Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden - Ahmet Üzümcü

frauenkirche

Träger des Friedensnobelpreises sind engagierte Fürstreiter für ein friedvolles Miteinander. Die Stiftung Frauenkirche Dresden, Trägerin des Lebens in der wieder aufgebauten Kirche, lädt diese Persönlichkeiten ein, um zu der Frage zu sprechen: Was müssen wir heute tun, um die Welt in zwanzig Jahren friedlicher zu gestalten? Im April 2017 war der ehemalige Präsident Südafrikas, Frederik Willem de Klerk, zu Gast. Seine Rede sowie begleitende Veranstaltungen sind in dieser Broschüre dokumentiert.

Friedensnobelpreisträger

in der Frauenkirche Dresden

1. Februar 2016

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Inhaltsverzeichnis

05 Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche

Pfarrer Sebastian Feydt

06 Begrüßung

Landesbischof Dr. Carsten Rentzing

07 Grußwort

Stellvertretender Ministerpräsident Martin Dulig

09 Friedensnobelpreisträgerrede

»Die Wiederaufrüstung unserer Menschlichkeit: Beiträge der Abrüstung zum Frieden«

Generaldirektor Ahmet Üzümcü

20 »Die Botschaft weitertragen«

Der Friedenswettbewerb »Schüler treffen Friedensnobelpreisträger«

26 Die Siegerbeiträge des Schülerwettbewerbs

28 Sächsische Schüler beim OVCW-Tag in Den Haag

30 »Es besteht der Verdacht, dass der ‚Islamische Staat‘ Senfgas selbst herstellt«

Interview mit Generaldirektor Ahmet Üzümcü in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

32 Impuls zur Friedensnobelpreisträgerrede

Dr. Karl-Heinz Kamp

36 Ahmet Üzümcü – Biografie

37 Friedensnobel preisträger 2005 – 2015

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Mit dem 2013 der Organisation für das Verbot chemischer

Waffen (OVCW) verliehenen Friedensnobelpreis würdigte die

Weltgemeinschaft ihre umfänglichen Bemühungen zur Beseitigung

chemischer Waffen.

Im Rahmen der von der Stiftung Frauenkirche Dresden ins

Leben gerufenen Veranstaltungsreihe mit Friedensnobelpreisträgern

weilte am 1. Februar 2016 der Generaldirektor der

Organisation, Ahmet Üzümcü, in der Frauenkirche. Mit seiner

öffentlichen Ansprache in dem wieder errichteten Friedensort

war es dem Gast ein besonderes Anliegen, sein Engagement

mit der jungen, nachfolgenden Generation zu diskutieren und

sie anzustiften, sich selbst für den Frieden in der Welt einzubringen

– ganz im Sinne der Leitfrage der Veranstaltungsreihe:

Was müssen wir heute tun, um die Welt in 20 Jahren friedlicher

zu gestalten?

Die vorgelegte Publikation würdigt das Wirken der OVCW und

seines Generaldirektors, dokumentiert seine Rede in der Frauenkirche

und publiziert die Reaktionen und Statements der Gastgeber.

Sebastian Feydt

Pfarrer der Frauenkirche

Friedensnobelpreisträger

in der

Frauenkirche

Frieden – dieses eine Wort ist das meistgenannte, wenn

man Menschen in aller Welt danach fragt, was für sie am

wichtigsten im Leben ist. Dabei wird die Kluft zwischen friedlichen

und von Krieg und Bürgerkrieg erschütterten Regionen

immer tiefer. Während im vergangenen Jahr 15 europäische

Länder unter den friedlichsten 20 der Welt waren, kann das

Leid und die Verzweiflung der vom Krieg Betroffenen in anderen

Weltregionen nur gelindert werden, wenn in ihrer Heimat

Frieden geschaffen – gestiftet – wird, sodass ein menschenwürdiges

Leben wieder möglich ist.

So haben es auch Friedensstifter aller Zeiten verstanden.

Männer wie Franz von Assisi oder Mahatma Gandhi, Frauen

wie Bertha von Suttner. Alfred Nobel hat das Stiften wörtlich

genommen und in seinem Testament den nach ihm benannten

Friedenspreis etabliert. Wer maßgeblich und nachhaltig

auf die Völkerverständigung hinwirkt und Friedensforen fördert,

soll mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet werden.

Anlass, zu Anstiftern des Friedens zu werden, gab es vor gut

einhundert Jahren genug. 1915, mitten im Ersten Weltkrieg,

kam es erstmalig zum großflächigen Einsatz chemischer

Kampfstoffe. Die Haager Landkriegsordnung verhinderte

den Einsatz von Giftstoffen nicht. Die Auswirkungen waren

alarmierend, die Bemühungen der Völkergemeinschaft zur

Eindämmung dieser Bedrohung nahmen schnell konkrete Formen

an. Doch bis in die heutige Zeit und ganz aktuell stellt

die Kriegsführung mit chemischen Waffen eine reale Gefahr

für die Weltbevölkerung dar, die jegliche territorialen Grenzen

ignoriert und damit die dringende Notwendigkeit wirkungsvoller

internationaler Vereinbarungen und Verbote erfordert.

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Begrüßung

Sehr geehrter Herr Generaldirektor, sehr geehrter Herr Staatsminister,

Exzellenzen, sehr geehrte Damen und Herren, liebe

Schülerinnen und Schüler,

genau darum geht es, darum, dass die Botschaft des Friedens

von einer Generation auf die andere weitergegeben wird. Ich

freue mich, dass wir an diesem Abend über alle Generationen

hinweg vereint sein können, um dieser Botschaft zuzuhören

und um darüber nachzudenken, welchen Auftrag wir in unserem

Leben haben. In wenigen Tagen ist es wieder soweit,

wir erinnern uns in besonderer Weise. Hier in Dresden ist der

13. Februar ein Tag des Gedenkens. Aber wir bleiben nicht am

Erinnern und Gedenken stehen. Es gibt uns Kraft, die Probleme

unserer Zeit anzugehen, sodass die Worte Frieden und Versöhnung

nicht theoretische Schlagworte, sondern hochaktuelle

Herausforderungen bis in unsere unmittelbare Gegenwart und

Umgebung hinein sind und bleiben.

Insofern ist es uns eine große Freude, aber auch eine erwiesene

Ehre, dass wir mit Ihnen, sehr geehrter Herr Botschafter Ahmet

Ücümcü, die Reihe der Friedensnobelpreisträgerreden nun fortsetzen

dürfen. Ihre Vision einer friedlichen Welt schöpfte aus

dem Erfahrungsschatz Ihrer bisherigen Tätigkeiten im Genfer

Büro der Vereinten Nationen, im NATO-Rat, in der Abrüstungskonferenz

und weiteren internationalen Organisationen. Daran

ist zu erkennen, wie bedeutsam für den Frieden in der Welt

Ihre derzeitige Tätigkeit als Generaldirektor der Organisation

für das Verbot chemischer Waffen ist. Hinter Ihrem Dienst und

Ihrer Organisation verbirgt sich harte zukunftsträchtige Arbeit,

die oftmals auch hinter den Kulissen geschieht. Ihre Aufgabe

besteht darin, die Implementierung des Chemiewaffenübereinkommens

zu überwachen. Es ist das einzige Übereinkommen

mit einer internationalen Vereinbarung, die das Verbot

einer gesamten Gattung von Massenvernichtungswaffen

einer internationaler Überprüfung unterstellt. Sie haben dabei

192 Mitgliedsstaaten, mit denen Sie zusammenarbeiten. Sie

dürfen darauf zurückblicken, dass 91 Prozent aller zumindest

angegebenen Waffenbestände zerstört sind. Aber Sie blicken

nicht nur zurück, Sie blicken auch nach vorn, haben ein Ziel,

eine Vision für die nachfolgende Generation. Ob Sie in aktuellen

Auseinandersetzungen einem Verdacht nachgehen, dass

chemische Waffen eingesetzt werden oder präventiv im Bildungsbereich

tätig sind, Sie verstehen sich als Botschafter für

den Frieden. Daher ist es ganz in Ihrem Sinne, dass wir hier

und heute Schülerinnen und Schüler auszeichnen, die sich

in einem Wettbewerb damit auseinandergesetzt haben, was

für sie die Gestaltung einer friedlicheren Welt bedeutet. Der

Austausch mit jungen Menschen bedeutet für Sie Inspiration

und Freude zugleich. Der Ort, an dem das Ganze geschieht,

diese Frauenkirche hier in Dresden, sie ist aus der Sicht unseres

christlichen Glaubens dem Herrn Jesus Christus geweiht, von

dem es einmal heißt, er sei der Friedefürst. Diese Botschaft soll

von diesem Ort immer wieder ausgehen. Diese Botschaft soll

und wird den heutigen Abend erfüllen. Als Kuratoriumsvorsitzender

der Stiftung Frauenkirche Dresden heiße ich Sie ganz

besonders deshalb hier in diesem Gotteshaus willkommen.

Wir freuen uns, ich freue mich auf Ihre Botschaft des Friedens.

Dr. Carsten Rentzing

Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens

Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Frauenkirche Dresden

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Grußwort

Die Frauenkirche ist ein stummer Zeuge dafür, wozu Menschen

fähig sind. Zur Zerstörung genauso wie zum Aufbau, zum Krieg

genauso wie zum Frieden. Diese Kirche ist aber in ihrer heutigen

Form vor allem ein Symbol der Hoffnung. Darauf, dass es nicht

die Waffen sind, die am Ende siegen, sondern die Menschlichkeit.

Dass sie diese Bedeutung erlangen konnte, ist ohne ihre tragische

Zerstörung nicht erklärbar. Nachdem Dresden am 13. Februar

1945 bombardiert wurde, überstand die Kirche diese Angriffe

zunächst unbeschadet. Nachdem sie aber ausgeglüht war, stürzte

sie in sich zusammen. Jahrzehntelang lag der Trümmerhaufen als

Mahnmal gegen den Krieg, bis in den 80er Jahren junge evangelische

Christen daraus ein Mahnmal für den Frieden machten.

»Schwerter zu Pflugscharen« und »Frieden schaffen ohne Waffen«–

diese Losungen verbreiteten sich schnell. Diese Friedensbewegung

war ein Teil jener oppositionellen Strömungen in der DDR,

die im Herbst 1989 in die friedliche Revolution mündeten. Nach

anfänglicher Gewalt seitens der Staatsmacht setzte sich das Motto

»Keine Gewalt« durch. Ein friedlicher Wechsel wurde möglich.

Die DDR bekam einen Verteidigungsminister, der sich Abrüstungsminister

nannte und ein friedensbewegter Pfarrer

war. Hier in Sachsen in der Nähe von Görlitz wurden unter

internationaler Aufsicht Panzer der Nationalen Volksarmee

verschrottet. Die Rote Arme hatte schon 1988 die Atomsprengköpfe

abgezogen, die sie in Sachsen unter größter Geheimhaltung

stationiert hat. Anlass war der INF-Vertrag über die Begrenzung

der Mittelstreckenraketen. Die Atomwaffen verschwanden nicht

aus der Welt, aber mit dem Ende des kalten Krieges verschwand

zumindest die Angst, dass politische Konflikte einen Atomkrieg

auslösen. Mit der DDR verschwand auch der Wehrkundeunterricht

aus den Schulen. So mancher hier wird sich noch erinnern,

dass man auch lernte, eine Gasmaske zu benutzen und dass Dauerlauf

mit Gasmaske auf dem Lehrplan stand. Mancher fühlt sich

vielleicht daran erinnert, wenn er in Dresden an der Straßenbahn

Werbung für das Militärhistorische Museum sieht: Ein deutscher

Kavallerist in feldgrauer Uniform, eine Gasmaske vor dem

Gesicht, ebenso wie sein Pferd. 100 Jahre ist das her und beim

Betrachten ist man froh, dass sich eine internationale Organisation

heute darum kümmert, dass die Welt von Chemiewaffen

befreit wird. Diese Organisation für das Verbot chemischer

Waffen hat im Jahr 2013 den Friedensnobelreis bekommen. Die

Nobelstiftung folgte damit dem Abrüstungsgedanken ihres Gründers

Alfred Nobel. Sie hat damit eine Organisation gewürdigt,

deren Tätigkeit für den Weltfrieden so wichtig und für die Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter zugleich ziemlich gefährlich ist.

