Sachsen machen

sachsen

Sachsen

Was heiSSt hier: „geht nicht!“?

machen!

Sachsen machen! – Was heiSSt hier: „Geht nicht!“?

brand eins Wissen

im Auftrag des Freistaats Sachsen


Sachsen - Machen

Das Heft als App:

Sachsen //- Machen

b1.de/sachsen_machen_app

Forschen und fördern

Gottfried Wilhelm Leibniz, Carl Gustav Carus, Wilhelm Ostwald: Über Jahrhunderte

war Sachsen mit großen wissenschaftlichen Leistungen verknüpft – und setzt auch

in Zukunft auf die Förderung von Bildung, Wissenschaft und Forschung.

Aufbrechen.

Hinschauen.

21 104

Zahl der

Studienanfänger

in Sachsen, 2015

113 281

Zahl der

Studierenden an

Hochschulen

in Sachsen, 2015

Anteil der ausländischen

Studierenden, 2015, in Prozent

11,9

in Deutschland

13,7

in Sachsen

2,9

Milliarden Euro

Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) in Wirtschaft,

Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen

in Sachsen im Jahr 2014

Anstieg der F&E-Ausgaben des Staatssektors

von 2004 bis 2014, in Prozent

53,4

in Deutschland

Zahl der bestehenden Bildungs- und Forschungseinrichtungen im Freistaat Sachsen

14

Einrichtungen

der Fraunhofer-

Gesellschaft

3

Landesfinanzierte

Forschungseinrichtungen

Helmholtz-

Zentren und

-Institute

6

Institute der

Max-Planck-

Gesellschaft

7

Institute der

Wissenschaftsgemeinschaft

Gottfried Wilhelm

Leibniz (WGL)

2

Der WGL

zugeordnete

Außenstellen der

Senckenberg

Gesellschaft

8

55,4

in Sachsen

14

Staatliche

Hochschulen

Am Anfang stand die Idee, ein Heft über Bildung und Wissenschaft

zu machen. Dass Sachsen da viel zu erzählen hat, war klar.

Dass wir auf Menschen und Geschichten stoßen würden, mit

denen wir nicht gerechnet hatten, war auch zu erwarten. Und

doch waren wir am Ende überrascht, denn wo wir auch hinschauten

– in die Stadt oder ins Dorf, in Hightechschmieden oder

Hinterhöfe, in Forschungslabors oder Friseur salons: Der Freistaat

hat so viel Spannendes und Erstaunliches zu bieten, dass wir uns

für diese Ausgabe nur ein paar Rosinen herauspicken konnten.

Um Bildung und Wissenschaft geht es in jedem Beitrag.

Oder wie würde man das nennen, wenn es am äußersten Südwestzipfel

des Landes einen Ort gibt, wo sich 115 Hersteller und

ihre Zulieferer niedergelassen haben, um Instrumente von Weltruf

zu bauen? Im Vogtland ist so viel Musikexpertise zu Hause,

dass es seine Bewohner zu Recht „Musicon Valley“ nennen (Seite

120). Oder das Hygiene-Museum in Dresden: Soll man das allen

Ernstes nur als Ausstellungsort verstehen? Dieses Haus, das anregt

und aufregt, fragt und verstört und das seinen Besuchern

immer auch etwas mitgeben will – auf jeden Fall einen neuen

Blick, im besten Falle neues Wissen (Seite 76).

Auch mit dem Landschaftsbau Schilling ist es so eine Sache.

Vordergründig ein mittlerer Gartenbaubetrieb, 20 Angestellte,

rund eine Million Euro Umsatz. Aber Ulf-Peter Schilling und seine

Mitarbeiter wissen alles über Koalas, denn sie kultivieren mehr

Eukalyptusarten als fast alle Wettbewerber in Europa – Futter für

ihren einzigen Kunden, den Koala im benachbarten Leipziger

Zoo (Seite 52). Das Produkt von Heliatek ist nicht minder beeindruckend.

Denn was simpel klingt – Solarfolien – könnte die

Bauwirtschaft revolutionieren: Die millimeterdünnen Folien verwandeln

Wolkenkratzer in Energieerzeuger (Seite 100).

Selbst Städtetrips und Landpartien unserer Autoren gerieten

zu Lehrstücken. In Chemnitz trafen wir auf ein Paar, das die Wiederbelebung

eines todgeweihten Viertels initiierte. Die Geschichte

des Sonnenbergs ist ein imponierendes Beispiel gelungener privater

Stadtentwicklung (Seite 42). In Nebelschütz macht gleich

ein ganzes Dorf vor, wie Zukunft gelingen kann: Die vielen

Initiativen der sorbischen Gemeinde verhindern die andernorts

übliche Landflucht. Nebelschütz blüht und wächst – und mit ihm

wachsen die Perspektiven der Menschen (Seite 34).

Die wachsen auch in Görlitz, jener Stadt im äußersten Osten,

die früher mal eine der reichsten des Landes war und in jüngerer

Vergangenheit nur noch ein Ort, aus dem die Leute scharenweise

wegzogen. Görlitz lockt Menschen mit Ideen, die mit anderen

etwas unternehmen wollen. Der Autor Peter Lau nennt die Stadt

Eigenleistungsstadt – und meint damit eine Atmosphäre von Leben,

Arbeiten und Miteinander, die es so nicht in Dresden, nicht

in Leipzig und schon gar nicht in Hipster-Städten wie Berlin gibt.

Vielleicht ist Görlitz sogar ein Vorbild für die kommende Idee

einer Stadt (Seite 56).

Das klingt zu optimistisch? Übersieht die vielen Probleme,

die der Freistaat derzeit hat? Nein, es zeigt nur, was dieser Tage

gern übersehen wird: In Sachsen gibt es Licht und Schatten, wie

in jedem anderen Bundesland.

Susanne Risch, Chefredakteurin

susanne_risch@brandeinswissen.de

Impressum

Herausgeber: Freistaat Sachsen Chefredaktion: Susanne Risch Artdirection: Britta Max Chefin vom Dienst: Michaela Streimelweger

Grafik: Deborah Tyllack Redaktion: Renate Hensel, Sibylle Kumm, Peter Lau, Kathrin Lilienthal, Uwe Rasche Text: Johannes Böhme,

Søren Harms, Sven Heitkamp, Dorit Kowitz, Anika Kreller, Peter Laudenbach, Jochen Metzger, Andreas Molitor, Brigitta Palass,

Christian Sywottek Foto: Antonina Gern, Michael Hudler, Oliver Helbig, Kai Müller, Sigrid Reinichs, Anne Schönharting, Christian Ziegler

Illustration: Ulf K. / Sepia, Kia Sue Illustration Gesamtkoordination: Ketchum Pleon GmbH Konzept: brand eins Wissen,

© brand eins Wissen, Hamburg, 2016 www.brandeinswissen.de

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Inhalt

Machen!

Sachsen - Machen

Wissenschaft & Forschung in Zahlen // Seite 2

Editorial & Impressum // Seite 3

Die Aufholjagd // Seite 6

Vom Randgebiet zur Kernkompetenz: Wie Sachsen zum

Spitzenstandort für Biotech aufsteigen konnte.

Gut forschen & gut reden // Seite 16

Wissenschaftler sollen nicht nur Wissen schaffen, sondern

auch Verständnis, sagt IFW-Direktor Burkard Hillebrands.

Auf Landpartie // Seite 22

Vater & Sohn machen sich auf, Sachsen zu entdecken.

Hier geht was // Seite 24

Was hat Leipzig zur Boomtown gemacht? Junge Leute

und junge Unternehmen, Start-ups und Inkubatoren.

Heimat mit Zukunft // Seite 34

Ein 1200-Seelen-Dorf kann innovativer sein als jede

Großstadt. Das sorbische Nebelschütz macht es vor.

Der leise Visionär // Seite 42

Ein Chemnitzer Unternehmer experimentiert mit seinen

Häusern – und entwickelt ein desolates Quartier.

Ein Bonbon für Oobi-Ooobi // Seite 52

20 Sorten Eukalyptus – für einen Koala! Ein Leipziger

Gärtner und sein ungewöhnliches Geschäftsmodell.

Die Eigenleistungsstadt // Seite 56

Das Neue entwickelt sich nicht, wo wir es erwarten – es

wächst fern der Metropolen. Zum Beispiel in Görlitz.

„Oralverkehr? Nicht im Freiland!“ // Seite 66

Primatenforscher aus aller Welt treffen sich im Leipziger

Zoo. Warum? Das verrät der Biologe Gottfried Hohmann.

Durch dick und dünn // Seite 84

Tradition und Moderne in Torgau: Der älteste Spielwarenladen

Deutschlands lebt heute vor allem vom Internet.

Die Filmrevolution // Seite 100

Die Dresdner Firma Heliatek will Wolkenkratzer in Kraftwerke

verwandeln. Klingt abwegig, ist aber ganz vorn.

Auf Kurzurlaub // Seite 114

Wer in Hoyerswerda Großstadtgefühl sucht, geht zum

Friseur. Ein Besuch bei einem Ausnahmeunternehmer.

Saubere Sache // Seite 72

Wasserverschmutzung im Nanobereich ist kaum erforscht.

In Dresden geht man schon die Lösung des Problems an.

Zukunftsatlas Sachsen // Seite 88

Forschung & Lehre, Spitzenbranchen, Start-up-Kultur –

Sachsens wichtigste Erfolgsfaktoren im Überblick.

Was kostet die Welt? // Seite 104

Der Bodenbiologe Willi Xylander über die Milliarden von

Lebewesen unter unseren Füßen und ihren Wert in Euro.

Klang zum Anfassen // Seite 120

Musikinstrumente? Kommen aus dem Vogtland.

Das „Musicon Valley“ ist sogar Unesco-Kulturerbe.

Der Mensch im Mittelpunkt // Seite 76

Einst propagierte das Deutsche Hygiene-Museum bessere

Hygiene – jetzt wirbt es für ein bewussteres Leben.

„Ein perfektes Land, um Fremde zu integrieren“ // Seite 94

Heute Flüchtling, morgen Unternehmer: Der Syrer Yassin

Nasri plant eine ungewöhnliche Beschäftigungsinitiative.

Ganz großer Sport // Seite 110

Als Klempner kann man nichts Besonderes werden?

Nathanael Liebergeld hat es zum Weltmeister gebracht.

Sächsische Braukunst in Zahlen // Seite 131

Das Heft als App: b1.de/sachsen_machen_app

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Sachsen // Erneuern

Sachsen // FORSCHEN

- Machen

Sehr lebendig!

Die Aufholjagd

Den Boom der europäischen Biotech-Branche hätte Sachsen fast

verschlafen. Doch als der Startschuss einmal gefallen war,

gab es kein Halten mehr. Heute spielen Leipzig und Dresden

in der Wissenschafts-Bundesliga, einige dynamische Gründer haben

Weltniveau. Und die nächsten Laborversuche laufen schon.

Text: Sven Heitkamp

Foto: Michael Hudler

In den Tanks der Leipziger VITA 34 AG lagern

Blut und Gewebe von 14 500 Babys.

6 7


Sachsen // FORSCHEN

Sachsen // FORSCHEN

Ö

Ödnis gähnt am Deutschen Platz in Leipzig. Grasbüschel kämpfen

sich durch den Asphalt. Eine Bautafel, mit Politprominenz

enthüllt, weist in ferne Zukunft: Hier baut der Freistaat Sachsen

ein biotechnologisch-biomedizinisches Zentrum. So sieht es aus

im Frühling 2000 im Nirgendwo zwischen Alter Messe, Innenstadt

und Universität. Doch dann rollen die Bagger los.

Heute ist der Straßenzug vis-à-vis der Deutschen Nationalbibliothek

einer der innovativsten Hotspots der Stadt. Hinter den

modernen Fassaden der „Bio City“ mit Säulen, roten Klinkern

und viel Glas arbeiten Biotechnologen an Hightech-Lösungen

von morgen. Sämtliche Etagen sind ausgebucht mit Start-ups

und Uni-Lehrstühlen. Im „Bio Cube“ um die Ecke residieren ausgewachsene

Biotech-Unternehmen. Und nebenan ergründet ein

Max-Planck-Institut die Geschichte der Menschheit anhand vergleichender

Analysen von Genen und Kulturen. Ein Quantensprung

binnen 15 Jahren. Was ist geschehen?

Im Frühsommer 2000 verplant die von Ministerpräsident

Kurt Biedenkopf angeführte CDU-Landesregierung eine dreistellige

Millionensumme. Jeweils 100 Millionen Euro werden für den

Bau von neuen Bio-Innovationszentren in Leipzig und Dresden

bereitgestellt. Zugleich sollen an jedem Standort sechs Lehrstühle

mit 60 Personalstellen im Zukunftsbereich Biotechnologie

entstehen. „Wir müssen auf den fahrenden Zug aufspringen, bevor

er davonzieht“, sagt damals Minister Steffen Flath. Er hat die

enormen Wachstumsprognosen der neuen Schlüsseltechnologie

im Blick. Außerdem muss der junge östliche Freistaat weitere

Standbeine aufbauen, neben der anrollenden Automobilindustrie

und den Chip-Fabriken. „Nicht nur die Mikroelektronik“, sagt

Flath, „auch die Biotechnologie soll in Zukunft ein Markenzeichen

Sachsens sein.“

Die Kabinettsentscheidung wirkt wie ein Startschuss zur

Aufholjagd Sachsens in der europäischen Biotech-Branche, die

längst vorausgeeilt ist. „Wir hatten einen Rückstand zu anderen

Regionen von 10 bis 15 Jahren“, erinnert sich André Hofmann,

der Geschäftsführer des Branchen-Netzwerks „Biosaxony“. Der

Coup gelingt: Der Freistaat hat sich in die Bundesliga der dynamischen

Standorte für Biotechnologie hochgearbeitet, mit einer

exzellenten Forschungslandschaft und Dutzenden innovativen

Unternehmen. Heute zählt Sachsen mindestens 45 reine Biotech-

Firmen mit durchschnittlich 20 bis 50 Mitarbeitern und 250

anverwandte Unternehmen. Die Zahl ihrer Beschäftigten ist laut

Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) auf mehr als 2000 gewachsen.

Darüber hinaus befassen sich rund 1500 Wissenschaftler

in mehr als 30 Forschungseinrichtungen mit den Lebenswissenschaften

und verknüpfen sich in diversen Netzwerken. „Die

Biotechnologie“, sagt Dulig, „besitzt eine wichtige systemische

Funktion für etliche andere Branchen und Technologien.“ Anders

gesagt: Sie ist ein Mannschaftssport mit exzellenten Spielern.

Zu den Wachstumskernen gehören die Bio-Innovationszentren,

die 2003 in Leipzig und 2004 in Dresden starteten. Durch

die enge Verbindung von Lehrstühlen, verfügbaren Flächen und

Laborkapazitäten auf insgesamt 35 000 Quadratmetern wirken

sie wie Inkubatoren, in denen Life-Science-Start-ups laufen lernen

und wachsen können. Die Gründerzentren bieten günstige

Konditionen, Technologie und Service. Die Gründer profitieren

von kurzen Wegen und engen Kontakten zwischen Forschern,

Beratern und Dienstleistern. Sie bekommen Hilfe bei Anträgen,

Finanzierungsfragen und Marketing. Zu den ersten Mietern

zählen die Pflanzen-Fachleute von Bioplanta und die Nabelschnurblutbank

Vita 34, der Blutspendedienst Haema und der

Enzym-Entwickler c-LEcta (siehe folgende Seiten). Sie alle sind

inzwischen kräftig gewachsen und in Neubauten in der Nachbarschaft

umgezogen. Bis heute sind die Bio City in Leipzig und

das BioInnovationsZentrumDresden (BioZ) voll ausgelastet. Inzwischen

wird offen über Neubauten nachgedacht, um Raum für

kommende Start-ups und Spin-offs zu schaffen.

Planen, begeistern und ansiedeln

Die Landesregierung bewältigte den Marathon nicht allein. Entscheidend

waren Ansiedlungen großer Forschungsinstitute wie

das Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie in

Leipzig (IZI). Es wurde 2005 in der Bio City gegründet, eröffnete

2008 sein eigenes Institutsgebäude und beschäftigt heute

mehr als 550 Mitarbeiter. Eine Schlüsselrolle für Sachsen spielt

auch das Max-Planck-Institut für Molekulare Zellbiologie und

Genetik in Dresden. Als das Institut nahe dem Universitätsklinikum

Carl Gustav Carus 2002 eröffnet wird, zeigt sich schon an

der Gästeliste seine Bedeutung: Anwesend sind Kanzler Gerhard

Schröder, Ministerpräsident Biedenkopf und Max-Planck-Präsident

Hubert Markl. Heute forschen am MPI-CBG 500 Menschen

aus 50 Ländern an der Frage, wie sich Zellen zu Geweben

organisieren.

Gründungsdirektor war der Finne Kai Simons, der Zellbiologe

leitete das Haus bis zu seiner Emeritierung 2006. Ohne den

agilen, mitreißenden, heute 78-jährigen Mann wäre die sächsische

Erfolgsstory kaum denkbar. In den Achtzigerjahren rief er

am Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg

ein Forschungsprogramm ins Leben, das sich zu einem Kern

der molekularen Zellbiologie in Europa entwickeln sollte.

Ende der Neunzigerjahre wird Simons zum Max-Planck-Direktor

berufen, rund 100 Wissenschaftler und Experten aus dem

Raum Heidelberg ziehen mit ihm, um eine moderne Keimzelle

für Biowissenschaften in Deutschlands östlichster Großstadt zu

etablieren.

Damals ist Biotech in Dresden Neuland, und Simons macht

den Sachsen Beine. Es nütze wenig, das MPI als Elfenbeinturm

in biotechnologisches Niemandsland zu setzen, macht er ihnen

klar. Weitere Partner und Ansiedlungen müssten her: Forschungsinstitute,

Gründungsschmieden und Firmen, die Brücken bauten

und ein Umfeld für den Aufschwung schafften. Die Politik zog

mit. „Biedenkopf und die Minister Kajo Schommer und Hans

Joachim Meyer wussten: Das ist die Zukunft“, erinnert sich

Simons. Ein wenig mehr von diesem Gründungselan könnte

heute nicht schaden, findet er. „Die Forschung ist da. Aber wir

brauchen einen stärkeren Technologietransfer, um noch mehr

Ergebnisse in Produkte, Industrien und Arbeitsplätze umzusetzen.“

Nötig wären noch mehr Strukturen für weiteres Wachstum

und Ansiedlungen. Was daraus dann werden kann, macht der

quirlige Forscher gleich vor – mit seiner Firma Lipotype, die er

2012 gegründet hat (siehe Seite 13).

Kai Simons ist nicht der Einzige, der in Sachsens Aufbruchjahren

für Bewegung sorgt. Da ist auch der preisgekrönte Münsteraner

Zellforscher Wolfgang Göhde. Zur Jahrtausendwende

baut er in seiner Geburtsstadt Görlitz einen Schwesterbetrieb seiner

Diagnostikfirma Partec auf. Der Standort wächst dank seiner

besonderen Produkte: Die simplen, robusten und schuhkartonkleinen

Diagnoselabors für HIV, Malaria oder Tuberkulose werden

in Schwellenländern dringend gebraucht. 2013 kauft der

japanische Konzern Sysmex das Familienunternehmen. Göhde

und sein Sohn Roland mischen derweil eifrig in Sachsens Biotech-Netzwerken

mit, zeitweise auch im Vorstand des Branchenverbandes.

Auch der lebhafte Unternehmer Wilhelm Zörgiebel zählte

Anfang der Neunzigerjahre zu den Biotech-Pionieren. Nicht lange

nachdem Kanzler Helmut Kohl im Dezember 1989 vor der Ruine

der Frauenkirche eine historische Rede hält, kündigt Zörgiebel seinen

gut dotierten, aussichtsreichen Job in München, packt seine

Koffer und bricht mit Frau und Kindern nach Dresden auf. Schon

bald beginnt der mutige Macher, die Deutschen Werkstätten

Hellerau zu sanieren und das historische Gebäudeensemble zum

Teil in ein Innovationszentrum für Biotechnologie zu verwandeln.

Zörgiebel steht nie still und engagiert sich stets auch für die

Entwicklung seines Standortes.

In Dresden entstehen derweil immer neue Forschungsinstitutionen,

die bald internationales Spitzenniveau erreichen: Das

Max Bergmann Zentrum für Biomaterialien etwa bringt seit 2002

Forscher von Werkstoffwissenschaft und Bioengineering zusammen.

Am 2006 gegründeten Zentrum für Regenerative Therapien

(CRTD) der TU Dresden, finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft

und der Exzellenzinitiative, ergründen fast

300 Grundlagenforscher und Mediziner Selbstheilungsprozesse

und regenerative Therapien für bisher unheilbare Krankheiten.

Und das renommierte Zentrum für Medizinische Strahlenforschung

in der Onkologie, kurz: OncoRay, optimiert seit 2005

Strahlentherapien gegen Krebs. Nicht von ungefähr genießt die

TU Dresden heute den Status einer Exzellenz-Universität. Und

auch die Wirtschaft profitiert: Aus der Forschung entstehen

Start-ups wie die Zellmechanik Dresden. Das fünfköpfige Gründerteam

– 2015 als Spin-off gestartet – entwickelt und produziert

ein Forschungsgerät, das binnen Minuten die mechanischen Eigenschaften

von Zellen bestimmen und krankhafte Deformationen

erkennen kann.

Finanzieren, motivieren und halten

Das Einzige, was Sachsen bis heute weitgehend fehlt, sind biotechnologische

Großunternehmen. Zu den seltenen Ausnahmen

zählt der Konzern GlaxoSmithKline, der in Dresden mit mehr als

700 Mitarbeitern Grippe-Impfstoffe für den Weltmarkt herstellt.

Die B. Braun Melsungen AG produziert mit ebenfalls mehr als

700 Mitarbeitern in Radeberg und Berggießhübel Dialysatoren

für die Blutwäsche, bis 2018 soll ein neues Werk in Wilsdruff

gebaut werden. Aber weitere Ansiedlungen großer Pharmafirmen

wären wichtig.

André Hofmann, 39, gebürtiger Sachse und Diplomingenieur

für Biotechnologie, kennt jeden namhaften Akteur in der Biotech-Branche

seiner Heimat. Das muss er auch als Geschäftsführer

von Biosaxony, jenem Verein, der sich um den Informationsaustausch

und mögliche Synergien kümmert. Dem Netzwerk

gehören heute fast 120 Mitglieder aus Wissenschaft, Wirtschaft

und Verwaltung an. Kürzlich hat der Verein den „Life-Sciences-

Atlas Sachsen“ herausgebracht, ein Internetportal, das sie alle

vorstellt.

Hofmann kennt Licht und Schatten der Branche, er spricht

auch über die Aufgaben der Zukunft. Nummer eins: In Sachsen

fehlen noch Risikokapitalgeber, die eine Gründung oder einen

Wachstumsschub junger Unternehmen begleiten. Ist ein Start-up

erfolgreich und bereit zu wachsen, droht die Gefahr, dass es mit

seinem Know-how abwandert und dem Geld großer Investoren

in andere Regionen folgen muss. „Wir bräuchten mehr Geld im

System, um einen Start in den Markt zu begleiten und Abwanderungen

in andere Regionen zu verhindern“, sagt Hofmann.

Nummer zwei: Sachsens herausragende Wissenschaftslandschaft

ist ein beliebtes Biotop, in dem Forscher gern arbeiten –

und deshalb meist lange bleiben wollen. „Wir würden uns jedoch

wünschen, dass noch mehr Wissenschaftler den Sprung ins

eigene Unternehmen wagen“, sagt Hofmann. Seine gegenwärtige

Bilanz dürfte Mut machen: „Wir haben zwar noch nicht den

Stand von großen Playern wie München oder Heidelberg erreicht,

aber in relativ kurzer Zeit einen riesigen Sprung gemacht.“

Nun seien neue Wachstumsstrategien nötig: „Wir können uns

nicht auf den Erfolgen ausruhen“, findet André Hofmann.

Es ist Zeit für die nächsten Bautafeln in Biosaxony.

8 9


Sachsen // Forschen

Das biologische Quartett

Vier Beispiele für den Stand sächsischer Biotechnologie.

i. Enzyme zum Frühstück

Mit seiner Firma c-LEcta entwickelt Marc Struhalla

maßgeschneiderte Zutaten für einen gesünderen Alltag.

Gut, dass die Numerus-clausus-Latte für Biochemie so hoch

hängt, als Marc Struhalla 1994 einen Studienplatz sucht. Trotz

Einser-Noten kommt der Abiturient aus der Nähe von Osnabrück

damals nur im entfernten Leipzig unter. Heute, einige Weichenstellungen

später, leitet der 41-Jährige in seiner Universitätsstadt

eines der Flaggschiffe der sächsischen Biotechnologie: c-LEcta

kreiert maßgeschneiderte Enzyme und Mikroorganismen für

Lebensmittel, Waschmittel und Medikamente. Die biologischen

Stoffe können etwa das Acrylamid in Chips, Cornflakes und

Kaffee, das potenziell das Krebsrisiko erhöht, blockieren oder dabei

helfen, Grasflecken aus Jeans zu waschen. Sie sind sogar imstande,

Orangenreste wie Grapefruit schmecken zu lassen. Die

Kunden der Leipziger Firma heißen Henkel, BASF oder Evonik,

sie sitzen in ganz Europa und in den USA. Die ersten Produkte

mit c-LEcta-Inhalt stehen bereits in den Läden. „Ich hoffe“, sagt

Struhalla, „dass in einigen Jahren in vielen Alltagsdingen c-LEcta

steckt.“

Struhallas Firma unterstützt ihre Kunden von der Ideenfindung

bis zur Patentierung und Marktreife. Aktuell arbeitet sein

Team mit einer dänischen Nestlé-Tochter an der Verbesserung

von Milchersatzprodukten für Säuglinge. Sie sollen künftig ähnliche

Schutzfunktionen haben wie Muttermilch. Für die Herstellung

dieser nützlichen Spezialzucker hat c-LEcta biotechnologische

Wege gefunden. „Wir kümmern uns darum, wie aus günstigen,

nachwachsenden Rohstoffen neue, hochwertige Produkte werden

können“, sagt Struhalla. „Die Natur erzeugt nur Enzyme, die sie

benötigt. Aber der Mensch kann sie für seine Zwecke abwandeln.“

Dazu wird der DNA-Code der Ausgangsstoffe so lange verändert,

bis das Enzym die gewünschten Eigenschaften aufweist.

Ausgangspunkt für die Neuentwicklungen ist eine hauseigene

Sammlung von Tausenden Mikroorganismen, deren Eigenschaften

c-LEcta bereits identifiziert hat.

Den Absprung in die Selbstständigkeit wagt Marc Struhalla

kurz nach der Promotion 2004, er ist damals wissenschaftlicher

Mitarbeiter im Institut für Biochemie. „Wir hatten eine Screening-

Technologie patentiert, um mit sehr hohem Durchsatz die Eigenschaften

von Enzymen zu analysieren.“ Auf dieser Basis ein

Unternehmen aufzubauen reizt ihn mehr als die akademische

Laufbahn – der Nachwuchs-Forscher zieht mit seinem Spin-off

in die Bio City. Die ersten Jahre sind hart, die Eltern müssen ihm

Geld leihen. Doch dann akquiriert der Jungunternehmer sechsstellige

Summen aus Gründerfonds und Beteiligungsgesellschaften.

Endlich nimmt sein Start-up Fahrt auf. Aus den Gründungsbüros

in der Bio City zieht c-LEcta 2013 in einen benachbarten

Neubau und beschäftigt dort inzwischen mehr als 50 Mitarbeiter.

Seit 2014 ist das Unternehmen profitabel, der Umsatz liegt bei

vier Millionen Euro.

Als Firmengründer hat sich Marc Struhalla noch einmal

bewusst für Leipzig entschieden. Eine gute Wahl, wie er findet:

„Die Leute hier ziehen an einem Strang, sie wollen den Standort

wirklich nach vorne bringen.“

Hier wird getrennt und markiert (links unten), produziert und

fermentiert (oben), getüftelt und getestet: Mit mehr als 50

Mitarbeitern in der Bio City entwickelt c-LEcta- Firmenchef Marc

Struhalla (links) heute Enzyme für die unterschiedlichsten

Anwendungen und Kunden.

ii. Die Blutbank der Babys

Vita 34 ist unter dem reiselustigen Chef André Gerth zur größten

privaten Nabelschnurblutbank in Deutschland gewachsen.

