Das Außenlager Jena des KZ Buchenwald - Geschichtswerkstatt ...

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Das Außenlager Jena des KZ Buchenwald - Geschichtswerkstatt ...

Das Außenlager Jena des KZ Buchenwald

Von Frank Döbert

Die Stadt Jena hat sich mit Stadtratsbeschluss vom Januar 2010 dazu bekannt, im Rahmen

einer noch zu erarbeitenden Gedenkkonzeption in würdiger Form an die Existenz eines

Außenlagers des KZ Buchenwald in Jena zu erinnern und zugleich die Geschichte dieses

Lagers im Norden Jenas sowie weiterer in der Nähe gelegener ehemaliger Lager für

Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aufzuarbeiten. 1 Aus dem öffentlichen Bewusstsein war

die Existenz dieser Lager, insbesondere des KZ-Außenlagers, über Jahrzehnte verdrängt

worden. Eine umfassende Darstellung der Geschichte des Außenlagers, seiner Opfer und der

dort begangenen Verbrechen steht noch aus. Der vorliegende Beitrag fasst den aktuellen

Kenntnisstand zusammen.

Ermittlungen

Am 26. September 1966 eröffnete Staatsanwalt Deisberg von der Zentralen Stelle der

Landesjustizverwaltungen zur Verfolgung von Nazi-Verbrechen in Ludwigsburg einen neuen

Untersuchungsvorgang mit der Begründung: „Das KL Buchenwald unterhielt in Jena ein

Nebenlager. Es handelte sich um ein Männerlager. Arbeitsstätte: Reichsbahn-

Ausbesserungswerk, Löbstedter Straße 50. Erkenntnisse über dieses Nebenlager liegen bisher

nicht vor. Die Verhältnisse in diesem Nebenlager bedürfen der Überprüfung [...]“ 2 Am 28.

Mai 1975 stellte die Kölner Zentralstelle für die Bearbeitung von NS-Massenverbrechen in

KZ das Ermittlungsverfahren jedoch ein, da das Verfahren nicht zur Ermittlung der Täter

geführt hatte. Der Hauptbeschuldigte Zenker soll bereits kurz nach dem Kriege laut Berichten

von sowjetischen Organen zum Tode verurteilt worden sein. Ermittlungen in der DDR zur

Feststellung mutmaßlicher Täter im Zusammenhang mit NS-Verbrechen im Außenlager Jena

sind nicht bekannt.

Im Zuge des Verfahrens informierte die Kölner Zentralstelle die Ludwigsburger Behörde im

September 1969 darüber, dass zu dem Vorgang der Generalstaatsanwalt der SBZ um

Auskunft ersucht wurde, ob Erkenntnisse zu Verbrechen im Jenaer Lager bestünden. Von dort

war aber mitgeteilt worden, dass mangels deutsch-deutscher Rechtshilfebeziehungen eine

1 Vgl. diverse Beiträge des Autors in der OTZ Jena, so vom 15.1., 29.1. 26.2., 8.4. und 28.4.2010.

2 Bundesarchiv Ludwigsburg, AR-Z 4/74, S. 1, Verfügung durch Staatsanwalt Deisberg.


Erledigung der Anfrage nicht erfolgen könne. In den Akten gibt es keine Hinweise darauf,

dass aus Ostberlin Informationen eingingen. 3

Allerdings scheint ein Zusammenhang zu bestehen zwischen den Ermittlungen in

Ludwigsburg und Nachforschungen an der Humboldt-Universität Berlin, Sektion

Rechtswissenschaften, Forschungsgruppe „SS-Kriegsverbrechen im KZ Buchenwald und

Nebenlagern“ von 1977, die wiederum auf einige Jahre zuvor erfolgte Erhebungen des

Kreiskomitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer Jena im Auftrag des

Bezirkskomitees Gera zurück greifen konnte. 4 Als Ziel ihres Forschungsauftrages hatten die

Jura-Studenten formuliert: „Wir [...] beschäftigen uns im Auftrag des Zentralvorstandes des

Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer mit einem Forschungsauftrag, der das

Ziel hat, eine Dokumentation zu SS-Leuten des KZ Buchenwald und seiner Nebenlager zu

erarbeiten. [...] Wir sind an allen Daten über SS-Leute interessiert, besonders über Angaben,

wo sich diese Verbrecher heute befinden könnten.“ 5

Im Zuge dieser Erhebungen über das Lager waren Gespräche mit den deutschen

Funktionshäftlingen geführt worden. Im Buchenwaldarchiv finden sich die Berichte von Erich

Mogk vom 28.10.1974 sowie vom 12.2.1979 und Arthur Keck vom 18.5.1976. Darüber

hinaus wurden aus verschiedenen Quellen Einschätzungen u. a. über Otto Schuricht, zu

Werner Manneberg (Gespräch am 17.7.1984) und Alfred Bergner (Gespräch am 25.2.1976

und 8.3.1977) erarbeitet. Die bis 1978 vorhandenen Aussagen wurden der Forschungsgruppe

zugeleitet. Die Erfassung dieser und weiterer Materialien führte jedoch weder zu DDR-Zeiten

noch danach zu einer umfassenden wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte des

Lagers und der dort begangenen Verbrechen.

Lokalisierung

Die bisher einzigen bekannten Ansichten des KZ Außenlagers in der vormaligen Löbstedter

Straße 50 in Jena-Nord erschließen sich aus Luftbildern der US-Air Force, so vom 8.4.1945,

einen Tag vor dem verheerenden amerikanischen Luftangriff auf den Saalbahnhof und das

3 ARZ-4/74, S. 30, Mitteilung vom 22.9.1969.

4 Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus Fremdarbeiter, Schuber 2, Mappe Berichte und Akten RAW Jena, SED-

Kreisleitung Jena, S. 38, Brief Heinrich Adam an die Humboldt-Universität Berlin, Sektion

Rechtswissenschaften, Forschungsgruppe „SS-Kriegsverbrechen im KZ Buchenwald und Nebenlagern“ vom

9.2.1978.

5 Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus Fremdarbeiter, Schuber 2, Mappe Berichte und Akten RAW Jena, SED-

Kreisleitung Jena, S. 39, Brief der Humboldt-Universität Berlin, Sektion Rechtswissenschaften,

Forschungsgruppe „SS-Kriegsverbrechen im KZ Buchenwald und Nebenlagern“ an das Kreiskomitee der

antifaschistischen Widerstandskämpfer Jena vom 28.12.1977.


Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Jena, und vom 4.6.1945 6 . Es befand sich unmittelbar

gegenüber dem RAW, heute ein Baumarkt. Dies geht eindeutig auch aus einer Skizze hervor,

die der ehemalige ukrainische Häftling A. A. Drosdow im Jahr 1991 anfertigte. 7

Der ehemalige polnische Häftling Wieczyslaw Stefanski sagte zur Lage des Lagers aus:

„Neben dem Lager auf derselben Chausseeseite befand sich eine mechanische Bäckerei und

gegenüber dem Lager auf der anderem Straßenseite lag der Reparaturbetrieb des Fuhrparks

der Eisenbahn.“ 8

W. Schmidt erinnerte sich: „Das Lager war mir bereits vor meinem Einsatz mit meiner

Flakeinheit gegenüber diesem Lager bekannt. Es lag unmittelbar an der Mauer des Konsum-

Lagers und der Bäckerei.“ 9

Die ersten im Lager eintreffenden Häftlinge fanden ein fertig eingerichtetes Barackenlager

vor, das mit einem Stacheldrahtzaun und elektrischen Drähten gegen Ausbruchsversuche

gesichert war. 10 Wieczyslaw Stefanski: „Das Lager war nicht groß, [...] bestand nur aus zwei

Baracken. Weitere Baracken waren erst im Bau, deren Bau vor Kriegsende nicht beendet

wurde. Die Baracken waren mit einem Zaun aus Stacheldraht umgeben und von der

Bäckereiseite durch einen hohen Bretterzaun, auf dem oben Stacheldraht war, abgetrennt. Das

Lagergelände besaß die Form eines Vierecks und in jeder Ecke stand ein Wachturm. In das

Lager führte ein Tor, an dem das Wachgebäude stand.“ 11 Die Unterkünfte selbst beschrieb er

folgendermaßen: „Die Baracken waren innen nicht auf einzelne Stuben geteilt. Entlang der

Wände standen dreistöckige Pritschen. Auf einer Pritsche schliefen 8 – 10 Häftlinge, und auf

diese Zahl von Häftlingen standen nur drei Decken zur Verfügung. Auf den Pritschen lagen

Strohsäcke und in der Baracke befand sich ein Eisenofen, zu dem aber kein Brennmaterial

zugeteilt war. Es war den Häftlingen verboten, mit den von der Arbeit mitgebrachten

Holzabfällen zu heizen. Soweit ich mich erinnern kann, befanden sich im Lager

durchschnittlich 800 bis 1000 Personen, d. h. 400 bis 500 von ihnen in einer Baracke.“ 12 Bei

der Auswertung der Luftbilder vom 8.4.1945 sowie vom 4.6.1945 konnten die beiden

genannten lang gestreckten Häftlingsbaracken eindeutig identifiziert werden. Sie standen

entlang bzw. auf der heutigen Straße Am alten Gaswerk.

6 Thüringer Landesamt für Vermessung und Geoinformation Erfurt, Luftbildkontaktkopien. Werner

Drescher/Jena stellte freundlicherweise das Luftbild vom 4.6.1945 zur Auswertung zur Verfügung.

7 BwA 61-51-1, Schreiben von A .A. Drosdow an das BwA vom 19.8.1991.

8 AR-Z 4/74, S. 146, Aussage Wieczyslaw Stefanski, Kielce am 13.9.1969.

9 Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus Fremdarbeiter, Schuber 2, Mappe Berichte und Akten RAW Jena SED-

Kreisleitung Jena, S. 69 f., W. Schmidt: Zum Außenlager Buchenwald in Jena, undatiert, wohl 70er Jahre

(Abschrift).

10 AR-Z 4/74, S. 57, Aussage Mato Medjeral.

11 AR-Z 4/74, S. 146.

12 Ebd., S. 146 f.


Auf dem Lagergelände befand sich außerdem eine Küchen- sowie Verwaltungsbaracke. Bei

diesen Baracken dürfte es sich um jene handeln, die in einer Niederschrift vom 21.6.1942

genannt werden - zwei Reichsarbeitsdienst-Baracken mit einer Belegungskapazität von

(zusammen) 50 Personen, eine weitere für 50 Personen sowie eine Bimssteinbaracke für 62

Personen, zu dieser Zeit Eigentum des RAW. 13 Die Entstehungszeit des Barackenlagers am

RAW ist bisher noch nicht genau bekannt.

Waggonlager für jüdische Bürger

Nicht zutreffend ist die zunächst nahe liegende Annahme, das KZ-Lager könne aufgrund

verschiedener Hinweise identisch sein mit einem Barackenlager für „ausgesteuerte

Arbeiterfamilien“ und jüdische Bürger. 14 Wilhelm Dahlig berichtete: „Bevor das KZ-

Außenlager entstand, gab es dort schon Baracken für ausgesteuerte Arbeiterfamilien, die

keine Miete zahlen konnten. [...] Später kamen diese Familien in das Versorgungshaus

(heutige Städtisches Krankenhaus).“ 15 Ganz wesentlich zur näheren Bestimmung der Lage der

von ihm genannten Baracken ist folgender Fakt: Dahlig erinnerte sich an die Genossen Marx,

Pohlig und Arthur, die in diesen Baracken gewohnt hätten. Tatsächlich finden sich zwei der

drei Namen in Adressbüchern der Stadt Jena von 1935 bis 1940. Danach hatte A. Pohlig,

Arbeiter, die Adresse Löbstedter Straße 60, W. Marx, Schlosser, wohnte in der Nr. 62. Dem

Barackenlager waren zu dieser Zeit die Straßennummern 55 bis 63 zugeordnet, Eigentümer:

die Stadtgemeinde Jena. 16 Das Adressbuch 1941/42 weist für diesen Zeitraum teils neue

Bewohner aus: jüdische Bürger der Stadt Jena, die in diese Behelfsunterkünfte umgesiedelt

wurden: Maria Stensch (Nr. 56) sowie Klara (Sara) Camnitzer, Julian Cohn, Louis Zamory,

alle Nr. 63. 17

Vielmehr handelt es sich dabei um einen Barackenkomplex, der bereits im Oktober 1933 von

der Stadt Jena errichtet wurde und aus neun in der Waggonfabrik Gotha beschafften

ausgemusterten Personenwaggons mit einer Größe von jeweils 3,10 m Breite und 8,20 m

13 Vgl. Stadtarchiv Jena, Bestand D I e 16. Die Aufstellung vorhandener Kapazitäten zur Unterbringung von

Zwangsarbeitern wurde dem Oberbürgermeister zugestellt und beinhaltet weiterhin die Turnhalle in Zwätzen für

96 Personen, belegt mit 49 Franzosen, und die „Grüne Aue“ in der Löbstedter Straße 20 für 35 Personen, belegt

mit 28, darunter 24 Belgiern, 1 Holländer, 1 Franzose, 1 Schweizer, 1 Spanier. Die zwei RAD-Baracken wurden

als z. Z. leer stehend und zum 1.7.1942 bezugsfertig gemeldet, die Bimssteinbaracke als mit 31 „Zivil-Russen“

belegt.

14 Vgl. Dr. Rüdiger Stutz: Die Außenkommandos und Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Jena.

Bericht für den Kulturausschuss des Stadtrates der Stadt Jena, Februar 2010.

15 Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus Zwangsarbeiter, Schuber 2, Berichte und Akten RAW Jena, SED-

Kreisleitung Jena, S. 47, Gespräch Paula John mit Wilhelm Dahlig am 12.1.1977.

16 Vgl. u. a. Adressbuch der Stadt Jena, 1938, S. 126, ebenso Adressbuch 1939, S. 130. Für die neun

Hausnummern sind neun Bewohner (jeweils mit Familien) verzeichnet.

