georg kreisler - Volkstheater Rostock

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georg kreisler - Volkstheater Rostock

DAS

t r a g i k o m i s c h e o p e r v o n

georg kreisler

AQUARIUM

ODeR DIe StIMMe DeR veRnUnft

U R A U F F Ü H R U N G


2

D a s a b s u r D e m i t g e s c h m a c k D a r g e s t e l lt,

erregt WiDerWillen unD beWunDerung.

Johann Wolfgang Goethe, Maximen und Reflexionen

Hans Kinder, Komposition, Kunsthalle Rostock


Georg Kreisler

Das aquarium oder Die stimme Der vernunft

Tragikomische Oper · URAUFFÜHRUNG

Auf Wunsch des Komponisten wird das Libretto auf der Übertitelungsanlage eingeblendet.

premiere 14. November 2009, 19:30 Uhr · Großes Haus

Musikalische Leitung Peter Leonard

Inszenierung Corny Littmann

Ausstattung Falk von Wangelin

Choreinstudierung Ursula Stigloher

Dramaturgie Bernd Hobe

Studienleitung Hans-Christoph Borck

Musikalische Einstudierung Teodora Belu, Petra Leupold-Elert

Regieassistentin Renate Nitsch

Inspizientin Anke Lüder

Souffleuse Christiane Blumeier-Braun

Anton Olaf Lemme

Bruno Mark Bowman-Hester

Camilla Lucie Cervalová / Andrea Höcht

Dominik Michael Scarcelle

Emilie Ines Wilhelm

Franziska Lisa Mostin

Doppelbesetzung in alphabetischer Reihenfolge

Herren des Opernchors des Volkstheaters Rostock

Norddeutsche Philharmonie Rostock

Technischer Leiter: Peter Martins · Werkstattleiter: Dirk Reincke · Bühneninspektor: Holger Fleischer · Bühnenmeister: Jürgen Laube · Leiterin der

Kostümabteilung: Jenny-Ellen Fischer · Kostümanfertigung: Kornelia Junge, Erika Scheufler · Chefmaskenbildnerin: Beatrice Rauch · Maske: Kathrin

Hartung, Michaela Schroeckh · Leiter der Beleuchtung: Andreas Lichtenstein · Beleuchtung: Ronald Marr · Leiter der Tonabteilung: Michael Martin · Ton:

Jörg Adam · Leiter der Requisite: Klaus Radziwill · Requisite: Claus-Peter Arfert · Herstellung der Dekoration in den Werkstätten des Volkstheaters

Rostock

Das Fotografieren sowie Film- und Tonaufnahmen während der Vorstellung sind nicht gestattet.

Photographing, video recording and sound recording during the performance are prohibited.

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Entsprechend dem Wesen der extravertierten Einstellung sind die Wirkungen und Äußerungen

dieser Persönlichkeiten um so günstiger oder besser, je weiter außen sie liegen.

Ihr bester Aspekt findet sich an der Peripherie ihrer Wirkungssphäre. Je tiefer

man in ihren Machtbereich eindringt, desto mehr machen sich ungünstige Folgen

ihrer Tyrannei bemerkbar. An der Peripherie pulsiert noch anderes Leben, das

die Wahrheit der Formel als schätzenswerte Zugabe zum übrigen empfindet.

Je tiefer man aber in den Machtbereich der Formel eintritt, desto mehr stirbt

alles Leben ab, das der Formel nicht entspricht.

Anton

Am meisten bekommen die eigenen Angehörigen

die üblen Folgen einer extravertierten Formel

zu kosten, denn sie sind die ersten, die unerbittlich

damit beglückt werden... In erster

Linie werden es bei diesem Typus alle vom

Gefühl abhängigen Lebensformen sein,

welche der Unterdrückung verfallen,

also zum Beispiel ästhetische Betätigungen,

der Geschmack, der Kunst-

sinn, die Pflege der Freundschaft

usw.