Eigentlich wollte André Gerth als junger Mann in der DDR Journalist

werden – um reisen zu können. Das redete ihm der Vater

aus. Gerth sieht heute dennoch viel von der Welt – als Vorstandsvorsitzender

der Leipziger Nabelschnurblutbank Vita 34. Das

börsennotierte Unternehmen hat Tochterfirmen und Partner in

mehr als 20 Ländern in Europa und weltweit. Es bietet Eltern die

Chance, Blut und Gewebe der Nabelschnur ihrer Neugeborenen

bei minus 190 Grad in einer Kältestarre einzulagern. Mit diesen

Depots lassen sich später medizinische Präparate herstellen,

die bei bestimmten schweren Krankheiten helfen können. Aus

Stammzellen lassen sich neue Blutzellen und Organgewebe entwickeln.

Bei 30 Behandlungen von Blut- und Krebserkrankungen,

kindlichen Hirnschäden und Diabetes Typ 1 kamen schon

Vita-34-Depots zum Einsatz.

Das Unternehmen ist mittlerweile die größte private Nabelschnurblutbank

für die medizinische Versorgung mit Stammzellen

im deutschsprachigen Raum. Mehr als 2000 Geburtskliniken

in Europa sind an das System angeschlossen. Entsprechend geschult,

können sie nach einer Entbindung die Präparate direkt

nach Leipzig liefern. In den mit Stickstoff gekühlten Edelstahltanks

in der Konzernzentrale lagern heute Blut und Gewebe von

14 500 Babys. Etwa 5000 Stammzellen-Depots sind nicht nur für

das jeweils eigene Kind angelegt, sondern – sofern medizi-

10 11


Sachsen // FORSCHEN

nisch geeignet – von den Familien für Spenden freigegeben.

Öffentliche, kostenlose Nabelschnurblutbanken bieten nur einen

Bruchteil dieses Angebots.

Hinter André Gerth liegt ein weiter Weg: Um sein Fernweh

auch ohne Journalismus stillen zu können, studiert und promoviert

er am Institut für Tropische Landwirtschaft in Leipzig. 1991

startet der damals 28-jährige Agraringenieur zunächst sein Unternehmen

Bioplanta und baut eine pflanzliche Stammzell-Datenbank

auf. Bioplanta konserviert Gewebe – besonders von Arzneipflanzen

– mittels Kälteschlaf und stellt Wirkstoffe für die

Forschung und die pharmazeutische Industrie bereit. Gerths

Bioreaktor-Technologie zur Produktion von Pflanzenstammzellen

ist preisgekrönt.

Zur selben Zeit gründet 1997 der Immunologe Eberhard

Lampeter Vita 34. Beide Unternehmen ziehen 2003 als erste Mieter

in die Bio City, 2012 werden sie zusammengelegt. Lampeter

scheidet aus, Gerth wird Vorstandschef und wechselt mit Vita 34

in den benachbarten Bio Cube. Heute beschäftigt das Unternehmen

rund 150 Mitarbeiter in Europa, davon 100 in Leipzig, und

entwickelt sich ständig weiter. So sucht Vita 34 nach zusätzlichen

Quellen zur Gewinnung von Stammzellen, etwa aus Zähnen,

Haaren oder Fettgewebe. Außerdem will man neue therapeutische

Anwendungen erschließen – etwa 1,5 Millionen Euro fließen

jährlich in die Forschung. „Zehn Mitarbeiter sind nur damit beschäftigt“,

sagt André Gerth nicht ohne Stolz. Erst kürzlich wurde

Vita 34 als Top-Innovator des Mittelstands ausgezeichnet.

André Gerth (oben) war der erste Mieter in der Bio City. Sein

Unternehmen Vita 34 ist inzwischen zur größten privaten

Nabelschnurblutbank in Deutschland gewachsen.

Kai Simons (rechts) krönte sein Forscherleben mit einem eigenen

Unternehmen: Der ehemalige Max-Planck-Direktor gründete

Lipotype vor zwei Jahren, im Alter von 75.

III. Fette wie FlöSSe

Lipotype, das Unternehmen des ehemaligen Max-Planck-Direktors

Kai Simons, spürt Fette in unserem Blut auf.

Sein ganzes Forscherleben hat sich Kai Simons mit Zellen und

ihren Membranen beschäftigt. Er war schon Mitte 70, als er,

einst Direktor des Dresdner Max-Planck-Instituts für Molekulare

Zellbiologie und Genetik, sein Know-how in eine Firma münden

ließ: Lipotype. Das Dresdner Unternehmen ging 2014 an den

Start, beschäftigt heute elf Mitarbeiter und ist gut im Geschäft.

Lipotype bietet Analysen von Lipiden im Blut und anderen

biologischen Proben. Eigentlich kein Wunderwerk. Doch die

Dresdner können Fette aus Tausenden von Proben fünf- bis

zehnmal schneller, umfassender und genauer bestimmen als herkömmliche

Verfahren. „Unsere Technologie ist weltweit führend“,

sagt Prokurist Oliver Uecke. Eine durchschnittliche Analyse dauere

nur noch fünf statt sonst 30 Minuten. Bei langwierigen Forschungsprojekten

könne die Zeitersparnis für Kunden mehrere

Monate betragen. Der 35-jährige Uecke weiß, wovon er redet:

Vor seiner Zeit bei Lipotype hat er über Entrepreneurship in der

Biotechnologie promoviert und an der TU Dresden Start-ups

begleitet. Dort lernte er auch Kai Simons kennen.

Gebraucht werden Lipotypes Messtechnik und die hauseigene

Software zur Analyse von Daten in der Lebensmittelindustrie,

in der Medizin, Pharmazie und Biotechnologie, auch die Kosmetikbranche

zeigt sich interessiert. Schon jetzt hat das Unternehmen

mehr als 50 Kunden. Dazu gehören Universitäten wie die

renommierte Yale University in New Haven (Connecticut), klinische

Forschungseinrichtungen wie die Berliner Charité sowie

große Unternehmen, etwa der Lebensmittel-Technikkonzern

Evolva. Auch mit dem Nestlé Institute of Health Sciences gibt es

inzwischen eine Kooperation.

Entstanden ist die Firmenidee 2011. Als ein Forscher aus der

Lebensmittelindustrie Simons in seinem Institut besucht, spricht

man unvermittelt über Chancen zur Entwicklung gesünderer

Nahrungsmittel. Simons reagiert schnell: Von 2012 an baut er die

Firma als Spin-off des Max-Planck-Instituts auf, beschafft Probenroboter

und Massenspektrometrie-Geräte. Die stehen heute

in den Laborräumen der Firma im Dresdner BioInnovationsZentrum.

Dort bietet Lipotype seine Dienste und Lizenzen für die

Technologie an und entwickelt neue Verfahren weiter. Auch eine

zweite Firma ist geplant. Sie soll gesundheitsbewussten Menschen

ermöglichen, private Proben einzuschicken, um mehr über

die Fette in ihrem Blutbild zu erfahren.

Simons Spezialgebiet war schon immer die Zellmembran: Jene

Hülle, welche die menschlichen Zellen umschließt und aus Fettmolekülen

besteht – den Lipiden. Deren Formen erinnern den Finnen

an Flöße aus Baumstämmen, die übers Wasser treiben. Kai Simons

nannte sie deshalb Lipid Rafts: Fett-Flöße. Es gehört zu seiner Art

von Humor, dass sich Lipotype auf Messen und Kongressen bildhaft

präsentiert: mit einem aufblasbaren Kanu.

12 13


Sachsen // FORSCHEN

IV. Gespür für gute Geschäfte

Der agile Unternehmer Wilhelm Zörgiebel bringt reihenweise

innovative Biotech-Firmen zum Laufen.

Wilhelm Zörgiebel ist vor 26 Jahren aus Bayern an die Elbe

gezogen und hat mit der Sanierung der Hellerauer Werkstätten

den Grundstein für ein kleines Biotech-Imperium gelegt.

In den historischen Gemäuern wird seitdem Zukunft gemacht.

Als Wilhelm Zörgiebel 1990 aus München nach Dresden zieht,

hat er wenig Ahnung von Biotechnologie – aber ein gutes

Gespür für neue Themen. Der Wirtschaftsingenieur, der an der

TH Darmstadt studiert und an der Harvard Business School

über Innovationsmanagement promoviert hat, unterstützt nach

der Wende große DDR-Kombinate bei der Privatisierung. 1992

schlägt er selbst zu und kauft mit zwei Partnern die historische

Möbelmanufaktur Deutsche Werkstätten Hellerau. Es ist der

Grundstein für eine Erfolgsstory – heute floriert die Möbelproduktion,

das Gebäudeensemble ist saniert und ein Ort der Innovation

geworden. Zörgiebel, mittlerweile 63 Jahre alt, hat in zwei

Jahrzehnten ein kleines, feines Imperium von Biotech-Firmen

aufgebaut: die Molecular Diagnostics Group mit 150 Mitarbeitern

und 20 Millionen Jahresumsatz.

Mitte der Neunzigerjahre gründet der Neu-Dresdner mit

dem umtriebigen Mikrobiologen Jörg Gabert zunächst die Labor

Diagnostik GmbH Leipzig (LDL), ein Servicelabor für Tiermedizin.

Man entwickelt schnelle Testsysteme für die Fleischverarbeitung,

es geht um Salmonellen bei Schweinen und um BSE. Die

LDL wird zu einem führenden Diagnostikanbieter – und gehört

seit 2011 als veterinärmedizinisches Kompetenzzentrum zum

Biotech-Konzern Qiagen.

1998 entdeckt Zörgiebel bei einer Israel-Reise mit dem Wirtschaftsministerium

Start-ups, die mit Gentests hantieren. In dieses

Wachstumsfeld will er auch und gründet mit seinem Kompagnon

Gabert 1999 die nächste Firma, den DNA-Spezialisten

Biotype. „Die Forensik war ein spannendes Feld“, sagt Zörgiebel

heute. „Die Kriminalämter begannen, Täterdatenbanken aufzubauen,

und wollten ein eigenes, deutsches Diagnostiksystem,

keines aus den USA.“ Biotype wird ein weiterer Erfolg und geht

2009 eine Liaison mit Qiagen ein.

Als Nachfolgerin entsteht die Neugründung Biotype Diagnostic,

sie überträgt die Gentechnik-Kenntnisse auf die Medizin.

Das Unternehmen entwickelt Testsysteme für eine personalisierte

Diagnostik, darunter ein Verfahren, das den Erfolg von Knochenmarktransplantationen

überwacht. Und die Firmengruppe wächst

weiter, 2014 kommt Rotop Pharmaka hinzu, am Forschungszentrum

Rossendorf auf nuklearmedizinische Diagnostik spezialisiert.

2015 startet Biotype Diagnostic mit Qiagen die Biotype

Innovation. Das Joint Venture entwickelt neue Testverfahren,

beispielsweise für die Molekulardiagnostik zur Krebserkennung.

Zörgiebel, der schon Anfang des Jahrtausends die Firma

Qualitype als Software-Dienstleister für biotechnologische Anwendungen

gegründet hatte, ist ein unruhiger Geist geblieben.

Die Entwicklung in Sachsen geht ihm manchmal zu langsam.

„Wir sind ein Standort mit exzellenten Spielern und internationaler

Wahrnehmung“, sagt er. „Aber ich wünschte mir mehr Flächen

und Fonds für Gründer und eine aktive Führungsfigur, so etwas

wie einen Innovationsmanager.“ Für die Rolle wäre Wilhelm

Zörgiebel wohl auch selbst sehr qualifiziert.

Kulturgenuss und Shopping

Rendezvous mit Leipzig

Lernen Sie Flanieren.

Das Wort Flanieren ist etwas aus der Mode gekommen. Vermutlich, weil man in den meisten

Städten gar nicht flanieren kann. In Leipzig ist das anders. Hier können Sie durch ausgedehnte

Gründerzeit-Passagen schlendern, die die Altstadt wie ein Netz durchziehen. Museen, Galerien

und viele Sehenswürdigkeiten erreichen Sie bequem zu Fuß. Bei uns wird Shopping zum

entspannten Spaziergang. Und wenn Sie eine Pause brauchen, haben Sie die Wahl zwischen

unzähligen Restaurants und Cafés. Am Abend erwarten Sie Oper und Konzert.

Wir freuen uns auf Sie und Ihr ganz persönliches Rendezvous mit Leipzig.

www.leipzig.travel

14 15


Sachsen // Begeistern

Gut forschen

& gut reden

Nanophotonik, flexible Magnetsensoren und topologische Isolatoren:

Wie erklärt man so etwas der Öffentlichkeit? Und warum?

Ein Gespräch mit Professor Burkard Hillebrands, dem

Wissenschaftlichen Direktor und Vorstand des IFW in Dresden,

über den Sinn der Öffentlichkeitsarbeit in der Grundlagenforschung.

interview: Søren Harms, Jochen Metzger

foto: Michael Hudler

Der Physiker Burkard Hillebrands, 59,

wurde im Sommer 2016 Wissenschaftlicher

Direktor des Leibniz-Instituts für

Festkörper- und Werkstoffforschung (IFW)

in Dresden. Seit 1995 forscht und

lehrt er an der Technischen Universität

Kaiserslautern, wo er von 2006 bis 2014

auch als Vizepräsident fungierte.

16 17


Sachsen // Begeistern

Sachsen // Begeistern

P

Professor Hillebrands, das IFW betreibt

vor allem Grundlagenforschung. Derzeit

laufen bei Ihnen Hunderte von Projekten,

etwa zu Details aus der Quantenphysik,

die kaum ein Laie verstehen

dürfte. Trotzdem versuchen Sie, Ihre

Forschung auch der breiteren Öffentlichkeit

nahezubringen. Wie kann das

gelingen?

Das gelingt, indem man einzelne Beispiele

herausgreift, an denen man zeigt, wozu

etwas gut sein kann. Ich rede nicht gern

von Grundlagenforschung hier und angewandter

Forschung dort. Das zementiert

nur einen Gegensatz, den es in der Form

gar nicht mehr gibt. Zumindest nicht bei

uns am IFW. Wir machen Grundlagenforschung,

die immer ein Auge auf mögliche

Anwendungen hat. Und das können wir

der Öffentlichkeit auch vermitteln. Zugegeben,

manche Forschungsgebiete eignen

sich dafür besser als andere. Etwa das

Thema Thermoelektrik …

... also Materialien, die Wärme in Strom

umwandeln können.

Genau. Diese Materialien haben im Moment

noch keinen besonders hohen Wirkungsgrad.

Dennoch gibt es für sie schon

heute viele Anwendungen – nämlich

überall dort, wo Sie vor Ort Elektrizität

erzeugen müssen, weil Sie keine Leitung

legen können. Denken Sie an Sensoren,

die der Sicherheit von Brücken dienen.

Mit dieser Technik sind wir auch mittendrin

in der Industrie 4.0, also bei dem, was

die Privatwirtschaft interessiert.

Gehört es zu Ihren Zielen, das IFW stärker

in die Medien zu bringen?

Ganz sicher.

Warum?

Ob ein einzelner Zeitungsartikel etwas

bringt, kann man natürlich schwer sagen.

Wissens Wert

Trotzdem muss man gut forschen – und

gut darüber reden, um das Interesse an

unserer Arbeit wachzuhalten. Es besteht

immer die Gefahr, dass in der Diskussion

zu kurz gedacht wird, nach dem Motto:

Lass uns endlich das absolut energieeffiziente

Wundermaterial entdecken. Aber

so funktioniert Forschung nicht. Und genau

das müssen wir vermitteln.

Worin liegt denn der gesellschaftliche

Nutzen von Grundlagenforschung?

Wissen ist die Grundlage unseres Zusammenlebens,

die Basis einer modernen Gesellschaft.

Alle technologischen Entwicklungen

beruhen auf Grundlagenforschung,

aus ihr kommen die neuen, richtungsweisenden

Ideen. Nehmen Sie die Teflon-

Bratpfanne. Oder das GPS-Ortungssystem,

das auf Einsteins Relativitätstheorie

basiert. Man muss die Grundlagen erkennen,

um die Welt besser zu verstehen –

und findet dabei Anwendungen, an die

vorher kein Mensch hat denken können.

Unsere sehr ausdifferenzierte Wissensgenerierung

ist ein großes Pfund. Aber wenn

wir die Grundlagenforschung nicht auf

höchstem Niveau pflegen, fehlt uns bald

der Brennstoff für neue Technologien.

Wie vermitteln Sie das der Öffentlichkeit

am besten?

Es passiert schon eine Menge. Nehmen Sie

die Dresdner „Lange Nacht der Wissenschaften“:

Da strömen Tausende Besucher

aller Altersklassen durch die Labore und

wollen alles wissen. An solchen Abenden

haben wir auch die nötige Muße, den Leuten

Antworten zu geben. In diesem Jahr

stand das Thema Supraleitung im Fokus.

Ihre Modellbahn „SupraTrans“ sorgt

immer wieder für staunende Besucher:

Zwei Personen gleiten in einem Wagen

über einem Gleis – und der Wagen

schwebt.

Links: Ultrahoch-Vakuum-Kammern, in denen Materialien in Schichten zerlegt

werden können, die nicht dicker sind als eine Atomlage.

Rechts: In der Formelwand, geschaffen von Maler Stefan Schröder und

IFW-Mitarbeiterkindern, treffen sich Kunst und Wissenschaft.

Name und Logo der „Leibniz-

Gemeinschaft“ wurden 2002 aus

Marketing-Gründen eingeführt.

Darunter fallen knapp 90 Institute aus

ganz Deutschland, die in so

unterschiedlichen Feldern wie der

Erwachsenenbildung, der Raumentwicklung,

der Nutztierbiologie und

der Marinen Tropenökologie forschen.

Mit etwa 500 Mitarbeitern gehört das

Dresdner Leibniz-Institut für Festkörperund

Werkstoff forschung (IFW) zu den

großen Häusern der Gemeinschaft.

Es ist 1992 aus dem früheren

Zentralinstitut für Festkörperphysik und

Werkstofforschung der Akademie

der Wissenschaften der DDR

hervorgegangen, das zu DDR-Zeiten

bereits international renommiert war.

Die gibt es schon seit fünf Jahren, deshalb

haben wir diesmal andere Anwendungen

in den Blick gerückt. Zum Beispiel haben

wir mit der TU Dresden völlig neuartige

Lager für Textilmaschinen entwickelt: Bei

denen senkt bislang die Reibung zwischen

dem rotierenden Metallring mit dem Faden

und dem Läufer die Produktivität. Da

bringen supraleitende Magnetlager enorm

viel, denn die arbeiten reibungsfrei.

Ein anderer IFW-Hit war das „Lexus

Hoverboard“. Die japanische Automarke

hat mit Ihrer Hilfe eine Art fliegendes

Skateboard gebaut, das vier Zentimeter

über einem Gleis schwebte. Das sah

schon ziemlich nach dem Skateboard

aus der Zukunft aus, das Marty McFly,

die Hauptfigur des Achtzigerjahre-Films

„Zurück in die Zukunft“, benutzt hat. Der

Lexus-Werbeclip war ein großer Erfolg,

bei Youtube wurde er 14 Millionen Mal

geklickt.

Ja, auch dieses Board hat enorm zur Sichtbarkeit

des Hauses in der Öffentlichkeit

beigetragen. Von solchen Aktionen brauchen

wir noch mehr. Die sind für Anwender

spannend und zugleich dankbare Themen

für die Öffentlichkeit. Der Weg dahin

führt allerdings über knallharte Quantenphysik.

Und er ist sehr lang.

Was haben Sie in den kommenden Jahren

vor?

Ich würde mir wünschen, dass unser

Institut eine Kultur entwickelt, in der

noch viel stärker an die Öffentlichkeitsarbeit

gedacht wird. Dadurch sichern

wir schließlich die Ressourcen für unsere

Forschung.

Nur: Wie schafft man so einen Mentalitätswandel?

Die Kollegen hier im Haus

haben ja schon jetzt genug zu tun. Es ist

meine Aufgabe, ihnen noch stärker klarzumachen,

worin der Wert einer guten

Öffentlichkeitsarbeit liegt. Die Öffentlichkeit

ist schließlich kein Monolith, sondern

eine Sammlung ganz unterschiedlicher

Akteure: Die lokale Bevölkerung gehört

natürlich dazu, aber auch das Land Sachsen.

Das muss immer wieder gewonnen

werden, denn von dort kommt ein Großteil

unseres Geldes.

Was heißt das konkret?

Nun, Politiker entscheiden über das Geld,

das wir bekommen, also müssen sie angesprochen

werden. Dann haben wir noch

den Bund und die Leibniz-Gemeinschaft.

Auch dort muss man immer wieder klarmachen,

welchen Stellenwert dieses Institut

hat. Ein weiterer wichtiger Spieler ist

die Industrie, der Mittelstand. Und auch

die wissenschaftliche Gemeinschaft dürfen

wir nicht vergessen, denn die Basis unseres

Hauses ist das wissenschaftliche Renommee

– wenn man das nicht hat, kann

man alles andere vergessen.

Viel zu tun für eine Pressestelle.

Absolut. Wir unterhalten allein für die

Vernetzung mit der Europäischen Union

ein eigenes, kleines Referat. Ich möchte

auf dem Laufenden sein, wann und

18 19


Sachsen // Begeistern

wo Konsultationen in der EU stattfinden,

die Themen unseres Hauses betreffen.

Sie haben dieses Referat, um die vielen

Förderprogramme der EU im Blick zu

haben?

Nicht nur. Natürlich ist es gut, die aktuellen

Richtlinien zu kennen. Aber noch

besser ist es, wenn man Einfluss auf die

kommenden Richtlinien nehmen kann.

Die entstehen ja aus Konsultationsprozessen

– und die Politik holt sich ihren Input

von Spezialisten: Was soll als Nächstes

gefördert werden? Welche Schwerpunkte

sollen wir setzen? Da ist es gut, mit am

Tisch zu sitzen. Ein Haus wie das IFW

sollte sich in angemessener Form daran

beteiligen. Auch das ist eine Form der

Öffentlichkeitsarbeit.

Öffentlichkeitsarbeit kann auch den wissenschaftlichen

Nachwuchs im Auge

haben. Wie schwer ist es für Sie, gute

Leute zu bekommen?

Es läuft ganz gut. Wir haben am IFW sehr

viele Doktor- und Masterarbeiten, etliche

jüngere Post-Docs und auch sonstige Ausbildungsberufe.

Viele gute Leute. Das hat

mehrere Gründe: Dresden ist einerseits

ein exzellenter Wissenschaftsstandort, bietet

aber auch als Stadt eine Menge. Das

lockt die Leute an.

Wir haben beispielsweise gerade ein

Programm gestartet, mit dem wir neue

Nachwuchsprojekte suchen. Junge Post-

Docs können sich mit ihrem eigenen Forschungsprogramm

bewerben, die Thematik

ist relativ frei. Und wir sind erstaunt

über die vielen sehr guten Bewerbungen

aus aller Welt.

Welches Bild hatten Sie von der Stadt

Dresden und dem Freistaat Sachsen, als

Sie im Sommer 2016 am IFW begonnen

haben?

Ich komme vom anderen Ende der Republik,

dem äußersten Westen. Aber Sachsen

genoss für mich schon immer einen

exzellenten Ruf, insbesondere die Dresdener

Region. Ich mag die überaus große

Dichte und Leistungsfähigkeit der For­

schungslandschaft, die sich um eine Exzellenz-Universität

gruppiert – Dresden

wird als Wissenschaftsstandort in einem

Atemzug mit München oder Berlin genannt.

Außerdem mag ich die Offenheit

der Dresdner, das städtische internationale

Flair und die Kulturszene, vor allem im

Bereich Musik.

Dresden hat kein Image-Problem?

Von Phänomenen wie Pegida, die sehr

unschön sind und viel Aufmerksamkeit

von den Medien bekommen, darf man

sich nicht irritieren lassen. Es gibt einzelne

Wissenschaftler, die Dresden verlassen haben.

Aber die Bewerberlage auf international

ausgeschriebene Wissenschaftlerstellen

ist bei uns nach wie vor sehr gut.

Das Renommee Ihres Instituts ist hoch,

das kann man vom Ansehen der Stadt

derzeit nicht behaupten. Knirscht es da in

der Zusammenarbeit?

Nein. Die Stadt weiß, welche Schätze sie

besitzt, und hat stets ein offenes Ohr für

die Belange der Wissenschaft.

Wie sieht das konkret aus?

Zum Beispiel bringt sich die Stadt substanziell

in die erwähnte Lange Nacht der

Wissenschaften ein. Vor Kurzem hat sie

den Platz an der Frauenkirche für eine

Wissenschaftsausstellung zur Verfügung

gestellt. Sie organisiert Gesprächsrunden,

es gibt eine Vortragsreihe „Wissenschaft

im Rathaus/Theater“ und vieles mehr.

Dresden ist ein guter Partner.

Schwärmen Sie doch bitte auch mal,

wenn es um die Zukunft Ihres Instituts

geht: Was wird das nächste große Ding?

Woran wird bei Ihnen zurzeit gearbeitet?

Wir beschäftigen uns mit einer Reihe

spannender Projekte. Ein richtig heißes

Thema der Materialphysik sind gerade

topologische Isolatoren: Das Innere dieser

Kristalle wirkt wie ein Isolator, es blockiert

jeglichen Stromfluss, die Oberfläche

dagegen leitet Strom – das Material kann

also gleichzeitig als Isolator und elektrischer

Leiter agieren.

Dann wollen wir in den kommenden Jahren

einen sogenannten Quantenrepeater

herstellen – der soll die Übermittlung von

Quanteninformation über große Entfernungen

ohne Datenverlust ermöglichen.

Dabei stehen wir zurzeit in einem regelrechten

Wettlauf mit anderen Einrichtungen

– unser Vorteil ist jedoch, dass wir

hier alle Kompetenzen unter einem Dach

haben, von der theoretischen Physik über

die Materialentwicklung bis hin zum Design

der Bauelemente.

Ein drittes Beispiel: aufgerollte Nanomembranen.

Unser „Spermbot“ besteht

aus kleinen Spiralen, die mit einer magnetischen

Schicht aus Nickel und Titan überzogen

sind. Durch ein äußeres Magnetfeld

kann er Spermien zur Eizelle bringen. Die

Vision gibt es, auf dem Weg zur Anwendungsreife

haben wir allerdings noch einige

Probleme. Doch wenn das klappt, wird

es ein wirklich großes Ding.

Seit 1949 dürfen in Westdeutschland

mehrere Bundesländer gemeinsam ein

Forschungsinstitut finanzieren, wenn der

Geldbedarf für ein einzelnes Land zu groß

ist. Zwei Jahrzehnte später wurde der

Artikel 91b ins Grundgesetz aufgenommen.

Seitdem können Bund und Länder „in Fällen

überregionaler Bedeutung bei der

Förderung von Wissenschaft, Forschung

und Lehre zusammenwirken“. Nach der

deutschen Wiedervereinigung wurden viele

ostdeutsche Institute in die sogenannte

Blaue Liste der bundesweit geförderten

Einrichtungen aufgenommen. War es 1989

– noch vor der Wende – ein loser

Zusammenschluss von 47 Instituten, stieg

ihre Zahl in den folgenden drei Jahren auf

81. Unter den Neuzugängen war auch das

IFW. 2016 hatte das Dresdner Institut einen

Etat von 43 Millionen Euro: Je 16,5

Millionen kommen vom Bund und den

Ländern (davon 12,6 Millionen vom

Freistaat Sachsen), etwa 10 Millionen aus

Drittmitteln der Deutschen

Forschungsgemeinschaft e.V. und der EU

sowie der Industrie.

DIE VOLLENDUNG DES RENAISSANCEFLÜGELS

IM DRESDNER RESIDENZSCHLOSS

Neue Dauerausstellungen der Rüstkammer

ab 8. April

2017

Auf dem Weg zur Kurfürstenmacht und Kurfürstliche Garderobe

www.skd.museum

20


Sachsen // Reisen

Sachsen -// Machen Reisen

Auf Landpartie

Vater und Sohn? Kennt jeder!

Für unser Heft fuhr das dynamische Duo durch Sachsen.