17 Vgl. Adressbuch 1941/42, S. 133, bzw. Adressbuch 1939, S. 130.


Länge bestand. 18 Obgleich bereits länger Hinweise bezüglich weiterer, zeitweilig jüdischer

Bewohner dieses Lagers bestanden - Klara Friedmann und Franziska Meyerstein 19 -, die auf

ein Waggonlager hindeuteten, brachte der erst jetzt bekannt gewordene Vorgang zum Bau des

Waggonlagers eindeutige Klarheit. Es befand sich auf einem schmalen Flurstück,

Katasternummer 3405, an der Löbstedter Straße zwischen dem Tanklager nördlich des

Fußgängertunnels und dem Umspannwerk, heute Imaginata. 20 Es erstreckte sich von den

Abstellgleisen der Bahn bis an die Löbstedter Straße. Das erschütternde Schicksal der

jüdischen Bürger ist dokumentiert. 21

Zwangsarbeiter im KZ-Lager

Der erste große Schub an Zwangsarbeitern für das RAW datiert auf den 26.6.1942, Einzelne

nahmen die Arbeit dort bereits am 1.6.1942 auf. 22

Das Barackenlager war offensichtlich bis zum Herbst 1944 mit Ostarbeitern belegt, die im

RAW Zwangsarbeit leisten mussten. Zu ihnen gehörte Phillip Phillipowitsch Woletzki,

geboren 20.8.1924. Er war am 10.8.1943 aus seinem Heimatort Teniwka, Kreis Buk, Rayon

Kiew, mit vielen anderen Bewohnern nach Deutschland deportiert worden. 23 Vom 15.2.1944

bis zum 12.4.1945 war er im RAW beschäftigt. 24 Wolitzki beschreibt in den Briefen, dass er

18 Stadtarchiv Jena, Bestand D Ig 11.

19 Vgl. Stadtarchiv Jena, Bestand F 407, Eidesstattliche Versicherung von Karl Zierath, Jena, Januar 1949;

Gisela Horn: Amalie Goell - ein Beispiel für Zivilcourage, S. 196 ff., in: C. Amlacher, D. Ebert, G. Horn (Hg.):

Anpassung, Verfolgung, Widerstand. Frauen in Jena 1933 -1945, Glaux Verlag, Jena 2007.

20 Dieses Lager ist auf den Luftbildern vom 8.4.1945 sowie teilzerstört auf dem vom 4.6.1945 zu erkennen.

21 Vgl. Eberhart Schulz: Verfolgung und Vernichtung. Rassenwahn und Antisemitismus in Jena 1933 bis 1945,

Bausteine zur Stadtgeschichte Bd. 11, Hain-Team, Weimar 2007, S. 139 ff., Jüdische Bürger Jenas 1933 - 1945

und ihr Schicksal. Julian Cohn wurde am 10.5.1942 in das Vernichtungslager KZ Belzyce deportiert,

Sterbedatum unbekannt, nach Theresienstadt wurden deportiert am 20.9.1942 Maria Stensch (Sterbedatum

25.4.1944), Klara (Sara) Camnitzer (30.10.1942), Louis Zamory (16.1.1943) und Klara Friedmann (30.3.1944).

Die behinderte Franziska Meyerstein wurde am 2.3.1943 nach Auschwitz deportiert, ihr Sterbedatum ist nicht

bekannt. Die Liste der in den Tod getriebenen jüdischen Bürger Jenas ist jedoch noch wesentlich länger, vgl.

Schulz S. 101 ff.

22 Vgl. BwA 62-51-1, Liste der Zwangsarbeiter im RAW, dss. in: Städtische Museen Jena, Fundus

Zwangsarbeiter, Schuber 2, Forschungsarbeit SED-Kreisleitung, Geschichtskommission, Martina Preißler Phil

II, S. 31 - 44. Vgl. auch BwA 62-51-2, Schreiben von Waltraud Fitzner, Jena, an das Komitee der

antifaschistischen Widerstandskämpfer Jena am 24.2.1976.

Die Existenz der Namenslisten sei ihm nicht bekannt gewesen, berichtete in dem Zusammenhang Wilhelm

Dahlig, der im RAW vom 15.9.1951 bis 30.9.1953 als SED-Parteisekretär eingesetzt worden war. Ca. 1952 sei

auf Beschluss der Parteileitung eine Gedenktafel aus Kupferblech an der neuen Betriebsberufsschule des RAW

neben der Eingangstür angebracht worden. Dahlig erkundigte sich 1983 nach der zu dieser Zeit nicht mehr

vorhandenen Tafel, konnte aber nichts in Erfahrung bringen. Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus

Zwangsarbeiter, Schuber 2, Briefe von Fritz Bieland vom 7.5.1977 bzw. 28.2.1983.

23 Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus „Fremdarbeiter“, Schuber 4/Zeitzeugenberichte. In zwei Briefen vom

18.2.1996 und 18.2.1997 an Evelyn Halm berichtete Wolitzki über seinen Aufenthalt in Jena bis zu seiner

Rückführung in die Heimat über Chemnitz nach Kriegsende und skizzierte darin jeweils die räumliche Situation

RAW-Lager - Konsumbäckerei.

24 Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus „Fremdarbeiter“, Schuber 2/Mappe Berichte und Akten RAW Jena,

SED-Kreisleitung Jena, S. 34.


als Schlosser im RAW arbeitete, dort unter der Nummer 1049 registriert war und in dem

Lager Nr. 50 gegenüber der Konsum-Bäckerei untergebracht war. Nach Räumung des

Barackenlagers am RAW wurde er in einem nach seinen Angaben fünf Kilometer entfernten,

nordwestlich der Schienen liegenden Lager untergebracht. Zur Arbeit fuhr er dann unter

Bewachung mit der Straßenbahn zum RAW. 25

Die KZ-Häftlinge

Am 4.10.1944 marschierte der erste Transport mit mehreren Hundert Häftlingen aus dem KZ

Buchenwald zum Bahnhof Weimar, eskortiert von vier SS-Männern der SS-Reserve (zwei

Oberscharführern, einem Unterscharführer, einem SS-Mann) und zwischen 60 bis 70

Wehrmachtsangehörigen, darunter zwei Feldwebel und zwei Unteroffiziere. Von ihrer neuen

Aufgabe schienen einige nicht sonderlich erfreut. 26 Der Güterzug fuhr nach Jena-Göschwitz,

stand dort zum Umrangieren auf dem dortigen Güterbahnhof. 27

Die meisten der zur Reparatur von Lokomotiven und Ausbesserung von Waggons

eingesetzten Häftlinge stammten aus Osteuropa, aber auch Frankreich und Italien. Die Stärke

des Außenkommandos variierte ständig: 28 Die stärkste Belegung des Lagers ist für den

24.1.1945 mit 942 KZ-Häftlingen verzeichnet, nachdem einen Tag zuvor, am 23.1.1945, ein

weiterer Transport aus Buchenwald nach Jena mit 129 Häftlingen abgegangen war. 29 Die

„Musterung“ der Häftlinge war drei Tage zuvor erfolgt. 30

Zu den Häftlingen gehörte auch Antonio Ceglia, geboren 1922 in Salerno/Italien. Am

9.9.1943 befand er sich, damals Soldat, in einem Militärgefängnis in Pesciera sul Garda. Aus

diesem Gefängnis heraus wurde er mit vielen anderen durch deutsche SS im Viehwaggon

nach Deutschland zunächst in das KZ Dachau, über weitere Lager, zuletzt Buchenwald, im

Herbst 1944 nach Jena deportiert. Während des Evakuierungsmarsches nach Leitmeritz

gelang ihm Mitte April 1945 bei Dresden die Flucht. 31

25 Vgl. Anmerkung 11, Brief Wolitzkis vom 18.2.1996.

26 Vgl. BwA 31-521, Bericht von Erich Mogk, Bad Langensalza, am 12.2.1979. Der zehnseitige Bericht gibt eine

sehr detaillierte, dabei recht realistische Darstellung der Lagerzeit aus Sicht eines kommunistischen

Funktionshäftlings.