Irrationale Formen, wie religiöse

Erfahrungen, Leidenschaften

und dergleichen

sind oft bis zur völligen

Unbewußtheit ausge-

tilgt... C. G. Jung

alles

im leben

ist Zufall.

h i n t e r g a r n i c h t s

steckt eine absicht.

aber Der Zufall

Dieses Zufalls ist,

D a s s W i r n i c h t W i s s e n ,

Wann er stattfinDet.

nichts

im leben ist Zufall.

hinter allem steckt

eine absicht.

aber Die absicht Dieser absicht

ist, Dass Wir sie nicht kennen.

Wir müssen forschen.


Doktor Caspary machte eine Pause, rieb den klobigen Siegelring in

der Hüfte, nachdenklich, als wollte er eine Staubschicht der Erinne-

rung fortwischen, dann legte er Freytag eine Hand auf die Schulter... »Er

ist verrückt«, dachte Freytag, »er ist einer von denen, die man zu heiß ge-

badet hat. Das ist genau einer von diesen Burschen, denen das Leben nicht

ausreicht, weil sie nicht eine einzige Sache zustande kriegen...« »Sehen Sie«,

sagte Doktor Caspary – und er hob seine Stimme, um sich besser verständlich zu

machen –, »so fand ich einen Ansatzpunkt für das, was ich vorhatte: ich legte mir

drei Leben zu. Eins fiel mir gewissermaßen in den Schoß, oder es wurde mir wie eine

Speise gebracht, die ich zwar nicht bestellt hatte, die aber so gut aussah, daß ich mich

dennoch entschloß, sie zu essen: das Leben meines Zwillingsbruders Ralph. Ich nahm

es an, nachdem wir zusammen mit unserm Segelboot in der Elbmündung gekentert wa-

ren. Da ich unsicher war, wieviel ich mir als Schwimmer zutrauen durfte – Sie wissen, daß

Ertrinkende mit Vorliebe klammern –, wagte ich nicht, meine wenigen Kräfte bei einer Hil-

feleistung zu verschwenden, die wahrscheinlich doch umsonst gewesen wäre. Ich rettete mich

mit Ach und Krach ans Ufer, mein Bruder ertrank. Ich übernahm seine Anwaltspraxis, ließ mich

selbst für tot erklären und fand ein Leben als hamburgischer Rechtsanwalt... Hören Sie? Ich bin

noch nicht fertig...« Siegfried Lenz, Das Feuerschiff

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Der introvertierte Denktypus wird, wie der Extravertierte, seinen

Ideen folgen, aber in umgekehrter Richtung, nicht nach außen,

sondern nach innen. Er strebt nach Vertiefung und nicht nach

Verbreiterung. Durch diese Grundlage unterscheidet er sich von

seinem extravertierten Parallelfall in ganz erheblichem Maße und in

unverkennbarer Weise. Was den anderen

auszeichnet, nämlich seine intensive

Bezogenheit auf das Objekt,

fehlt ihm gelegentlich fast völlig,

wie übrigens jedem introvertierten

Typus. Ist das Objekt ein Mensch,

so fühlt dieser Mensch deutlich, daß

er eigentlich nur negativ in Frage

kommt, das heißt in milderen Fällen

wird er sich seiner Überflüssigkeit

bewußt, in schlimmeren fühlt er sich

als störend direkt abgelehnt. Diese

negative Beziehung zum Objekt,

Indifferenz bis Ablehnung, charakterisiert

jeden Introvertierten und

macht die Beschreibung des introvertierten

Typus überhaupt

äußerst schwierig. Es tendiert

in ihm alles zum

Verschwinden und

zur Verborgenheit.

C. G. Jung


Bruno

Brunos erste Erinnerung stammte aus seinem vierten Lebensjahr; es war die Erinnerung

man kann

freunDe verlieren,

man kann Zeit

verlieren, man kann,

Wenn man es hat, auch

gelD verlieren, aber Der

schlimmste verlust ist,

Wenn man nicht Weiss,

Was man verloren hat.

an eine Demütigung. Er ging damals in den Kindergarten im Parc Laperlier in Algier.