Krisen diplomatisch zu entschärfen, ist ein zentraler Teil deutscher

Außenpolitik. Das hat der Einsatz für die Zerstörung der

syrischen Chemiewaffen ebenso gezeigt wie die Wiener Vereinbarung

zum iranischen Atomprogramm oder das Bemühen um

die Londoner Geberkonferenz für Syrien. Gewalt eindämmen

und Frieden mit zivilen Mitteln sichern, wo immer es geht, das ist

die Maxime. Herr Üzümcü, Generaldirektor der Organisation für

das Verbot chemischer Waffen, wird heute über die Chemiewaffenkonvention

als wichtigen Aspekt der weltweiten Abrüstung zu

uns sprechen. Exzellenz, ich heiße Sie im Namen der sächsischen

Staatsregierung und im Namen von Stanislaw Tillich noch einmal

sehr herzlich willkommen im Freistaat Sachsen. Ich danke Ihnen,

dass Sie der Einladung des Ministerpräsidenten gefolgt sind.

Martin Dulig

Stellvertretender Ministerpräsident des Freistaats Sachsen

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Die Wiederaufrüstung unserer

Menschlichkeit:

Beiträge der Abrüstung zum Frieden

Rede von

Generaldirektor Ahmet Üzümcü

im Rahmen der Reihe

»Friedensnobelpreisträger in der Frauenkirche Dresden«

Die Rede wurde in englischer Sprache gehalten,

dies ist die verschriftlichte Übersetzung.

Es gilt das gesprochene Wort.

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Herr Bischof Dr. Rentzing, Stellvertretender Ministerpräsident,

Eure Exzellenzen, liebe Schülerinnen und

Schüler, meine Damen und Herren,

es ist für mich eine große Ehre, hier vor Ihnen in diesem

außergewöhnlichen Gebäude zu stehen und zu Ihnen zu

sprechen. Es ist ein Mahnmal für die Tragödie des Krieges,

aber auch ein Monument für das menschliche Streben nach

Frieden und Versöhnung.

Der Titel dieser Rede – »Die Wiederaufrüstung unserer

Menschlichkeit: Beiträge der Abrüstung zum Frieden« – ist

ein Thema, das engagierte Menschen überall auf der Welt

beschäftigt. Unsere Zivilisation hat sehr vieles erreicht.

Wissenschaft und Technologie haben zahllose Vorteile hervorgebracht.

Sie haben die Lebensqualität verbessert und

Millionen Menschen einen Weg aus der Armut geebnet. Aber

dennoch haben viele dieser Errungenschaften auch neue

Möglichkeiten hervorgebracht, die Menschheit und unsere

Welt zu zerstören.

Krieg ist seinem Wesen nach grausam. Die zerstörerischen

Werkzeuge, die heutzutage verfügbar sind, verschärfen

die Gefahren des Krieges. Was wir normalerweise unter

dem Begriff Massenvernichtungswaffen beschreiben, sind

Waffen, deren Auswirkungen nicht auf das Schlachtfeld

allein begrenzt werden können. Ihre Bedrohung ist zugleich

unmenschlich und willkürlich. Aus diesem Grund streben

Staaten weiterhin nach Bedingungen, die die Verwendung

dieser gefährlichsten Waffen, die jemals geschaffen wurden,

einschränkt oder ganz beseitigt.

Es ist wichtig, eines zu erinnern: Wir haben die Höhen unserer

modernen Zivilisation nicht allein mithilfe der Technologie

erreicht. Wir haben sie nur erreicht, weil wir eine Verpflichtung

zu gemeinsamen Normen und Werten wie Gleichheit,

Gerechtigkeit und menschliche Würde für alle eingegangen

sind.

Eine Kernerkenntnis der jüngeren Geschichte ist, dass Entwicklungen

in Recht und Ethik mit den Entwicklungen

in Wissenschaft und Technologie Schritt halten müssen.

Unser Überleben hängt von der Aufrechterhaltung universeller

Werte – in Abgrenzung zu rein nationalen Interessen

– ab. Das ist die Essenz des Multilateralismus, der sehr viele

Anstrengungen einschließlich der zur Abrüstung bedingt.

Wir leben in einer Welt voller gegenseitiger Verbindungen

und Abhängigkeiten. Die Herausforderungen unserer globalisierten

Welt können nur durch kollektive Bemühungen

gemeistert werden.

Das Recht von Menschen, in Frieden und Sicherheit zu leben,

ist elementar. Die Bedrohung durch die Massenvernichtung

verleugnet dieses Recht. Abrüstung versucht, dieses Recht

wieder als moralischen Imperativ zu etablieren.

Die Vernichtung von Chemiewaffen sollte für internationale

Anstrengungen hinsichtlich von Massenvernichtungswaffen

Hoffnung geben und Ermutigung sein. Chemische Waffen

sind heutzutage unter dem Chemiewaffenübereinkommen

(CWÜ) vollkommen verboten. Die multilaterale Zusammenarbeit,

die sich in der Arbeit der Organisation für das

Verbot chemischer Waffen (OVCW) manifestiert, stellt sicher,

dass das Übereinkommen effektiv umgesetzt wird und zum

Nutzen aller seiner Mitglieder gereicht.

* * *

Im letzten April war ich in einem anderen historischen Gebäude,

das aus Kriegsruinen wieder aufgebaut worden war:

die mittelalterlichen Tuchhallen in der belgischen Stadt

Ypern. Dort fand eine Zeremonie anlässlich des 100. Jahrestags

des ersten großflächigen Chemiewaffeneinsatzes statt.

Es war ein feierliches Ereignis, das die Erinnerung an die

zahllosen Chemiewaffenopfer des Ersten Weltkriegs ebenso

ehrte wie die Opfer anderer Kriege weltweit.

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Es war eine vielversprechende Gelegenheit, bei der wir auch

hinsichtlich unseres bemerkenswerten Unterfangens, die Welt

von dieser fürchterlichen Geisel zu befreien, Bilanz zogen.

Bis heute sind 91 Prozent der erklärten Chemiewaffenbestände

unter internationaler Überwachung zerstört worden. Das

sind 64.000 Tonnen der tödlichsten Gifte, die je produziert

wurden. Als Resultat dieser Anstrengungen steht jetzt eine

gesamte Kategorie von Massenvernichtungswaffen an der

Schwelle vollständiger Beseitigung. Für diese sehr konkrete

Leistung hat die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen

den Friedensnobelpreis 2013 erhalten.

Das fürchterliche Leiden derjenigen, die Opfer chemischer

Kriegsführung wurden, darf nicht vergessen werden. Am

besten ehrt man ihre Erinnerung durch unsere Entschlossenheit,

die Wiederkehr solcher Tragödien in der Zukunft zu

vermeiden. Wir haben gezeigt, dass diese Entschlossenheit

beispielhaft dafür stehen kann, was wir erreichen können,

wenn wir zusammenarbeiten – passend zum Motto der OVCW

»Zusammenarbeit für eine Welt ohne Chemiewaffen«.

* * *

Sehr bald jedoch wurden durch verschiedene Unterzeichnerstaaten

Vorbehalte geäußert, die die Defizite dieses

Protokolls verschärften. Diese beruhten vor allen Dingen

darin, dass dieses Protokoll zwar die Verwendung, aber

nicht den Besitz von Chemiewaffen untersagte und zudem

keine Durchsetzungsmechanismen vorsah. Dieses Fehlen

wurde tragischerweise spürbar, als Chemiewaffen bei anderen

Konflikten weltweit später wieder eingesetzt wurden.

Erst in den späten 1960er-Jahren konnte sich die internationale

Gemeinschaft dazu durchringen, einen gemeinsamen

Ansatz zu einem umfassenden Verbot von chemischen

und biologischen Waffen zu verfolgen.

1972 wurde die Biowaffenkonvention geschlossen, aber es

dauerte noch 20 weitere Jahre, ehe sich die verhandelnden

Parteien auf einen Text für das Chemiewaffenübereinkommen

einigen und auf ein Verifikationssystem verständigen

konnten. Die ausgedehnte Verwendung von Chemiewaffen

im Iran-Irak-Krieg in den 1980er-Jahren verstärkte die

Verhandlungen in Richtung einer globalen Ächtung weiter.

Nur vier Jahre nach den fürchterlichen Angriffen gegen Zivilisten

in Halabja wurde das Übereinkommen 1992 geschlossen.

Lassen Sie mich kurz die Geschichte und die Errungenschaften

der chemischen Abrüstung schildern. Als Heiliges

Römisches Reich deutscher Nationen war Deutschland auch

Unterzeichner des ersten Versuches, durch die Unterzeichnung

des Straßburger Abkommens von 1675 mit Frankreich Gifte

von Schlachtfeldern zu verbannen. Weitere Versuche wurden

später durch das Brüsseler Abkommen von 1874 und das

Haager Abkommen von 1899 unternommen. Aber die

begrenzten Bestimmungen des Haager Abkommens vermochten

es nicht, die ausgedehnte Verwendung von Chemiewaffen

im Ersten Weltkrieg zu verhindern, was wiederum zu

Bestrebungen für ein verbindlicheres Instrument führte. Diese

resultierten im 1925 abgeschlossenen Genfer Protokoll.

Im Ergebnis wurde ein umfassendes Verbot nicht nur der

Nutzung von Chemiewaffen, sondern auch hinsichtlich ihres

Besitzes, ihrer Entwicklung, Produktion und Lagerung und

ihres Transfers erreicht. Darüber hinaus wurde ein strenges

internationales Verifikationsregime erstellt und der Grundstein

für eine unabhängige internationale Agentur gelegt –

die Organisation für das Verbot chemischer Waffen oder

OVCW.

Seit der Implementierung des Abkommens 1997 sprechen

die Fakten für sich. Unsere Mitgliederzahl ist sehr stark auf

einen fast universellen Wert von 192 Ländern gestiegen.

Wie ich bereits erklärt habe, sind 91 Prozent der erklärten

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Chemiewaffen bereits zerstört worden bzw. werden im Fall

von Beständen in Russland und den Vereinigten Staaten in

den nächsten sieben Jahren zerstört. Fünf weitere Länder,

die erklärtermaßen einen Bestand an Chemiewaffen hatten,

haben die Zerstörung bereits durchgeführt, und zwar unter

der Aufsicht von OVCW-Inspekteuren. Das umfasst auch die

Beseitigung des syrischen Chemiewaffenprogramms. Der

Irak wird bald die verbleibenden Bestände an Chemiewaffen,

die das Land von vorherigen Regimen geerbt hat, zerstören.

Auch um sicherzustellen, dass sich die Chemieindustrie weltweit

ausschließlich in friedfertigen Aktivitäten engagiert,

hat die OVCW Inspektionen in mehr als 3.000 Anlagen in

über 80 Ländern durchgeführt und tut dies weiterhin. Wir

arbeiten mit unseren Mitgliedsstaaten daran, potenziell gefährliche

Doppelverwendungschemikalien zu überwachen,

um Transparenz über ihre Verwendung herzustellen.

Schließlich führen die OVCW und ihre Mitgliedsstaaten

Ausbildungs- und Unterstützungsaktivitäten für die vollständige

und effektive Umsetzung des Übereinkommens

weltweit durch – mit besonderem Fokus auf Regionen, in

denen der Bedarf am größten ist. Die Spannbreite der Aktivitäten

ist groß und reicht von der Unterstützung bei bzw. dem

Schutz vor chemischen Attacken und Zwischenfällen bis zum

Anregen einer Zusammenarbeit mit der analytischen Chemie,

Laboratorien und anderen technischen Aspekten.

* * *

Die Verbindung zwischen Abrüstung und Frieden ist von der

internationalen Gemeinschaft fest verankert worden. Der

Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat die Verbreitung von

Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme zur Bedrohung

des internationalen Friedens und der Sicherheit erklärt.

Im Verlauf von fast zwei Jahrzehnten konnte die Arbeit

der OVCW einen stetigen Fortschritt hin zur vollständigen

Beseitigung einer ganzen Kategorie von Massenvernichtungswaffen

verzeichnen. Aber wir hatten dabei natürlich

große Herausforderungen zu meistern.

Als die OVCW im September 2013 die Mission aufnahm,

das syrische Chemiewaffenprogramm zu beseitigen, sagten

viele, dass das unmöglich sei. Und wahrlich: Die technischen,

logistischen und sicherheitsrelevanten Hürden waren enorm.

Aber weniger als ein Jahr später waren etwa 1.300 Tonnen

Chemiewaffen registriert, aus Syrien entfernt und zum größten

Teil zerstört. Dies wurde durch die Stärke einer bis dahin

beispiellosen gemeinsamen Anstrengung erreicht, die die

Vereinten Nationen und mehr als 30 Einzelländer – darunter

auch Deutschland – verband.

Aber so erfolgreich diese Mission auch war, sind doch im

Nachgang sehr viele Fragen hinsichtlich der Auswirkungen

auf den Konflikt und, weiter gefasst, auf den Frieden und die

Sicherheit in der Welt gestellt worden.

Die erste Frage ist, dass der Konflikt ja nach wie vor wütet.