27 Vgl. ebd., S. 1.

28 Vgl. BwA 61-0-10, Aufstellung von Außenkommandos: 1.12.1944: 827 Häftlinge, 12.12.1944: 828,

31.12.1944: 821. Vgl: BwA 46-1-18 Stärkemeldungen: 1.1. - 12.1.1945: 821 Häftlinge, 13.1. - 17.1.1945: 815,

18.1. - 23.1.1945: 809, 24.1. - 2.2.1945: 942, 3.2. - 7.2.1945: 938, 8.2. - 13.2.1945: 934, 14.2.1945: 933,

15.2.1945: 927, 16.2. - 27.2.1945: 932, 28.2.1945: 918, 1.3.1945: 926. Außerdem wurden am 4.11.1944 4

Häftlinge, am 13.11.1944 300 sowie am 29.11.1944 nochmals 4 Häftlinge von (Dachau)-Buchenwald nach Jena

überstellt, vgl. Brief Sabine Stein/BwA vom 19.12.1989 an SED-Kreisleitung Jena, Gen. Merkel/Sekretär der

Geschichtskommission. In: Städtische Museen Jena, Fundus Zwangsarbeiter, Schuber 2.

29 Vgl. ThHStA Weimar, Konzentrationslager Buchenwald, NS 4 Bu Nr. 231, Bl. 88 und 89.

30 Vgl. ThHStA Weimar, Konzentrationslager Buchenwald, NS 4 Bu Nr. 231, Bl. 90-92.

31 AR-Z 4/74, S. 81 ff., Aussage Antonio Ceglia, Ellwangen 22.1.1970.


Der Personalbestand des RAW verzeichnete am 1.4.1945 insgesamt 1021 Ausländer, darunter

850 KZ-Häftlinge sowie 8 Franzosen, 10 Belgier, 2 Holländer, 1 Pole und 150 Russen als

Fremd- und Ostarbeiter. Zusammen mit den regulären Arbeitskräften (587) hatte das RAW

eine „Gefolgschaftsstärke“ von 1.608 Mann. 32

Funktionshäftlinge

Das Lagerregime wird in den überkommenen Berichten sehr differenziert dargestellt - von

den Kapos bzw. anderen Funktionshäftlingen deutlich positiver bei zurückhaltender

Schilderung ihrer Nähe zum SS-Personal als von ausländischen Häftlingen. Ähnlich wie im

KZ Buchenwald selbst besetzten auch in Jena die deutschen politischen Häftlinge die

wichtigsten Lagerfunktionen im Häftlingsbereich. So war als Lagerältester Otto Schuricht

(6.4.1903 - 17.6.1949), vormals politischer Leiter der KPD-Ortsgruppe in Leisnig/Sachsen

und Landtagsabgeordneter in Sachsen, vom illegalen Lagerkomitee bestimmt worden. Als

sein Schreiber fungierte der parteilose Werner Manneberg 33 . Der KPD-Mann Gerhard

Steingräber löste „auf Beschluss der ILK“ einen „unzuverlässigen Kapo (Leiter des

Arbeitskommandos) ab“. 34 Als Kapo fungierte auch Arthur Keck. Er datierte den Einsatz von

Steingräber auf Februar 1945. 35

Bewachung

Die Bewachung des Lagers oblag dem SS-Außenkommando Reichsbahnausbesserungswerk

Jena. SS-Lagerführer war der SS-Oberscharführer Alfred Zenker. Er stammte aus Heidenau

bei Dresden und war dort Direktor und Mitinhaber einer Garantol-Fabrik gewesen. 36 Als sein

Stellvertreter fungierte SS-Oberscharführer Willi Sturm, gebürtiger Wiener. Zum

32

BwA 62-51-3, Aufstellung der RAW-Verwaltungsleitung vom 24.8.1945, Abschrift.

33

Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus Fremdarbeiter, Schuber 2, Mappe Berichte und Akten RAW Jena, SED-

Kreisleitung Jena, S. 46.

34

Vgl. Antifaschistische Widerstandskämpfer des Kreises Döbeln, Heft 8, 1976, Hg. SED-Kreisleitung Döbeln,

darin: Fritz Ebruy: Otto Schuricht, Kopie im BwA 62-51-3. Der frühere Lagerschreiber Werner Manneberg

erklärte 1984, dass es eine Verbindung zur illegalen KPD in Jena oder zu Genossen dort nicht gegeben habe, vgl.

BwA 62-51-3.

35

BwA 31-429, Bericht von Arthur Keck aus Kaulsdorf, über das Außenkommando des KZ Buchenwald im

RAW Jena. Keck war nach 1945 in Funktionen bei der Volkspolizei. Schuricht sei seinen Angaben zufolge nach

dem Krieg Bürgermeister von Leisnig geworden, Steingräber Staatsanwalt in Döbeln, Manneberg Mitarbeiter im

Kulturministerium in Berlin. Keck gibt seine Häftlings-Nr. in Buchenwals ab 1941 mit Nr. 3054, ab 1944 Nr.

33787 an.

36

Vgl. BwA 62-5-3, Gespräch von Martina Preißler mit Gen. Werner Manneberg am 17.7.1984 in Jena, sowie

AR-Z 4/74, S. 57, Aussage Mato Medjeral. Manneberg kann jedoch exaktere Angaben machen als Medjeral.


Stammpersonal gehörte auch SS-Hauptscharführer Vichzorek. Er hatte in Jena geheiratet und

nach dem Krieg in Jena gelebt. 37

Eine Aufstellung vom 31. Januar 1945 verzeichnete für die Wachmannschaft eine Stärke von

66 Mann. 38 Allerdings ist dort nicht verzeichnet, wie sich diese zusammensetzte. Laut

Häftlingsaussagen und Vernehmungen internierter Kriegsgefangener der 3. US-Armee in

Dachau gehörten zum Wachpersonal neben deutschen Soldaten auch kroatische und

rumänische Hilfswachen, die alle Angehörige der Waffen-SS bzw. SS-Totenkopfverbände

waren. 39 Gegen Ende des Krieges mussten immer mehr Angehörige der Wachmannschaft an

die Front und wurden deshalb durch „Nichtfronttaugliche“ ersetzt. 40 Im Fall eines Aufruhrs im

Lager sollte auch die in der Nähe stationierte Flakeinheit eingreifen. 41 Nach Angaben des

Häftlings Kurt Aloe seien etwa zehn Tage vor der späteren Evakuierung des Lagers nach

Colditz ca. zehn SS-Männer nach Jena beordert worden. Von da an hätten sich die „guten

Verhältnisse im Lager“ geändert. So habe der SS-Mann Schmidt, der mit dieser Gruppe

gekommen war, Häftlinge zusammengeschlagen. 42

Ein Sturm- und zwei Hauptscharführer sollen Häftlingen in der Nachtschicht im Waschraum

des RAW Unterricht in der Handhabung der Mpi 41 gegeben haben mit dem Hinweis: „Wenn

wir die Dinger einmal wegwerfen, damit ihr im Bilde seid, wie man damit umzugehen hat.“ 43

Sanitätspersonal

Der Kommunist Erich Mogk wurde im Außenlager als Sanitäter eingesetzt. 44 Formal

unterstand er dem dem Lager zugeordneten Sanitätsdienstgehilfen (SDG) des KZ

Buchenwald. Diese SDG, in Buchenwald gab es insgesamt 17, wiederum fungierten als

Vertreter des SS-Lagerarztes. Für Jena war dies der SDG Friedrich Wilhelm 45 - im

Stammlager berüchtigt für die Vielzahl der von ihm eigenhändig vorgenommenen

„Abspritzungen“, die zum sofortigen Tod der Häftlinge führten. Wilhelm war wohl nie

37

Vgl. ebd., S. 62.