Text: Peter Lau

Illustration: Ulf K. / SEPIA

Sie liebten und sie stritten sich, mal waren sie arm und mal reich, am Ende verwandelten

sie sich in einen Mond und einen Stern – und nie sprachen sie auch nur ein Wort:

Das waren Vater und Sohn, Hauptfiguren der gleichnamigen Serie und nach „Max und

Moritz“ das wohl berühmteste Paar der deutschen Bildergeschichte. Nur 192 schwarzweiße

und nahezu ausschließlich textfreie Episoden erschienen zwischen 1934 und 1938,

doch die Leser liebten die Geschichten um das merkwürdig frauenlose Paar so sehr,

dass sie schon bald als Klassiker galten. Das war allerdings auch ihr Untergang, denn

ihr Schöpfer zog es vor, sich aufgrund dieser Aufmerksamkeit von seinen Figuren zu

verabschieden.

Erich Ohser, der sich als Karikaturist jahrelang über den Aufstieg von Hitler und

seiner Verbrecherbande lustig gemacht hatte, durfte nach der Machtergreifung nicht

mehr publizieren – außer unter Pseudonym. „Vater und Sohn“ zeichnete er als E. O.

Plauen (seine Initialen und sein Geburtsort), was geduldet wurde, solange es niemanden

interessierte. Doch mit dem Erfolg standen auch die Nazis vor der Tür, die seine Schöpfungen

für ihre Propaganda nutzen wollten. Ohser machte einige Zeit mit, wurde 1944

aufgrund regimekritischer Äußerungen aber denunziert und ins Gefängnis gesteckt, wo

er sich kurz vor seinem Prozess das Leben nahm.

Erst 2015 kehrten Vater und Sohn zurück. Der Zeichner Ulf K. (Ulf Keyenburg),

der als der Poet des deutschen Comics gilt, und der Franzose Marc Lizano machten

exakt dort weiter, wo die alte Serie aufgehört hatte: Das Duo kehrt aus dem Himmel

zurück. Nun erleben sie wieder neue Alltagsabenteuer, mal verrückt, mal nah an der

Wirklichkeit – und stets ganz liebevoll. Für uns fuhren Vater und Sohn durch Sachsen,

die Heimat ihres Erfinders. Nebenan sehen Sie, wie es dazu kam. Die Urlaubspostkarten

der beiden finden Sie im weiteren Heftverlauf. Viel Spaß!

Abenteuerlustig!

22 23


Sachsen // GRÜNDEN

Hier geht was

Sie schrauben, schreddern und schneidern. Sie filmen,

programmieren und entwerfen. Und sie verkaufen sich gut.

Ein Besuch in den Hinterhöfen und Hightech-Schmieden einer der

am schnellsten wachsenden Städte Deutschlands: Leipzig.

text: Sven Heitkamp

Foto: Kai Müller

Handgefertigt und weltweit gefragt:

ein Longboard aus der Leipziger Shredderei.

Daneben Sebastian Mühlbauer, der Mann,

der es erschaffen hat.

Bastl-Bretter für die Welt

Feinste Fasern wirbeln durch die kleine

Werkstatt im alten Leipziger Tapetenwerk.

Eine Fräse dröhnt. In einer Wolke aus

Bambusspänen und Basaltstaub steht ein

Mann von Kopf bis Fuß in Kunststoff verpackt,

wie in einem Weltraumanzug, mit

Atemmaske und Schutzbrille. Vorsichtig

schneidet er mit der Fräse an einer Schablone

entlang ein Longboard aus einem

flachen Rohling. Man kann ihn dabei von

draußen beobachten, durch das kleine

Werkstattfenster der Shredderei, wie Sebastian

Mühlbauers Manufaktur heißt.

Die Geschichte des 34-Jährigen führt

von Passau über Leipzig bis nach Taipeh,

wo seine größten Fans leben. Sebastian

Mühlbauer, den alle nur Bastl nennen,

ist ein Mann mit dicken Rastalocken, studierter

Kulturwissenschaftler, notorischer

Skateboardfahrer und ehemaliger Snowboardlehrer.

2011 lässt er seine Heimat

Niederbayern und die akademische Laufbahn

hinter sich, um nach Leipzig zu

gehen. Die Stadt gefällt ihm, sie ist nicht

zu groß, liegt günstig, Freunde wohnen

dort. Und vor allem: Es gibt hier noch

keinen Shop für die langen, schnellen,

stabilen Skateboards, die Mühlbauer in

Handarbeit fertigen will, mit angeschlossenem

Laden und Café.

Mittlerweile produziert und verkauft

er mit vier Angestellten jeden Monat etwa

100 seiner „Bastl-Boards“. Er bietet neun

verschiedene, von Künstlern gestaltete

Modelle an, für 75 bis 240 Euro. Sie sind

in Skatershops in Madrid und Barcelona

zu finden, in Helsinki, Prag und Warschau,

in London und New York.

Der größte Markt des jungen Gründers

aber ist Asien, drei Viertel der Produktion

gehen heute dorthin. Ein taiwanesisches

Designerpärchen um die 50

hatte Mühlbauer im Internet entdeckt.

Die gläubigen Buddhisten und Inhaber

eines Skateboardladens in Taipeh sind

vernarrt in seinen Stil. Sie waren schon

mehrfach bei ihm in Leipzig und verkaufen

seine Bretter in Taipeh, Seoul und

Schanghai. Gerade sind sie dabei einen

Bastl-Boards-Conceptstore zu eröffnen.

Für Mühlbauer läuft es so gut, dass er

gerade eine weitere CNC-Fräse für seine

Werkstatt angeschafft hat. Er möchte die

Produktion auf 200 Boards im Monat

steigern. „Wir haben mehr Nachfrage, als

wir bauen können“, sagt er.

Herzensprojekte statt

Existenzkampf

Alles in Weiß: Wände, Decken, Lampen,

auch die zwei kleinen Nähmaschinen, die

in der Ecke stehen. Maria Seifert hält ihr

Ladenatelier in der Kirschbergstraße betont

dezent. So wird der Raum zur per-

24 25


Sachsen // GRÜNDEN

Sachsen // GRÜNDEN

fekten Kulisse für ihre Modekreationen,

die dort auf zwei Kleiderstangen hängen:

Culottes aus zertifizierter Bio-Baumwolle,

Filzmäntel, Strickpullover, schlichte Kleider

aus Piqué und Leinen.

Die Schneiderin ist auf dem besten

Weg, sich als Modedesignerin für nachhaltige,

zeitlos schöne Kleidung einen

Namen zu machen. Zwei Kollektionen für

Frauen ab Ende 20 entwirft die 34-Jährige

im Jahr, ihre Kundinnen kommen aus

ganz Deutschland. Teil ihres Konzepts ist

das Upcycling alter Stoffe zu neuen Textilien:

Sie verwendet Materialien aus Überproduktionen,

arbeitet mit Stoffresten

oder verwandelt ausgemusterte Armeedecken

in luftig-leichte Sommerkleider.

Eine ganze Kollektion hat sie aus leuchtend

bunten Saris entwickelt, die ihr eine

indische Frauenkooperative liefert. „Das

sind Herzensprojekte“, sagt sie, „auch

wenn sie viel Zeit kosten.“

Maria Seifert, deren Oma schon Maßschneiderin

war, hat an der Berliner HTW

Modedesign studiert und später als Freiberuflerin

für Film, Fernsehen und Messen

gearbeitet. Vor ein paar Jahren bringt sie

ein befreundeter Produktdesigner auf das

Thema Naturtextilien: Das passe zu ihr.

Er soll recht behalten, die Designerin landet

sofort einen Coup: Ihre erste Kollektion

bekommt 2010 einen Platz in einer

Ausstellung zu „Fair Trade Cotton“, die

das Berliner Deutsche Guggenheim-Museum

zeigt.

Trotz des Erfolgs zieht es sie vier

Jahre später zurück in ihre Geburtsstadt

Leipzig. „Berlin ist zu übersättigt, zu

oberflächlich, zu stressig“, sagt sie. „Da

gehst du unter.“ Für Fachmessen wie den

„Green Showroom“ während der Fashion

Week kommt sie ab und zu noch in die

Hauptstadt, aber dauerhaft empfindet sie

das Leben dort zu sehr als Existenzkampf.

„Wenn du in Prenzlauer Berg einen

Laden aufmachst, sind da immer noch

zehn andere“, hat die Designerin gelernt.

„Ich hätte einen Riesenkredit aufnehmen

müssen, um mich zu präsentieren.“ In

ihrer neuen alten Heimatstadt dagegen ist

sie fast die Einzige, die grüne Mode auf

ihrem Niveau anbietet, und Fördermittel

bekommt sie auch noch.

Leipzig, findet Seifert, ist offener, bodenständiger,

verbindlicher und entspannter.

„Hier kann ich mich entwickeln. Und

meinen roten Faden spinnen.“ Ihre nächsten

Kollektionen will sie in einem eigenen

Laden in der Innenstadt vorstellen.

Leere als Luxus

Seit Jahren erlebt Leipzig einen Hype als

quirligste Gründerstadt des Ostens. „Leipzig

– Das bessere Berlin“ titelte schon vor

Jahren das Lufthansa Magazin und fuhr

fort: „Was Berlin versprach, löst Leipzig

jetzt ein: Die sächsische Metropole ist

Deutschlands neue Kreativhauptstadt.“

Seitdem ist viel über die Stadt und ihr neues

Image gestritten, gelacht und geforscht

worden. Bernhard Rothenberger, der umtriebige

Chef des Traditions- und Touristenlokals

„Auerbachs Keller“, startete eine

PR-Aktion mit Löwen-Logo und Facebook-Seite:

„The better Berlin“. Leipzig,

befand Rothenberger, sei eine sympathische

Mischung aus Metropole und Dorf.

Spötter und Spaßvögel wettern indes

auch gegen die Schattenseiten der Gentrifizierung

von Szenevierteln. Slam-Poet

André Herrmann erfand den Blog „Hypezig

– Bitte bleibt doch in Berlin!“, auf

dem er Zeitungsartikel über die hippe

„Heldenstadt“ sammelte, stets begleitet

von dem freundlichen Hinweis: „PS: Bitte

schreiben Sie mir keine Mails, weil Sie auf

dieser Seite für Ihre Immobilienseite werben

wollen, Sie Monster!“

Die New York Times hatte Leipzig

bereits 2010 auf die Liste der wichtigsten

Reiseziele der Welt gesetzt. 2014 befand die

Redaktion lakonisch: „New Berlin or not,

Leipzig has new life.“ Da hat die alte Dame

recht. Seit 2011 wächst die Stadt jedes Jahr

um mehr als 10 000 Bewohner, sie ist eine

der am schnellsten wachsenden Metropolen

Deutschlands. Spätestens 2020 dürfte

die 600 000-Einwohner-Marke geknackt

sein. Zugleich verjüngt sich die Bevölkerung

immens, mehr als jeder zweite Leipziger

war 1989 noch nicht in der Stadt.

Nachhaltige Materialien

und zeitloses Design:

Maria Seifert entwirft

Mode für die junge

urbane Szene, die keinen

Trends mehr nachläuft.

Hinzu kommt das Erbe der jüngsten

Geschichte: Mit der deutschen Einheit

brachen in der Stadt etwa 100 000 Industriearbeitsplätze

weg, Leipzig verlor die

wirtschaftliche Basis und mehr als 100 000

Einwohner. Nach der Schrumpfungsphase

der Neunzigerjahre blieben leere Großbetriebe

und Fabriken zurück, vor allem im

alten Industrieviertel Plagwitz. In diesen

Arealen finden seit 15 Jahren Kreative,

Künstler und Kneipenbetreiber ihre Freiräume.

So entstanden und entstehen im-

Los geht’s!

mer neue Räume für junge Ökonomie: die

Baumwollspinnerei, das Tapetenwerk und

das Social Impact Lab, ein Accelerator der

Drosos-Stiftung, die im historischen Stelzenhaus

Start-ups mit gesellschaftlichem

Anspruch unterstützt.

„In Plagwitz konnte man jahrelang

machen, was man wollte, offene Häuser

und Straßen bespielen, ohne dass gleich

das Ordnungsamt anrückte“, sagt ein Insider

im Rathaus. Die Stadt selbst etablierte

dort schon 1999 das „Business & Innovation

Centre“, ein Initialzünder für wichtige

Firmengründungen von Unister bis zum

Taschenkaufhaus.

Sebastian Lentz, Direktor des Leibniz-

Instituts für Länderkunde und seit 2003 in

der Stadt, bezeichnet das Phänomen als

„Luxus der Leere“. Die einstige Schrumpfung

werde in Leipzig als Chance genutzt,

sagt Lentz: „Die Stadt bietet Freiräume für

Menschen, die sich ausprobieren wollen.

Sie hat eine lange Tradition im Hervorbringen

neuen Wissens und profitiert auch

heute von einer lebendigen Szene und

einem großen Pool an kreativen Wissenschaftsarbeitern.“

Den langsamen Wandel

der Industriegesellschaft zur digitalen Wissensgesellschaft

könne man in Plagwitz

wie im Zeitraffer beobachten.

Günstige Mieten, günstige Gehälter,

eine günstige Verkehrslage mitten in

Deutschland, viel Platz in der Stadt und

ein Pool an technischen und künstlerischen

Hochschulen und Forschungsinstituten

– all das macht Leipzig zu einem anziehenden

Ort für Menschen mit Ideen.

Die Ansiedlungen von BMW, Porsche

und DHL schufen zudem mittlerweile

13 000 Arbeitsplätze und verliehen der

Stadt neuen ökonomischen Schwung.

Heute haben Firmen wie Nextbike, die

Appsfactory, Food Direkt, Momox und

Spreadshirt ihren festen Platz in der Stadt.

„Leipzig erlebt eine neue Gründerzeit“,

sagt Oberbürgermeister Burkhard

Jung (SPD). Der Marketingslogan „Leipziger

Freiheit“ signalisiere: „In dieser

Stadt kannst du dich verwirklichen, hier

findest du Raum und Unterstützung.“

Ihre zentrale Rolle im Revolutionsherbst

1989 stehe für ihr bürgerschaftliches

Selbstverständnis. „Leipzig pflegt seit

Jahrhunderten Internationalität, Offenheit

und Urbanität.“ Tatsächlich sind die abgenutzten

Attribute Messestadt, Kulturstadt

und Universitätsstadt keine neumodische

Nachwende-Attitüde, sondern Traditionen,

die auf das Mittelalter zurückgehen.

Sie haben sich in der DNA der kleinen

Metropole verewigt – als weltoffene

Geisteshaltung und Lässigkeit im Umgang

mit Fremden.

26 27


Sachsen // GRÜNDEN

Schöne Räder für schöneren Stadtverkehr: Frank Patitz verkauft

salonfähige Alternativen zum Auto.

Schönheit für den

Stadtverkehr

In Leipzig sind Menschen zu Hause wie

der Rad-Erfinder Frank Patitz. Der 50-Jährige

sitzt in seiner unsanierten Werkstatt,

zweiter Hinterhof, Ofenheizung, Wasserkocher.

Zu DDR-Zeiten hat er Instandhaltungsmechaniker

gelernt, nach der

Wende an der Hochschule für Grafik und

Buchkunst studiert.

Vor 15 Jahren begann der Grafikdesigner,

die ideale Form für ein perfektes, puristisches

Fahrrad mit höchsten technischen

Standards zu suchen. Vorläufer von Miele,

Wanderer und Diamant standen Pate, kopieren

wollte er sie nicht. „Es ist aber hilfreich,

von den Klassikern zu lernen“, sagt

Patitz. So entstand seine Marke „Retrovelo“

mit den Modellen „Paul“ und „Paula“,

später auch „Alfons“ und „Anna“. Die

räder im Vintage-Look mit ihren dicken

Ballonreifen und breiten Lenkern waren

schon in internationalen Lifestyle-Magazinen

zu sehen. Sie beweisen: Der Weltmarkt

lässt sich auch aus dem Hinterhof erobern.

Jedes zweite Rad schickt Patitz ins

Ausland. Er hat Händler in San Francisco,

New York und London, Moskau, Bordeaux

und Barcelona. Allzu groß sind die

Stückzahlen allerdings nicht: Patitz schafft

mit einer Handvoll freier Mitarbeiter

kaum mehr als ein Rad am Tag, etwa 300

im Jahr. Alle Räder werden einzeln montiert,

nach Kundenwünschen, für 1300

bis 3500 Euro. Dieses Jahr ist Retrovelo

zudem mit der Zeit gegangen und hat

ein Lastenrad mit Elektroantrieb auf den

Markt gebracht.

Die Stahlrahmen zeichnet und konstruiert

Patitz selbst, es gibt kaum ein Bauteil,

das er nicht schon entwickelt hätte.

Sein dicker Reifen „Fat Frank“ gehört

heute zum Standardsortiment des Reifenkonzerns

Schwalbe. Schöne Alltagsräder

zu bauen ist für Patitz nicht nur Arbeit,

sondern eine Mission. „Ich möchte das

Fahrrad salonfähig machen“, sagt er. „Die

Gesellschaft wird lernen, dass es mehr

attraktive Mobilität neben dem Auto gibt.

Wir sollten den Verkehrsraum als gemeinsamen,

gleichberechtigten Raum für alle

kultivieren, ihn schöner, ruhiger und entspannter

machen.“

Ein Ort zum Spinnen

Ein Fabrikkoloss aus roten Ziegeln, Baujahr

1889, unsaniert. Einst war hier die

größte Baumwollspinnerei Europas. Im

vorigen Jahrhundert rotierten in Halle 14

Zigtausende Spindeln und Kämmmaschinen.

Der Geruch alten Öls hängt noch

immer in den Gängen, Ausdünstungen

der Geschichte.

Heute stehen im zweiten Stock eine

Tischtennisplatte, ein moderner Empfangstresen,

Schreibtische. Zwischen alten

rostroten Stahlträgern baumelt eine Riesenschaukel.

Es ist die Heimstatt von

Leipzigs produktivster und ehrgeizigster

Gründerschmiede, dem „SpinLab“. Als

Accelerator der privaten Handelshochschule

Leipzig HHL gibt es Jungunternehmern

Rat und Unterstützung. Es ist das

neue Aushängeschild der Stadt und der

einzige Inkubator seiner Art im deutschen

Osten.

Der diensthabende Spinnmeister

Matthew McDermott, der sich Innovation

& Business Development Manager nennt,

begrüßt Gäste mit einem gewinnenden

Lächeln. Nein, sagt er, wenn potente

investoren anreisten, rümpfe keiner die

Nase über die etwas abgerockte Kulisse,

die Graffiti und Schmierereien im Treppenhaus.

„Im Gegenteil! Sie genießen den

Kontrast.“

Die historische Fabrikstadt, zu der

Halle 14 gehört, bietet unendlich viel Platz,

das ganze Areal wirkt groß, weitläufig und

doch gut versteckt. Zwischen Pflastersteinen

liegen noch Reste alter Bahnschienen.

Das SpinLab zog 2015 hierher, aber schon

seit Beginn des Jahrtausends tummeln sich

in diesem ganz eigenen Kosmos Szenekünstler,

der Malerstar Neo Rauch, Galeristen,

Gründer und Geschäftsleute. Dieses

kreative Klima reizte auch die Gründer der

Start-up-Schmiede. Sie richteten Schreibtische,

Sitzecken und eine Art WG-Küche

ein und stellten mitten ins Großraumbüro

eine Telefonzelle – falls einer mal länger

reden muss.

Seitdem können in diesem Testlabor

für junge Unternehmen sechs Teams für

sechs Monate kostenfrei ein Rundumsorglos-Paket

nutzen. Sie bekommen Zugang

zu Servern und Software, vor allem

aber Kontakt zu Investoren, Mentoren

und Sponsoren, darunter namhafte Konzerne.

Renommierte Wirtschaftsprüfer,

Kommunikationsagenturen, Professoren

der HHL und das dreiköpfige SpinLab-

Team begleiten die Start-ups aus ganz

Deutschland. Die Wirtschaftsförderung

der Stadt Leipzig legt 6000 Euro Startkapital

für jede Firma drauf.

Die Gründer werden von Schauspielern

im bühnenreifen Auftreten bei Pitches

gecoacht und können sich an „Demo-

Days“ und Investorentagen millionenschweren

Risikokapitalgebern präsentieren.

„Und sie tauschen sich abends

einfach mal bei einem Bier über aktuelle

Engpässe und Erfolge aus“, sagt Matthew

McDermott.

Vom Blumentopf zum

Denkgetränk

Chris Volke sitzt an einem der Schreibtische

im SpinLab und erzählt von seinem

Start. Mit seinem Studienfreund Florian

Mack hat er das „Denkgetränk“ Neuronade

entwickelt: Heilpflanzen und Mikronährstoffe

aus aller Welt, darunter Brahmi,

Beeren und Algen, Gingko, grüner Tee

und Rosenwurz, sollen als Pulver zum Anrühren

für bessere Konzentration und heitere

Gelassenheit sorgen – ohne Koffein,

Alkohol oder Zucker. Macks Mutter hatte

dem Sohn vor Jahren Brahmi als Blume

Das SpinLab ist

Leipzigs erfolgreichstes

Gründerzentrum. Wer

es hier schaffen will,

sollte neben einer guten

Idee allerdings auch

noch einen starken

Willen und ein sinnvolles

Geschäftsmodell

mitbringen.

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Sachsen // GRÜNDEN

Sachsen // GRÜNDEN

mitgebracht. Die Sumpfpflanze vertrocknete,

doch die Idee ließ ihn nicht mehr los.

Was Volke und Mack während ihres

Wirtschaftsstudiums austüftelten, ist seit

zwei Jahren ein Riesenerfolg. Die jungen

Gründer, gerade Mitte 20, machen sechsstellige

Umsätze. Sie bieten ihr Denkgetränk

in Uni-Mensen, 500 Apotheken und

im eigenen Onlineshop an. Eine halbe

Million Packungen seien inzwischen verkauft,

sagt Volke. Durch den Kontakt zu

Amazon, der über das SpinLab entstand,

habe sich das Geschäft verdoppelt, man

beliefere nun halb Europa. „Das SpinLab

hat uns wahnsinnig geholfen“, sagt Volke.

„Wir haben zwei Mitarbeiter eingestellt

und als Team zusammengefunden, außerdem

wichtige Berater kennengelernt und

viele Finanzierungsfragen geklärt. Wenn

nicht jeder zu Hause allein arbeitet,

kommt man viel schneller voran.“

Gründer-Schmiede mit

Geschichte

Firmengründungen sind eine Spezialität der

traditionsreichen Leipziger Handelshochschule.

Ihr Vorläufer wurde schon 1898 auf

Initiative der Industrie- und Handelskammer

gegründet. Heute nennt sie sich HHL

Leipzig Graduate School of Management.

Sie hat sich seit 1996 als erfolgreicher Inkubator

für Unternehmen etabliert: 170 Gründungen

gingen von ihren Absolventen aus,

darunter so prominente Namen wie der

Online-Optiker Mister Spex, die Hotel-

Suchmaschine Trivago und der Helfer-

Marktplatz Betreut.de. Den fulminanten

Auftakt machte 2002 der Gründer des

t-Shirt-Bedruckers Spreadshirt, Lukasz

Gadowski, mit Matthias Spieß als Gesellschafter.

Seine Zentrale und eine kleine

Produktion hat Spreadshirt immer noch in

Leipzig. Die E-Commerce-Plattform, die

mittlerweile Standorte in Polen, Tschechien

und den USA betreibt, erzielte zuletzt mit

500 Mitarbeitern einen Umsatz von 85 Millionen

Euro.

Das SpinLab, eine selbstständige Ausgründung

der HHL, sieht Rektor Andreas

Pinkwart als logische Fortsetzung seiner

Oben: Die Neuronade-

Erfinder Florian Mack

(links) und Chris Volke

sind immer wach und gut

gelaunt – liegt‘s an ihrem

Produkt?

Rechts: Wer vergessen

hat, worum es bei

Unternehmensgründungen

geht, wird im SpinLab

fix daran erinnert.

Hochschul-Philosophie. „Wir bringen mit

dieser Plattform gute Unternehmensideen

mit großen Kapitalgebern zusammen“, erklärt

der ehemalige FDP-Politiker. „Unser

Ziel ist, Leipzig als sichtbares Hub für

Start-ups zu etablieren.“ Der Plan ist aufgegangen:

Von den Gründungen der ersten

Generationen sind fast alle noch am

Markt, und viele sind in Leipzig geblieben,

wurden mit Preisen ausgezeichnet und

haben mehrere Millionen Euro eingeworben.

Sie erobern nun die Fabriketagen des

Spinnereigeländes.

Ein „SpinOffice“ ist entstanden, in

dem die Gründer ihre Büros einrichten:

Sensape etwa, deren Betreiber aus München

kamen und jetzt mit interaktiven

Schaufenstern Furore machen. Das Spin-

Lab und das SpinOffice belegen in Halle

14 bereits 1400 Quadratmeter. Weitere

Gründer haben sich in anderen Hallen

Büros gesucht. Die Software-Freaks von

Rhebo zum Beispiel, die eine Analyse-

Software für die Überwachung von Industriesteueranlagen

entwickelt haben.

2014 gegründet, waren sie Teilnehmer der

zweiten SpinLab- Klasse, seither starten

sie durch. In einer ersten Finanzierungsrunde

warb das Hightech-Start-up 2,5

Millionen Euro von der eCAPITAL AG

aus Münster und dem Technologiegründerfonds

Sachsen ein.

„Hier kannst du sein,

wie du bist“

Hendrik Schulze sitzt gelassen im Spinnerei-Café

„Die Versorger“ über seinem

Mittagessen. Anders als manch junger

Gründer wirkt er tiefenentspannt. Das

kann man verstehen. Der 43-jährige Leipziger

hat mit Rhebo-Gründer Klaus Mochalski

in den vergangenen zehn Jahren

bereits zwei IT-Unternehmen marktreif

aufgebaut und an den Münchner Elektronikkonzern

Rohde & Schwarz verkauft.

Nach einer kurzen Auszeit startete der

studierte Informatiker im SpinLab zusammen

mit Kompagnon Robert Lillack sein

nächstes Projekt: die Online-Grafiksoftware

„Vizzlo“.

Herr Schulze, Ihr neues Projekt ist ein

Grafikanbieter im Internet. Was kann

Vizzlo, was andere nicht können?

Hendrik Schulze: Wir entwickeln kreativere

Designs für Präsentationen und

Blogs, wir wollen weg von den alten Torten

und Balken. Das System funktioniert

für Nutzer extrem simpel und schnell:

Design auswählen, Daten eintippen, fertig.

Die Grafiken bleiben dabei dynamisch

und elastisch. Ändert man Daten, ändern

sich die Charts sofort mit.

Obwohl noch die Beta-Version läuft,

wachsen wir jede Woche um bis zu zehn

Prozent. Die Nutzerzahlen liegen im fünfstelligen

Bereich, jeder Zehnte ist ein

Stammkunde. Parallel bauen wir Vizzlo als

offenen Marktplatz für Visualisierungen

auf. Auch andere Entwickler können

künftig eigene Angebote bei Vizzlo einstellen.

Sie haben bereits Erfahrung als Unternehmer.

Warum wollten Sie trotzdem noch

ins SpinLab?

Das Netzwerk der HHL und der Austausch

der Gründer untereinander sind

einfach Gold wert. Das hat uns sehr viel

gebracht. So hat uns quasi nebenbei ein

echter Könner mal eben eine Facebook-

Kampagne erstellt, für die ich sonst ewig

gebraucht hätte. Ich habe hier Praktikanten

und Mitarbeiter gefunden, die zu uns

passen. SpinLab-Geschäftsführer Eric Weber

und sein Team verfügen wirklich über

einen guten Plan. Ich glaube, in drei Jahren

30


Sachsen // GRÜNDEN

wird das SpinLab einer der angesagtesten

Acceleratoren in Deutschland sein.

Vielen gilt nach wie vor Berlin als das

beste Pflaster für Start-ups. Sehen Sie das

inzwischen anders?

Natürlich ist Leipzig nicht Berlin – aber

das ist auch gut so. Leipzig ist nicht so

überhip, überdreht und in ständiger Selbstbefeuerung.

Leipzig ist realistischer, bodenständiger

und macht nicht jeden Mode-Schlenker

mit. Hier kannst du sein, wie

du bist, und deinen Plan verfolgen. Als Firmengründer

finde ich Mitarbeiter, günstige

Mieten und bekomme für 1000 Euro

weniger im Monat eine höhere Lebensqualität

als in der Hauptstadt. In Leipzig

fahre ich mit dem Rad in 15 Minuten ins

Büro – und zwar durchs Grüne. Stadt und

Land haben außerdem deutlich aufgeholt,

sie sind viel start-up-freundlicher geworden.

