Lippen-Kiefer-Gaumenspalten - Ernst von Bergmann

klinikumevb.de

Lippen-Kiefer-Gaumenspalten - Ernst von Bergmann

Lippen-Kiefer- Gaumenspalten

Informationsbroschüre für Eltern

www.mkg-potsdam.de


INHALT

Vorwort 5

1. Wie entstehen Lippen-Kiefer-Gaumenspalten? 8

. Die unterschiedlichen Spaltformen 9

3. Untersuchungen während der Schwangerschaft und

frühe pädiatrische Betreuung 11

4. Stillen und Ernährung 12

Das Behandlungskonzept im Überblick 14

5. Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie 15

5.1. Lippenspaltenverschluss 15

5.2. Verschluss des harten und des weichen Gaumens 17

5.3. Knöcherner Kieferspaltverschluss 19

5.4. Weitere operative Eingriffe 20

6. Kieferorthopädie 22

6.1. Kieferorthopädische Therapie direkt nach der Geburt 22

6.2. Kieferorthopädische Behandlung im Milchgebiss und

während der frühen Wechselgebissperiode 23

6.3. Kieferorthopädische Behandlung während der

späten Wechselgebissperiode 23

6.4. Kieferorthopädie im bleibenden Gebiss 24

7. Zahnerhaltung und zahnärztliche Prothetik 24

8. Sprechen und Hören 25

Weitere Informationen 27

Praktische Tipps für den stationären Aufenthalt 27

Ambulante Kontrolluntersuchungen 28

Die gesetzlichen Möglichkeiten sozialer Unterstützung 29

Das Behandlungsteam 31

Nützliche Adressen und Telefonnummern 32

Lageplan 34

Erklärung medizinischer Fachbegriffe (med. Glossar) 36

Termine 38


4

1. Auflage 2011

Lippen - Kiefer - Gaumenspalten

Informationsbroschüre für Eltern

Interdisziplinäres Zentrum für Gesichtsfehlbildungen

(Lippen-Kiefer-Gaumenspalten)

am Klinikum Ernst von Bergmann gGmbH

Charlottenstr. 72, D-14467 Potsdam

Dieses Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung

außerhalb der Grenzen des Urheberrechtgesetztes ist ohne Zustimmung der

Verfasser und Gestalter unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen,

Übersetzungen, Mikroverfilmungen und das Einspeichern und Verarbeiten,

sowie das Verwenden innerhalb elektronischer Systeme. Alle Rechte liegen

bei den Verfassern und Gestaltern.

Klinik für Mund,- Kiefer- und Plastische Gesichtchirurgie

Verfasser:

Chefarzt Dr. Dr. T. Teltzrow

Oberarzt Dr. Dr. B. ˇSiniković

Telefon: 0331. 241 -7602

Fax: 0331. 241 -7600

E-mail: tteltzrow@klinikumevb.de, bsinikovic@klinikumevb.de

www. mkg-potsdam.de

Illustrationen: Jovana Popic

www.jovanapopic.com


VORWORT

Wenn die Diagnose einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bei einem Kind gestellt wird,

sind viele Eltern zunächst hilflos und fühlen sich allein gelassen, weil sie oftmals

unerwartet mit diesem für sie völlig fremden Problem konfrontiert werden. Mit

dieser Informationsbroschüre möchten wir deshalb Sie als Eltern ausführlich über die

modernen und umfassenden Therapiemöglichkeiten unseres Behandlungszentrums

informieren und somit gleichzeitig Ihre Sorgen und Ängste nehmen.

Der Kreis der Betroffenen ist größer als Sie zunächst annehmen mögen, da Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

mit einer Häufigkeit von einem Neugeborenen unter 500

Geburten zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen gehören. Trotz des Aussehens

weisen diese Kinder eine normale geistige Entwicklung auf und werden

zu liebenswerten Persönlichkeiten heranwachsen. Da Lippen-Kiefer-Gaumenspalten

nicht nur das Aussehen beeinflussen, sondern auch so wichtige Funktionen wie

Schlucken, Sprechen und Hören, wird die Behandlung in Form einer gemeinsamen

und abgestimmten Therapie durch mehrere Spezialisten durchgeführt, wie sie in

unserem Behandlungsteam zusammenarbeiten.

Durch diese ausgereiften Behandlungsmöglichkeiten können wir auch bei ausgeprägten

Spaltformen eine Normalisierung der Funktionen wie Ernährung, Sprache

und Gehör erzielen.

Wir können diese Behandlungsziele jedoch nur gemeinsam mit Ihnen als Eltern in

einer engen Zusammenarbeit erreichen. Hierzu werden wir neben den erforderlichen

Operationen Kontrolltermine in bestimmten Abständen mit Ihnen vereinbaren,

um die Entwicklung Ihres Kindes zu verfolgen und die jeweils erforderlichen

Behandlungsschritte, wie z. B. die Korrektur von Zahnfehlstellungen oder die Therapie

von Hörstörungen, rechtzeitig zu beginnen. Dadurch ist es heute möglich, schon

sehr früh ein funktionell und ästhetisch sehr gutes Behandlungsergebnis zu erzielen.

Dabei ist es unser primäres Ziel, bis zur Einschulung alle Voraussetzungen für

eine ungestörte Entwicklung mit gleichen Chancen in normaler Schulumgebung zu

schaffen.

Mit dieser Broschüre wollen wir uns Ihnen als interdisziplinäres Behandlungsteam

vorstellen, das am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam die Betreuung der

Kinder mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und deren Eltern durchführt. Außerdem

finden Sie einige praktische Hinweise für den Aufenthalt in unserer Klinik und für die

ambulante Betreuung.

5


Ein weiteres Kapitel informiert Sie über Möglichkeiten der gesetzlich vorgesehenen

sozialen Unterstützung.

Diese Broschüre ist nur als kleiner Ratgeber gedacht und soll Sie ermutigen, weitere

Fragen persönlich im Rahmen unserer Sprechstunde ausführlich zu besprechen.

Im Anhang finden Sie eine Liste, in die Sie Ihre Termine der jeweiligen Untersuchungen

und Behandlungen eintragen können. Dies ermöglicht Ihnen einen Überblick

über den Behandlungsablauf und ist auch für Ihr Kind eine Art Tagebuch.

Da es sich hier um ein medizinisches Spezialthema handelt, geht es häufig nicht

ganz ohne medizinische Fachbegriffe. Deshalb haben wir für Sie im medizinischen

Glossar (S. 36) die wichtigsten Fachausdrücke erklärt .

Dr. Dr. T. Teltzrow Dr. Dr. B. ˇSiniković

7


8

1. Wie entstehen Lippen-Kiefer-Gaumenspalten?

Wie viele andere Eltern, so werden auch Sie vielleicht nach den Ursachen der Fehlbildung

Ihres Kindes fragen. Die Entstehung der Spaltbildung ist im Einzelnen nicht

sicher bekannt. Wir nehmen heute an, dass es sich um ein sogenanntes multifaktorielles

Geschehen handelt, d.h. es müssen mehrere Faktoren für die Entstehung der

Spalte zusammenkommen. Heute wird das Zusammentreffen äußerer und innerer

Faktoren als Ursache angenommen.

Hierzu gehören mangelhafte Versorgung mit Sauerstoff, z. B. durch lokale Durchblutungsstörungen

der Gebärmutter, Infektionen, Medikamente oder schädliche Substanzen

(Alkohol, Nikotin, Drogen, Strahlung etc.) sowie körperlicher und seelischer

Stress und eine Reihe weiterer, bislang nicht bekannter Ursachen. Sicherlich spielt

auch eine erbliche Bereitschaft eine gewisse Rolle (genetische Komponente), wenn

Spalten in der Familie bereits vorgekommen sind, was bei ungefähr einem Drittel der

Kinder mit Spalten der Fall ist.

Die schädigenden Faktoren können in der sehr empfindlichen und komplizierten

Entwicklungsphase des Gesichtes in der Frühschwangerschaft Einfluss nehmen. So

entstehen Lippen-Kieferspalten schon zwischen der 5. und 10. Schwangerschaftswoche

und Gaumenspalten fast zur gleichen Zeit zwischen der 7. und 10. Schwangerschaftswoche.

In dieser frühen Phase der Entwicklung wachsen einzelne Bereiche des Gesichts

von außen nach innen zusammen. Aufgrund von noch nicht bis ins Detail geklärten

Mechanismen vereinigen sich diese Bereiche manchmal nur unvollständig oder gar

nicht. Es entstehen dann an den eigentlichen Verbindungsstellen je nach Lage und

Ausprägung verschiedene Formen von Spalten (s. nächstes Kapitel).