An einem Herbstnachmittag hatte die Kindergärtnerin den Jungen erklärt, wie man

aus Blättern Girlanden herstellt. Die kleinen Mädchen saßen wartend am Fuß ei-

ner Anhöhe und stellten bereits die ersten Anzeichen einer dummen weiblichen

Ergebenheit zur Schau; die meisten von ihnen trugen weiße Kleider. Der Boden

war mit goldgelben Blättern übersät; es gab vor allem Kastanien und Plata-

nen. Seine Kameraden wurden einer nach dem anderen mit ihrer Girlande

fertig und standen auf, um sie ihrer kleinen Liebsten um den Hals zu le-

gen. Er kam nicht voran, die Blätter zerbröselten, alles ging in seinen

Händen kaputt. Wie sollte er ihnen erklären, dass er Liebe brauchte?

Wie sollte er ihnen das ohne die Blättergirlande erklären? Er begann

vor Wut zu weinen; die Kindergärtnerin kam ihm nicht zu Hilfe.

Es war bereits zu spät, die Kinder standen auf, um den Park zu

verlassen. Kurz darauf wurde der Kindergarten geschlossen.

Nur wenn man

allein ist,

ist man

frei.

Schopenhauer

Michel Houellebecq, Elementarteilchen

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Camilla

Dein

leben musst

Du selber

frequentieren.

Du kannst es töten

oDer – oDer unterWegs

verlieren. Du kannst es

stärken, stopfen, strafen

oDer stutZen,

Du kannst es säubern oDer

täglich neu beschmutZen.

Obschon stets eine Bereitschaft

zu einem ruhigen und harmonischenNebeneinandergehen

vorhanden ist, so zeigt

sich dem fremden Objekt gegenüber keine Liebenswürdigkeit, kein warmes Entgegenkommen, sondern eine indifferent

erscheinende, kühle bis abweisende Art. Man bekommt gelegentlich die Überflüssigkeit der eigenen Existenz zu fühlen.

Gegen etwas Mitreißendes, Enthusiastisches beobachtet dieser Typus zunächst eine wohlwollende Neutralität, bisweilen

mit einem leisen Zug von Überlegenheit und Kritik, der einem empfindsamen Objekt leicht den Wind aus den Segeln nimmt.

Eine anstürmende Emotion aber kann mit mörderischer Kraft schroff niedergeschlagen werden, wenn sie nicht zufälligerweise

das Individuum vom Unbewußten her erfaßt, das heißt mit anderen Worten irgend ein urtümliches Gefühlsbild belebt und damit

das Fühlen dieses Typs gefangennimmt. C. G. Jung


Es war eine Dame, die da durch den Saal ging, eine Frau, ein junges Mädchen wohl eher, nur mit-

telgroß, in weißem Sweater und farbigem Rock, mit rötlichblondem Haar, das sie einfach in Zöpfen

gelegt trug. Hans Castorp sah nur wenig von ihrem Profil, fast gar nichts. Sie ging ohne Laut, was zu

dem Lärm ihres Eintritts in wunderlichem Gegensatz stand, ging eigentümlich schleichend und etwas

vorgeschobenen Kopfes zum äußersten Tische links, der senkrecht zur Verandatür stand, dem »Guten

Russentisch« nämlich, wobei sie die eine Hand in der Tasche der anliegenden Wolljacke hielt, die andere

aber, das Haar stützend und ordnend, zum Hinterkopf führte... Mit einem Kopfnicken begrüßte die Nach-

züglerin ihre Tischgesellschaft, und indem sie sich setzte, an die Innenseite des Tisches, den Rücken gegen

den Saal, zur Seite Dr. Krokowskis, der dort den Vorsitz hatte, wandte sie noch immer die Hand am Haar,

den Kopf über die Schulter und überblickte das Publikum, – wobei Hans Castorp flüchtig bemerkte, daß

sie breite Backenknochen und schmale Augen hatte... Natürlich, ein Frauenzimmer! dachte Hans Cas-

torp, und wieder murmelte er es ausdrücklich vor sich hin, so daß die Lehrerin, Fräulein Engelhart,

verstand, was er sagte. Die dürftige alte Jungfer lächelte gerührt. »Das ist Madame Chauchat«, sagte

sie. »Sie ist so lässig. Eine entzückende Frau.« Thomas Mann, Der Zauberberg

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h a lt ! e s g i b t D o c h

a u c h m e n s c h l i c h e

a u s n a h m e n .