Da wird einem auch mal bei bürokratischen

Problemen geholfen.

Showtime im Onlinehörsaal

Martin Schlichte, 35, hat die HHL schon

ein paar Jahre hinter sich: 2008 gründete

der Absolvent mit einem Kommilitonen

„Lecturio“, eine E-Learning-Plattform für

Studenten. Anfangs zogen sie mit Rucksack

und Videokamera an die Hochschulen

und stellten gefilmte Vorlesungen online.

Mittlerweile zeigt das Portal laut

Schlichte 14 000 Vorträge, von Betriebswirtschaft

bis zu Webprogrammierung,

darunter komplette Berufsausbildungen.

Mehr als 1000 Dozenten traten schon

im virtuellen Hörsaal auf, das Portal bietet

außerdem Prüfungsfragen und Fachartikel.

Lecturio beschäftigt inzwischen 50 Festangestellte

auf zwei Büroetagen am Rand

der Leipziger Innenstadt, weitere zwei

Dutzend Kollegen sitzen in München und

Bulgarien. Die Nutzerzahlen gehen in die

Hunderttausende. Geldgeber wie Holtzbrinck

Digital und Holtzbrinck Ventures,

VC Seventure Partner und der Technologiegründerfonds

Sachsen haben zehn

Oben: Max Seelemann

hat sein besonders

einfaches Schreibprogramm

Ulysses

nach einem der

kompliziertesten

Romane aller Zeiten

benannt.

Links: Gut möglich, dass

einer der SpinLab-

Kandidaten auf diesem

Bild bald einen

Weltmarkt erobert.

Millionen Euro in das Unternehmen investiert.

„Wir sind auf dem besten Weg,

Gewinn zu machen“, sagt Schlichte. Der

Frankfurter war 2005 für ein Praktikum

bei Spreadshirt nach Leipzig gekommen

und blieb. Heute engagiert er sich als

Mentor im SpinLab.

Schlichte hat sein ursprüngliches

Konzept weiterentwickelt. „Wir konzentrieren

uns zurzeit auf betriebsinterne Weiterbildungen

mit Videotrainings“, erzählt

er. „Wenn ein Konzern innerhalb kürzester

Zeit weltweit 1000 Vertriebspartner für

ein neues Produkt schulen muss, geht das

nur mit Onlinelearning.“ Darüber hinaus

vermarkte Lecturio die technische Plattform

als White Label für Unternehmen,

die auf eigenen Seiten eigene Inhalte anbieten

wollen.

Dienstleistungen für Unternehmen

machen mittlerweile fast die Hälfte des

Jahresumsatzes von mehreren Millionen

Euro aus. Der am schnellsten wachsende

Markt ist die englischsprachige Medizinerausbildung.

Dafür lässt Lecturio Koryphäen

aus den USA und Australien einfliegen,

die in Leipzig ihre Vorlesungen für Studenten

in aller Welt aufzeichnen. Über den

zwei hauseigenen Hightech-Studios steht:

„It’s showtime!“

Ritterschlag durch Apple

Max Seelemann ist gerade 30 Jahre alt

und hat dennoch eine Krönung seiner

Laufbahn erlebt, um die ihn sicher viele

beneiden: Am 13. Juni 2016 stand er auf

der Bühne des „Bill Graham Civic Auditorium“

in San Francisco und hielt einen

Metallwürfel in den Händen: den Apple

Design Award, eine Trophäe, die während

der jährlichen Entwicklerkonferenz

WWDC nur an wenige App-Tüftler weltweit

verliehen wird.

Diese Auszeichnung erhielt er für

„Ulysses“, ein Schreibprogramm, an dem

Seelemann jahrelang gefeilt hatte. Es ist

ein extrem reduziertes Textprogramm mit

klarer Optik für Schriftsteller, Journalisten,

Wissenschaftler und Blogger, die viel unterwegs

sind, einsetzbar auf Macs, iPhones

und iPads. „Mit Ulysses kann man sich

allein auf das Schreiben fokussieren“, sagt

Seelemann.

Der Alu-Würfel steht jetzt in einer

Vitrine seines Unternehmens am Rande

der Leipziger Innenstadt. Es heißt The

Soulmen – eine Anspielung an Seelemanns

Nachnamen und eine kleine Reminiszenz

an den Film „The Blues Brothers“.

An den Bürowänden hängt bereits eine

Galerie von Auszeichnungen aus dem

Hause Apple: Ulysses wurde schon 2013

und 2015 zu den besten Apps des Jahres

gezählt. Auch Apple-Mitarbeiter selbst

nutzen das Programm offenbar gern, und

so stand es zeitweise im App-Store. Ein

Ritterschlag.

Nicht minder bemerkenswert ist die

Geschichte, die zu Ulysses führte: 2002

will der Webdesigner Marcus Fehn einen

Roman schreiben, findet aber kein Programm,

das seinen Wünschen entspricht.

Er fragt in einer Mailingliste für Programmierer

nach Rat – und erhält eine Antwort

von Max Seelemann, der damals 15 ist, ein

Schüler am Leipziger Wilhelm-Ostwald-

Gymnasium und Freizeitprogrammierer.

Die ersten Versionen von Ulysses entstehen,

während Seelemann Abitur macht.

2011 schließt er das Informatikstudium

an der TU Dresden als jahrgangsbester

Absolvent ab. Im selben Jahr schreibt

er eine völlig neue Version seines Schreibprogramms.

Das Unternehmen The Soulmen

entsteht, die Verkaufszahlen steigen,

die Firma wächst. 2012 holt Seelemann

zwei Kommilitonen aus Dresden hinzu.

Inzwischen sind elf Leute bei ihm beschäftigt,

die App gibt es in sieben Sprachen

und hat sich weltweit 100 000-mal verkauft.

Ein Ende der Reise ist nicht in Sicht.

„Wir entwickeln ständig weiter“, sagt der

Informatiker. „Wir wollen immer noch

Funktionen ergänzen oder vereinfachen.“

Ein Flaggschiff für die Gründerstadt Leipzig

ist Ulysses schon jetzt.

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Sachsen // Erneuern

Sachsen // Erneuern

- Machen

Einfallsreich!

Heimat mit Zukunft

Die Einwohner des kleinen Dorfes Nebelschütz sind modern und

bodenständig zugleich. Das hilft nicht nur gegen die Landflucht.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Antonina Gern

Eine kleine Hauptstraße, eine Kirche, Bushaltestellen.

Irgend so ein Dorf, denkt man. Stimmt aber nicht.

Die Fachwerkhäuser mit den gepflegten Gärten, der kleine Teich

mit seinen Enten, die Obstbäume und die imposante Barockkirche

auf dem kleinen Hügel wirken exakt so, wie sich ahnungslose

Städter das Landleben vorstellen: beschaulich, etwas aus der

Zeit gefallen und auf eine freundliche Weise sehr ruhig. Das ist

Nebelschütz im östlichen Zipfel Sachsens, ein Idyll zwischen

grünen Hügeln und Wäldern nahe der polnischen und der tschechischen

Grenze. Schön ist es hier – aber alles andere als verschlafen.

Um ihren Ort lebendig zu halten, haben die Nebelschützer

viele Initiativen entwickelt, von der ökologischen

Erneuerung über den Umbau einer Scheune zu Künstlerateliers

bis zur Nutzung eines stillgelegten Steinbruchs, wo nun Kräuter

gezüchtet werden und Bildhauer unter freiem Himmel an großen

Skulpturen arbeiten.

Auch dank solcher Initiativen hat Nebelschütz die Umbrüche

der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte wesentlich besser

überstanden als viele andere Dörfer. Der Gemeinde gelingt es

sogar, sich der verbreiteten Landflucht zu widersetzen. Während

andernorts in dünn besiedelten Landstrichen Kindergärten und

letzte Geschäfte schließen, Häuser leer stehen, die Jungen wegziehen

und der soziale Zusammenhalt erodiert, haben die Nebelschützer

mit Gemeinsinn und einer selbstbewussten Kombina tion

aus Bodenständigkeit und Aufgeschlossenheit ihr Dorf weiterentwickelt.

Das Problem sind nicht leer stehende Häuser, sondern

dass es zu wenige Grundstücke gibt für junge Leute, die hier

bauen wollen.

Verschiedenste Kleinbetriebe sorgen für Arbeitsplätze: die

Polstermöbelreparatur Scholze, der IT-Dienstleister radyserb net

solutions, der Töpferhof Wěteńca und eine Bau- und Möbeltischlerei.

In den Gewerbegebieten des Dorfes sind unter anderem

ein Logistik- und Recycling-Unternehmen sowie Firmen für

Metallbearbeitung, Brandschutz und Containerbau ansässig. Die

Arbeitslosenquote liegt mit rund drei Prozent deutlich unter dem

Landesdurchschnitt. Offenbar ist hier in den vergangenen 25 Jahren

einiges richtig gemacht worden. Das bestätigen auch Auszeichnungen

beim „Europäischen Dorferneuerungspreis“ oder

dem bundesweiten Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“. Dessen

Motto wird hier wirklich gelebt.

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Sachsen // Erneuern

Gut für die Zukunft: Heimat

Einer, der seit vielen Jahren dafür sorgt, dass Nebelschütz ein

lebendiges Dorf bleibt, ist der seit 1990 amtierende ehrenamtliche

Bürgermeister Thomas Zschornak. Der 53-Jährige ist ein Anpacker,

der ständig neue Ideen entwickelt, die er zäh und geduldig

umsetzt. Er treibt die Entwicklung des Dorfes auch dadurch

voran, dass er für seine Projekte immer wieder neue Mitstreiter

findet. Schon in der Endphase der DDR hat er im Dorf mit

Gleichgesinnten eine Bürgerinitiative gegründet. Und als er nach

dem Mauerfall zum Bürgermeister gewählt wurde und die neuen

Verwaltungsvorschriften büffeln musste, studierte der gelernte

Installateur nach Feierabend in Bautzen Verwaltungswirtschaft.

Heute arbeitet er hauptberuflich beim Kommunalverwaltungsverband,

der neben Nebelschütz für vier weitere kleine Gemeinden

zuständig ist.

Geht man mit Zschornak durch Nebelschütz, bleibt er alle

paar Minuten stehen, um stolz zu erklären, was hier alles geschafft

oder verhindert wurde. Verhindert haben Zschornak, der

Gemeinderat und andere Mitstreiter zum Beispiel das schon

genehmigte Projekt eines Unternehmens, das auf der Gemeindegemarkung

eine riesige Mülldeponie mit bis zu 30 Meter hohen

Abfallbergen errichten wollte. Gerettet haben sie das älteste

Fachwerkhaus im Ort, das verfallen war und abgerissen werden

sollte, dann aber von der Gemeinde für einen Euro gekauft und

mit ABM-Kräften saniert wurde. Heute dient es als rustikale

Selbstversorger-Herberge für Wanderer, die dem Pilgerpfad

durch die Lausitz folgen.

Auch den Dorfladen gibt es nur dank Zschornak und der

Gemeindeverwaltung. Die Eröffnung eines Lebensmittelgeschäftes

zählt zwar nicht zu den Kernkompetenzen einer Gemeinde,

doch von dem engen Regelwerk der kommunalen Pflichten lässt

man sich hier nicht irritieren, wenn gute Gründe dagegen sprechen.

„Wir sind nicht weit von der Stadt Kamenz entfernt, und

natürlich gibt es überall große Supermärkte“, erklärt der Bürgermeister.

„Aber wir wollten einen Dorfladen auch als Ort der

Kommunikation und als Angebot für die Nahversorgung, vor

allem für Ältere und Touristen. Außerdem wollten wir wissen, ob

so ein Laden überhaupt eine Chance hat. Also haben wir in der

Gemeinde einen Pächter gesucht, ihm die Räume zu sehr günstigen

Konditionen verpachtet und ihm dabei geholfen, das Geschäft

aufzubauen. Nun wollen wir den Laden mit mehr regionalen

Produkten weiter ausbauen.“ Der Pächter betreibt nebenbei

auch das Sportlerheim am Fußballplatz.

Der Laden, in dem einige Männer am frühen Abend gern

ein Bier trinken, sorgt wie die kleine Gemeindebibliothek für

Kinder und Jugendliche oder der gepflegte Fußballplatz für die

wichtigsten Ressourcen, die so ein Dorf hat: sozialen Austausch,

Begegnungen, das Gefühl, in einer Gemeinde zu leben, die man

miteinander gestalten kann. „Sozialer Zusammenhalt braucht

solche Orte“, findet Thomas Zschornak. „Der entsteht nicht

von allein.“

Bei all den Initiativen, die sich der Bürgermeister und seine Mitstreiter

ausdenken, geht es darum, den Bürgern Angebote für

Engagement und zur Mitarbeit zu machen. Schließlich ist es ihr

Dorf, und Gemeinsinn gedeiht nun mal am besten, wenn man

etwas gemeinsam tut. Ein wichtiges Instrument dafür war ein

Förderprogramm des Amtes für Ländliche Neuordnung, mit

dem die Gemeinden Dorfentwicklungspläne erstellen sollten.

Weil alle Bürger eingeladen waren, mitzudiskutieren, war der

gemeinsame Prozess für Zschornak mindestens so wichtig wie

das Ergebnis. „Unser Ziel war es, die Menschen zu fragen, was

für ein Dorf sie wollen, und ein Gespräch darüber in Gang zu

bringen“, sagt der Bürgermeister.

Thomas Zschornak ist Sorbe, wie die meisten Nebelschützer.

Sorbisch ist zweite, vielleicht sogar erste Sprache im Ort.

Auch das erklärt ein wenig seinen kämpferischen Lokalpatriotismus.

Um Nebelschütz zu verstehen, findet er, muss man die

Situation der Sorben kennen: Das kleine Volk wurde von den

Deutschen lange diskriminiert und von den Nazis schikaniert,

sorbische Politiker wurden sogar in Konzentrationslager verschleppt.

Und in der DDR waren die Sorben eher geduldet als

respektiert. Heute sprechen nur noch einige Tausend Menschen

die Sprache. Für Zschornak geht es deshalb auch darum, das sorbische

Selbstbewusstsein zu stärken. Die Arbeit für sein Dorf ist

für ihn zugleich Arbeit an der sorbischen Identität.

Der Bürgermeister Thomas Zschornak ist die treibende Kraft im Ort. Hier sitzt er auf der Skulptur

„Die Nebelschützerin“, die neben einer Herberge für Wanderer liegt.

Sehr gut für die Zukunft: Kinder

Nebelschütz ist heute mit rund 1200 Einwohnern etwa so groß

wie zur Zeit des Mauerfalls. Viele, die nach der Wende im Westen

oder im boomenden Dresden ihr Glück gesucht haben, sind

zurückgekommen und haben sich hier Häuser gebaut. Es gibt im

Ort genug Arbeitsplätze und eine funktionierende Infrastruktur,

sodass junge Familien nicht wegziehen müssen. So wurde in

Nebelschütz vor ein paar Jahren mit viel Eigenleistung der Eltern

eine neue Kindertagesstätte gebaut. Der alte Kindergarten war zu

klein geworden – Nebelschütz liegt mit etwa drei Kindern pro

Familie deutlich über dem Bundesdurchschnitt.

Der ambitionierte Bau war ein weiteres dieser gemeinschafts-

und identitätsstiftenden Projekte, die Zschornak liebt.

Ein simpler Zweckbau wäre ihm entschieden zu wenig gewesen,

sagt er. „Wir haben die Kinder gefragt, was sie sich wünschen,

wir haben die Vereine gefragt und Diskussionsabende mit den

Eltern veranstaltet“, erzählt der Bürgermeister. Die häufigsten

Wünsche – kreativ, ökologisch, sorbisch – hat die Gemeinde in

ihre bundesweite Ausschreibung gesetzt.

Möglich war der Bau auch, weil der Eigentümer das großzügige

4000-Quadratmeter-Grundstück im Ortskern zu einem

sehr fairen Preis verkauft hat. Schließlich sollte der Kindergarten

nicht irgendwo am Rand stehen, sondern im Herzen des Dorfes.

Seit zwei Jahren treffen sich die kleinen Nebelschützer Kinder

jetzt in einem ökologischen Musterbau mit viel Holz, Lehmwänden

und Pflanzen auf den Dächern, der dank regenerativ erzeugter

Energie vom Stromnetz unabhängig ist. Ein Haus wie ein

optimistischer Blick in die Zukunft.

Dennoch war es nicht ganz einfach, den Neubau durchzusetzen,

erzählt Mirko Domaschke, der Leiter des zuständigen

Kommunalverwaltungsverbands „Am Klosterwasser“. Der übergeordneten

Kommunalaufsicht wäre ein zentraler Kindergarten

für mehrere kleine Gemeinden lieber gewesen. Aber „wir wollten,

dass die Kinder in Nebelschütz bleiben können“, erklärt Domaschke.

Wenn die Kleinen morgens in die nächste Gemeinde

gefahren werden müssen, ziehen junge Familien eher ungern in

ein Dorf. Außerdem sind Eltern automatisch im Austausch miteinander,

wenn ihre Kinder gemeinsam aufwachsen – auch das

ist gut für den Zusammenhalt im Ort.

Weil Kindergarten-Kinder irgendwann in die Schule kommen,

überlegen die Nebelschützer derzeit, wie sie eine eigene

Grundschule in freier Trägerschaft gründen können. Ihre alte

Schule wurde 1991 geschlossen, weil die Geburtenzahlen nach

der Wende stark zurückgegangen waren. Heute haben sie wieder

Kinder, aber keine Schule mehr. Lukas Delenk, 38, Sozialpädagoge

und im Gemeinderat für die Jugend zuständig, erklärt das

Problem. „Der Freistaat Sachsen finanziert uns keine neue Grundschule,

damit die Grundschulen in den umliegenden Gemeinden

ausgelastet sind. Wir wissen natürlich, dass es nicht einfach ist,

eine Schule in freier Trägerschaft zu gründen. Aber wir wollen es

versuchen. Jetzt hoffen wir, dass wir unter den Kita-Eltern genug

Mitstreiter dafür finden.“ Auch das gehört in seinen Augen zu

der ganz praktischen Arbeit an der Zukunft des Dorfes.

Hilfreich für die Zukunft: Stolz

Dass der Bürgermeister so stolz auf seinen Ort ist, hat auch

damit zu tun, dass dessen Entwicklung alles andere als selbstverständlich

war. Nach der Wende war Nebelschütz „ein graues

Dorf ohne Gesicht und ohne eine Idee, wo es hinwill. Es war

sehr verschlossen, die Außenwelt war weit weg“, erinnert sich

Zschornak. In dieser Zeit verlor die Region außerdem viele Arbeitsplätze,

weil die LPG-Großbetriebe von Agrar-Investoren

übernommen und modernisiert wurden. Und natürlich ging es

der Gemeindeverwaltung auch noch nicht um Gemeinsinn – sie

hatte genug damit zu tun, für die Infrastruktur zu sorgen: Straßen,

Abwasser, Telefon, Energie. Damals gründete die Stadt

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Sachsen // Erneuern

Sachsen // Erneuern

zu Marmelade, Kräutersalz oder Brot veredeln – gern auch von

außerhalb. „Menschen, die bei uns Manufakturen gründen wollen,

werden wir unterstützen“, sagt der Bürgermeister. Und

Impulse von außen, betont er, könnten beim Aufbau einer regionalen

Ökonomie nur helfen.

Wittichenau gemeinsam mit Nebelschütz und weiteren Gemeinden

eine eigene Gesellschaft zur Versorgung mit Erdgas.

„Nach der Wende haben die Leute aufgehört, selber Kartoffeln

oder Tomaten anzubauen, sie haben auch keine Hühner oder

Enten mehr gehalten. Sie sind lieber zum Einkaufen in die Supermärkte

gefahren – die Lebensmittel waren dort billig und schön

verpackt“, erinnert sich der Bürgermeister. So wurden Dörfler zu

Konsumenten. Viele Männer arbeiteten im Westen und pendelten.

Das Dorfleben wurde trister. „Man hat in den Gärten selten

Blumen gesehen, niemand wollte sich mit seinem Garten Arbeit

machen“, sagt Zschornak. „Die Selbstversorgung und die damit

verbundenen Tauschgeschäfte verschwanden.“

Michael Purschke, 35, erinnert sich gut an die Tristesse. Er

ist als Einzelhandelskaufmann in einem Baumarkt tätig, betreibt

nebenher Landwirtschaft und führt den Dorfladen sowie das

Kinder bedeuten Zukunft. Damit beides, Kinder wie Zukunft,

im Dorf bleiben, wurde ein neuer Kindergarten gebaut. Vielleicht

gibt es hier bald auch eine neue Schule.

Sportlerheim am Fußballplatz. „Nach der Wende war erst mal

Umbau angesagt“, erzählt er. „Alle Ställe sollten weg. Die Leute

dachten, sie bräuchten keine Tiere mehr, das mache nur Arbeit.

Die haben Partyräume in die Schweineställe gebaut. Heute

wissen sie, wie viel Chemie im Industriefleisch ist, und stellen

sich wieder einen Kaninchenstall hin oder nehmen ein paar

Hühner in den Garten. Noch vor acht, neun Jahren hat kaum

einer im Dorf Hühner gehabt. Die Kinder standen bei mir am

Zaun, um sich mal eines anzuschauen. Erst die Generation

nach der Wende hat das wieder entdeckt.“ Auf die Frage, ob er

schon mal überlegt hat wegzugehen, schaut er, als hätte man

ihn gefragt, ob er ab und zu auf den Händen läuft. „Das kam

für mich nie infrage.“

Der Bürgermeister hält natürlich auch Tiere. Mit Freunden

teilt er sich 30 Gänse, eine Kuh, Schweine, Schafe und Kanin­

Michael Purschke glaubt an die Selbstversorgung und daran, dass

sie künftig noch viel mehr Freunde finden wird.

chen. Als Nächstes wollen sie eine kleine Schlachterei für den

Eigenbedarf einrichten. Um die Kultur der Selbstversorgung weiter

voranzutreiben, hat die Gemeinde Land gekauft, auf dem sie

in Kooperation mit der Sächsischen Landesstiftung Natur und

Umwelt eine Streuobstwiese mit alten Obstsorten anlegt. Daraus

soll ein Gemeingut entstehen, auf dem jeder Patenschaften für

einzelne Bäume übernehmen kann. Und das wird wohl nur der

Anfang sein.

Thomas Zschornak würde die lokalen Bioprodukte am

liebsten selbst vermarkten, vielleicht unter dem Label „Krabat-

Region“, das er sich eigentlich für den Tourismus ausgedacht hat.

Otfried Preußlers Jugendbuch „Krabat“ ist schließlich weithin

bekannt, und die sorbische Krabat-Sage hat ihren Ursprung in

dieser Gegend. Ein Krabat-Bier gibt es schon. Nun sucht die Gemeinde

weitere Akteure, die ihre landwirtschaftlichen Produkte

Notwendig für die Zukunft: Gründer

Ignaz Wessela ist 22 Jahre alt und hat sich vor zwei Jahren als

Biobauer selbstständig gemacht – ohne Eigenkapital und fast

ohne eigenes Land. Für die Meisterschule als Agrarbetriebswirt

pendelt er nach Bayern, parallel bewirtschaftet er 40 Hektar mit

Ökolandbau: Getreide, Ackerbohnen, Körnermais. Sobald er das

nötige Grünland pachten kann, will er Mutterkühe anschaffen.

„Wiederkäuer gehören einfach zum Ökobetrieb“, sagt er.

Im ersten Jahr hatte er nur Kosten: Er verdient erst nach der

Ernte, die Subventionen kommen noch später. Seine Tage bestehen

aus Arbeit, Arbeit, Arbeit. Dafür zahlt er sich weniger Lohn,

als in der Stadt ein Busfahrer oder eine Verkäuferin bekommt. Er

steckt das Geld lieber in die Technik für den Hof. „Ich wusste

immer, dass ich Landwirt werden will“, erzählt er. „Ich habe mit

18 Jahren angefangen, mich um Land und Pachtverträge zu bemühen,

aber damals hatte ich keine Chance. Die Leute trauten

mir nicht einmal zu, das Geld für die Pacht zu erwirtschaften. Es

ist schwierig, einen Landwirtschaftsbetrieb aus dem Nichts aufzubauen.

Man bekommt kein Land, und die Investitionen in die

Technik sind wahnsinnig hoch. Es war ein Riesenaufwand, so

viel Kapital von den Banken zu bekommen.“

Ignaz Wessela weiß sehr genau, was ihm wichtig ist. „Unsere

Aufgabe als erste Generation nach der Wende ist es, hier etwas

Langfristiges aufzubauen, das sich über Jahre entwickeln kann.

Natürlich kaufe ich auch Land, obwohl ich mir das eigentlich

nicht leisten kann. Ich will meinen Kindern einen soliden landwirtschaftlichen

Betrieb weitergeben können. Auch weil wir so

ein kleines Volk sind, habe ich als junger Sorbe die Verpflichtung,

für meine Leute da zu sein. Die Frage ist doch, was wirklich

wichtig ist. Ein Smartphone? Das dicke Auto? Meiner Meinung

nach gibt es nichts Wichtigeres als die Landwirtschaft und gute

Lebensmittel.“

Während der Ausbildung hat Wessela ein Praktikum in einer

großen Milchviehanlage mit rund 1000 Kühen gemacht. Spätestens

seit dieser Zeit weiß er, dass konventionelle Landwirtschaft

für ihn nicht infrage kommt. „Ich habe gesehen, wie viele Medikamente

da eingesetzt werden und welche Krankheiten die Kühe

haben. Die sind so hochgezüchtet, dass sie zum Teil nicht mal

richtig laufen können, weil das Euter zu prall zwischen den Beinen

hängt.“ Wessela rechnet vor, dass jeder konventionell bewirtschaftete

Hektar jährlich Chemikalien für etwa 500 Euro

benötigt. Und dabei wird es nicht bleiben: „Die Spritzmittel werden

jedes Jahr teurer. Außerdem haben die Flächen in den vergangenen

50 Jahren durch die intensive Bewirtschaftung 50

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Sachsen // Erneuern

Sachsen - Machen

Oben links: Ignaz Wessela wollte schon immer Bauer werden. Als er so alt war wie sein Neffe Corla heute, fuhr er mit

einem kleinen grünen Traktor herum und träumte davon, eines Tages einen großen grünen Traktor zu besitzen. Den hat er

nun, und so darf heute Corla auf dem kleinen von der Zukunft träumen.

Rechte Seite: Der Steinbruch ist ein Künstlerparadies mit viel Platz zum Arbeiten – und einem Badesee.

bis 75 Prozent ihres Dauerhumus verloren. Wo stehen wir in 30

oder 50 Jahren, wenn wir so weitermachen?“

Der Jungbauer plant groß. Er will keine Klitsche betreiben,

sondern ein modernes Unternehmen. Um konkurrenzfähig zu

sein, muss er große Flächen bewirtschaften, am liebsten um die

200 Hektar. Nur so lassen sich ein gut ausgestatteter Maschinenpark

und die intelligente Technik für den Ökolandbau finanzieren,

etwa eine kameragesteuerte Hacke, die selbstständig und

präzise zwischen den Ackerreihen hackt.

Wesselas Pachtland gehört der Gemeinde. Sie hat es gezielt

gekauft, um es für ökologischen Landbau zur Verfügung zu stellen.

An den Jungbauern hat sie es nicht nur verpachtet, weil er

das Land ökologisch bebauen will, sondern auch, weil er aus der

Region kommt und einen kleinen Betrieb gründen wollte. Die

Kommunalaufsicht war von den Vorgängen irritiert, schließlich

sei das keine kommunale Pflichtaufgabe, erzählt der Bürgermeister.

Er habe es trotzdem gemacht. „Es ist für mich selbstverständlich,

dass sich die Gemeinde um Themen wie ökologischen

Landbau und Selbstversorgung kümmert.“

Nützlich für die Zukunft: Kunst und Kräuter

Das wagemutigste Experiment in Nebelschütz findet am Dorfrand

statt, auf einem 15 Hektar großen, verwilderten Gelände mit

Kräuterbeeten, einem See unter schroff abfallenden Klippen,

Kochmöglichkeiten und vielen großen, zum Teil sehr lustigen

Stein- und Schrott-Skulpturen. Unter Bäumen sitzt da zum Beispiel

ein überdimensionaler Mann in einem Sessel vor einem

Fernseher – ein Fernsehzuschauer für die Ewigkeit, gehauen in

weißen Granit.