Vorbeugend können gezielte Ernähung mit evtl. zusätzlichen Vitamingaben, gesundheitsbewusste

Lebensweise mit Verzicht auf Alkohol, Nikotin, Drogen und unnötige

Medikamenteneinnahme, Vermeidung erhöhter Infektionsgefährdung und regelmäßige

Schwangerschaftsvorsorge wirken. Letztendlich lässt sich aber nicht garantieren,

dass durch solche Verhaltensmaßnahmen eine Spaltbildung sicher ausgeschlossen

werden kann.

Die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Spaltbildungen im Mund-, Kiefer- und

Gesichtsbereich ist erhöht, wenn schon einmal Spalten in der Familie aufgetreten

sind. Es gibt hierfür jedoch keinen zwingenden Zusammenhang.


Bei weiterem Kinderwunsch nach der Geburt eines Kindes mit einer Lippen-

Kiefer-Gaumenspalte empfiehlt sich eine genetische Beratung durch einen Arzt für

Humangenetik.

2. Die unterschiedlichen Spaltformen

Entsprechend der zeitlich versetzten Entwicklung von Lippen, Kiefer und Gaumen

gibt es, abhängig von Art, Intensität und Zeitpunkt einer während der frühen Schwangerschaft

einwirkenden Störung, unterschiedliche Formen und Ausprägungsgrade

der Spaltbildungen. So werden aufgrund der Gesichtsentwicklung Lippen-Kieferspalten

und Gaumenspalten unterschieden. Sind alle Spaltabschnitte betroffen, so

spricht man von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten.

Insgesamt werden vier Spaltabschnitte unterschieden:

1.

2.

3.

4.

Die Oberlippe bis zum Naseneingang.

Der Kiefer, bestehend aus dem vorderen, später zahntragenden

Oberkieferanteil, dem sog. Kieferkamm.

Der harte Gaumen, der begrenzt wird durch den knöchernen Anteil des

Gaumendaches, der gleichzeitig den Nasenboden bildet. Praktisch handelt es

sich um die vordere Hälfte des Gaumens, die aus Schleimhaut und darunter

liegendem Knochen besteht und unbeweglich ist.

Der weiche Gaumen (velum) vom hinteren Rand

des knöchernen Gaumen, bis zum Zäpfchen, also der hintere,

bewegliche Teil des Gaumens.

Isolierte Lippen-, Lippen-Kiefer- und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten treten in einer

Häufigkeit von 1:500 Geburten und häufiger bei Jungen auf. Sie werden eher auf der

linken Seite des Gesichtes beobachtet.


10

Im Unterschied dazu sind die isolierten Spalten des harten und weichen Gaumens

(Weichgaumenspalte, Velumspalte, Abb. 1) mit einem Auftreten von 1:1.500 Geburten

relativ selten und betreffen etwas häufiger Mädchen.

Lippenspalten können jeweils einseitig

(rechts oder links) auf beiden

Seiten des Gesichtes auftreten und unvollständig

(Lippenspalte, die in der

Oberlippe endet, Abb. 2) oder vollständig

(bis in den Naseneingang, Abb. 3)

ausgeprägt sein.

Daneben gibt es noch verdeckte Spalten,

die oft nicht sofort erkennbar

sind oder lediglich durch ein geteiltes

„Gaumenzäpfchen“ (uvula bifida) auffallen.

Die Spaltbildung betrifft hier nur

die Muskulatur, während die darüber

liegende Haut oder Schleimhaut intakt

ist. Bei den submukösen Gaumenspalten ist bei intakter Gaumenschleimhaut die für

die Aussprache und die Belüftung des Ohres wichtige, darunter liegende Gaumenmuskulatur

in der Mitte gespalten. Unbehandelt kann die mangelnde Muskelfunktion

zu Sprachstörungen und Belüftungsproblemen des Mittelohres mit evtl. daraus

resultierender Schwerhörigkeit führen. Deshalb sind diese submukösen Gaumenspalten

ebenso behandlungsbedürftig wie die offenen Spaltformen.

Abb. 2 Abb. 3


Trotz dieser Vielfältigkeit der Spaltformen und der unterschiedlichen Schweregrade

ist der Behandlungsablauf weitgehend einheitlich. Die Reihenfolge und die Anzahl

der Behandlungsschritte sind natürlich abhängig vom Schweregrad des Ausgangsbefundes,

ebenso das zu erreichende Behandlungsergebnis. Deshalb dürfen Sie

ein besonders gutes oder ein weniger befriedigendes Ergebnis nur unter genauer

Kenntnis des Ausgangsbefundes als Beispiel für Ihr eigenes Kind heranziehen. Aus

diesem Grunde ist das ausführliche persönliche Gespräch mit den verschiedenen

Spezialisten unseres Zentrums besonders wichtig, in dem wir Ihnen entsprechend

des Befundes bei Ihrem Kind das erforderliche Behandlungskonzept, aber auch das

zu erwartende Behandlungsergebnis umfassend erläutern.

3. Untersuchungen während der Schwangerschaft

und frühe pädiatrische Betreuung

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird bei jeder Schwangeren im ersten, zweiten

und dritten Drittel der Schwangerschaft eine Ultraschalluntersuchung angeboten.

Dabei können mit immer besseren Geräten bereits bei der zweiten Untersuchung

zwischen der 18. und 22. Schwangerschaftswoche Spaltbildungen im Bereich der

äußeren Kontur, wie zum Beispiel der so genannte „offene Rücken“ (spina bifida)

und auch Spaltbildungen im Lippen-, Kiefer- und Gaumenbereich meistens vorgeburtlich

erkannt werden. Die bei einer solchen Diagnose entstehenden Ängste und

Fragen lassen sich nach unserer Erfahrung nur durch eine kompetente Beratung

unter Hinzuziehung aller Spezialisten abbauen. Dazu gehört ein in der vorgeburtlichen

Diagnostik erfahrener Geburtshelfer, der zunächst das Ausmaß der Spaltbildung

beurteilt.

Dann erfolgt der Ausschluss weiterer Fehlbildungen, die in den allermeisten Fällen

nicht vorliegen werden. Sollte dies doch einmal der Fall sein, so wird den Eltern eine

genetische Abklärung nach vorhergehender Aufklärung angeboten.

Handelt es sich um eine isolierte Lippen-, Lippen-Kiefer- oder Lippen- Kiefer-Gaumenspalte,

so wird den betroffenen Eltern eine umfangreiche Beratung angeboten:

1.

Der Geburtshelfer wird Zeitpunkt, Art und Ort der Entbindung besprechen.

Er wird die Mutter zum Stillen ermuntern, und er wird die anderen Spezialisten

zu einem gemeinsamen Gespräch mit den zukünftigen Eltern einladen.

Hier wird über das zu erwartende Ausmaß der Spaltbildung gesprochen.

11


1

2.

3.

4.

5.

Der Kinderarzt wird ebenso zum Stillen ermuntern, über Trinkschwierigkeiten

und deren Behebung (beispielsweise mit Spezialschnullern oder einer Gaumenplatte)

sprechen. Bei Bedarf kann auch ein Kontakt zu Eltern von Kindern

mit einer Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalte vermittelt werden.

Der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg wird dann über die vielfältigen und erfolgsversprechenden

Möglichkeiten der chirurgischen Behandlung informieren.

Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt wird über die Betreuung des Hör- und Sprechvermögens,

über eventuelle Probleme und deren Behandlungsmöglichkeiten

sprechen.

Die Einbeziehung eines Humangenetikers wird den Eltern angeboten.

Er kann Auskunft über mögliche Ursachen und Wiederholungswahrscheinlichkeiten

einer Spaltbildung bei weiteren Kindern machen.

So kann den betroffenen Eltern schon lange vor der Geburt Hilfestellung gegeben

werden. Schließlich erstreckt sich diese Hilfestellung auch auf die Darstellung von

Möglichkeiten sozialer und finanzieler Unterstützung. Aufgrund der geschilderten

Vorgehensweisen sehen wir in der Regel absolut keinen Grund zur Empfehlung

eines Schwangerschaftsabbruches wegen einer alleinigen Lippen-Kiefer-Gaumenspalte

beim heranreifenden Kind.

4. Stillen und Ernährung

Eine häufig gestellte Frage ist die nach der Ernährung von Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten.

Sie sollten wissen, dass die Ernährung im Gegensatz

zu Kindern ohne Spaltbildung meist 15 bis 30 Minuten länger dauert, unabhängig

davon, ob gestillt wird, oder die Ernährung mittels Flasche erfolgt. In

der Regel ist das Stillen an der Brust durchaus möglich. Wenn Sie Ihr Kind stillen

möchten, sollten Sie sich dafür viel Zeit und Geduld nehmen, da dies für Kinder

mit einer Spaltbildung ein intensiveres „Training“ erfordert. Lassen Sie sich

also bitte nicht entmutigen, wenn es zu Beginn länger dauert, als Sie dachten.