Mehr als 250.000 Menschen, so wird geschätzt, sind in den

nunmehr fast fünfjährigen Kriegshandlungen gestorben;

viele von ihnen, seitdem die letzten Chemiewaffen vor mehr

als 18 Monaten aus Syrien entfernt wurden. Darüber hinaus

kommen Chemiewaffen in Syrien weiterhin zum Einsatz. Die

OVCW hat Anschuldigungen bestätigt, dass giftige Industriechemikalien

bei mehreren Zwischenfällen als Waffen eingesetzt

wurden – einschließlich eines Vorfalls mit Schwefellost

(Senfgas).

Wie können wir also von einer Friedens- und Sicherheitsdividende

von dieser Mission in Syrien zur Beseitigung des

Chemiewaffenprogramms sprechen? Sie werden sich sicherlich

alle an die angespannte Situation in der zweiten Hälfte

des Jahres 2013 erinnern. Eine Untersuchung von Anschuldigungen,

im August seien in Ghuta, einem Vorort von

Damaskus, Chemiewaffen eingesetzt worden, bestätigte die

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Verwendung des tödlichen Nervengifts Sarin, das Hunderte

Zivilisten getötet hatte. Die Welt schien damals wieder an der

Schwelle des Einbezugs in einen neuen bewaffneten Konflikt

im Nahen Osten zu stehen, was nur durch ein Abkommen

zwischen der russischen Förderation und den Vereinigten

Staaten abgewendet werden konnte. Am 14. September

2013 in Genf unterzeichnet, zielte dieses Übereinkommen auf

die Beseitigung des syrischen Chemieprogramms – einer gemeinsamen

Mission der OVCW und der Vereinten Nationen.

Während diese Mission nie auf eine Lösung des Bürgerkriegs

in Syrien abzielte, hat es doch die Spannungen dramatisch

reduziert, die ansonsten vielleicht in einen internationalen

Konflikt in der Region und ggf. darüber hinaus gemündet

hätten.

Wir müssen uns auch daran erinnern, dass, so all diese

gefährlichen Waffen und die Herstellungsmöglichkeiten

intakt geblieben wären, der Konflikt in Syrien zu einer noch

größeren humanitären Krise hätte führen können. Mit

diversen terroristischen Gruppen, die nach dem Besitz dieser

Waffen trachten, sind die Menschen in Syrien und in der Welt

viel besser dran, wenn diese Möglichkeiten zerstört sind.

Ergänzen möchte ich, dass ein wesentlicher Vorteil aller

Abrüstungsabkommen das Entstehen eines Sicherheitsgefühls

auf regionaler Ebene ist. Der Beitritt Syriens zum

CWÜ kann nur begrüßt werden in einer Region, die seit

langem schon in Konflikte verstrickt ist.

Während die chemische Entmilitarisierung Syriens eine

neue Sicherheitsrealität reflektiert, hat das leider noch

nicht dazu geführt, dass Israel und Ägypten deswegen

dem CWÜ beigetreten wären. Aber die Tatsache,

dass andere das getan haben, insbesondere Myanmar

und Angola, liefert einen Impuls zum Überdenken

dieser Haltung und verstärkt die Anstrengungen, eine

massenvernichtungsfreie Zone im Nahen Osten zu schaffen.

Die Diplomatie, die hinter der syrischen Mission stand, hat

auch neue Anstrengungen hervorgebracht, den Konflikt auf

politische Art und Weise zu lösen.

Es lohnt sich, sich daran zu erinnern, dass die chemische

Entmilitarisierung nach zweieinhalb Jahren der Kampfhandlungen

eigentlich der einzige Aspekt dieses Konfliktes war,

auf den sich die internationale Gemeinschaft einigen konnte.

Und die Dynamik, die daraus entstand, ging weit über die

enggefasste Aufgabenstellung der Mission hinaus.

Ein fortwährender Dialog, der alle wesentlichen Akteure

zusammenbrachte, hat Anfang 2014 den Genf-II-Prozess

hervorgebracht. Und obwohl dieser Prozess unter einem

schlechten Stern stand, hat er doch ein Nachleben entwickelt.

Wie Sie alle wissen, ist in Genf vor ein paar Tagen ein

neuer Prozess ins Leben gerufen worden. Der Sicherheitsrat

der Vereinten Nationen hat eine Resolution 2254 verabschiedet,

die zu einem Waffenstillstand aufruft und einen Prozess

hin zu einer politischen Lösung skizziert.

Man kann sagen, dass die Beratungen zur chemischen

Abrüstung in Syrien eine Möglichkeit schufen, den Konsens

innerhalb des Sicherheitsrates weiter zu verbreitern. Denn es

war die Abrüstungsmission, bei der sich die internationale

Zusammenarbeit in Syrien, an der sowohl Russland und die

Vereinigten Staaten beteiligt waren, zum ersten Mal artikulierte.

In gleichem Maße wurde diese Zusammenarbeit bei

den andauernden Anstrengungen, die Verantwortlichen der

Chemieangriffe in Syrien zu identifizieren, fortgesetzt.

Das führt mich zu meiner letzten Beobachtung bezüglich der

Friedens- und Sicherheitsdividende des Engagements des

OVCW in Syrien. Es kann keine Rede davon sein, dass die Aufgabe

erledigt ist, solange chemische Chemieattacken nach

wie vor stattfinden und die Täter straffrei davonkommen.

Was die internationale Gemeinschaft zusammenbrachte und

handeln ließ, war die Bestätigung durch die OVCW und ihre

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Erkundungsmission, dass giftige Chemikalien systematisch

als Waffen in Syrien eingesetzt wurden.

Fußend auf der Resolution, die vom Sicherheitsrat der Vereinten

Nationen verabschiedet wurde, ist eine gemeinsame

Untersuchungsmission aus OVCW und UN dabei, die

Urheber der Attacken zu identifizieren. Die Ergebnisse dieser

Arbeit werden eine wesentliche Rolle nicht nur bei der

Absicherung der Errungenschaften der chemischen

Abrüstung in Syrien spielen, sondern sie werden auch als

Abschreckung gegen weitere Chemieangriffe dienen und

Verantwortlichkeit bei eventuellen Anstrengungen verankern,

Frieden und Versöhnung in Syrien herbeizuführen.

Was all dies zeigt, ist, dass der Konsens in einem Unterfangen

so ausgedehnt werden kann, dass mehr und weiter

gefasste Friedensbemühungen eingeschlossen werden

können – unabhängig davon, wie groß die Hindernisse sind.

Es zeigt auch, dass Abrüstung nicht nur ein Ergebnis von Frieden

sein muss, wie einige argumentieren, sondern dass sie in

einer vielleicht nicht unmittelbar sichtbaren Art und Weise ein

Motor für Frieden sein kann.

* * *

Das Vermächtnis der chemischen Abrüstung zeigt, dass

Abrüstung nicht einfach nur darin besteht, die Beseitigung

von Waffen zu regulieren. Es ist ein Prozess, der oft

schwer und herausfordernd ist. Aber die Vorteile haben eine

große Bandbreite und reichen bis in die diplomatischen

und politischen Sphären hinein. Dieser Prozess hilft, den

Dialog und die Zusammenarbeit fortzusetzen und stärkt den

Multilateralismus.

Mehr als 20 Jahre nach dessen Abschluss ist das Chemiewaffenübereinkommen

der einzige multilaterale

Abrüstungsvertrag, der eine gesamte Klasse von Massenvernichtungswaffen

verbietet und zugleich auch ein internationales

Verifikationssystem hat. Zwei Bestimmungen

stechen hier besonders hervor.

Erstens und anders als der Atomwaffensperrvertrag, differenziert

das CWÜ nicht zwischen denen, die Waffen haben und

denen, die keine besitzen. Keinem Mitgliedsstaat ist es erlaubt,

solche Waffen zu besitzen oder zu entwickeln und schon gar

nicht, sie einzusetzen. Die acht Länder, die erklärtermaßen Bestände

von solchen Waffen haben, sind verpflichtet, sich ihrer

zu entledigen – was sie entweder schon getan haben oder abschließend

im Begriff sind zu tun. Das Übereinkommen stellt

daher eine Ächtung der Chemiewaffen ohne Ausnahme dar.

Zweitens, während die Biowaffenkonvention – ähnlich wie

das Chemiewaffenübereinkommen – eine gesamte Kategorie

von Massenvernichtungswaffen verbietet, hat es doch

keinerlei Verifikationssystem. Das CWÜ ist das einzige mit

einem Verifikationsregime, das seine Mitglieder zur Rechenschaft

zieht – und zwar nicht nur durch die vorhin erwähnten

regelmäßigen Industrieinspektionen. Es gibt zudem einen

Verdachtsinspektionsmechanismus, bei dem ein Mitglied

eine Inspektion in einem anderen Mitgliedsstaat auf der Basis

fundierter Verdachtsmomente verlangen kann.

Diese grundlegenden Regelungen zeigen auch ein weiteres

Alleinstellungsmerkmal des Übereinkommens: nämlich die

ergebnisorientierte Art in der es verhandelt und dadurch die

Umsetzung gestaltet wurde.

Indem nicht nur Diplomaten, sondern auch Industrievertreter

und Wissenschaftler einen Beitrag lieferten, stellte man

sicher, dass die umfassenden Bestimmungen implementierbar

waren. Wissenschaftler mussten Definitionen liefern

und Rat zu Analsye- und Verifikationsaktivitäten geben. Der

Industrie musste versichert werden, dass ihre geschäftlich

sensiblen Informationen während einer Inspektion geschützt

werden könnten. Ohne ihre Einbeziehung wäre das Übereinkommen

nicht so effektiv gewesen wie es seither ist.

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Aber darüber hinaus ist es das fortwährende Engagement

dieser Akteure, das uns in die Lage versetzt hat, gewohnheitsmäßiges

Regelbefolgen in eine Kultur proaktiver

Zusammenarbeit zu verwandeln. Wir sehen das an der Arbeit

des wissenschaftlichen Beirats des OVCWs, der uns über die

neusten technologischen und wissenschaftlichen Entwicklungen

berichtet, die die Arbeit des CWÜ bzw. die

Umsetzung des CWÜ erschweren oder aber befördern. Wir

sehen das auch in unseren Gesprächen mit der Industrie, die

ihre Berichterstattungspflichten straffen und weiter verbessern.

Wir sehen das auch in der Zusammenarbeit mit Nicht-

Regierungsorganisationen, der Zivilgesellschaft und der

Wissenschaft, um mit neuen Ideen und durch Sensibilisierungsmaßnahmen

unsere Abrüstungsgemeinschaft zu

vergrößern.

Und obendrein sehen wir das in der Zusammenarbeit

der Mitgliedsstaaten. Die Praxis des Konsenses ist zutiefst

verankert im OVCW. Es gibt keinerlei formale Bestimmungen,

dass Entscheidungen konsensual getroffen werden müssten.

Dennoch zeigt es die Weisheit, einen Weg der Entscheidungsfindung

zu suchen, auf dem jeder mitgenommen wird,

was die allgemeine Verpflichtung zur chemischen Abrüstung

verstärkt.

Was die Aufgabe, der Verbreitung von Chemiewaffen

Einhalt zu gebieten, so schwer macht, ist die dem Wesen

nach doppelte Einsetzbarkeit der Komponenten, die zum

Bau von Chemiewaffen verwendet werden. Das bedeutet,

dass viele Materialien und Herstellungsmethoden, die wir

überwachen, auch zum Guten angewendet werden – in der

Medizin, in der Landwirtschaft oder in Konsumgütern. Aber

sie können ebenso missbraucht werden, um Chemiewaffen

wie Nervengase und Schwefellost herzustellen.

Darüber hinaus gibt es noch einen breiten Handel mit

Industriechemikalien, die durch das CWÜ-Regime nicht

überwacht werden, die aber trotzdem als Chemiewaffen

verwendet werden können. Chlor beispielsweise: Die gleiche

Chemikalie, die öffentliche Trinkwasservorräte aufbereitet und

Krankenhaus- und Küchenflure reinigt, kann ersticken und

töten, wenn es als konzentriertes Gas verbreitet wird. Wir haben

das vor kurzem in Syrien und vor einem Jahrhundert in

Ypern erlebt.

Aus diesem Grund schränkt das CWÜ die Definition von

Chemiewaffen nicht nur auf solche ein, die zu diesem Zweck

gebaut worden sind, sondern es umfasst sämtliche giftigen

Chemikalien, die verletzen oder töten können.

Diese Kombination aus Verbot und Verifikation auf der einen

Seite und aus Engagement und Öffentlichkeit auf der anderen

wird meiner Ansicht nach ein wesentlicher Faktor des

zukünftigen Erfolgs des OVCW sein.

