ewe-aktuell 4/2016

eineweltengagement

Dezember 2016

Ausbruch

aus der Routine

WEITERE THEMEN IN DIESER AUSGABE:

„Unbedingt nach Afrika…“ „Was bleibt.“ Wunsch nach mehr davon.


Seite 2

Editorial

Liebe Leser,

während ich noch darüber nachgrüble, wie

ich Sie und euch zu dieser Weihnachtsausgabe

begrüßen soll, kommt mir das Wort

Routine in den Sinn. Vieles in unserem Leben

ist Routine, und das ist sicher auch gut

so – wie sonst würden wir viele Dinge im

Leben so gut hinkriegen wie wir es tun.

Routine kommt durch Wiederholung, und so

muss das zwanzigste Editorial doch vielleicht

auch einfacher sein als das erste. Aber

wie viel Routine wollen

wir? Wollen wir

nicht auch immer wieder

aus der Routine

ausbrechen, etwas

neues Erleben, Dinge

anders machen? Wie

schön und aufregend

das ist, zeigen uns

Jahr für Jahr unsere

deutschen und sambischen

Freiwilligen –

mit abwechslungsreichen, überraschenden

Geschichten und mit der einfachen Feststellung

dessen, was der Ausbruch aus der Routine

mit ihnen selbst macht. Moses Hamungole,

seit zwei Jahren Bischof Monze, meint

nichts anderes, wenn er im Interview in dieser

Ausgabe sagt, dass jedes Kind denke,

dass seine Mutter die beste Köchin sei,

wenn es noch nicht vor der Tür gewesen ist.

Und so ist es gut zu wissen, dass wir schon

jetzt drei neue deutsche Freiwillige haben,

die im kommenden Jahr aus der Routine

ausbrechen wollen. Und ohne dabei allzu

pastoral klingen zu wollen, wünsche ich

auch Ihnen und euch in der Weihnachtszeit

und für das kommende Jahr den ein oder

anderen kleinen Ausbruch aus der Routine

und wie immer eine angenehme Lektüre!

Johann Heilmann

Inhaltsverzeichnis

3

5

8

10

Gemeinden im Bistum Monze

Zimba – auf dem Weg

zu den Victoriafällen

„The times they are changin æ

Denn es kommen andere Zeiten“

Unbedingt nach Afrika

Auswahlverfahren

Unsere deutsche Ehemalige berichtet

6

„Was bleibt.“

Interview mit dem Bischof von Monze

„Ein Kind, das nie

woanders hinkommt…“

Unser sambischer Freiwilliger berichtet

„Wunsch nach mehr davon.“

4

Impressum

Herausgeber: eine-welt-engagement (ewe) e.V.

Internet: www.eine-welt-engagement.de

Wenn´s um Geld geht

Redaktion: Johann Müller

E-Mail: johann.mueller@eine-welt-engagement.de

Postfach 100523, 52305 Düren

Layout/Satz: Type Art, Herzogenrath

Druck: saxoprint.de

Die Redaktion übernimmt keine Haftung für unverlangt

eingesandte Manuskripte, Fotos und Illustrationen.

ewe aktuell“ ist im Abonnement gegen eine Spende

erhältlich. Info unter Telefon 02421- 8 79 88

oder unter: info@eine-welt-engagement.de

ViSdP: Guido Schürenberg

sparkasse-dueren.de

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Seite 3

„The times they are a changin –

Denn es kommen andere Zeiten“

Im Oktober 2015

haben wir 20

Jahre eine-weltengagement

e.v.

gefeiert unter der

Überschrift PART-

NERSCHAFT ENT-

WICKELT. Es war

ein schönes, ein

harmonisches

Bild, wie sich der Verein darstellte bzw. wie

wir das Wirken unserer Partnerschaftsarbeit

dargestellt haben.

Nur ein euphemistischer Blick in die

Vergangenheit?

Nein, der Blick in die Vergangenheit verdeckte

nicht die Herausforderungen, vor

denen wir heute stehen und verdrängte

auch die (wenigen) Enttäuschungen des Vereinsalltags

nicht. Letztlich bestärken die Geschichte

und die Lernerfahrungen des Vereins

in Deutschland und Sambia uns, eine

Zukunftsperspektive gemeinsam zu haben.

Wo liegen die Herausforderungen und

wie sehen die Visionen aus, die es braucht,

damit hier wie dort Menschen ehrenamtlich

diesen Verein tragen und weiterentwickeln?

Die deutschen Freiwilligen

Das Interesse an langfristigen Freiwilligendiensten

ist deutlich zurückgegangen. Auch

die anderen Organisationen im SDFV-Trägerkreis

zusammengeschlossenen Anbieter im

Bistum Aachen beobachten dies und verstärken

ihre Öffentlichkeitsarbeit.

Aber diejenigen, die sich dann bewerben,

sind umso motivierter genau den

Dienst zu wollen, den wir als ewe anbieten.

Insbesondere der Reiz ganz in die sambische

Kultur eintauchen zu können durch das

Leben in einer sambischen Familie und Kir-

chengemeinde wird immer wieder bei den

Bewerbungen als besonders hervorgehoben.