Das Stillen ist wichtig zum Training der Muskelfunktion und erleichtert Ihrem Kind die

Umstellung nach dem operativen Spaltverschluss.


Eine alleinige Lippenspalte führt in der Regel nicht zu Problemen beim Stillen. Zum

Ausgleich des fehlenden Lippenschlusses kann die Mutter mit einem Finger die

Spalte abdecken. Dabei sollte der Kopf des Säuglings aufrecht gehalten werden,

um einen weitgehenden Abschluss der Spalte und damit ein kräftiges Saugen zu ermöglichen.

Auch das Stillen von Kindern mit alleiniger kompletter Gaumenspalte bereitet in der

Regel keine Probleme. Noch problemloser ist das Stillen bei isolierten Spalten des

weichen Gaumens. Auch hierbei sollte das Kind aufrecht gehalten werden, um ein

Abfließen der Milch in die Nase zu verhindern.

Schwieriger ist das Stillen bei Kindern mit durchgehenden Lippen-Kiefer-Gaumenspalten.

Meist kann eine Gaumenplatte, auch Trinkplatte genannt, bei der künstlichen

Trennung des Nasenrachenraumes gegen die Mundhöhle helfen. Diese wird

in den ersten Lebenstagen durch den Kieferorthopäden gefertigt, eingesetzt und

über die erste Zeit bei Bedarf angepasst. Sie sollte nach der meist wenige Tage

dauernden Eingewöhnung ständig getragen und nur zur Reinigung herausgenommen

werden.

Bei der Ernährung mit der Flasche eignet sich meist ein der „Natur“ nachempfundener

Sauger, dessen Öffnung zum Erleichtern des Trinkens durch zwei zusätzliche

Löcher in Dreieckform ergänzt werden kann. Sauger mit Übergröße oder Überlänge

sind nicht zu empfehlen. Bewährt haben sich z. B. Habermann-Sauger. Manchmal

kann es hilfreich sein, die Fördermenge durch vorsichtiges Drücken auf den Sauger

zu vergrößern. Gegebenenfalls können Sie die Milch auch abpumpen und mit

der Flasche füttern, falls das Stillen auf zu große Schwierigkeiten stößt. Sollte die

Ernährung mit Muttermilch nicht möglich sein, so brauchen Sie auch nicht unnötig

besorgt zu sein, da sich Ihr Kind mit der hochwertigen modernen Säuglingsnahrung

ebenso gut entwickeln wird.

Da das Schlucken neben dem engen Kontakt zwischen Mutter und Kind wichtig für

das Muskeltraining ist, verzichten wir auch nach den Operationen auf eine Sondenernährung.

Daumen-, Finger- und Handlutschen sind ungünstig für das Gebiss und

das Wachstum des Kiefers. Nuckel sollten 3 bis 4 Wochen vor der stationären Aufnahme

abgewöhnt und stattdessen das Füttern mit kleinen Löffeln trainiert werden.

13


14

Das Behandlungskonzept im Überblick

Beratung der Eltern und erste

Untersuchung des Kindes

präoperative kieferorthopädische Behandlung,

ggf. Eingliederung der Gaumenplatte

hals-nasen-ohren-ärztliche, phoniatrische

und pädaudiologische Untersuchung und

Beratung, ggf. operative Eingriffe am Ohr

Lippenspaltverschluss (Lippenplastik) mit

Nahtentfernung in kurzer Maskennarkose

nach ca. 5 Tagen; ggf. Neuanfertigung der

Gaumenplatte nach 3-4 Wochen

Gaumenspaltverschluss (Gaumenplastik) –

keine Nahtentfernung nötig

direkt nach Diagnosestellung sobald

der Allgemeinzustand von Mutter und

Kind dies erlauben

bei der ersten Vorstellung kurz nach der

Geburt, in den folgenden Tagen Kontrollen

der Gaumenplatte auf Druckstellen, regelmäßige

Anpassung der Gaumenplatte bis

zum kompletten Spaltverschluss

bei der ersten Vorstellung kurz nach der

Geburt, in regelmäßigen Abständen bis in

das Erwachsenenalter

4. – 6. Lebensmonat, die Kinder sollten ein

Körpergewicht von 5000 – 6000 g erreicht

haben

9. – 18. Lebensmonat

Sprachheilbehandlung falls erforderlich, ab dem 3. – 4. Lebensjahr

kleine operative Korrekturen an Lippe und

Naseneingang, sprachverbessernde Operationen

(Velopharyngoplastik)

Beginn der kieferorthopädischen

Behandlung

knöcherne Überbrückung des Kieferspaltes

(sekundäre Kieferspalt-Osteoplastik)

endgültige Korrekturen an der Nase und

am Gesichtsschädel, ggf. prothetische

Versorgung

falls erforderlich mit 5 – 6 Jahren

individuell abhängig von der Ausprägung

der Spaltbildung

vor Durchbruch des seitlichen Schneideoder

Eckzahnes des bleibenden Gebisses

(7 – 12 Jahre)

15 – 18 Jahre


5. Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie

5.1. Lippenspaltenverschluss

Im Laufe der letzten Jahre ist es durch verbesserte und schonendere Narkosetechniken

möglich geworden, bereits wenige Monate nach der Geburt Operationen ohne

größeres Risiko für die Kinder durchzuführen. Auch haben sich die Operationstechniken

sehr stark verfeinert, so dass ästhetisch und funktionell immer bessere Ergebnisse

erzielt werden.

Der Verschluss der Lippe ist bei Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten die

erste Operation. Liegt eine isolierte Lippenspalte vor, ist meist nur diese eine Operation

erforderlich. In der Regel wird das endgültige Ergebnis der Operation bereits

bei diesem ersten Eingriff erreicht. Selten sind später noch kleine Korrekturoperationen

erforderlich.

Sie werden bei den Aufklärungsgesprächen immer wieder die Worte Lippenspaltplastik

oder Gaumenspaltplastik hören. Hierbei ist es selbstverständlich, dass wir

kein körperfremdes Material benutzen, um die Spalte zu verschließen. Vielmehr bezeichnet

der Begriff Plastik in der Chirurgie einen Eingriff, bei dem ein fehlerhafter

Zustand korrigiert wird (siehe auch medizinisches Glossar im Anhang, S. 36).

Es hat sich an unserer Klinik, wie in vielen anderen Kliniken der Welt, bewährt, den

Verschluss der Lippe im Alter von 4 bis 6 Monaten vorzunehmen. In dieser Zeitspanne

wiegt das Kind durchschnittlich 5 bis 6 kg, ein Gewicht, das die Narkoseärzte

als ausreichend für den ca. 90 Minuten langen Eingriff ansehen. Bei gelegentlich

vorkommenden zusätzlichen Erkrankungen, wie z.B. Herzfehlern, Stoffwechselstörungen,

bestimmten Lungenerkrankungen o. ä., würde Ihr Kind zu einem frühen

Zeitpunkt (z.B. Erstuntersuchung) einem Narkosearzt vorgestellt. Er wird Ihr

Kind sorgfältig untersuchen, evtl. mit anderen Fachabteilungen (z.B. Kinderärzten,

Kinderkardiologen) Kontakt aufnehmen, mit Ihrem Einverständnis erforderliche

Untersuchungen veranlassen und das weitere Vorgehen mit Ihnen und den behandelnden

Kollegen koordinieren.

Beim operativen Lippenverschluss werden die beiden spaltseitigen Anteile der

Lippe vereinigt und ein so genannter Mundvorhof (das ist der Abschnitt zwischen

Zahnbogen und Lippeninnenseite) gebildet (Abb. 4, 5 ,6 und 7).

15


16

Einseitige Lippenspalte

vor der OP nach der OP

Abb. 4 Abb. 5

Dabei kommt es vor allem auf die exakte Vereinigung der drei Gewebeschichten

der Lippe an, d. h. der Schleimhaut an der Innenseite der Lippe, der Ringmuskulatur

des Mundes und der äußeren Haut.

Doppelseitige Lippenspalte

vor der OP nach der OP

Abb. 6 Abb. 7

Bei kompletten Lippen-Kieferspalten muss in der Regel auch der Naseneingang geformt

und ein Nasenboden gebildet werden. Wir führen dies gleichzeitig mit dem

Lippenspaltverschluss durch. Hierbei wird der zur Seite abgewichene Nasenflügel

in die richtige Position zur Mitte gebracht.


Mit Nähten wird die Form der Nase auf der Spaltseite der gesunden Seite weitgehend

angepasst. Bewusst verzichten wir bei der Lippenspaltoperation im Säuglingsalter

auf eine endgültige Korrektur am Knorpel der Nasenspitze, da dies zwar zu

ästhetisch schönen Frühergebnissen führt, aber auch Wachstumsstörungen verursachen

kann, die später nur schwer korrigierbar sind. Korrekturen des knorpeligen

Teils der Nase führen wir deshalb in der Regel zu einem späteren Zeitpunkt durch.