Da wir dem lang ersehnten Ziel der Vernichtung der bestehenden

Chemiewaffen näherkommen, wird unser zukünftiger

Erfolg nicht nur an den Waffen gemessen, die zerstört

wurden, sondern auch an den Waffen, die nicht wieder neu

gebaut werden. Das Letztgenannte ist ein komplexes Unterfangen,

dessen Ergebnis sehr viel weniger sichtbar sein wird.

Deswegen wird es auch sehr viel schwerer sein, politische

Unterstützung dafür zu bekommen.

Wie können wir also zuversichtlich Schutz gewähren vor

Waffen, die relativ zugänglich bleiben werden, selbst nachdem

wir große Bestände hergestellter Chemiewaffen zerstört

haben? Eine Sache macht die Erfahrung des OVCW

deutlich: Die harten Machtinstrumente des Verbots und der

Verifikation bleiben weiterhin wichtig, insbesondere wenn es

darum geht, Terroristen daran zu hindern, Chemiewaffen zu

bekommen. Aber sie allein werden nicht reichen.

Überlegen Sie sich Folgendes: Jeden Tag werden ca. 15.000

potenzielle neue Chemikalien der allgemeinen chemischen

Datenbank hinzugefügt. Bei solch einer schnellen wissenschaftlichen

Entwicklung können wir nicht hoffen, dass wir

AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 17


jede neue Chemikalie oder neue Herstellungsmethode überwachen

können – noch sollten wir das versuchen. Vielmehr

müssen wie die Überwachungs- und Inspektionsaktivitäten

durch ein weiches Machtinstrument der Abrüstung ergänzen,

das in Engagement und Austausch besteht.

gegen den Missbrauch von Wissenschaft aufstellen, die

von den Teilnehmern »Haager Ethik-Richtlinien« benannt

wurden. Deren Wert als berufliche Anleitung bezieht sich

direkt auf die Autorität der Autoren – eine internationale

Gemeinschaft engagierter Fachleute der Chemie.

Das bedeutet, dass wir mit Wissenschaft und Industrie

zusammenarbeiten müssen und nicht versuchen sollten, sie

zu kontrollieren. Wir müssen eine Kultur der verantwortungsvollen

Wissenschaft in unseren Forschungsinstitutionen,

unseren Universitäten und unseren Schulen anregen und

pflegen. Wir müssen unsere Wissenschaftler dazu ermutigen,

eine allgemeine Weltsicht und einen ethischen Bezugsrahmen

zu entwickeln, der die Ziele des CWÜ unterstützt.

In Anerkennung dessen hat die OVCW die Bildungs- und die

Öffentlichkeitsarbeit zur Kernaktivität erklärt, um den langfristigen

Erfolg und die Vermeidung der Neuentstehung von

Chemiewaffen zu sichern.

Erlauben Sie mir, Ihnen kurz zwei Initiativen vorzustellen,

die wir gegründet haben.

Die erste ist die Erstellung eines Beirats für Erziehungs-,

Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Mithilfe von Expertenwissen

aus der ganzen Welt werden die Mitglieder dieses

Beirates neue Aktivitäten, Materialien und E-Learning-Tools

entwickeln, um ein größeres Bewusstsein für die Gefahren

der doppelten Verwendungsmöglichkeiten von Technologien

zu schaffen. Sie werden uns durch interaktive Formate

auch helfen, stärker mit Universitäten und Schulen

zusammenarbeiten, um dort Wissenschaftsgepflogenheiten

im Dienste des Friedens einzuschärfen.

Die zweite von der OCVW geförderte Initiative fußt auf

einem deutschen Vorschlag, einen Ethikkodex für Chemiewissenschaftler

zu erstellen. Indem Industrievertreter und

Wissenschaftler aus mehr als zwei Dutzend Ländern zusammengebracht

wurden, konnten wir professionelle Regeln

Es gibt daher nichts »Weiches« in der Wirkung dieses weichen

Machtinstrumentes der Abrüstung basierend auf Engagement

und Austausch. Sie ist eine wichtige Erweiterung in einer Zeit,

da Regierungen nicht mehr das alleinige Vorrecht auf die

Wahrung der Sicherheit innehaben; und jede Anstrengung ist

zu begrüßen, die Gemeinschaft der Akteure für Frieden und

Abrüstung zu erweitern.

* * *

Dies führt mich zur letzten Frage: Warum ist es nicht möglich

gewesen, den Erfolg des Chemiewaffenübereinkommens in

den letzten zwei Jahrzehnten auch in anderen Bereichen zu

wiederholen?

Wahrlich sieht es so aus, als ob die traditionelle multilaterale

Abrüstung ins Stocken geraten wäre. Das letzte

Abkommen, das bei der Abrüstungskonferenz 1996 in Genf

abgeschlossen wurde, ist der Kernwaffenteststopp-Vertrag –

vor etwa 20 Jahren also.

Trotzdem hat die internationale Gemeinschaft verschiedene

Erfolge erreicht wie bspw. eine deutliche Reduzierung der

Zahl von Kernwaffen aber auch verbreitungsbeschränkende

Maßnahmen, insbesondere durch die Begrenzung der Zahl

neuer Atommächte. Wir haben neue Ansätze entwickelt, um

auftretenden Bedrohungen zu begegnen wie zum Beispiel

die Resolution 1540 des UN-Sicherheitsrates und auch den

Atomgipfelprozess. Beides zielt darauf, nicht-staatliche Akteure

daran zu hindern, Zugang zu Materialien und Technologien

für Massenvernichtungswaffen zu erlangen.

18 | AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


Diese Neukalibrierung ist teilweise eine Antwort auf eine

dringliche neue Realität. Während Staaten im Allgemeinen

an rechtliche Normen gebunden sind und die Bedrohung,

dass sie ihre Massenvernichtungswaffen tatsächlich

einsetzen, inzwischen fern scheint, ist das einzige Hindernis,

dem terroristische Gruppen unterliegen, das der Beschaffungsmöglichkeiten.

Diese Möglichkeiten zur Erlangung

waffenfähigen Materials und Technologien beschränken,

muss eine der höchsten Prioritäten zugewiesen werden.

So wie die Konzepte von Gerechtigkeit und Gleichheit von

Idealen geprägt werden, ist es auch der Gedanke des Friedens.

Und doch sollten wir uns daran erinnern, dass Ideale und

Appelle an unsere Menschlichkeit allein nicht reichen. Wir

müssen sie auf umfassende und durchsetzbare Regeln gründen.

Nur dann werden wir dem wirklich Flügel verleihen

können, was Abrahm Lincoln einst die »besseren Engel unserer

Natur« nannte.

Angesichts dessen müssen wir uns wohl vielmehr fragen,

welche Art von Erfolg wir brauchen, um uns gegen neu

entstehende Bedrohungen für den Frieden abzusichern.

Denn wie ich versucht habe darzustellen, muss Abrüstung

als ein umfassender holistischer Prozess verstanden werden,

der seine Erfolge zu verstetigen sucht, indem er zukünftige

Bedrohungen antizipiert und angeht.

Uns stellt sich die neue Herausforderung, unsere Sicherheit

inmitten einer sich fortwährend entwickelnden Gegenwart,

die durch wachsende wirtschaftliche Abhängigkeiten und

neue grenzüberschreitende Bedrohungen vom Terrorismus

bis hin zum Klimawandel charakterisiert wird, neu zu

überdenken. Deswegen sollten wir uns das Wort Friedrich

Schillers zu Herzen nehmen: »Lebe in deinem Jahrhundert,

aber sei nicht sein Geschöpf.«

Bei der chemischen Abrüstung ist der vergangene Erfolg

der Zerstörung von Chemiewaffenbeständen ganz

anders zu betrachten als der zukünftige Erfolg der

Vermeidung der Wiederherstellung solcher Waffen.

Wenn das Chemiewaffenübereinkommen als Modell für die

Abrüstung hochgehalten werden kann, dann im Sinne dieser

Flexibilität und der Reaktionsfähigkeit bei sich verändernden

Bedingungen – zusammen mit dem damit verbundenen

politischen Willen – dies, so hoffe ich, wird am überzeugendsten

sein.

Der Weg, auf dem wir dies im Bereich der chemischen

Abrüstung erzielt haben, war der einer Transformation von

einem gewohnheitsmäßigen Regelbefolgen hin zu einer

Kultur proaktiver Zusammenarbeit – indem man über das,

was getan werden musste, hinausging zu dem, was getan

werden sollte.

Angesichts dessen, was Massenvernichtungswaffen in der

Realität anrichten können, wird die Abrüstung ein unverzichtbarer

Grundstein der Friedensschaffung bleiben. Es ist

harte Arbeit und oftmals voller Rückschläge. Aber wir dürfen

nicht aufgeben.

Stein für Stein aufgebaut, kann die Abrüstung ein großes,

vielschichtiges Friedensgebäude stützen. Diese Botschaft

hat ein besonderes Echo hier in der Frauenkirche, die die

Zerstörung des Krieges über die Jahrhunderte erlebt hat,

aber als Symbol für das menschliche Streben nach Frieden

durch Beharrlichkeit überdauerte.

Die Suche nach Frieden ist der wichtigste Teil unserer

Menschlichkeit. Ich hoffe, dass die Rolle der Abrüstung,

die ich hier dargestellt habe, zumindest eines sehr deutlich

macht: dass wahre Abrüstungen nichts weniger darstellt als

die Wiederaufrüstung unserer Menschlichkeit.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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»Die Botschaft weitertragen«

Der Friedenswettbewerb »Schüler treffen Friedensnobelpreisträger«

Die Botschaft der Friedensnobelpreisträgerreden an der

Frauenkirche richtet sich in besonderer Weise an die

nachfolgende Generation und nimmt diese in ihrer

Verantwortung für eine friedliche Zukunft unserer Welt

ernst. Bereits zum zweiten Mal wurden junge Menschen

eingeladen, nicht nur zu hören, wofür ein Friedensnobelpreisträger

eintritt, sondern sich aktiv mit dessen Wirken

auseinanderzusetzen und darüber hinaus selbst Ideen zu entwickeln,

wie solches Engagement fortgeführt werden kann.

Ein innerhalb des Freistaates Sachsen ausgeschriebener

Friedenswettbewerb regte Schülerinnen und Schüler von der

9. bis zur 12. Klasse an, sich mit dem Thema Frieden und

Versöhnung zu beschäftigen unter der Fragestellung

»Achieving a chemical weapons-free world: How can we

ensure chemical weapons never remerge?«. So lautete

die diesmal vom eingeladenen Friedensnobelpreisträger,

Ahmet Üzümcü, vorgenommene Konkretisierung der für die

Friedenswettbewerbe an der Frauenkirche allgemein geltenden,

leitmotivischen Fragestellung »Was können wir heute

tun, damit die Welt in zwanzig Jahren friedlicher ist?«.

In der Wettbewerbsausschreibung wurden die Jugendlichen

aufgefordert, sich in kleineren Arbeitsgruppen unter

Einbeziehung unterschiedlicher Sichtweisen und Argumente

intensiv zum Thema kundig zu machen und selbst

zu positionieren. Wettbewerbsbeiträge waren in unterschiedlichen

Formaten zugelassen, was die Schülerinnen

und Schüler ermutigen sollte, ihre Talente und Fähigkeiten

vielfältig einzubringen: als Essay, Kurzfilm oder Hörspiel,

multimedial gestaltet bis hin zur Website. Die eingereichten

Arbeiten bezeugen eindrücklich, mit welch hoher Mo-

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Junge Friedensvisionäre

Zum zweiten Mal hatte die Stiftung Frauenkirche Dresden

zu einem sachsenweiten Schülerwettbewerb aufgerufen.

59 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten dem Ruf nach

kreativen Lösungsansätzen für eine friedlichere Welt. Mit

jugendgemäßen Darstellungsformen widmeten sie sich

dem von Generaldirektor Ahmet Üzümcü gestellten Wettbewerbsthema

»Für eine chemiewaffenfreie Welt: Wie können

wir erreichen, dass Chemiewaffen nie wieder zum Einsatz

kommen?« und reichten u.a. Blogs, Webseiten, Videos und

künstlerische Bearbeitungen ein.

Eine Jury aus Experten (Botschafter Dr. Christoph Israng

von der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik

Deutschland bei der OVCW in Den Haag, Staatssekretär

Dr. Frank Pfeil vom Sächsischen Staatsministerium für Kultus

sowie Dr. Oliver Meier von der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik

der Stiftung Wissenschaft und Politik), Studierenden

und Schülern, die am letzten Wettbewerb teilgenommen

hatten, benannte drei Preisträger. Sie bekamen die Möglichkeit,

einen thematisch gestalteten Tag in der Frauenkirche

zu erleben, mit Generaldirektor Üzümcü ins Gespräch zu

kommen und als Ehrengäste seiner Rede beizuwohnen.

tivation und Kompetenz die Schülerinnen und Schüler,

vermittelt über ihre Lehrer, sich der Aufgabenstellung

widmeten. Die Auswahl der drei Preisträger oblag

einer Jury, für die hochrangige Vertreter aus Wissenschaft

und Politik gewonnen werden konnten. Hinzu kam eine

studentische Stimme, die gemeinsam von drei jungen Frauen

abgegeben wurde, deren bisherige projektbezogene

Mitwirkung in der Friedensarbeit an der Frauenkirche

sie als Jury-Mitglieder qualifizierte. Dass sich zudem vier

Schülerinnen und Schüler, die zu den Preisträgern des

letzten Friedenswettbewerbs gehörten, in die Jury-

Entscheidung einbrachten, setzte im fortlaufend angelegten

Wettbewerbsgeschehen einen nachhaltigen Akzent.