Dieses (Fast-)Alleinstellungsmerkmal

wollen wir beibehalten und versuchen, die

Erfahrungen der sambischen Familien mit

deutschen Freiwilligen zu hören und noch

mehr in unsere Vorbereitung auf den Dienst

mit einzubeziehen. Die nachhaltige Wirkung

dieses Dienstes für die Freiwilligen selbst,

ihre Berufswahl und Persönlichkeitsentwicklung

erfahren wir immer wieder bei

Begegnungen oder in Artikeln für die eweaktuell

(so aktuell Anna Hofbeck in dieser

Ausgabe).

Die sambischen Freiwilligen

Wir stellen fest, dass das Interesse sambischer

Jugendlicher, für ein Jahr nach

Deutschland zu gehen, sehr hoch ist. Durch

die Besuche unserer Partner bei deutschen

Gastfamilien und Arbeitsstellen der Freiwilligen

sind Sr. Chrisencia und Agnes Simolooka

allerdings sensibilisiert für die hiesige

gesellschaftliche Situation und achten bei

der Auswahl stärker auf soziale Kompetenz

und Integrationsfähigkeit und auch auf die

Eignung der Kandidaten für die Arbeit in sozialen

Einrichtungen wie Krankenhaus und

Altersheim.

Begleitung der Freiwilligen(-dienste)

Sowohl in Sambia als auch in Deutschland

haben sich in den vergangenen Jahren verlässliche

Verantwortlichkeiten etabliert, die

von ehrenamtlichen Teams bzw. Beauftragten

qualifiziert und motiviert wahrgenommen

werden. Freiwillige wie auch dGastfamilien

fühlen sich gut begleitet. Das ist dem

unermüdlichen Einsatz von Sr. Chrisencia

und Agnes Simolooka, Irmela Kuhlen und

Nina Braun zu verdanken. Sowohl in der Diözese

Monze, als auch hier bei uns in

Deutschland suchen wir ehemalige Freiwillige,

die diese Teams ehrenamtlich unterstützen

und mittelfristig diese Verantwortungsbereiche

übernehmen.

Integration, Motivation

und Repräsentation …

Das sind die Aufgaben der „Vorstände“ in

Sambia und Deutschland, seien sie gewählt

nach Vereinsrecht wie in Deutschland oder

sei es ihnen „zugefallen“ und sie haben die

Verantwortung übernommen wie in der Diözese

Monze. Bei uns hat es sich bewährt,

dass ehemalige Freiwillige die Möglichkeit

haben, ihre Erfahrungen in den Vorstand

einzubringen und so in Verantwortungsbereiche

hineinzuwachsen. Z.Zt. bereichern

auf diese Weise Gesine, Natalie, Nina und

Nicole die Vorstandsarbeit des ewe. In Sambia

ist dies nur sporadisch möglich, u.a. bei

den Auswahlseminaren. Diese „Verjüngung“

tut der Arbeit des Vorstandes gut und ist

auch mittelfristig für den Fortbestand des

Freiwilligenaustausches wichtig, da durch

Alter und geänderte Lebenssituation Veränderungen

in den Verantwortlichkeiten notwendig

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Seite 4

Dies gilt auch bei unseren Partnern, wo

durch Wechsel im Bischofsamt und die damit

einhergehenden Umstrukturierungen

und Personalveränderungen auch der

Stellenwert des Freiwilligenaustausches neu

beschrieben werden musste. Bishop Moses

hat bei einem Gespräch mit Vertretern des

ewe-Vorstandes betont, wie bereichernd der

Dienst der deutschen Freiwilligen für die

Jugendarbeit im Bistum Monze ist.

In diesem Organisationsentwicklungsprozess

trug Solomon Phiri, der die entsprechenden

Strategiepapiere entwickelte, Sorge,

dass der ewe als internationaler Partner

für „youth empowerment“ gesehen wird

und durch die Schwerpunkte „Ausbildung

von Kindern und Jugendlichen“ und „Klimawandel“

auch die Unterstützung entsprechender

Projekte besser geplant und koordiniert

werden kann.

Hier besteht noch viel Kommunikationsbedarf

darüber, was mit ehrenamtlich arbeitenden

Strukturen auf beiden Seiten leistbar

und zielführend realisierbar ist.

„Leben in Fülle für alle Menschen“ wie

es der Strategieplan der Diözese Monze

als vision statement beschreibt oder

„Buen Vivir“ wie es die Vereinten Nationen

in ihren Entwicklungszielen bezeichnen,

ist auch das Ziel, das das eine-weltengagement

in Deutschland und Sambia

motiviert – auch und gerade mit Blick auf

die „changin times“, wie sie Bob Dylan in einem

der Motivationslieder der Bürgerrechtsbewegung

in den 60er Jahren beschrieb

und deren bleibende Aktualität sich in

diesen Wochen immer wieder zeigt. Wir

werden uns auch weiterhin einsetzen für

einen nachhaltigen Sozialen Dienst für

Frieden und Versöhnung im eine-weltengagement.

Guido Schürenberg

Gemeinden im Bistum Monze

Heute: Zimba – auf dem Weg

zu den Victoriafällen

Als ich im Jahr 2001 zum ersten Mal nach

Zimba kam, stand das Priesterhaus dort

leer. Es gab schlicht noch nicht genügend

Priester im Bistum Monze, dass jede Gemeinde

besetzt werden konnte. Heute sieht

das anders aus: Denn jedes Jahr werden

neue Priester geweiht, ein Nachwuchsproblem

hat die Katholische Kirche anders als

in Deutschland nicht, und somit wird auch

die Gemeinde St.Michael’s in Zimba schon

längst nicht mehr von der nördlichen Nachbargemeinde

Kalomo, sondern von einem

eigenen Priester betreut. Und zwei EWE-Freiwillige

hat Zimba seitdem auch schon beherbergt.

