />
• Kongresse, Foren, Workshops und Fachveranstaltungen – bundesweit und regional<br />
• Hochkarätige Fachexkursionen zu Zielen im ln- und Ausland<br />
• aktuelle Fachdiskussionen und -informationen, Expertenaustausch und Networking u.v.m.<br />
Aktuelle Veranstaltung (z.B.)<br />
• Treffpunkt Mobilität – Eine Veranstaltungsreihe des Deutschen Mobilitätskongresses:<br />
„Automatisch in die Zukunft – Perspektive für den ÖPNV!?“<br />
am 01.12.<strong>2016</strong> in Nürnberg<br />
Werden Sie Mitglied!<br />
Kontakt und Informationen<br />
Deutsche Verkehrswissenschaftliche Gesellschaft e.V., Weißenburger Str. 16, 13595 Berlin<br />
Tel: +49 30 293 60 60, E-Mail: hgs@dvwg.de, Web: www.dvwg.de
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