Im Bereich der Haut verwenden wir Nahtmaterial, das wieder entfernt werden muss.

Durch die sehr feinen Wundfäden versprechen wir uns eine noch unauffälligere Narbenbildung.

Die Nahtentfernung führen wir ebenfalls in Narkose, allerdings in kurzer

Maskennarkose durch, um die Fäden schmerzfrei entfernen und die Wundheilung

nochmals kontrollieren zu können.

Speziell möchten wir Sie darauf hinweisen, dass die kleine Narbe im Bereich der

Oberlippe erst 6 bis 12 Monate nach der Operation ihr endgültiges Aussehen erreicht.

Zunächst wird die Narbe rot und derb sein, im Laufe der folgenden Monate

blasst sie jedoch langsam ab und wird weitgehend weich.

Werden von Ihnen oder im Rahmen der routinemäßigen Untersuchung durch die

Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde Hörschwierigkeiten festgestellt und wird damit

eine Parazentese und Paukendrainage notwendig, oder wurde durch den Ihr

Kind betreuenden Hals-Nasen-Ohren-Arzt ein so genanntes Paukenröhrchen zur

Drainage eines Mittelohrergusses vorgeschlagen, kann dies zum Termin der Nahtentfernung

mit erfolgen, um Ihrem Kind eine weitere Narkose zu ersparen.

5. . Verschluss des harten und des weichen Gaumens

Bei der Wahl des Zeitpunktes für den Verschluss des harten und weichen Gaumens

gilt es, zwei Gesichtspunkte zu beachten. Einerseits sollte der Gaumen so früh wie

möglich verschlossen werden, um eine möglichst ungehinderte Sprachentwicklung

zu ermöglichen, andererseits kann durch die Narbenbildung am Gaumen evtl. das

Wachstum des Oberkiefers gehemmt werden. Deshalb wird der Gaumen bei einer

durchgehenden Lippen-Kiefer-Gaumenspalte nicht bereits zusammen mit der Lippe

verschlossen, sondern erst im Alter von 12 bis 18 Monaten. Dies ist etwa der Zeitpunkt,

zu dem die Milcheckzähne durchbrechen.

Beim Gaumenspaltverschluss steht die exakte Vereinigung der einzelnen Gewebeschichten

im Vordergrund, insbesondere der Muskulatur des weichen Gaumens,

damit die vielschichtigen Funktionen des Gaumens wiederhergestellt werden

(Abb. 8, , 10 und 11).

17


18

Zum einen wird die Mundhöhle vom Nasenraum getrennt, zum anderen muss auch

eine exakte Abdichtung des Nasenrachenraumes beim Schlucken und Sprechen

erreicht werden. Beides verhindert den Austritt von Nahrung aus der Nase. Außerdem

hat die Gaumenspaltplastik die verbesserte Belüftung des Mittelohres durch

Zug an der Ohrtrompete zum Ziel.

Abb. 8 Abb. 9

Zum Verschluss des harten Gaumens wird sowohl die Schleimhaut auf der Nasenals

auch auf der Mundseite vom knöchernen Gaumen gelöst und jeweils in der

Mittellinie durch Nähte vereinigt, so dass Mund- und Nasenraum endgültig voneinander

getrennt sind. Zwischen den beiden Schleimhautschichten bildet sich straffes

Bindegewebe, das einen sicheren Abschluss von Mund und Nase im Bereich der

Mitte des harten Gaumens gewährleistet.

Abb. 10

Abb. 11


Der weiche Gaumen wird in der Regel gleichzeitig mit dem harten Gaumen verschlossen.

In einigen Fällen wird der Eingriff auch im Abstand von 3 Monaten durchgeführt,

um damit den weichen Gaumen weiter nach hinten verlagern zu können.

Beim Verschluss des weichen Gaumens ist es das vornehmliche Ziel, durch Vereinigung

der Muskulatur zwischen den beiden Schleimhautschichten eine weitgehend

natürliche Funktion des weichen Gaumens zu erreichen.

5.3. Knöcherner Kieferspaltverschluss

Die Knochenlücke im Bereich des Zahnbogens, d. h. die Kieferspalte, wird zusammen

mit dem Lippenspaltverschluss bei der ersten Operation zunächst nur durch

Schleimhaut verschlossen.

Wir empfehlen, die knöcherne Überbrückung mittels Knochenverpflanzung ab dem

8. Lebensjahr in enger Abstimmung mit der kieferorthopädischen Behandlung

durchzuführen (Abb. 1 , 13, 14 und 15).

Abb. 12 Abb. 13

Kurz nach diesem Zeitpunkt bricht in der Regel der seitliche bleibende Schneidezahn

und der Eckzahn durch, der dann kieferorthopädisch in diese Lücke bewegt

werden kann und damit ein festes knöchernes Lager vorfindet. Dazu werden kleine

Knochenstückchen aus dem Beckenkamm verpflanzt.

1


0

Dank moderner Operationsverfahren ist hierfür nur noch ein kleiner, ca. 2 cm langer

Schnitt über dem seitlichen Beckenkamm erforderlich, der die Knochenentnahme

mit einer kleinen Stanze erlaubt.

Der Verschluss der Lücke mit einem Knochenspan ist allerdings nur sinnvoll, wenn

durch den behandelnden Kieferorthopäden ein Zahn in diesen Bereich hineinbewegt

wird. Findet diese Maßnahme nicht statt, löst sich der unbelastete verpflanzte

Knochen wieder weitgehend auf.

Die genaue Festlegung des Operationszeitpunktes für die Knochenverpflanzung

erfolgt gemeinsam mit dem Kieferorthopäden. Diese gemeinsame Absprache ist

insbesondere wichtig, damit bei Bedarf gleichzeitig die Entfernung eventuell überzähliger

oder an falscher Stelle stehender Zähne erfolgen kann.

5.4. Weitere operative Eingriffe

Abb. 14

Einseitige Osteoplastik mit knöchernem

Aufbau des Kieferkammes und Nasenbodens

(Schnittbilddarstellung).

doppelseitige Osteoplastik

Abb. 15

Mit ca. 6 Jahren, d. h. kurz vor der Einschulung, sind die meisten Kinder mit Lippen-

Kiefer-Gaumenspalten vollständig rehabilitiert, d. h. es liegt ein weitgehend unauffälliges

Äußeres vor, Hören und Sprechen sind altersgerecht entwickelt. Die Kinder

haben damit natürlich auch gleiche Schulchancen.

Bei einigen Kindern ist in seltenen Fällen trotz exakter Wiederherstellung des Muskelringes

des weichen Gaumens und trotz Sprachtherapie eine vollständige Nor-


malisierung des Sprechens bei initial zu kurzem Gaumensegel nicht zu erreichen.

Verbleibt ein so genanntes „offenes Näseln“ (Rhinophonia aperta), kann dies Folge

einer mangelnden Abschlussfunktion des Gaumens gegen die Rachenhinterwand

sein. Bei diesen Kindern empfiehlt sich eine weitere Operation (Velopharyngoplastik).

Der Zeitpunkt dieser sprachverbessernden Operation sollte 1 bis 2 Jahre vor

der Einschulung liegen. Er wird in enger Abstimmung mit den Hals-Nasen-Ohren-

Ärzten auf Basis des phoniatrischen Entwicklungsstandes des Kindes festgelegt.

Hierbei verlängert man den Gaumen durch eine spezielle Technik und verbindet

diesen über ein Schleimhautmuskelläppchen mit der Rachenhinterwand. Die Atemfunktion

wird dadurch nicht beeinträchtigt.

Auch nach optimaler Erstoperation können in seltenen Fällen bei sehr breiten Spalten

oder bei individueller Veranlagung zur Narbenbildung etwas deutlichere Narben

in der Oberlippe entstehen. Hier können durch kleine Narbenkorrekturen ebenfalls

vor der Einschulung günstigere Ergebnisse erzielt werden. Die Behandlung geringgradiger

Abweichungen sollten jedoch möglichst lange hinausgezögert werden, da

die Ergebnisse von Korrekturoperationen durch das noch ausstehende Wachstum

verändert werden können.

Auch bei breiten doppelseitigen Spalten ist heute ein gutes ästhetisches Ergebnis

zu erreichen. Es verbleibt jedoch häufig ein zu kurzer Nasensteg, der den Eindruck

einer zu breiten Nase erwecken kann. In solchen Fällen gehört die Verlängerung des

Nasensteges etwa ein Jahr vor der Einschulung zu unserem Behandlungsplan, bei

dem unter Einbeziehung vorhandener Narben Gewebe der Oberlippe genutzt wird,

um den Nasensteg und die Nasenflügel aufzurichten. Endgültige Korrekturen an der

Nase zur Verbesserung der Ästhetik und Funktion sollten erst nach Abschluss des

Wachstums durchgeführt werden.