Auf der Great North Road, die von Lusaka

bis nach Livingstone zu den Victoriafällen

führt, ist Zimba die südlichste Gemeinde des

Bistums. Von hier sind es noch etwa 80 Kilometer

bis zu den Victoriafällen und zur

Landesgrenze. Zimba hat ca. 11.000 Einwohner,

und der unaufmerksame Autofahrer

wird schnell durch die Stadt hindurch sein.

Bemerkenswert ist neben Zimbas lebhaftem

Markt jedoch mindestens das Zimba Mission

Hospital, das bereits seit 1960 besteht

und vor allem von protestantischen Kirchen

aus den USA finanziert wird. In diesem Jahr

fand eine große Modernisierung statt. Das

Krankenhaus verfügt nun über viele moderne

Gerätschaften und ist nun eines der

modernsten der Southern Province. Im April

dieses Jahres schmückte sich auch Präsident

Edgar Lungu mit den Erfolgen des Krankenhauses

– seine Regierung zahlt immerhin

die Gehälter der sambischen Angestellten.

Johann Heilmann

Fotonachweise

Guido Schürenberg 6

Africa's Child 1

Anna Hofbeck 3

Daniel Nanja 6


Seite 5

Unbedingt nach Afrika

Drei neue Freiwillige ausgewählt

… wollten sie alle. In diesem Jahr hatten sich

vier Kandidatinnen für den Freiwilligendienst

in Sambia beworben. Der Unterschied zu

anderen Organisationen macht das Besondere

aus: Ein Jahr Leben in sambischen

Familien und Arbeiten in sozialen Einrichtungen

der Gemeinden in der Diözese Monze.

Die Bewerberinnen kamen aus Aachen und

dem Umland, sind also eher „urban people“.

Der Reiz des Lebens in einem agrarisch

geprägten Umfeld ist die damit einhergehende

Möglichkeit ganz in die sambische

Kultur einzutauchen.

Sambia bezeichnet sich gerne als „real

africa“, das macht neugierig. Und Helen, die

ihr Jahr gerade beendet hatte, wurde mit

Fragen überhäuft. Aber es machte ihr, Natalie

und Guido Spaß, so interessierten jungen

Menschen zu begegnen.

Alle waren geeignet und hoch motiviert

– umso schwerer fiel die Auswahl der drei

„Richtigen“: Alisha und Jolina aus Aachen

und Charleen aus Erkelenz

Aber jetzt ist erst mal das Abitur dran

und im Frühjahr dann die intensive Vorbereitung

aufs „real africa“.

Guido Schürenberg

links Alisha und Jolina, rechts Charleen

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Seite 6

Aus dem Freiwilligenleben: Unsere

„Was bleibt.“

Wenn ich jetzt zurückschaue, weiß ich

nicht, ob ich die 14 Monate, die wir

schon wieder in Deutschland sind, lang

oder kurz finden soll.

Kurz, weil die Zeit seither wie im Flug

vergangen ist. Seit ich meine Ausbildung

zur Hebamme angefangen habe, bin ich

einfach beschäftigt. Es war anfangs nicht

leicht, ins Arbeitsleben und in den Schichtdienst

reinzukommen – und die in

Deutschland tatsächlich nur 28 Urlaubstage

können ganz schön wenig sein. Auf der

anderen Seite haben mir die Struktur und

der straffe Zeitplan ganz eindeutig auch

dabei geholfen, wieder richtig in Deutschland

anzukommen. Außerdem macht es

mir ja Spaß, ich habe wundervolle Menschen

kennengelernt und gehe gern zur

Arbeit.

Lang, weil ich schon ein Drittel meiner

Ausbildung hinter mir habe und auf einmal

schon im zweiten Kurs bin. Vor ein

paar Tagen sind „die Neuen“ gekommen,

denen wir hier jetzt einiges schon zeigen

können. Da merkt man erst, wie viel man im

letzten Jahr schon gelernt hat.

Kurz, weil ich mich mit ein paar Bildern,

Geschichten, Gedanken schnell wieder nach

Sambia versetzen kann. Ein Post auf Facebook,

auf dem ich ein Gesicht sehe, das

mich in Wehmut versinken lässt. Ein Artikel

in der ewe-aktuell, der mich neidisch werden

lässt. Ein Film, der mich an Afrika

erinnert. Meine Playlist, auf der viele sambische

und nigerianische Lieder sind, bei

denen ich immer das Bedürfnis habe,

aufzuspringen und zu tanzen. Ein paar

Whatsapp-Nachrichten oder ein gemeinsames

Wochenende mit Lea und Nurit und

schon versinken wir wieder in Erinnerungen,

freuen uns, Sprachnachrichten von gemeinsamen

Freunden anzuhören und träumen

uns zurück nach Sambia.

Lang, weil der Kontakt immer weniger

wird. Nach einem Jahr habe ich mit vielen

Freunden aus Sambia kaum mehr Kontakt.