Z u m b e i s p i e l D e n

schubert franZl!

stossen Wir n i c h t

bauen Wir nicht

a b e r h i n t e r D e m g l a s

u n e r r e i c h b a r ,

hoffungslos


überall auf g l a s W ä n D e ?

allerorten luftschlösser?

– Dort ist Die Welt.

unvergleichlich,

ahnen Wir sie.

...

a b e r u n s e r

s Z e n a r i u m

b l e i b t D a s

aquarium.

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Dominik

Wir müss e n

e i n a n D e r

auffressen,

D a s i s t D e r b e s t e

beWeis,Dass Wir

menschen sinD.

Die menschen

seh‘n alle aus,

als Wären sie meine freunDe.

aber ich habe gemerkt:

Wenn ich Die augen schliesse

unD sie nur reDen höre, Dann höre ich,

Wie sie lügen.

Wenn das Unbewußte nur um etwas

verstärkt ist, so wird der subjektive

Empfindungsanteil dermaßen lebendig,

daß er die Objekteinwirkung

fast gänzlich überdeckt. Daraus ent-

steht einerseits für das Objekt das

Gefühl einer völligen Entwertung,

anderseits für das Subjekt eine illusionäre

Auffassung der Wirklichkeit,

die allerdings nur in krankhaften

Fällen soweit geht, daß das Individuum

nicht mehr imstande wäre,

zwischen dem wirklichen Objekt

und der subjektiven Wahrnehmung zu

unterscheiden. Obschon eine so wichtige

Unterscheidung erst in einem nahezu psychotischen

Zustand gänzlich verschwindet, so kann

doch längst zuvor die subjektive Wahrnehmung das

Denken, Fühlen und Handeln in höchstem Maße beeinflussen,

obschon das Objekt in seiner ganzen Wirklichkeit

klar gesehen wird. C. G. Jung


»Gemeinsamkeit«, sagte Demian, »ist eine schöne Sache.

Aber was wir da überall sehen, ist gar keine. Sie wird neu

entstehen, aus dem Voneinanderwissen der Einzelnen, und sie

wird für eine Weile die Welt umformen. Was jetzt an Gemein-

samkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die Menschen fliehen zu-

einander, weil sie voreinander Angst haben – die Herren für sich,

die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum haben sie

Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist. Sie

haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Eine Gemein-

schaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich selber Angst

haben! Sie fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, daß sie

nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre Sittlichkeit, nichts

von allem ist dem angemessen, was wir brauchen. Hundert und mehr Jahre lang

hat Europa bloß noch studiert und Fabriken gebaut! Sie wissen genau, wieviel

Gramm Pulver man braucht, um einen Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie

man zu Gott betet, sie wissen nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein

kann.« Hermann Hesse, Demian

Ich hab hier nur

ein Amt und keine

Meinung.

Schiller,

Wallensteins

Tod

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E milie

Obschon es nicht ganz auf der Linie des introvertierten Intuitionstypus liegt, die

Wahrnehmung zu einem moralischen Problem zu machen, indem dazu eine gewisse

Verstärkung der urteilenden Funktionen nötig ist, so genügt doch schon

eine relativ geringe Differenzierung des Urteils, um die Anschauung aus dem rein

Ästhetischen ins Moralische überzuführen. Dadurch entsteht eine Spielart dieses

Typus, welche von seiner ästhetischen Form wesentlich verschieden, für den introvertierten

Intuitiven aber trotzdem charakteristisch ist. Das moralische Problem

entsteht dann, wenn der Intuitive sich zu seiner Vision in Beziehung setzt, wenn er

sich nicht mehr mit der bloßen Anschauung und ihrer ästhetischen Bewertung und

Gestaltung begnügt, sondern zu der Frage gelangt: Was heißt das für mich oder für

die Welt? C. G. Jung


Es war Frau Else Schweigestill, die den Besuchern im Haustor stattlich entgegentrat, sie freundlich

anhörte und ihnen in hohen Gläsern mit langgestielten Löffeln die Limonade mischte... Sie habe

die Künstler gern, sagte sie in ihrer mit »halt« und »fei« und »Gellen‘s ja?« dialekthaft gefärbten,

aber doch recht geläuterten Sprechweise, denn sie seien Leute von Verständnis und Verständ-

nis sei im Leben das Allerbeste und Wichtigste, – die Lustigkeit der Kunstmaler beruhe im