Nur in seltenen Fällen ist mit den heutigen konservativen und operativen Methoden

eine Wachstumsstörung des Oberkiefers nicht zu vermeiden, so dass auch mit

kieferorthopädischen Mitteln allein keine regelrechte Verzahnung zu erreichen ist.

Bei diesen Patienten ist nach Abschluss des Wachstums eine operative Verlagerung

des Oberkiefers notwendig, um einen Ausgleich der gehemmten Mittelgesichtsentwicklung

zu erreichen. Dabei wird in enger Zusammenarbeit zwischen dem behandelnden

Kieferorthopäden und dem Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen eine

kombinierte Therapie angewandt, bei der nach kieferorthopädischer Ausformung

der Zahnbögen und Eingliederung der Zähne beide Kiefer durch eine chirurgische

Verlagerung des Oberkiefers und eine eventuelle Rückverlagerung des Unterkiefers

in eine korrekte Beziehung zueinander gebracht werden.

1


6. Kieferorthopädie

Die Kieferorthopädie ist ein wichtiger Partner bei der interdisziplinären Behandlung

von Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und begleitet Ihr Kind von der Geburt

bis ins Erwachsenenalter.

6.1. Kieferorthopädische Therapie direkt nach der Geburt

Die interdisziplinäre Behandlung beginnt bei Patienten mit Lippen-Kiefer- Gaumenspalten

mit dem Eingliedern einer Gaumenplatte durch den Kieferorthopäden.

Diese Platte dient als Saug- und Trinkhilfe sowie zur Steuerung des Wachstums des

Kiefers. Für die Herstellung der Platte wird vom Oberkiefer des Neugeborenen innerhalb

der ersten Lebenstage eine Abformung genommen und ein Kiefermodell

aus Gips hergestellt. Die Gaumenplatte wird aus klarem, hartem Kunststoff angefertigt.

Um eine gute Eingewöhnung zu gewährleisten, sollte der Abdruck innerhalb

der ersten Lebenswoche erfolgen.

Die Gaumenplatte dient der Trennung von Mund- und Nasenhöhle. Die Zunge kann

sich somit nicht in den Spaltbereich und den Nasenraum einlagern und wird in der

Mundhöhle gehalten. Das Schlucken, die Nasenatmung und die Nahrungsaufnahme

werden erleichtert. Seitliche Muskelzüge werden abgehalten. Insbesondere kann

mit der Gaumenplatte das Wachstum des Oberkiefers zur Harmonisierung seiner

Form gesteuert werden. Die unmittelbar nach der Geburt eingesetzte Gaumenplatte

wird vom Kind zumeist schnell akzeptiert. Sie muss stets feucht eingesetzt werden

und hält im Mund des Säuglings über Adhäsion (Saugwirkung). Die Verwendung

von Haftmitteln sollte möglichst entfallen. Die Reinigung der Platte sollte nach den

Mahlzeiten mit einer Zahnbürste unter fließendem lauwarmem Wasser erfolgen.

Die Gaumenplatte wird regelmäßig in der Region der Spaltbildung in den Bereichen

ausgeschliffen, in denen Wachstum erfolgen soll. Da im ersten Lebensjahr das größte

Wachstum stattfindet und damit der größte Effekt erzielt werden kann, muss die

Platte regelmäßig angepasst und ca. alle acht Wochen erneuert werden.

Die Gaumenplatte wird zunächst von der Geburt bis zur Operation der Lippe getragen.

Mit Hilfe der Gaumenplatte wird eine deutliche Harmonisierung der Form des

Oberkiefers erreicht.

Nach dem Verschluss der Lippe wird bis zum Verschluss des Gaumens erneut eine

Gaumenplatte angefertigt und getragen.


6. . Kieferorthopädische Behandlung im Milchgebiss und während der frühen

Wechselgebissperiode

Bei nicht ausreichendem Kieferwachstum, besonders des Oberkiefers, können bereits

im Gebiss der ersten Dentition (Milchgebiss) Fehlstellungen der Zähne auftreten.

Dazu gehört beispielsweise der Kreuzbiss im Bereich der Seitenzähne. Dabei

stehen die oberen Zähne weiter innen als die unteren. Weiterhin ist häufig ein umgekehrter

Überbiss im Bereich der Frontzähne zu finden. Diese Fehlstellungen sollten

bereits im Milchgebiss bei entsprechender Mitarbeit (meist ab dem 4. Lebensjahr)

in der Regel mit herausnehmbaren kieferorthopädischen Apparaturen (Plattenapparaturen)

korrigiert werden. Diese Apparaturen enthalten zur aktiven Bewegung von

Zähnen und knöchernen Strukturen beispielsweise Schrauben. Die Behandlung im

Gebiss der ersten Dentition dauert etwa 1 bis 2 Jahre und wird dann beendet. Der

weitere Zahnwechsel wird überwacht.

Bei den meisten Patienten erwächst ein erneuter Behandlungsbedarf zu Beginn

des Wechsels von den Zähnen der ersten Dentition (Milchzähne) zu den Zähnen

der zweiten Dentition (bleibende Zähne). Aufgrund des verminderten Knochenangebotes

in unmittelbarer Umgebung der Spalte kann es zu ausgeprägten Zahnfehlstellungen

kommen, die aber sehr gut korrigiert werden können. Hier sind kieferorthopädische

Maßnahmen im Alter von 6 bis 8 Jahren erforderlich, beispielsweise zur

Einstellung der Frontzähne.

Unabhängig von der Spaltbildung kann es auch zu sonstigen Zahn- und Kieferfehlstellungen

kommen, die eine weitere kieferorthopädische Behandlung mit herausnehmbaren

oder festsitzenden Apparaturen notwendig machen.

6.3. Kieferorthopädische Behandlung während der späten Wechselgebissperiode

Die kieferorthopädische Hauptbehandlung fällt etwa in das Alter zwischen 9 und 14

Jahren. Der genaue Behandlungszeitpunkt ist hierbei je nach Art der Fehlstellung

unterschiedlich und durch den Kieferorthopäden festzulegen.

Zähne im Spaltbereich sind häufig noch gedreht oder brechen erschwert durch.

Weiterhin bestehen häufig noch Kreuzbisse und umgekehrte Überbisse. Diese Fehlstellungen

sind bei regelrechter Behandlung gut mit herausnehmbaren oder mit

festsitzenden Apparaturen zu beheben. Die kieferorthopädische Behandlung in dieser

Phase erstreckt sich insgesamt über mehrere Jahre. Vor Durchbruch der spaltbenachbarten

seitlichen Schneidezähne und Eckzähne (ca. zwischen dem 7. und

12. Lebensjahr) wird zumeist die Einlagerung von Knochen in den Spaltbereich,

eine sog. Kieferspaltosteoplastik, erforderlich (siehe S. 19).

3


4

6.4. Kieferorthopädie im bleibenden Gebiss

Häufig erstreckt sich eine kieferorthopädische Behandlung über das Wechselgebiss

hinaus bis zum vollständigen Gebiss der zweiten Dentition. Die Weisheitszähne

brechen später und unregelmäßig durch. Damit nicht nur die Gebissentwicklung

harmonisch ablaufen kann, sondern auch das Kieferwachstum, sollten die Kinder

mit Spaltbildungen auf jeden Fall bis zum Abschluss des Wachstums kieferorthopädisch

überwacht oder gegebenenfalls behandelt werden. Eine wichtige und schwierige

Aufgabe für die Eltern ist es, die Kinder über viele Jahre zu guter Mundhygiene

zu motivieren.

Bei fehlender Zahnanlage stellt sich oft die Frage, ob es besser ist, die Lücke kieferorthopädisch

zu schließen oder für ein Implantat oder eine Brücke zu öffnen. Diese

Entscheidung muss der Kieferorthopäde nach Gesichtspunkten der Ästhetik und einer

guten Verzahnung gemeinsam mit dem Patienten abwägen.

7. Zahnerhaltung und zahnärztliche Prothetik

Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten sind überdurchschnittlich häufig von

Formveränderungen, Fehlstellungen und Nichtanlagen von Zähnen betroffen. So

sind beispielsweise bei über 40 % der Spaltpatienten einzelne bleibende Zähne

nicht angelegt. Dieses Phänomen kann nicht nur den Spaltbereich, sondern auch

den Unterkiefer betreffen, obwohl dessen Zahnleiste mit dem Spaltbereich nicht in

Verbindung steht. Die zweiten oberen Prämolaren, die seitlichen oberen Schneidezähne

und die zweiten unteren Prämolaren sind am häufigsten betroffen.

