Leseprobe: Kein Herz ohne Splitter

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Lesen Sie das erste Kapitel dieses ungewöhnlichen Liebesromans und lernen Sie die Splitterherzen kennen.

Anna S. Bastian

Kein Herz

ohne

Splitter

Roman


Copyright © 2016 by Anna S. Bastian

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit

schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlungen

sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit existierenden

Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen

sowie Warenzeichen sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Besitzer.

Impressum

Anna S. Bastian

c/o AutorenServices.de

König-Konrad-Str. 22

36039 Fulda

Cover: Iram Shahzadi

www.anna-s-bastian.de

www.facebook.com/AnnaSusanneBastian

www.instagram.com/anna_bastian

AnnaSusanneBastian@gmail.com

ISBN-13: 978-1517556013

ISBN-10: 1517556015

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Kapitel 1

Den vorwurfsvollen Blick nahm Cora sofort wahr, aber was sollte

sie machen? Zaubern konnte sie leider nicht – zumindest nicht in

diesem Fall.

»Dann müssen Sie mal einen etwas anderen Winkel wählen«, nörgelte

die Kundin missmutig und starrte mit zusammengepressten

Lippen erneut auf den Bildschirm. »Die Falten am Mund sehen

einfach grässlich aus. Nehmen Sie mein Gesicht doch mehr von

oben auf.« Bei diesem Vorschlag ging die wasserstoffblonde Mittfünfzigerin

leicht vor Cora in die Knie und legte ihren Kopf ruckartig

in den Nacken. »So in etwa.« Und ohne das angestrengte

Lächeln abzulegen fuhr sie fort: »Diese Position macht mich

garantiert zehn Jahre jünger.«

Der Trick funktionierte hervorragend, war jedoch bei biometrischen

Passfotos vollkommen unzulässig. Mit einem verständnisvollen

Blick fasste Cora ihrer Kundin vorsichtig unter den Ellbogen

und schob sie zurück in eine aufrechte Haltung. »Das haben

Sie doch überhaupt nicht nötig.«

»Wenn Sie wüssten, was ich alles nötig habe«, murmelte die Frau

trocken, während sie unzufrieden die Fotos auf dem Monitor

betrachtete. »Können Sie dann wenigstens ein bisschen mit der

Beleuchtung tricksen?«

»Tut mir leid. Das darf ich auch nicht.« Entschuldigend zuckte

Cora mit den Schultern. »Vor ein paar Jahren wurden die Vorgaben

für Passbilder ganz klar geregelt. Korrekte Ausleuchtung, gerader

Kopf, neutraler Gesichtsausdruck und ein geschlossener Mund

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sind jetzt leider Pflicht.«

»Schön ist anders«, sagte die Kundin enttäuscht und ließ sich auf

einen der beiden Hocker sinken.

»Ich weiß.« Cora seufzte und setzte sich daneben. »Glauben Sie

mir, Sie sind nicht die Einzige, die sich darüber ärgert.«

Seitdem Cora in der Foto-Hütte arbeitete, hatte sie ähnliche Situationen

schon hundertmal erlebt und fühlte sich jedes Mal ein

wenig mitschuldig an der Frustration ihrer Kundinnen. Natürlich

war es ihr lieber, wenn die Leute zufrieden das Geschäft verließen,

aber besonders bei Passfotos war das eher selten der Fall. »Haben

Sie noch ein bisschen Zeit? Ich könnte spontan eine Miniserie mit

Bildern aus der Trickkiste einschieben.«

»Das ist doch bestimmt schrecklich teuer?«

»Bezahlen müssen Sie nur, was ich am Ende ausdrucke. Es gibt

keinen Kaufzwang«, erklärte Cora mit einem aufmunternden

Lächeln.

»Sie machen also Fotos von mir, die ich nicht kaufen soll?« Der

Tonfall verriet Misstrauen.

»Ich mache Fotos von Ihnen, auf denen Sie sehen, dass Sie eine

schöne Frau sind. Glauben Sie mir, auf diese Weise verlieren diese

biometrischen Kunstwerke, die Sie beim Einwohnermeldeamt

abgeben müssen, gleich an Bedeutung.« Cora warf ihr einen verschwörerischen

Blick zu und deutete mit dem Kopf auf den hinteren

Ladenbereich, in dem die Kamera stand.

Der Kundin war die Verwunderung ins Gesicht geschrieben und

offensichtlich dachte sie noch kurz darüber nach, wo der Haken an

dieser Sache versteckt war.

Aber es gab keinen. An ruhigen Tagen, von denen es in dem kleinen

Fotoladen viele gab, langweilte Cora sich ohnehin stundenlang.

In dieser Zeit konnte sie genauso gut die eine oder andere

Frustration wiedergutmachen. »Selbstbewusstsein-Shootings«

hatte sie ihre kleinen Aktionen getauft, die sie manchen Kunden

gelegentlich anbot. Auch an diesem Tag erzielte sie damit die

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gewünschte Wirkung, denn eine knappe Stunde später verließ ihre

Kundin zufrieden das Geschäft. Gekauft hatte sie neben den biometrischen

Passbildern vier Aufnahmen aus der Trickkiste – natürlich

zum Passfotopreis.