Vor zehn Jahren hat die Gemeinde den ehemaligen Steinbruch

gekauft, ihn teilweise geflutet und das gesamte Areal in

eine Art soziokulturelles Freiluftzentrum verwandelt. Möglich

war das vor allem dank des engagierten Einsatzes des Betreibervereins

„Steinleicht“. Der lud Bildhauer ein, aus den herumliegenden

Steinbrocken Kunstwerke zu machen – auf Volkskunst

spezialisierte Steinmetze waren ebenso dabei wie Künstler, die ihr

Handwerk an Kunsthochschulen gelernt haben. Seit 2006 wird

jedes Jahr eine internationale Bildhauerwerkstatt veranstaltet. Inzwischen

bewerben sich Künstler aus ganz Europa, um bei freier

Kost und Logis zwei Wochen lang unter freiem Himmel und mit

jeder Menge Platz gemeinsam an ihren Werken zu arbeiten.

Künstler, die länger bleiben oder zwischendurch ein, zwei

Wochen in freier Natur arbeiten wollen, sind ebenfalls herzlich

eingeladen. In einer offenen Halle, die aus Recycling-Material

und Ziegeln einer insolventen Ziegelei gebaut wurde, stehen ein

Kompressor und Ambosse. Eine Fotovoltaik-Anlage auf dem

Dach sorgt für den nötigen Strom. Weil viele Werke vor Ort blei­

ben, verwandelt sich das Gelände langsam in einen stetig wachsenden

Skulpturenpark. Um die Zukunft dieses wohl einmaligen

Geländes zu sichern, will der Gemeinderat nun eine gemeindeeigene

Stiftung gründen.

Der Austausch mit Freigeistern von außen sei ihm wichtig,

sagt der Bürgermeister. Auch sein jüngstes Projekt soll ihn fördern:

der Umbau einer alten Scheune aus Bruchstein, die die

Gemeinde für einen Euro gekauft und vor dem Abriss gerettet

hat. Der Gemeindebauhof hat sie renoviert, und jetzt wird sie

Künstlern und Kreativen als Werkstatt oder Atelier angeboten.

Ob ein Maler, Webdesigner, Comiczeichner oder Kunstschmied

kommt, ist Zschornak egal. Entscheidend ist für ihn allein: Der

Künstler muss ins Dorf ziehen und dort leben. Städter, die sich

hier bloß ein Ferienhaus einrichten und manchmal den Pinsel

schwingen wollen, haben keine Chance. Zschornak ist das Projekt

wichtig genug, um auf den passenden Mieter zu warten,

notfalls auch länger. „Wir haben Zeit.“

Gleich neben der Werkhalle für die Bildhauer hat der Trägerverein

ein großes Hochbeet mit Kräutern angelegt. Dort sorgt

eine regelmäßige Samen- und Pflanzentauschbörse für Erfahrungsaustausch,

etwa darüber, auf welchem Boden welche Kräuter am

besten wachsen. Außerdem teilt dort ein Permakultur-Experte,

der vor einiger Zeit in die Gegend gezogen ist, sein Wissen über

die Feinheiten des ökologischen Anbaus: welche Pflanzen man

am besten nebeneinander setzt oder wie man Kräuter mit vom

Sonnenlicht gewärmten Steinen trocknet. „Er bringt viele Sachen

ein, die uns wirklich interessieren“, sagt Lukas Delenk vom Verein

Steinleicht. „Und das ist wichtig, denn auf dem Land ist viel

Wissen verloren gegangen.“

Schön für die Zukunft: Störche

Bei einem der Gänge durch das Dorf bleibt der Bürgermeister

mal wieder stehen. Diesmal zeigt er aber nicht auf ein Haus oder

eine Steinskulptur, sondern auf ein Storchennest. Als sich wieder

Störche ansiedelten, hat die Gemeindeverwaltung Feuchtbiotope

geschaffen, damit die Tiere Nahrung finden und bleiben. „Störche

gehören zum Dorf“, sagt Thomas Zschornak. Und als hätte

er es gehört, fliegt ein Storch auf und dreht eine weite Runde am

blauen, weiten Himmel über Nebelschütz.

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Vor zehn Jahren war hier

nur Verfall, jetzt trifft sich

zwischen dem „Lokomov“

und dem „Nikola Tesla“ die

Chemnitzer Szene.

Der leise Visionär

Das Chemnitzer Sonnenberg-Viertel war dem Abriss geweiht.

Bis der Unternehmer Lars Fassmann einige marode

Gebäude kaufte und sie Künstlern oder jungen Leuten überließ.

Jetzt kommt wieder Leben ins Quartier.

Und die Immobilienpreise steigen.

text: Andreas Molitor

foto: Michael Hudler

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Sachsen // Beleben

Sachsen // Beleben

S

Schon im Flur schlägt Sabine Hausmann ein beißend strenger

Geruch entgegen. Die derzeitigen Bewohner des Hauses in der

Hainstraße 36 haben es wohl nicht für nötig gehalten, ihre Notdurft

zu beseitigen. „Vermutlich Waschbären“, sagt sie und schaut

in einen Raum, der einst ein Wohnzimmer gewesen sein könnte,

mit Resten schwerer gemusterter DDR-Tapeten an den Wänden

– und Kothäufchen der vierbeinigen Eindringlinge auf dem morschen

Dielenfußboden. Das 1905 erbaute viergeschossige Gebäude,

das im Erdgeschoss früher das „Europa 70“ beherbergte, ein

beliebtes Kino, ist längst in die Phase des fortgeschrittenen Verfalls

übergegangen. Die meisten Decken sind eingefallen, einige

fehlen sogar ganz – man kann vom Erdgeschoss bis zum Dach

hochschauen. Seit die letzten Mieter vor 16 Jahren ausgezogen

sind, steht das Haus leer und verfällt.

Nun will der Eigentümer das Gebäude endlich loswerden

und hat die Agentur StadtWohnen gebeten, einen Käufer zu suchen.

StadtWohnen kümmert sich im Auftrag der Stadtverwaltung

um einige der hoffnungslosesten Fälle des Chemnitzer Altbaubestandes,

insgesamt rund 60 Gebäude. „Unsere Schützlinge“,

nennt sie Agentur-Mitarbeiterin Sabine Hausmann. Chemnitz,

70 Kilometer südwestlich von Dresden am Rande des Erzgebirges

gelegen und mit knapp 250 000 Einwohnern die drittgrößte

Stadt Sachsens, verfügt auch 27 Jahre nach dem Ende der DDR

über ein beachtliches Portfolio von Immobilien in unterschiedlichen

Stadien des Verfalls. Und die meisten stehen hier im Sonnenberg-Viertel,

dem größten zusammenhängenden Altbauquartier

der Stadt, vom Zentrum getrennt nur durch eine Bahntrasse.

StadtWohnen verwaltet einen kleinen Pool von Interessenten,

die sich selbst von einem Gebäude-Torso wie der Hainstraße 36

nicht abschrecken lassen. Oder besser: nicht mehr. „Mittlerweile

werden auch Objekte verkauft, für die sich noch vor zwei Jahren

niemand interessiert hat“, sagt Sabine Hausmann. Bei den Investoren

hat sich offenbar herumgesprochen: Unter all diesem

Schutt schlummert eine satte Rendite.

Rendite – das Wort hat auf dem Sonnenberg noch immer

einen unwirklichen Klang. Es ist noch gar nicht so lange her,

fünf, sechs Jahre vielleicht, da waren weite Teile des Viertels, das

im Gegensatz zum großflächig zerstörten Chemnitzer Stadtzentrum

im Zweiten Weltkrieg nur wenige schwere Bombenschäden

davongetragen hatte, Verfall und Kahlschlag preisgegeben.

Unter dem Banner des Stadtumbaus wurden leer stehende Gründerzeithäuser

kurzerhand abgerissen. Unablässig rückten die

Bagger mit ihren Hummerscheren an und knackten Wände und

Decken von Häusern, die keiner mehr brauchte. Manchmal blieb

von einem Straßenzug nur ein einziges Gebäude stehen. Wie ein

Grabstein.

Die Kahlschlagsanierung, betrieben insbesondere von der städtischen

Grundstücks- und Gebäudewirtschafts-Gesellschaft (GGG),

dem seinerzeit größten Immobilienbesitzer auf dem Sonnenberg,

entbehrte nicht einer gewissen Logik. Nach der Wende zählte

das einstige „sächsische Manchester“ zu den Städten im Osten

mit den größten Einwohnerverlusten. Auf den Zusammenbruch

der Industrie Anfang der Neunzigerjahre, als von 100 000 Fabrik-

Arbeitsplätzen nur ein Zehntel übrig blieb, folgte der Exodus der

Bevölkerung gen Westen.

Der Visionär und seine Partnerin

Am schlimmsten traf es das Altbauquartier am Sonnenberg, zwischen

1850 und 1914 für die Arbeiterschaft der Chemnitzer Fabriken

im gründerzeittypischen Schachbrettmuster errichtet. Zwischen

1990 und 2010 verlor das Viertel fast ein Drittel seiner

ehemals 20 000 Bewohner. Im südlichen Teil der mehr als einen

Kilometer langen baumlosen Zietenstraße, die den Sonnenberg

wie eine Schlagader durchzieht, standen am Ende fast drei Viertel

der Häuser leer. Kaum jemand wollte noch in unsanierten Wohnungen

mit Außenklo hausen. Zurück blieben oft jene, die den

Weg gen Westen scheuten und sich einen Umzug in bessere

Viertel wie den auf schick getrimmten Kaßberg nicht leisten

konnten. Nirgends in Chemnitz ist der Anteil an Hartz-IV-Empfängern

und Langzeitarbeitslosen so hoch wie hier. Die Mieten,

immerhin, waren und sind günstig: Die Kaltmiete durchbricht

nur selten die Grenze von fünf Euro.

„Das sind Originale aus Erichs Lampenladen. Haben wir uns

gesichert.“ Lars Fassmann sitzt unter einigen der berühmten

Einfach mal schauen

Lars Fassmann und

seine Lebensgefährtin

Mandy Knospe waren

die Ersten, die sich

in dem marodesten

Viertel von Chemnitz

getraut haben, etwas

zu riskieren. Zum

Beispiel mit dem

Gebäude ganz links.

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Sachsen // Beleben

Sachsen // Beleben

Lars Fassmanns erstes

Projekt – das Gebäude, in

dem sich das Lokomov

befindet – wirkt von

hinten immer noch nicht so

richtig schick. Dafür sieht die

neue von Heda Bayer

geleitete Spielstätte des

Off-Theaters „Komplex“

(andere Seite) besser aus,

als es die Umgebung

vermuten ließe.

Kugellampen aus dem Palast der Republik und räsoniert darüber,

was er angezettelt hat. Hier, im „Lokomov“, einer Mischung aus

Bar, Café und Club, trifft man den 40-Jährigen oft an, meist in

einer Ecke sitzend und über sein Notebook gebeugt. Fassmann

ist hier Hausherr, das Gebäude gehört ihm. Viele sehen in ihm

den Mover und Shaker vom Sonnenberg, den Mann, der sich

aufgemacht hat, Licht in eine der dunkelsten Ecken der Stadt zu

bringen. Und der nebenbei dafür gesorgt hat, dass man am Sonnenberg

als Investor wieder sein Geld vermehren kann.

Fassmanns Geschichte ist die eines erfolgreichen Unternehmers,

dem es nicht egal war, in welch tristem Zustand sich diese

Ecke seiner Stadt befand. Der Ostdeutsche, der einst zum Studium

der Wirtschaftsinformatik aus dem wenige Kilometer nördlich

gelegenen Garnsdorf nach Chemnitz gekommen war, hatte

im Jahr 2001 gemeinsam mit Kommilitonen eine Firma gegründet,

die Chemmedia AG, und daraus binnen weniger Jahre einen

weltweit agierenden Spezialisten für digitale E-Learning- und

Weiterbildungslösungen geschmiedet. Heute beschäftigt das von

Fassmann geführte Unternehmen rund 50 Mitarbeiter, unter den

Kunden finden sich klangvolle Namen wie Daimler, BMW, Procter

& Gamble, Allianz und Metro.

Fassmann beobachtete die Abriss-Strategie der GGG mit

Befremden. Er wusste, dass die Wohnungsgesellschaft damit

durchaus eigennützige Ziele verfolgte. Die Sanierung mittels Abrissbirne

war ein eleganter Weg, sich der Altschulden zu entledigen

– jener Hypothek aus DDR-Zeiten, als in fast allen Städten

der Republik große Neubauviertel auf Pump gebaut wurden. Der

Abriss der Altbauten war nicht nur billiger als eine Sanierung, er

wurde auch noch mit 50 bis 60 Euro pro abgerissenem Quadratmeter

Wohnraum gefördert. Gleichzeitig suchten andere händeringend

nach Räumen. Fassmanns Lebenspartnerin Mandy Knospe,

in Chemnitz eine bekannte Grafikerin, quälte sich damals, um

Plätze zu finden für ortsansässige Künstler, Kreativwirtschaftler,

Kulturvereine und Initiativen für Werkstätten, Ateliers, Ausstellungen,

Lager, Galerien, Bandproben und Theaterprojekte. Immer

wieder wurde sie abgewiesen. In den leer stehenden Häusern

auf dem Sonnenberg war genug Platz für ganze Künstlerkolonien.

Fassmann und Knospe begannen zu recherchieren. Wem gehören

die Gebäude? Kann man Räume anmieten? Oder sogar ganze

Häuser? Meist konnten sie nicht einmal den Eigentümer in Erfahrung

bringen. Es gab schlicht keinen Markt. Klar, der staatlich

subventionierte Abriss war viel lukrativer als ein Verkauf.

Biete Grundausstattung, suche nette Mieter

Im Frühjahr 2010 erfuhr das Paar wieder einmal von einem Abrissplan.

Diesmal ging es um einen vierstöckigen Backsteinkopfbau

am südlichen Rand des Sonnenbergs – das Haus, in dem

jetzt der Lokomov-Club residiert. Das um 1900 erbaute, seit 1997

leer stehende Gebäude, das der Stadt gehörte, wollte wirklich

keiner haben – die Lage zwischen Straßenbahntrasse und viel

befahrener Durchgangsstraße war denkbar schlecht. Der Abriss

hätte 90 000 Euro gekostet. „Im Erdgeschoss waren die Scheiben

eingeschlagen“, erinnert sich Fassmann an seine erste Besichtigung,

„aber insgesamt war der Zustand akzeptabel. Jedenfalls

nicht so schlecht, dass man abreißen musste.“ Der Unternehmer

bot „mehr so aus dem Gefühl heraus“ 30 000 Euro, den Verkehrswert

des Grundstücks. Er bekam das Haus.

Lars Fassmann, ein Mann mit leiser Stimme, der mitunter

ganz gezielt fein-sirrende Pfeile der Ironie abschießt, hatte für

die Immobilie eine Idee. Eine aufwendige Sanierung kam nicht

infrage – die Mieter dafür würde er nicht finden. Aber das Haus

für kleines Geld in einen nutzbaren Zustand zu bringen und es

dann Leuten anzubieten, von denen Mandy Knospe und er wussten,

dass sie Räume suchten – das könnte vielleicht funktionieren.

„Es war ein Experiment“, sagt er heute. Mit überschaubarem

Risiko. Die Zentralheizung aus den Siebzigern ließ sich ohne

großen Aufwand in Gang setzen, Elektrik und Wasserleitungen

wurden erneuert oder geflickt. Über die bestens vernetzte Mandy

Knospe nahm der neue Eigentümer Kontakt zu Künstlern, Kreativen

und Initiativen auf. Innerhalb weniger Wochen war das Gebäude

bis auf zwei Räume komplett vermietet.

Endlich keimte wieder Leben in der toten Ecke. Ganz andere

Menschen kamen jetzt hierher. Leute, die ein bisschen anders aussehen

als der alte Sonnenberger, die zu anderen Zeiten aufstehen

und schlafen gehen, die lachen und lärmen und sich verstörende

Kunstwerke und Installationen ausdenken, die „Schwarze Sonne“

heißen oder „Splitter und Deutung“. Chemnitzer Boheme.

So kamen und blieben Schauspieler und Bildhauer, Maler und

Designer, Musiker und Fahrradrestauratoren, Fotografen und

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Sachsen // Beleben

Sachsen // Beleben

eine Druckwerkstatt, Architekten, der Chaos Computer Club

und das Lokomov, das in Chemnitz mittlerweile zu den angesagten

Clubs zählt. Kürzlich eröffnete das „Augusto“, ein italienisches

Bistro, das für keine Pizza mehr als 6,50 Euro berechnet.

Manche Nutzer zahlten Miete, anderen überließ Fassmann die

Räume für einen Obolus, der die Nebenkosten abdeckte.

Zwei Jahre später kauften der Unternehmer und seine Lebenspartnerin

das gegenüberliegende Eckhaus. Ins Erdgeschoss

zog ein Musikclub ein, das „Nikola Tesla“, wo es abends ziemlich

laut wird. Darüber, sozusagen als Schalldämpfer, richtete der

neue Eigentümer einen Co-Working-Space ein, einen Arbeitsbereich

also für vernetzungsfreudige Freiberufler und Mini-Startups

mit 30 Schreibtischen, WLAN, Telefon, Drucker, Scanner,

Küche und Garten. In der dritten und vierten Etage wohnen vor

allem Künstler und Studenten. Die stört es nicht besonders,

wenn im Nikola Tesla noch spätabends die Bässe wummern

oder der Duft verglimmender verbotener Kräuter heraufzieht.

Bald gehörten dem Paar auch die beiden Häuser neben dem

Nikola Tesla. Eine Art Präventivschlag. Sie wollten vermeiden,

„dass da Leute einziehen, die die kulturelle Szene zwar schätzen,

aber nach 22 Uhr gern ihre Ruhe haben und sich beschweren,

weil ihnen die laute Musik auf die Nerven geht“.

„Wie viel Sanierung ist nötig?“, überlegte Fassmann jedes

Mal. Worauf kann ich verzichten? Wer könnte da einziehen? Und

was dort tun? Er ließ bewusst keine Balkone einbauen. Nicht

etwa, weil die zu teuer gewesen wären, „sondern weil die Leute

sich nicht mehr zum Grillen oder zum Hausfest im Innenhof

treffen, wenn jeder auf seinem Balkon sitzt“.

Eine langfristige Wette statt eines Plans

Lars Fassmann hatte kleine Inseln der Kunst und Kreativität in

die kulturelle Ödnis des Quartiers gesetzt und bewiesen, dass es

Alternativen zur Abrissbirne gab. Und er ging weiter auf Einkaufstour,

avancierte sozusagen im Vorbeigehen in nur zwei

Jahren zum vermutlich größten privaten Immobilienbesitzer auf

dem Sonnenberg. Wie viele Häuser ihm gehören? Er überlegt

kurz. „Vielleicht 15 oder so.“ Vier gehören ihm und Knospe, die

anderen ihm allein. Hinzu kommen ebenso viele Gebäude in

anderen Stadtteilen.

Nicht die besten Häuser sah er sich an, nicht die gut oder

halbwegs vermieteten, sondern die schlechtesten, leer stehenden,

die keiner wollte. Er kaufte billig aus Zwangsversteigerungen

oder Insolvenzverkäufen und tastete sich allmählich die Zietenstraße

hinauf. Voriges Jahr lotste Mandy Knospe ein vagabundierendes

Off-Theater in den Hinterhof der Hausnummer 32. Nun

hat das „Komplex“, das sich als „experimenteller Spielort“ versteht,

eine feste Adresse – und Fassmann einen weiteren Szenekultur-Setzling

gepflanzt.

Aber was hat der Immobilienbesitzer eigentlich mittel- und

langfristig mit all dem vor? Was ist sein Plan? Da wird er schweigsam

und seltsam nebulös, der sonst so messerscharf analysierende

Mann. Schon das Wort missfällt ihm. Pläne – so etwas macht

die GGG, die Stadt. Er habe keinen Plan. Auch keine Powerpoint-Präsentation

„Sonnenberg 2025“. „Kreativität lässt sich

nicht planen“, springt ihm Mandy Knospe zur Seite. „Gesunde

Stadtentwicklung funktioniert nur von unten.“

Fassmann hat ein paar Züge gemacht. Zwei weitere Häuser,

die noch zu DDR-Zeiten halbwegs saniert wurden, sind inzwischen

komplett vermietet. Jetzt wartet er und beobachtet, welche

Reaktionen seine Impulse auslösen. Er schaut sich auch die Preisentwicklung

bei Immobilien im Quartier an. Fassmann ist Geschäftsmann

– und als solcher betrachtet er letztlich den Sonnenberg.

„Natürlich will ich hier nicht auf Dauer ständig Geld

reinstecken“, sagt er. „Aber wenn ich schnell einige Millionen

verdienen wollte, würde ich sicher einfachere Wege finden.“

Auf dem Sonnenberg interessiert ihn, bislang jedenfalls, vor

allem die „gesellschaftliche Rendite“, die sich nicht unmittelbar

auf seinem Bankkonto niederschlägt. Die Stadt ein Stück nach

vorn zu bringen, damit sie nicht als „Aschenputtel des Ostens“

dasteht, wie der Spiegel einst titelte. „Wenn hier wieder Leben

einzieht, indem wir einer Szene ein Zuhause geben, gewinnt

doch die gesamte Stadt an Attraktivität“, findet er. Er weiß aber

auch: „Wir werden nicht im Alleingang ein Szeneviertel entwickeln.

Wir können bloß Rahmenbedingungen schaffen.“ Das versucht

er auch auf einer anderen Bühne – als stellvertretender

Vorsit zender der Piraten/Volkssolidarität-Fraktion im Stadtrat.

Sein Schwerpunkt: „Förderung von Soziokultur und Räumen für

Experimente sowie deren Schutz.“

Es ist eine Wette auf die Zukunft des Sonnenbergs, auf die Zukunft

der Stadt. Ob die Künstler und Kreativen, die er ins Viertel

gelotst hat, genügend Strahlkraft entwickeln und andere nachziehen.

Etwa Studenten. Schließlich sind in Deutschland wohl nirgends

WG-Wohnungen so billig wie hier. Oder mutige Gastronomen.

Fünf, sechs Restaurants könne der Sonnenberg, bisher

kulinarische Diaspora, locker verkraften, meint Fassmann. Dann

hätten die Chemnitzer abends einen Grund mehr herzukommen.

Wie lange das alles dauert? „Keine Ahnung. Es vergeht

schon Zeit, bis sich die Mieterstruktur in einem einzigen Gebäude

zurechtgerüttelt hat“, weiß Fassmann. „Bis Inhalte erzeugt

werden und die Leute nicht einfach nur wohnen, Sachen lagern

oder ab und zu vorbeikommen, um ein paar Stunden zu malen.“

Argwohn, Zweifel und Kritik

Manche Dinge funktionieren auch gar nicht, haben Fassmann

und Knospe gelernt. So hatten sie zum Beispiel mal auf die Sanierungsinitiative

der Mieter gesetzt. Ein Studentenprojekt wollte

ein Haus in der Zietenstraße modernisieren, Bäder und eine große

Gemeinschaftsküche einbauen. Anfangs werkelten 20 Leute

auf der Baustelle, aber dann wurde es Sommer, die Freibäder

lockten, und die Zahl der Helfer schmolz wie Eis in der Sonne.

Fleischermeister

Werner Thiele (links)

und Tischlermeister

Heiko Liebert

kämpfen auch gegen

den Verfall auf

dem Sonnenberg.

„Die letzten fünf haben irgendwann gesagt, das wird nichts“,

erzählt Mandy Knospe. Das Haus steht immer noch leer.

Ein Unternehmer, der 15 Häuser am Sonnenberg kauft und

nicht sagen kann, was er damit bezweckt? Kein Wunder, dass so

mancher Fassmanns Aktivitäten argwöhnisch beäugt. Die Skeptiker

fragen sich, wo er die Künstler und Kulturleute hernehmen

will, mit denen das Viertel glänzen soll. Schließlich steht die Stadt

bislang nicht gerade in dem Ruf, ein Mekka der Kunst zu sein.

Die rührige, aber überschaubare Künstlerszene macht aus dem

Sonnenberg noch keine Dresdner Neustadt oder ein neues Berlin-Friedrichshain.

Aber solche Vergleiche kann Fassmann ohnehin

nicht leiden. Dort sei alles überhitzt, sagt er, und es würden

absurde Mieten gezahlt. „Die Freiräume, nach denen immer alle

rufen, gehen halt damit einher, dass manches unfertig ist, provisorisch,

laut und etwas schmutzig. Wenn alles saniert ist, sind die

Freiräume weg.“

Die meisten Häuser, die Fassmann über die Jahre gekauft

hat, stehen noch unberührt da. So langsam könnte es mal weitergehen,

heißt es hier und da. Warum saniert der nicht mal, so wie

andere auch, mit Laminat und Raufaser und Armaturen aus dem

Baumarkt? „Ich kann nicht alles auf einmal machen“, sagt Fassmann.

Außerdem gebe es bis heute keine Bank, die eine Sanierung

im unteren Teil der Zietenstraße finanziert. Hat er sich vielleicht

zu viele Häuser aufgebürdet? Oder lässt er die Zeit für sich

arbeiten? Fassmann hat eine eigene Firma für seine Immobilien

gegründet, BRES: „Bürger rettet Eure Stadt AG“. Womit die sich

befasst, erfährt man unter der angegebenen Domain allerdings

nicht – die Website ist noch im Aufbau. Da sei vielleicht Spekulation

im Spiel, heißt es in der Stadt. Die Gerüchteküche brodelt.

Man habe gehört, Fassmann wolle verkaufen, Kasse machen,

von den gestiegenen Preisen profitieren. Einfach nur Wohnungen

sanieren und vermieten sei ihm zu langweilig, sagt er selbst. Kein

Zweifel, dass er meint, was er sagt.

Vielleicht sind manche Chemnitzer auch nur pikiert, weil

Lars Fassmann in der Presse fast schon als Messias gefeiert wird,

während von so vielen anderen, die auch nicht einfach zusehen

wollten, wie ihr Stadtteil verfiel, selten die Rede ist. Das immerhin

wäre verständlich, denn ohne die ehrenamtliche Arbeit der

rührigen Leute vom Verein StadtHalten beispielsweise hätte

Fassmann einige seiner heutigen Besitztümer wohl nicht erwerben

können. Die StadtHalten-Aktivisten haben dafür gesorgt,

dass ungezählte Wände und Decken mit Trägern abgestützt wurden

– ihre Hauskümmerer sehen in leer stehenden Gebäuden

regelmäßig nach dem Rechten. Vor allem haben sie ein Auge

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Sachsen // Beleben

Sachsen // Beleben

auf Metalldiebe, die nachts auf Raubzug gehen und Armaturen,

Rohrleitungen und Heizkörper aus den Wohnungen reißen.

„Nichts gegen die Aktivitäten von Herrn Fassmann“, sagt Renate

Albrecht, Vorstandsfrau von StadtHalten, „aber er ist ein bisschen

auf den Zug aufgesprungen.“ Und Kooperation sei auch

nicht seine Stärke. „Der macht sein Ding.“

Lars Fassmann ist nicht allein

Etliche private Hausbesitzer, vor allem im oberen, besseren Teil

des Viertels, haben viel Geld in ihre Häuser gesteckt – bevor Lars

Fassmann den Sonnenberg betrat. Leute wie Fleischermeister

Werner Thiele, 82 Jahre alt, der auf dem Sonnenberg geboren

und aufgewachsen ist und immer alles top in Schuss gehalten hat

für die Mieter, die über seinem Laden in der Zietenstraße wohnen,

„auch zu DDR-Zeiten schon“. Die blitzsaubere Fleischerei

der Familie ist die letzte von einst einem Dutzend im Viertel. Und

auch sie existiert nur noch, weil der Senior das Geschäft mit der

Auslieferung kalter Platten und Büfetts forciert hat. Er grummelt

ein wenig über „das junge Gelumpe“, das Fassmann auf den Sonnenberg

geholt hat. „Ein bisschen ordentlicher könnten sie vielleicht

sein.“ Er hat Fassmann in den Rotary Club vermittelt, das

kann auf keinen Fall schaden.