Sporadische Nachrichten hier und da, oft nur

Smalltalk. Nur mit wenigen bleibt man so

fest in Verbindung, dass man sich nicht nur

über die großen Neuigkeiten austauscht,

sondern die Gespräche auch mal tiefer

gehen. Vielleicht ist das ein Fluch der neuen

schnellen Medien. Dass man die Möglichkeit

hat, oberflächlich hin und wieder für fünf Minuten

zu schreiben und sich nicht die Zeit

nehmen muss, sich für einen Brief hinzusetzen

und drüber nachzudenken, was wichtig

ist und was man dem anderen gerne mal

wieder erzählen möchte. So bekomme ich

immer weniger mit, was in meiner Pfarrei, in

meinem Choma, passiert. Ich gehöre weniger

dazu und es fängt an, weniger zu mir zu

gehören.

Kurz, weil ich mir Sambia auch hierher

holen kann. Meine Geburtstagsparty stand

Anna während ihres Sambiajahrs

unter dem Motto „20 Jahre AnnAfrica“ und

so sah nicht nur die Deko (hauptsächlich

bestehend aus Chitenges) aus, sondern so

klang es auch. Es lief die Musik, die auch auf

einer sambischen Braai-Party hätte laufen

können – und ich war überrascht, wie gut

sie hier ankam. Nicht nur Lea und Nurit

haben mitgetanzt, sondern auch viele andere

Freunde, denen ich es gar nicht zugetraut

hätte. Und alle hatten Spaß. Und so gehört

inzwischen zu fast jedem guten Abend mit

Freunden auch ein bisschen sambische

Musik dazu.

Lang, weil ich in der Zwischenzeit schon

wieder in Sambia zu Besuch war und nochmal

wieder zuhause angekommen bin. Über

Ostern war ich dort, und die zwei Wochen

waren ganz seltsam; viel zu kurz auf jeden

Fall. Ich habe es zwar geschafft, ganz viele

Leute zu treffen, die ich sehen wollte, aber

dann hatten wir oft nur genug Zeit, uns auf

den neuesten Stand zu bringen, was das

jeweilige Leben im letzten Jahr so mit sich

gebracht hat, und dann mussten wir uns

schon wieder verabschieden. Wenn ich an

den Besuch denke, muss ich an eine Gegebenheit

denken, als ich auf dem Weg zur


Seite 7

ehemaligen Freiwilligen berichten

„Vielleicht freue

ich mich aber auch

über Pünktlichkeit

und Verlässlichkeit.“

Kirche war und hinter einer Frau in einer der

Kirchenuniformen herging. Ein Kind kam zu

uns gelaufen und begrüßte mich, „Anna,

how are you?“ und die Frau drehte sich um

und erklärte mir wohlwollend, dass hier bei

einer Familie aus der Pfarrei vor nicht allzu

langer Zeit ein weißes Mädchen namens

Anna wohnte und mich das Kind deswegen

so nannte. Ich musste ziemlich lachen, als

ich ihr erklärte, dass ich es war. Vielleicht

war es die Brille, die ungewohnt war,

vielleicht war ich über das dreiviertel Jahr

wieder unglaublich viel weißer geworden,

aber wahrscheinlich hatte sie bloß einfach

nicht damit gerechnet, mich schon wieder

dort zu sehen. Und ich habe mich auch

„Vielleicht habe ich

das Bedürfnis, mir die

Hände über den Kof

zusammenzuschlagen

wegen unserer

deutschen Spießigkeit.“

unglaublich darüber gefreut, dass ich nicht

vergessen worden war, sondern dass ich

immer noch irgendwie da war für die Leute.

Kurz, weil Choma, wenn ich mir die Zeit

nehme, mich richtig zu erinnern, doch noch

irgendwie ein Zuhause für mich ist und das

Leben dort eine Alltagserinnerung ist. Leider

vergesse ich das immer wieder.

Und dann kommt es mir wieder lang

vor, weil es „das Jahr in Sambia“ geworden

ist; was ich nie wollte. Davor hatte ich dort

immer Angst. Dass dieses Jahr immer nur zu

einer Erinnerung an eine andere Zeit wird –

es war ja schließlich mein normales Leben

dort geworden! Ich hatte dort ein Zuhause,

Arbeit, Freunde, Familie, eine Gemeinde.

Und dann ist es immer wieder schwer, zu

akzeptieren, dass es eben doch nur ein

Leben auf Zeit war und ich nur Erinnerungen

mitnehmen kann.

Und dann ist es wieder kurz her, weil ich

nicht nur Erinnerungen mit mir rumtrage,

sondern auch unglaublich viele Erfahrungen

– und wichtige Erfahrungen fürs Leben –

gemacht habe, die mich viel gelehrt haben,

die mir immer wieder helfen und für die ich

immer wieder dankbar bin.

Denn ich möchte dieses

Jahr nicht missen; wenn ich

zurückschaue und wenn ich

nach vorne schaue, ist es ein

unglaublich wichtiger Teil

meines Lebens. Und als

solchen trage ich ihn immer

mit mir, und so gibt es eben

immer wieder Momente, in

denen ich mich an eine Situation

erinnere und fast zu

lachen anfange. Oder ich

werde wehmütig. Oder ich

werde wütend oder frustiert.

Vielleicht habe ich das Bedürfnis, mir die

Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen

wegen unserer deutschen Spießigkeit.

Vielleicht freue ich mich aber auch über

Pünktlichkeit und Verlässlichkeit.