Nach einem Blick auf die Uhr verschwand Cora in der winzigen

Kaffeeküche und sah schmachtend auf ihr Smartphone. Das Quizduell-Spielen

während der Dienstzeit war allen Mitarbeitern der

Foto-Hütte seit Anfang des Jahres leider genauso untersagt, wie

Besuche bei Facebook und das private Chatten. Als dieser nette

Zeitvertreib noch unentdeckt war, zogen die vielen Arbeitsstunden

ohne Kundschaft mühelos an ihr vorüber. Schon oft hatte sie sich

gefragt, ob es überhaupt nötig war, der Versuchung zu widerstehen.

Schließlich konnte man die Einhaltung der neuen Regel

kaum überprüfen. Trotzdem blieb sie standhaft, denn es war durchaus

nachvollziehbar, warum die Chefin das Verbot ausgesprochen

hatte. Trotzdem fand Cora die detaillierten Ausführungen über den

volkswirtschaftlichen Schaden durch private Smartphonenutzung

am Arbeitsplatz etwas übertrieben. Fakt war, dass die Regale im

Laden nach dem offiziellen Machtwort wieder deutlich häufiger

geputzt wurden.

Für heute war bereits alles vom Staub befreit und der Inhalt aller

Schubladen von links nach rechts sortiert. So verblieben noch zwei

endlose Stunden, bis um 14 Uhr die Ablösung eintreffen sollte.

Gelangweilt aß Cora eine viel zu weiche Nektarine. Der Saft lief

über ihre Hand und am Kinn herunter, um abschließend einen

wenig dekorativen Fleck auf dem Shirt zu hinterlassen. Warum

passierte sowas immer, wenn sie nichts zum Darüberziehen dabei

hatte? Nachdem sie ihren optischen Eindruck durch den Einsatz

von Wasser und Spülmittel nicht maßgeblich verbessern konnte,

stand sie mit gerunzelter Stirn vor dem Waschbecken und sah in

den Spiegel. An der oberen linken Ecke klebte schon seit Ewigkeiten

eine Postkarte mit den Worten: »Kleine Mädchen fürchten

die Dunkelheit. Große Mädchen fürchten schlechte Beleuchtung.«

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Mit 39 Jahren war sie zweifelsohne ein großes Mädchen, und vermutlich

würde es auch nicht mehr lange dauern, bis sie den einen

oder anderen Beleuchtungstrick anwenden müsste. Aber wenn

man über den Zustand des hellblauen Langarmshirts hinwegsah,

sah sie immer noch ganz passabel aus.

Der Versuch, das lange braune Haar geschickt über den Fleck zu

drapieren, scheiterte kläglich. Cora ärgerte sich darüber, denn die

Hochsteckfrisur, in die sie am Morgen zwanzig Minuten Lebenszeit

investiert hatte, würde sie bestimmt kein zweites Mal so gut

hinkriegen. Im Augenblick waren die unfrisierten Haare allerdings

nicht das Hauptproblem.

Es wurde Zeit, dass ihr etwas einfiel, da der Nektarinenfleck sich

mittlerweile unappetitlich verfärbte. Suchend wanderte Coras

Blick durch den Laden und blieb schließlich an einem T-Shirt mit

Fotodruck hängen. Für die Aktion »Mein Haustier und ich« hatte

dieses Exemplar letzten Monat im Schaufenster Kinder anlocken

sollen. Dementsprechend war es auch eine Kindergröße. 152 stand

auf dem kleinen eingenähten Schild, allerdings schien der Stoff

relativ elastisch zu sein. Cora betrachtete es mit gerunzelter Stirn,

hoffte inständig, dass es deutlich größer ausfiel und verschwand

damit in der Kaffeeküche. Oberteile kaufte sie grundsätzlich in M.

Dabei passte sie problemlos in S, was dann aber ihren C-Cup-

Busen viel mehr zur Geltung brachte, als ihr angenehm war. Predigte

sie ihrer Tochter nicht seit Monaten, dass es eine sehr spezielle

Botschaft war, die man ohne Worte übermittelte, wenn man

seine weiblichen Formen auf diese Art präsentierte? Mit einem M-

Shirt war sie hingegen immer auf der sicheren Seite der Unscheinbarkeit.

Wobei die aktuelle Kombination des M-Shirts mit einem

XXL-Fleck zwischen den C-Cups möglicherweise auch

ungewollte Aufmerksamkeit erregte.

Über Botschaften, die damit verbunden waren, konnte sie aber

nicht länger philosophieren, denn plötzlich ertönte das elektronische

Türsignal, welches ausgelöst von einer Lichtschranke,

Kundschaft ankündigte. Ohne weiter nachzudenken, entledigte

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Cora sich der Größe M und schlüpfte hastig in die 152. Das T-Shirt

knirschte beängstigend, als sie den Kopf durch die Öffnung

zwängte, und nun war es gar nicht mehr so dramatisch, dass sie

ihre Frisur schon im Vorfeld ruiniert hatte. Etwas zerzaust und

außer Atem erreichte sie den vorderen Ladenbereich.

»Entschuldigung ... ich war im Lager beschäftigt«, sagte sie eine

Spur zu laut.