Grunde wohl auch darauf, es gebe eben eine lustige und eine ernste Art des Verständnisses,

und noch nicht heraus sei, welcher der Vorzug gebühre. Vielleicht sei das Passendste etwas

Drittes: ein ruhiges Verständnis. Künstler müßten natürlich in der Stadt leben, weil dort

die Kultur statthabe, mit der sie es zu tun hätten; eigentlich aber gehörten sie mit Bau-

ersleuten, die in der Natur und darum dem Verständnis näher lebten, viel richtiger

zusammen, als mit den Stadtbürgern, deren Verständnis entweder verkümmert sei,

oder die es um der bürgerlichen Ordnung willen unterdrücken müßten, was aber

eben auf Verkümmerung hinauslaufe... Hierauf bot sie ihren Gästen Kaffee und

Pfundskuchen an... Thomas Mann, Doktor Faustus

i h r

m ü s s t

v e r Z e i h e n

l e r n e n , D e n n

D u r c h v e r Z e i h u n g

WirD Der mensch

Z u r f r e u D e s e i n e r

mitmenschen. unD Die

m i t m e n s c h e n W e r D e n f r e u n D e ,

unD alles WirD WieDer gut.

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Insofern das Gefühl unbestreitbar

eine sichtbarere Eigentümlichkeit

der weiblichen Psychologie ist als

das Denken, so finden sich auch die

ausgesprochensten Fühltypen beim

weiblichen Geschlecht. Wenn das

extravertierte Fühlen das Primat

besitzt, so sprechen wir von einem

extravertierten Fühltypus. Die Beispiele,

die mir bei diesem Typus vorschweben,

betreffen fast ohne Ausnahme

Frauen. Diese Art Frau lebt

nach der Richtschnur ihres Gefühls.

Ihr Gefühl hat sich infolge der Erziehung

zu einer eingepaßten und der

Bewußtseinskontrolle unterworfenen

Funktion entwickelt. In Fällen, die

nicht extrem liegen, hat das Gefühl

persönlichen Charakter, obschon das

Subjektive bereits in höherem Maße

unterdrückt wurde. Die Persönlichkeit

erscheint daher als in die objektiven

Verhältnisse eingepaßt. Die

Gefühle entsprechen den objektiven

Situationen und den allgemein gültigen

Werten. Dies zeigt sich nirgends

deutlicher als in der sogenannten

Liebeswahl. Der „passende“ Mann

wird geliebt, nicht irgend ein anderer;

er ist passend, nicht etwa, weil er

dem subjektiven verborgenen Wesen

der Frau durchaus zusagte – das weiß

sie meistens gar nicht –, sondern weil

er in puncto Stand, Alter, Vermögen,

Größe und Respektabilität seiner

Familie allen vernünftigen Anforderungen

entspricht. C. G. Jung


Die stimme

D e r v e r n u n f t

b e s a g t :

seiD vernünftig!

es geht nicht.

Darum ist es vernünftig,

unvernünftig Zu sein.

unD es ist unvernünftig,

vernünftig Zu sein. Franziska

Der Tag war mit allerlei angenehmen Beschäftigungen ausgefüllt gewesen. Pippi war zeitig aufgestanden

und hatte Herrn Nilsson Saftwasser und Brötchen ans Bett gebracht. Er sah so niedlich aus, wie er in

seinem hellblauen Nachthemd dasaß und das Glas mit beiden Händen festhielt. Dann hatte sie das

Pferd gefüttert und gestriegelt und ihm eine lange Geschichte von ihren Reisen auf dem Meer erzählt.