Dass der seit Jahren brachliegende Immobilienmarkt in der

Schmuddelecke des Sonnenbergs erst mit dem Auftreten Fassmanns

überhaupt wieder in Gang kam, bestreitet indes niemand.

Zuvor war die Nachfrage, wie die Ökonomen sagen, völlig preisunelastisch:

Die Häuser konnten noch so billig sein, sie fanden

keinen Käufer. Sandro Schmalfuß, ein quirliger Makler mit einem

Herz für die Chemnitzer Altbauquartiere, erinnert sich an einen

schwierigen Auftrag. Vor einigen Jahren suchte er Käufer für 25

leer stehende Sonnenberg-Altbauten aus einer Insolvenz. „Kaum

jemand interessierte sich für die Gebäude.“ Einer der Käufer war

Lars Fassmann. Ganze Straßenzüge seien damals in die Hände

zweifelhafter Investoren geraten. Sie investierten nichts, ließen

die Gebäude weiter verfallen – und hofften auf steigende Preise.

Irgendwann hatte die Riege der Immobilienentwickler Witterung

aufgenommen, sicher auch durch die Kunde von Fassmanns

Wirken in der Stadt. Nach Berlin, Dresden und Leipzig

suchten sie neue Betätigungsfelder, und ihr Blick fiel auf Städte

in der dritten Reihe. Etwa auf Chemnitz. Die Verkaufspreise waren

nach wie vor so niedrig, dass sich trotz Sanierung und Kaltmieten

unter fünf Euro ein Investment auf jeden Fall rechnete.

Wirtschaftlich hat sich die Stadt vom Nach-Wendeschock

erholt. Die Arbeitslosenquote ist von ehemals fast 20 Prozent

Ende der Neunzigerjahre stark gesunken – auf zuletzt 8,2 Prozent.

Zudem verzeichnet die Stadt seit 2011 einen leichten Bevölkerungszuwachs.

Und nicht zuletzt ist die Förderung umgestellt

worden: Inzwischen gibt es für den Abriss keine Zuschüsse

mehr, die Subventionen kommen nun Sanierungen zugute. Der

Sonnenberg ist attraktiv geworden.

Super Gebäude, top renoviert und sehr gefragt: eines der Häuser

des Tischlermeisters Heiko Liebert

Doch Sandro Schmalfuß kann den vielen Interessenten kaum

noch etwas anbieten. Wer beizeiten investiert hat, profitiert jetzt

von steigenden Preisen. Vor vier Jahren ging ein Haus mit passabler

Bausubstanz im Schnitt für 7500 Euro weg, jetzt wird das

Zehnfache geboten. Die Zietenstraße 3, leer stehend, mit Ofenheizungen

sowie Vandalismus- und Feuchtigkeitsschäden, im

vorigen Jahr auf einer Auktion auf 19 000 Euro taxiert, wurde

für rund 40 000 Euro verkauft und wird jetzt für 90 000 Euro

angeboten. Mittlerweile ist der Boom nicht mehr zu übersehen.

Maklerinnen laufen fotografierend durchs Quartier. An vielen

Hauswänden ragen Gerüste empor. Bauarbeiter wuseln herum,

schleppen Säcke mit Putz, Raufaserrollen, Laminatpakete, Toilettenschüsseln,

Rohre, Duschtassen und Armaturen in die Häuser.

Wird es Mieter für alle diese Wohnungen geben? Ulrich Weiser,

Chef des FOG-Instituts für Markt- und Sozialforschung, der

wohl beste Kenner des Chemnitzer Immobilienmarktes, hat daran

keinen Zweifel. Aber es werde dauern. „Viele Leute ziehen

um – von vergleichsweise schlechten Wohnungen in bessere,

frisch sanierte“, sagt er. Der Unterschied in der Miete sei nicht

gravierend. Deshalb verringert sich auch der Leerstand auf dem

Sonnenberg nur zögerlich: von 34 Prozent im Jahr 2007 auf

aktuell 30 Prozent. Das ist immer noch doppelt so viel wie der

Chemnitzer Durchschnitt. Nach wie vor, sagt er, hadere das

Viertel mit seinem schlechten Ruf. Aber jedes Baugerüst, jede

sanierte Wohnung ist ein gewonnenes Scharmützel im zähen

Kampf gegen das Schmuddelkind-Image.

Auch Tischlermeister Heiko Liebert weiß, dass er mit dem

geschickten Verkauf billig erworbener Immobilien derzeit mehr

Profit machen könnte als mit der Sanierung und Vermietung seiner

drei Häuser in der Zietenstraße, in unmittelbarer Nachbarschaft

seiner Tischlerei. Liebert ist auch so einer, der nicht tatenlos

zuschauen wollte, wie das Viertel verkommt. „Was kann ich

mit meinen Mitteln für den Sonnenberg tun?“, hatte er sich gefragt

– und sein Geld in die Gebäude gesteckt. Zwei Altbauten

sind komplett saniert und vermietet, am dritten arbeitet er gerade.

„Es war vorher einem Spekulanten in die Hände gefallen und

innerhalb weniger Jahre total verfallen“, erzählt er. „Die Öfen

fielen schon durch die Decke.“

Liebert setzt auf hochwertige, für Sonnenberger Verhältnisse

geradezu luxuriöse Sanierungen, mit Fußbodenheizung, barrierefreien

Zugängen und Aufzügen – für Mieter, die nicht mehr so

gut Wasserkästen schleppen können. Er hofft auf Menschen, „die

eine top sanierte Wohnung suchen wie am Prenzlauer Berg in

Grüße...

... aus dem Vogtland!

„Die Göltzschtalbrücke

ist ungefähr

2000 Meter hoch.

Für den Space-ICE.

Papa sagt, es sind

nur 78 Meter. Sieht

aber höher aus.“

Berlin – aber für die Hälfte der Miete“. Und es sieht nicht so aus,

als müsse er sich große Sorgen machen. Fast täglich fragen Interessenten

nach, wann die Wohnungen endlich bezugsfertig sind.

„Es ist der Gegenpol zu dem, was Fassmann am unteren

Ende der Straße mit seiner Minimalsanierung gemacht hat“, sagt

Liebert über seine Vorgehensweise. Aber der habe überhaupt erst

dafür gesorgt, dass wieder Leben ins Viertel einziehe und ein

intellektuelles Publikum komme. Solche Leute habe man doch

vorher auf dem Sonnenberg gar nicht gesehen. Und natürlich

lohne sich das auch für ihn. „Unsere Wohnungen hier oben können

noch so schön sein“, sagt er, „aber wenn Sie die Zietenstraße

hochkommen und da ist alles nur düster und verfallen und

gruselig, dann ziehen Sie hier nicht hin.“

In den Chor jener, die an Fassmann herumnörgeln, will Heiko

Liebert keinesfalls einstimmen. Ganz im Gegenteil. „Endlich

mal einer, der eine Idee hat, der voranprescht und ins Risiko

geht“, sagt Liebert und bricht eine Lanze für den stillen Visionär

aus dem Lokomov. Für die Bedenkenträger hat er nur ein Lächeln

übrig. Für ihn ist Lars Fassmann so etwas wie ein Billardspieler,

der mit einem beherzten Eröffnungsstoß sämtliche Kugeln

in Bewegung gesetzt hat. „So ist es hier auch: Keiner weiß,

wo sie mal hinrollen. Total spannend.“

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Sachsen // kultivieren

Ein Bonbon

für Oobi-Ooobi

Ein Leipziger Gartenbaubetrieb führt die meisten Arten

Eukalyptus in Deutschland und demnächst wohl sogar in Europa.

Der bislang einzige Kunde wohnt im Zoo.

text: Søren Harms

foto: Kai Müller / Jan Woitas/dpa

Ulf-Peter Schilling sorgt mit 20 Angestellten dafür, dass

es dem Koala im Leipziger Zoo jeden Tag schmeckt.

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Sachsen // kultivieren

Sachsen // kultivieren

E

„Er ist ein halb nächtliches Thier, wenigstens verschläft er die

größte Helle und Hitze des Tages tief versteckt in den Kronen der

Gummibäume, welche seinen bevorzugten Aufenthalt bilden.

Gegen Abend beginnt er seine Mahlzeit. Ruhig und unbehelligt

von den übrigen Geschöpfen der Wildnis, weidet er äußerst

gemächlich die jungen Blätter und Schößlinge der Äste ab,

indem er sie mit den Vorderpfoten festhält und mit seinen

Schneidezähnen abbeißt.“

(Brehms Thierleben, 1883)

Oobi-Ooobi schläft. Kauert in seiner Astgabel, Rücken an einem

Stamm, Kopf am anderen, und poft. „Der Teddybär da oben im

Baum“, erklärt ein junger Mann seiner Tochter und stellt sie aufs

Geländer, „das ist ein Koala.“ – „Ei“, sagt die Tochter. Sie streckt

die Hand aus bis fast zur Glasscheibe. Zehnmal in der Minute

hebt und senkt sich das graue Plüschfell.

„Über Koalas müssen Sie Folgendes wissen“, sagt Ulf-Peter

Schilling und quert mit seinem Wagen die Schienen der Leipziger

Straßenbahn. „Erstens ernähren sie sich fast ausschließlich von

Eukalyptusblättern. Zweitens gehören alle Koalas der australischen

Regierung und werden nur mit hohen Auflagen an die

Zoos dieser Welt ausgeliehen. Und drittens gehört zu diesen Auflagen,

dass die Zoos Futter für mindestens eine Woche vorhalten

– also frischen Eukalyptus.“

Ulf-Peter Schilling ist seit acht Jahren Chef der Garten- und

Landschaftsbau Schilling GmbH in Leipzig. 20 Angestellte, fast

eine Million Euro Umsatz: Die Firma pflegt die Grünanlagen beim

Bundesgerichtshof, die Gärten von Ärzten und Bürgermeistern,

die Tropenpflanzen im „Gondwanaland“ des Leipziger Zoos. „Der

Zoo ist unser längster und wichtigster Kunde, schon mein Vater

hat sich dort ums Grün gekümmert“, sagt Schilling. Daher hat

seine Firma auch direkt nebenan ihren Sitz. Von klein auf kennt der

Junior alle Tiere und Pfleger, später schnitt er im grünen Overall

seiner Zunft schon mal die Büsche längs der Zoowege.

Heute trägt der 40-Jährige Turnschuhe, Jeans, Hemd und einen

gepflegten Fünftagebart. Und er ist nicht auf dem Weg in den

Zoo, sondern zu einer seiner „Visionen“, wie es seine vertrauten

Angestellten immer halb lachend, halb augenrollend nennen. Die

neueste wächst in zehn Treibhäusern im Städtchen Schkeuditz.

Ein Tierpfleger steckt an jeden der abgeschälten Eukalyptusstämme

im Koala-Gehege frische Zweige. Jeder hat andere Blätter:

kleine oder große, blass- oder knallgrüne, spitze oder stumpfe.

Oobi-Ooobi schläft weiter. „Das sind schon extrem faule Säcke“,

sagt ein Zopfträger zu seiner Freundin. Ein Mädchen weiter links:

„chilliges Leben“ und nickt dazu. Es klingt fast anerkennend.

20 Autominuten von Zoo und Firmensitz entfernt steht

Schilling vor einem Gewächshaus und öffnet das Vorhängeschloss

vor der Glastür. In langen Reihen wachsen hier vier verschiedene

Arten von Eukalyptus. Das Thermometer zeigt 14

Grad; fällt es unter sechs Grad, springt die Heizung an, denn die

meisten Eukalyptusarten vertragen zwar bedingt Frost, die Arten

in diesem Haus aber nicht. Der Tereticornis zum Beispiel. „Sehr

fit, die Pflanze – und wird derzeit von Oobi-Ooobi gut gefressen“,

sagt Schilling. Tereticornis duftet sehr frisch und gut, nach,

nun ja: Eukalyptusbonbon eben. „Das ist aber beileibe nicht

überall so“, sagt Schilling und lächelt. „Warten Sie mal ab.“

Zwischen den Stämmen liegen schwarze Planen. „So können

wir das herabfallende Laub leicht wegfegen. Sonst würden sich

darin Schädlinge und Pilze vermehren.“ Schilling zerreibt das feine

grüne Blatt einer erst hüfthohen Pflanze. Es duftet intensiv nach

Minze und Zitrone. „Gut, oder? Das ist Corymbia citrodora.“

Schlafen, umdrehen, weiterschlafen

Im nächsten Haus dagegen duftet es weniger, es müffelt irgendwie.

Ein üppig wuchernder Baum mit steifen, glatten mintgrünen

Blättern. „Eucalyptus globulus, der Blaue Eukalyptus“, sagt

Schilling. „Zerreiben Sie mal ein Blatt.“ Das Müffeln wird zum

Gestank. Kein Wunder, dass diese Art bei Schillings Leuten Katzenpissebaum

heißt.

An der Wand über einem Arbeitstisch hängt ein Foto von

Oobi-Ooobi, als wache er über seine künftige Speise. Daneben

hängt ein zweites Graufellknäuel mit Knopfaugen. „Das ist Vobara

aus dem Zoo Budapest“, sagt Schilling. „Der war wohl etwas

appetitlos im vergangenen Herbst, da hat die Zooleitung angefragt,

ob wir nicht ein paar Sorten schicken können, die sie dort

nicht haben. Wir haben das DHL-Luftkreuz hier am Flughafen,

eine Express-Sendung ist in zwölf Stunden am Ziel. Na ja, und

darunter war auch Eucalyptus globulus.“ Wenn’s hilft, werden

sich die Tierpfleger in Budapest gedacht haben. Vielleicht haben

sie die Zweige mit Nasenklammer angeboten.

Und Oobi-Ooobi? Zieht derweil den Kopf zwischen den

Hinterläufen hervor, lagert sich in Zeitlupe um – und schläft weiter.

Sein Mittagessen lässt schon ein wenig die Blätter hängen.

„Ist der allein?“, fragt das elfte Kind, seitdem der Zoo geöffnet

Lecker!

hat. Denn wieder liest ein Papa nicht den Satz vor, der auf der

Infotafel neben dem Gehege steht: „Koalas sind Einzelgänger.“

Wenn alles nach Plan läuft, soll Anfang 2017 der Koala Maka

nach Leipzig übersiedeln. Dann schlafen hier zwei Koalas 18 bis

20 Stunden am Tag.

Welchen Einfluss der zweite Gast auf die Planung der Speisekarte

haben wird, muss man noch sehen. Denn Koalas sind ausgesprochene

Feinschmecker. Von den insgesamt mehr als 700

Eukalyptus-Arten der Welt fressen sie nur jede zehnte, und auch

die lassen sich nicht verlässlich planen. „Was ihnen heute schmeckt,

kann morgen schon nicht mehr von Interesse sein“, sagt Ulf-

Peter Schilling.

Momentan kann er dem Leipziger Koala 21 verschiedene

Sorten anbieten. „Demnächst werden wir sogar auf 25 Arten

kommen“, sagt Schilling. „Dann führen wir die meisten in der EU

– wenn der Brexit kommt.“ Weltweit besitzen nur zwei Plantagen,

in Florida und in Cornwall, mehr Arten.

Oobi-Ooobis Fressverhalten, die Fressmenge, der Kot – die

Zoopfleger messen und protokollieren das jeden Tag. Aber zehn

Gewächshäuser voller Eukalypten bedeuten eine Investition von

gut 100 000 Euro: Frisst ein Koala das wieder rein? Nein. Aber

vielleicht zwei Koalas. Oder drei, auf lange Sicht. Wer weiß?

Oder andere Tierparks in Europa lassen sich die recht exklusive

Ware senden.

Der Leipziger Zoo jedenfalls freut sich an einem Partner wie

Schilling: regional, nachhaltig, flexibel, einer mit Ideen, der Arbeits-

und Ausbildungsplätze schafft. Deshalb hält Schilling stets

auch Augen und Ohren offen – er will seine Firma schließlich am

Laufen halten. Und gelegentlich hat er dann eben eine Vision, die

das Geschäftsfeld erweitert.

Hegen, pflegen, weiterlernen

„Wir hatten auch keine Ahnung von Tropenpflanzen“, erklärt er,

„aber als der Zoo Gondwana plante, habe ich meine Leute zusammengerufen

und gefragt, wer Lust hat, sich darum zu kümmern

– und die habe ich einige Wochen nach Holland geschickt,

wo die Pflanzen bereits warteten. Dort haben sie dann eben die

spezielle Pflege erlernt.“ Jüngst hat er zwei Auszubildende aus

Spanien angenommen, auch weil er sonst keine guten Bewerber

fand. „Wer stillsteht, hat schon verloren“, findet Schilling und eilt

zum nächsten Gewächshaus.

„Viele Eukalypten wachsen wahnsinnig schnell“, Schillings

Finger liegt jetzt auf Augenhöhe am Stamm, „den hier haben wir

erst vor drei Monaten auf den Stock gesetzt.“ Zwei Meter hat das

Bäumchen seitdem zugelegt und drückt fast an die Gewächshausplane.

„Das sind Erfahrungswerte, die wir sammeln.“

Und weil die Bäumchen so rasch wachsen, müssen Schillings

Gärtner momentan einiges entsorgen. „Eine Zweitnutzung für

Eukalyptus wäre fantastisch. Aber wir haben noch nichts gefunden.

Für Bonbons oder Körperhygiene-Artikel ist es schwierig

mit der Zertifizierung – aber Artikel wie Duftkissen, Saunapeitschen

oder Futterbeimischungen für Pferde, das kann ich mir

schon vorstellen. Da fehlte mir bislang allerdings die Zeit.“ Schilling

lacht. Und hofft auf den Winter und einen WG-Bewohner

für Oobi-Ooobi.

Angeblich ist Oobi-Ooobi an diesem Tag tatsächlich noch

aufgewacht und hat gefressen. Ulf-Peter Schilling kann vorführen,

wie das aussieht: „Er zieht dann mit einem Arm langsam einen

Zweig zu sich heran, so ungefähr, schaut, schnuppert an der

Spitze“, Schilling schnüffelt am Blatt vor ihm, „und vielleicht kaut

er dann die jüngsten Blätter ab. Oder er schaut gelangweilt und

lässt wieder los.“ Und schläft weiter.

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Entspann dich!

Die

Eigenleistungsstadt

Kein Geld.

Keine gute Anbindung.

Keine Grenze.

Und das sind längst nicht alle Standortvorteile von Görlitz.

Text: Peter Lau

Foto: Antonina Gern

Die spätgotische Pfarrkirche St. Peter und Paul bezeugt

Görlitz’ große Vergangenheit, die nicht komplett vermieteten

Häuser drum herum zeigen das Zukunftspotenzial der Stadt.


Sachsen // AKTIVIEREN

Sachsen - Machen

E

Eine Grenze gibt es nicht mehr. Du gehst

durch die Stadt, es ist Deutschland, über

die Brücke und weiter durch die Stadt,

doch jetzt ist es Polen. Als am 21. Dezember

2007 die Grenzkontrollen zwischen

den beiden Nachbarländern endeten, wurde

aus Görlitz und Zgorzelec wieder das,

was sie bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

waren: eine Stadt – jetzt eben in

zwei Ländern. Und wie das so ist mit verschwundenen

Grenzen: Erst ist es unglaublich,

doch nach kurzer Zeit erinnert

sich keiner mehr an sie. Die Brücke ist nur

noch eine Brücke.

Und diese politische Grenze ist nur

eine von zahllosen, die in den vergangenen

Jahren gefallen sind oder noch fallen

werden. Jeden Tag verschwinden heute

mehr Grenzen als früher in einem Lebensalter.

Das ist die Lage. Und die Chance.

Auch für diesen Ort an der unsichtbaren

Grenze.

Görlitz ist eine ruhige Stadt. „Wir

haben hier ein menschliches Tempo“, sagt

Axel Krüger. Das klingt in unserer aufgeheizten

Ökonomie nach weit hinten. Es

könnte aber auch das Gegenteil sein.

„Sicher, in anderen Städten passiert

mehr“, erklärt der 52-Jährige, „aber ich

fühle mich hier wohl. Ich glaube, die Stadt

hat mit 90 000 Einwohnern auf beiden

Seiten eine ideale Größe: Man kennt sich

noch, kann sich aber auch in Ruhe lassen.

Man kann sich aufeinander verlassen, ist

aber nicht voneinander abhängig. Man

kann alles auf kurzen Wegen zu Fuß oder

mit dem Rad erledigen, hat aber genug

Platz, sich freizulaufen.“

Es ist ein sonniger Vormittag im Hinterhof

eines kleinen Hotels, das voll gestellt

ist mit alten Möbeln, Grammofonen,

sogar Schaufensterpuppen. Im ersten Moment

wirkt das etwas befremdlich, aber ist

man länger in Görlitz, gewöhnt man sich

Axel Krüger (rechts), der sich in Görlitz immer wieder neu

erfunden hat, kennt die halbe Stadt. So auch Detlef Hausmann, einst

Uhrenhändler, heute Verkäufer von Mittelalter-Zubehör.

an die üppige Präsenz vergangener Schönheit.

Axel Krüger fühlt sich hier wohl. Er

ist ein Lokalpatriot, aber kein gebürtiger.

Er stammt aus dem Saarland und ging von

dort nach Freiburg, wo er „ein wenig rumstudierte“,

Jura, Volkswirtschaft, „alles,

was ich brauchte, um eine Firma zu gründen“.

Einen Abschluss machte er nicht.

Stattdessen betrieb er ein ziemlich erfolgreiches

Studentenkino und startete mit

dem Gewinn eine Werbeagentur.

Die Wiedervereinigung erlebte er in Berlin

auf dem Potsdamer Platz. Er war begeistert.

Als ihn kurz darauf ein Bekannter

fragte, ob er in Görlitz Marketing unterrichten

könne, fuhr er mal hin – und ging

nie zurück. Das war 1991. Er gründete

eine neue Agentur und mit Freunden eine

Kneipe, betrieb ein Restaurant, arbeitete

drei Jahre für einen Konzern und hat jetzt

wieder eine Agentur, daneben führt er

einen kleinen Weinhandel. „Aus allem“,

In der Jakobspassage geht es nicht nur um Produkte,

sondern auch um Aufbruchsstimmung, Selbstwirksamkeit und die

Arbeit an einer gemeinsamen Zukunft.

sagt er im Rückblick, „haben sich immer

wieder neue Möglichkeiten ergeben.“

Krüger ist ein grandioser Erzähler. Das

darf man auch erwarten. Immerhin ist seine

Agentur Machtwort eine Kommunikations-

und Personalberatung. Er führt sie

mit dem deutlich jüngeren Görlitzer Mike

Altmann, der einen ähnlich bunten Lebenslauf

vorweisen kann. Die beiden schreiben

auch Bücher und veranstalten in der Stadt

Lesungen, oft mit weiteren Künstlern.

„Anfangs“, sagt Krüger, „kam eine Handvoll

Leute, aber da muss man durch.

Inzwischen ist jeder Abend ausverkauft.“

Hört man ihm länger zu, wird bald klar,

worauf die Liebe zu seiner Wahlheimat

basiert: Er hat sie sich erarbeitet.

„Görlitz“, sagt Krüger, „wirft dich auf

dich selbst zurück. Wir haben damals eine

Kneipe gegründet, weil es keine Kneipe

gab, die uns gefiel. Ich habe das Restaurant

geführt, weil ich ein gutes Restaurant

wollte. Wenn einer sagt: Hier gibt es keine

Disco, sagen wir: Mach eine gute Disco.

Es gibt Platz, es gibt Menschen, die kämen

– tu es einfach. Irgendwer wird dir schon

helfen. Versuche es.“

Ausprobieren und gewinnen

Für ihn ist dies das Prinzip Görlitz: „Es

gibt unwahrscheinlich viele Möglichkeiten.

Man kann sich hier ausprobieren, und

zwar zu kleinen Preisen, weil wir viel Platz

haben. Beim Projekt Jakobspassage sieht

man das gut: Da waren junge Leute an dem

Ladenraum interessiert, und der Hausbesitzer

war froh, dass ihn einer haben wollte.

Die Jungs haben selbst saniert und zahlten

lange nur die Betriebskosten, nun sieht

das Objekt besser aus, und andere Interessenten

werden kommen, die mehr bezahlen.

Das ist für alle eine Gewinnsituation

– und das funktioniert bei uns.“

Zur Jakobspassage kommen wir gleich.

Zu Fuß oder mit dem Rad. Ist nicht weit.

Aber vorher ein kurzer Einschub zur Geschichte

von Görlitz: Die heute östlichste

Stadt Deutschlands wurde im Mittelalter

ein sehr reiches Handelszentrum, das sie

lange blieb, und erlebte während der Industrialisierung

im 19. Jahrhundert eine zweite

Blüte. Sie war, kurz gesagt, die meiste Zeit

eine der reichsten Städte Deutschlands.

Und da sie nie von Fürsten regiert wurde,

sondern von Kaufleuten, floss das schöne

Geld nicht in Schlösser und Ländereien,

sondern in den Ausbau der Stadt. Das

sieht man noch heute.

Man könnte es Glück nennen, aber

tatsächlich waren es Standortvorteile, die

die Stadt mehrfach retteten, wie Axel Krüger

erzählt. Im Zweiten Weltkrieg gelang

es den Engländern nicht, Görlitz zu bombardieren,

obwohl es dort kriegswichtige

Industrie gab: Es lag so weit ab, dass

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Sachsen - Machen

Sachsen // AKTIVIEREN

das Benzin der Bomber für die Strecke

nicht reichte. Die einmarschierenden Russen

umfuhren Görlitz weiträumig, weil

das Neiße-Ufer in diesem Gebiet zu steil

für ihre Panzer war. Und in der DDR ließ

man die Altstadt stehen, weil man dort

wegen der dichten Bebauung nicht sprengen

konnte und andere Arten des Abrisses

zu teuer waren.

Das hat dazu geführt, dass in Görlitz

rund 4000 Baudenkmäler stehen: In der

Innenstadt ziehen bestens erhaltene, top

restaurierte Spätgotik-, Renaissance- und

Barockhäuser eine stetig wachsende Zahl

von Touristen an. Und um den Stadtkern

liegen ausladende Gründerzeit- und Jugendstilviertel,

das Ergebnis der zweiten

Blüte, flankiert von üppigen Parks, deren

Pflege die Stadt sich offensichtlich etwas

kosten lässt. Doch ein nicht geringer Teil

dieser Pracht steht leer. Denn Görlitz hat,

wie der gesamte deutsche Osten, erheblich

an Einwohnern verloren: 1990 lebten

rund 72 000 Menschen im deutschen Teil

der Stadt, heute sind es noch rund 56 000.

Seit einiger Zeit geht es allerdings langsam

bergauf. Oberbürgermeister Siegfried Deinege,

ein ehemaliger Bombardier-Manager,

über den sämtliche Gesprächspartner

nur Bestes zu sagen wussten, hält es für

durchaus möglich, dass seine Stadt in fünf

Jahren 60 000 Menschen beherbergt.

Zur Vorhut gehören Clemens Kießling,

Sebastian König und Robert Melcher,

die Betreiber der Jakobspassage, an der

alles echt ist – bis auf den Namen: Eigentlich

ist es nur ein Laden, den man zwar

durchqueren kann, aber dann steht man

bloß auf einem netten Hinterhof. Doch

alles andere im Reich der drei Jungunternehmer

ist ausgesprochen bodenständig:

An Kleiderständern hängen Hoodies und

Hosen von Fair-Trade-Labels, daneben

stehen restaurierte Vintage-Fahrräder, und

wer an der kleinen Bar eine Matelimonade

Unternehmer, Zukunftsbauer und

Betreiber der Jakobspassage. Von links

im Uhrzeigersinn: Robert Melcher,

Sebastian König und Clemens Kießling

bestellt, kann sie auf einem sehr bequemen

rollenden Sessel genießen. Und natürlich

kann man das alles auch kaufen.

Clemens Kießling hat den Laden gefunden.

Er studierte in Dresden Politikwissenschaft,

als er 2013 feststellte, dass es

in Sachsen keinen Handel für Fair-Trade-

Kleidung gab. Also eröffnete er einen Onlinestore,

für den er anfangs ein WG-Zimmer

als Lager nutzte. Als der Laden lief,

suchte er einen größeren Raum, fand aber

nichts, „nicht einmal was Unbezahlbares.