Denn irgendwie bin ich ja doch auch

froh wieder da zu sein. Es ist schön, sich

wieder in einer Gesellschaft zu bewegen, in

der ich die Regeln kenne. Ich hätte auch nie

erwartet, dass kulturelle Unterschiede einen

so großen Einfluss auf das Leben eines einzelnen

haben. Aber jetzt, da ich wieder da

bin, fällt mir so vieles auf, was vorher so

selbstverständlich war. Es tut gut, an einem

Ort zu sein, wo ich weiß, was ich als Mädchen

machen kann, wo ich hingehen kann,

wo ich auch bewusst mal anders sein kann

und es nicht zwangsweise durch meine

Hautfarbe bin. Es kann nämlich echt ziemlich

angenehm sein, einfach mal in die Stadt

zu gehen und von niemandem beachtet zu

werden – einfach normal zu sein! Es ist

schön, mein eigenes Zimmer zu haben, das

ich gestalten und in dem ich mich selbst

verwirklichen kann (auch wenn mir mein

Bett ab und zu so allein ganz schön leer vorkommt).

Es ist schön, wieder mit meinen

Freunden Zeit verbringen zu können, die ich

schon gefühlte Ewigkeiten kenne; Freundschaften,

die ein Jahr Abstand gut verkraften

können. Es ist schön, wieder bei meiner

Familie zu sein – die ich noch viel mehr zu

schätzen gelernt habe; ich habe hier Freiheiten,

derer ich mir vorher gar nicht bewusst

war. Es ist schön, nicht mehr ständig mit der

Sprachbarriere kämpfen zu müssen. Es ist

schön, wieder zum Tanzen gehen zu

können in meiner alten Tanzschule oder

Anna mit Sr. Chriscenica und den anderen Mit-Freiwilligen

zum Volkstanz. Es ist schön, mein Leben

wieder selbst in der Hand zu haben und

weitgehend für mich selbst verantwortlich

zu sein. Und vor allem ist es schön, einfach

wieder zu Hause zu sein...

Doch ab und zu kommen noch so

Momente, da könnte ich kurz anfangen zu

weinen, weil mich Fernweh – oder Heimweh,

je nachdem – überkommt.

Anna Hofbeck


Seite 8

Aus dem Freiwilligenleben: Unsere

„Wunsch nach

mehr davon.“

Wann immer wir zu neuen Orten reisen,

hat jeder seine eigenen Erwartungen,

Ängste, Hoffnungen und Wünsche. Das Einzige,

das wir nicht wissen, ist, wie dies alles

sich verwirklichen wird. Ich schreibe diesen

Bericht während meiner zweiten Seminarwoche,

das heißt ich bin mit vielen Leuten

zusammen, die meine Erwartungen, Ängste,

Hoffnungen und Wünsche teilten, bevor sie

ihr freiwilliges Jahr begonnen hatten.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich mich

bereit erklärte ein soziales Jahr in Deutschland

zu machen und mir versprochen wurde,

dass ich in einer Gastfamilie bleiben

würde, damit ich mich auch leichter und

schneller an die deutsche Kultur gewöhnen

könnte. Zu meiner Gastfamilie gingen mir

viele Gedanken durch den Kopf. Sind sie

nett? Werde ich dort glücklich sein? Und ich

stellte mir viele andere Fragen. Ich erwartete

tatsächlich eine nette Familie, aber das

war nicht das, was ich vorfand. Das, was ich

vorfand war nicht nett, sondern etwas Großartiges,

so toll, dass es nicht würdig ist, nett

genannt zu werden: es ist viel mehr als eine

Gastfamilie, es ist eine echte Familie. Auch

dem EWE möchte ich danken für diese großartige

Idee, die Freiwilligen in Gastfamilien

unterzubringen und auch für die Begleitung

all der netten Leute rund um den Verein.

Ich erinnere mich auch daran, dass ich

mich für einen Arbeitsplatz in Deutschland

entscheiden musste. Ich wählte das Krankenhaus,

und meine Erfahrungen dort sind

Daniel mit dem Enkel der Gastfamilie.

Daniel feiert Geburtstag.


Seite 9

sambischen Freiwilligen berichten

„Sie möchten nicht

sagen, dass sie verrückt

sind… Sie nennen es

Karneval.“

Mir ist auch aufgefallen, dass die Deutschen

sich gerne amüsieren. Am 11. November

habe ich tausende Leute gesehen, die

lustig angezogen waren und alle möglichen

ulkigen Dinge taten. Sie möchten nicht

wirklich gut. Meine Arbeitskollegen auf der

Station sind engagiert, verständig und

einfach nur großartig. Ich muss hier noch

hinzufügen, dass ich ja meine Arbeit nach

nur einem Monat Deutschunterricht begann,

ich sprach also noch nicht wirklich gut

Deutsch, aber alle unterstützten mich und

machten mir Mut.

In dieser kurzen Zeit, die ich in Deutschland

bin, habe ich schon so viel erlebt, dass

ich nicht auf alles eingehen kann, sondern

nur ein paar Dinge teilen möchte.

Für mich ist es sehr interessant, dass im

August die Sonne um 22 Uhr unterging und

jetzt im November gegen 17 Uhr. Bei uns in

Sambia geht sie immer etwa gegen 19 Uhr

unter.

Daniela mit seiner Gastmutter (links) und Irmela

Kuhlen

sagen, dass sie verrückt sind.... Sie nennen

es Karneval, und dann bleibe ich auch bei

diesem Wort, aber es war wirklich ein Wunder,

und es hinterließ in mir den Wunsch

nach mehr davon.

Besuch bei „Düren leuchtet“.

Zusammenzufassend kann ich über

meinen Aufenthalt in Deutschland nur

sagen, dass er bisher toll und interessant

war auf so viele verschiedenen Weisen und

dass ich so gerne hier bin.