Der Mann vor ihr hielt gerade eine von den kitschigen aber vollkommen

staubfreien Wasserkugeln hoch, in denen silberne Glitzerstückchen

nach dem Schütteln das eingebaute Foto umschwebten.

Es fiel ihm offensichtlich schwer, sich von dem schillernden

Gestöber abzuwenden, und insgeheim fragte Cora sich, wie es

möglich war, dass ein gutaussehender Typ wie er einen so schlechten

Geschmack hatte.

Vielleicht ging ihm eine ähnliche Frage durch den Kopf, nachdem

er sich endlich vom Anblick der Kugel losgerissen hatte und Cora

ansah. Mit einem Ausdruck in den Augen, den sie zwar nicht einordnen

konnte, in dem jedoch eindeutige Anzeichen von »amüsiert

sein« steckten, wanderte sein Blick von ihrem Gesicht zu den

zotteligen Haaren, um dann an ihrem Oberkörper hängen zu bleiben.

»Kaninchenliebhaberin?«, erkundigte er sich mit einem breiten

Grinsen.

»Dienstkleidung«, konterte Cora. Alternativ hätte sie auch rot

werden können, aber weil es den Eindruck machte, dass ihre Antwort

diesem Kunden gefiel, legte sie nach. »Soll ich nachsehen, ob

das Modell auch in Herrengrößen vorrätig ist?«

»Ich bin mir nicht sicher.« Er tat so, als ob er nachdenken würde,

wobei sein Blick immer noch auf Coras Notfall-Shirt ruhte. »Sind

die Männermodelle denn auch bauchfrei?«

»Ja, die sind alle bauchfrei.« Cora grinste frech zurück. Von so

einem dreitagebärtigen Lederjackenträger würde sie sich auf

keinen Fall einschüchtern lassen.

Endlich wendete er seine Aufmerksamkeit von dem Fotodruck ab

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und sah ihr, so wie es sich gehörte, ins Gesicht. Die kleinen Fältchen

um seine Augen verrieten, dass er ihren Humor teilte. »Das

mit dem Shirt überlege ich mir noch. In Wirklichkeit bin ich deswegen

hier«, bei diesen Worten hob er die geschmacklose Glitzerkugel

hoch, welche er immer noch in der Hand hielt. »Bekomme

ich einen Sonderpreis, wenn ich alle nehme?«

Die Vorstellung, gleich sämtliche Kitschkugeln auf einen Schlag

loszuwerden, erschien mehr als verlockend.

»Wie wäre es mit einem Gratis-Shirt?«, fragte sie augenzwinkernd,

um dann in einen etwas geschäftsmäßigeren Tonfall zu wechseln.

»Über einen Preisnachlass entscheidet meine Chefin. Ich könnte

nachfragen und Sie anschließend anrufen.«

»Ich könnte morgen nochmal vorbeikommen«, strahlte er sie an.

Cora erwiderte den Blick und dachte, dass diese blaugrauen Augen

sicher eine verführerische Wirkung auf viele Frauen hatten. »Wenn

Ihnen das nicht zu aufwändig ist?«

»Ist es nicht. Ich bin außerdem neugierig darauf, was Sie morgen

anhaben.« Er zwinkerte ihr zu. »Was ist denn dran? Wellensittich

oder Hamster?«

»Wenn ich Ihnen das jetzt schon verrate, verderbe ich doch die

ganze Überraschung.«

Grinsend blieb sie im Laden zurück und schaute ihm noch eine

Weile unauffällig hinterher. So etwas passierte ihr auch nicht alle

Tage. Das angenehme Gefühl, das dieser alberne Flirt in ihr hinterließ,

begleitete sie, bis sie zu Hause ankam.

Beim Öffnen der Wohnungstür hörte Cora laute Musik aus Amelies

Zimmer und zweifelte daran, dass jemand bei diesem Lärm

ernsthaft Hausaufgaben machen konnte. Um die Auseinandersetzung

darüber noch etwas hinauszuzögern, machte sie sich deswegen

zunächst auf die Suche nach Max. Ihr Sohn saß mit Kopfhörern

im Wohnzimmer und fixierte mit zusammengepressten

Lippen den Fernsehbildschirm, auf dem ein übergewichtiges

blaues Monster orange Schleimkugeln durch die Gegend schleu-

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derte. Cora ahnte, was für schreckliche Laute passend dazu direkt

an das Trommelfell ihres Kindes gelangten und hoffte inständig,

dass diese keine bleibenden Schäden im Hirn des Fünftklässlers

anrichteten.

»Hallo mein Schatz«, sagte sie, beugte sich von hinten über die

Sofalehne und gab dem Elfjährigen einen Kuss auf die Stirn.

Unwirsch schob Max den Kopf seiner Mutter zur Seite, um wieder

freie Sicht zu haben, und schnaubte genervt einen Luftstoß durch

die Nasenlöcher. Sie wusste, dass keine weitere Reaktion erfolgen

würde. Solange er die Steuerung einer Spielkonsole in Händen

hielt, war er nicht ansprechbar, es sei denn, man hatte wichtige,

strategische Hinweise zu bieten.