Der ausgelobte Wettbewerbspreis eröffnete den jugendlichen

Gewinnern die einzigartige Gelegenheit, in der persönlichen

Begegnung mit Ahmet Üzümcü in der Unterkirche der

Frauenkirche die Ergebnisse ihre Arbeit vorzustellen und

ihn im Rahmen eines nichtöffentlichen Gesprächs zu seiner

Tätigkeit als Generaldirektor der Organisation für das

Verbot chemischer Waffen (OVCW) aber auch zu seiner ganz

alltäglichen Lebenswirklichkeit zu befragen. Im Rahmen

dieser exklusiven Begegnung wurden die drei Preisträgergruppen

durch die Überreichung der Siegerurkunden

geehrt, an die sich eindrücklich der Gesang eines eigens

für den Friedenswettbewerb von Schülern komponierten

Liedes anschloss. Die besondere Ehre, einen verdienstvollen

AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 21


»Politiker hautnah zu erleben« und im Austausch mit ihm

»die Wichtigkeit des Friedens neu kennenzulernen und zu

erfahren«, blieb den Schülerinnen und Schülern in »unvergesslicher

Erinnerung«. Wie sehr die jungen Menschen in der

ihnen durch diese Begegnung entgegengebrachten Wertschätzung

sich auch in die Pflicht genommen fühlten, zukünftig

weltweit für Frieden und Versöhnung einzutreten, zeigten

die vielen erhobenen Hände auf die an sie gerichtete Frage,

wer sich später einmal eine Tätigkeit im diplomatischen Dienst

vorstellen könne. Die von Ahmet Üzümcü völlig überraschend

ausgesprochene Einladung an die frisch gekürten Preisträger,

nach Den Haag zu kommen, die OVCW näher kennenzulernen

und ihre Wettbewerbsbeiträge einer internationalen

Öffentlichkeit vorzustellen, wird sich sicher bekräftigend auf

den Vorsatz einer solchen beruflichen Laufbahn auswirken.

Dass die Friedensnobelpreisträgerrede in der Frauenkirche

ihren richtigen Ort hat, erfuhren die Schülerinnen und

Schülern in einer der persönlichen Begegnung mit Ahmet

Üzümcü zeitlich vorgeschalteten, ganzheitlich angelegten

Erkundung des Gotteshauses. Von der Unterkirche

bis zur Aussichtsplattform führte der Weg und stellte an

ausgewählten Stationen die Frauenkirche als Lernort des

Friedens vor. »Schweige und höre. Neige deines Herzens

Ohr. Suche den Frieden.« – Nach kurzem Vorsingen fielen

viele junge Stimmen nach und nach in den eingängigen

Benediktinergesang ein und ließen die Unterkirche als

Klangraum erfahrbar werden: im dialogischen Singen,

zuschreitend auf den Altarstein in der Raummitte. Welche

Funktionen dem Raum in vormaliger Zeit eigneten: als

Begräbnisstätte, Kirchenkeller, Schutzraum im Zweiten

Weltkrieg und Ort erfüllten kirchlichen Lebens während

des Wiederaufbaus, vermittelte sich im Erzählen, gelenkten

Wahrnehmen und Betrachten. Entlang der sichtbaren Spuren

von Krieg und Zerstörung, Verwundung und Heilung führte

der Lernweg in den Kirchenraum, wo Beispiele der während

des Wiederaufbaus geleisteten Versöhnungsarbeit genauer

in den Blick genommen wurden: das neue Turmkreuz, die

Flammenvase aus Gostyn und das Nagelkreuz auf dem Altartisch.

Die thematische Setzung der Kirchenerkundung orientierte

sich an der den unterschiedlichen, baulichen Ebenen

des Gotteshauses innewohnenden inhaltlichen Ausrichtung.

Regen existenzielle Themen wie Tod und Auferstehung,

Zerstörung und Neubeginn in der Unterkirche zur historischen

Besinnung an, liegt im Kirchenraum darüber der

Akzent vorrangig auf der Gestaltung von Gegenwart:

Hier ist der Hauptort des heutigen Lebens in der Frauenkirche.

Der weitere Weg nach oben legt die Ausrichtung auf

Zukunft nahe. So wie die Kuppel der Frauenkirche weithin

sichtbar ist und der Blick von der Aussichtsplattform sich

22 | AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


»Die Idee, an einem Friedenswettbewerb teilzunehmen,

begeisterte unsere ganze Klasse auf Anhieb. Wir erstellten

einen Blog, um vor allem junge Menschen auf das Thema

aufmerksam zu machen und freuten uns darüber,

dass wir gewonnen hatten. Der Tag der Preisverleihung

war schön. Die Möglichkeit, uns zu Beginn zu Fragen

zu positionieren, war eine tolle Art, einander kennen zu

lernen und unser Wissen zu testen. Wir haben gesungen

und uns besonnen, viel Neues erlebt und die Frauenkirche

kennen gelernt. Dass wir uns in der Wunschwelt verewigen

konnten, ist ein schönes Gefühl. Der Tag war sehr

informativ und ich konnte viel über Chemiewaffen lernen.«

Marie-Louise Abolmaali

»Ich fand den Tag interessant und aufschlussreich.

Er erinnerte aber auch daran, was wir tun sollten und können,

um einen Beitrag zum Frieden dieser Welt zu leisten.

Die Geschichte der Frauenkirche mahnt uns alle und der

Tag gab mir die Möglichkeit, die Frauenkirche anders zu

betrachten: als Zeichen für den Willen, die Welt ein Stück

besser zu machen. Am besten fand ich das Gespräch mit

Generaldirektor Üzümcü, weil ich viel über seine Arbeit und

die Organisation erfahren habe. Ich bin froh, dass ich an

diesem Projekt teilgenommen habe, da es mir die Gelegenheit

gab, die Wichtigkeit des Friedens neu kennen zu lernen.«

Magnus-Benedikt Zühlke

»Der Tag in der Frauenkirche war ein spannendes Erlebnis.

Wir haben viel über den Ort als Symbol des Friedens erfahren,

was faszinierend war. Ich habe mich intensiv mit dem

Thema »Krieg und Frieden« beschäftigt und wurde dazu

inspiriert, mir ein eigenes Bild zu schaffen. Ich denke, es

ist sehr wichtig, Jugendliche wie uns auf dieses Thema aufmerksam

zu machen, weshalb ich die Aktion der Frauenkirche

richtig gut finde. Natürlich war auch das Gespräch mit

Generaldirektor Ahmet Üzümcü sehr interessant. Alles in

allem hatte ich einen spannenden, lustigen, aber auch

nachdenklichen Tag, den ich nicht so schnell nicht vergessen

werde.« Carolin Maßloch

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in die Weite richtet, weist die Botschaft der Frauenkirche in

eine kommende Welt des Friedens, die aus einer erneuerten

Beziehung der Menschen zu Gott, zu einander und zur

Schöpfung hervorgeht.

Im Hauptkuppelraum befindet sich die »Wunschwelt«.

Wer den Wendelgang zur Aussichtsplattform hinaufgeht

und durch die Verglasung nach innen schaut, sieht

die in einem Aufsteller dauerhaft platzierte, transparente

Erdkugel, in der sich neben orangen Papierkranichen nun

auch Würfel, bedruckt mit der Angabe einzelner chemischer

Elemente aus dem Periodensystem (PSE) befinden.

Die Kraniche wurden von den Preisträgern des 2013

ausgelobten Schülerwettbewerbs gefaltet, als Friedensnobelpreisträger

Dr. Mohamed ElBaradei, ehemaliger Generaldirektor

der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO), in

der Frauenkirche zu Gast war, mit den Schülern ins Gespräch

kam und abends eine öffentliche Friedensrede hielt. Innen

oder außen auf das Papier, aus dem die Kraniche gefaltet

sind, haben die vormaligen Preisträgerinnen und Preisträger

ihre Wünsche für eine friedlichere Welt geschrieben. In

Anlehnung an die Ausrichtung des Friedensengagements

des diesjährigen Gastes für das Verbot chemischer Waffen,

fertigten die Jugendlichen diesmal Würfel aus Papier,

auf denen chemische Elemente in PSE-Form dargestellt

waren und notierten darauf ihre Friedenswünsche. Welche

konkreten Möglichkeiten Generaldirektor Ahmet Üzümcü

für das Eintreten für eine friedlichere Welt sieht, erläuterte

er ausführlich in seiner öffentlichen abendlichen Friedensnobelpreisträgerrede,

die für die Schülerinnen und Schüler

den Abschluss eines erlebnisreichen Tages in der Frauenkirche

bildete.

Zu wissen, »dass der eigene Wunsch nun durch die Wunschwelt

in der Frauenkirche aufbewahrt wird«, bestärkte die jungen

Menschen in ihrer Verantwortung für die Zukunft und

mündete in der Erkenntnis, »dass dieser Tag zu neuen Projekten

für eine friedliche Welt anspornt«.

Dr. Anja Häse

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Die Siegerbeiträge des Schülerwettbewerbs

Drei Einreichungen wurden von der Jury ausgewählt, weil sie in der Bearbeitung des

Themas und der Wahl der Darstellungsform als besonders gelungen herausstachen.

»Welt mit Chemiewaffen«

Einreichung von 10 Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 10

des Evangelischen Kreuzgymnasiums Dresden

Blog, der sich u. a. künstlerisch durch Fotos und Lyrik mit dem

Vorhandensein von Chemiewaffen auseinandersetzt

worldwith-out-chemicalweapons.tumblr.com

»Welt ohne Chemiewaffen«

Einreichung von 22 Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 10

des Semper Gymnasiums Dresden

Informations- und Diskussionsportal mit Beiträgen zur Geschichte,

zur rechtlichen Lage und zu Folgen des Einsatzes von Chemiewaffen

weltohnechemiewaffen.wordpress.com

Mit einer eindrucksvollen Kombination aus literarischen und

selbstverfassten Texten sowie bewegend inszenierten schwarzweiß

Fotografien bearbeitete eine zehnköpfige Dresdner

Schülergruppe das gestellte Wettbewerbsthema. Jugend- und

zeitgemäß wählte sie als Präsentationsform die Blogging-Plattform

Tumblr, auf der Nutzer ihre Texte und Bilder in einem

Weblog eigenständig veröffentlichen können.

Die Schüler selbst beschreiben ihre Einreichung als den Versuch,

ihre eigenen Assoziationen zu Chemiewaffen bildlich

darzustellen. Die Fotos zeigen junge Menschen in Situationen

der Verunsicherung, des Schmerzes und der Angst. Literarische

Texte und eigene Statements vertiefen die visuellen Botschaften

weiter. Der Blog kulminiert in der Selbsterkenntnis, dass die

Auseinandersetzung mit dem Thema den Schülern verdeutlicht

habe, wie fern ihnen einerseits das Thema in ihrem Alltagsleben

sei und andererseits ein Bewusstsein dafür geschaffen werden

müsse, das dies eben keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Jury würdigte insbesondere die »ästhetisch hochwertig

gestalteten Fotografien, die in ihrer Trostlosigkeit das Entsetzen

über den Einsatz chemischer Waffen überzeugend

ausdrücken«. Die sehr authentische und

kreative Auseinandersetzung mit dem Thema

hinterlasse einen bleibenden Eindruck.

Für den zweiten prämierten Beitrag hatte eine ganze Klasse

zusammengearbeitet. Die 15- bis 16-jährigen Schülerinnen

und Schüler erstellten eine umfangreiche Materialsammlung,

die multimedial aufbereitet und in Form eines Online-

Informationsportals mit deutschen und englischen Beiträgen

präsentiert wurde.

Kritisch setzten sich die Autorinnen und Autoren mit dem

Status quo auseinander, diskutierten Wege zu einer chemiewaffenfreien

Welt und setzten sich zudem mit der Geschichte

und den Folgen der Verwendung chemischer Waffen

auseinander. Sogar ein selbsterstelltes Erklärvideo wurde eingebunden

und ein Song geschrieben, eingespielt und präsentiert,

sodass die Beschäftigung mit dem Wettbewerbsthema in

bemerkenswerter Breite erfolgte.