Die gestörte Ästhetik und Funktion zu verbessern, die vorhandenen Zähne trotz

erschwerter hygienischer Verhältnisse zu erhalten und fehlende Zähne nach Abschluss

der kieferorthopädischen und chirurgischen Behandlung zu ersetzen, ist

ein Aufgabengebiet der Zahnerhaltung und der zahnärztlichen Prothetik. Weiterhin

ist es die Aufgabe dieser Spezialisten, das von Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen

und Kieferorthopäden geschaffene Ergebnis zu optimieren und langfristig zu

sichern. Deshalb ist die regelmäßige zahnärztliche Betreuung wichtiger Teil der umfassenden

Therapie bei Lippen-Kiefer-Gaumenspalten.

Falls nach Abschluss der kieferorthopädischen und mund-, kiefer- und gesichtschirurgischen

Behandlung im 18. bis 20. Lebensjahr noch Zahnbogenlücken vorhanden

sein sollten, so sollte eine definitive prothetische Versorgung durchgeführt

werden.


Bei kariesfreien, ungefüllten Zähnen kann der Lückenverschluss durch folgende

Methoden erfolgen:

1.

2.

Ätz-Klebebrücke,

Implantatversorgung als kombiniert chirurgisch-prothetische

Behandlungsmethode.

Insbesondere bei Lücken zwischen den Frontzähnen bietet die Implantatversorgung

bessere ästhetische Möglichkeiten, die durch keine andere Art von festsitzendem

Zahnersatz erreicht werden kann. Ob eine Implantatversorgung erfolgen kann, ist

im Wesentlichen vom Knochenangebot im Lückenbereich abhängig. Ggf. muss zuvor

eine Knochentransplantation durch den Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen

durchgeführt werden.

8. Sprechen und Hören

Hören ist auf die Dauer störungsfrei nur möglich, wenn die Eustachische Röhre, eine

Verbindung zwischen Mittelohr und dem Übergang vom Gaumen zum Rachenraum,

belüftet ist, und sich beim Schlucken und Gähnen kurz öffnet. Diese Öffnung wird

ermöglicht durch die hintere Gaumenmuskulatur, die an der Eustachischen Röhre

ansetzt. Bei der Gaumenspalte haben die betreffenden Muskeln nicht genug Zugkraft,

weil sie in der Mitte nicht miteinander verbunden sind. Liegt eine Gaumenspalte

vor, kann sich die Eustachische Röhre nicht regelmäßig öffnen, es findet kein Luftdruckausgleich

zwischen Mittelohr und Außenluft statt.

Folge davon können Mittelohrergüsse und - entzündungen, chronische Mittelohrknocheneiterungen

und Trommelfellschäden sein. Um dies zu vermeiden, gehört zu

unserem Spaltteam auch der Hals-Nasen-Ohren-Arzt mit spezieller Weiterbildung in

Stimm- und Sprachstörungen, der während der Sprechstunde anwesend ist. Er wird

Sie schon zu Beginn fragen, ob Ihnen an Ihrem Kind Hörschwierigkeiten aufgefallen

sind und für diesen Fall mit Ihnen einen Termin zum Hörtest (Kinderaudiogramm

und Tympanometrie) vereinbaren.

Somit kann gegebenenfalls gleichzeitig mit dem Lippenspaltverschluss eine Trommelfellpunktion

durchgeführt werden. Dies ist nichts anderes als das Anlegen einer

kleinen Öffnung im Trommelfell.

5


6

Je nach Grad der Belüftungsstörung bleibt es bei der Punktion, die nach wenigen

Tagen verheilt, oder es wird ein Paukenröhrchen (Paukendrainage) eingelegt, um

dauerhaft Flüssigkeit hinter dem Trommelfell abzulassen und das Mittelohr nach

außen zu belüften. Wichtig ist, dass Sie nach dem Einlegen von Paukenröhrchen

darauf achten, dass kein Wasser in die Ohren gelangt und Sie dafür sorgen, dass

Ihr Kind beim Baden und Schwimmen nicht den Kopf unter Wasser taucht. Dann

würde infektiöses Badewasser ins Mittelohr gelangen und eine Mittelohrentzündung

auslösen.

Etwa nach dem dritten Lebensjahr kann eine Sprechtherapie begonnenwerden. Dabei

wird das Gehör geschult und die Muskulatur im Bereich des Gaumensegels, des

Rachens und der Zunge aktiviert (myofunktionelle Therapie). Sie können diese logopädische

Therapie an unserem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) in der Kinderklinik

in Anspruch nehmen.

Gerne vermitteln wir Ihnen aber auch eine ambulante sprachtherapeutische Betreuung

in Ihrer Nähe. Die Entfernung der so genannten Polypen (Rachenmandelvergrößerungen)

sollte bei Kindern mit einer Gaumenspalte unterbleiben, da sich

sonst das offene Näseln verstärken kann. Nur in Ausnahmefällen ist eine Teilentfernung

der Rachenmandel nach strenger Indikationsstellung durch den behandelnden

Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder Phoniater und Pädaudiologen möglich.


Weitere Informationen

Praktische Tipps für den stationären Aufenthalt

Zur operativen Behandlung werden die Kinder stationär in unserer Kinderklinik aufgenommen.

Wir verfügen über eine Familienzimmer oder Appartements, in denen

die Unterbringung der Mutter oder des Vaters prinzipiell möglich ist. Sie sind dort

jederzeit für Ihr Kind erreichbar und werden bei Bedarf auch nachts von den

Schwestern gerufen. Leider können wir die Mitaufnahme im Patientenzimmer nicht

immer garantieren.

Die Vorbereitungen zur Operation finden im Rahmen einer so genannten vorstationären

Aufnahme statt. Dabei wird neben einer ausführlichen Untersuchung

ggf. auch eine kleine Blutuntersuchung durchgeführt. Am Tag der stationären

Aufnahme melden Sie sich bitte zur vereinbarten Zeit in der Patientenaufnahme

(meistens in der Kindernotfallambulanz) der Kinderklinik. Ihr Kind wird entweder auf

den Stationen L3 oder L4 aufgenommen. Im Laufe des Tages nimmt der Narkosearzt

mit Ihnen Kontakt auf, um Ihr Kind zu untersuchen und Sie ausführlich über die

Narkose zu informieren. Ebenso erfolgt eine erneute Besprechung mit dem Mund-,

Kiefer- und Gesichtschirurgen, der Ihre noch offenen Fragen vor der Operation klären

wird. Sie sollten sich daher bitte auf der Station aufhalten, bis Sie mit allen Ärzten

gesprochen und die Operations- und Narkoseeinwilligung unterschrieben haben.

Um den Behandlungserfolg Ihres Kindes umfassend zu dokumentieren, fertigen wir

Fotos an.

Gängige Kindernahrungsmittel sind auf den Stationen vorhanden. Benötigt Ihr

Kind jedoch eine spezielle Ernährung, möchten wir Sie bitten, dies bereits vor dem

stationären Aufenthalt mit der Kinderklinik abzusprechen. Selbstverständlich können

Sie jederzeit vor der stationären Aufnahme Kontakt zu der Kinderklinik aufnehmen,

um anstehende Fragen zu klären. Die Telefonnummern der Stationen sind im letzten

Abschnitt dieser Broschüre angegeben.

In der Regel findet die Operation am Aufnahmetag statt. Vor der eigentlichen Operation

können Sie Ihr Kind bis zum Operationssaal begleiten; bei der Narkoseeinleitung

und bei der Operation können Sie jedoch nicht dabei sein. Gerne bespricht

der Operateur nach der Operation mit Ihnen den Verlauf und das erzielte Ergebnis.

Wenn Sie das Stillen fortsetzen möchten, besteht die Möglichkeit, während des stationären

Aufenthaltes die Muttermilch abzupumpen. Bei einfachen Spaltbildungen

können die Säuglinge auch an die Brust angelegt werden.

7


8

Um die Wundheilung nicht zu gefährden, sollten Sie Ihr Kind nach Verschluss des

harten und weichen Gaumens fünf Tage ausschließlich flüssig mit Hilfe von Löffeln

oder tröpfchenweise mittels Spritzen ernähren. Um den Heilungserfolg zu gewährleisten,

sind eine Strampeldecke und eine Fixierung der Hände bei Säuglingen unbedingt

erforderlich. Nach der Nahrungsaufnahme sollte regelmäßig Wasser oder

Tee zur Reinigung der Wunde getrunken werden. Die Hautwunde wird täglich mit

einem Desinfektionsmittel behandelt.

Der gesamte Aufenthalt beträgt in der Regel 5 bis 7 Tage. In dieser Zeit wird Ihr Kind

täglich von einem Arzt der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und von

Ärzten der Kinderklinik und dem Stationspersonal betreut. In den ersten fünf stationären

Tagen sollte Ihr Kind die Station nicht all zu häufig verlassen, mit Ausnahme

für notwendige Konsiliaruntersuchungen. Auch möchten wir darauf hinweisen, dass

Ihr Kind nach der Operation nicht der direkten Sonne ausgesetzt werden soll.