Der Immobilienmarkt der Stadt hat sich in

fünf Jahren komplett gedreht. Es gibt in

Dresden keinen Leerstand mehr“, glaubt

er. Der wirtschaftliche Boom, der Aufstieg

der Universität zur Exzellenz-Uni, ja der

gesamte Erfolg Dresdens erzeugt an der

Basis einen Druck, mit dem sich Kießling

nicht anfreunden konnte. Also sah er sich

um – und fand Görlitz.

Kommen und bleiben

Seinen jetzigen Vermieter lernte er über

einen Bekannten kennen. Er bekam den

Laden anfangs mietfrei, um ihn auszuprobieren,

nutzte ihn als Lager und bald

auch zum Verkauf. Es war ein roher Raum

ohne Heizung, er musste schließen, wenn

es kalt wurde. „Aber so war ich schon mal

mit einem Bein hier.“ Dann bot ihm der

Vermieter eine sehr billige Wohnung über

dem Geschäft an, die er selbst renovieren

sollte. Und er erinnerte ihn an ihren Deal:

Nach der Testphase würde er Miete zahlen.

Kurz darauf traf der 26-Jährige bei den

„Zukunftsvisionen“, einem alljährlichen

internationalen zeitgenössischen Kunstfestival,

das von Studenten organisiert wird,

Sebastian König, der dort in einem Popup-Store

seine Fahrräder anbot.

König stammt aus der Nähe von

Rosenheim. Er ist vor sieben Jahren nach

Görlitz gezogen. „Ich habe hier oft einen

Schulfreund besucht – und die Besuche

wurden immer länger. Ich mag die Stadt“,

erzählt er. Der 38-Jährige, der früher in der

Textilbranche tätig war, benutzt oft das

Wort „Fügung“ – seine Geschichte legt es

aber auch nahe. Kurz nach seinem Umzug

traf er seine heutige Frau, und bald fand er

auch sein neues Geschäftsfeld: alte Fahrräder.

„In Polen gibt es sehr viele, vor allem

vom Sperrmüll der Achtziger- und Neunzigerjahre.

Und die werden von Sammlern

in aller Welt gesucht.“ Er handelt zurzeit

in erster Linie mit restaurierten Fahrrädern

und baut ab und zu individuelle Stücke,

denkt inzwischen aber auch über eine eigene

Produktion nach. Was ihm lange fehlte,

war ein Laden – bis er auf Kießling stieß.

Mitfiebern und mitmachen

König erzählt von Görlitz wie von einem

Geschenk: „Der Leerstand! Das Abenteuer!

Im Süden braucht man ganz andere Mittel

und ein anderes Netzwerk, um so etwas

zu entwickeln. Außerdem habe ich schnell

Anschluss gefunden und mich willkommen

gefühlt. Als wir mit der Jakobspassage

begonnen haben, wurde das noch

mal spürbar. Die Leute haben richtig mitgezittert,

ob wir das schaffen. Auch ältere

Menschen kamen rein und fanden es toll,

dass hier was passiert. Das war für uns alle

eine schöne Erfahrung.“

Klingt das nach Märchen? Oder zumindest

unwahrscheinlich? Tja, die große

Weltoffenheit der Görlitzer bestätigten

sämtliche Zugereisten. Und übrigens:

Görlitz ist auch sehr sonnig, regenarm

und hat prächtige Sommer. Okay, das

wird jetzt albern. Aber es stimmt.

Robert Melcher stammt aus der Region.

Er hat Zimmermann gelernt, Spielplätze

gebaut, Holzgestaltung, Möbel- und

Produktdesign studiert, in Leipzig gelebt.

2010 zog er für ein Jahr nach Görlitz, um

an einem Projekt zu arbeiten – und blieb.

2011 machte er sich selbstständig, 2012

eröffnete er eine Galerie. „Ein abgeranzter

Raum, den ich repräsentabel gemacht

habe. Ich habe Künstler aus meinem Netzwerk

ausgestellt und meine Sachen angeboten.“

Zweieinhalb Jahre versuchte er

es, „doch es funktionierte nicht: Ich war

für alles allein verantwortlich und habe

wenig verkauft.“

Das Zusammentreffen mit Kießling

und König, den er zuvor schon kannte,

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Sachsen - Machen

Sachsen - Machen

Zukunftspotenzial 1: Das Kaufhaus Görlitz, vermutlich das schönste Jugendstilkaufhaus

Deutschlands, wird 2018 eröffnet.

Zukunftspotenzial 2: Das Kühlhaus am Rande von Görlitz, erbaut in den

Fünfzigern, ist jetzt ein Kommunikationszentrum im Werden.

Die Entwicklung des Projekts leitet der

Bauingenieur Jürgen Friedel, eigentlich

ein Spezialist für Flughäfen, der recht

norddeutsch wirkt – kein Euphoriker.

Aber natürlich muss er Optimismus ausstrahlen,

immerhin soll das Kaufwar

für ihn ein Glücksfall. Er designte alles

im Laden, eine Treppe aus Schränken,

Schreibtische auf einem Holzpodest, und

selbstverständlich stehen in dem Raum

seine Möbel, zum Beispiel die rollenden

Stühle, die sich mit einigen Handgriffen zu

einem Sofa zusammenbauen lassen. So

hat er jetzt nicht nur ein Büro, „wo mich

interessierte Kunden besuchen können –

ich kann ihnen auch gleich zeigen, was ich

tue“. Der 38-Jährige grinst. „Früher habe

ich immer mit Fotos herumhantiert.“

Die Geschichte dieser perfekten Partnerschaft

ist für Görlitz nicht repräsentativ.

„Wir kamen zur richtigen Zeit an den

richtigen Ort“, sagt Clemens Kießling.

„Die Stadt hat uns wirklich sehr geholfen,

aber nicht zuletzt, weil sie schon mit der

Kreativwirtschaft geworben hat, obwohl

sie kaum welche hatte.“

Die Jakobspassage zeigt ein Potenzial, das

vielleicht auch an anderen Orten existiert,

hier aber besonders deutlich wird.

1. Es gibt einen Bedarf. Das ist nicht

selbstverständlich. Wer jemals versucht hat,

in Metropolen oder Szenehauptstädten wie

Hamburg, Berlin oder Leipzig eine Marktlücke

zu finden, weiß das.

2. Es gibt Möglichkeiten: Räume, eine

unterstützende Stadt, Partner. Für die Renovierung,

die das Trio zu rund 80 Prozent in

Eigenleistung organisierte, fand sich sogar

jemand, der ein Privatdarlehen anbot.

3. Es gibt hier Menschen, die Fair-

Trade-Kleidung, restaurierte Fahrräder und

Designer-Möbel kaufen. Um es noch einmal

ausdrücklich zu sagen: Das sind alles

keine Billigprodukte.

Robert Melcher entwirft zurzeit vor

allem für Privatkunden Einzelstücke, Regale,

Schränke, die individuell an die Wohnungen

und Lebenssituationen der Menschen

angepasst sind. „Wenn die Leute

über 30 sind und Familien gründen, geht

es ihnen immer häufiger darum, etwas

anzuschaffen, das länger als einige Jahre

hält. Die Leute leben heute bewusst, sie

wollen Nachhaltigkeit.“

Clemens Kießling, das wohl ruhigste

Mitglied des allgemein sehr unaufgeregten,

bedacht wirkenden Trios, sieht das

ähnlich: „Görlitz ist beim Kaufkraft-Index

mehrfach auf dem letzten Platz gelandet,

aber es gibt auch bei uns Menschen, die

sich gute Waren leisten können. Auch

junge. Die finden hier nur keine Angebote.

Wir sind dabei, eine Klientel zu aktivieren,

die zum Einkaufen eher nach Bautzen

oder nach Dresden fährt, weil sie in Görlitz

keine Qualität erwartet.“

Es ist nicht so, dass in Görlitz wirtschaftlich

gar nichts passiert. Bombardier, Siemens

und Birkenstock haben hier Standorte,

es gibt eine kleine Software-Szene,

ein wenig Biotech, etwas Medizintechnik.

Die Hochschule teilt sich Görlitz mit Zittau,

was zumeist als der stärkere Standort

betrachtet wird, aber dafür hat Görlitz ein

herausragendes Institut für Bodenbiologie

(siehe Seite 104) Kurz: Es wird hier durchaus

Geld verdient. Aber es ist schwierig,

es in der Stadt auszugeben. Auf dem verkramten

Wochenmarkt bieten fliegende

Händler Handtaschen für eine Handvoll

Euro an, der polnische Imbisswagen daneben

serviert eine amtliche Portion Piroggen

für vier Euro. Ja, man kann in Görlitz

mit wenig Geld gut leben. Aber was,

wenn man das nicht immer will? Wo geht

es hier zum Shoppen?

Erinnern Sie sich nur an den Film „Grand

Budapest Hotel“. Er wurde in Görlitz gedreht,

wie viele Filme – das Stadtbild ist eine

beliebte Kulisse. Im Zentrum der Hollywood-Komödie,

die vier Oscars, einen

Golden Globe und einen Haufen weiterer

Preise gewonnen hat, steht ein Luxushotel,

so prächtig, dass man sofort denkt:

Daran haben die Ausstatter lange gearbeitet.

Um so verblüffender, wenn man plötzlich

in den vermeintlichen Kulissen steht,

die aussehen wie im Film – und alles ist

echt. Das ist das Kaufhaus Görlitz, ein Jugendstiltraum.

Gut möglich, dass es das

schönste Kaufhaus Deutschlands ist. Nur

steht es leider seit sieben Jahren leer. Aber

das wird sich ändern.

Vor drei Jahren hat Winfried Stöcker

das Haus gekauft, ein Unternehmer aus

der Medizinbranche, der heute in Lübeck

lebt, aber aus der Oberlausitz stammt.

Er gibt seiner Heimat seit Jahren von

seinem Erfolg zurück, unter anderem

durch zwei Standorte seines Unternehmens

Euroimmun Medizinische Labordiagnostika

im Einzugsbereich Görlitz,

und so ist er häufig in der Gegend. Stöcker

sagt, er erinnere sich gern daran,

wie er als Kind in diesem Haus einkaufen

war. Als er es leer fand, nahm er

sich vor, es neu zu beleben.

Erinnern und neu denken

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Sachsen - Machen

haus in zwei Jahren eröffnet werden. Interessant

ist jedoch seine Argumentation.

Das Haus soll vor allem teure Mode und

Produkte des gehobenen Bedarfs anbieten

– das legt die Architektur auch nahe. Doch

so optimistisch kann man nicht sein, zu

glauben, die örtliche Kaufkraft könne einen

derartigen Konsumtempel tragen. Das

muss die Stadt auch nicht, glaubt Friedel.

„Görlitz liegt zwischen Breslau und Dresden

– das ist unser Markt. In Polen geht es

seit Jahren aufwärts. Wenn Sie in Breslau

sind, stellen Sie fest, dass Sie dort sehr hochwertig

einkaufen können. Die polnischen

Damen haben viel Interesse und Gespür

für Mode.“ Und können sie sich leisten.

Womit wir wieder bei den Grenzen

wären – und bei der Geografie. Einerseits

ist Görlitz absurd abgeschnitten: Nach Berlin

braucht man auf Landstraßen rund drei

Stunden zwischen Treckern und Milchtransportern.

Mit dem Zug dauert es fast genauso

lange. Das verhindert, dass Wochenendfluchtberliner

in Görlitz einfallen und

schützt auch vor einem neuen „Hypezig“.

Aber man braucht mit dem Auto keine

zwei Stunden nach Breslau und nur gut

zwei Stunden nach Prag. Trotzdem, sagt

Eva Wittig, die Leiterin der Wirtschaftsförderung,

sehen viele Firmen die Stadt am

Rand eines Halbkreises – eben an der deutschen

Grenze. Dabei liegt Görlitz im Zentrum

Europas, doch das ist in den Köpfen

noch gar nicht angekommen. Alles ist in

Bewegung, und kaum einer kriegt es mit.

Wer sich ein paar Tage in Görlitz aufhält,

bekommt das Gefühl, hier sei eine

Stadt im Entstehen. Oder besser: Hier findet

eine Stadt auf neuen Wegen zu einer

Form, die sie lange hatte. Dazu gehört,

dass sich überall Projekte im Aufbau befinden

– auch wenn ihr Erfolg naturgemäß

nicht absehbar ist. Da gibt es zum Beispiel

das Kühlhaus Görlitz, ein gigantisches Areal,

auf dem ein Jugend- und Kommunikationszentrum

von einigen enthusiastischen

Aktivisten betrieben wird. Sie veranstalten

Konzerte und Feste, Lesungen, Kurse und

Vorträge und werden zurzeit von der Robert

Bosch Stiftung unterstützt. Wie lange

noch, ist allerdings unklar.

Erinnert das Kühlhaus an Berlin-Kreuzberg

in den Achtzigern, wirkt das Rabryka wie

aus dem Leipzig der Neunziger gefallen:

In dem soziokulturellen Zentrum auf einem

alten Fabrikgelände geht es um Stadtentwicklung

und Selbermachen, etwa

beim Urban Gardening, im Bauraum oder

im Tonstudio und natürlich in den diversen

Workshops. Drum herum werde sich

wohl ein alternatives Viertel entwickeln,

glauben viele. Also vielleicht.

Planen und hoffen

Am Obermarkt, einem zentralen Platz in

der Innenstadt, hat gerade ein junger

Mann, der ein vegetarisches Café betreibt,

für wenig Geld ein schönes, aber recht abgerocktes

Gründerzeithaus gekauft. Dort

will er ein Hostel eröffnen, die Renovierung

soll vor allem in Eigenleistung bewältigt

werden. Bisher ist das allerdings

nur ein prima Plan.

Und das sind nur einige der größeren

Brocken, die halbe Stadt scheint sich in

einem stillen Prozess zu befinden. Die

Vielzahl der Projekte spiegelt die Vielzahl

der Akteure wider, aber ihnen allen ist

eine Ungewissheit gemein, die nicht nur

lokal bedingt ist. Und sie gilt nicht nur

für kleine Player, die mit begrenzten Ressourcen

hantieren.

Arne Myckert, der das städtische

Wohnungsunternehmen Kommwohnen

leitet, dem etwa 6000 Wohnungen gehören,

zählt eine ganze Reihe von Unwägbarkeiten

auf, die mit Görlitz nichts zu tun

haben, für seine Arbeit aber relevant sein

könnten. Die Digitalisierung zum Beispiel:

Sie wird etliche Arbeitsplätze vernichten,

etwa in Callcentern – von denen es in

Görlitz viele gibt, weil in der Gegend nicht

sächsisch gesprochen wird, sondern ein

nahezu akzentfreies Hochdeutsch. Und

wenn jetzt seine Mieter alle arbeitslos

werden?

Oder die Alterung der Gesellschaft:

In Görlitz leben schon heute viele Senioren,

und es werden immer mehr, doch nur

wenige Häuser haben Fahrstühle – und

viele Altbauten sind für den Einbau ungeeignet.

Wo sollen die Senioren wohnen?

Ja, und was ist, wenn eines Tages das Bürgergeld

kommt? Und was, wenn nicht?

Myckert ist einer der gut informierten

Menschen, die man früher nur in Metropolen

traf – doch auch der Wissensvorsprung

der urbanen Zentren löst sich zügig auf. Er

stammt aus Bremerhaven und hat schon an

vielen Orten gelebt. Jetzt sei Görlitz seine

Wunschstadt, sagt er, und das liege auch

am großartigen Umland. Myckert zählt die

Naherholungs-Höhepunkte auf: das gut

eine Stunde entfernte Riesengebirge, wo

man im Winter Ski fahren kann, und das

Hirschberger Tal in Polen mit seinen vielen

Schlössern und Burgen, das mit dem Auto

90 Minuten entfernt ist. Von der fantastischen

Landschaft rund um die Stadt mit

ihren vielen idyllischen Dörfern ganz zu

schweigen. „Das ist hier bei uns fast wie in

München“, findet er.

An dieser Stelle fällt natürlich auch

das Stichwort „War for Talents“, der

Kampf um Spitzenleute, die überall arbeiten

könnten. Das gibt dem Wirtschaftswissenschaftler

die Gelegenheit, vom Berzdorfer

See zu erzählen, einem gefluteten

Tagebauloch, das von der Görlitzer Innenstadt

gerade neun fahrradfreundliche Kilometer

entfernt ist und um dessen Erschließung

er sich ebenfalls kümmert. „Da

können Sie abends einfach kurz hinfahren.

Die Leute surfen da jetzt schon.“

Gerade wird ein Hafen gebaut, hinter

ihm an der Wand hängen Pläne für weitere

ambitionierte Projekte. Noch fehlt allerdings

fast die komplette Infrastruktur, und

ob sich am Ende für die Häuser am See,

von denen es bisher nur dekorative Zeichnungen

gibt, die richtigen Bewohner finden,

ist unabsehbar. Wie überhaupt alles.

Nur eines ist sicher.

Die Annahme, dass alles so weitergehen

wird wie bisher, ist angesichts der

enormen Veränderungen, die unsere Gesellschaft

gerade durchläuft, total abwegig.

Sicher, es wird weiter Metropolen geben,

in denen Menschen große Räder drehen

und dickes Geld verdienen – und Görlitz

wird dafür immer zu klein sein. Genau wie

es weiterhin Szenestädte mit Craft-Beer-

und Cold-Brew-Bars voller junger Menschen

geben wird, die in jungen Firmen

disruptive Technologien und Geschäftsmodelle

entwickeln – doch für die liegt

Görlitz zu weit ab von den Pfaden der

digitalen oder investierenden Nomaden.

Leben und leben lassen

Aber ist das schlimm? Nicht jeder, der etwas

unternehmen oder auch nur tun will,

ist für Wettbewerb, Verdrängung, Finanzierungsrunden

und Interkontinentalbonusmeilen

geeignet. Es mag angesichts der

verbreiteten Neigung zu eskalierenden

Geschäftsplänen seltsam klingen, aber das

war vor wenigen Jahrzehnten normal:

Kein Bäcker eröffnete 1976 eine Bäckerei,

um daraus in fünf Jahren eine Franchise-

Kette zu machen. Nur: Wo gibt es heute

Orte für solche Menschen?

Der Möbeldesigner Robert Melcher

bringt Görlitz gut auf den Punkt. „Sicherlich

kommt man nicht hierher, um den

Arbeitsmarkt zu bedienen – der fehlt hier.

Nein, man kommt hierher, weil man eine

Idee hat. Die Stadt ist für alles dankbar,

was den Ort belebt, und unterstützt es.

Nicht finanziell, aber strukturell. Das führt

dazu, dass man keine Zuschüsse konsumiert,

sondern selbst etwas tut. Und dafür

erhält man viel Anerkennung, außerdem

findet man schnell ein Netzwerk: Alle, die

hier etwas tun, kennen und helfen sich.

Wir haben keine Passivkultur wie in den

Großstädten. Man kann hier jeden Abend

was erleben – aber es wird immer etwas

Aktives sein. Und all das erzeugt eine

stadtweite Selbstwirksamkeit.“

Vielleicht ist Görlitz Vorbild für die

nächste Stadt, die nächste Idee einer Stadt.

Nach den internationalen Metropolen

und den brodelnden Szenehauptstädten

ist es vielleicht Zeit für den Aufstieg des

Selbstwirksamkeitszentrums. Oder der

Eigenleistungsstadt. Ich tu was. Du tust

was. Wir tun was. Mit viel Engagement,

aber ohne große Ambitionen. Einiges

funktioniert. Einiges funktioniert nicht.

Doch es ergibt sich immer wieder etwas

Neues. Und so können wir alle prima damit

leben. Wer ist dabei?

Wer von Görlitz kommend die

Neiße überquert, schaut auf das

polnische Zgorzelec.

Hübsch – hüben wie drüben.

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Sachsen // Beobachten

Sachsen // Beobachten

Make love,

not war!

„Oralverkehr?

Nicht im Freiland!“

Der Primatenforscher Gottfried Hohmann vom Max-Planck-Institut

für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beobachtet seit rund

30 Jahren wilde Bonobos in der Demokratischen Republik Kongo.

text: Søren Harms, jochen metzger

Foto: Christian Ziegler

Gottfried Hohmann trägt bei Kontakten mit Affen

immer eine Schutzmaske, um die Tiere zu schützen –

schon ein Schnupfen könnte sie töten.

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Sachsen // Beobachten

Sachsen // Beobachten

S

Schon 1880 war es möglich, im Leipziger Zoo einen Schimpansen

zu beobachten. Die Menschen waren von ihrem haarigen Vorfahren

fasziniert – und das hat sich bis heute nicht geändert.

Doch während sich früher die Besucher in einem engen, lauten

Affenhaus drängten, können sie heute durch eine 30 000 Quadratmeter

große Anlage mit fünf Freigehegen und einer Tropenhalle

schlendern: Pongoland gilt als größte und modernste Menschenaffenanlage

der Welt. Die Tropenhalle beherbergt alle vier

großen Menschenaffenarten unter einem Dach: Orang-Utans,

Gorillas, Schimpansen und Bonobos, durch Wände, Gräben und

üppige Vegetation strikt voneinander getrennt.

Die Zoobesucher lieben Pongoland. Bereits im Eröffnungsjahr

2001 überstieg die Besucherzahl erstmals seit der Wiedervereinigung

die Million, vor einigen Jahren kamen sogar mehr als

zwei Millionen. Und auch den Affen scheint das Leben in der

Anlage zu gefallen: Seit ihrem Einzug kamen jedes Jahr durchschnittlich

zwei Affenbabys zur Welt.

Doch Pongoland ist nicht nur eine Anlage des Zoos: Das

Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in

Leipzig, selbst erst 1997 gegründet, beteiligte sich am Konzept

und an der Finanzierung. Bis heute teilen sich beide Einrichtungen

die laufenden Kosten, 2500 Euro täglich. Für die Forscher

bietet Pongoland eine einzigartige Gelegenheit: Sie können hier

nicht nur die Tiere in ihren Gehegen oder in Lern- und Testräumen

beobachten, sondern sie auch direkt miteinander vergleichen:

Nehmen Schimpansen ihre Umwelt anders wahr als Gorillas?

Wissenschaftler aus aller Welt reisen dafür an.

Auch der Biologe Gottfried Hohmann vom

MPI in Leipzig schaut gelegentlich im

Pongoland vorbei. Lieber allerdings

beobachtet er Schimpansen und

Bonobos in der freien

Wildbahn. Wochenlang

ist er im

tropischen Regenwald des Kongobeckens unterwegs, um das

Verhalten der Affen zu studieren. Was sie von ihren Artgenossen

im Leipziger Zoo unterscheidet und was wir mit Schimpansen

und Bonobos gemein haben, erzählt er im Gespräch.

Herr Hohmann, wo würde Tarzan besser aufwachsen: südlich

des Kongoflusses oder nördlich?

Sie meinen, ob unter Bonobos oder unter Schimpansen? Das

kommt auf seine Ambitionen an. Falls Tarzan später vorhat, die

Welt zu bewegen, wäre er am nördlichen Ufer bei den Schimpansen

besser aufgehoben. Falls er aber ein eher konservativer

Mensch werden möchte, wäre das südliche Ufer der Bonobos

das geeignete Terrain für ihn.

Ach, dann sind die Bonobos eher rückständig?

Sie sind erstaunlich langweilig. Das liegt daran, dass sie Platz

haben und dass ihnen der Teil des Kongobeckens, der südlich des

Flusses liegt, alles bietet. Um dort zu überleben, muss man sich

nicht viel einfallen lassen. Und das merkt man den Tieren an: Die

gehen es ruhig an und führen ein lässiges Leben. Zugleich ist das

Becken ein sehr monotones Habitat. Und die Bonobos wissen,

dass sie wenig verpassen, wenn sie nicht umherstreifen – hundert

Bäume weiter sieht es schließlich ganz ähnlich aus. Also bleiben

sie einfach vor Ort.

Und Schimpansen?

Schimpansen sind ehrgeizig. Die können sich immer verbessern,

das landschaftliche Spektrum ist viel größer. Die Tiere im Ngogo-Wald

zum Beispiel leben im Schimpansen-Paradies: Die Bäume

sind so dick wie bei den „Wilden Kerlen“, die Affen ertrinken

geradezu in reifen Früchten, der Wald riecht zeitweise fast gegoren.

Einige Kilometer weiter dagegen sitzt eine zweite Schimpansengruppe,

die den Gürtel meist enger schnallen muss – also

drängt sie in den Ngogo-Wald. Kurzum: Für Schimpansen

lohnt es sich, ambitioniert zu sein, denn sie können noch

große Ziele erreichen. Bei den Bonobos dagegen ist es egal,

ob sie nach Norden, Süden, Westen oder Osten ziehen: Der

Wald sieht immer ziemlich gleich aus.

Die Fachzeitschrift Nature hat durchgezählt und auch

Ihre Publikationen dafür herangezogen: Forscherinnen

und Forscher haben 152 Fälle dokumentiert, in denen

Schimpansen durch andere Schimpansen getötet wurden.

Aber es gab nur einen einzigen Bonobo, der durch

seine Artgenossen getötet wurde …

… und selbst dieser eine Fall war nicht beobachtet, wir

haben die Tötung nur rekonstruiert – ein Indizienfall sozusagen.

Das genau macht den Unterschied: Die Bonobos

haben nie die Region gewechselt, weil sie kaum etwas

dadurch gewinnen können, und lösen soziale Spannungen

durch Sex und Körperkontakt. Sie fürchten sich

nicht vor Fremden, sie sind nicht territorial und investieren nicht

in die Verteidigung des Heimatwaldes – ergo gibt es auch nicht

Mord und Totschlag.

Dagegen sind Schimpansen mobiler und aggressiver. Auf der

Suche nach einem besseren Ort ist ihre Risikobereitschaft viel

höher: Sie können Fehler machen – aber sie können auch das

große Los ziehen.

Wären die Bonobos schon von den Schimpansen ausgerottet

worden, läge nicht der breite Kongofluss zwischen ihnen?

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die beiden Arten koexistieren.

Dann würden sie aber unterschiedliche Gebiete bewohnen.

Und die Bonobos würden nicht im Paradies leben, sondern

eher am Stadtrand.

Wie ist es zur Aufspaltung in Pan troglodytes und Pan paniscus

gekommen – in Schimpanse und Bonobo?

Wir gehen heute davon aus, dass ein Vorfahr beider Arten, ein

Proto-Pan also, vor fünf Millionen Jahren entstanden ist und bald

ganz Zentralafrika bewohnt hat. Vor etwa zwei Millionen Jahren

hat sich dann der Kongofluss gebildet. Die Tiere am südlichen

Ufer entwickelten sich zu den heutigen Bonobos, die am nördlichen

Ufer zu Schimpansen – Erstere weitgehend sesshaft, Letztere

mit ganz erheblichen Wanderbewegungen. Seitdem gab es

keine Vermischung dieser Arten mehr, sagen die Genetiker. Das

ist zumindest der heutige Stand.

Bonobos wurden schon als „Kamasutra-Affen“ bezeichnet

und als Hippies, die den Anti-Vietnamkrieg-Slogan „Make

love, not war“ von Natur aus lebten, weil sie Konflikte nicht

mit Gewalt lösen, sondern mit Sex.

Das sind schöne und plakative Labels. Aber sie sind falsch.

Warum?

Sexy sind Bonobos nur im Zoo. Einige meiner Kollegen schreiben

von „Zungenküssen“, „Oralverkehr“ und so weiter – aber so

etwas bekommen Sie im Freiland nicht zu sehen.

Im Zoo leben alle Tiere eng beieinander, keines kann weglaufen.

Deshalb entstehen dort viel häufiger Konflikte, die die

Bonobos dann in der Tat mit Sex beilegen – aber im Zoo passiert

das eben viel häufiger als im Kongo.

Ist das der einzige Unterschied?

Nein. Im Zoo leben viele nicht verwandte Tiere zusammen, im

Freiland dagegen sind alle männlichen Tiere einer Gruppe mehr

oder weniger eng miteinander verwandt. Nur die Weibchen wandern

regelmäßig ab und suchen sich eine neue Gruppe. Das wird

ihnen genetisch eingeflüstert, denn sonst würden sie sich mit

ihren Vätern, Brüdern oder Halbbrüdern paaren. Durch diesen

Gruppenwechsel ergeben sich ganz andere Möglichkeiten für

Kooperationen, Freundschaften und Feindschaften als im Zoo.