Coras Laune war noch zu gut, um sie mit den immer wiederkehrenden

Streitereien um Schülerpflichten zu ruinieren. Deswegen

kochte sie sich lieber einen Kaffee und studierte die Liste der aktuellen

Quizduellgegner. Die Feststellung, dass sie bei allen Spielen

punktemäßig hinten lag, motivierte nicht dazu, sie fortzusetzen. In

den letzten Monaten hatte die Faszination, die für Cora zu Beginn

von dieser Quiz-App ausgegangen war, deutlich nachgelassen. Am

Anfang war sie den Siegen und Statistikpunkten voller Begeisterung

hinterhergejagt und hatte sich eingebildet, durch die

Beantwortung der Fragen ihre Allgemeinbildung zu verbessern.

Vielleicht war das auch wirklich so – zumindest in der ersten

Phase. Aber ihre Glanzzeiten beim Quizduell waren eindeutig

vorbei, und die ständigen Wiederholungen langweilten sie schon

seit einigen Wochen. Deswegen zog Cora immer häufiger in

Erwägung, aus diesem Spiel auszusteigen. Das Einzige, was sie

stets davon abhielt, waren ein paar nette Leute, gegen die sie

spielte und denen sie sich auf unerklärliche Art verbunden fühlte.

Was würde dann aus diesen Bekanntschaften werden?

Ein kurzer Ausflug zu WhatsApp lenkte Coras Gedanken in eine

andere Richtung. Schnell gratulierte sie einer alten Schulfreundin

zum Geburtstag und sendete ein Foto mit pinkfarbenen Luftballons,

das sie am Vorabend am Computer bearbeitet hatte. Es

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gehörte zu einer Serie von Bildern, die vor ein paar Wochen auf

einem Dorffest entstanden waren. Farbenfrohe Aufnahmen von

Flatterbändern im Sonnenschein, Blumenschmuck vor knallblauem

Himmel und eben diese Ballons, mit denen aufgedrehte,

glückliche Kinder ausgelassen über die Wiesen gesprungen waren.

Mit einem Grafikprogramm hatte Cora das Foto nachbearbeitet

und einen geschwungenen, weißen Schriftzug mitten in das satte

Rosarot gesetzt. »Alles Gute« stand nun darin. An seinem Geburtstag

sollte man ruhig an alles Gute im Leben glauben, und auf rosaroten

Wolken durfte man an diesem Tag auch schweben. Mit

einem Seufzer legte sie das Smartphone zurück auf den Küchentisch

und wappnete sich innerlich für den Kampf um Hausaufgaben

und Ordnungspflichten.

»Sind deine Schularbeiten fertig?« Unwillig drehte Max das

Gesicht zu Cora. Auf seiner rechten Wange leuchtete eine lange,

rötliche Schramme.

»Ich hab damit angefangen. Aber dann kam etwas, das man überhaupt

nicht rechnen konnte und ...« Die empörte Kinderstimme

verstummte beim strengen Blick der Mutter.

»Du weißt doch, dass du nur spielen darfst, wenn alle Schulsachen

erledigt sind.« Ärgerlich betrachtete Cora den blonden Strubbelkopf.

Der Junge sah seinem Vater erschreckend ähnlich und diese

Art, sich dümmer zu stellen, als er tatsächlich war, hatte Max definitiv

auch von ihm geerbt. Selbst der unschuldige Dackelblick, auf

den Cora schon viel zu oft in ihrem Leben hereingefallen war,

gelang ihm ausgezeichnet.

»Was ist denn mit deinem Gesicht passiert?«, fragte sie, anstatt

darauf zu beharren, dass er zum wiederholten Mal die »Erst-die-

Arbeit-dann-das-Vergnügen-Regel« gebrochen hatte.

»Bodycheck.«

»Von wem?«

»Weiß nicht mehr. War in der Pause ... beim Fußball.«

Max würde niemals jemanden verpfeifen. Es hatte keinen Sinn,

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weiter danach zu fragen. Doch als Mutter fühlte sie sich dazu verpflichtet,

nachzuhaken. »Hat der Andere denn auch was abgekriegt?«

»Keine Ahnung.«

Cora hoffte, dass ihr Sohn nicht angefangen, sich aber so erfolgreich

gewehrt hatte, dass der Verursacher dieser Schramme beim

nächsten Mal einen Bogen um Max machen würde.

»Was ist jetzt mit den Hausaufgaben? Zeig mal, was man da nicht

rechnen kann.«

»Ich glaube, mir ist gerade eingefallen, wie es geht.«

»Soso ... Ist dir sicher beim Schleimkugel-Schleudern eingefallen,

oder?«

»Genau.«

»Sieh zu, dass du deine Sachen erledigst.«

Cora wusste, dass es unklug war, kostbare Energiereserven auf

einem Nebenschauplatz zu vergeuden. Die Hauptschlacht fand in

dem Zimmer statt, aus dem immer noch nervtötende Hip-Hop-

Rhythmen pochten. Nach einem tiefen Atemzug klopfte sie in

einer Lautstärke an die Tür, die geeignet erschien, den penetranten

Bass im Inneren des Raumes zu übertönen. Dann zählte sie langsam

bis drei und betrat die Höhle der pubertierenden Löwin.

