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SOCIETY Magazin/Ausgabe 370

WIRTSCHAFT - POLITIK - DIPLOMATIE - WISSENSCHAFT - KULTUR - LEUTE

DIPLOMATIE UNGARN

DIPLOMATIE UNGARN Vorderansicht der ungarischen Botschaft Ein Stück gemeinsamer (Kultur-)Geschichte Kein anderes Gebäude zeugt so von der gemeinsamen Geschichte Österreichs und Ungarns wie das „ungarische Palais“ in der Bankgasse. Das Gebäude wurde schon Mitte des 18. Jahrhunderts von den ungarischen Ständen erworben, um hier das Amt der ungarischen Hofkanzlei unterzubringen. Das ursprüngliche Windisch-Grätz-Palais wurde im Laufe der Zeit durch neue Gebäudeteile ergänzt und nahm auch das Amt der Siebenbürgischen Hofkanzlei auf. Das reiche Innendekor des Hofkanzleigebäudes sollte eindeutig die Macht des Hofes widerspiegeln und verleiht bis heute den hier stattfindenden Veranstaltungen, Bällen oder der alltäglichen Arbeit der Diplomaten eine besondere, barocke Stimmung. Die innere Formgebung des prunkvollen Barockpalais' gilt als Ergebnis der großzügigen Mäzenatur der Königin Maria Theresia, die ihre Dankbarkeit für die militärische Hilfe der Ungarn im österreichischen Erbfolgekrieg ausdrücken wollte. Kein Zufall, dass der Besucher im Palais immer wieder der dem Nachbarland äußerst geneigten „Sponsorin“ begegnet. So verewigen die Gemälde von Franz Messmer und Wenzel Pohl im Preßburger Saal die Krönungsszenen vom Jahre 1741. Das Fresko von Franz Anton Maulbertsch im Kanzlerzimmer stellt die Szene dar, wie die Regentin dem Palatin Ludwig Graf Batthyány die Insignien des St. Stephans-Ordens verleiht. Ebenfalls findet man im Innenhof den „Brunnen von Maria Theresia“. Sie kam vermutlich durch unterirdische Gänge von der Burg regelmäßig in die Kanzlei, um vom hiesigen Wasser – dem damals eine wundersame, heilende Kraft zugeschrieben wurde – zu trinken. Im Wandel der Zeit diente das Palais im Frühling 1848 mit der Ernennung der ersten ungarischen verantwortlichen Regierung als Residenz des königlichen ungarischen Ministers am Allerhöchsten Hoflager. Nach der Niederschlagung der zweiten Fotos: society/Pobaschnig, ungarische botschaft 34 | SOCIETY 2_2016

DIPLOMATIE UNGARN Sitzungsraum mit barockem Flair Ansicht auf den begrünten Hof des Palais Wiener Revolution im Oktober 1848 wurden hier ab November verschiedene österreichische Ämter untergebracht, auch ein Großteil der Einrichtung kam abhanden. Ab 1860 beherbergte das Palais erneut die Kanzleien, dann ab dem Ausgleich wieder das Ministerium am Allerhöchsten Hoflager. Dieses Regierungsorgan vermittelte zwischen den ungarisch-königlichen und österreichisch-kaiserlichen Behörden, befasste sich mit Pass- und Rechtsangelegenheiten zwischen den zwei Ländern und nahm Aufgaben bezüglich des Königreichs Ungarn im Zusammenhang mit den Hoheitsrechten des Herrschers (Ernennungen, Rangverleihungen, Begnadigungen) wahr. Ab November 1918 befand sich auch der Sitz der ersten Gesandtschaft des unabhängigen Ungarns in diesem Gebäude. Nach der Besetzung Österreichs durch Deutschland im März 1938 waren hier das Generalkonsulat, ab 1945 ungarische Außenvertretungen mit verschiedener Benennung, dann ab 1955, seit Österreichs Unabhängigkeit, wieder die ungarische Gesandtschaft. 1964, nach dem Budapester Besuch von Bundeskanzler Bruno Kreisky, der die politische Annäherung zwischen den Ländern gebracht hatte, wurde die Vertretung wieder in den Rang einer Botschaft erhoben. Das Palais, das im österreichischen Regierungsviertel mit seinen Veranstaltungen auch heute als beliebter Ort des diplomatischen und gesellschaftlichen Lebens gilt, öffnet seine Türe nicht nur für Diplomaten und Politiker oder für Kunden der Konsularabteilung. Nach Absprache können auch Anhänger der Kulturgeschichte das ungarische Botschaftsgebäude besichtigen. • Fresko von Franz Anton Maulbertsch im Kanzlerzimmer des Palais SOCIETY 2_2016 35

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