38

Buchenwald - Mahnung und Verpflichtung, S. 258, Aufstellung von SS-Standortarzt Schiedlausky.

39

AR-Z 4/74, S. 72-74, Headquarters Third US-Army, Identification of Prisoners, Dachau.

40

Vgl. BwA 62-51-3, Gespräch mit Werner Manneberg.

41

Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus Fremdarbeiter, Schuber 2, Mappe Berichte und Akten RAW Jena, SED-

Kreisleitung Jena, S. 69 f. W. Schmidt: Zum Außenlager Buchenwald in Jena, undatiert, wohl 70er Jahre

(Abschrift).

42

AR-Z 4/74, S. 219, Aussage von Kurt Aloe, Gifhorn am 9.9.1970.

43

BwA 31-429, Bericht Arthur Keck, S. 6. Möglicherweise schmückte Keck einzelne Episoden wie diese zu

sehr aus.

44

Vgl. BwA 31-521, zehnseitiger Bericht Erich Mogk über das Außenkommando RAW Jena vom 12.2.1979.

45

Buchenwald - Mahnung und Verpflichtung, S. 258.


persönlich im Jenaer Lager anwesend. 46 „Einen Dr. Schidlausky und einen Sanitätsdienstgrad

Wilhelm (beide wurden gehenkt) hatten wir nicht im Lager“, berichtete Erich Mogk. „Da

konnte man im Revier schon einiges anstellen., wir hatten ja in Buchenwald gelernt, wie unter

allen Vorsichtsmaßnahmen gearbeitet werden musste, wie man Schonungskranke macht und

wie die Arbeit auf feine Art und Weise sabotiert werden konnte. Ich hatte im Revier einen

sowjetischen Arzt mit Namen Mischa, der sagte immer, Erich, Kamerad malat, nicht rapodi,

braucht Schonung, du schreiben Pomaschku 3 Tage 4 Tage dann gut. Und so kamen bei der

geringsten Verletzung am Bein, Arm oder Hand ein Verband und dazu die notwendige

Schonung. Es gab viele Tage, wo das Kommando 90 bis 100 Schonungskranke hatte.“ 47

Zwangsarbeit

Die Häftlinge arbeiteten in 12-Stunden-Schichten. Dabei gab es unmittelbare Kontakte zu den

Arbeitskräften des RAW. Davon berichtete Artur Linke, damals als Schweißingenieur Meister

der Schweißerei des RAW. Dort mussten etwa 60 Häftlinge arbeiten. Linke hatte die

Aufgabe, den Häftlingen die Arbeitsgänge beizubringen und sie in der Produktion

einzusetzen. 48 Die Arbeit im RAW in der 12-Stunden-Schicht sei sehr schwer gewesen, so

Roman Jackowicz. „Mein Meister während der Arbeit war ein gewisser Franz Möbert,

wohnhaft in Jena, NSDAP-Mitglied. Er war zu den Häftlingen feindlich eingestellt, besonders

zu den polnischen und russischen. Diesen Häftlingen teilte er sehr schwere Arbeit zu und

zwang sie durch Schlagen und Fußtritte zur Ausführung dieser Arbeit.“ 49

Ein etwa 30 bis 35 Jahre alter Ingenieur, der mit Möbert gut befreundet gewesen sei, galt als

der Schrecken für die Häftlinge. „Er war außergewöhnlich boshaft und zeigte die Häftlinge

bei der Lagerbehörde an, wodurch sie bestraft wurden, z. B. für den Gebrauch von

Arbeitshandschuhen aus Stoff während der Arbeit, was verboten war. Wenn er einen Häftling

dabei erwischte, zeigte er ihn bei dem SS-Mann an. So ein Häftling bekam dafür Schläge als

Strafe und wurde in das Strafkommando versetzt, wo er Blindgänger (Fliegerbomben)

entschärfen musste. Selbst schlug er und trat Häftlinge, weil er der Ansicht war, dass sie zu

46 Im Prozess gegen das Wachpersonal des KZ wurde er 1948 zum Tode verurteilt und endete am Strang. Belege

dafür, dass er diese Mordmethoden auch in Jena praktiziert hätte, gibt es nicht.

47 Vgl. BwA 31-521, Bericht Erich Mogk vom 12.2.1979, S. 7.

48 BwA 62-51-2, Aussprache mit Genossen Artur Linke am 21.10.1975 in der Eichhalle des RAW-Nordwerks

von Carl Zeiss (seit dem 1.1.1971 gehörte das zuvor geschlossene RAW zum Kombinat Carl Zeiss Jena.) Linke

datierte in der mit den Gen. Kurt und Heinrich Adam geführten „Aussprache“ jedoch das Erscheinen der ersten

Häftlinge in gestreiften Anzügen im RAW fälschlicherweise auf die Jahreswende 1942/43.

49 AR-Z 4/74, S. 121ff., Aussage von Roman Jackowicz am 7.11.1968 in Warschau.


langsam arbeiteten.“ 50 Ein solches Bombenräumkommando war tatsächlich in Jena und Rositz

nach den Bombenangriffen vom Februar und März 1945 eingesetzt. 51

Von den schweren Arbeitsbedingungen berichtete auch der ehemalige Häftling Stefan

Luczak. Die Fabrik sei nicht beheizt worden, es habe an warmer Kleidung gefehlt. Außerdem

sei das Tempo bei der minimalen Ernährung anstrengend gewesen. Die Häftlinge standen

unter ständiger Aufsicht der SS-Männer, die die Häftlinge vielfach ohne Anlass schlugen. 52

Auf selbstgebauten Heizplatten wurde in Heringsbüchsen von den Häftlingen in den

Unterbühnen im Betrieb alles gekocht, was sich in den zur Reparatur eingelieferten Waggons

anfand, insbesondere bei sogenannten Heißläufern. 53

Lagerleben

Über das Leben im Lager berichtete der ehemalige russische Häftling A. A. Drosdow aus

Kiew. „Neben dem Lager war eine Brotfabrik. Oft, wenn wir uns vor dem Lager zum

Zählappell aufgestellt hatten, bevor wir zur Arbeit gingen, wurde dort frisches Brot

ausgeliefert und der ganze Duft strömte zu uns herüber. Dann wurden von den angetretenen

Häftlingen Flüche in allen Sprachen Europas ausgestoßen. [...] Ich bin im Block mit zwei

Häftlingen zusammen gewesen, die vom Lager Auschwitz kamen. Besonders schwer hatten

es die Franzosen und Italiener. Sie konnten sich überhaupt nicht an den Hunger und die Kälte

gewöhnen. Bei der erstbesten Gelegenheit versuchten sie, sich an den Heizkörpern zu

wärmen. Es kam auch manchmal vor, dass irgendein ‚Spaßvogel’ der Wache oder der

Angestellten des Betriebes aus der zweiten Etage sie mit kaltem Wasser übergossen.“ 54

Kurt Aloe, ein Halbjude aus Breslau und dort am 14.8.1943 von der Gestapo verhaftet, kam

mit dem ersten Häftlingstransport nach Jena. Nach acht Tagen wurde er als Häftlingskoch

eingesetzt, 19 Mithäftlinge arbeiteten als Küchenhilfen in der Lagerküche. Täglich bekam er

die Häftlingsstärke - nach seinen Angaben zwischen 800 bis ca. 1.000, darunter 50 bis 70

Deutsche - gemeldet, um entsprechend kochen zu können. Geweckt wurde er gegen 4.30 Uhr

morgens. Zu seinen Aufgaben gehörte es, um 5 Uhr das gesamte Lager zu wecken. Die

Verpflegung sei für die Verhältnisse recht gut gewesen, da die Lagerinsassen als

50

Ebd, S. 122.