Amelie saß auf dem Bett und lackierte ihre Fußnägel. Da die

»spießigste Mutter der Welt« sie bereits mehrfach wegen Nagellackflecken

auf dem Laken ermahnen musste, hatte die folgsame

Tochter vorsorglich ihr Mathebuch zwischen Fuß und Matratze

geschoben. Die scheinbar friedliche Szene konnte jeden Moment

ins Gegenteil umschlagen. Vorsichtig und auf alles gefasst drehte

Cora den Lautstärkeregler auf null.

Sofort hob Amelie den Kopf und richtete einen ersten bitterbösen

Blick auf ihre Mutter, die sich innerlich schon auf massive Protestbekundungen

eingestellt hatte. Doch anstatt den Erwartungen

gerecht zu werden, brach das unberechenbare Wesen in nicht zu

bremsendes Teenagergelächter aus. Irritiert beobachtete Cora, wie

Amelie blitzschnell das Smartphone zückte, um in der nächsten

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Sekunde ein Bild von ihrer Mutter zu machen und dabei vor Vergnügen

zu quietschen. »Sorry Mama ... aber das glaubt mir sonst

keiner«, japste sie außer Atem, als die erste Welle der Erheiterung

abebbte. Mit den Fingern wischte sie sich die Tränen aus den

Augen und hinterließ eine Spur verschmierter Wimpertusche, die

quer über ihre Schläfe bis hin zum Ohr reichte.

»Was glaubt dir keiner? Dass du eine Mutter hast?«

»Ich weiß gar nicht, ob du so noch als Mutter durchgehst.« Amelie

begann schon wieder, albern zu kichern. Bevor Cora sich erkundigen

konnte, was genau an ihr nicht ausreichend mütterlich war,

gluckste die Dreizehnjährige: »Damit läufst du hoffentlich nur zu

Hause rum«, und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf Coras

Oberweite.

»Damit war ich arbeiten.«

»Dein Ernst?« Amelies Augen wanderten zwischen dem Shirt und

dem Gesicht ihrer Mutter hin und her. »Haben sie dich dazu

gezwungen? ... Das wäre echt ganz mies.«

Leicht verunsichert stellte Cora sich vor den großen Wandspiegel.

Es hatte in der Tat etwas Eigenwilliges, wie die Schlappohren des

fuchsbraunen Angorakaninchens sich in eleganten Bögen um

Coras Brüste wölbten.

»Sagen wir, die Umstände haben mich dazu gezwungen.«

»Naja, solange du mich nicht zwingst, das krasse Teil anzuziehen.«

»Dich zwinge ich maximal dazu, deine Hausaufgaben zu machen.

Wie sieht es denn da aus?«

»Chill Mama. Der Tag ist noch lang.«

»Du bist seit drei Stunden zu Hause.«

»Ich hatte was anderes zu tun.«

»Was? Dich schminken, Selfies machen und Fußnägel lackieren?«

»Genau. Vor der Schule ist die Benutzung von Wimperntusche,

Nagellack und Handys schließlich strengstens verboten. Dann

muss ich das ja hinterher machen. Das Teil lässt du jetzt aber nicht

an, oder?«, fragte Amelie und schaute wieder auf Coras T-Shirt.

»Wieso nicht? Hast du ein Problem mit Kaninchen?«

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»Mama! Das Ding ist voll peinlich. Soll ich mich für dich schämen?«

Hatte Cora gerade ein Déjà-vu? Dieses Gespräch hatte sie schon

häufig geführt – allerdings mit vertauschten Rollen. »Keine Sorge.

Heute muss sich niemand mehr für mich schämen. Ich bleibe nämlich

hier, überwache eure Hausaufgaben und werde demnach auch

nicht deinen guten Ruf ruinieren.«

»Doch. Du gehst nochmal weg«, sagte Amelie und setzte eine

schwache Kopie des Dackelblicks auf, der im absoluten Gegensatz

zu ihrem eher bissigen Teenagerimage stand.

Überrascht hob Cora die Augenbrauen. »Gehe ich? Sehr interessant.

Wohin denn?«

»Du musst mich unbedingt noch zu diesem Kirchenunterricht

anmelden.«

»Kirchenunterricht? Wie bitte? Was ist das? Und seit wann interessierst

du dich für Kirchen?«

»Schon immer.« Die Antwort kam viel zu schnell, um echt zu klingen.

Das war Amelie offensichtlich auch aufgefallen, deswegen

fügte sie im bedächtigeren Tonfall hinzu: »Weißt du ... in meinem

Alter, da braucht man Halt und Orientierung ... und dies hoffe ich,

bei Gott zu finden.«

Cora beschlich ein mulmiges Gefühl. War ihre Tochter in die

Fänge einer Sekte geraten? Mit der Kirche hatten sie seit der

Kindergartenzeit nichts mehr am Hut. Wenn es nach Christoph

gegangen wäre, hätten sie die Kinder gar nicht taufen lassen. Er

war ursprünglich katholisch, aber schon vor Ewigkeiten aus der

Kirche ausgetreten, um Steuern zu sparen. Sie hingegen war

evangelisch und hatte damals in der Krabbelgruppe erfahren, dass

es für getaufte Kinder viel einfacher war, einen der begehrten

Plätze im angesagten evangelischen Kindergarten zu ergattern.