Danach war sie ins Wohnzimmer gegangen und hatte ein großes Bild auf die Tapete gemalt. Das Bild

stellte eine dicke Dame in rotem Kleid und schwarzem Hut dar. In der einen Hand hielt sie eine

gelbe Blume und in der anderen eine tote Ratte. Pippi fand, daß es ein sehr schönes Bild war. Es

schmückte das ganze Zimmer... Danach hatte sie versucht, Herrn Nilsson Schottisch tanzen zu

lehren, aber er hatte nicht gewollt. Einen Augenblick lang hatte sie überlegt, es mit dem Pferd

zu versuchen, aber dann war sie lieber in den Holzkasten gekrochen und hatte den Deckel

über sich zugemacht... Da fiel ihr ein, daß sie schon seit ein paar Tagen nicht geritten war, und

sie entschloß sich, jetzt gleich einen Ritt zu machen. Das würde ein netter Abschluß für einen

angenehmen Sonntag sein. Astrid Lindgren, Pippi Langstrumpf

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b e r n d h o b e

gehen sie abenDs gerne aus? – opernfiguren im persönlichkeitstest

Es sei, als ob Salome nicht tanzen wolle, bemerkt Bruno im 2. Akt, nachdem er nach der Handlung dieser

Oper gefragt hat. Immer wieder wird Kreislers »Aquarium« selbstreferentiell und thematisiert die

fehlende oder zumindest bruchstückhafte Handlung. So auch Camilla, wenn sie im 1. Akt erklärt: »Und

es gibt auch keine Oper ohne Handlung. Daher hat auch diese Oper eine Handlung. Wenn ich sie nur

wüsste! Jetzt sind wir bald im zweiten Akt und eine Handlung ist nirgends zu sehen.«

Bei unseren Vorbereitungen rückten schnell die einzelnen Figuren der Oper, losgelöst von einer etwaigen

Eingebundenheit in einen dramatischen Kontext, in den Mittelpunkt der Betrachtungen. Mit welchen

Charakteren haben wir es hier zu tun? In Gesprächen mit Regisseur und Ausstatter versuchten wir bei

dieser Frage Licht ins Dunkel zu bringen. Hauptkriterium dabei war, was die Figuren äußern und wie sie

handeln. Bald kam die Idee eines Persönlichkeitstestes auf, den die Sänger – ganz im Denken und Fühlen

ihrer Figur – doch ausfüllen könnten. Der Versuch versprach interessant zu werden, denn das Ensemble

studiert über Monate hinweg Text und Musik ihrer Figuren und setzt sich im mehrwöchigen Probenprozess

intensiv mit den darzustellenden Charakteren auseinander. Als Untersuchungsinstrument wurde

das Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI) herangezogen. 138 Aussagen wie zum Beispiel »Ich pflege

schnell und sicher zu handeln« oder »Ich schließe nur langsam Freundschaften« sind mit »stimmt« oder

»stimmt nicht« zu bewerten. Das FPI liefert für jede Testperson jeweils einen Wert auf einer neunstufigen

Skala in den Rubriken: 1. Lebenszufriedenheit, 2. Soziale Orientierung (zwischen sozial verantwortlich

und unsolidarisch), 3. Leistungsorientierung, 4. Gehemmtheit, 5. Erregbarkeit, 6. Aggressivität,

7. Beanspruchung (zwischen angespannt/überfordert und wenig beansprucht/belastbar), 8. körperliche

Beschwerden, 9. Gesundheitssorgen (zwischen gesundheitsbewusst und gesundheitlich unbekümmert)

und 10. Offenheit. Hinzu kommen die Zusatzskalen Extraversion (zwischen extravertiert-impulsiv und

introvertiert-zurückhaltend) und Emotionalität (zwischen labil-ängstlich und stabil-selbstsicher). Für

die bereitwillige Bearbeitung sei den Sängerinnen und Sängern gedankt. Wenngleich dem Ergebnis natürlich

nicht zuviel Gewicht beigemessen werden sollte, waren einige Aspekte der Auswertung aufschlussreich,

so zum Beispiel der Vergleich der beiden Zusatzskalen, Extraversion und Emotionalität,

bei dem Gegensatzpaar Anton und Bruno.