51

Dazu liegen mehrere Zeitzeugenberichte vor, so von Just Bergner, Lieselotte Czekalla und Rainer Otte, alle

aus Jena, sowie Befehle des Polizeidirektors Jena. Aus Platzgründen kann hier nicht näher darauf eingegangen

werden.

52

Vgl. AR-Z 4/74, S. 251, Aussage von Stefan Luczak, Lodz am 15.5.1971.

53

BwA 31-429, Bericht Arthur Keck, S. 4.

54

BwA 61-51-1, Schreiben von A. A. Drosdow an das BwA vom 19.8.1991.


„Schwerstarbeiter“ eingestuft waren. Die Häftlinge hätten sich im Lager auch frei bewegen

und Mithäftlinge in anderen Baracken besuchen können. 55

Praxis war es offenbar, dass im Auftrag wohl des Kommandoführers Häftlinge in Begleitung

eines Wachpostens Lebensmitteleinkäufe in umliegenden Geschäften tätigen mussten.

Mehrfach hatte dies u. a. die Verkäuferin Ilse Erbs bemerkt, die im Lebensmittelgeschäft von

Berthold Welsch in der Löbderstraße arbeitete. 56

Verbrechen

Bereits wenige Tage nach Eröffnung des Lagers wurde der Häftling Nr. 37879 Tschapajew

durch den Außenkommandoführer, Oberscharführer Alfred Zenker, „zur Bestrafung“ in das

KZ Buchenwald zurück geführt, drei weitere Häftlinge, weil sie für Arbeiten im RAW „völlig

ungeeignet“ seien, ein fünfter, Häftling Nr. 13984 Gotschal, „für die Politische Abteilung“. 57

In mehreren Erinnerungsberichten von Häftlingen wird die Erhängung zweier russischer

Häftlinge geschildert. Im Lager wurden zwei in der Woche vor Weihnachten 1944 geflüchtete

junge sowjetische Offiziere an Galgen erhängt, nachdem sie in Camburg nach einem

Kaninchen- oder Hühnerdiebstahl von der Polizei gefasst worden waren. 58 Beide wurden

zunächst nach Buchenwald überstellt, von dort zur Vollstreckung der über sie verhängten

Todesstrafe wieder in das Jenaer Lager gebracht. Die Exekution in Gegenwart aller Häftlinge

und der SS-Lagerverwaltung oblag dem eigens aus Buchenwald gekommenen Henker des

KZ, SS-Hauptscharführer Walter Warnstädt. Zuvor brüstete er sich im Gespräch mit dem

Kapo Arthur Keck: „Na, du kennst mich. Das ist ja nicht das erste Mal, wo ich derartige

Sachen ausführe und glaube mir, das ist der schönste Tod, ihr werdet dann ja sehen. In dem

Moment, wo ich den Schemel wegtrete, ist der Häftling schon tot, wenn er auch noch mit den

Fingern und den Beinen sich ein bisschen bewegt, aber er merkt nichts mehr. Ich habe doch

die Erfahrung und lege auch die Schlinge kunstgerecht, dass keine Zunge zum Vorschein

kommt, wie gesagt, es ist der schönste Tod, indem ich den Schemel wegtrete, wird durch die

Schlinge die Blutzufuhr zum Gehirn sofort abgeschnitten und der Mann ist tot.“ 59

Roman Jackowicz beschrieb im Detail den Vorgang. „Der Offizier legte ihnen einen

metallenen Strick (Stahlseil - FD) um den Hals, zog sie in die Höhe und hakte das Ende des

55 AR-Z 4/74, S. 219, Aussage von Kurt Aloe, Gifhorn am 9.9.1970.

56 Städtische Museen Jena, Fundus Fremdarbeiter, Schuber 2, Mappe Berichte und Akten RAW Jena, SED-

Kreisleitung Jena, S. 59, Schreiben von Ilse Erbs vom 12.1.1977. Sie war vom 1.8.1944 bis 1.2.1947 in dem

Geschäft tätig.

57 AR-Z 4/74, S. 8.

58 Das genaue Datum der Flucht sowie der Erhängung der beiden Rotarmisten hat sich bisher nicht feststellen

lassen, ebenso wenig ihre Namen.

59 BwA 31-429, Bericht Arthur Keck.


Seiles an den Rahmen ein. Nach einigen Minuten zog er die beiden Häftlinge so an den

Beinen nach unten, dass man das Knirschen der Durchtrennung der Wirbelsäule hörte. Alle

Häftlinge des Lagers waren bei der Exekution anwesend, ebenfalls der Lagerkommandant, der

die Exekution leitete und das Urteil verkündete.“ 60 Der Offizier habe die Erhängung feierlich

durchgeführt - „er war in weißem Mantel (Kittel - F.D.), trug weiße Handschuhe und tat die

Funktionen des Henkers mit einem Lächeln. Man sah, dass er daran Freude hatte.“ 61 Der

Häftling Alfred Bergner konnte sich entsinnen, dass die Arbeiter der benachbarten Konsum-

Bäckerei aus den Fenstern zuschauten. 62

Roman Jackowicz berichtete über einen deutschen Häftling, der als Wehrmachts- oder SS-

Soldat wegen Diebstahl ins Lager gekommen sein soll. Ihm, der ehemals Boxer, groß und

blond gewesen sei, hätten die Wachmänner die Funktion eines „Exekuteurs“ anvertraut, der

willig andere Häftlinge verprügelte. „Einen Häftling, der ein Vergehen beging, wie z. B. die

Suppe wegen eines Stoßes vergoss, nahm er in einen abgesonderten Raum und schlug ihn dort

so erbarmungslos, dass man draußen den Widerhall der Schläge und das unmenschliche

Geschrei und Stöhnen hörte. Er schlug auf diese Weise einen Häftling russischer Nationalität

und viele andere.“ 63

Insgesamt sei es aber im Vergleich zu anderen Lagern in Jena „sehr human“ zugegangen,

urteilte ein anderer Häftling. „Es wurde dort weder geprügelt noch grundlos geschlagen oder

gequält.“ 64

Widerstand

Einen Tag nach Ankunft der ersten Häftlinge in Jena ist nach Aussage des Häftlings Mato

Medjeral ein illegales Lagerkomitee unter Führung des Lagerältesten Otto Schuricht gebildet

worden. Dieses habe beschlossen, dass Medjeral als Lagerbursche für die SS-Verwaltung

eingesetzt wird, um so Interna und Entscheidungen der Lagerverwaltung frühzeitig zu

erfahren. 65 Schuricht, Manneberg und Steingräber hätten auch die Widerstandsarbeit

organisiert, so die „Arbeite-Langsam-Bewegung“, leisteten politische Arbeit unter den

Angehörigen der verschiedenen Nationen und organisierten Sabotage bei der Arbeit und

Zersetzungsarbeit unter den deutschen Arbeitern. Schuricht habe ein gutes

60

AR-Z 4/74, S. 123/124, Aussage Roman Jackowicz, Warschau am 7.11.1968.

61

Ebd., S. 124.

62

BwA 62-51-3, Gespräch der VdN-Kameraden Kurt und Gertrud Adam mit Alfred Bergner in

Langenwetzendorf am 25.2.1976.

63

Ebd., S. 123.

64

AR-Z 4/74, S. 58, Aussage Mato Medjeral.