Die Jury hob die umfangreiche Rechercheleistung und die tiefgründige

Auseinandersetzung mit der Wettbewerbsthematik

hervor. So wurden die Erkenntnisse nicht nur aneinandergereiht,

sondern mit verschiedenen Stilmitteln hervorragend

aufbereitet. »Bemerkenswert sind dabei die Kreativität und

künstlerische Qualität. Es gibt Videos, Texte und ein eigenes

Lied, sogar an ein Essay haben sich die Schüler

gewagt. Der Blog vermittelt damit ein umfassendes

Bild zum Thema, ist abwechslungsreich

und spannend zu lesen.«

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»Keine Lösung – kein Problem?«

Einreichung von 10 Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe 10

des Evangelischen Kreuzgymnasiums Dresden

Webseite, die anhand einer Straßenumfrage zeigt, wie wenig über

Chemiewaffen bekannt ist und dies mit Informationen kontrastiert

site.kreuzgymnasium.de/site/gk_wbs/index

Jugendlich provokant führen die Autorinnen und Autoren

dieses Beitrages die geringe öffentliche Beachtung der

Chemiewaffenthematik vor Augen. Mittels einer spontanen

Straßenumfrage decken sie auf, wie unzulänglich das

Wissen über den Einsatz, die Wirkungskraft und die

Folgen der Verwendung chemischer Kampfstoffe in der

allgemeinen Bevölkerung ist. Dem stellen die Schüler

eigenrecherchierte Informationen zu den abgefragten

Bereichen gegenüber und präsentieren dies auf einer

Webseite.

worldwith-out-chemicalweapons.tumblr.com

Selbstkritisch kommen die Schüler zu dem Schluss, dass

Einzelpersonen gegen Chemiewaffen zwar nur wenig

ausrichten können, andererseits durch Information und

Engagement zumindest »ein kleines aber deutliches

Ausrufezeichen gesetzt werden kann«.

Prämiert wurde die Einreichung u.a. aufgrund ihres kontrastiven

Ansatzes. Dieser stellt zunächst die begrenzte Beachtung

des Themas heraus, bleibt aber dabei nicht stehen und

trägt relevante Fakten zusammen. »Der Beitrag verdeutlicht

den Mangel an gesellschaftlicher und politischer Aufmerksamkeit,

die dem Thema Chemiewaffen entgegengebracht

wird«, so die Jury. Den Beitrag mache wertvoll, dass er »den

Widerspruch zwischen Bedrohung und mangelndem

Bewusstsein in den Mittelpunkt stellt

und klarmacht, dass es für dieses Problem

keine einfachen Antworten gibt.«

weltohnechemiewaffen.wordpress.com

site.kreuzgymnasium.de/site/gk_wbs/index

AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 27


Sächsische Schüler beim OVCW-Tag in Den Haag

Den Preisträgern des Friedenswettbewerbs wurde nachträglich

noch eine besondere Ehre zuteil. Auf Initiative und

Einladung von Generaldirektor Üzümcü durften die drei

Schülergruppen am 1. OVCW-Tag in Den Haag teilnehmen.

Dort waren sie aktiv ins Programm eingebunden und konnten

ihre Wettbewerbsbeiträge einem internationalen Publikum

vorstellen, mit Diplomaten ins Gespräch kommen und ihren

Song »One mistake« vor 100 Delegierten aufführen.

Die Reise wurde unterstützt durch die Ständige Vertretung der

Bundesrepublik bei der OVCW, die ein hochwertiges Rahmenprogramm

für die Schülerinnen und Schüler zusammengestellt

hatte. Es bot Einblicke in die Welt der Diplomatie, in den

Forschungsalltag und in die internationale Gerichtsbarkeit.

Im Laufe der zweitägigen Reise erfuhren die Schülerinnen und

Schüler sehr viel über das internationale Ringen um Abrüstung

und Frieden auf unterschiedlichsten Ebenen.

28 | AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


Zwei Tage als Special Guests in Den Haag – Ein Schülerbericht

»Morgens Teilnahme an einer internationalen Konferenz

zum Verbot von Chemiewaffen ... schneller Transfer zum

Empfang in die Deutsche Botschaft ... am nächsten Tag auf

einen Schwatz im Internationalen Strafgerichtshof mit dem

deutschen Richter dort, dem ehemaligen Vorsitzenden des

Bundesgerichtshofes. Das klingt wie ein Tag im Leben eines

europäischen Diplomaten, doch für uns war es das Programm

einer Reise nach Den Haag.

Aber der Reihe nach! Im Januar hatten wir am Friedenswettbewerb

der Frauenkirche Dresden teilgenommen. Friedensnobelpreisträger

Ahmet Üzümcü, der den Preis 2103 für die

Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons entgegengenommen

hatte, hatte aufgerufen, über die Möglichkeit

einer chemiewaffenfreien Welt nachzudenken. Unsere Beiträge

überzeugten die Jury und wir trafen Ahmet Üzümcü.

Was dann folgte, hatten wir aber nicht erwartet. Generaldirektor

Üzümcü lud uns in das OVCW-Hauptquartier ein.

Jetzt fing die internationale Politik erst richtig für uns an!

Beim OVCW Day, einer mehrtägigen Konferenz zur Verhinderung

des Einsatzes von Chemiewaffen, nahmen wir als Gäste

teil und versuchten, Dresden und den Freistaat Sachsen

würdig zu vertreten. Nach der Übergabe eines Grußes von

Ministerpräsident Stanislaw Tillich erzählten Praktiker von

ihrem Einsatz gegen Chemiewaffen. Immer wieder kamen

wir dabei auf das Thema Syrien zu sprechen. Ein ehemaliger

Oberst der belgischen Armee berichtete von seinen Untersuchungen

vor Ort. Besonders spannend wurde es immer dann,

wenn es um Dinge ging, die sonst nicht in die Öffentlichkeit

dringen. Auch sonst fühlten wir uns wie »special guests«,

besonders dank der Begleitung durch die deutsche Ständige

Vertretung bei der OVCW und Botschafter Dr. Israng.

Wie werden Chemiewaffen eigentlich deaktiviert, wie wird

nach ihnen gefahndet? Im OVCW-Labor erfuhren wir es praktisch

und bekamen einen Einblick in den Werkzeugkoffer der

Organisation – von Detektoren über Schutzanzüge bis zu kugelsicheren

Westen. Gänsehaut brachte der erste Abend zum

Glück wegen etwas Schönem: Zusammen mit den Schülern

des Semper Gymnasiums sangen wir deren Song »One Mistake«

vor über 100 Delegierten im Hauptquartier der OVCW.

Der zweite Vormittag begann mit blauem Himmel und

endete trotzdem mit bedrückten Gesichtern. Wir besuchten

den neu eingeweihten Sitz des Internationalen Strafgerichtshofes.

Richter Dr. Bertram Schmitt erzählte von seiner Arbeit.

Selten haben wir das internationale Recht so anschaulich und

sympathisch vorgestellt bekommen. Als wir anschließend als

Zuhörer einer Verhandlung bewohnten, ließ es keinen kalt:

Bosco Ntaganda, ein kongolesischer Militär, musste sich gerade

für Grausamkeiten im dortigen Bürgerkrieg verantworten.

In den Zeugenaussagen kamen fürchterliche Details zur

Sprache. Danach zurück in die Frühlingsluft zu treten, war

ein ziemlicher Kontrast.

Zurück in der Innenstadt wartete wieder ziemlich leckere

Diplomatie auf uns: In der Residenz des deutschen Botschafters

waren wir zum Mittagessen eingeladen und konnten

unter dem Blick – oder wenigstes dem Bild – von Bundespräsident

Gauck auf dem Sofa sitzen. Eine überraschende

Erkenntnis aus Den Haag: Der deutsche Botschafter hat einen

Kickertisch im Garten!

Das waren nur ausgewählte Highlights aus gerade einmal

zwei Tagen. Unser Lehrer Dr. Nicht hat gezählt, dass das

Programm insgesamt 14 Punkte und die Begegnung mit 11

Politikern, Diplomaten, Wissenschaftlern und technischen

Experten beinhaltete.

Vielleicht motiviert es jetzt einige von uns zur Arbeit als Chemikerinnen,

zur Laufbahn in den diplomatischen Dienst oder

zieht uns einfach hinaus ins bunte Europa.«

Rahel Gebhard, Evangelisches Kreuzgymnasium Dresden

AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 29


»Es besteht der Verdacht, dass der

‘Islamische Staat’ Senfgas selbst herstellt«

Dr. Rainer Hermann sprach aus Anlass der Friedensnobelpreisträgerrede in der

Frauenkirche mit Generaldirektor Ahmet Üzümcü über die aktuelle Lage hinsichtlich

des Einsatzes von Chemiewaffen.

Herr Üzümcü, in Syrien ist die Zerstörung der Chemiewaffenbestände

und Produktionsstätten für Chemiewaffen offiziell

abgeschlossen. Dennoch gibt es immer wieder Angriffe mit

Giftgasen. Wie ist das möglich?

Seit die OVCW in Syrien mit der Zerstörung der Chemiewaffen

begonnen hat, wurden keine Nervengase mehr

eingesetzt, aber Chlorgas und zuletzt Senfgas. Berichtet

wurden 80 bis 90 Fälle, nicht alle konnten wir untersuchen,

um den Sachverhalt zu verifizieren. Die syrische Opposition

behauptet, die Regierungstruppen setzten gepresstes Chlorgas

in Fassbomben ein, die von Hubschraubern abgeworfen

wurden. Das konnten wir nicht verifizieren.

Haben Sie Erkenntnisse, dass auch Senfgas eingesetzt wurde?

Experten fanden im vergangenen Jahr heraus, dass nahe

Aleppo Senfgas eingesetzt wurde. Behauptet wurde, der

»Islamische Staat« sei dafür verantwortlich gewesen. Auch

im Irak gibt es Hinweise für den Einsatz von Senfgas, wahrscheinlich

ebenfalls durch den IS. Es besteht der Verdacht,

dass der IS das Senfgas selbst herstellt, was für uns eine große

Sorge ist. Dann könnte er auch andere Waffen herstellen.

Versteckt die syrische Regierung einen Teil ihrer früheren

Chemiewaffenbestände?

Einige Mitgliedstaaten glauben, dass Syrien weiter einige

Chemiewaffen besitzt, die nicht deklariert wurden. Die technischen

Experten des »Declarations Assessment Team« (DAT)

sollen das klären. Sie reisten bereits 14 Mal nach Damaskus.

Neue Fragen betreffen etwa die Produktionsstätten für Rizin

oder frei fallende Bomben; beides wurde erst nachträglich

deklariert. Die Regierung sagt, sie habe viele frei fallende

Bomben in konventionelle Bomben umgerüstet, wir haben

aber kein Beispiel gesehen. Offen ist auch die Menge des

Senfgases, die vor dem Beitritt Syriens zur Konvention zerstört

wurde. Dieser Prozess ist nicht abgeschlossen. Ich werde dem

Exekutivrat des OVCW dazu im März einen Bericht vorlegen.

Was ist Ihnen über die Chemiewaffenfähigkeiten nichtstaatlicher

Akteure wie dem IS bekannt?

Wenig. Wir wissen, dass einige frühere irakische Soldaten,

die unter Saddam Hussein am Chemiewaffenprogramm

beteiligt waren, für den IS arbeiten. Bewahrheiten sich die

jüngsten Behauptungen zu Senfgas, das gegen Kurden im

Irak eingesetzt wurde, müsste es der IS selbst hergestellt haben.

Sollte das zutreffen, müsste das sehr beunruhigen. Die

Materialien sind nicht schwierig zu beschaffen. In frühen

Stadien des Konflikts wurden in Mossul Ausrüstungen gefunden,

die dem IS zugeschrieben wurden und zur Herstellung

von Chemiewaffen im Labormaßstab gedient haben.

Was muss man tun, damit weder die Regierung in Damaskus

noch nichtstaatliche Akteure Chemiewaffen und die dafür erforderlichen

Substanzen in die Hände bekommen?

Es ist Aufgabe der Mitgliedstaaten zu verhindern, dass diese

Materialien in die Hände nichtstaatlicher Akteure und Terroristen

gelangen. Im Jahr 2001 haben wir eine Arbeitsgruppe zu

Terrorismus eingerichtet, die sich mit der Gefahr durch nichtstaatliche

Akteure beschäftigt.

30 | AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


Untergräbt der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien die

Glaubwürdigkeit der OVCW?