Deswegen ließen sie Amelie und Max taufen, besuchten brav alle

üblichen Familiengottesdienste und hatten nach Max’ Einschulung

keine Kirche mehr von innen gesehen.

»Bei Gott zu finden? Also wenn du Halt und Orientierung brauchst

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... Ein paar Tipps könnte ich dir auch geben.«

»Für dich zählt doch nur, dass ich mein Zimmer schön aufräume

und gute Noten mit nach Hause bringe. ... Aber es gibt auch noch

Wichtigeres im Leben. Man muss sich schließlich für etwas engagieren

und an was glauben.«

»Ich glaube vor allem an die Versetzung in die 8. Klasse. Und dazu

solltest du dich deutlich mehr im Matheunterricht engagieren. Kirchenunterricht?

Was soll das überhaupt sein? Und wer hat dir

diesen Floh ins Ohr gesetzt?«

»Alle meine Freundinnen gehen da hin. Mama bitte.«

Jetzt wurde es gruselig. Machten neuerdings irgendwelche Sektenheinis

auf dem Schulhof die Runde und versuchten, reihenweise

Teenager für ein neues Heil und das Leben nach dem Tod anzuwerben?

»Alle deine Freundinnen? Das ist mir zu pauschal. Wer genau? Ich

will Namen.«

»Luise.«

Cora zuckte zusammen. Luise war die Tochter ihrer besten Freundin

Sonja. Sie kannten sich aus dem Geburtsvorbereitungskurs und

hatten seitdem schon so manche Höhen und Tiefen des Lebens

miteinander überstanden.

»Und? Was sagt Sonja zu dem Thema?«

»Sie hat Luise längst angemeldet.«

Ohne ein weiteres Wort ging Cora in die Küche und wählte Sonjas

Nummer. Nach dem dritten Klingeln nahm ihre Freundin ab, und

Cora hielt sich nicht lange mit Höflichkeitsfloskeln auf. »Hast du

Luise tatsächlich bei dieser Sekte zum Kirchenunterricht angemeldet,

oder hat meine Tochter mir etwas vorgelogen?«

»Deine Tochter hat die Wahrheit erzählt. Und danke, mir geht es

gut. Dir scheinbar gerade weniger. Was ist los? Dicke Luft bei

euch?«

»Du hast zugestimmt, dass Luise bei diesem Sektenkram mitmacht?

Das ist jetzt nicht dein Ernst.«

»Ich weiß, dass ihr das eher distanziert betrachtet. Aber wir fühlen

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uns in dieser Gemeinschaft eigentlich ganz wohl, und es war

immer klar, dass Luise hingeht, wenn sie das Alter hat.«

»Ihr seid Mitglieder einer Sekte?« Cora schnappte nach Luft.

»Du doch auch? Oder bist du inzwischen ausgetreten?«

»Wo ausgetreten? Wovon redest du? Haben die dir etwa schon eine

Gehirnwäsche verpasst? Darüber gibt es einen Film ... ich weiß

Bescheid.«

»Da bin ich mir aber nicht so sicher. Ich rede von der Anmeldung

zum kirchlichen Unterricht, Cora. Die Mädchen fangen dieses Jahr

damit an und werden im nächsten Mai konfirmiert. Ich dachte, du

weißt das.«

»Kirchlicher Unterricht? Du meinst den Konfirmandenunterricht?«

Sonja erklärte ihrer Freundin in allen Einzelheiten, dass die zwei

Jahre Katechumenen- und Konfirmandenunterricht in ihrer Stadt

seit einiger Zeit zu einem Jahr zusammengefasst waren, und

Amelie und Luise im Internet bereits über fünfzig schicke Kleider

für die Konfirmation rausgesucht hatten.

»Du bist mit der Anmeldung übrigens ziemlich spät dran. Die Frist

ist vergangene Woche abgelaufen. Soviel ich weiß, geht der Unterricht

schon am Mittwoch los.«

»Verflixt.« Cora biss sich auf die Unterlippe. »Mir ist vollkommen

neu, dass Amelie sich konfirmieren lassen will. Ich dachte, das

wäre uncool oder zu krass. Warum hast du denn nichts gesagt?«

»Keine Ahnung. Ich dachte, das wäre klar. Stand schließlich auch

zweimal ganz groß im Gemeindebrief. Den bekommst du doch

auch.«

»Der wandert bei uns immer ungelesen ins Altpapier. Was mache

ich denn jetzt?«

»Du kannst sie bestimmt nachträglich anmelden. Das sehen die

sicher nicht so eng. Ruf einfach morgen im Gemeindebüro an und

frag nach.«

Sonja diktierte Cora noch schnell die Telefonnummer aus dem

Gemeindebrief und würgte sie dann ab, weil die Zwillinge zur

Reitstunde mussten. Penny und Chloe waren acht und wurden von

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Amelie heimlich Pest und Cholera genannt. Das hysterische