65 Ebd.


Fingerspitzengefühl für Verräter besessen. 66 Was darunter zu verstehen ist, zeigt ein Vorgang,

den Kapo Arthur Keck ausführlich schilderte. Im Dezember 1944 habe man Kenntnis davon

erhalten, dass ein polnischer Häftling den deutschen Vormarsch im Westen

(Ardennenoffensive) begrüßte und der, wenn es gegen die Russen ginge, sich freiwillig bei

der deutschen Armee melden würde. „Keine Woche später war dieser polnische Häftling nicht

mehr im Betrieb, er wurde wegen Sabotage nach Buchenwald gebracht.“ 67

Solidarität

Neben Schikanen im RAW gab es aber auch Solidarität: Arbeiter der Bäckerei warfen, wenn

keine Gefahr für sie bestand, den Häftlingen Brote über den Zaun ins Lager. Im beschränkten

Maße habe es Hilfsaktionen von Arbeitern des RAW gegeben, indem sie Reste ihres

Frühstücks liegen ließen oder Post der Häftlinge beförderten. 68 „Aber wir hatten auch eine

ganze Menge von Kollegen, die benahmen sich wie die Schweine zu den Gefangenen. Von

denen, die geholfen haben, haben einige Bekanntschaft mit der Gestapo gemacht, die sind

wahrscheinlich von den Nazi-Kollegen verraten worden.“ 69

Flucht

Laut Erinnerungen von Artur Linke, vor 1945 Meister in der Schweißerei, sei einem

italienischen Gefangenen die Flucht gelungen. 70 Joachim Bajraszewski berichtete, dass er im

September 1943 mit etwa 1.000 Franzosen von Compiegne nach Buchenwald deportiert

wurde. In dieser Gruppe befand er sich mit 24 in Frankreich verhafteten Polen. 71 Im Herbst

1944 kam er mit der Hilfe anderer polnischer Häftlinge in das Außenkommando Jena. „Im

März 1945 nutzte ich die Gelegenheit während eines Fliegerangriffs der Stadt Jena aus und

floh aus dem Lager. Ich erreichte Straßburg, wo ich eine Tätigkeit in der Organisation der

Widerstandsbewegung in Frankreich aufnahm.“ 72

Kurz vor der Evakuierung flohen auch der Lagerschreiber Hans-Jürgen von Gundlach und der

bei ihm als Schreiber eingesetzte Mithäftling Kurt Aloe. Sie hatten einen SS-Mann, Vorname

66 Vgl. BwA 62-51-3, Fritz Ebruy: Otto Schuricht.

67 BwA 31-429, Bericht Arthur Keck, S. 4.

68 Vgl. BwA 62-51-3, Gespräch mit Werner Manneberg.

69 Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus Fremdarbeiter, Schuber 2, Mappe Berichte und Akten RAW Jena, SED-

Kreisleitung Jena, S. 69 f. W. Schmidt: Zum Außenlager Buchenwald in Jena, undatiert, wohl 70er Jahre

(Abschrift).

70 Städtische Museen Jena, Fundus Fremdarbeiter, Schuber 2, Mappe Berichte und Akten RAW Jena, SED-

Kreisleitung Jena, S. 49, Gespräch Heinrich und Kurt Adam mit Artur Linke am 2.10.1975.

71 AR-Z 4/74, S. 97 ff. Aussage Joachim Bajraszewski, Warschau am 28.1.1969.

72 Ebd., S. 102.


Max, überzeugt, dass dies die letzte Gelegenheit sei, für die Häftlinge noch etwas Gutes zu

tun. „Ich machte dem SS-Mann [...] den Vorschlag, vor der Evakuierung [...] zum Schein

nach Jena zu fahren, um bei dem dortigen Schlachter Marschverpflegung einzukaufen.

Unterwegs wollten wird drei dann gemeinsam untertauchen. Obwohl der SS-Mann sehr große

Angst hatte, ließ er sich schließlich auf meinen Vorschlag ein und wir begaben uns mit einem

Handwagen nach Jena. Unterwegs stießen wir den Handwagen in einen Straßengraben und

meldeten uns bei dem Schlachter Weise, den wir dann um ein Versteck bis zum Heranrücken

der Amerikaner baten. Eine Verkäuferin des Schlachters, die sehr viel Mut bewies, erbot sich

uns zu helfen. Sie brachte uns in einem Keller unter, wo wir bis zum Einmarsch der

Amerikaner ausharrten.“ 73

Evakuierung

Wenige Tage vor dem letzten Bombenangriff auf Jena am 9.4.1945 (am 3. oder 4.4., am 13.4.

wurde Jena durch US-Truppen besetzt) waren die verbliebenen Häftlinge vom Saalbahnhof

aus in vier bis fünf Waggons eines Güterzuges „evakuiert“ worden. Eine genaue

Datumsangabe machte Arthur Keck: „Das Außenkommando im RAW Jena wurde am 3.

April 1945 gegen 16 Uhr mit 4 - 5 Güterwagen und einem Personenwagen für die SS an einen

Güterzug in Jena angehangen, mit dem Ziel Leipzig.“ 74 Für die Begleitmannschaft gab es

einen Personenwaggon. Der Zug sei zunächst nach Buchenwald gefahren, wo die Waggons

aus Jena an einen Zug angekoppelt wurden, der mit Häftlingen voll beladen war. 75 Nachts vor

der Abfahrt war eine Zisterne mit Methylalkohol in das RAW zur Reparatur eingeliefert

worden. Russische Häftlinge entnahmen ihr größere Mengen des giftigen Alkohols und

schmuggelten ihn in Essgeschirren in das Lager, wo sie ihn - aus Freude über den Vormarsch

der Alliierten - verteilten und tranken. Nach übermäßigem Genuss des Alkohols erkrankte

eine Anzahl Häftlinge, etwa 30 - die Berichte schwanken zwischen 27 und 36 - verstarben

während der Zugfahrt. 76 Ziel war Colditz in Sachsen. Dort befand sich bei der HASAG

ebenfalls ein Außenkommando des KZ Buchenwald. In Weißenfels wurde der Zug

bombardiert, wobei es Opfer unter den Häftlingen gab. Einigen von ihnen gelang es zu

flüchten. „In Weißenfels kam ein Luftangriff der Amerikaner gegen 22 Uhr mit Phosphor-

und Sprengbomben. Die SS stand vor unseren Waggontüren und gab den Befehl, dass keiner

73 AR-Z 4/74, S. 214, Aussage von Hans-Jürgen von Gundlach.

74 BwA 31-429, Bericht von Arthur Keck, S. 7. Hinsichtlich der Fahrtroute ist seine Angabe jedoch ungenau.

75 Vgl. AR-Z 4/74, S. 148, Aussage Wieczyslaw Stefanski.

76 AR-Z 4/74, S. 59 f, Aussage des ehemaligen politischen Häftlings Mato Medjeral aus Zagreb/Jugoslawien,

Häftlings-Nr. 29962, Hamburg am 6.1.1970. Zu seiner Person: AR-Z 4/74, S. 57 f. Ähnliche Darstellungen sind

in weiteren Häftlingsberichten enthalten.


aus darf. Als der Angriff stärker wurde, ließen sich die Häftlinge nicht mehr halten und

durchbrachen die Sperre der SS und flüchteten in Splitterschutzgräben. Dabei sind ca. 60

Häftlinge entflohen, darunter auch ich. 77 Ich schlug mich mit einem Kameraden bis nach

Niedertrebra bei Apolda durch und versteckte mich ca. eine Woche bei meiner Schwester.“ 78

Nach Zeugenaussagen hielten sich die Jenaer Häftlinge 14 Tage in Colditz in der dortigen

Steingutfabrik auf und wurden dann gemeinsam mit den dortigen Häftlingen, ungarischen

Juden, zu Fuß nach Leitmeritz geschickt. Während des Marsches tötete allein der namentlich

bekannt gemachte SS-Scharführer Landau 79 14 jüdische Häftlinge. „Ich war in der Nähe, als

der SS-Scharführer Landau einen älteren jüdischen Mann, der am Straßenrand

zusammenbrach, erschoss. Ich [...] hörte den Schuss, drehte mich um und sah den Toten am

Straßenrand liegen. Nach Sachlage konnte nur Landau den Mann erschossen haben. [...]