Es liegt kein einziger Bericht verbotener Aktivitäten von auch

nur einem der 192 Mitgliedstaaten der OVCW vor. Jeder soll

zur Rechenschaft gezogen werden, der Chemiewaffen einsetzt,

ob ein Staat oder ein Individuum. Nur so kann man

die Aushöhlung der Chemiewaffenkonvention verhindern. In

Syrien führte die Zerstörung von Chemiewaffen zwar nicht

zum Frieden, leitete aber einen politischen Prozess ein und

förderte die Bereitschaft zur Konfliktbewältigung.

Die Chemiewaffenkonvention ist eine der erfolgreichsten

Abrüstungsinitiativen überhaupt. Weshalb ist sie erfolgreicher

als die Abrüstung von Atom- und biologischen Waffen?

Der Einsatz von Chemiewaffen im irakisch-iranischen Krieg,

insbesondere gegen Zivilisten, war ein Katalysator für die

Chemiewaffenkonvention, die 1992 verabschiedet wurde.

Sie ächtet Chemiewaffen und behandelt alle Mitgliedstaaten

gleich. Kein Land hat das Recht, Chemiewaffen zu

besitzen, alle Bestände müssen unter internationaler Aufsicht

zerstört werden. Wichtig ist die Verifikation, mit der die Angaben

zu den Beständen und Anlagen überprüft werden.

Dazu brauchen wir das Commitment und die Compliance

der Mitgliedstaaten sowie die Kooperation von Akteuren wie

der chemischen Industrie und die Unterstützung der Wissenschaft.

Weshalb funktioniert das nicht bei Atom- und biologischen

Waffen?

Bei biologischen Waffen fehlt ein vergleichbarer Verifikationsmechanismus.

Bei Atomwaffen ist die Nichtverbreitung

von Nuklearwaffen zu einem großen Teil sichergestellt, die

Zahl der Gefechtsköpfe wurde reduziert, und Länder haben

sich zu einem Verzicht auf Atomwaffentests verpflichtet.

Sollte das Ziel des »global zero«, das Präsident Obama 2009

formulierte, naherücken, wäre der Verifikationsmechanismus

bei chemischen Waffen ein gutes Modell für die Atomwaffen.

Bei Chemiewaffen hat die Verifikation funktioniert, 91 Prozent

aller Chemiewaffenbestände sind zerstört. Kann ein Land aber

auch etwas verstecken?

Natürlich. Staaten sind aber nicht mehr am Besitz von Chemiewaffen

interessiert. Der Einsatz von Chemiewaffen

wurde obsolet, da man sich heute in einem Krieg dagegen

schützen kann und da effizientere konventionelle Waffen

entwickelt wurden. Hinzu kommt der inhumane Charakter

dieser Waffen. Die Zerstörung von Chemiewaffen ist sehr teuer,

arbeitsintensiv, dauert Jahre. In den vergangenen 19 Jahren

haben die Vereinigten Staaten 90 Prozent zerstört, die Russische

deration 92 Prozent, zusammen fast 70.000 Tonnen.

Die Russische Föderation will in vier Jahren chemiewaffenfrei

sein, die Vereinigten Staaten in bis zu sieben Jahren. Jedes Mitgliedsland

muss seine Bestände selbst zerstören. Syrien war

eine Ausnahme. Da Syrien das nicht finanzieren konnte, taten

sich die OVCW und die UN zusammen.

Herr Üzümcü, in Dresden sagten Sie in der Reihe der Reden

von Friedensnobelpreisträgern, Abrüstung sei nichts anderes

als die Wiederaufrüstung unserer Menschlichkeit. Kann die

OVCW im Jahr 2023 die Welt für chemiewaffenfrei erklären?

Vielleicht mit Ausnahme Nordkoreas, das mutmaßlich Chemiewaffen

besitzt. Wir wissen nicht, was und wie viel. Hoffentlich

treten in den kommenden Jahren Israel und Ägypten

der Konvention bei, bei Südsudan ist es eine Frage der Zeit.

Diese vier Länder gehören noch nicht der Konvention an. Nach

dem Beitritt Syriens hat sich die Lage in der Region verändert.

Früher wurden in Israel Gasmasken verteilt, das geschieht

heute nicht mehr. Ägypten koppelt sein Chemiewaffenprogramm

an die nuklearen Möglichkeiten Israels und will es so

lange nicht aufgeben, bis Israel dem Nichtverbreitungsvertrag

beitritt. Ich finde aber, die Chemiewaffenkonvention soll für

sich selbst stehen und nicht an etwas anderes geknüpft werden.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.02.2016, Politik, Seite 2

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 31


»Deutsche Sicherheitspolitik im Zeichen

islamistischer Bedrohungen«

Im Rahmen eines Abendessens im kleinen Kreis reflektierte Dr. Karl-Heinz Kamp,

Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, die Friedensnobelpreisträgerrede 2016

Will man die besonderen Herausforderungen, welche die aktuellen

Entwicklungen für Deutschland, Europa und die transatlantische

Gemeinschaft darstellen, möglichst knapp erörtern,

so bieten sich drei Leitfragen an: Wo steht Deutschland

heute? Was bedeuten die Umbrüche in der islamischen Welt?

Wie kann man auf diese Gefahren reagieren?

Wo steht die deutsche Politik?

Künftige Historiker dürften das Jahr 2014 als einen Wendepunkt

in der internationalen Politik betrachten, der in seinen

Auswirkungen denen des 11. September 2001 recht nahe

kommt. Natürlich erscheint »Nine Eleven« kurz nach der

Jahrtausendwende in seiner medialen Wirkung und seinen

nachhaltigen Effekten wesentlich dramatischer. Der Veränderungsdruck

für die deutsche und europäischer Politik, der

sich aus den Geschehnissen des Jahres 2014 ergibt – allen

voran Russlands neuer Imperialismus und die Umbrüche in der

islamischen Welt – ist aber ähnlich hoch. Folglich wird die

internationale Sicherheitspolitik im Jahr 2016 und in den

Folgejahren grundlegend anders aussehen, als man es 2014

vorhergesehen hatte.

Das Jahr 2014 steht für einen weiteren Gezeitenwechsel –

allerdings vor allem rein auf deutscher Ebene. Gleich zu

Anfang des Jahres versprachen drei deutsche Spitzenpolitiker

auf der Münchner Sicherheitskonferenz ein größeres deutsches

Engagement in internationalen Krisen und Konflikten

und lösten damit eine breite Debatte aus. In den Medien fand

sich der Vorwurf von der »Militarisierung der Außenpolitik«

und weite Teile der deutschen Öffentlichkeit reagierten ablehnend,

weil man sich doch allzu wohlig in der Nische des

Heraushaltens aus den internationalen Verstrickungen – sofern

sie nicht Export und Handel betrafen – eingerichtet hatte.

Deutschlands Nachbarn und Verbündete horchten zwar auf,

wollten aber kaum an eine wirkliche Neuausrichtung der deutschen

Außen- und Sicherheitspolitik glauben. Zu lange hatten

ganze Politikergenerationen den Grundsatz von der »Kultur

der Zurückhaltung« hochgehalten.

Heute, zwei Jahre nach den Ankündigungen des Bundespräsidenten,

des Außenministers und der Verteidigungsministerin

reibt sich gerade das Ausland erstaunt die Augen. Deutschland

zeigt Entschlossenheit gegenüber Russland, führt in der

Europäischen Union, ist militärisch stärker im internationalen

Krisenmanagement wie beispielweise in Syrien oder im

Norden Malis, engagiert und liefert sogar Waffen an die

Peshmerga-Verbände im Irak. Selbst der Verteidigungshaushalt

wird erhöht, ohne dass dies zu nennenswerten Protesten führt.

Allerdings erfährt Deutschland auch die negativen Konsequenzen

zunehmender Führungs- und Verantwortungsbereitschaft.

Erstens, wer führt erntet meistens Kritik, ganz gleich

welche Richtung eingeschlagen wird. Großmächte wie die

USA sind mit diesem »damned if you do and damned if you

don’t« schon lange vertraut. Deutsche Politik und Öffentlichkeit

reagieren demgegenüber noch häufig überrascht, wenn

ihre Vorschläge nicht auf allgemeine Begeisterung treffen.

Zweitens müssen sich die politischen Akteure in Deutschland

eingestehen, dass selbst engagierte Führung, breites Engage-

32 | AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


ment, umfassende Strategien und richtiges Handeln nicht

automatisch alle Probleme lösen. Offenbar sind, angesichts

der Vielzahl der akuten Krisen, dem politischen Gestaltungsspielraum

heute Schranken gesetzt. Diese Erkenntnis in die

Begrenztheit des eigenen Handelns ist gelegentlich frustrierend.

Das wird in keinem Feld so schmerzhaft deutlich, wie

bei den Umbrüchen südlich und südöstlich des Mittelmeers.

Was bedeuten die chaotischen Entwicklungen im

Mittleren Osten und in Nordafrika?

Angesichts der Radikalität der Veränderungen und den Ausbrüchen

massiver Gewalt im Mittleren Osten verbietet es

sich, von Krisen oder Revolutionen im herkömmlichen Sinne

zu sprechen. Solch klassische Umstürze enden gewöhnlich

nach einer Weile und führen zu einer neuen Ordnung –

ob diese sich als begrüßenswert oder tragfähig erweist, sei

dahingestellt. Stattdessen beobachtet man in Teilen der

islamischen Welt des Mittleren Ostens und in Nordafrika eine

dauerhafte Erosion von Staatlichkeit und Ordnung. Staaten

wie Libyen, Syrien oder der Irak zerfallen. Langjährige Grenzen

lösen sich auf und weichen grenzüberschreitenden Kalifaten.

Der Staat verliert nicht nur sein Gewaltmonopol, sondern

auch die Fähigkeit, seine Autorität und seinen Ordnungsanspruch

auf eigenem Territorium durchzusetzen. Experten für

die Region vergleichen die Situation mittlerweile mit der Zeit

des Dreißigjährigen Krieges, in der religiöse, kulturelle und

machtpolitische Gegensätze aufeinanderprallten, Europa für

Jahrzehnte ins Elend stürzten und letztlich das Zeitalter der

Aufklärung einleiteten. Überträgt man diese Analogie, so

könnte es sich bei den aktuellen Entwicklungen ebenfalls um

eine historische Auseinandersetzung in der Region handeln,

die bis zur Erschöpfung geführt wird und – hoffentlich – in

einer Modernisierung und Verweltlichung endet.

Die Konsequenzen eines solchen Zerfalls staatlicher Ordnung

sind fatal: Verschwinden Staaten und Regierungen,

so schwinden auch die Möglichkeiten einer Stabilisierung von

außen – es gibt niemanden, an dessen Seite oder gegen den

man politisch, wirtschaftlich oder militärisch intervenieren

kann. Die Lage in Libyen illustriert das exemplarisch: In einem

Land mit zwei konkurrierenden Regierungen sowie mit 1.000

bis 1.300 sich gegenseitig bekämpfender Milizen und islamistischer

Gruppierungen sind die Erfolgschancen eines Einwirkens

oder gar Eingreifens von außen äußert gering. Gerade

militärische Interventionen werden auch dadurch erschwert,

dass die Mitglieder von NATO oder EU von einer nachhaltigen

Interventionsmüdigkeit geprägt sind. Die Gesellschaften in

diesen Ländern sind kaum noch bereit, das Leben der eigenen

Soldaten zu riskieren, wenn die Lage nach einem militärischen

Eingreifen – etwa am Beispiel Libyens – schlechter ist als zuvor.

Damit ergibt sich die schwierige Situation, dass die internationalen

Organisationen NATO, EU oder auch die Vereinten

Nationen zwar über die Instrumente des Krisenmanagements

verfügen, diese aber nicht oder nur sehr begrenzt einsetzen

können. Statt die Ursachen regionaler Instabilität angehen zu

können, muss man die Konsequenzen in Gestalt von Flüchtlingsströmen,

Terrorismus und islamistischer Gewalt erleiden.

Diese teilweise Ohnmacht ist neu und trägt ebenfalls zu dem

mit dem Jahr 2014 eingeleiteten Epochenwandel bei.

Was ist zu tun?

Offensichtlich ist diesen zumindest in ihrem Ausmaß neuen

Gefahren nicht mehr mit dem herkömmlichen außen- und

sicherheitspolitischen Instrumentarium zu begegnen. Die

Suche nach neuen Lösungswegen sollte sich von fünf Überlegungen

leiten lassen.

Erstens sollte die Politik sparsam mit der Forderung nach der

Ursachenbekämpfung umgehen. Zwar ist es immer eingängig,

sich den »Root Causes« widmen zu wollen. Allerdings

werden damit Erwartungen erweckt, die sich nur schwer

erfüllen lassen. Das bedeutet keinesfalls ein Plädoyer für

politische Passivität, sondern vielmehr für die Einsicht, dass

AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 33


ergriffene Maßnahmen nicht kurzfristig oder zwangsläufig zu

Erfolgen führen werden. Natürlich sind alle Anstrengungen

zur Befriedung der Lage in Syrien, zur Stabilisierung des Irak

oder zur Verhinderung eines Überschwappens der Gewalt auf

andere Regionen essentiell und benötigen eine breite, internationale

Unterstützung. Wenn es sich bei den aktuellen Auseinandersetzungen

im Mittleren Osten und in Nordafrika aber

um die historische Auseinandersetzung in der muslimischen

Welt handeln sollte, dann werden diese Kämpfe noch Jahre

und Jahrzehnte anhalten. Damit müssen Regierungen – statt

rasche Lösungen anzukündigen – ihre Bevölkerungen mit der

Notwendigkeit strategischer Geduld vertraut machen.

Zweitens folgt aus der Begrenzung bei der Ursachenbekämpfung

die Notwendigkeit, sich auch auf die Symptome wie etwa

Terrorismus und Flüchtlingsbewegungen zu konzentrieren.

Der Migrationsdruck nach Europa wird nicht nachlassen, ganz

gleich welche Bemühungen in den Ursprungsländern unternommen

werden. Dass dies deutlich mehr Ressourcen erfordern

und neben steigenden Verteidigungsausgaben noch

weit höhere Kosten im Bereich der inneren Sicherheit und der

Integrationshilfe nach sich ziehen wird, scheint in der deutschen

Öffentlichkeit allgemein akzeptiert. Die Nagelprobe für

das Verständnis der Herausforderungen wird sich aber dann

ergeben, wenn offensichtlich wird, dass diese Ressourcen nur

aus einer Begrenzung der überdimensionierten und gleichwohl

liebgewonnenen Sozialausgaben gewonnen werden

können. Es wird die Aufgabe der politisch Handelnden sein,

der Versuchung zu widerstehen, notwendige Ausgaben über

weitere Staatsschulden zu finanzieren.

Drittens leben liberale, demokratisch verfasste Gesellschaften

immer in einem Spannungsverhältnis zwischen Freiheit

und Sicherheit. Stärkere Kontrollen der Kommunikation und

der Privatsphäre versprechen mehr Sicherheit, schränken

aber gleichzeitig Freiheitsrechte und Datenschutz ein. Eine

der Konsequenzen islamistischer Gewalt wird sein, dass das

Pendel wieder stärker in Richtung Sicherheit schwingt und

dem Staat mehr Eingriffsrechte zubilligt. Offensichtlich würde

ein solcher Trend in Deutschland mehrheitlich gebilligt,

wie die deutlich nachlassende Debatte über Geheimdienstkooperation,

Datenüberwachung oder die Aktivitäten amerikanischer

Nachrichtendienste in Europa zeigt. Dennoch wird

es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe bleiben, die richtige

Balance zwischen Sicherheitserfordernissen und dem Schutz

der Privatsphäre zu finden.

Viertens wird man sich mit der traurigen Wahrheit vertraut

machen müssen, dass alle Bemühungen um Sicherheit und

Prävention Akte islamistischer Gewalt in Deutschland und

Europa nicht verhindern werden. Das ergibt sich nicht nur

aus statistischer Wahrscheinlichkeit, sondern auch aus dem

Dilemma, dass staatliche Institutionen immer erfolgreich sein

müssen, um einen Anschlag zu verhindern. Terroristen müssen

hingegen nur einmal erfolgreich sein, um eine Katastrophe

auszulösen. Wenn sich aber die Tragödie von Paris im November

2015 jederzeit und überall in Europa wiederholen kann,

dann muss vor allem die Resilienz von Gesellschaften – also

die Fähigkeit, Anschläge zu erleiden, ohne in Panik zu verfallen

– erhöht werden. Dazu gehört, die Öffentlichkeit über

das Ausmaß der Gefahr zu informieren und nicht das Scheinbild

absoluter oder weitgehender Sicherheit zu pflegen. Auf

Regierungs- und Verwaltungsebene erfordert dies regelmäßige

Notfall-Simulationen und Krisenmanagement-

Übungen, um im Bedarfsfall rasch und effizient agieren zu

können. Darüber hinaus bedarf es aber auch einer sachlichen

und effizienten Krisenkommunikation, die neben den staatlichen

Stellen ausdrücklich die Medien einschließt.

Fünftens muss schließlich das Selbstbewusstsein für die eigene

Kultur und das eigene Wertesystem gepflegt werden.

Dazu gehört, die demokratisch-liberale »westliche« Ordnung

gegen Anfeindungen von außen zu verteidigen. Es wurde in

der Vergangenheit oft als politisch inkorrekt angesehen, vom

34 | AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


»Westen« als politische Kategorie zu sprechen, weil dies ja ein

exklusives Konzept sei, das andere ausgrenze und automatisch

einen »Osten« oder »Süden« schaffe. Dieser Einwand gilt

heute nicht mehr. Es ist Russland, das sich selbst als eine

anti-westliche Macht definiert und die Werte des Westens

als Zeichen der Degenerierung ansieht. Auch ist es der

Islamische Staat und die Vielzahl seiner Klone, welche sich

nicht nur anti-westlich sondern anti-zivilisatorisch gerieren. In

dieser Situation ist »der Westen«, der neben dem größten Teil

Europas und Nordamerikas auch voll entwickelte Demokratien

wie Japan, Südkorea, Australien oder Israel umfasst, berechtigt,

seinen eigenen »Way of Life« zu verteidigen. Mit einem

solchen Selbstbewusstsein ausgestattet, muss man nicht die

berühmten Statuen Michelangelos auf dem Kapitol in Rom

verhüllen, nur weil ein Repräsentant eines muslimischen

Staates zu Besuch ist.

Dr. Karl-Heinz Kamp ist der Präsident

der Bundesakademie für Sicherheitspolitik

in Berlin. Der Autor gibt seine persönliche

Meinung wieder.

AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 35


Ahmet Üzümcü

Seine Exzellenz Herr Ahmet Üzümcü wurde im Dezember 2009

durch die Konferenz der Vertragsstaaten auf ihrer 14. Tagung

zum Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer

Waffen (OVCW) ernannt und begann seine erste Amtszeit am

25. Juli 2010. Bei ihrer 18. Tagung im Dezember 2013 bestätigte

ihn die Konferenz der Vertragsstaaten für eine zweite Amtszeit.

Unmittelbar vor seiner Ernennung zum Generaldirektor der

OVCW war er ständiger Vertreter der Republik Türkei am Büro

der Vereinten Nationen in Genf.

Herr Botschafter Üzümcü ist ein Berufsdiplomat mit umfangreicher

Erfahrung in multiateraler Diplomatie. In den zurückliegenden

zehn Jahren hat er die Türkei beim Nordatlantikrat,

der UN-Konferenz für Abrüstung, den Vereinten Nationen

und anderen internationalen Organisationen in Genf

vertreten. Botschafter Üzümcü saß im März 2008 vier

Wochen lang der UN-Konferenz für Abrüstung vor und besuchte

verschiedene Tagungen und Konferenzen zum Thema

Abrüstung, unter anderem in Genf und Brüssel. Er besitzt ein

tiefgreifendes Verständnis und beträchtliche Sachkenntnis bezüglich

politisch-militärischer Angelegenheiten und Fragen der

Abrüstung und Weiterverbreitung.

Zuvor war Herr Botschafter Üzümcü stellvertretender Unterstaatssekretär

für bilaterale politische Angelegenheiten beim

Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der Türkei. Von

Juni 2002 bis August 2004 war er ständiger Vertreter der Türkei

beim Nordatlantikrat in Brüssel. Den Posten des Botschafters

der Türkei in Israel hatte er von 1999 bis 2002 inne. Von 1996

bis 1999 leitete er die Personalabteilung beim Ministerium für

Auswärtige Angelegenheiten in Ankara. Davor hatte er verschiedene

Stellungen beim Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten

sowie in der türkischen Delegation bei der NATO

(1986 – 1989), der türkischen Botschaft in Wien (1979 – 1982)

und als Konsul in Aleppo (1982 – 1984) inne.

Neben seiner Tätigkeit als Diplomat gehörte Herr Botschafter

Üzümcü auf internationaler Ebene von 1989 bis 1994 zum Personal

der politischen Generaldirektion der NATO, wo er an der

NATO-Initiative Partnerschaft für den Frieden unmittelbar nach

dem Kalten Krieg mitarbeitete und viele Reisen in die osteuropäischen

Länder und die ehemalige Sowjetunion unternahm.

Herr Botschafter Üzümcü wurde am 30. August 1951 in Armutlu

in der Türkei geboren und erwarb an der Fakultät Politikwissenschaften

der Universität Ankara einen Bachelorgrad für

Internationale Beziehungen mit Spezialisierung auf öffentliche

Verwaltung. Er spricht fließend englisch und französisch, ist verheiratet

und hat eine Tochter.

Im Dezember 2013 nahm Herr Botschafter Üzümcü den

Friedensnobelpreis 2013 für die OVCW entgegen. Im Januar

2014 zeichnete ihn die Universität Bologna, Italien, mit

der Medaglia d’Onore und dem Sigillum Magnum aus. Im

Dezember 2015 verlieh Seine Exzellenz Herr Laurent Fabius, der

französische Minister für Auswärtige Angelegenheiten und

Internationale Entwicklung, Herrn Generaldirektor Üzümcü

den Rang eines Offiziers in die Ehrenlegion.

36 | AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN


Friedensnobel preisträger 2005 – 2015

2015 »Tunesisches Dialogquartett« Quartet du dialogue national

»für seinen entscheidenden Beitrag zum Aufbau einer

pluralistischen Demokratie in Tunesien infolge der

Jasminrevolution des Jahres 2011«

2009 Barack H. Obama

»für seine außergewöhnlichen Anstrengungen zur

Stärkung der internationalen Diplomatie und der

Zusammenarbeit zwischen den Völkern«

2014 Kailash Satyarthi und Malala Yousafzai

»für ihren Kampf gegen die Unterdrückung von Kindern

und für das Recht aller Kinder auf Bildung«

2008 Martti Ahtisaari

»für seinen bedeutenden, mehrere Kontinente und

mehr als drei Jahrzehnte umspannenden Einsatz für

die Lösung internationaler Konflikte«

2013 Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OVCW)

»für ihre umfangreichen Bemühungen für die Abschaffung

chemischer Waffen«

2012 Europäische Union (EU)

»für über sechs Jahrzehnte, die zur Entwicklung von

Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten

in Europa beitrugen«

2011 Ellen Johnson Sirleaf, Leymah Gbowee

und Tawakkol Karman

»für ihren gewaltlosen Kampf für die Sicherheit von

Frauen und für das Recht der Frauen zu voller Teilhabe

an der Friedensarbeit«

2010 Liu Xiaobo

»für seinen langen und gewaltlosen Kampf für grundlegende

Menschenrechte in Chin

2007 Zwischenstaatlicher Ausschuss über Klimaveränderung

(IPCC) und Albert Arnold (Al) Gore Jr.

»für ihre Bemühungen, das Wissen über die vom

Menschen verursachte Klimaveränderung zu erweitern

und zu verbreiten und die nötigen Grundlagen für

Maßnahmen gegen diese Veränderung zu legen«

2006 Muhammad Yunus und Grameen Bank

»für ihr Engagement für eine wirtschaftliche und

soziale Entwicklung von unten«

2005 Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und

Mohamed ElBaradei

»für ihr Engagement, die Anwendung der Kernenergie

für militärische Zwecke zu verhindern und sicherzustellen,

dass Kernenergie für friedliche Zwecke auf

möglichst sichere Weise genutzt wird«

AHMET ÜZÜMCÜ | 01.02.2016 | FRAUENKIRCHE DRESDEN | 37


Die Stiftung Frauenkirche Dresden

dankt für die freundliche Unterstützung:

Ein besonderer Dank gilt zudem allen beteiligten Mitarbeitenden und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern der Frauenkirche,

die diese Veranstaltung durch ihren Einsatz maßgeblich ermöglicht haben.

Stiftung Frauenkirche Dresden

Georg-Treu-Platz 3 | 01067 Dresden

Telefon 0351.65606-100 | Telefax 0351.65606-112

stiftung@frauenkirche-dresden.de

www.frauenkirche-dresden.de

Impressum

Herausgeber: Stiftung Frauenkirche Dresden | Georg-Treu-Platz 3 | 01067 Dresden | stiftung@frauenkirche-dresden.de

Geschäftsführung: Pfarrer Sebastian Feydt | Dipl. rer. pol. Christine Gräfin von Kageneck

Herstellungsleitung: Linda Lederhus

Text: Grit Jandura (sofern nicht anders ausgewiesen)

Grafisches Konzept | Umsetzung: THORN werbeagentur Leipzig

Druckerei: Druckerei Thieme Meißen GmbH

Fotos: Steffen Füssel

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