Anton

Bruno


Erreicht Anton den positiven Höchstwert bei Extraversion, so Bruno bei emotionaler Labilität. Hat Anton

einen schwachen Positivwert bei emotionaler Stabilität, so Bruno einen schwachen Positivwert bei

Introversion. Die Persönlichkeitsstrukturen der beiden erscheinen wie aneinander gespiegelt.

In gleich vier Kategorien erreicht Anton Höchstwerte: negative bei Soziale Orientierung (selbstbezogen,

unsolidarisch) und Gehemmtheit (ungezwungen, selbstsicher), positive bei Erregbarkeit (erregbar, unbeherrscht)

und Aggressivität (aktiv, sich durchsetzend). Von Franziska angestachelt erschießt Anton im

2. Akt sein fünfköpfiges Bühnenkollegium. Wie Anton hat Bruno einen positiven Höchstwert bei Erregbarkeit,

darüberhinaus aber auch bei Körperliche Beschwerden (psychosomatisch gestört) und Gesundheitssorgen

(Furcht vor Erkrankungen), wo Anton nur sehr schwach positive Werte einfährt.

Das Mütterliche und Fürsorgliche der Figur Emilie schien bereits deutlich in den Vorgesprächen auf. Wenig

überraschend, dass Emilie im Test einen positiven Höchstwert bei Soziale Orientierung (hilfsbereit,

mitmenschlich) und einen negativen bei Gehemmtheit (kontaktbereit, selbstsicher) aufweist. Franziska

nimmt eine Sonderrolle ein. Dies scheint auch der Test zu belegen. Als die Schillerndste, die Wandlungsfähigste

und die Eigenständigste wurde sie von Anfang an aufgefasst. Das Testergebnis unterstreicht

ihre Unabhängigkeit mit einem sehr hohen Negativwert bei Soziale Orientierung (Eigenverantwortung

in Notlagen, selbstbezogen). Ihre Unangepasstheit schlägt sich im Höchstwert bei Offenheit (ungeniert,

unkonventionell) nieder. Sehr ungewöhnlich ist das Bild, das sich bei ihr in den Zusatzskalen zeigt.

Franziska

Ihre Werte bewegen sich sowohl im eher extravertierten als auch im eher emotional labilen Bereich. Im

Stück taucht Franziskas Verletzlichkeit in ihrem Monolog im 3. Akt auf. »Man kann nicht einsam genug

sein«, singt sie und fügt hinzu: »Gott sei Dank ist hier niemand, den ich irgendwie kenn‘.«

Herausgeber: Volkstheater Rostock · 115. Spielzeit 2009/2010 · Intendant: Peter Leonard · Kommissarische Verwaltungsdirektorin:

Christine Scheel · Redaktion: Bernd Hobe · Gestaltung: Christiane Scholze · Druck: Stadtdruckerei Weidner GmbH.

Das Bild auf Seite 2 ist der Graustrufen-Abdruck der »Komposition« von Hans Kinder, 1982, Mischtechnik auf Karton, 75 x 54,5 cm,

aus dem Bestand der Kunsthalle Rostock (Inv. Nr. 874863). Dank an die Kunsthalle Rostock, Herrn Dr. Jörg-Uwe Neumann und Frau

Heike Heilmann, für die freundliche Zusammenarbeit und an Falk von Wangelin für die Bereitstellung von Figurinen.

Texte: C. G. Jung, Psychologische Typen (1929), Solothurn 1994; S. Lenz, Das Feuerschiff (1960), in: Die Erzählungen 1959-1964,

München 1986; M. Houellebecq, Elementarteilchen (1998), übersetzt von Uli Wittmann, Köln 1999; Th. Mann, Der Zauberberg (1924),

Frankfurt am Main 2002; H. Hesse, Demian (1919), Frankfurt 2001; Th. Mann, Doktor Faustus (1947), Frankfurt 2007; A. Lindgren,

Pippi Langstrumpf (1946), übs. v. Cäcilie Heinig, Berlin 1975; Fahrenberg/Hempel/Selg, Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI-R),

Göttingen 1994

Der Text »Gehen Sie abends gerne aus? – Opernfiguren im Persönlichkeitstest« ist ein Originalbeitrag für dieses Programmheft.

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