TEMPO

hoffmannundcampeverlag

DAS ERSTE PROGRAMM

FRÜHJAHR 2017

TEMPO

BÜCHER


»LITERATURE IS NEWS THAT STAYS NEWS.«

EZRA POUND


TEMPO

FRÜHJAHR 2017

DAS ERSTE

PROGRAMM

KAT KAUFMANN

Maxim Biller

HUNDERT ZEILEN

HASS

John Aldridge

Anthony Sosinski

10

TEMPO

EINE MISCHUNG

AUS MIRANDA JULY

UND ROBERTO

BOLANO

»Einige Schriftsteller schrieben

wie träge masturbierende Affen

in überhitzten Käfigen, sagte

Alba. Sie schrieben, als hätten

sie jeden Geschmack für echte

Aromen verloren und müssten

deshalb jede Menge Salz und

Schweinefett ans Essen kippen,

damit es überhaupt nach irgendetwas

schmeckte.«

16

6

Die Nacht

ist laut ROMAN

der Tag

ist finster

TEMPO

KAT KAUFMANNS

NEUER ROMAN

Mit ihrem ersten Roman Superposition

gewann Kat Kaufmann den ZDF-aspekte-

Literaturpreis für das beste Debüt des

Jahres 2015. Jetzt erscheint ihr neuer Roman,

eine rasant erzählte Road Novel.

CHRISTIAN KRACHT

FINDET DIESEN ROMAN

BRILLANT

Uwe Kopf war Textchef von TEMPO.

Schon vor Jahren nahm er sich vor, ein

Buch zu schreiben und die Geschichte

seines Bruders zu erzählen. Endlich hat er

sein Vorhaben umgesetzt.

Herausgekommen ist ein Roman, der das

Scheitern umkreist und trotzdem jede

Menge leuchtende Momente findet, bevor

es bitter wird.

26

EIN

FLECK

IM

MEER

ER

ZWEI FREUNDE

UND DAS MEER

EINE NACHT, IN

DER ES UM LEBEN

UND TOD GEHT

Eine wahre Geschichte,

packend erzählt.

Über Freundschaft, Mut

und den Willen, zu überleben.

Jetzt lesen, bevor der Streifen

in die Kinos kommt, mit

Ben Affleck und Matt Damon

in den Hauptrollen.

Gerhard Henschel

ZUNGEN

BRECHER

Atlantik

TEMPO

36

30

TEMPO

GUTES GIFT

VERDIRBT NICHT

Die legendären TEMPO-Kolumnen von

Maxim Biller zum ersten Mal komplett

als Buch.

Über 310 Mal Hundert Zeilen Hass aus

zwölf Jahren, mit einer unveröffentlichten

Zugabe.

WIE

ROBERT ZIMMERMAN

AUS MINNESOTA

BOB DYLAN WURDE

Poetisch und rauh, voller Charme

und Humor. Eine außergewöhnliche

Autobiographie – geschrieben von

einer Legende.

TEMPO

Jetzt als TEMPO Paperback.

DER VOYEUR

DES JAHRHUNDERTS

38

HOLLERI DU DÖDL DI, DIRI DIRI DUDL DÖ

HANK HAWK’S HORN HONKS

SUIS-JE BIEN CHEZ CE CHER SERGE?

BRAUTKLEID BLEIBT KRAUTROCK

etc.

TEMPO

20

TEMPO

Ein Mann kauft und leitet ein Motel,

um seine Gäste beim Sex auszuspionieren,

und bleibt jahrzehntelang unentdeckt.

Eine unglaubliche Geschichte. Der große

Reportagen-Journalist Gay Talese hat sie

aufgeschrieben, nicht ohne dabei selbst

in ein moralisches Dilemma zu geraten.

ZUNGEN AUFGEPASST!

»A Mülla-madl hot a Möhnudlladl und a Nahnodlladl.«

Oder: »The sixth sick sheik’s sixth sheep is sick.«

Die übelsten Zungenbrecher der Welt. Ein Geschenkbuch,

das zu akrobatischen Höchstleistungen animiert.

Lautlesen und möglichst nicht verknoten!


LITERATUR

7

WELCHEN WEG

GEHST DU, WENN

JEDER EINE

SACKGASSE IST?

KAT KAUFMANN

Kat Kaufmanns zweiter Roman –

eine rasant erzählte Road Novel

Ernst hinterlässt seinem Enkel Jonas 5000 Euro und eine Notiz, die

sagt: Finde diesen Mann. Dazu nur ein Name: Valerij Butzukin.

Jonas hat nie von diesem Mann gehört. Hat sich Opa Ernst einen

Scherz erlaubt, den er nicht mehr auflösen wird, weil er tot ist?

Oder war es das Delirium? Die Wahnvorstellung eines senilen

Menschen?

Um Jonas weht der Kalte Krieg 4.0, und hier, inmitten von immer

mehr Grenzen, die sich schließen, beginnt für ihn eine

Odyssee, die ihn – ob er will oder nicht – immer tiefer in ein

fremdes Land und zu fremden Menschen führt: in die Russisch

Asiatische Union. Mit Stas und Juri, die er auf der Suche nach

Passfälschern kennenlernt, begibt er sich in ein Labyrinth, das

Urgroßvater, Großvater, Jonas und den Unbekannten für immer

verbinden und trennen wird.

In einer immer kälteren Welt, zwischen aggressiven und immer

verrückter werdenden Menschen, ist es schwer, nicht selbst verrückt

zu werden. Die Wahrheit ist immer das, was du selbst als

Wahrheit glaubst. Und manchmal sind es nur Millisekunden,

die uns davon trennen, den richtigen Satz zu sagen, an der richtigen

Tür zu klopfen, zu dem richtigen Menschen freundlich zu

sein – doch wir verpassen es. Nicht immer ungewollt. Vielleicht

ja, um uns vor noch größeren Katastrophen zu schützen, die uns

die wirkliche Wahrheit, mit der wir dann leben müssten, bringen

würde. Aber es hätte doch sein können, dass …?

Ja. Hätte es. Ist es aber nicht.

Die Nacht

ist laut

der Tag

ist finster

ROMAN

TEMPO

Die Nacht ist laut, der Tag ist finster ist ein Roman über das

Schicksal der Menschen, aneinander vorbeizuschrammen. Über

Verlust, über Freundschaft und über das Wiederauftauchen

von Spuren, die im Schnee verweht waren und einen doch nur

noch tiefer in die Irre des eigenen Geistes führen. In den Geist,

der einem verheimlicht, dass man selbst es war, der alles, was

so kommt, wie es kommt, unausweichlich vorgezeichnet hat.

KAT KAUFMANN DIE NACHT IST LAUT, DER TAG IST FINSTER

Roman 240 Seiten, gebunden Warengruppe 1110

ISBN 978-3-455-00105-1 Euro 20,– [D] / 20,60 [A] 11. April 2017


KAT LESEPROBE KAUFMANN / KAT KAUFMANN

9

T. REX UND DER

SÄBELZAHNIGE

KAT KAUFMANN, geboren 1981 in St. Petersburg, lebt

als Schriftstellerin, Komponistin und Fotografin in Berlin.

Für ihren Roman Superposition erhielt sie 2015 den ZDFaspekte-Literaturpreis

für das beste literarische Debüt des Jahres.

Was machst du jetzt mit dem Umschlag? Wenn du gehst, bringt

Hello! Welcome Home!

»Thats it«, hatte der Notar gesagt. Und als du aufgestanden bist,

den Umschlag weg. Und seit diesem Moment ist es exakt das Ge-

sich deine Mutter vor Sorge um. Wenn du bleibst, erschießt du

Sieben Häuser nach rechts, fünf nach links. Plus wir, zählst du,

hast du dich dreimal vor ihm gedreht und gesagt: Die Hose sollte

genteil. Nichts klar. Keine Erklärung. Nur dieser Umschlag mit

dich bald selbst.

wie immer, wenn du hier sitzt und dir im Wohnzimmer die Ob-

ich für Sie anziehen. Und? Gefällt sie Ihnen? Er sagte nichts dazu.

sieben großen Scheinen und einer merkwürdigen Notiz. Diese

Diese verdammte Kuckucksuhr tötet jeden Nerv. Klick. Klick.

Klick. Peter scheint es nicht zu stören. Peter hat es vorhin geschafft,

dir zweimal auf den Rücken zu klopfen – Alles Gute.

Jetzt sitzt Peter direkt neben dir und schweigt sich einen ab, also

zählst du die Bilder an den Wänden, zählst die Vasen, die klei-

jekte, die du zählen kannst, ausgegangen sind. Lass es pro Haus

2,8 Bewohner sein – macht 13 Häuser, die zusammen 36,4 Menschen

beinhalten. Mal zwei, wegen der anderen Straßenseite –

26 Häuser und 72,8 Menschen. Als Komma Acht könnte man die

Steindrechslertochter zählen. Oder dich selbst. Ne ganze Eins

Irgendwas hätte er doch sagen können.

Du hast dich nicht auf ein einziges Wort des Notars konzentrieren

können, während der in kleinlicher Einzelteiligkeit Ernsts

Habseligkeiten aufzählte. Dieses hässliche Büro mit den braunen

Lackschränken und einem Schreibtisch mit all den Gerätschaf-

Nur dieser Umschlag mit sieben

großen Scheinen und einer merkwürdigen

Notiz

nen Figürchen im Setzkasten. Du zählst die Lampen – Tisch-

seid ihr nicht. Und ob sie eine wird nach der Vatersache, ist echt

ten und einem Bilderrahmen, der leer war. Vielleicht hatte man

verdammte Stille. Noch nie war sie lauter. Alle nebensächlichen

lampe, Deckenlampe, Leselampe. Vor dem Fenster ein Baum.

fraglich.

