GAB Dezember 2016

blumediengruppe

MUSIK

Interview

ALICIA

KEYS

„Ich war zu nett“

FOTO: PAOLA KUDACKI

Auf „Blended Family (What You Do For

Love)“, der unprätentiös groovigen

neuen Single, singt Alicia Keys über ihre

Familie – Ehemann Swizz Beats, die

beiden gemeinsamen Söhne Egypt (6)

und Genesis (fast 2) sowie die Söhne ihres

Mannes aus einer früheren Beziehung.

Auch im Gespräch zu ihrem neuen Album

„Here“ im Berliner Soho House nimmt der

35-jährige Weltstar immer

wieder Bezug auf die

Liebsten, weitere Themen

sind die von Keys gestartete

Kampagne „#nomakeup“

und ihre Macken.

ALICIA, IN DEINEM LIED „IN

COMMON“ SINGST DU: „IF

YOU CAN LOVE SOMEONE

LIKE ME, YOU MUST BE

MESSED UP TOO“. WILLST

DU DAMIT SAGEN, DASS WIR ALLE EIN

BISSCHEN VERRÜCKT SIND?

Exakt. Wir alle laufen irgendwie halb fertig

und mängelbehaftet durch die Gegend und

versuchen permanent, uns zu verbessern,

uns zu optimieren, uns zu besseren Wesen

zu machen als jenen, die wir gerade sind.

Ich finde, damit muss Schluss sein. Menschen

sind keine Computerprogramme,

die irgendwann fehlerfrei laufen, wenn

nur lange genug an ihnen herumgebastelt

wurde.

AUF DEN NEUEN PRESSEFOTOS UND

VIDEOS PRÄSENTIERST DU DICH PLÖTZ-

LICH FAST KOMPLETT UNGESCHMINKT.

AUCH JETZT ZUM INTERVIEW TRÄGST DU

NUR WENIG MAKE-UP. WIE HAT SICH DAS

ANGEFÜHLT, OHNE MAKE-UP FOTOS ZU

MACHEN?

Erst war das ungewohnt und auch ein

bisschen seltsam. Aber ich habe mich

schnell daran gewöhnt und war richtig bei

der Sache. Du fühlst dich so roh und so

offen und so unverstellt. Make-up ist wie

eine Rüstung, die dir vorgaukelt, stark und

unverwundbar zu sein. Dabei ist es doch

viel befreiender, auch mal schwach sein zu

dürfen.

WAS SIND DEINE MACKEN?

Ich war zu nett. Ach Mann,

ständig war ich damit beschäftigt,

nicht anzuecken,

auch bloß niemanden zu

beleidigen oder zu enttäuschen.

Ich wollte es allen

recht machen. Mit der Zeit

reibt dich das auf. Es ist

nicht immer alles okay und

toll und super. Das muss

man auch mal sagen dürfen.

GIBT ES KLEINE TRICKS, MIT DENEN DU

DICH GLÜCKLICH MACHST?

Ich schaffe mir kleine Inseln, auf denen ich

ganz allein bin und mich nur mit mir selbst

beschäftige. Ich versuche, jeden Tag zu

meditieren. Ganz früh morgens, wenn die

Kinder und mein Mann noch schlafen. Zum

Meditieren brauche ich die totale Stille um

mich herum.

HAT DEIN ALBUM „HERE“ SO ETWAS WIE

EINEN ROTEN FADEN?

Das ganze Album ist mein Liebesbrief

an New York. Ich bin dort geboren und

habe mein ganzes Leben in dieser Stadt

verbracht. Die ganze Platte ist tief in New

York verwurzelt und ist so kraftvoll wie die

Stadt selbst.

DU BIST SEIT BALD ZEHN JAHREN MIT

DEINEM MANN, DEM PRODUZENTEN

SWIZZ BEATZ, ZUSAMMEN. WIE SORGT

IHR DAFÜR, DASS DIE LIEBE STARK BLEIBT?

Witzig, wir haben gerade erst gestern

Abend am Telefon lange über dieses Thema

gesprochen. Ich glaube, auch in einer

Beziehung musst du immer du selbst

bleiben. Anders hält es nicht. Man muss

nicht alle Interessen und Vorlieben teilen

in einer Partnerschaft, und man sollte

sich unbedingt auch gegenseitig genug

Freiraum lassen. Cool finde ich, wenn

der Partner einen nach langer Zeit noch

überraschen kann.

„HOLY WAR“ IST NICHT NUR EIN DRA-

MATISCHER, SONDERN AUCH EIN SEHR

POLITISCHER SONG. DU SAGST IM TEXT,

WIR MÜSSTEN UNS ENTSCHEIDEN, OB

WIR NUN MAUERN BAUEN ODER NIEDER-

REISSEN WOLLEN, OB WIR UNS SELBST

EINSCHLIESSEN ODER RAUSGEHEN

WOLLEN, UND LÄSST KEINEN ZWEIFEL

DARAN, WELCHE ANTWORTEN FÜR DICH

DIE RICHTIGEN SIND.

Ja, und um Sex geht es auch noch. (lacht)

Das Lied entstand recht schnell, man

muss sich ja nur kurz umschauen oder die

Zeitung eines x-beliebigen Tages lesen.

Wir sind so viel Hass, so viel Diskriminierung,

so viel Ungerechtigkeit ausgesetzt,

also das macht einen ja ganz fertig. Aber

wir dürfen uns nicht verstecken, wir

müssen laut sein und Fairness einfordern.

Keine Religion, keine Sexualität, kein

Mensch ist besser als der andere. Eigentlich

sollte man das ja niemandem mehr

erklären müssen.

•Interview: Steffen Rüth

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