Geschrei, welches während Sonjas hastiger Verabschiedung den

Weg durch den Hörer fand, gab dieser Namensgebung ein weiteres

Mal recht. Zerknirscht betrachtete Cora die Zahlen, die sie auf das

Deckblatt der Fernsehzeitung gekritzelt hatte. Konfirmation! Das

fehlte ihr gerade noch. Sie dachte darüber nach, wie viel Geld die

Feier verschlingen würde, und ob es ihrer Tochter bei dieser

ganzen Sache wohl nur um die Geschenke ging. Außerdem fragte

sie sich, was Christoph von dieser Neuigkeit hielt. Wenn es für ihn

überhaupt eine Neuigkeit war. Vielleicht hatte Amelie bereits alles

mit ihrem Vater geklärt? Seitdem sie getrennt lebten, lief ihre

Kommunikation nach Möglichkeit über die Kinder. War nun ein

Anruf nötig, bevor sie die Anmeldung in die Wege leitete? Das

würde ihm wahrscheinlich gut gefallen. Deswegen entschied Cora

sich für das Gegenteil. Stattdessen wählte sie spontan die Nummer

der Kirchengemeinde. Es war zwar schon halb sechs, aber

bestimmt verriet ein professionell besprochener Anrufbeantworter

die genauen Öffnungszeiten des Gemeindebüros. Vielleicht konnte

sie am nächsten Morgen noch vor der Arbeit dort vorbeigehen und

alles regeln. Dann würde sie Christoph einfach vor vollendete Tatsachen

stellen. Bei dieser Vorstellung spürte sie ein wenig Genugtuung.

Gerne hätte sie diesem angenehmen Gefühl noch länger nachgespürt,

doch schon nach zwei Rufzeichen meldete sich statt des

erwarteten Anrufbeantworters eine männliche Stimme.

»Ströter.«

»Oh, Entschuldigung.« Cora war überrascht zusammengezuckt

und räusperte sich. »Da hab ich mich wohl verwählt.«

»Kommt ganz drauf an, wo Sie hin wollen.«

»Ich dachte, ich hätte die Nummer des Gemeindebüros gewählt.«

Cora klang unsicher.

»Dann sind sie richtig. Ich bin Julius Ströter, ... der Gemeindepfarrer.

Und Sie sind?«

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»Ich bin die Mutter, die vergessen hat, ihre Tochter rechzeitig für

den kirchlichen Unterricht anzumelden und jetzt kurz nachhören

wollte, wann morgen das Gemeindebüro öffnet, damit ich das vielleicht

noch irgendwie nachholen kann.«

»Die offiziellen Öffnungszeiten sind Montag und Donnerstagvormittag.«

»Und morgen ist Dienstag«, sagte sie enttäuscht.

»Und Mittwoch beginnt der Unterricht«, fügte Pfarrer Ströter

hinzu.

»Das ist ja nicht so ideal«, murmelte Cora. Sollte sie jetzt um eine

Ausnahmeregelung betteln? Seine Stimme kam ihr bekannt vor.

War das der gleiche Gemeindepfarrer, der damals die Kinder

getauft hatte? Nach so vielen Jahren würde er sich wohl kaum an

sie erinnern.

»Können Sie morgen um Viertel vor neun hier sein?«, fragte er in

die Stille der entstandenen Gesprächspause.

»Das wäre perfekt.« Coras Dienst in der Foto-Hütte begann um

halb zehn. Wenn der Pfarrer länger als zwanzig Minuten für die

Anmeldung brauchte, dann hätte sie ein Problem. Trotzdem versuchte

sie, begeistert zu klingen.

»Verraten Sie mir denn auch noch Ihren Namen?« Er klang nicht

unfreundlich, aber Gespräche mit geistlichen Würdenträgern

hatten schon immer eine einschüchternde Wirkung auf sie.

»Oh ... Entschuldigung. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.

Mein Name ist Cora van Grooten.«

Es war spät, als sie erschöpft die Beine hochlegte. Die Jeans und

das hautenge Kaninchenshirt hatte sie gegen eine flauschige

Schlafanzughose und den ausgebeulten Mickey-Mouse-Pullover

getauscht. Der Rest des Abends gehörte ihren virtuellen Freunden,

die sie zum Glück nicht sehen konnten.

Bei Facebook war sie schon seit zwei Jahren angemeldet, hatte den

Account, der auf den Namen »Co Ra« lief, aber nie ernsthaft

benutzt. Vor ein paar Wochen bekam sie dann den Tipp für diese

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Quizduell-Gruppe, die nun immer mehr Raum in ihrem Leben einnahm.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Mitgliedschaft in einer

Facebook-Gruppe für Cora nie zur Debatte gestanden. Sie wusste

weder, wie so ein virtuelles soziales Miteinander funktionierte,

noch auf welche Weise sie sich dort einbringen sollte. Dass es nun

zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehörte, in einer solchen

Gruppe aktiv zu sein, verdankte sie ihren Quizduell-Freundinnen

Hanne und Esther. Die hatten Cora im Chat dazu überredet beizutreten,

indem sie den Unterhaltungswert der Gruppengespräche

immer wieder in den schillerndsten Farben beschrieben. Die Neugier

siegte, und schnell stellte Cora fest, dass die beiden nicht

übertrieben hatten. Täglich gab es mindestens zwei Beiträge in der

Gruppe, zu denen ausführliche Diskussionen entbrannten. Diese

waren häufig witzig, oft informativ und arteten gelegentlich in

Streitereien, bis hin zu Beleidigungen aus. Die ganze Palette sozialer

Kommunikation wurde jeden Tag neu durchgemischt und per

Knopfdruck serviert. Auf diese Weise kamen Menschen miteinander

ins Gespräch, die sich im wirklichen Leben nicht einmal eines

Blickes würdigten.