Die Entfernung der Wundfäden nach einem Lippenspaltverschluss kann 6-7 Tage

nach der Operation in ambulanter, kurzer Maskennarkose erfolgen. Ihr Kind wird danach

in der Regel nach einer 3-stündigen Überwachungszeit auf der Kinderstation

noch am selben Tag nach Hause entlassen.

Ambulante Kontrolluntersuchungen

Zur Überwachung der Entwicklung von Sprache, Gehör, Zähnen und Kieferwachstum

sowie zur Besprechung der anstehenden Behanlungsmaßnahmen sind

regelmäßige Nachuntersuchungen erforderlich. Hierzu bieten wir in unserer mund-,

kiefer- und gesichtschirurgischen Poliklinik Sprechzeiten an, zu denen wir Sie mit

Ihrem Kind einbestellen werden. Regelmäßige kieferorthopädische, hals-nasenohren-ärztliche

und phoniatrische Kontrollen finden ebenfalls im Rahmen unseres

Behandlungsteams statt.

Die Kontrolluntersuchungen sollten mindestens jährlich bis zum Abschluss des

Wachstums wahrgenommen werden. Alle von uns betreuten Kinder werden in die

Sprechstunde aufgenommen. Sie erhalten jährlich einen Kontrolltermin – in der Regel

im Geburtsmonat – schriftlich von uns mitgeteilt. Sollte dieser Termin von Ihnen

nicht wahrgenommen werden, können Sie Ihr Kind auch später nach telefonischer

Rücksprache mit dem Sekretariat der Mund-, Kiefer- und Plastischen Gesichtschirurgie

bei uns vorstellen. Während der kieferorthopädischen bzw. sprachtherapeutischen

Behandlung können auch weitere Termine in kürzeren Abständen notwendig

werden.


Im Säuglingsalter sollten die üblichen Untersuchungen und Impftermine bei Ihrem

Kinderarzt wahrgenommen werden. In diese regelmäßigen Nachuntersuchungen

ist auch eine konsequente Betreuung durch Ihren Hauszahnarzt einzuschließen, da

die Erhaltung eines jeden Zahnes gerade bei Kindern mit Lippe-Kiefer-Gaumenspalten

für das Kieferwachstum von größter Bedeutung ist. Deshalb ist eine regelmäßige

zahnärztliche Mitbetreuung nachdrücklich zu empfehlen (Füllungstherapie,

Fluoridprophylaxe).

Die gesetzlichen Möglichkeiten sozialer Unterstützung

Spaltbildungen stellen in der Regel nur vorübergehende Beeinträchtigungen dar.

Wenn wir untenstehend vom „Grad der Behinderung (GdB)“ sprechen, handelt es

sich dabei um eine Formulierung des Gesetzgebers. Vom Gesetzgeber wurde zur

Fürsorge und finanziellen Unterstützung – gerade bei den häufig weiten Anfahrten

und außerhalb der reinen Behandlungskosten anfallenden finanziellen Belastungen

– mit der Anerkennung des „Grades der Behinderung (GdB)“, der in Zehnergraden

angegeben wird, eine Möglichkeit geschaffen, diese Kosten aufzufangen. Dieser

GdB ist natürlich kein Maß für allgemeine Leistungsfähigkeit.

Bei dem Grad der Behinderung sollten auch dauerhafte Hörschäden mitberücksichtigt

werden. Deren Ausmaß kann durch entsprechende Hörprüfungen festgestellt

und darauf der zusätzliche Grad der Behinderung berechnet werden. Nach

Abschluss der Behandlung richtet sich der GdB immer nach der verbliebenen Funktionsstörung.

Die Festlegung der GdB-Werte durch die Versorgungsverwaltung erfolgt anhand

der vorgelegten ärztlichen Befunde. Ihre Gültigkeit bezieht sich auf einen Zeitraum

von in der Regel einem Jahr nach der Operation. Daher wird seitens des Versorgungsamtes

eine Nachuntersuchung von Amts wegen nicht wie bisher im 5. oder

8. – 12. Lebensjahr sondern schon früher anberaumt.

Die Anlage zu § 2 der Versorgungsmedizin-Verordnung vom 10. Dezember 2008

des Bundesgesetzblattes Teil I Nr. 57 vom 15. Dezember 2008 gilt bis heute (Stand

2011).


30

Art der Spaltbildung Zeitraum GdB

Isolierte Lippenspalte

(ein- oder doppelseitig)

bis Behandlungsschluss (etwa ein Jahr nach

der Operation, d.h. ca. bis zum 18. Lebensmonat

(LM)

Lippen-Kieferspalte bis zum Abschluss der Erstbehandlung (d.h.

ca. ein Jahr nach der Operation, ~18 LM)

bis zum Verschluss der Kieferspalte

(d.h. ca. bis zum 8. – 12. Lebensjahr)

Lippen-Kiefer-Gaumenspalte bis zum Abschluss der Erstbehandlung (etwa

ein Jahr nach den Operationen, d.h. ca. bis

zum 2. Lebensjahr)

komplette Gaumenspalte

(harter und weicher Gaumen)

isolierte Spalte des weichen

Gaumens (Velumspalte)

bis zum Verschluss der Kieferspalte

(d.h. ca. bis zum 8. – 12. Lebensjahr)

bis zum Abschluss der Erstbehandlung (etwa

ein Jahr nach der Operation d.h. bis zum 2.

Lebensjahr)

submuköse Gaumenspalte bis zum Abschluss der Behandlung

(d.h. ca. bis zum 2. Lebensjahr)

je nach Ausmaß der Artikulationsstörungen

Der GdB wird auf Antrag der Eltern beim zuständigen Versorgungsamt des Heimatortes

festgelegt. Dieser Antrag sollte bei Bedarf möglichst frühzeitig, d. h. noch vor

der ersten Operation erfolgen.

Das Online-Antragsformular für Brandenburg ist unter folgender Internet-Adresse

verfügbar: www.lasv.brandenburg.de („Formulare/Downloads“ wählen).

Eine entsprechende Download-Möglichkeit für Berlin finden Sie unter:

www.berlin.de/lageso/behinderung/antrag/index.html

Diesbezügliche Gesetzestexte können unter: www.bmas.bund.de und dann

unter „soziale Sicherung und Publikationen“ eingesehen werden.

30 – 50

60 – 70

50

100

50

100

0 – 30


Das Behandlungsteam

Am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam arbeiten Kollegen verschiedener

Spezialgebiete im Team zusammen. Koordiniert wird die Sprechstunde durch das

Sekretariat der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie, betreut

durch Frau Braumann (Tel. 0331.241 -7602, siehe auch S. 32: „Nützliche Adressen

und Telefonnummern“).

Von mund-, kiefer- und gesichtschirurgischer Seite wird die operative Therapie und

die Sprechstunde durch Chefarzt Dr. Dr. Teltzrow und Oberarzt Dr. Dr. ˇSiniković

betreut.

Die hals-nasen-ohren-ärztliche sowie phoniatrische und pädaudiologische Betreuung

erfolgt durch die Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde unter der Leitung von

Chefarzt Prof. Dr. Jungehülsing.

Die stationäre Betreuung erfolgt durch die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin unter

der Leitung von Chefarzt Prof. Dr. Radke. Von Seiten der Anästhesiologie stehen

Ihnen Chefarzt PD Dr. Pappert und seine Mitarbeiter zur Verfügung.

Die kieferorthopädische Praxis Dr. Schütze in Potsdam kümmert sich um die Versorgung

mit einer Gaumenplatte kurz nach der Geburt sowie im weiteren Verlauf

um Fragen der Fehlstellungen der Zähne und Kiefer. Sie übernimmt auch gerne die

weitere kieferorthopädische Therapie.