Ich danke meiner Gastfamilie und dem

EWE in Deutschland und in Sambia

Daniel Nanja

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Seite 10

„Ein Kind, das nie woanders hinkommt,

denkt, dass die Mutter die beste Köchin ist.“

Interview mit Moses Hamungole, dem Bischof von Monze

Moses Hamungole ist seit 2014 Bischof

von Monze. Während eines Deutschlandbesuchs

im November sprach Johann

Heilmann mit ihm über die Herausforderungen

des Bistums Monze, die politische Rolle

der Kirche und den Austausch des ewe.

l Auch wenn es schon zwei Jahre her ist:

Herzlichen Glückwunsch zur Bischofswahl!

Vielen Dank. Zwei Jahre können lang sein,

aber vieles fühlt sich immer noch neu an,

denn ich lerne jeden Tag etwas Neues und

lerne das Bistum auf diese Weise gut

kennen.

l Kann ich mir vorstellen. Welches sind im

Augenblick die größten Herausforderungen

für Sie als Bischof und für das Bistum?

Viele Menschen konvertieren zum Christentum,

aber ihre christliche Einstellung ist oft

nicht sehr tief. Wie Sie wissen, gibt es im

Bistum Monze viele Siebentagsadventisten.

Zur SDA verliert die katholische Kirche viele

Mitglieder. Auch zu anderen Pfingstkirchen.

Einige kehren irgendwann zu uns

zurück, aber ich sage immer: Wenn zehn

weggehen und zwei zurückkommen, hast

du acht verloren. Hier müssen wir also dringend

schauen, wie wir den Glauben der

Menschen stärken können. Ein Problem dabei

ist, dass bei uns viele Jugendliche sehr

früh gefirmt werden. Danach gibt es für sie

in der Kirchengemeinde wenig Angebote.

Das müssen wir ändern. Wir müssen sicherstellen,

dass sie nach drei Jahren Katechismus

nicht alleingelassen werden.

Gleichzeitig sehen wir, wie auch die muslimische

Gemeinschaft wächst. Sie ist noch

nicht sehr sichtbar, aber man sieht, wie ihre

Strukturen wachsen. Auch die Infrastruktur

ist eine große Herausforderung. Unsere Kathedrale

in Monze ist inzwischen zum Beispiel

völlig umstellt von Straßenhändlern, sie

wird daher kaum gesehen. Wir müssen es

schaffen, eine neue Kathedrale zu bauen

und brauchen dazu in Monze auch eine

weitere Gemeinde, denn die Messen in

Monze sind schon jetzt mehr als voll.

Schließlich ist auch die Nachhaltigkeit für

unser Bistum eine große Herausforderung.

In Mazabuka hat zum Beispiel ein italienischer

Priester gute Projekte etabliert, um die

Jugend zu unterstützen, aber wenn man

heute dorthin zurückkehrt, ist es eine traurige

Geschichte. Dort wurde vor einigen

Jahren eine Bäckerei gegründet, aber als

Geldflüsse aus Italien versiegten, passierte

nicht mehr viel und das Bistum musste entscheiden,

die Bäckerei unter die Obhut der

Kirchengemeinde zu stellen.

Die Menschen in Italien waren es leid,

immer wieder Geld für Gehälter der Angestellten

zu geben, während die Bäckerei

gleichzeitig Brot verkaufte und damit Geld

machte. In dem System gab es kein Verantwortungsgefühl.

In diesem Sinne ist Nachhaltigkeit

eine Herausforderung für jede

Gemeinde, aber auch für das Bistum. Im

Bistum bittet jeder den Bischof um Geld,

aber ich sage: Bevor wir zu jemand anderem

schauen, sollten wir das, was wir können,

selbst tun. Ja, wir brauchen Hilfe von

anderen, wir brauchen Solidarität, aber was

auch immer wir bekommen, sollten wir

vernünftig einsetzen.

l Sie haben über die spirituelle Entwicklung

der Gemeinde gesprochen, über

Bemühungen, die Jugendlichen in der

Gemeinde zu halten. Mein Eindruck ist,

dass die Kirche in Sambia auch eine hohe

soziale Verantwortung hat. Wie sehen Sie

diese Verantwortung gegenüber Armen,

gegenüber benachteiligten Bevölkerungsgruppen?

Grundlage hierfür ist die Bibel. Denn Jesus

lehrt uns: „Was ihr dem geringsten meiner

Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“

Das ist die Lehre der Kirche: Egal, wie wenig

wir haben, es gibt immer eine Möglichkeit,

anderen zu helfen, vor allem mit den Strukturen,

die unsere Kirche aufgebaut hat: Viele

Menschen schauen auf zu Missionsschulen

und Missionskrankenhäusern. Die Regierung

versucht auch, Strukturen aufzubauen, aber

die werden meist nicht gut verwaltet. Man

kann zum Beispiel zu einem Krankenhaus

kommen, das keine Medikamente mehr hat.