ihn verlassen, den Herrn Notar, und du sahst ihn den Rahmen

Geräusche wurden unerträglich. Mutters Kratzen mit dem Mes-

Das Leben steht ab wie Wasser in

einem Glas

Du ziehst mit zwei Fingern ein rundes, rotes Stückchen Papier aus

deinen Haarsträhnen. Sie hatte eine Konfettikanone gekauft und

sie knallen lassen, sodass diese ganzen runden, bunten Papier-

mit vor Wut zitternden Händen aufbrechen und das Bild darin –

vermutlich so ein typisches lächelndes Abbild von Glück, das es

jetzt nicht mehr gab – zerstören, während er in Wirklichkeit vor

ser auf dem Teller, wo sie den Kuchen in symmetrisch perfekte

Teile schneidet. Peters aneinanderreibende Finger, es klingt, als

wären sie aus Papyrus. Diese trockenen Papyrusfinger, die man

teilchen sich über deinem Kopf entluden und auf dich herunter-

euch saß und weiter monoton den Nachlass vorlas. Vielleicht aber

kriegt, wenn man alt wird und die Hände trotzdem zum Arbei-

Ein einziger. Gegenüber, wo Tante Gertrude und ihr Mann – zwei,

regneten, als sie dir in ihrem hübschesten Kleid die Tür aufge-

war der Rahmen auch neu, und des Herrn Notars Frau ging gera-

ten zwingt, die Autos im Werk zusammenbauen, unzählige Teile

zählst du – wohnen, brennt Licht. Wie sie dir immer winkt, wenn

macht hatte – deine Mutter. Im Mund hatte sie eine Tröte, und

de in dem Moment das schönste Familienfoto der Welt schießen

anschrauben, abschrauben. Jetzt sitzt er da in freudiger Erwar-

du an ihrem Haus vorbeigehst auf dem Weg zu deinen Eltern.

im Flur hing von der rechten zur linken Wand eine Buchstaben-

lassen. Ohne ihn. Weil er nämlich immer hier saß und nie Zeit

tung, eines der symmetrischen Stücke auf seinen Teller platziert

Wie sie dir immer zuruft, dass du doch mal wieder auf einen Ka-

schlange, die sagte: Hello! Welcome Home!

hatte, und weil sie deshalb bestimmt immer stritten, immer im

zu bekommen.

kao vorbeikommen sollst. Als wärst du immer noch zwölf. Hier

Happy Birthday war ausverkauft, hatte sie sich entschuldigend

Büro, nie zu Hause, mach doch mal frei, wir sind deine Familie,

»Können wir nicht wenigstens das Radio, den Fernseher anschalten?

am Stadtrand, wo Mutter und Peter immer auf dich warten, in

gesagt, und ihr trauriges Gesicht zeigte sich wieder hinter dem

und was Frauen noch so sagen ... Vielleicht hatte der gar keine

Irgendwas?«

dieser kleinen Straße mit den sieben Häusern nach rechts, fünf

versuchten fröhlichen. Genauso wie heute Mittag, nachdem ihr

Familie. Nicht mal einen Hund, der ihn von seinem schwarzen

»Aber dann kann man sich nicht unterhalten ...«, sagt Peter.

nach links, in der du als Kind immer allein auf dem Spielplatz

das Büro des Notars verlassen habt, nachdem der Notar euch al-

Schreibtisch aus liebend anstarren könnte. Und dann hatte der

warst, hier, wo du in letzter Zeit so selten hinkommst, um den

len fest die Hände gedrückt und sein Beleid bekundet hatte. Wie

den Rahmen gekauft und hier hingestellt. Weil er vielleicht

guten Sohn zu spielen und in die Sinnlosigkeit zu starren, steht

sehr es Mutter gekümmert hatte, wie du heute vor dem feinen

hoffte, irgendwann mal jemanden zu finden oder zu kaufen,

das Leben ab wie Wasser in einem Glas. Zuerst scheint es rein

Herrn Notar auftauchen würdest. Diese Hose, die du ihr zuliebe

den er dann in diesen Rahmen stecken könnte. Irgendwo muss

und klar, und nach und nach setzt sich das Hässliche, das vorher

angezogen hast – jede normale Bewegung fühlt sich behindert

man ja anfangen ...

Unsichtbare am Glasboden ab. Wie bei den Steindrechslers, bei

an, der Stoff reibt an der Haut.

Wie du heute dort gesessen hast – ihr alle wie Wachspuppen, auf

denen keiner wusste, was solche wie die hier wollten. Urlaub hier,

neuer Wagen dort, noch ein Porsche für den Wochenendausflug,

Familienhund, perfekte Harmonie, bis dann plötzlich allen klar

wurde, dass die hübsche Steindrechslertochter, Klassenbeste, gar

nicht im Internat war die ganze Zeit, sondern in der Anstalt,

und der Mann nicht auf Dienstreise in der Schweiz, sondern

im Gefängnis, weil er die Tochter ins Irrenhaus gefickt hatte.

Happy Birthday war ausverkauft

Sie hatte die Mundwinkel hochgezogen, als würden sie an Scharnieren

hängen, und dir gesagt, dass du vorbeikommen sollst,

dass sie mit Kuchen auf dich warten. Jetzt ist der Happy Teil mit

Konfetti vorbei. Ein beschissenes Jahr. Ein beschissener Monat.

Und dieser Tag ist ein absoluter Scheißhaufen.

den harten Designerstühlen, drei zu eins zu beiden Seiten des

Schreibtisches dieses grau gekleideten Anwalts, Notars, was auch

immer – und versucht hast, dich zusammenzureißen ... Gibt es

keinen anderen Termin? Nein, tut uns sehr leid. Ach Sie haben

heute Geburtstag? Na dann alles Gute!

»That’s it. Das wär’s«, hatte der gesagt, und ließ deine Eltern

wieder ins Zimmer bitten. Alles klar, sagtest du, und stecktest

KAT KAUFMANN

SUPERPOSITION

Alles Schöne birgt Brutales. Jeder Schmerz Poesie.

Kaufmanns erster Roman SUPERPOSITION seziert

die Grundlagen einer Gesellschaft, in der ein herrenloser

Hund zum aggressiven Wolf wird, der sich

sein Rudel sucht.


LITERATUR

11

ÜBER DIE

GRENZEN DER

LIEBE IN EINER

GNADENLOSEN

WELT

»Ein außergewöhnliches und provokantes

Debüt. Ein kluger und ebenso

lässiger wie bissiger Beitrag zum

Kanon der modernen feministischen

Literatur.« The Guardian

In Barcelona kreuzen sich die Wege der exzentrischen Schriftstellerin

Alba Cambó und der unerschütterlichen Araceli, die

alleine bei ihrer Mutter aufwächst. Wie ein Puzzle setzt Araceli

die Biographie der geheimnisvollen, flüchtigen Alba zusammen,

ein Strudel aus schillernden Geschichten über Menschen

aus ihrer Vergangenheit und einen Hund, den eine Prostituierte

auf den Namen Bret Easton Ellis getauft hat.

Lina Wolff erzählt von Machtspielen zwischen Müttern und

Töchtern, Schriftstellern und Lesern und – immer wieder und

vor allem – Männern und Frauen, von Sehnsucht und Begehren,

Liebe, Hass, Erotik, geplatzten Träumen und zerstörerischem

Alltagstrott. Ein mal beißend komischer, mal poetischer

Roman voller schonungsloser Zärtlichkeit, in dem hinter jedem

Satz eine Überraschung lauert.

TEMPO

LINA WOLFF, geboren 1973, hat lange in Italien und Spanien

gelebt. Ihren Debütroman Bret Easton Ellis und die anderen

Hunde, der mit dem renommierten Literaturpreis der Zeitschrift

Vi ausgezeichnet wurde, schrieb sie in Valencia und Madrid.

Heute lebt Lina Wolff in Schonen in Südschweden.

LINA WOLFF BRET EASTON ELLIS UND DIE ANDEREN HUNDE

Roman Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat

320 Seiten, gebunden Warengruppe 1110

ISBN 978-3-455-00107-5 Euro 20,– [D] / 20,60 [A] 16. Mai 2017


LESEPROBE / LINA WOLFF

13

NICHT JEDER

KANN SICH

SEINEN TOD

AUSSUCHEN,

ALBA

»Es war vorletzten Freitag«, begann Valentino, als er mich zur

Schule fuhr. »Alba Cambó und ich hatten uns morgens um

zehn getroffen und waren mit dem Auto unterwegs. Im Radio

lief Vivaldi. Ich hatte das Verdeck heruntergeklappt, es war ein

schöner Tag, so ein Tag, an dem der Duft von Feigen, Salzwasser

und freundlichen Abgasen in der Luft liegt. Alba saß da,

wo du jetzt sitzt, den Kopf zurückgelehnt, und schaute zu den

Hausdächern hoch, während wir durch Straßen und Alleen

fuhren. Ich kannte das Stück im Radio und summte mit. ›Zu

Vivaldi könnte ich niemals Liebe machen‹, sagte Alba. ›Vivaldi

ist doch schön‹, sagte ich. ›Eben‹, seufzte sie.

›Stell dir vor, zum Gloria Liebe zu machen. Das können nur

Heilige, und Heilige dürfen keinen Sex haben, Heilige sollen

heilig sein.‹ Ich stellte mir vor, wie es wäre, sich zu Vivaldi zu

lieben. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht war das nichts für

Leute wie uns. Manche können das, andere nicht. Aber das

spielte in diesem Moment keine Rolle. Ich hatte nicht vor, sie

zu bitten, zu Vivaldi mit mir Sex zu haben. Ich wollte sie um

etwas ganz anderes bitten und überlegte, wie ich es sagen sollte.

Es war etwas so Großes und Wichtiges, doch wie ich es auch

formulierte, klang es banal. Als ich dich das erste Mal gesehen

habe. Am Strand von San Remo. Das klang banal. San Remo

klang banal, San Remo ist eine banale Stadt, und in dieser banalen

Stadt hatten wir uns kennengelernt. Seit ich dich das erste

Mal gesehen habe, Alba, hat sich ein Vogel in meinem Herzen

eingenistet. Der Vogel der Liebe. Du. Das klang genauso banal,

aber manchmal kommt das Banale der Wahrheit am nächsten.

Und ich wollte die Wahrheit sagen, auch wenn sie banal war.

Dafür war ich bereit, diesen Preis zu zahlen. Ich feilte weiter

an den Formulierungen. Dachte, jetzt sehe ich ihr in die Augen

und sage es einfach. Doch als ich mir endlich ein Herz fasste

und mich ihr zuwandte, war sie eingeschlafen.

Ich parkte in der Nähe des Pla Borne. Alba wachte auf, wir gingen

los und suchten nach einem Restaurant. Wir schlenderten

durch die Straßen, und Vivaldi tanzte in meinen Ohren. Kann

man sich dazu lieben?, dachte ich. Vielleicht wenn man sehr alt

oder sehr jung ist. Wir gingen in eine Bar und bestellten Drinks.

Stießen an und tranken. Der Alkohol durchströmte uns, machte

uns fröhlich. Wir wurden albern. Doch dann setzt Alba

plötzlich eine ernste Miene auf und fragt: ›Valentino, willst du

mich heiraten?‹ Und ich glaube, nicht richtig verstanden zu haben.

Verstehe überhaupt nichts mehr. So habe ich mir das nicht

vorgestellt. Das ist doch meine Frage! In meiner Welt fragt der

Mann. In meiner Welt fragt der Mann bestimmte Dinge, nicht

weil ich altmodisch wäre, sondern weil dann alles besser wird.

Wer will schon mit einer Feministin ins Bett? Geschweige denn

mit einem Feministen! Wenn wir lieben, müssen wir danach

streben, jemand anders zu sein. Einen anderen Ausweg gibt es

nicht. Sie hätte das nicht sagen sollen, denke ich, und Vivaldi

tanzt weiter in meinen Ohren, hier läuft etwas falsch. ›Also,

Alba‹, sage ich. ›Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Damit

habe ich wirklich nicht gerechnet. Ich habe mir das anders vorgestellt,

ganz anders habe ich mir das vorgestellt.‹ ›Ich verstehe‹,

antwortet sie. ›Ich bin dir zuvorgekommen. Du wolltest mich

fragen.‹ ›Ja‹, antworte ich. ›Du siehst so traurig aus‹, sagt sie,

streckt die Hand nach mir aus und streichelt mir über die Wange.

Ich denke: Wo bleibt der Champagner?

So sollten wir leben. In vollen Zügen,

ohne schleifende Bremse.

Wir ziehen weiter. Planlos, lustlos. Auf ihre Frage kommen

wir nicht mehr zu sprechen. Als wäre sie nie gestellt worden.

Wir streifen durch die Gassen, hier und da klettert Efeu über

die Mauern. Wir kommen zu einem kleinen verstaubten Geschäft

mit alten Kleidern und Krempel. ,Da gehen wir rein‘,

bestimmt Alba. Als wir die Tür öffnen, schlägt uns muffige

Luft entgegen. Blumentöpfe, Sockel, Büsten, ausgestopfte Vögel,

ein Wildschweinkopf und Stoffe in kräftigen Farben bilden

ein heilloses Durcheinander. Hinter der Kasse steht eine alte

Frau mit grauem Dutt, die uns misstrauisch beäugt. Als Alba

einen Schrank öffnet, quellen Kleider heraus. Sie betrachtet

ein Kleidungstück nach dem anderen, bis sie schließlich ein altes

Spitzentuch und eine schmal geschnittene kurze Jacke mit

Goldverzierungen hoch hält. ›Zieh die mal an‹, sagt sie und

hält mir die goldbestickte Jacke hin. ›Nie im Leben!‹, antworte

ich. ›Ich zieh doch keine Sachen von jemandem an, der gerade

gestorben ist.‹ ›Wenn Sie etwas anprobieren möchten, können

Sie hinter den Vorhang gehen‹, bemerkt die Alte. ›Ich will nichts

anprobieren‹, sage ich bestimmt. Es fühlt sich an, als hingen

Spinnweben von der Decke bis in meine Ohren. Es juckt mich

am ganzen Körper. ›Er ist an gebrochenem Herzen gestorben‹,

sagt die Alte. ›Was für ein tragischer Tod‹, seufzt Alba. ›Nicht

jeder kann sich seinen Tod aussuchen‹, antwortet die Alte. ›Was

wollen Sie überhaupt mit den Sachen?‹, frage ich. ›So alt und

schäbig, das ist doch unhygienisch.‹ ›Das sind feine Stücke‹,

entgegnet die Alte, und ihre Augen blitzen im Halbdunkel auf.

›Haha!‹, lacht Alba. ›Der Donnermann hat gesprochen! Einen

Stier könnte er mit bloßen Händen töten, aber vor ein bisschen

Ungeziefer fürchtet er sich.‹ Jetzt lacht auch die Alte, und ich

sehe, dass sie keine Zähne hat. Ihr Mund ist ein schwarzes Loch,

eine Rutschbahn ins Ungewisse. ›Genau, der Donnermann hat

gesprochen‹, sage ich und versuche in ihr Gelächter einzustimmen.

Alba verschwindet hinter dem Vorhang. Schließlich zieht

sie ihn zur Seite, und dann steht sie vor mir, eingehüllt in ein

Spitzentuch und mit einem Hut auf dem Kopf. Sie trägt keine

Bluse, ihre nackten Brüste sind zu sehen. ›Alba, zieh dir was

über!‹ ›Jetzt hör aber auf!‹, sagt sie. ›Stell dich doch nicht so

an!‹ Ich spüre, wie etwas meinen Arm berührt, zucke zusammen

und sehe die Alte, die sich an meine Seite geschlichen hat.

Mir ist, als verströmte sie einen Geruch von Alter, und ich trete

einen Schritt zur Seite. ›Wundervoll‹, sagt sie mit ihrem breiten,

zahnlosen Lächeln. ›Das Tuch hat auf eine Frau wie Sie gewartet!‹

Die Alte hält ein Silbertablett in den Händen, auf dem drei

Likörgläser mit einer klaren Flüssigkeit stehen. ›Bitte schön‹,

sagt sie und hält mir das Tablett hin. ›Nein danke‹, antworte ich.

›Jetzt nehmen Sie schon!‹ Ihr Lächeln ist verschwunden. ›Nimm

schon‹, wiederholt Alba, ganz in schwarze Spitze gehüllt. Verfluchtes

Weib, denke ich, kippe den Inhalt des Glases hinunter

und knalle es aufs Tablett. Verfluchtes, altes, stinkendes Totenweib.

›Komm Alba, wir gehen‹, sage ich. ›Erst ziehst du die

Stierkämpferjacke an, stellst dich neben mich und wir machen

ein Foto!‹, antwortet sie und verschränkt trotzig die Arme vor

der Brust. Die Alte hält ihr das Tablett hin, und Alba nimmt ein

Glas. ›Unter einer Bedingung‹, sage ich. ›Danach verschwinden

wir. Und zwar sofort.‹ ›Okay‹, sagt Alba. ›In dieser Luft hält

man es nicht lange aus.‹ Die Alte nickt mit ihrem alten Kopf

und scheint nicht die Spur beleidigt.

Ich ziehe mein Hemd aus und zwänge mich in die Goldjacke.

Die Spinnenfrauenfinger der Alten krabbeln auf mir herum

und machen sich an den Bändern und Knöpfen zu schaffen.

Dann bauen sie und Alba sich vor mir auf und mustern mich

kritisch. ›Da fehlt noch was‹, sagt die Alte, geht und durchwühlt

den Kleiderhaufen. Sie kommt mit einem Umhang zurück

und legt ihn mir über die Schultern. Dann zieht sie ein

Schwert aus einem Schirmständer, das sie mir unter den Arm

steckt. ›So, jetzt machen wir das Foto.‹ Alba gibt der Alten

ihre Kamera und stellt sich neben mich. ›Bitte lächeln‹, sagt

sie. Ich versuche es. Sie drückt auf den Auslöser. Alba nimmt

die Kamera wieder an sich, und wir schauen uns das Bild

an. Als ich uns sehe, muss ich trotz allem lachen. Und auch

heute noch, wenn ich das Bild betrachte, sehe ich die Zuversicht

in meinem Blick, die müde Selbstsicherheit in Albas.

Ich, der Stierkämpfer, und sie, die Prostituierte. So wollten

wir leben. In vollen Zügen, ohne schleifende Bremse. In vollen

Zügen, alles andere wäre vergebens. So wollten wir leben,

und wenn wir daran stürben. Das begriff ich in diesem Moment.

Alba Cambó und ich wollten leben, und wenn wir daran

stürben. Ich befreie mich von der Jacke und dem Umhang.

Alles riecht nach altem, muffelndem Mann. Alba reckt sich vor


LESEPROBE / LINA WOLFF

15

meat is cut as roses are cut

men die as dogs die

love dies like dogs die,

he said.

Charles Bukowski, 5 dollars

dem Spiegel, die Alte starrt sie mit halb offenem Mund an. Das

Tablett hat sie abgestellt, ihre Arme hängen schlaff am Körper

herab. ›Komm jetzt‹, sage ich. Alba zieht sich um und plaudert

dabei mit der Alten, die ihr einsilbige Antworten gibt und sie

weiter eingehend betrachtet. ›Danke, das war sehr nett‹, sagt

Alba, schon halb zur Tür hinaus. ›Warten Sie!‹, ruft die Alte.

›Nehmen Sie das Tuch! Ich schenke es Ihnen.‹ Alba schlingt es

sich um und schüttelt zum Dank die alte Hand. Als wir auf die

Straße hinausgehen, habe ich das Gefühl, dass die Alte uns beobachtet,

will mich aber nicht umdrehen. Etwas verändert sich,

als wir an die frische Luft treten. Wir werden fröhlicher. Vielleicht

ist es der Likör, vielleicht der Sauerstoff, jedenfalls scheint

die Tristesse mit einem Mal wie verflogen. Wir schlendern ziellos

durch die Straßen, dann nehmen wir noch ein paar Drinks

in einer Bar. Wir unterhalten uns über Musik, zu der man sich

lieben kann. ›The Verve‹, sagt Alba. ›Kenne ich nicht‹, antworte

ich. ›Ich auch nicht. Soll aber sehr zweckdienlich sein, habe ich

gehört.‹ Wir lachen. Wir ziehen weiter. Setzen uns in ein Restaurant

und bestellen gegrillte Garnelen. Alles scheint perfekt.

Es ist weder zu warm noch zu kalt, der Cava rinnt angenehm die

Kehle hinunter. Alba hat das schwarze Spitzentuch umgehängt

und sagt zusammenhanglos Dinge wie: ›Keine Ahnung, warum

Männer so verrückt nach Sex sind‹, oder ›Einmal habe ich einen

Totenschädel im Wasser treiben sehen, als ich bei Palmarola im

Meer geschwommen bin‹ oder ›Wenn die Leute kein anderes

Problem haben als fehlende Leichtigkeit, dann sind sie nicht zu

retten‹. Ich sitze da und nicke. Manchmal sage ich: ›Ach?‹ Ihre

Bemerkungen zu Sex lasse ich unkommentiert, erzähle ihr aber,

dass auch ich einmal einen Totenschädel gesehen habe, auf Sardinien.

Allerdings trieb er nicht im Wasser, sondern steckte in

einem Felsen. Ich war ein Stück hinausgeschwommen, und als

ich mich umdrehte, sah ich ihn. Die schwarzen Augenlöcher

starrten mich an. ›Ich kenne es also‹, sage ich, ›dieses ganz besondere

Kribbeln in den Zehen, wenn man tausend Kubikmeter

Wasser unter sich hat, zum Ufer blickt und einen Totenschädel

im Felsen entdeckt.‹ So geht es weiter, wirr und angeheitert, das

Meiste, was wir sagen, hat weder Zusammenhang noch Bedeutung,

aber wir sind wieder fröhlich, und dafür sind wir dankbar.

Der Kellner ist freundlich, serviert uns die Garnelen, tischt Brot

auf, um uns herum das Gemurmel der Menschen an den anderen

Tischen, nicht zu laut oder störend. ›Uns geht es verdammt

gut‹, bemerke ich, Alba nickt und schiebt sich eine Garnele in

den Mund. ›Wir sollten uns schämen, so gut geht’s uns.‹ ›Ja,

genau‹, antworte ich. Wir befummeln uns unterm Tisch. Überlegen,

ins Kino zu gehen, um eine Weile ungestört rummachen

zu können. Ein schlechter Film, letzte Reihe. Wir bestellen Holundersorbets

und Daiquiris. Alba zieht einen Joint aus der Tasche,

zündet ihn an, den Kellner scheint das nicht zu kümmern.

Irgendwann spüre ich, dass nun der Moment ist, um auf ihre

Frage zurückzukommen. ›Was wird aus der Hochzeit?‹, frage

ich. ›Wir heiraten im Mai‹, antwortet Alba verträumt und bläst

Rauch aus. ›Wir heiraten im Mai in Albarracín, wenn die Pappeln

am Fluss gerade ausgeschlagen sind. Dann hat die Sonne

die Erde noch nicht verbrannt. Dann ist es warm und alles voller

Erwartung. Dann kann man durch die Schluchten wandern

und bis spät in die Nacht draußen sitzen und essen. Und wir

können uns in den schwarzen, kastilischen Himmelbetten im

Parador lieben.‹ Ich bin noch nie in Albarracín gewesen, sehe

es aber vor mir. Ein kleines Dorf auf einem Berg. Eine Schlucht,

Pappeln, deren Blätter im Wind rascheln, ein weiches Wispern.

Schwarze, schwere Betten, schwarzer Samt und geschlossene

Fensterläden, schmale Lichtstreifen, die in den hellen Tagesstunden

hereinsickern. All das sehe ich vor mir, als wäre ich

schon immer dort gewesen, in Albarracín, als wäre ich schon

immer auf den Hügeln umhergewandert, den Wind im Gesicht

und vor mir diese Aussicht. Keine Tiefebene. Kein träge umherstreifendes

Vieh, nur stolze Vögel, die sich in die Lüfte schwingen.

›Ja, das machen wir‹, sage ich mit Tränen in den Augen. ›Ist

es erlaubt, so glücklich zu sein?‹ Ich lege meinen Kopf auf ihre

Schulter. Sie streichelt meine Wange. ›Bestimmt sperren sie uns

gleich in ein Kellerloch‹, sagt sie. ›Wenn man so glücklich ist,

dann ruft der innerste Höllenkreis.‹ Ein paar Stunden habe ich

in der Überzeugung gelebt, tatsächlich so glücklich zu sein oder

es zumindest werden zu können. Aus den Augenwinkeln sah

ich sie an meiner Seite gehen. Dachte an das weiche Leder ihrer

Stiefel, wie es sich um ihre Fesseln schmiegte. Die Strumpfhose,

die ihren Körper bis zum Nabel umschloss. Jede Kurve, jede

Vertiefung ihres Körpers tastete ich in Gedanken ab und stellte

mir vor, wie wir von nun an jeden Morgen nebeneinander aufwachen

würden. Die Welt ringsherum ein ebenso faszinierter

wie neidischer Beobachter. Wo wir vorbeizögen, würde die Zeit

stillstehen. All das stellte ich mir vor und vergaß für ein paar

Stunden die Unmöglichkeit dieser Gleichung.

Wenn man so glücklich ist,

dann ruft der innerste Höllenkreis.

Doch irgendwann schlägt der Tag um, ich kann nicht genau

sagen wann, wahrscheinlich, nachdem wir bezahlt haben und

bald aufstehen werden, um zu gehen. Da flacht der Tag ab,

sinkt platt und plump wie eine angeschossene Krähe zu Boden.

Meine Energie versiegt, und Alba liegt halb auf dem Tisch. Ich

glaube, sogar die Sonne verzieht sich. ›Das war also der angenehme

Teil des Abends‹, murmelt sie. ›Vergiss nicht, wir heiraten

in Albarracín‹, sage ich. ›Nein, das vergesse ich nicht. Aber

wehe sie spielen Vivaldi!‹ Ich versuche zu lachen und spüre die

Weindämpfe in den Mund aufsteigen. Ich stehe auf und gehe

zur Toilette. Sie ist dreckig, jemand hat daneben gepinkelt. Als

ich zurückkomme, ist Alba aufgestanden und wartet mit vorwurfsvoller

Miene, als wollte sie fragen, wo ich so lange gesteckt

hätte. Wir ziehen weiter. Ich schaue auf die Uhr, es ist Viertel

vor fünf. Mit anderen Worten exakt vier Stunden vor dem Anruf

aus dem Krankenhaus. Wie vertreiben wir uns die Zeit? Ich

weiß es nicht mehr. Wir haben gefroren, glaube ich, obwohl es

warm war. Ich erinnere mich, dass wir die Straßenseite wechselten,

als die Sonne von einem Haus verdeckt wurde, das seinen

Schatten über uns warf. Ich glaube, uns waren die Gesprächsthemen

ausgegangen, und wir sprachen immer angestrengter,

harrten aus. Und vermutlich fragte ich mich, wann der Tag

endlich vorüber sein würde, wann wir nach Hause gehen, uns

hinlegen und das Licht ausmachen könnten.

Als der Anruf kommt, ist es Abend. Wir haben noch einmal gegessen,

in einem anderen Restaurant, diesmal bloß eine Suppe,

ein wenig Obst, dazu eine Flasche Wasser. Ihr Telefon klingelt,

sie wirft einen Blick auf das Display, steht auf und geht hinaus.

Ich frage mich, wer das sein kann, mit dem sie nicht in meiner

Anwesenheit sprechen will. Wo wir doch bald alles teilen werden.

Von unserem Fenstertisch aus sehe ich ihren Rücken. Sie

steht im Eingang, und die Kellner huschen mit ihren Tabletts

an ihr vorbei. Völlig reglos steht sie da. Ich spiele mit Aschenbecher

und Zahnstochern. Die aufgequollenen Reiskörner im

Salzstreuer sehen aus wie Maden. Sie kommt zurück, setzt sich

mir gegenüber und sagt: ›Das Krankenhaus hat angerufen.

Meine Untersuchungsergebnisse sind da, er scheint bösartig zu

sein.‹ ›Was? Wer?‹, frage ich. ›Der Tumor‹, antwortet sie. ›Du

hast nichts von einem Tumor erzählt.‹ ›Nein? Ich dachte, das

hätte ich.‹ ›Nein, hast du nicht.‹ ›Na, so was. Jedenfalls hat er

gestreut, sie sagen, für eine Operation sei es zu spät.‹ Ich lache,

halte das Ganze für einen Scherz. Um diese Uhrzeit ruft

doch niemand aus dem Krankenhaus an. Abends. Um am Telefon

so eine Nachricht zu überbringen. Wenn zwei Menschen

gerade so glücklich sind. ›Doch‹, sagt Alba. ›Erst wollten sie

nicht damit herausrücken, aber dann habe ich gesagt, ich sei

im Ausland und würde erst in vier Wochen zurückkommen.‹

Ihr Gesicht wirkt wie aus weißem Stein gehauen. Ihr Kiefer zittert.

›Aber‹, sage ich. ›Aber.‹ Ich weiß nicht, was man sagt. ›Wir

wollten doch. Albarracín. Die Pappeln und die Schlucht. Die

stillstehende Zeit.‹ Ich sehe ein Zahnrad vor mir, das ein Stück

Fleisch zu fassen bekommt und es zermalmt. Ich versuche, an

etwas anderes zu denken. Die Zukunft. Die Pappeln. Blätter, die

im Licht flirren. Kellner eilen vorbei. Einer öffnet ein Fenster,

und von der Straße wehen Geräusche herein. Ich höre einen

Mann, der mit einem Kind schimpft, es duftet nach Röstkastanien.

Eine Frau lacht laut auf. Kirchenglocken läuten. Ich sitze

da und denke: der Duft von Röstkastanien, ein Mann, der mit

einem Kind schimpft, die Glocken, die neun Uhr schlagen. Ja,

so ist es. Es ist neun Uhr, und nichts sagt, dass ich aufhören

muss, sie zu lieben.‹

LINA WOLFF

BRET EASTON ELLIS

UND DIE ANDEREN HUNDE

»Ein poetisches, unsentimentales Drama, das die

Liebe in all ihren unterschiedlichen Formen zeigt.«

Kirkus Review, New York

TEMPO


LITERATUR

17

»UWE KOPFS SARDONISCHES

ROMANDEBÜT IST BRILLANT

UND ZUTIEFST ERSCHÜTTERND

UND VOLLER HEITERKEIT.«

CHRISTIAN KRACHT

»Das Lied der Schlümpfe spiegelt die

Absurdität des Daseins und der Welt.«

Es beginnt mit einem Ende. Mit Toms Ende. Am Muttertag

im Mai 1998 erhängt sich »der 40-jährige Junge«, auch Jesus

genannt, in Hamburg-Barmbek »nach Art der Greise«. Tom

ist wohl das, was die Gesellschaft leichtfertig eine gescheiterte

Existenz nennt – kein Glück mit Elke, nicht mit anderen Frauen,

ein Gelegenheitsjob als Briefsortierer, die Suche nach dem

Ausweg. Über die Abgründe und Niederlagen wird Tom von

seinem Bruder Sören und immer wieder dem nächsten Bier getragen.

Doch auf jeden Hoffnungsschimmer, auf jeden Rausch

folgt auch Ernüchterung. Bis nichts mehr geht. Am Ende steht

die Frage, ob auf seiner Beerdigung, so wie Tom es sich gewünscht

hat, Das Lied der Schlümpfe gespielt wird.

In virtuoser, zugleich radikal einfacher Sprache und mit popliterarischen

Anleihen komponiert Uwe Kopf einen unsentimentalen

Streifzug durch Toms Leben, durch das kleinbürgerliche

und prekäre Hamburg der siebziger, achtziger und

neunziger Jahre. Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe ist kein

befindlichkeitsfixiertes Lamento, sondern eine lebenspralle Geschichte,

die menschliche Größe und Untiefen in unscheinbaren

Momenten findet.