31


3

Nützliche Adressen und Telefonnummern

Klinikum Ernst von Bergmann

Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie

Chefarzt: Dr. Dr. Teltzrow, tteltzrow@klinikumevb.de

Oberarzt Dr. Dr. ˇSiniković, bsinikovic@klinikumevb.de

www.mkg-potsdam.de

Terminvereinbarung: Sekretariat Fr. Braumann:

Mo – Do 8.00 – 17.00 Uhr Tel. 0331. 241 -7602

Fr 8.00 – 14.00 Uhr Fax 0331. 241 -7600

Klinik für Kinder- und Jugendmedizin

Chefarzt: Prof. Dr. Radke

Sekretariat: Frau Woitaschek Tel. 0331. 241 -5902

Kindernotaufnahme

Tel. 0331. 241 -5918

Stationen

Entbindungsstation (F3) Tel. 0331. 241 -5671

Kinderstationen (L3/L4) Tel. 0331. 241 -5831/-5931

Neonatologie, Oberarzt: Dr. Fehlandt Tel. 0331. 241 -5916

Zentrum für Anästhesie, Intensivtherapie und OP-Management

Chefarzt: PD Dr. Pappert

Sekretariat: Frau Täger Tel. 0331. 241 -5002

Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde

Chefarzt: Prof. Dr. Jungehülsing

Sekretariat: Frau Hennig Tel. 0331. 241 -5702

Pädaudiologie

Fr. Seibt, Fr. Ellwart Tel. 0331. 241 -7255

Logopädie im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ)

Fr. Schnelle: Tel. 0331. 241 -5978

Sozialdienst:

Zuständig für die Kinderstation: Fr. Kühn Tel. 0331. 241 -4343


Kooperationspartner

Kieferorthopädische Praxis Dr. Schütze

Hebbelstraße 7 · 14469 Potsdam

Sprechzeiten nach Vereinbarung Tel. 0331. 280 -4340

Genetische Beratung:

Frau Dr. Schneider

Sprechstunden: Tel. 0331. 241 -5991

Dienstag, Mittwoch, Donnerstag 9.30 – 15.30 Uhr

Hilfsmittel

Habermann Spezialsauger und Soft Cup erhältlich in Apotheken

Im Klinikum: Horus Apotheke · Charlottenstr. 72 Tel. 0331. 240 -728

14467 Potsdam · www.horus-apotheke.de

oder direkt bei:

Medela Medizintechnik GmbH & Co. Handels KG Tel. 089. 319 759 -0

Korbinianstr. 2 · 85386 Eching / Deutschland Fax 089. 319 759 -99

www.medela.de

Selbsthilfegruppen

Selbsthilfevereinigung für Lippen – Gaumen – Fehlbildungen e.V.

Wolfgang Rosenthal Gesellschaft

www.lkg-selbsthilfe.de

www.lkg-ade.ch

www.lkgs.net

33


34

1

3

4

Kinderklinik Aufnahme

Kinderklinik Stationen

MKG Poliklinik

OP-Bereich

3

1

4

Lageplan


36

Erklärung medizinischer Fachbegriffe (med. Glossar)

bleibende Zähne Zähne der 2. Dentition (lat.: dentes permanentes)

chirurgische operative Behandlungsmaßnahmen im Gegensatz zu konservativ, das

bedeutet nicht operativ

Dentition Zahnung

Drainage Ableiten von Wundsekret aus Operationswunden, z. B. durch

Kunststoffröhrchen oder Zellulosestreifen

Eustachische Röhre (auch Ohrtrompete, Tuba auditiva) – stellt eine Verbindung

zwischen dem Rachen und dem Mittelohr dar und ist für die Belüftung des

Mittelohres zuständig. Durch die bei Gaumenspalten veränderte Anatomie liegt

eine Belüftungsstörung vor und es kann häufiger zu Mittelohrentzündungen mit

Schädigung von wichtigen Strukturen des Ohres kommen.

Gaumenplatte (auch Trinkplatte genannt) – kieferorthopädisches Gerät aus Kunst-

stoff, das hilft, bei einer Spaltbildung im Bereich des harten Gaumens die Nase

gegen die Mundhöhle zu trennen. Möglichst frühe Eingliederung ist sinnvoll,

da das Neugeborene sich am besten in den ersten Lebenstagen an die Platte

gewöhnt und hierdurch das Stillen und Trinken erleichtert wird.

genetisch durch das Erbgut bedingt

Humangenetik Fachgebiet der Medizin, welches sich mit menschlicher Vererbung

und der Diagnostik erblicher Krankheiten beschäftigt

Infektion Entzündung, in der Regel hervorgerufen durch Mikroorganismen

interdisziplinär fachübergreifend

Konsiliaruntersuchungen – Untersuchungen bei beratenden Ärzten anderer Abtei-

lungen (konsilium = lat.: Rat)

Milchzähne Zähne der 1. Dentition (lat.: dentes decidui)

Mittelohrerguss bei Patienten mit Fehlfunktion der Muskeln im Bereich des Gau-

mens wird das Mittelohr nicht ausreichend belüftet, und es entstehen Flüssig-

keitsansammlungen im Mittelohr.

multifaktoriell aus vielen Faktoren bestehend

Ohrtrompete s. Eustachische Röhre

Osteoplastik knöcherne Überbrückung des Kieferspaltes. Eine sekundäre Osteo-

plastik wird nach vorausgegangenem Verschluss der Lippen-Kieferspalte im

Alter von 7 bis 12 Jahren vorgenommen.

Parazentese kleiner Schnitt durch das Trommelfell zur Entlastung eines Mittelohrer-

gusses oder einer Mittelohreiterung.

Parodontalhygiene Pflege des Zahnfleisches und Zahnhalteapparates


Paukendrainage durch einen kleinen Einschnitt im Trommelfell wird ein Paukenröhr-

chen gelegt; dies sorgt dafür, dass entstandene Flüssigkeit über den Gehör-

gang ablaufen kann.

Paukenröhrchen kleine, aus Gold oder Kunststoff gefertigte Röhrchen, die ins Trom-

melfell eingesetzt werden, um eine Paukendrainage zu gewährleisten

Phoniatrie und Pädaudiologie Lehre von den Stimm- und Sprachkrankheiten sowie

den Hörstörungen bei Kindern

Plastik Wiederherstellung oder Verbesserung von Form oder Funktion durch eine

Operation.

Prämolaren vordere kleine Backenzähne hinter den Eckzähnen

Prothetik Ersatz von verloren gegangenen oder nicht angelegten Zähnen (zahnärzt-

liche Prothetik).

Rhinophonia aperta so genanntes offenes Näseln.

sagittal im Bezug zum Körper von vorn nach hinten gedachte Ausrichtung

spina bifida angeborene Nichtvereinigung der hinteren Bereiche der

Wirbelsäule

submuköse Gaumenspalte Liegt eine submuköse Gaumenspalte vor, hat sich die

unter der Schleimhaut liegende Muskulatur nicht vereinigt. Diese Form der der

Gaumenspalte wird häufig erst spät entdeckt und muss aus funktionellen Grün-

den operativ behoben werden.

Trinkplatte siehe Gaumenplatte

Trommelfellpunktion kleiner punktförmiger Schnitt im Trommelfell

Tympanometrie Untersuchungsmethode zur Bestimmung der Schwingungsfähig-

keit des Trommelfells

uvula bifida – zweigeteiltes Gaumenzäpfchen. Funktionell hat dieses keine Rele-

vanz, kann aber auf eine nicht vereinigte Gaumenmuskulatur hinweisen, die

ihrerseits relevant sein kann

Velopharyngoplastik (VPP) Bei dieser funktionsverbessernden Operation des

Gaumensegels wird ein Schleimhautmuskelläppchen, das von der Rachen-

wand gebildet wird, mit dem Gaumen vereinigt. Der so verengte Rachenraum

kann durch weiteres intensives Sprechtraining besser abgedichtet werden, um

so Verschlusslaute bilden zu können.

velum (lat.: Segel) weicher Gaumen, Gaumensegel

Velumspalte Spaltbildung im Bereich des weichen Gaumens

Wechselgebiss Gebisszustand einer zeitlichen Periode, während der die Zähne der

1. Dentition zu den Zähnen der 2. Dentition wechseln und die Mahlzähne (Mo-

laren) hinzukommen (zwischen 6. und 12. Lebensjahr).

37


38

Termine

Datum Abteilung behandl. Arzt Notizen nächster Termin


Termine

Datum Abteilung behandl. Arzt Notizen nächster Termin

3


40

Termine

Datum Abteilung behandl. Arzt Notizen nächster Termin


Termine

Datum Abteilung behandl. Arzt Notizen nächster Termin

41


4

Termine

Datum Abteilung behandl. Arzt Notizen nächster Termin


Wir danken unseren Sponsoren für die freundliche Unterstützung

Aesculap AG · Dentallabor Edelweiß GmbH · Ethicon Products Geschäftsbereich Johnson & Johnson

medical GmbH · Horus Apotheke · Medela Medizintechnik GmbH & Co. Handels KG · MIP Pharma GmbH ·

Sanitätshaus Kniesche GmbH · Synthes GmbH


44

Interdisziplinäres Zentrum für Gesichtsfehlbildungen

(Lippen-Kiefer-Gaumenspalten)

Chefarzt Dr. Dr. T. Teltzrow, (tteltzrow@klinikumevb.de)

Oberarzt Dr. Dr. B. ˇSiniković (bsinikovic@klinikumevb.de)

Klinikum Ernst von Bergmann gGmbH

Charlottenstr. 72, D-14467 Potsdam

Telefon: 0331. 241 - 7602, Fax: 0331. 241 - 7600

www.mkg-potsdam.de

3072/01.11©Klinikum Ernst von Bergmann gGmbH

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine