El Puerto 1

Coverly

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Belinda fährt direkt in das Haus, das ihre Mutter

und Laura bewohnt haben und wo auch sie bis

zu dem Unfall gelebt hat, da ihre Wohnung nicht

bewohnbar war. Schon in der Einfahrt bleibt

Belinda mehrere Minuten stehen und sieht auf den

Platz, an dem die Polizisten sie abgefangen haben

und denkt darüber nach, wie sich von da an alles

geändert hat.

Es dauert bis Belinda ins Haus kommt, und dort

würde sie am liebsten sofort wieder umdrehen.

Alles hier erinnert sie an ihre Mutter und Laura.

An die vielen Nachmittage, die sie hier zusammen

verbracht haben, einfach alles hier trifft sie mit

voller Wucht.

An dem Tag, als der Unfall war, hat ihre Mutter

nicht ihren Lieblingsanorak getragen. Mila nimmt

jetzt den roten Mantel und streift ihn über. Er

riecht noch nach ihr. Belinda beginnt zu weinen,

als sie in die Taschen greift und noch einige von

den Lieblingsbonbons ihrer Mutter findet und eine

abgerissene Kinokarte.

Sie arbeitet sich weiter vor. Wie soll sie bloß


entscheiden was sie braucht? Was sie behalten

möchte als Andenken. Im ersten Moment denkt sie

daran, alles mitnehmen zu wollen, doch je weiter

sie sich vorarbeitet, desto mehr spürt sie, dass es

nicht so ist. In der Küche schreitet sie alles ab, sieht

in alle Schränke, doch sie nimmt nur eine große

Schüssel mit, die sie mit dreizehn Jahren aus Ton

hergestellt hat.

Belinda hat es gehasst und ihre Mutter hat ihr

versucht zu helfen, doch der Tonklumpen sah auch

am Ende alles andere als nach einer Schüssel aus.

Laura hat ihnen geholfen und zum Schluss kam

dieses weiße Gefäß heraus, das ihr eine Note drei

eingebracht hat und von den beiden Frauen nie

entsorgt wurde. Sie haben die Schüssel mit Blumen

und Herzen verziert. Belinda weiß noch immer

ganz genau, wer was gemalt hat. Die Schüssel legt

Belinda als erstes in den großen Umzugskarton,

den sie aus einer Ecke hervorgeholt hat, wo sie ihn

erst vor Kurzem hat stehen lassen, als sie aus ihrer

Wohnung einige Dinge in das Haus gebracht hat,

um einige Wochen hier zu leben.

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Sie arbeitet sich weiter vor, nimmt ein Bild

ab, was ihre Mutter und Laura lachend auf einer

Vernissage zeigt. Den Rest kann die Organisation

haben. Belinda würde es gar nicht übers Herz

bringen, irgendwelche Sachen hieraus zu benutzen

und bevor alles wegkommt, sollen arme Menschen

davon etwas haben.

Auch im Wohnzimmer kommen nur zwei,

drei Lieblingsbücher ihrer Mutter dazu, einige

alte Videos, die ihre Mutter gemacht hat, die

Patchworkdecke, die Laura und ihre Mutter

über zwei Jahre zusammen erstellt haben, drückt

Belinda an sich. Sie ist riesig und zeigt alle Länder,

die sie bereist haben oder die sie noch sehen

wollten. Weiterhin einige Bilder von Belinda als

kleines Kind, einige wichtige Aufnahmen aus

beider Leben. Belinda riecht an der Decke und legt

sie in die Kiste.

Im Bad findet sie neben all dem Modeschmuck

nur die goldene Kette, die ihre Mutter zu ganz

besonderen Anlässen getragen hat. Sie hat sie

damals zur Kommunion bekommen, es ist ein


feines goldenes Kreuz, ihre Mutter hat diese Kette

immer geliebt. Als Belinda sie sich jetzt um den

Hals legt, verliert sie erneut den Kampf gegen

die Tränen. Sie riecht am Lieblingsparfüm ihrer

Mutter, lässt es aber stehen.

Sie geht nur kurz in das Schlafzimmer von

Laura. Auch wenn sie sich nahe standen, findet es

Belinda nicht richtig, dort herumzuschnüffeln. Im

Garten nimmt sie den kleinen Frosch, der immer

auf der Veranda stand. Die beiden waren der

Meinung, dass sie irgendwann dadurch noch ihren

Traumprinzen wachküssen könnten. Belinda geht

an den kleinen Schreibtisch, der ihnen als Büro

gedient hat und sieht sich dort viele Unterlagen

an, doch es ist nichts wichtiges dabei. Rechnungen,

Papiere, Bescheinigungen, Belinda nimmt sich

ihre Geburtsurkunde und überfliegt den Satz

‚Vater unbekannt‘. Sie findet Konzertkarten für eine

spanische Sängerin, die ihre Mutter sehr gemocht

hat.

Ihre Mutter konnte perfekt spanisch sprechen,

auch wenn sie, außer dass sie einige Monate

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in Puerto Rico gelebt hat, keinen Bezug zu der

Sprache hatte. Trotzdem hat sie von Anfang an

darauf geachtet, dass Belinda die Sprache auch

erlernt. Belinda hat sich immer vorgestellt, dass

ihr Vater sicher spanisch spricht. Das würde auch

erklären, wieso sie so viel dunkler als ihre Mutter

ist, wenn auch nicht ganz so dunkel wie eine

Puertoricanerin.

Belinda hat nie genug vom Spanischunterricht

bekommen, mittlerweile kann sie es sogar besser

als ihre Mutter … es konnte. In diesen Stunden hat

sie sich ihrem Vater nah gefühlt, obwohl sie nie

in Erfahrung bringen konnte, ob ihre Vermutung

stimmt.

Zuletzt geht sie in das Schlafzimmer ihrer

Mutter und reibt sich die Arme, weil ihr plötzlich

so kalt ist. Belinda sieht in den Kleiderschrank.

Ihre Mutter war jung, als sie mit ihr schwanger

geworden ist, 21, noch jünger als sie jetzt. Sie ist

eine bildschöne und moderne Frau gewesen.

Belinda weiß, dass sie sich ein paar Mal mit

Männern getroffen hat, doch Laura hat ihr immer


gesagt, ihre Mutter würde niemals aufhören, ihren

Vater zu lieben. Belinda hat es nie verstanden, all

das nicht, und jetzt ist es zu spät zu fragen. Sie kramt

in Schubladen herum und findet einige Fotoalben,

die sie alle einpackt. Den XXL-Lieblingspullover

ihrer Mutter und das etwas schiefe Kissen, welches

sie in ihren ersten Nähversuchen fabriziert hat.

Den Bilderrahmen mit einem schönen Bild von

Belinda und ihr vor ungefähr zwei Monaten.

Belinda streicht über das Bild. Hätte sie geahnt

was kommt, hätte sie ihre Mutter damals nie aus

ihren Armen entlassen. Wie soll sie jetzt ohne sie

leben? Wieso ist das Leben so grausam? Belinda

will gerade aus dem Zimmer gehen und das Haus

verlassen, da fällt ihr Blick auf eine graue Schachtel

auf dem Schrank. Es sind weiße Ranken am Rand

und Belinda weiß, dass sie diese Kiste kennt. Sie

holt einen Stuhl und zieht die Kiste vom Schrank

herunter.

Belinda kann die Kiste nicht zuordnen, doch

sie kennt sie, da ist sie sich ganz sicher. Vielleicht

war sie noch sehr klein, aber sie hat diese Kiste

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schon gesehen. Ihr Herz schlägt schneller, als sie

die Kiste öffnet, vielleicht ahnt sie, dass sich hier

etwas verbirgt, was sie nicht sehen sollte. Als erstes

sind da Zeichnungen, alte Zeichnungen von ihr,

darunter findet sie alte Flugtickets, mehrere nach

San Juan, Eintrittskarten liegen dabei für einen

Club namens ‚El Borro‘. Ihr Herz beginnt schneller

zu schlagen als sie einen Brief findet, auf dem nur

ein paar Zeilen stehen.

Lieber Ramiro,

ich weiss, dass du mich jetzt sicherlich hasst,

ich selbst kann kaum atmen ohne dich, doch es

gibt einen Grund, wieso ich dich und deine Welt

verlassen musste. Wir

Belinda starrt den Zettel an, der Text ist an der

Stelle abgebrochen. Ist das ihr Vater? War der

Brief an ihren Vater gerichtet? Sie zieht heftig die

Luft ein, es ist das allererste Mal, dass sie etwas in

der Hand hält, was mit ihrem Vater zu tun haben

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könnte. Sie findet einige Babybilder und dann

mehrere alte Bilder, darüber ein Armband, das

ganz fein gegliedert ist und golden funkelt und

einen schönen schmalen Ring mit einem kleinen

Stein. Sie legt alles zurück. Ein schwarzes breites

T-Shirt ist in der Box, einfarbig, nichts besonderes,

doch Belindas Herz rast, vielleicht hat das Shirt

ihrem Vater gehört.

Sie betrachtet die Fotos, es sind ältere

Aufnahmen, es zeigt ihre Mutter an einem Strand,

sie lacht und ist wunderschön im Bikini. Dann

stockt ihr Herz, als das nächste Bild ihre Mutter

mit einem Mann zeigt, einem schönen Mann.

Belinda vergisst zu atmen, als sie auf einen Mitte

zwanzig-jährigen hübschen dunklen Mann sieht.

Er hält ihre Mutter liebevoll im Arm und strahlt in

die Kamera.

Belinda sieht sich das nächste Bild an, wieder

ihre Mutter, der Mann und noch einige andere

Männer und Frauen, alle viel dunkler als ihre

Mutter. Sie alle sind an diesem berühmten Hafen

Puerto Ricos, den man von Bildern kennt. Wieder

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hat der Mann lässig den Arm um ihre Mutter

gelegt.

Leider sind die Aufnahmen zu weit weg, doch

dann gibt es drei weitere Bilder und die treiben

Belinda die Tränen in die Augen. Sie sind in einem

Club aufgenommen worden, ihre Mutter ist jedes

Mal schön zurechtgemacht und sitzt immer am

gleichen Tisch neben diesem Mann und vielen

anderen. Jedes Mal tragen alle andere Kleidung.

Das bedeutet, die Fotos sind an verschiedenen

Tagen aufgenommen worden, doch immer ist

hinten der Stempel des Clubs zu sehen: ‚El Borro‘.

All diese Aufnahmen sind in dem Jahr

entstanden, als ihre Mutter mit ihr schwanger

wurde.

Belindas Hände zittern, als sie das Bild ansieht,

auf welchem der Mann am besten zu erkennen ist.

Sie sieht in sein lachendes Gesicht, in seine dunklen

Augen, die eine ähnliche Form wie ihre haben, auch

wenn sie dunkler sind und auf den Leberfleck, den

er wie sie auf dem rechten Wangenknochen trägt

und schluckt schwer. Wieder sieht sie auf all die


Männer, die um ihre Mutter herum sind, sie alle

haben etwas … gefährliches an sich, etwas, was

man sie mit Vorsicht betrachten lässt. Doch als

sie dann wieder zu dem Mann neben ihrer Mutter

blickt, schüttelt sie den Kopf.

Ist das wirklich ihr Vater?

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