UWE KOPF

DIE ELF GEHIRNE DER SEIDENSPINNERRAUPE

UWE KOPF, Jahrgang 1956, ist freier Journalist und Autor. Er

war Textchef der Zeitschrift Tempo, schreibt heute u.a. regelmäßig

für den Rolling Stone und hat eine tägliche Kolumne in der B.Z.

Uwe Kopf lebt in Hamburg.

Roman 320 Seiten, gebunden Warengruppe 1110

ISBN 978-3-455-00057-3 Euro 20,– [D] / 20,60 [A] 11. April 2017


LESEPROBE / UWE KOPF

19

Und dann sagt

sie noch das

Allerwiderlichste:

»DU BIST

ZU GUT FÜR

MICH, TOM.«

Elke steigt aus dem Zug und hebt ihre Hand, ich muss 50 Meter

gehen, bis ich bei ihr bin, sie küsst mich kurz auf den Mund, das

habe ich mir gewünscht, aber ihre Lippen haben sich verändert:

Die Oberlippe ist jetzt die Unterlippe und umgekehrt. Als ich

das spüre und erkenne, weiß ich sofort, dass Elke heute mit mir

Schluss machen wird. Sie wirkt wie immer, nichts Auffälliges

an ihrer Kleidung, sie trägt einen Jeansminirock und eine Bluse

mit Blumenmuster, ihre Reisetasche packen wir in ein Schließfach,

wir verlassen den Hauptbahnhof zur St.-Georg-Seite, wo

die Drogensüchtigen, stehen, sitzen, liegen.

Elke erzählt von einem Patienten auf ihrer Station, er wird bald

sterben, weiß es und hat Elke gefragt, ob es möglich sei, dass

er alleine stirbt, niemand soll seine Hand halten, niemand soll

im Sterbezimmer sein. Der Mann sagte, jeder Mensch sei sein

Leben lang alleine, auch wenn er ein paar hundert Freunde hat,

er finde es deshalb natürlich, dem Tod allein zu begegnen, nur

der Sterbende und der Tod.

»Die Situation überfordert mich, auch die Krankenschwestern

haben so einen Patienten mit so einem letzten Wunsch noch nie

erlebt, und der Mann ist voll bei Verstand«, sagt Elke. Ich erzähle

ihr zum Trost von meinem Ausflug gestern, der Raps blüht,

und ich habe mich in ein Rapsfeld gelegt und bin über eine

Stunde drin geblieben, und mir ist nichts passiert, obwohl die

Oma immer sagte, wer sich in ein Rapsfeld legt, liegt auf seinem

Totenbett und wird sterben – Rehe im Rapsfeld werden nur

verrückt, aber ein Mensch verliert zuerst die Besinnung vom

Rapsduft und atmet dann nicht mehr. Elke glaubt mir nicht, das

sehe ich sofort, sie sagt, von solchen Todesfällen habe sie noch

nie gehört, aber ich sei eben ein außergewöhnlicher Mensch.

»John und ich können jetzt wieder ganz normal miteinander

umgehen. Das ist mir sehr wichtig, das möchte ich nicht missen«,

sagt sie, und ich muss mich zusammenreißen, ich bin

kurz davor, sie anzuschreien, möchte ich nicht missen, warum

redet sie so geschwollen, was will sie mir damit zeigen?

Aus einer Schwulenkneipe im Schwulenviertel St. Georg dröhnt

das Lied Miserabilism von den Pet Shop Boys, und ich frage

Elke, ob sie weiß, warum die Pet Shop Boys so heißen, sie weiß

es nicht und sagt, dass sie die Musik der Pet Shop Boys langweilig

findet, deshalb interessiert sie’s auch nicht so sehr, warum

die Pet Shop Boys so heißen, aber ich sag’s ihr trotzdem:

Manche Schwule nehmen eine Handvoll Seidenspinnerraupen,

stecken sie in ein Kondom und stecken dieses Kondom dann in

ihren Hintern, die Seidenspinnerraupen krabbeln wie verrückt

in dem Kondom und haben Angst; sie können nicht mehr atmen,

so dass nach und nach ihre elf Gehirne absterben, und

der Schwule hat einen Orgasmus durch den Todeskampf der

Seidenspinnerraupen – die Schwulen, die auf diese Spezialität

stehen, heißen Pet Shop Boys, weil sie ständig in Tierhandlungen

sind, um Seidenspinnerraupen zu kaufen.

Elke nickt und kuckt nach vorne, sie möchte einen Kaffee trinken,

wir erreichen gleich das Restaurant-Café Bobby Reich,

seit über 100 Jahren gibt’s hier schon Kaffee und Kuchen und

Scholle und Schweinerippchen, der Fernsehmoderator Reinhold

Beckmann joggt vorbei, er wohnt in der Gegend, ich habe

ihn auch schon mal im Trainingsanzug auf unserer Bank sitzen

sehen, er schnaufte und röchelte, Deutschland hat seinen

Beckmann noch ganz sicher noch nie in diesem Zustand erlebt.

Elke bestellt zwei Tassen Kaffee, wir betrachten die Segelboote,

der Kellner kommt von der Seite, serviert den Kaffee und sagt

»Bittschön, die Herrschaften«, ein Österreicher, der mir auf die

Nerven fällt, ich sage ihm, wir sind keine Herrschaften, sondern

ganz normale Leute; der Kellner, der aussieht wie 95, verbeugt

sich und schleicht davon.

»Wer sich in ein Rapsfeld legt, liegt auf

seinem Totenbett und wird sterben.«

In diesem Moment beginnt Elke zu weinen, sie nimmt meine

Hand und sagt: »Wir hatten so schöne Monate, aber Gefühle

können sich ändern.« Genau diesen Satz, den doch eigentlich

nur Teenager sagen, hat Sören prophezeit, er hat sich wohl mit

Elke abgesprochen. »Wir passen nicht so zusammen, wie ich

gedacht hatte«, sagt sie, und dann sagt sie noch das Allerwiderlichste,

ich könnte sie zusammenschlagen oder anspucken.

»Du bist zu gut für mich, Tom«, sagt sie und schluchzt, »du

hast viel mehr Charakter als ich. Ich habe meine gemeinen

Seiten, du kannst nichts Gemeines denken oder tun.« Mein

Bruder Sören hat mit Elke geschlafen, das ist für mich jetzt das

Wahrscheinlichste, einmal Bezirksbefruchter, immer Bezirksbefruchter.

Von einem seiner Dichter hat er mal was zitiert, er

mag es ja gerne, Dichterworte nachquatschen. Ich weiß nicht

mehr, von welchem Dichter die Einsicht kommt, ungefähr: Sex

ist der größte Luxus, den wir Menschen haben, kostet nichts,

und er ist immer ein Trost für Liebende, und er bedeutet, den

Tod auszulachen.


SACHBUCH

21

DER SEX

DER ANDEREN

FILMRECHTE VON STEVEN SPIELBERG GEKAUFT

REGIE: SAM MENDES (AMERICAN BEAUTY)

DIE GESCHICHTE

EINER PERVERSEN

PASSION

Ein skandalöser Fall, ein kontroverses

Buch, eine verstörende Lektüre.

Gerald Foos hat eine Obsession: Er will alles über das Sexleben

anderer Menschen wissen. Zu diesem Zweck kauft er ein Hotel

in Colorado. Jahrzehntelang observiert er seine Gäste und

notiert akribisch, was er sieht, den Wandel sexueller Sitten von

den späten 1960er Jahren bis heute: Sex mit Ehefrauen oder Geliebten,

Gruppensex, gleichgeschlechtlichen Sex, Sex mit sich

selbst – oder auch gar keinen Sex. Und er beobachtet nicht nur,

er greift auch ins Geschehen ein, mit fatalen Konsequenzen ...

In den achtziger Jahren wendet sich Foos schließlich an einen

der berühmtesten Journalisten unserer Tage: Gay Talese. Foos,

der sich selbst als Soziologe sieht, will seine Erkenntnisse über

die menschliche Natur endlich mit jemandem teilen. Talese ist

sofort fasziniert, aber es wird noch Jahrzehnte dauern, bis die

Geschichte von Gerald Foos an die Öffentlichkeit gelangt – und

einen veritablen Skandal verursacht.

GAY TALESE, geboren 1932 in Ocean City, gilt als Mitbegründer

des literarischen Journalismus. In den frühen Sechzigern arbeitete

Talese zunächst für die New York Times. Seine berühmtesten

Artikel aber, u.a. Porträts über Joe DiMaggio und Frank Sinatra,

sind im Esquire erschienen. Mit seinen Reportagen und Büchern,

darunter der Bestseller Ehre deinen Vater über einen Mafia-Clan

und Du sollst begehren über die sexuelle Revolution, gehört er

neben Tom Wolfe, Hunter S. Thompson und Truman Capote zu

den wichtigsten Vertretern des New Journalism. Gay Talese lebt

mit seiner Frau Nan in New York.

GAY TALESE DER VOYEUR

Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Weber

256 Seiten, gebunden Mit Fototeil Warengruppe 1973

ISBN 978-3-455-00099-3 Euro 20,– [D] / 20,60 [A] 11. April 2017

TEMPO


LESEPROBE / GAY TALESE

23

Er erklärte, er habe »über einen Großteil der Personen, die

[er] beobachtet [habe], präzise Aufzeichnungen angefertigt«

und über jeden von ihnen aufschlussreiche Statistiken zusammengetragen,

d. h. was getan und gesagt wurde; ihre individuellen

Merkmale; Alter und Körpertyp; den Landesteil,

aus dem sie kamen; sowie ihr Sexualverhalten. Diese Personen

entstammten sämtlichen Gesellschaftsschichten. Der Geschäftsmann,

der seine Sekretärin während der Mittagspause

ins Motel mitnimmt. Verheiratete Paare, die von Staat zu

Staat reisen, entweder geschäftlich oder auf Urlaub. Paare, die

nicht verheiratet sind, aber zusammen leben. Ehefrauen, die

ihre Männer betrügen und visa versa [sic]. Lesbianismus, zu

dem ich gesonderte Studien betrieb … Homosexuelle Praktiken,

die ich, wenngleich sie mich kaum interessierten, studierte,

um Motivation und Vorgehensweise zu ermitteln. Die

späten Siebziger brachten schließlich eine weitere sexuelle Abweichung,

sprich Gruppensex, dem ich mit großem Interesse

beiwohnte …

Der Ort des Geschehens: Das Manor House Motel in Aurora, Colorado

Ich kenne einen verheirateten Mann und zweifachen Vater, der

vor vielen Jahren ein Motel in der Nähe von Denver erwarb,

um dort seine voyeuristischen Neigungen zu befriedigen. Mithilfe

seiner Frau schnitt er rechteckige, etwa 15 mal 35 Zentimeter

große Löcher in die Decken von mehr als einem Dutzend

Räumen. Dann bedeckte er diese Öffnungen mit lamellierten

Aluminiumblechen, die wie Lüftungsgitter wirkten, in Wahrheit

aber Sehschlitze waren, durch die er vom Dachboden aus

die Gäste darunter beobachten konnte. Über Jahrzehnte hinweg

schaute er ihnen zu, wobei er über alles, was er sah und hörte,

penibel Buch führte. Nicht ein einziges Mal in all den Jahren

ließ er sich ertappen.

Ich wurde erstmals auf diesen Mann aufmerksam, als ich in

meinem New Yorker Haus einen anonymen handgeschriebenen

Eilbrief erhielt. Datiert war er auf den 7. Januar 1980.

Sehr geehrter Mr. Talese,

seit ich von Ihrer lang erwarteten landesweiten Studie zum

Sexualleben der Amerikaner erfahren habe, die Teil Ihres in

Kürze erscheinenden Buches ›Du sollst begehren‹ sein wird,

glaube ich, über wichtige Informationen zu verfügen, die ich

zu dessen Inhalt oder dem Inhalt eines zukünftigen Buches

beizusteuern hätte.

Dann beschrieb er das Motel, das er seit über zehn Jahren besaß.

Ich habe dieses Motel erworben, um meine voyeuristischen Neigungen

zu befriedigen und mein unwiderstehliches Interesse

an sämtlichen Aspekten menschlicher Lebensführung zu stillen,

sowohl in gesellschaftlicher als auch in geschlechtlicher Hinsicht

… Ich tat dies aufgrund meiner grenzenlosen Neugier den

Menschen gegenüber und nicht allein als degenerierter Spanner.

»Ich habe dieses Motel erworben,

um meine voyeuristischen

Neigungen zu befriedigen.«

Ich habe die meisten menschlichen Empfindungen in all ihrer

Komik und Tragik gesehen. Im geschlechtlichen Bereich habe

ich den besten unbefangenen, spontanen und nicht unter Laborbedingungen

betriebenen Sex zwischen Paaren hautnah

miterlebt, beobachtet und studiert, sowie im Laufe der vergangenen

fünfzehn Jahre so gut wie jede erdenkliche sexuelle

Abnormität.

Der Hauptgrund, wieso ich Ihnen diese vertraulichen Einblicke

zukommen lassen möchte, ist meine tiefe Überzeugung,

dass sie für die Menschen im Allgemeinen wie auch für Sexualforscher

im Besonderen von Wert sein könnten.

Ferner erklärte er, dass er seine Geschichte stets habe erzählen

wollen, als Schriftsteller jedoch »nicht begabt genug« sei und

außerdem Angst vor Entdeckung habe. Dann lud er mich ein,

ihm an eine Postfachadresse zu schreiben und ihn in Colorado

zu besuchen, um seinen Gastbetrieb selbst in Augenschein zu

nehmen.

Momentan sehe ich mich aufgrund meiner geschäftlichen Interessen

nicht in der Lage, meine Identität offenzulegen, doch

werde ich dies tun, wenn Sie mir versichern können, dass Sie

diese Informationen mit strikter Vertraulichkeit behandeln.

»Die meisten Journalisten

sind rastlose Voyeure, die die

Warzen der Welt sehen.«

Nachdem ich den Brief gelesen hatte, legte ich ihn zunächst

einige Tage beiseite. Ich wusste nicht, ob ich antworten sollte.

Als Sachbuchautor, der in seinen Artikeln und Büchern darauf

besteht, echte Namen zu verwenden, wusste ich, dass ich seine

Bedingung strikter Anonymität nicht erfüllen konnte. Und ich

war zutiefst davon erschüttert, wie er das Vertrauen seiner Kunden

hintergangen und ihre Privatsphäre verletzt hatte. Konnte

solch ein Mensch eine vertrauenswürdige Quelle sein? Als ich

den Brief abermals las, fiel mir auf, dass die Methoden und Motive

seiner »Forschung« in der Tat einige Gemeinsamkeiten mit

meinen eigenen in Du sollst begehren aufwiesen. So hatte auch

ich mir Notizen gemacht, als ich Massagestudios in New York

geführt und mich unter die

Swinger in der südkalifornischen

Nudistenkommune von

Sandstone gemischt hatte (mit

einem entscheidenden Unterschied:

Die Leute, die ich beobachtet und über die ich geschrieben

hatte, hatten mir ihr Einverständnis gegeben). Außerdem

lautete der erste Satz meines Buchs über die New York Times,

The Kingdom and the Power, schließlich: »Die meisten Journalisten

sind rastlose Voyeure, die die Warzen der Welt sehen, die

Unvollkommenheiten von Menschen und Orten.«

Ob es sich bei meinem Brieffreund in Colorado um einen, in

seinen eigenen Worten, »degenerierten Spanner« handelte –

eine Version von Alfred Hitchcocks Norman Bates – oder bloß

um einen harmlosen, wenn auch kauzigen Mann von »grenzenloser

Neugier«, oder schlicht um einen Schwindler, würde ich

nur herausfinden können, wenn ich seine Einladung annahm.

Da ich Ende des Monats sowieso

in Phoenix zu tun hatte,

entschloss ich mich, ihm eine

kurze Notiz zu senden. Ich

könnte auf der Rückreise einen

Zwischenstopp einlegen und

ihn in Denver treffen. Ein paar

Tage später hinterließ er eine

Nachricht auf meinem Anrufbeantworter,

in der er mir

mitteilte, er würde mich an der

Gepäckausgabe des Flughafens

abholen.

Zwei Wochen später, als ich auf das Gepäckband zusteuerte, erspähte

ich einen Mann, der mir lächelnd die rechte Hand entgegenstreckte:

»Willkommen in Denver. Ich heiße Gerald Foos.«

Mein erster Eindruck war, dass dieser liebenswürdige Fremde

vielen der Männer glich, mit denen ich aus Phoenix hierher geflogen

war. Er wirkte mitnichten befremdlich.


LESEPROBE / GAY TALESE

25

namentlich zu nennen, noch sein Motel mit jedweden Informationen,

die er mir gab, in Verbindung zu bringen, bis er mir

ausdrücklich die Erlaubnis dazu erteilte. Ich unterschrieb. Ich

hatte mich bereits entschieden, unter diesen Bedingungen nicht

über Gerald Foos zu schreiben. Ich war lediglich nach Denver

gekommen, um ihn kennenzulernen.

Hotelbesitzer und Voyeur: Gerald Foos

Foos war Mitte vierzig, etwa ein Meter achtzig groß, leicht übergewichtig

und hatte nussbraune Augen. Er trug ein hellbraunes

Sakko, dazu ein Hemd mit offenem Kragen, das eine Nummer

zu klein zu sein schien

für seinen muskulösen Hals.

Mit seinen dunklen, akkurat

frisierten kurzen Haaren und

seiner Hornbrille vermittelte

er den entgegenkommenden

Eindruck, den man von einem

Hotelier erwartete.

Nachdem wir einige Höflichkeiten

ausgetauscht hatten, nahm

ich seine Einladung an, einige Tage als Gast in seinem Motel zu

logieren. »Wir bringen Sie in einem der Zimmer unter, die mir

keinerlei Einblicke gewähren«, versicherte er mir lächelnd. Er

zog einen gefalteten Bogen Papier aus der Tasche und drückte

ihn mir in die Hand. »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus,

das hier zu lesen und zu unterschreiben. Es erlaubt mir, Ihnen

gegenüber völlig offen zu sein.« Es war ein maschinengeschriebenes

Schriftstück, in dem ich mich verpflichtete, ihn weder

»Ich spähte jeden Abend zu ihr

hinüber. Wie eine Motte, angelockt

von ihrem Licht.«

Die Fahrt zum Motel nutzte Foos, um seine Lebensgeschichte

zu umreißen. Er erzählte, dass er seine Frau Donna in einer

bäuerlichen, rund hundert Kilometer von Denver entfernten

Kleinstadt namens Ault auf der High School kennengelernt

habe und sie seit 1960 verheiratet seien. Seine Eltern hatten

dort eine Farm besessen. Er beschrieb sie als herzensgute Leute,

die ihm jeden Wunsch erfüllten, außer »über Sex zu reden«.

Jeden Morgen habe sich seine Mutter in ihrem begehbaren

Kleiderschrank angezogen, und keiner von beiden habe in seiner

Anwesenheit nie auch nur das geringste Interesse an Sex

bekundet. Er sagte: »Da ich aber schon als junger Heranwachsender

in Sachen Sex äußerst wissbegierig war – mit all den

Tiere um einen herum, wie konnte man da vermeiden, an Sex

zu denken? –, sah ich mich jenseits meines Elternhauses um,

mit dem Ziel, so viel wie möglich über die Intimsphäre meiner

Mitmenschen herauszufinden.« Er musste nicht allzu weit

blicken, wie er sagte, während er den Wagen Richtung Aurora

steuerte, jenen Vorort Denvers, wo sich sein Motel befand. Die

verheiratete Schwester seiner Mutter, Katheryn, lebte im Farmhaus

nebenan. Im Alter von neun Jahren habe er begonnen, sie

zu beobachten. Seine Tante Katheryn war damals Ende zwanzig.

Abends lief sie bei geöffneten Fensterläden nackt in ihrem

Schlafzimmer umher, und er hockte stundenlang unterm Fenstersims

und spähte zu ihr hinüber – »wie eine Motte, angelockt

von ihrem Licht«. Fünf oder sechs Jahre lang beobachtete er sie,

ohne je erwischt zu werden. Tante Katheryn liebte es, splitternackt

an ihrem Schminktisch zu sitzen und Porzellanpüppchen

oder ihre Sammlung »wertvoller Fingerhüte« zu ordnen.

»Manchmal war auch ihr Mann da, mein Onkel Charlie«, fügte

Foos an. »Er trank viel. Einmal habe ich beobachtet, wie sie

miteinander schliefen, und es

hat mich traurig gemacht. Ich

war eifersüchtig. Sie gehörte

nur mir.« Gerald Foos’ Freimütigkeit

überraschte mich.

Ich kannte ihn gerade einmal

seit einer halben Stunde, und

schon offenbarte er mir seine

onanistischen Fixierungen

und die Ursprünge seines Voyeurismus.

Ich konnte mich

kaum entsinnen, als Journalist jemals jemandem begegnet zu

sein, dem ich weniger auf die Sprünge helfen musste. Er übernahm

das Reden. Ich saß dabei und lauschte. Das Auto war sein

Beichtstuhl.

Zu High-School-Zeiten sei er noch Jungfrau gewesen. Erst bei

der Navy – Foos wurde im Mittelmeer und im Nahen Osten

zum Experten für Unterwasser-Sabotage ausgebildet – habe er

Akribisch notierte Gerald Foos, was er in den Zimmern sah

unter Anleitung von Animiermädchen seinen sexuellen Horizont

erweitert. Doch noch immer fantasiere er über seine Tante

Katheryn.

Nach seiner Rückkehr aus der Armee begann er, mit seiner späteren

Frau Donna auszugehen, die in einem Krankenhaus in

Aurora als Krankenschwester

arbeitete. Die beiden heirateten,

und Foos fand eine Stelle

als Außenprüfer bei Conoco.

Die Arbeit machte ihn tief unglücklich,

den ganzen Tag saß

er in einem engen Büro und

protokollierte die Lagermengen

in Öltanks. Um der Tristesse zu

entfliehen, unternahm er nach

Einbruch der Dunkelheit, wie

er es nannte, »voyeuristische Ausflüge« in Aurora und Umgebung.

Meist zu Fuß, zuweilen aber auch im Auto, durchstreifte

er die Wohngebiete und spionierte Leuten nach, die ihre Jalousien

nur unzureichend geschlossen hielten. Donna gegenüber

machte er aus seinem Voyeurismus kein Geheimnis. »Schon

vor unserer Ehe hatte ich ihr erzählt, dass mir dies ein Gefühl

der Macht verleihe«, erläuterte er. Sie schien ihn zu verstehen.

»Wie die meisten Krankenschwestern ist Donna äußerst aufgeschlossen«,

sagte er. »Sie haben ja alles schon gesehen – Tod,

Krankheit, Schmerz, Störungen jedweder Art – eine Krankenschwester

schockiert man nicht so leicht.« Manchmal begleitete

sie ihn sogar auf seinen Streifzügen. Und es sei Donna gewesen,

die ihn auf die Idee brachte, über das Gesehene Buch zu führen.

»Gleich sind wir bei unserem Motel«, sagte Foos, während wir

die East Colfax Avenue entlangfuhren, vorbei an zahlreichen

Geschäften, einer Wohnwagensiedlung, Fastfood-Restaurants

»Er durchstreifte die Wohngebiete und

spionierte Leuten nach, die ihre Jalousien

nur unzureichend geschlossen hielten.«

und einer Autowerkstatt. Er sagte, er habe das eingeschossige

Manor House Motel als Laboratorium auserkoren, weil es

ein Giebeldach besaß – hoch genug, dass er aufrecht über den

Dachboden laufen konnte -, das perfekte Beobachtungsdeck.

Foos fuhr auf den Parkplatz des Manor House Motels, eines grün

und weiß gestrichenen Backsteingebäudes

mit orangefarbenen

Türen, die zu den einundzwanzig

Gästezimmern

führten. Donna, eine kleine

blonde Frau mit blauen Augen,

begrüßte uns an der Rezeption.

Er brachte mich zu meinem

Zimmer, öffnete die Tür, schaltete

die Klimaanlage ein und

stellte mein Gepäck ab. Dann

sagte er, er würde mich in einer Stunde zum Essen abholen.

»Und anschließend werde ich Ihnen eine kleine Führung durch

das Dachgeschoss geben«, setzte er hinzu.

GAY TALESE

DER VOYEUR

»Ein außergewöhnliches, melancholisches,

moralisch komplexes, oft beängstigendes und

manchmal sehr komisches Buch, das einen

vollkommen in seinen Bann zieht.«

The New York Times


SACHBUCH

27

EIN ÜBER-

LEBENSKAMPF

AUF HOHER SEE

2017 IN DEN KINOS MIT BEN AFFLECK

UND MATT DAMON IN DEN HAUPTROLLEN

John Aldridge

Anthony Sosinski

EIN

Eine packende Abenteuergeschichte,

die auf wahren Begebenheiten beruht

FLECK

Was ist der einzelne Mensch in den Weiten des Ozeans? Nicht

mehr als ein unbedeutender winziger Fleck? Wird Anthony

mich retten? Und noch viel wichtiger: Wie lange halte ich

durch? Diese Fragen stellt sich der 45-jährige John Aldridge aus

Montauk. Mitten in der Nacht, vierzig Kilometer vor der Küste,

ist der erfahrene Hummerfischer bei rauer See über Bord gegangen

– unbemerkt von seinem Freund Anthony Sosinski,

mit dem er gemeinsam das kleine Fischerboot Anna Mary betreibt.

Als der aufwacht und Aldriges Abwesenheit bemerkt, ist

es fast zu spät. Mitten im Atlantischen Ozean kämpft Aldrige

ohne Schwimmweste ums Überleben, während sein Freund, die

Küstenwache und sämtliche Fischer im Nordosten der USA

fieberhaft versuchen, ihn zu finden und zu retten, bevor die

letzte Welle über ihm zusammenbricht.

IM

MEER

Eine dramatische Geschichte über Willensstärke und Widerstandsfähigkeit,

die auf beeindruckende Art zeigt, wie es einem

Menschen allen Widrigkeiten zum Trotz gelingen kann, zu überleben.

Die bewegende Geschichte einer Freundschaft zwischen

zwei Männern, die alles füreinander tun würden.

JOHN ALDRIDGE UND ANTHONY SOSINKSI sind seit

der Grundschule beste Freunde. Nach vielen Jahren, in denen

sie als Fischer in Montauk, New York, gearbeitet hatten, erfüllten

sie sich ihren Lebenstraum und kauften zusammen den Hummerkutter

Anna Mary, der Mittelpunkt ihrer dramatischen Geschichte.

Die beiden fahren immer noch täglich zum Fischen

aufs Meer.

JOHN ALDRIDGE & ANTHONY SOSINSKI EIN FLECK IM MEER

Aus dem amerikanischen Englisch von Georg Deggerich

320 Seiten, gebunden Mit Fototeil Warengruppe 1981

ISBN 978-3-455-00101-3 Euro 22,– [D] / 22,60 [A] 16. Mai 2017

TEMPO


EIN

FLECK

IM

MEER

Eine Geschichte über Mut.

Und über den Willen, am Leben zu bleiben, einen kühlen Kopf

zu bewahren, stark zu bleiben und erfinderisch. Und nicht aufzugeben.

Niemals.

Anthony rannte zum VHF Radio, das an die Decke der kleinen

Fahrerkabine geschraubt war, und griff das Mikrofon. Er wechselte

auf Kanal16, den Kanal für Notfälle, und um 6.22 Uhr am

frühen Morgen des 24. Juli 2014 rief er um Hilfe: »Küstenwache,

hier ist die Anna Mary. Mann über Bord.«

John und Anthony fischten schon als kleine Jungs zusammen –

sie fuhren mit ihren Fahrrädern zum Sunrise Highway, um Forellen

zu fangen. Später arbeiteten sie in Montauk auf verschiedenen

Fischerbooten. Als die Anna Mary zum Verkauf stand,

schmissen sie ihr Geld zusammen und kauften den heruntergekommenen

Hummerkutter. Ein Jahr lang reparierten sie ihn,

und als sie endlich zum ersten Mal gemeinsam mit ihrem eigenen

Fischerboot aufs Meer rausfuhren, waren sie schon Ende

30. Für beide erfüllte sich ein Lebenstraum.

Es stimmt, was sie sagen: Wie das eigene Leben nochmal an

einem vorbeizieht. In meinem Fall fühlte es sich an wie eine

Ewigkeit. Ich sagte zu mir: Das passiert nicht. Das kann nicht

sein. Ich war alleine im Atlantischen Ozean, und ich würde

sterben. Jetzt.

Wie sollte ich überleben? Die Sonne würde in drei Stunden aufgehen

– ich hatte ein Ziel. Am Leben bleiben bis zum Morgen.


Maxim Biller

HUNDERT ZEILEN

HASS

»Hass beflügelt. Hass gibt einem die Kraft, immer das zu sagen,

was man denkt, ohne sich um all die feigen, kleinbürgerlich-bequemen

Übereinkünfte zu kümmern, die jede Gruppe und jede soziale

Schicht, egal wie elitär oder primitiv, zu ihrem eigenen Schutz

aufstellt. Hass aber zerstört diese Harmoniediktatur und hilft

der Wahrheit ans Licht. Und deshalb hat Hass viele Namen: Hass ist

mal Wut, mal Mut und fast immer Humor. Und vielleicht

ist Hass auch nur ein anderes Wort für Jungsein.«

MAXIM BILLER

TEMPO, MÄRZ 1993


LITERATUR

33

»100 ZEILEN

HASS MACHTE

MAXIM BILLER

ZUR MARKE.

UND ZUM

AUSSENSEITER.«

TAZ

ZUM ERSTEN MAL

GESAMMELT ALS BUCH

Maxim Biller

HUNDERT ZEILEN

HASS

»Hass, damit das endlich klar ist, bedeutet Wahrheit – und etwas

mehr Ehrlichkeit.«

Niemand in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur hasst

virtuoser, fundierter und zugleich liebevoller als der Schriftsteller

Maxim Biller. Mit der Kolumne 100 Zeilen Hass begann er seine

Karriere als Journalist beim Magazin TEMPO, bevor er sich dann

auch als Erzähler und Dramatiker einen Namen machte. Über

100 Mal begab er sich zwischen 1987 und 1996 Monat für Monat

auf die Suche nach Wahrheit und Ehrlichkeit. Bis 1999 wurde die

Kolumne im ZEIT-Magazin fortgesetzt, bis heute ist ihr Ruf

legendär. Erstmals erscheinen hier sämtliche Texte unverändert

als Buch. Jede Kolumne ist ein pointierter Indizienprozess im

Dienst nur einer Sache: dem Kampf für das Gute und gegen

alles Schlechte.

TEMPO

MAXIM BILLER, geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970 in

Deutschland. Zuletzt erschienen die Novelle Im Kopf von Bruno

Schulz (2013) und der Roman Biografie (2016). Er ist Kolumnist

der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und der Zeit und

seit Oktober 2015 Mitglied der Neuauflage des Literarischen

Quartetts.

MAXIM BILLER HUNDERT ZEILEN HASS

280 Seiten, Leinen Warengruppe 1110

ISBN 978-3-455-00110-5 Euro 20,– [D] / 20,60 [A] 11. April 2017


Schafft den Sommer ab! – TEMPO, Juli 1988 Die Berlin-Kanaille – TEMPO, August 1991


LITERATUR

37

»DER SCHURKE

HAT EINE RIESIGE

BIOGRAPHIE IN

DIE MASCHINE

GEHAUEN UND

ALLES, ALLES

REINGETIPPT.«

LITERATUR-NOBELPREIS 2016

DIE AUTOBIOGRAPHIE

JETZT ALS PAPERBACK

WILLI WINKLER / SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

»Wenn du so ein Buch schreibst,

musst du die Wahrheit sagen.«

BOB DYLAN

Bob Dylan räumt auf mit den Mythen und Legenden, die sich

um sein Leben und Werk ranken, und erzählt seine Geschichte

selbst. Wie er Anfang der sechziger Jahre nach New York kam,

wo seine Karriere in den Folkclubs begann. Wie er zur Zeit der

großen Unruhen in Amerika um seine künstlerische Identität

kämpfen und seine Familie vor der Öffentlichkeit schützen

musste. Wie ihm ein alter Jazzsänger 1987 half, eine große musikalische

Krise zu überwinden. Er blickt auf seine Kindheit zurück

und schreibt leidenschaftlich über seine Musik, auch über

die Einflüsse, die ihn geprägt haben.

BOB DYLAN (Robert Allen Zimmermann), geboren 1941 in

Duluth / Minnesota, Idol in den 1960er Jahren, Star in den 70er

Jahren und seither Legende, hat in den vergangenen 40 Jahren

die Geschichte der populären Musik geprägt wie kein anderer.

Er gilt darüber hinaus als einer der bedeutendsten Lyriker des

20. Jahrhunderts. Er ist Ehrendoktor der Princeton University

und erhielt den Pulitzer-Sonderpreis für seinen Einfluss auf die

amerikanische Kultur. 2016 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur

verliehen.

BOB DYLAN CHRONICLES

Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Passig und Gerhard Henschel

304 Seiten, Paperback Warengruppe 1961

ISBN 978-3-455-00103-7 Euro 15,– [D] / 15,50 [A] 11. April 2017

TEMPO


GESCHENKBUCH

39

FISCHERS FRITZ FISCHT FRISCHE

FISCHE – ANFÄNGERKRAM!

MIT GERHARD HENSCHEL ZUM

ZUNGENBRECHER-DIPLOM.

Harr’k ’n Hark hatt,

harr’k harken kunnt

(Plattdeutsch)

Schwarze

Schmeißfliege

frisst frisches

Fischfleisch.

Gerhard Henschel

10,-

I hao’s ao

schao gao lao

(Schwäbisch)

ZUNGEN

BRECHER

Dieser einzigartige Zungenbrecher-

Baedeker nimmt es an Komik mit Loriot

und an literarischem Nonsens mit

Ernst Jandl auf.

Die deutsche Sprache hält noch viel verwegenere Zungenbrecher

bereit als den sattsam bekannten fischenden Fritz, den

Cottbusser Postkutschkasten oder fleißige Scheitspleißer. Gerhard

Henschel hat die schönsten Exemplare zusammengetragen,

nicht allein aus dem deutschen Sprachraum, sondern aus

dem gesamten Abendland, dem Morgenland und darüber hinaus,

von englischen tongue twisters, französischen virelangues

bis zu teuflischen Beispielen auf Hebräisch, Arabisch, Chinesisch

oder Hindi. Laut lesen sorgt garantiert für Schluckauf, der

auf Norwegisch übrigens »Hypernevrokustiskediafragmakontravibrasjoner«

heißt. Bitte nachsprechen.

Dor Bäggor

baggd Bredchn,

dor Bassdor dud

bredchn.

(Sächsisch)

Atlantik

HOLLERI DU DÖDL DI, DIRI DIRI DUDL DÖ

HANK HAWK’S HORN HONKS

SUIS-JE BIEN CHEZ CE CHER SERGE?

BRAUTKLEID BLEIBT KRAUTROCK

etc.

GERHARD HENSCHEL, geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller

bei Hamburg. Sein Briefroman Die Liebenden (2002) begeisterte

die Kritik ebenso wie die Abenteuer seines Erzählers

Martin Schlosser: Nach Kindheitsroman (2004), Jugendroman

(2009), Liebesroman (2010), Abenteuerroman (2012), Bildungsroman

(2014) und Künstlerroman (2015) erscheint im Frühjahr

2017 im Hoffmann und Campe Verlag mit Arbeiterroman der

siebte Teil seiner Chronik, die er entlang des Lebens von Martin

Schlosser erzählt. Gerhard Henschel wurde 2012 mit dem Hannelore-Greve-Literaturpreis

ausgezeichnet, erhielt 2013 den Nicolas-Born-Preis

und 2015 den Georg-K.-Glaser-Preis.

Die Chatz chat ins

Chuchichäschtli

chechözelet.

(Schwizerdütsch)

GERHARD HENSCHEL

ZUNGENBRECHER

180 Seiten, Paperback Warengruppe 1191

ISBN 978-3-455-00112-9 Euro 10,– [D] / 10,30 [A] 11. April 2017

TEMPO

Three witches watch

three Swatch watches.

Which witch watches

which Swiss watch?


MARKETING

41

WERBEMITTEL

DIE BESTE WERBUNG FÜR EIN

BUCH IST DAS BUCH SELBST.

FINDEN WIR.

ABER TROTZDEM:

A2-PLAKATE

10er-Set 978-3-455-98133-9

BLEISTIFTE

VE 5 Stück 978-3-455-98135-3

FRAGEN SIE IHRE(N) VERTRETER(IN)

LESEZEICHEN

VE 50 Stück 978-3-455-98134-6


IMPRESSUM

43

DER VERLAG

DIE VERTRETER

DIE ÜBERSETZER

BILDNACHWEISE

TEMPO BÜCHER

erscheinen in der

Hoffmann und Campe Verlag GmbH

Postfach 13 04 44, 20139 Hamburg

Harvestehuder Weg 42, 20149 Hamburg

Tel. (040) 4 41 88-0

Fax (040) 4 41 88-202

www.hoca.de

Verkauf

Moritz Klein

Tel. (040) 4 41 88-227

Fax (040) 4 41 88-211

moritz.klein@hoca.de

Vertrieb

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Tel. (040) 4 41 88-223

Fax (040) 4 41 88-211

annika.buelling@hoca.de

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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Fax (040) 4 41 88-200

julia.strack@hoca.de

Lesungen und Veranstaltungen

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Tel. (040) 4 41 88-220

Fax (040) 4 41 88-200

carola.brandt@hoca.de

Rechtemanagement und

Vergabe Kleinlizenzen

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Tel. (040) 44 1 88 -291

Fax: (040) 44 1 88 -319

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Rechte & Lizenzen

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Vorpommern

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Nordrhein Westfalen, Hessen, Rheinland-

Pfalz, Saarland, Luxemburg

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Jörg & Anne-Katrin Pillunat

Im Grund 50, 58313 Herdecke

Tel.: (02330) 974235

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buero@dieverlagsvertretung.de

Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen

Buchbüro SaSaThü

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Vor dem Riedtor 11, 99310 Arnstadt

Tel. (03628) 5 49 33 10

Fax (03628) 5 49 33 10

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Baden-Württemberg

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Fax (0751) 9 46 29

reininger.vv@gmx.de

Bayern

Cornelia und Stefan Beyerle

Maximilian von Uslar-Gleichen

Riesengebirgstraße 31A

93057 Regensburg

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Fax (0941) 46 70 93 71

buero@beyerle.bayern

Schweiz

Dagmar Bhend

Hofackerstr. 13, 8032 Zürich

Tel. (044) 4 22 12 17

Fax (044) 3 81 43 10

dagmar.bhend@buchinfo.ch

Österreich

Josef Kager und Horst Bayer

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Guglgasse 6, Gasometer A 1/5/5

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Fax (01) 5 03 64 03 17

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Gabi Jindra-Schwarz

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Ferdinand-Jühlke-Str. 7

99095 Erfurt

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4614 Hägendorf

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Österreich

Mohr Morawa Buchvertrieb GmbH

Sulzengasse 2, 1230 Wien

Tel. (01) 68 01 40

Fax (01) 6 89 68 00

momo@mohrmorawa.at

www.mohrmorawa.at

LINA WOLFF

BRET EASTON ELLIS UND DIE ANDEREN HUNDE

Stefan Pluschkat 1982 in Essen geboren, studierte Literaturwissenschaften

und Philosophie in Bochum und Göteborg.

Er übersetzt aus dem Schwedischen und lebt in Hamburg.

GAY TALESE

DER VOYEUR

Alexander Weber geboren 1969, ist promovierter Anglist und lebt

als freier Übersetzer in Berlin, u. a. von Ben Schott, Solomon Northup

und Michael Dobbs.

JOHN ALDRIDGE / ANTHONY SOSINSKI

EIN FLECK IM MEER

Georg Deggerich geboren 1960, studierte Anglistik, Germanistik

und Philosophie. Zu den von ihm übersetzten Autoren gehören Oscar

Wilde, Samuel Pepys, David Sedaris, David Guterson, Susan Sontag

und David Leavitt. Deggerich ist Mitherausgeber der

Literaturzeitschrift Am Erker.

BOB DYLAN

CHRONICLES

Kathrin Passig geboren 1970, ist Autorin und Übersetzerin.

2006 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt.

Sie lebt in Berlin.

Gerhard Henschel geboren 1962, lebt als freier Schriftsteller

in der Nähe von Hamburg. Im Frühjahr 2017 erscheint von ihm im

Hoffmann und Campe Verlag sein Arbeiterroman, der siebte

Teil seiner Chronik, die er entlang des Lebens von

Martin Schlosser erzählt.

COVER:

KAT KAUFMANN

© A. Barkovskaya/ K. Kaufmann

SEITE 6/7

© A. Barkovskaya / K. Kaufmann

SEITE 8/9

© M. Pekrul / K. Kaufmann

SEITE 10/11

© Lina Wolff

SEITE 13

© Sofia Ajram

SEITE 15

© Sofia Ajram

SEITE 16

© Anja Jenkner

SEITE 17

© dpa

SEITE 18/19

© Isidro Ferrer

SEITE 20/21

© 2016 Rachel Cobb

SEITE 23-25

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SEITE 26-29

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SEITE 30-33

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