Das Grundprinzip hatte Cora schnell verstanden. Jedes Mitglied

durfte Beiträge in der Gruppe veröffentlichen, und im Gegensatz

zu WhatsApp konnten andere Mitglieder unmittelbar auf die

sogenannten Postings reagieren. Mit dem berühmten »Daumenhoch-Zeichen«

signalisierte man seine Zustimmung oder Anerkennung.

Diese »Gefällt-mir-Funktion« benutzte Cora vom ersten Tag

an und verfolgte gespannt, wer außer ihr solch ein »Like« zu welchem

Thema abgab. Bald begann sie damit, Kommentare zu

schreiben. Mit dieser zweiten und ausführlicheren Möglichkeit auf

ein Posting einzugehen, war allerdings ein gewisses Risiko verbunden.

Während ein »Like« in der Regel keine Konsequenzen

nach sich zog, lehnte man sich mit einem selbstverfassten Kommentar

schon deutlich mehr aus dem Fenster und fiel nicht selten

aus diesem heraus – mitten auf das Schlachtfeld eines kommunikativen

Gemetzels.

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Vor drei Wochen war Cora zum ersten Mal über ihren Schatten

gesprungen und hatte einen eigenen Beitrag in die Gruppe gestellt.

Sie erinnerte sich noch an das nervöse Kribbeln in der Magengrube,

als sie gespannt darauf wartete, wie man auf die Frage

reagierte. »Was nehmt Ihr, wenn Sport, Computerspiele und TV

zur Auswahl stehen?« Zur allgemeinen Erheiterung hatte sie das

Bild eines verzweifelt blickenden Rauhaardackels hochgeladen.

Mit den Reaktionen auf den Post war sie mehr als zufrieden. 45

Gruppenmitglieder hatten ihr ein »Gefällt mir« geschenkt, und in

den 27 Kommentaren gab es keine verbalen Entgleisungen.

Seitdem wurden Coras virtuelle Gruppenaktivitäten zunehmend

selbstbewusster. Mit ihren witzigen Statements und originellen

Beiträgen sammelte sie viele »Likes«, was sie immer weiter

anspornte.

Ob sie an diesem Abend wirklich über das Ziel hinausgeschossen

war, konnte Cora im Nachhinein selbst schwer beurteilen. Die

Kommentare zu dem Post von Tamara »Ich verliere andauernd –

das frustriert mich!!!« waren ihr unglaublich nah gegangen. Da

ging es mit einem Mal gar nicht mehr um Quizduell. Da schrieben

die Leute plötzlich vom ganz persönlichen Verlieren und Verlorensein.

Kurzentschlossen lud Cora einen selbstgemachten Foto-Spruch

hoch in die Gruppe. Es war die Aufnahme blutroter Scherbensplitter,

die sie selbst zu einem Herz zusammengelegt hatte. Nach dem

letzten heftigen Streit mit Christoph hatte Cora alles, was an ihre

gemeinsame Zeit erinnerte, aus den Regalen geräumt und dabei

war eine kitschige rote Herz-Flasche zu Bruch gegangen. »Kein

Herz ohne Splitter«, murmelte Cora, als sie die Scherben vorsichtig

mit spitzen Fingern für das Foto zur Herzform zusammenschob.

Später setzt sie diese Worte in schönen Buchstaben über das

Motiv.

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Ende des 1. Kapitels


Lesen Sie »Kein Herz ohne Splitter«

als eBook oder Taschenbuch.

Beide Splitterherzen-Romane

sind bei Amazon erhältlich.

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SPLITTERHERZEN

So geht es weiter:

Anna S. Bastian

Kein Herz

ohne Zweifel

Roman

316 Seiten

ISBN

978-1537217420

„Du bist alles, was ich

mir jemals gewünscht

habe.“

Wie schön wäre es,

wenn sie einfach

darauf vertrauen

könnte, dass alles

gut wird. Doch für

ein Splitterherz ist

vieles komplizierter

als es sein sollte.

Cora spürt, dass Julius sie liebt. Trotzdem fällt es ihr schwer,

an die Aufrichtigkeit seiner Gefühle zu glauben. Gibt es

wirklich einen Grund, dem attraktiven Pfarrer zu misstrauen?

Oder bildet Cora sich nur ein, dass Julius etwas vor ihr

verbirgt?

»Kein Herz ohne Zweifel« erzählt von Menschen, die genau an

der Stelle einen Knacks haben, wo es am meisten wehtut. Sie

nennen sich Splitterherzen und obwohl oft große

Entfernungen zwischen ihnen liegen sind sie eng verbunden.

Finden die Teile ihrer zerbrochenen Herzen irgendwann

zurück an den richtigen Platz?

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