Hinter dem Treck fuhr ein Pferdewagen, der die Toten aufsammelte.“ 80 Roman Jackowicz zu

den Tötungen: „Die schwächeren Häftlinge [...] wurden mit Revolverschüssen oder

Gewehrschüssen in den Hinterkopf getötet. Der erste Schuss wurde auf den Liegenden oder

Sitzenden abgegeben, wo es eben traf. Dann drehte der Wachmann das Gesicht des Häftlings

mit Fußtritten zur Erde und gab den Gnadenschuss in den Hinterkopf. Ich habe einige

Hundert solche Fälle gesehen, wenigstens über 200.“ 81 Der bereits genannte ehemalige

Häftling Wieczyslaw Stefanski war sich sicher, dass sich in der Begleitmannschaft auch

Wachmänner aus Jena, „ausschließlich junge Menschen“, befanden und mit zu denen

gehörten, die den Häftlingen, die nicht mehr gehen konnten, den „Todesstoß“ gaben. 82

Erinnern könne er sich daran, dass ein Wachmann aus Jena vor seinen Augen einen Häftling,

einen belgischen Juden, von einer Brücke in einen großen Fluss stieß, als man diesen gerade

überquerte. 83 Stefan Luczak sagte aus, dass von insgesamt 2.000 in Colditz abmarschierten

Häftlingen nur 900 in Leitmeritz ankamen, da über 1.000 von ihnen durch eine

Aussonderungsgruppe der SS erschossen wurden. 84 Am 22.4.1945 waren Werner Manneberg,

Otto Schuricht und Gerhard Steingräber gemeinsam aus dem Transport geflohen, laut Arthur

Keck vor Nossen, und schlugen sich nach Leisnitz (Leisnig) durch, wo sie versteckt wurden. 85

77

Vgl. BwA 31-429, Bericht Arthur Keck, S. 8. Er spricht darin von 30 - 40 geflüchteten Häftlingen.

78

BwA 62-51-3, Gespräch mit Alfred Bergner, 25.2.1976. Der Sanitäter Erich Mogk floh nach eigenen Angaben

ebenfalls in Weißenfels. Vgl. ebd, Brief an Gen. Trosdorf, undatiert. Mogk ist der von Bergner genannte

Kamerad.

79

Bisher ist unklar, ob es sich bei dem genannten SS-Scharführer Landau möglicherweise um den berüchtigten

Kriegsverbrecher SS-Hauptscharführer Felix Landau gehandelt haben könnte, über dessen Tätigkeit und

Aufenthaltsorte 1945 wenig bekannt ist.

80

AR-Z 4/74, S. 61, Aussage Mato Medjeral.

81

AR-Z 4/74, S. 125, Aussage Roman Jackwicz.

82

Vgl. AR-Z 4/74, S. 148, Aussage Wieczyslaw Stefanski.

83

Vgl. ebd., S. 149.

84

Vgl. AR-Z 4/74, S. 252, Aussage von Stefan Luczak.

85

Vgl. BwA 62-51-3, Gespräch mit Werner Manneberg.


Am dritten Marschtag, vom Lager Nossen nach Freiberg, sei auch Arthur Keck die Flucht

gemeinsam mit fünf russischen Häftlingen und einem SS-Mann gelungen, der sich

Zivilkleider verschafft hatte. 86 Am 24. April sei man in Leitmeritz angekommen. Die Juden

aus dem Transport wurden weiter bis Theresienstadt getrieben. In Leitmeritz verblieben die

anderen Häftlinge bis zum 5. Mai und erhielten dann Bescheinigungen von den Deutschen,

sich frei bewegen zu können. 87

Letzter Akt der Tragödie

Nach der Evakuierung der Häftlinge des KZ-Außenlagers, die am 3. oder 4. April 1945

erfolgte, waren die Baracken offenbar sofort wieder mit Fremdarbeitern belegt worden.

Darüber berichtete W. Schmidt Folgendes: „Das Lager wurde wieder mit ‚Wolhynien-

Deutschen’ (auch Beute-Deutschen) besetzt. Der Transport dieser kam vom Westbahnhof und

wurde durch die Stadt in Richtung zu diesem Lager getrieben. In der Höhe des alten

Schlachthofes sah ich diesen Zug. Männer und Frauen mit Groß- und Kleinstkindern, auf dem

Rücken ihre Habseligkeiten, in einem erbarmungswürdigen Zustand. Getrieben wurden sie

von Zivilisten, die mit Knüppeln ausgerüstet waren und die damit auf die Frauen und Männer

erbarmungslos einschlugen, obwohl sich diese Menschen kaum auf den Beinen halten

konnten. Diese wurden in das Lager gepfercht, nachdem was ich sehen konnte, müssen

unbeschreibliche Zustände geherrscht haben. Die Männer und auch Frauen mussten im RAW

arbeiten.“ 88 Der größte Teil der Lagerinsassen habe ein furchtbares Ende erleben müssen. Bei

dem schweren Luftangriff auf den Saalbahnhof und das RAW am 9.4.1945 seien die

Lagerinsassen durch den Fußgängertunnel in Richtung Kieshügel getrieben worden. „Etwa

120 kamen jämmerlich in dem Tunnel um.“ 89

Wilhelm Dahlig berichtete, dass es insgesamt drei Bombentreffer auf den Tunnel gab. Nach

seiner Schätzung seien 25 bis 30 Personen ums Leben gekommen. „Nur wenige waren nicht

zerschmettert, viele einzelne Teile menschlicher Körper hat er geborgen.“ 90 Otto Ratz, der

unmittelbar nach Kriegsende das zerstörte RAW und die Tunnelreste sah, berichtete von 20

86 Vgl. BwA 31-429, Bericht Arthur Keck, S. 8.

87 Vgl. AR-Z 4/74, S. 247 f., Aussage von Jerzy Dodacki.

88 Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus Fremdarbeiter, Schuber 2, Mappe Berichte und Akten RAW Jena, SED-

Kreisleitung Jena, S. 69 f., W. Schmidt: Zum Außenlager Buchenwald in Jena, undatiert, wohl 70er Jahre

(Abschrift).

89 Ebd., S. 70.

90 Vgl. Städtische Museen Jena, Fundus Zwangsarbeiter, Schuber 2, Gespräch Paula John mit Wilhelm Dahlig

am 12.1.1977.


is 25 toten Zwangsarbeitern. 91 Eine Registrierung dieser Toten erfolgte im Gegensatz zu den

getöteten deutschen RAW-Mitarbeitern in den Wirren der Endzeit offenbar nicht.

Frank Döbert | Journalist | Jena

91 Stadtrchiv Jena, MS Ge 1d/6, S. 14. Otto Ratz: In und um Jena im April 1945. Erinnerungen an die letzten

zehn Tage des Krieges und die ersten zehn Tage nach dem Krieg.

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