Aber in einem kirchlichen Krankenhaus

bekommen die Menschen die Leistungen,

die sie brauchen. Das setzt uns auch unter

Druck, all das, was wir an Spenden bekommen,

so einzusetzen, dass unsere Strukturen

weiter gut funktionieren. Gerade für HIV-

Waisen bieten wir Möglichkeiten zur Schule

zu gehen, auch ohne Schulgebühren. Und

wir versorgen sie. Dabei blicken wir auf der

Suche nach Hilfe nicht nur ins Ausland. In

Sambia scheint es genug Menschen zu geben,

die mehr haben als sie brauchen. Wir

versuchen, diesen Menschen beizubringen,

dass sie auch eine Verantwortung haben.

l Viele der Probleme, die Sie erwähnen,

sind zuvorderst die Verantwortung der

Regierung. Inwieweit sollten Sie als Bischof

oder das Bistum insgesamt politisch aktiv

sein, indem sie bestimmte Themen auf

die politische Agenda setzen und versuchen,

Einfluss auf Regierungshandeln zu

nehmen?

Als Bischof von Monze ist das meine Pflicht.

Das Problem mit der Regierung ist jedoch,

dass man heute mit einer Person zu tun hat

und morgen mit einer anderen. Als sambische

Bischöfe mahnen wir immer wieder

Dinge bei der Regierung an und veröffentlichen

Statements zu Themen, die aus unserer

Sicht diskutiert werden müssen. Und

auch als einzelne Bischöfe reden wir mit

Politikern. Aber auf das Engagement der

Politiker kann man sich nicht verlassen. Politiker

kommen und versprechen etwas im

Wahlkampf. Aber sobald sie gewählt sind,

sieht man sie für viereinhalb Jahre nicht.

Außerdem: Gesetze gibt es auf dem Papier,

aber ihre Implementierung ist eine andere

Sache. Letztes Jahr haben wir den Präsidenten

getroffen. Wir haben viele Themen angesprochen,

zum Beispiel die fehlenden Medikamente

in staatlichen Krankenhäusern

oder das schlechte Niveau der staatlichen

Bildung. Die Regierung bringt gute Gesetze

ein, aber sie hat keine Kapazitäten, diese

auch zu implementieren. Letztes Jahr hat die

Regierung zum Beispiel entschieden, dass

alle Schüler in der Schule lernen sollen, wie

man einen Computer benutzt. Aber wenn

man ein solches Gesetz erlässt, muss man

auch sicherstellen, dass man dafür genug


Seite 11

Lehrer hat. Und dann sollen die Schüler dabei

auch praktischen Erfahrungen machen.

Geht aber nicht, weil die Schulen keine

Computer haben. Schließlich wurde in der

vergangenen Woche bekanntgegeben, dass

nun die ersten 10000 Computer kommen

sollen. Aber wie viele Schulen gibt es in

Sambia? Wofür reicht das? Unsere Rolle als

Bischof ist es, diese Dinge bei der Regierung

immer wieder anzumahnen. Aber anstatt

nur zu reden, versuchen wir eben auch,

selbst Bildung anzubieten. Wir wissen, dass

es die Aufgabe der Regierung ist, aber sie

wird das niemals vernünftig tun.

l Wenn man sich diese Anforderungen an

eine Regierung anschaut – wie beurteilen

Sie die Wahlen im August dieses Jahres?

Das größte Problem war das Ausmaß der

Gewalt. Alle stimmen mit mir überein, dass

ein derartiges Ausmaß an Gewalt, angefangen

noch vor der offiziellen Wahlkampfphase

bis nach den Wahlen, bisher so nicht

dagewesen ist. Vor diesem Hintergrund

startete die Kirche zwei Befriedungsversuche.

Zunächst riefen wir die Führer aller politischen

Parteien zusammen, um sie dazu

aufzufordern, sich öffentlich klar gegen Gewalt

auszusprechen. Das war im April. Alle

großen Parteien versprachen, auf Hasstiraden

zu verzichten und auf alles, das ihre

Anhänger zusätzlich anheizen könnte,

Menschen anderer politischer Lager zu

attackieren. Aber das Problem war, dass sie

vor den Fernsehkameras etwas dahingehend

sagen, wir aber nicht wissen, was in

den inneren Parteizirkeln gepredigt wurde.

Denn die Gewalt nahm nicht ab, bis wir

schließlich ein zweites Treffen einberiefen.

Doch auf Seite der Politiker bestand kein

Interesse, die Gewalt einzudämmen. Ein anderes

Problem war die Polizei. Laut Gesetz

zur öffentlichen Ordnung müssen öffentliche

Meetings und Demonstrationen sieben Tage

vorher bei der Polizei angemeldet werden.

Dies soll dem Schutz der Demonstranten

durch die Polizei dienen. Aber in Wirklichkeit

nutzt die Polizei dies gegen die Opposition

und die Zivilgesellschaft. Infolgedessen

bekommen die Opposition oder zivilgesellschaftliche

Organisationen oft von der Polizei

gesagt, dass man keine Zeit habe und

die Demonstration daher nicht stattfinden

könne. Die Regierungspartei muss ihre

Veranstaltungen dagegen noch nicht mal

anmelden. Das ist eine sehr ungerechte

Anwendung des Gesetzes.

Und auch bei der Wahlkommission

muss man sich fragen: Ist sie wirklich unabhängig?

Trifft sie Entscheidungen allein?

Wenn sie unabhängig ist, warum erfolgen

dann ihre Ankündigungen stets über die Vizepräsidentin,

die Mitglied der Regierungspartei

ist? Genauso muss man auch die Unabhängigkeit

der Justiz infrage stellen. Da

geht es z.B. um die Frage der Petition der

Opposition nach den Wahlen. Die Verfassung

sagt, dass jeder, der mit dem Ablauf

der Wahlen nicht zufrieden ist, innerhalb von

14 Tagen nach Bekanntgabe der Ergebnisse

Beschwerde einlegen kann. Die größte Oppositionspartei

(UPND, Anm. d. Red.) tat dies.

