MAN GÖNNT SICH JA SONST NICHTS

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Luxus ist so alt wie die Menschheit. Aber wie hat er sich im Laufe der Jahre bei großen Allrad-SUV verändert? GRIP hat zur sehr persönlichen Beantwortung dieser Frage den Range Rover Classic als Ur-Meter aller feinen SUV mit dem hochmodernen Volvo XC90 T6 AWD R-Design zusammen gebracht...

MAN GÖNNT SICH

Text: Roland Löwisch | Fotos: Andreas Aepler

Luxus.

Ein zumeist kostspieliger Aufwand, der

den normalen Rahmen übersteigt; nicht

notwendig, rein zum Vergnügen betrieben,

gerne verbunden mit Pracht

und verschwenderischer Fülle. So definiert

der Fremdwort-Duden das, was

die meisten von uns mögen – erst recht

an Autos. Und trotzdem hat sich das

Empfinden für Luxus im Laufe der Zeit

geändert – gut zu erkennen an rund

25 Jahren Unterschied zwischen einem

Erstserien Range Rover und dem Top-

Volvo XC90 mit 334 PS und fast allen

Extras, die zu haben sind.

Kurz zur Historie: Der Range Rover

kam 1970 als komfortabler Land Rover

auf die Straße mit luxuriösem V8 von

GM. Er gilt als erster Luxus-Geländewagen

der Welt und erstes echtes

Serienauto mit Allradantrieb. Zunächst

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JA SONST NICHTS

Luxus ist so alt wie die Menschheit. Aber wie hat er sich im

Laufe der Jahre bei großen Allrad-SUV verändert? GRIP hat zur

sehr persönlichen Beantwortung dieser Frage den Range Rover

Classic als Ur-Meter aller feinen SUV mit dem hochmodernen

Volvo XC90 T6 AWD R-Design zusammen gebracht

empfingen den stolzen Besitzer nur

zwei Türen, ausschließlich ein Schaltgetriebe,

abwaschbare Vinylsitzbezüge

und Gummibeläge auf dem Fahrzeugboden.

Ein viertüriger Range Rover

folgte erst 1981, ab 1982 gab es dann

endlich eine Getriebeautomatik. Volvos

großer SUV XC90 wurde erstmals im

Oktober 2002 vorgestellt. Ab Ende 2004

war der XC90 auch mit dem ersten

eigenen Volvo-V8 (4.4 Liter Hubraum,

315 PS) zu haben. 2006 gab es ein

Facelift, 2010 flog der V8 aus dem

Programm – Downsizing war angesagt.

Heute steht er als erstes Modell für die

Volvo-Vision, „dass niemand mehr

durch einen Volvo schwer verletzt wird

oder ums Leben kommt. Denn zu unserer

Idee von Luxus zählt auch, dass ein

umfassendes Sicherheitskonzept alle

Verkehrsteilnehmer schützt.“ Na denn:

Auf zur Punktejagd.

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SPIEL DER ZYLINDER

Motorräume einst und jetzt:

Sichtbarer V8 im Range,

verkleideter aufgeladener

Vierzylinder im Volvo

Motor: Der V8 war in den 1980er Jahren

das Nonplusultra in dem Edel-Land Rover.

Ein downgesizter Volvo-Vierzylinder, von

Kompressor und Turbolader befeuert, mag

umwelttechnisch gut und vernünftig sein

– Sparen ist aber kein Luxus: 1:0 für den

Briten. Seine allerdings trägen 185 PS

haben gut zu tun mit dem fast zwei Tonnen

schweren Range. Anders die 334 Pferdchen

im Volvo (inkl. Werksleistungskur von

gerade mal 14 Mehr-PS für 1.199 Euro

namens „Polestar“): Die haben kein Problem

mit dem knapp 2,2 Tonnen schweren SUV.

Punktestand: 1:1.

Verbrauch: Mit Verlaub: Der GM-V8 ist

ein Säufer. Ganz so drastisch ist es im

Volvo nicht, aber 334 PS fordern ebenfalls

Tribut - nicht zu knapp. Keine Punkte.

Sound: Wir mögen guten Motorsound.

Logo, dass das beruhigende Brummeln

eines V8 den mechanischen Vierzylinder-

Turbo-Kompressor-Sound schlägt.

2:1 für den Range.

Getriebe: Unser Test-Rover besitzt eine

Viergang-Automatik. Möglicherweise

gehen die deutlichen Schaltrucke auf das

Konto des Alters des Autos und wegen der

Laufleistung von mehr als 200.000 Kilometern,

harmonisch ist die Kombination

allerdings sowieso nicht. Der Volvo kommt

mit moderner Achtgang-Automatik. Auch

wenn sie manchmal etwas nervös reagiert

und Schaltwippen in so einem mächtigen

SUV überflüssig sind:

2:2 Ausgleich.

Fahrwerk: Der Range hat Schraubenfedern

mit langem Federweg fürs Gelände –

auf der Straße schaukelt’s mächtig. Im

Volvo haben wir ein perfektes Luftfahrwerk

– allerdings nur gegen Aufpreis

(2.270 Euro). Durch die wählbaren Einstellungen

Eco, Komfort, Offroad und Dynamik

ändern sich nicht nur Parameter wie Lenkung,

Bremse, Getriebe und Gaspedalstellung,

sondern auch das Fahrwerk in

Sachen Härte und Bodenfreiheit. Das ist

allerdings Luxus.

2:3 für Volvo.

Allradantrieb: Permanent beim Range

Rover mit Untersetzungsgetriebe, variabel

beim Volvo. Im Normalfall wird beim

Schweden die gesamte Kraft auf die Vorderachse

geleitet, bei Bedarf jedoch bis zu

50 Prozent nach hinten. Im Offroadmodus

wird die Bergabfahrhilfe aktiviert und bei

vorhandenem Luftfahrwerk die Bodenfreiheit

erhöht. Damit kann selbst so ein

Boulevard-Brecher ins Gelände. Jeder

bekommt einen Punkt: 3:4.

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Der V8 braucht

viel Luft – die

Passagiere

bekommen

sie durch die

C-Säule

Luxusplatz im Fond: Viel Platz am

Schiebefenster

Im Volvo fühlen sich selbst

Zweimetermänner wohl

Abmessungen: Man glaubt es

kaum, aber im Vergleich zum Volvo

wirkt der höhere Range Rover nahezu

filigran. Er ist allerdings auch fast

einen halben Meter kürzer. Der Volvo

dagegen ist rundherum ein Riese und

wirkt auch so. Und wenn Masse zur

Belastung wird, ist es kein Luxus mehr.

4:4.

PickUpBack.com

HARDTOPS // LADEBODEN // DACHTRÄGER

aus Aluminium

Rundumsicht: Dank recht filigraner

A-, B- und C-Säulen ist im Range

Rover weder Rangieren noch Abbiegen

problematisch. Der Volvo ist viel

unübersichtlicher – besonders nach

schräge hinten rechts und links wegen

sehr breiter C-Säulen und der hinteren

Kopfstützen (elektrisch abklappbar für

180 Euro Aufpreis). Beim Rangieren

hilft eine Kamera (600 Euro extra,

rückwärtig oder als 360-Grad-Kamera) –

aber ist so eine Krücke Luxus? Wir

sagen nein: 5:4 für den Range.

Türen und Einstieg: Klar, dass ein

Viertürer einen Zweitürer schlägt. Und

der hohe Boden des Range Rover

macht das Erklimmen der Rückbank

nicht einfacher – 5:5.

Sitzplätze: Fünf sind es im Range

Rover – keine andere Option.

// Individuelle Sonderanfertigungen möglich

// Hervorragende Passgenauigkeit

// Hohe Traglasten bei leichter Konstruktion

// Qualität made in Germany

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Klasse Heck-Lösung: Scheibe nach

oben, Klappe nach unten

An das moderne

Volvo-Interieur

kommt der Range

nicht heran

FACTs

Range Rover Classic*

1990

V8

3.947 cm 3

136 kW (185 PS)

k.A. Nm max.

Viergang-Automatik

Allrad

4.450/1.850/1.880

L/B/H mm

1.980 kg

0-100 km/h - k.A.

175 km/h Vmax

Wert - k.A

*laut Kfz-Schein

Anders als beim Volvo – dort gibt es für

1.500 Euro zwei Extra-Sitze. Hat der Volvo

in Sachen Größe Nachteile hinnehmen

müssen, bekommt er hier wegen dieser

möglichen Option einen Punkt gutgeschrieben.

5:6.

Komfort Fondpassagiere: Der Range

Rover benutzt Schiebefenster hinten, die

voll geöffnet werden können. Die elektrischen

Scheiben in den hinteren Türen des

Volvo lassen sich ebenfalls voll versenken.

Und die Fondpassagiere beider Autos

haben Platz fast ohne Ende. Punkt für

beide – 6:7.

Kofferraumklappe: Der Range gefällt

mit zweigeteilter Klappe: Die Scheibe öffnet

sich nach oben, die Klappe nach unten – es

bleibt aber eine hohe Ladekante. Beim

Volvo geht die Klappe ganz normal nach

oben auf, Öffnen und Schließen funktionieren

elektrisch. 7:8.

Ergonomie: Ein dunkles Kapitel für den

Briten: Zur Bedienung der meisten Knöpfe

und Schalter muss der Fahrer entweder mit

dem Rücken aus der Lehne kommen oder

den Blick von der Straße abwenden. Das

kann der Volvo alles viel besser. 7:9.

Instrumente: Analog im Range, digital

im Volvo. Im Briten schmucklos in einem

unansehnlichen Kasten aufs Armaturenbrett

gesetzt, voll durchdesignt und in der

Anmutung über den Touch-Screen veränderbar

im Schweden. Klarer Punkt für

Volvo – 7:10.

Assistenten: Der einzige Fahrassistent im

Range Rover war und ist H.I.R.N. (Handelndes

Intelligenz-Reaktions-Nervensystem).

Und der ist unschlagbar – wenn er funktioniert.

Tut er das nicht, sollte man auch

nicht Autofahren. Das gilt auch für den

Volvo – auch wenn der vollgestopft ist mit

elektronischen Helferlein, falls H.I.R.N.

doch mal ausfällt. Da gibt es zum Beispiel

Spurhalte-, Temposchilder- Abstands-,

Wachhalte- und Sicht feld erweiterungs -

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Im Range steht viel Plastik

und Gummi ein bisschen Holz

gegenüber

*

assistenten, aber auch die Möglichkeit,

zwischen 60 und 130 km/h teilautonom

zu fahren, was mehr als nur

gewöhnungsbedürftig ist.

Was uns allerdings echt genervt hat, ist

das nicht abschaltbare „City Safe

System“ mit Kreuzungsbremsassistent

und Wildtiererkennung, das man auf

„später“, „normal“ und „früher“ programmieren

kann. Trotz „später“ hat

das CSS mehrmals völlig ohne Not

Alarm gegeben (schriller Ton, plötzliches

Aufblinken eines stilisierten Autos

in rotweißem Feld auf der Windschutzscheibe

und sehr kurz angedeutete

Vollbremsung), und zwar zum Beispiel

bei Auftauchen einer niedrigen Verkehrsinsel,

aber auch bei ganz normalem

Gegenverkehr auf der anderen

Straßenseite und sogar in einer schmalen

Straße, durch die man im Slalom

wegen links und rechts parkender

Autos durchfahren muss.

Jedes neue Erschrecken macht einen

nur noch saurer.

bei uns ab

XX .X XX €


SPIEL DER FORMEN

Macht noch immer eine gute

Figur auf der Straße: der Range

Rover Series I

Schluck-Beweise:

ein Haufen

Tankquittungen

im Range

Rover-Ablagefach

FACTs

Volvo XC90 T6 AWD

R-Design Polestar

Vierzylinder mit

Kompressor und

Turbolader

1.969 cm 3

246 kW (334 PS)

440 Nm max.

Achtgang-Automatik

Allrad

4.950/2.140 (inkl.

Spiegel)/1.776

L/B/H mm

2.165 kg

0-100 km/h in 6,4 s

230 km/h Vmax

69.500 Euro

(Grundpreis)

96.659 Euro

(Testwagenpreis)

Ist also kein Assi besser als nervende Assis,

die allerdings besser agieren als ein

schlechter Autofahrer? Schwierig. Wir

geben diplomatisch jedem Auto einen

Punkt. Wenn Volvo statt solcher Assistenzsysteme

einen kostenlosen Fahrsicherheitskurs

für H.I.R.N.-lose im Kaufpreis inkludiert

hätten, wären die Schweden jetzt noch

einen Punkt weiter – laut Volvo gehören ja

alle Sicherheitskonzepte zum Luxus. 8:11.

Entertainment: Der Range Rover kam

mit gar nichts (im Testwagen wurde nachträglich

ein Radio und Lautsprecher eingebaut).

Der Volvo besitzt serienmäßig das

Infotainmentsystem „Sensus Connect“ und

einen 12.3-Zoll-Touchscreen, allerdings

kosten CD-Player und digitaler Radioempfang

extra (110 und 430 Euro). Punkt für

Volvo – 8:12.

Sicherheit: Klar, man möchte keinen

Unfall erleben. Aber wenn es schon sein

muss, dann bitte im Volvo: Zeitgemäße

Airbags, ein Konglomerat aus verschiedenen

Stählen an den richtigen Stellen und

die pure Masse des Schweden machen ihn

in dieser Kategorie zum Sieger. 8:13.

Fahrspaß: Das bietet jeder auf seine Art,

wenn auch nicht jeder auf jedem Terrain

(z. B. Range Rover auf der Autobahn, Volvo

in der engen City…). 9:14.

Preis: Jedes Auto ist zu seiner Zeit teuer

gewesen. Der Range Rover kostete 1990 etwa

25.500 Pfund, der Volvo heute fast 100.000

Euro. Hand aufs Herz – Luxus kostet nun

mal. Aber Punkte gibt’s nicht dafür.

Fazit: Es kann nicht verwundern, dass der

Volvo mit 9:14 gewinnt. Moderner Luxus

inklusive Sicherheit sind unschlagbar. Es

verwundert aber, dass auch der Range

Rover noch eine Menge Punkte sammeln

kann. Was bedeutet: Nicht alle modernen

Errungenschaften erhöhen unser Luxusgefühl,

nicht alle alten sind überholt.

Auch wenn – wie beim Range Rover nicht

zu übersehen – Luxus vergänglich ist:

Das Auto fasziniert noch immer. Und er

fährt problemlos.

Bleibt die Frage: Wird das auch ein Elektronik-Volvo

in 26 Jahren noch tun?

Herzlichen Dank für die Mithilfe der

Offroad-Manufaktur

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