Aber als das Verfassungsgericht entscheiden

sollte, kommentierten die Richter die Petition

überhaupt nicht. Sie behaupteten in einer

technischen Erklärung einfach, die 14-Tages-

Frist sei schon verstrichen, sie müssten sich

daher mit der Petition gar nicht beschäftigen.

l Sehen Sie trotz dieser Regelwidrigkeiten

eine Chance, dass Präsident Lungu und

seine Regierung Sambia voranbringen?

Schaut man sich die Bemühungen, der PF

(Patriotic Front, Regierungspartei, Anm. d.

Red.) in den letzten fünf Jahren im Infrastruktursektor

an, so stellt man fest, dass sie erst

mal ganz gute Arbeit gemacht haben. Aber

meine Kritik ist: Haben sie das wirklich geplant?

Wie gesagt: Wir sehen viele Kliniken.

Aber haben die überhaupt Medikamente?

Arbeiten dort Fachkräfte? Es ist eine Sache,

eine grundlegende Infrastruktur aufzubauen,

aber es ist eine andere, sie auch vernünftig

zu betreiben. Die zweite Herausforderung

sind die Kredite des sambischen Staates.

Die Zeit wird kommen, dass wir sie zurükkzahlen

müssen. Was auch immer für eine

Regierung dann an der Macht ist, sie muss

Geld dafür finden. Aber ob es die jetzige Regierung

schafft, wirklich die Wirtschaft zu

verbessern – da habe ich meine Zweifel.

Immerhin ist die Förderung der Landwirtschaft

eine wesentliche Verbesserung. In

den letzten fünf Jahren wurden viele Versuche

unternommen, Kleinbauern zu subventionieren.

Denn das sind diejenigen, die für

die Ernährung des Volkes sorgen, während

kommerzielle Farmer am Mais kein Interesse

haben, weil die Regierung die Preise festsetzt

und man daher keine großen Gewinne

machen kann. Wenn die Regierung ihre Politik

in dieser Richtung fortsetzt, habe ich

Hoffnung für Sambia. Viele andere Länder

im südlichen Afrika hatten außerdem zuletzt

viel weniger Regen als wir. Mit einer guten

Landwirtschaftspolitik könnten wir also unsere

Wirtschaft auch durch Nahrungsmittelexporte

in die Nachbarländer stärken.

Leider wird noch zu viel Energie in die

Bergbauindustrie verschwendet. Dabei ist

das ein kompliziertes Geschäft, denn wir

sind es nicht, die die Kupferpreise bestim-

men. Wenn die Preise fallen, werden Arbeiter

entlassen und die großen Bergbaufirmen

zwingen die Regierung, ihre Steuern und ihre

Strompreise zu senken. Manchmal bekommen

die Bürger auch keinen Strom

mehr, damit die Bergbauindustrie genug hat.

l Eine letzte Frage: Sie haben in den letzten

zwei Jahren das Freiwilligenprogramm

des ewe kennengelernt: Was ist Ihr Eindruck?

Es ist ein sehr wichtiges Austauschprogramm.

Die deutschen Jugendlichen, die

nach Sambia kommen, erleben das Land

aus erster Hand. Das Sambia, das sie erleben,

ist ein anderes als das, das man aus

dem Fernsehen kennt. Wobei Sambia ja sowieso

fast nicht im europäischen Fernsehen

vorkommt, vielleicht, weil wir zu friedlich

sind und europäische Medien lieber über

Konflikte berichten.

Manchmal habe ich früher auch gedacht,

dass in Europa alles vom Himmel fällt

und die Menschen alles auf der Straße finden.

Die Menschen in Sambia wissen oft

nicht, dass die Menschen in Europa hart arbeiten,

um das zu haben, was sie haben

und was sie auch mit Afrika teilen. Die sambischen

Freiwilligen, die in Deutschland waren,

kommen daher mit neuen Werten zurück,

die sie in Sambia mit ihren Freunden

teilen können. Und sie verstehen, dass die

Werte, die wir in Sambia haben, nicht unbedingt

die Werte sind, die überall auf der Welt

gelebt werden. Alle Freiwilligen lernen

neue Werte und eine neue Kultur. Eine ehemalige

deutsche Freiwillige sagte mir jetzt,

dass es sie anfangs überrascht habe, dass

die Gemeinde das Zentrum der meisten Aktivitäten

in der Stadt ist. Das ist in Deutschland

anders. Wenn die deutsche Freiwillige

Freunde treffen wollte, ging sie zur Gemeinde,

während man in Deutschland dann ins

Kino oder in die Disco geht. In der Sprache

der Bemba gibt es eine Redewendung: „Ein

Kind, das nie woanders hinkommt, denkt,

dass die Mutter die beste Köchin ist.“ Aber

wenn jemand sich nach draußen bewegt,

stellt er vielleicht fest, dass es noch bessere

Köche gibt. Woanders hinzugehen, öffnet

das Herz und den Geist

l Ja, wir freuen uns immer, wenn wir neue

Freiwillige nach Sambia schicken können

und genauso, Sambier hier in Deutschland

zu empfangen.

Auch wir freuen uns sehr darüber und können

hoffentlich den Austausch noch lange

aufrechterhalten.

Vielen Dank für das Interview.

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