Ein dritter Unterschied: Im Zoo gibt es Besucher – und auf die

reagieren die Tiere.

Wenn man in Leipzig vor der Glasscheibe sitzt und Joey,

Yasa oder Kuno anschaut, fragt man sich manchmal, wer

hier wen beobachtet.

Genau. Die Bonobos interessieren sich für das, was der Besucher

isst, was er trinkt, was er für Kleidung trägt. Das geschieht im

Freiland nicht mehr.

Das heißt, im Kongo sind Sie für die Tiere Luft?

Ja, mehr oder weniger. Wir mussten sie anfangs allerdings dazu

bringen – indem wir immer da waren. Inzwischen ist es ihnen

völlig egal, ob wir zum Frühstück eine Banane essen oder Tee

trinken. Sie tolerieren unsere Nähe. Darüber sind wir sehr glücklich,

weil wir nicht genau das beobachten wollen, was Bonobos

auch im Zoo täten.

Wächst das Interesse der Affen, wenn Sie in ihre Intimsphäre

eindringen?

Wir bemühen uns sehr darum, den Tieren nicht auf die Pelle zu

rücken. Zum einen, weil wir nicht wollen, dass uns irgendwann

ein Bonobo auf der Schulter sitzt wie Herr Nilsson bei Pippi

Langstrumpf. Und zum anderen, weil die Tiere extrem anfällig

sind für Krankheiten, die für Menschen harmlos wären: Schon

ein Husten oder ein Schnupfen kann für einen Bonobo tödlich

sein. Deshalb tragen wir auch alle Mundschutz, wenn wir von

der Forschungsstation in den Wald gehen. Das sieht komisch

aus, aber auch daran haben sich die Affen gewöhnt.

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Sachsen // Beobachten

Sachsen // Beobachten

Hat jeder Bonobo so etwas wie eine Persönlichkeit?

Bei den erwachsenen Tieren ist das so. Da gibt es bestimmte

Charaktere, die sich kaum verändern. Jugendliche Tiere dagegen

entwickeln sich sehr. Olymp zum Beispiel ist ein junger Mann –

und bei jeder meiner Reisen ein anderer. Bei meinem nächsten

Besuch wird er wieder deutlich größer sein als vor vier Monaten

und viele Dinge gelernt haben. Zum Beispiel wie er hartschalige

Früchte öffnet. Oder Flusskrebse fängt. Oder ein Nest baut.

Sie geben den Bonobos Namen?

Ja. Wir haben Olymp, dann einen Camillo, eine Parvati, eine Lea,

eine Iris, eine Merit und so weiter. Wir nennen sie schon deshalb

so, weil wir notieren oder ins Diktiergerät sprechen, was die

Tiere tun – dafür müssen wir sie präzise unterscheiden. Das birgt

zwar die Gefahr, dass wir mit den Namen Eigenschaften assoziieren

– aber ohne Namen wäre unsere Arbeit nicht möglich.

Außerdem ist es nett: Unsere Abende im Camp leben von den

Anekdoten, was Lea heute getan hat, was Luna passiert ist,

dass Ben von einer Wespe gestochen worden ist und so

weiter.

Warum?

Weil die Evolution hier einen ganz anderen Weg gewählt hat als

etwa bei den Schimpansen. Dort läuft die Fortpflanzung häufig

über Gewalt während der fruchtbaren Tage des Weibchens. Für

Bonobomänner dagegen gilt: Wer Vater werden will, muss

freundlich sein. Und er wird vermutlich mehrere Anläufe brauchen,

denn bei einem einzigen Geschlechtsakt kann er nie sicher

sein, wirklich ein Kind gezeugt zu haben.

Sex ist bei den Bonobos also zumindest teilweise von der

Vermehrung und Arterhaltung entkoppelt. Sie tun es auch

für den Frieden in der Gruppe und womöglich aus purer

Freude. Kennen Sie eine weitere Tierart, wo das der Fall ist

– abgesehen vom Homo sapiens?

Nein, so nicht. Zwar ist sozialer Sex von vielen Tierarten bekannt.

Neu ist aber, dass Sex vom hormonell gesteuerten Fortpflanzungszyklus

entkoppelt ist. Und zugleich von ebenfalls hormongesteuerten

visuellen Signalen, die den weiblichen Sex-Appeal

beeinflussen.

Sie reisen seit 30 Jahren in den Kongo, um Affen zu beobachten.

Mehrmals im Jahr fliegen Sie erst acht Stunden

nach Kinshasa, dann zwei Stunden mit einer Propellermaschine,

dann gehen Sie noch einmal sechs Stunden zu

Fuß und fahren schließlich mit einem Einbaum in Ihr Forschungscamp.

Wozu dient das alles letztlich?

Wir wollen etwas über die Natur des Menschen erfahren. Und

tatsächlich bekommen wir langsam zumindest eine Idee, wie verschlungen

die Entwicklungen wohl gewesen sein mögen, die wir

als Spezies hinter uns haben. Wir sehen aber noch mehr. Beispielsweise,

dass es im Tierreich so etwas wie Gleichberechtigung

geben kann.

Die Bonobos haben etwas erreicht, was wir modernen westlichen

Menschen gerade erst auf die Reihe bringen. Die schönste

Erkenntnis aber, die wir gewonnen haben, ist diese: Die Evolution

geht nicht immer den Weg von Gewalt, Blut und Tod. Das

angeblich eherne Gesetz von der physischen Dominanz wird gelegentlich

ausgehebelt – und diplomatische Strategien sind roher

Gewalt überlegen.

Haben Sie Lieblinge?

Das nicht, aber sagen wir: Es gibt Sympathien. Die Tiere, die

man am längsten kennt, sind einem irgendwie näher als welche,

die neu in die Gruppe gekommen sind. Camillo zum Beispiel, der

Alpha-Mann, ist ein sehr charismatisches Tier.

Wie autoritär führt Camillo seine Gruppe?

Letztlich bestimmen die Weibchen die Richtung. Wenn sie sich

zusammentun – und das kommt häufig vor – dann hat Camillo

wenig zu melden. Was ihn zum Boss macht, ist unter anderem

seine Herkunft: Er ist der Sohn des ranghöchsten Weibchens in

der Gruppe. Bei den Bonobos beobachten wir eine ganz wichtige,

enge und lebenslange Beziehung zwischen Mutter und Sohn.

Das gibt es unter Primaten sonst nur bei uns Menschen. Diese

Beziehung führt auch dazu, dass bis zu vier Generationen in einer

Gruppe leben können, zusammengehalten von einer Patriarchin.

Bonobo-Frauen können richtig alt werden.

Wie alt?

So genau wissen wir das natürlich nur bei Tieren im Zoo. In

Frankfurt sitzt die derzeit älteste Bonobo-Dame: Sie ist 62 Jahre

alt. Die Männer sterben deutlich früher: Wenn sie 35 werden,

nähern sie sich schon der roten Linie.

Sind es also die alten Damen, die das Erfahrungswissen

einer Gruppe speichern und weitergeben?

Ich würde alles darum geben, das nachweisen zu können. Aber

wir können nicht wirklich festmachen, was das Wissen eines

Individuums ist und was das Wissen einer Gruppe. Das ist nicht

so wie bei Elefanten, die in ein trockenes Gebiet geraten, wo nur

noch die älteste Elefantendame weiß, wo die Herde vor 50 Jahren

Wasser gefunden hat. Solche Beobachtungen machen wir bei

Bonobos nicht. Dennoch bin ich sicher, dass es auch bei ihnen

etwas Ähnliches gibt.

Sie messen auch den Hormonhaushalt der Tiere. Wie

stellen Sie das an?

Das ist gar nicht so schwer. Bonobos verbringen zwar die eine

Hälfte des Tages auf dem Erdboden, die andere aber in den Bäumen.

Dort pinkeln sie relativ viel, und das fangen wir mit einer

Frisbeescheibe oder einem Fächer aus Blättern auf. Dann verfrachten

wir den Urin mit Pipetten in Probenröhrchen, die wir im

Camp in flüssigem Stickstoff konservieren. So halten sie sich gut,

bis sie nach mehreren Monaten in Leipzig ankommen. Hier messen

wir dann Steroide, Peptide und so weiter.

Was bringen Ihre Messungen?

Ein Beispiel: Das Geschlechtsteil von Bonobofrauen kann rosa

anschwellen. Das kennen Sie sicher von Pavianen oder Makaken.

Wir gingen lange davon aus, dass diese „Lampe“ knallrot leuchtet,

wenn die Bonobofrau maximal fruchtbar ist. Unsere Urintests

haben aber gezeigt, dass die Tiere lediglich 30 bis 50 Prozent

dieser Zeit fruchtbar sind. Schwellung und Eisprung sind im

Laufe der Zeit auseinandergedriftet. Das ist sensationell!

Grüße...

... vom Störmthaler See!

„Die Vineta auf

dem Störmthaler

See ist so schön!

Darunter liegt die

Kirche von Magdeborn.

Die wollte

ich auch sehen.

Danke, Papa!“

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Klarsicht

Saubere Sache

Medikamentenreste und Nanopartikel gefährden

weltweit die Qualität des Wassers. Und nun?

In Dresden wird nach Antworten gesucht.

text: Brigitta Palass

Foto: Michael Hudler


Sachsen // analysieren

Sachsen // analysieren

I

Im Dresdner Stadtteil Kaditz markiert eine

große Metallinstallation am Elbufer den

Punkt, wo das gereinigte Abwasser der

Stadt in die Elbe fließt. An einem elf Meter

hohen Mast spannen sich segelartig zwei

Edelstahlnetze mit Düsen, die im Sommer

zu jeder vollen Stunde, oder wenn ein

Ausflugsdampfer vorbeifährt, einen feinen

Wasserschleier über dem Fluss versprühen.

Viva Fluvia hat die Künstlerin Heidemarie

Dreßel ihr Werk genannt. Es steht

im Park des Klärwerks der Stadtentwässerung

Dresden, die damit symbolisieren

will, wie aus den Abwässern einer Großstadt

nach umfänglicher Reinigung am

Ende sauberes Wasser wird. Vorsichtshalber

wird für Viva Fluvia aber nur reines

Grundwasser benutzt.

Das dürfte auch Peter Krebs gefallen.

Krebs ist Hydrowissenschaftler und leitet

das Institut für Siedlungswasserwirtschaft

an der Technischen Universität Dresden.

Der ökologisch und chemisch einwandfreie

Zustand von Wasser ist mithin sein

Metier – und so weiß er, wie fragwürdig

dessen Qualität sein kann. Denn Abwasserentsorger

weltweit sehen sich seit einiger

Zeit mit einem großen Problem konfrontiert.

Immer bessere Analysemethoden

zeigen, dass auch scheinbar sau beres Wasser

Mikroschadstoffe enthalten kann, die

mit den gängigen Methoden nicht herausgefischt

werden können: aus Pflegeprodukten

stammende Plastikpartikel in

Nanogröße oder Schimmelstopper aus

wärmegedämmten Putzfassaden, vor allem

aber die Reste moderner Medikamente.

Antibiotika, Hormone, Schmerzmittel,

Antidepressiva und Blutdrucksenker sind

ein Segen für Kranke, aber ihre Wirkung

ist nicht umsonst zu haben: In mehr als

70 Ländern wurden in Abwasser, Oberflächen-

und Grundwasser mehr als 500 unterschiedliche

Arzneimittel und deren Abbauprodukte

gefunden. Das Phänomen

ist ein ungewollter Nebeneffekt der Wirksamkeit

von Arzneien: Die sind so konzipiert,

dass der Wirkstoff möglichst unverändert

den Krankheitsherd im Körper

eines Patienten erreicht – doch genau diese

Stabilität erschwert ihren biologischen

Abbau. Viele der chemischen Verbindungen

können auch in modernen Klärwerken

bisher nicht entfernt werden. So gelangen

sie mit dem scheinbar sauberen

Wasser in Bäche, Flüsse und Seen, mitunter

sogar ins Trinkwasser – aus guten

Wirkstoffen werden Mikroschadstoffe.

Antibabypille verhütet Fische

Noch weiß niemand genau, was diese

Stoffe bewirken, von denen oft nur wenige

Moleküle pro Liter Wasser nachzuweisen

sind. Studien haben allerdings schon

gezeigt, dass Hormone der Antibabypille,

die mit menschlichem Urin im Abwasser

landen, bereits in der geringsten Konzentration

die Fruchtbarkeit von Fischen schädigen.

Nicht von ungefähr hat die EU,

die bei inzwischen 45 nachweislich ökologisch

gefährlichen Chemikalien strenge

Grenzwerte für deren Konzentration in

Gewässern festgelegt hat, seit Kurzem

auch drei Arzneistoffe im Visier: zwei Hormone

und das weitverbreitete Schmerzmittel

Diclofenac.

Aber es geht nicht nur um Medikamente.

Auch in Fassadenfarben, Funktionskleidung

oder Kosmetika werden Chemikalien

und Nanopartikel eingesetzt, von

denen bei jedem Regenguss oder Waschgang

eine winzige Menge ins Wasser gelangt,

die später unverändert die Reinigungsstufen

der Klärwerke passiert. Wie

die Mikrostoffe langfristig auf die Ökosysteme

wirken, ob sie die menschliche

Gesundheit beeinflussen können oder ob

sich gar in Cocktails aus unterschiedlichen

Mikroschadstoffen ihre Gefährlichkeit potenzieren

kann, ist bisher noch nicht erforscht.

Und es ist auch noch nicht klar,

ob es ökologisch und ökonomisch sinnvoll

ist, zu verhindern, dass solche Stoffe

überhaupt ins Wasser gelangen, oder ob

nur die Reinigung des Abwassers optimiert

werden muss.

Wasserexperten arbeiten weltweit daran,

diese Wissenslücken zu schließen. So

wie Peter Krebs in Dresden: Sein praxisorientiertes

Projekt „MikroModell“ ist eines

der ehrgeizigsten hierzulande. Die wissenschaftliche

Leitung haben Forscher der

TU Dresden übernommen, denn dort ist

der Bereich in einer nahezu einzigartigen

fachlichen Breite und Tiefe ver treten. Die

Expertise der Sachsen genießt internationales

Renommee, nicht zuletzt durch das

Center for Advanced Water Research

(CAWR), das die Uni mit dem Helmholtz

Zentrum (UFZ) für Umweltforschung betreibt.

Mehr als 500 Wissenschaftler forschen

am CAWR für eine Mission: „Sicheres

Wasser für Mensch und Umwelt“.

Und die Wirtschaft macht mit. Unter

Federführung von Hydroforscher Krebs

wollen die Abwasserunternehmen von

Dresden, Chemnitz und Plauen bis Ende

2018 ein sogenanntes Stoffflussmodell ent ­

wickeln, mit dem sie nachvollziehen können,

welche Mikroschadstoffe in ihren

Einzugsgebieten vorkommen, woher sie

stammen und wie sich die unterschiedlichen

Substanzen im Wasser verhalten.

Wissenschaftler und Praktiker möchten

zudem beobachten, wie sich die Wirkstoffe

in den Flüssen Elbe, Chemnitz, Mulde und

Weiße Elster verteilen. Unter anderem soll

auch simuliert werden, was bei plötzlichem

Starkregen oder extremer Trockenheit

passiert.

„Jede der drei Kommunen hat ihre

Besonderheiten und ist zugleich typisch

für viele deutsche Städte und Gemeinden“,

erläutert Krebs: „Dresden als Großstadt

an einem großen Fluss, Chemnitz an

einem sehr kleinen Gewässer und schließlich

Plauen als Mittelstadt mit einem stark

von Landwirtschaft geprägten Umfeld.“

Das sächsische Modellvorhaben könnte

also Lösungen für viele Kommunen in

Deutschland und Europa finden und wird

deshalb über drei Jahre mit 1,6 Millionen

Euro gefördert.

Im Januar 2016 hat das Team aus

Hydrobiologen, Wasserchemikern, Ökoto

xikologen, Abwasserfachleuten, Medizinern,

Juristen und Ökonomen mit sei ­

ner Arbeit begonnen. Um festzustellen,

welche Medikamentenrückstände in den

Flüssen der Region zu erwarten sind, nutzen

die Wissenschaftler anonymisierte

Krankenkassendaten, denen sie entnehmen,

welche Arzneien in den Städten wie

oft verschrieben wurden. Zudem sollen

Orte identifiziert werden, die man genauer

beobachten will. Das können industrielle

Einleiter sein, aber auch Krankenhäuser

und Altersheime. „Wir schätzen, dass etwa

10 bis 20 Prozent der Arzneistoffe im Abwasser

aus Krankenhäusern stammen“,

sagt Projektleiter Krebs. Dabei hat er nicht

nur die absoluten Mengen im Visier – er

will sich vor allem ein Bild von der qualitativen

Zusammensetzung machen.

Die erste Intensivkampagne, bei der im

Stundentakt Proben aus Abwasser ka nä len,

Klärwerken und Flüssen entnommen wurden,

ist bereits beendet. Nun wer den die

gefundenen Stoffe analysiert und auf ihre

Ökotoxizität getestet. Eine überraschende

Erkenntnis gab es schon. „Wir hatten erwartet,

dass die Belastung mit Antibiotika

im Winter höher ist, weil häufiger Infekte

auftreten, gegen die sie verschrieben werden“,

so Krebs. Tatsächlich aber steigt die

Konzentration in den Gewässern in den

Sommermonaten – weil bei Niedrigwasser

die Verdünnung geringer ist.

Raushalten oder rausholen?

Das Stoffflussmodell zeichnet nicht nur

nach, was wann wo und wie eingeleitet

wird oder weiterfließt, sondern es soll auch

eine Grundlage für Empfehlungen sein,

wie die Belastung mit potenziell schädlichen

Substanzen örtlich oder regional vermindert

werden kann. Dazu könnte eine

bessere Aufklärung über die Gefahren von

Wenn der Hydrowissenschaftler Peter Krebs sagt, er forsche für sauberes Wasser,

klingt das einfacher, als es ist.

Mikroschadstoffen beitragen oder die Einrichtung

verbindlicher Rücknahmesysteme

für unbenutzte oder abgelaufene Medikamente.

Helfen könnte auch größere

Zurückhaltung der Ärzte beim Verschreiben

schwer abbaubarer Wirkstoffe.

Am Ende des Projekts soll eine ökologische

und ökonomische Bewertung

unterschiedlicher Maßnahmen stehen, die

die Situation verbessern könnten. Die einfachste,

aber möglicherweise nicht die

beste Option wäre wohl, die Lösung des

Problems den Klärwerken aufzutragen. In

einer sogenannten vierten Reinigungsstufe

müssten sie mit Aktivkohle, feinsten Filtermembranen

oder Ozon schädliche Stoffe

aus dem Wasser holen. „Doch mit solchen

End-of-Pipe-Lösungen macht man

es sich zu einfach“, sagt Edeltraud Günther,

die in Dresden Betriebliche Umweltökonomie

lehrt. Sie will Maßnahmen untersuchen,

die die Verursacher in die Pflicht

nehmen, also etwa Pharmaunternehmen,

aber auch Konsumenten. „Wir brauchen

einen Diskurs der Verantwortung“, meint

Günther.

In Dresden würde der Bau einer vierten

Klärstufe 40 bis 50 Millionen Euro kosten,

zudem verschlänge ihr Betrieb viel

Energie. In der Folge würde jeder Kubikmeter

Abwasser für die Bürger 25 bis 35

Cent teurer. Doch nicht einmal mit der zusätzlichen

Reinigung könnten alle Schadstoffe

aus dem Wasser entfernt werden.

Raushalten oder rausholen? Längst ist

der Umgang mit Mikroschadstoffen zu

einem Politikum geworden, mit dem sich

das Umweltbundesamt, kommunale Abwasserentsorger

sowie Bund und Länder

beschäftigen. „Natürlich sollen Kranken

keine lebensrettenden Medikamente vorenthalten

werden“, so Edeltraud Günther,

„aber wir müssen uns über die möglichen

Konsequenzen für die Umwelt klar sein.

Was Menschen heute hilft, kann künftigen

Generationen zur Last werden.“

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Sachsen // ANIMIEREN

Sauber!

Sachsen - Machen

Der Mensch

im Mittelpunkt

Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden folgt einer großen Frage:

Wie wollen wir leben? Eindeutige Antworten gibt es nicht.

Vielleicht ist es gerade deshalb ausgesprochen erfolgreich.

Text: Christian Sywottek

Foto: Michael Hudler

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Sachsen // ANIMIEREN

Sachsen // ANIMIEREN

E

Es ist ein Dienstagmorgen kurz nach zehn Uhr, und es sieht mal

wieder ganz nach gepflegter Langeweile aus. Klassenfahrt nach

Dresden, jetzt steht die elfte Klasse aus Rostock im Foyer. Die

Schüler spielen mit ihren Handys, ihre Gesichter: müde. Deutsches

Hygiene-Museum – schon der Name! Worum es hier

wohl gehe, fragt die Lehramtsstudentin Anna Sehrig, sie wird die

Jugendlichen durch die Ausstellung führen. „Um Sauberkeit und

Händewaschen“, antwortet einer. Was sie wahrscheinlich zu sehen

bekämen? „Na, Bakterien, Waschbecken und Wischmopps“,

meint ein anderer.

Ein paar Minuten später stehen sie im Themenraum „Leben

und Sterben“ und starren gebannt auf einen Bildschirm. Er zeigt

eine Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht. Sie hockt halb nackt

auf dem Boden, atmet schwer. Zwischen ihren Beinen ist ein kleiner

Kopf zu sehen, sie presst ihr Kind aus sich heraus, lässt es auf

den Boden gleiten. Ein schleimiges Bündel aus Fleisch, Blut und

Käseschmiere. Wahrlich nicht appetitlich anzusehen, doch sofort

legt sich die Frau das Kind auf den Bauch und küsst es innig. Auf

manchen Gesichtern zeigt sich Ekel, andere lächeln. Kalt lässt der

kurze Film niemanden.

Sie kenne das schon, sagt Anna Sehrig, dieses plötzliche Umkippen

von Desinteresse in inneren Aufruhr. „Und ja“, wird später

die Ausstellungsleiterin Gisela Staupe sagen, „wir haben sehr

genau überlegt, ob wir dieses Geburtsvideo zeigen können. Aber

Irritation ist bei uns ausdrücklich gewollt. Ein Museum muss

doch ein Ort zum Nachdenken sein. Gerade unseres, schließlich

verstehen wir uns als Museum vom Menschen.“

Deshalb stellen sie hier auch große Fragen. Was ist der

Mensch? Wie wollen wir leben? Größer geht es kaum, und man

könnte meinen, die Antworten interessierten nur ein paar Intellektuelle.

Aber weit gefehlt: Das Deutsche Hygiene-Museum in

Dresden gehört zu den Spitzenhäusern im Freistaat. Gut 280 000

Besucher kommen jedes Jahr, die Hälfte ist jünger als 30 und damit

Teil einer Klientel, um die sich andere Häuser vergeblich bemühen.

Außerdem strahlt es weit über die Stadt und die Region

hinaus – nur 60 Prozent der Besucher stammen aus Sachsen.

Was alle lockt, ist das Menschenbild der Museumsmacher.

Sie betrachten nicht nur den Menschen aus dem Biologieunterricht,

einen Organismus, dessen Funktion man mit Modellen und

Texten erklärt. Im Hygiene-Museum hat der Mensch Gefühle

und Gedanken, Werte und Zweifel, ist verwoben mit anderen

und Teil der Gesellschaft. Er sucht seinen Weg. Und das Museum

hilft ihm dabei. Nicht indem es sagt, was ist. Sondern indem es

fragt – und zahlreiche, auch widersprüchliche Antworten gibt.

Sodass sich der Besucher einlassen muss und überlegen kann:

Was hat das mit mir zu tun?

Beispielsweise in der zweieinhalbtausend Quadratmeter großen

Dauerausstellung: „Der gläserne Mensch“, „Leben und Sterben“,

„Essen und Trinken“, „Sexualität“, „Erinnern – Denken –

Lernen“, „Bewegung“, „Schönheit, Haut und Haar“ – anhand

von sieben Themenblöcken zeigt das Haus, was den Menschen

ausmacht. Diverse anatomische Modelle erklären die grundlegenden

Körperfunktionen. Viel wichtiger aber ist den Organisatoren

zum Beispiel die Frage, was es bedeutet, wenn der Körper den

Geist aufgibt, weil der Mensch altert und stirbt. „So etwas wie

die Verdauung zu erklären ist ja ganz schön“, sagt Gisela Staupe,

„aber das liefert einem auch das Internet. Und die Verdauung

funktioniert immer gleich, da stellen sich keine Fragen.“

Direktor Klaus Vogel leitet das Deutsche Hygiene-Museum seit 1996. Als er anfing, fand er sehr viel leere Fläche vor, die es zu

bespielen galt. Er nutzte die Chance, machte das Haus zu einem Ort des Denkens, des Fühlens – und der Provokation.

Staupe konfrontiert die Besucher lieber mit dem, was etwa Alter

und Tod bedeuten. An Audiostationen erzählen Menschen, wie

es ist, wenn man einen Menschen verliert. Ein Film zeigt Wege,

wie man auch als Greis noch eingebunden wohnen kann. Ist

Sterben immer schlimm? Porträtfotos zeigen tote Menschen, die

unerwartet gelassen wirken. Zum Januar 2017 will die Ausstellungsleiterin

diesen Raum umbauen, sie will Sterberituale zeigen

und Ruhestätten in einem Spektrum von Friedwald bis zur Urne

in Form eines Fußballs. Wie bestatten Christen, Juden und Moslems

ihre Toten? Auch das wird zu sehen sein. Und soll durchaus

eine politische Aussage beinhalten. „Der Islam gehört schließlich

zu uns“, sagt Staupe.

So zieht sich das durch die gesamte Schau. Denken? Die

Hirnfunktionen selbst sind schnell abgehandelt. Größeren Raum

nehmen Menschen ein, die etwa von Schizophrenie oder Alzheimer

berichten. Hinzu kommt eine umfangreiche Sammlung

natürlicher Rauschmittel – von Koka bis Betelnuss. Beim Mindball-Spiel

erkennen die Besucher die Kraft ihrer Gedanken, weil

sie damit eine schwarze Kugel über eine Bahn treiben können.

Essen und trinken? Wie ein Darm aufgebaut ist, zeigen Modelle.

Viel spannender finden die meisten Besucher den Baum mit verschiedenen

Äpfeln, der eine vergessene Vielfalt veranschaulicht.

Oder die Knochenbrecherwelle aus einer Tierkörperverwertungsanstalt.

Oder die weiße Wand, auf die mit Post-its zahllose Lieblingsgerichte

geklebt sind.

Anna Sehrig ist mit der elften Klasse aus Rostock inzwischen

bei „Sexualität“ gelandet. Eine Fotowand zeigt Gesichter, die

Schüler reden über Aussehen und Anziehung. „Der Typ mit den

Augenringen sieht schrecklich aus, der nimmt bestimmt Drogen“,

sagt ein Mädchen. Ob er nicht vielleicht auch ein kleines

Kind haben und unter Schlafmangel leiden könnte, fragt Sehrig

zurück. Was sie überhaupt schön finden und warum – darüber

diskutieren sie dann minutenlang. Und damit auch darüber, wie

sie Urteile über andere Menschen fällen.

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Sachsen // ANIMIEREN

Sachsen // ANIMIEREN

Als Abteilungsleiterin für Bildung und Vermittlung sorgt Carola

Rupprecht für Besuchernachwuchs. Sie holt Jugendliche in die

Ausstellungen, deren Eltern nicht ins Museum gehen.

Dass sich die Besucher einlassen und ernst genommen fühlen, ist

das Ergebnis harter Arbeit. Und eigentlich ein kleines Wunder.

Schließlich hat nicht viel gefehlt, und aus dem Hygiene-Museum

wäre ein Krankenhaus oder eine Messehalle geworden. Klaus

Vogel, der das Haus seit 1996 als Direktor leitet, erinnert sich

noch gut an seinen ersten Eindruck. 1991 war das, Vogel war als

Ausstellungsleiter nach Dresden gekommen. „Ein riesiges Haus,

auf den Schreibtischen lagen Papiere und Stifte, aber es war kaum

ein Mensch da. Von 300 Mitarbeitern waren vielleicht noch 30

übrig, das war wirklich gespenstisch.“

Damals stand das Deutsche Hygiene-Museum kurz vor der

Abwicklung, es hatte seinen Zweck erfüllt. Über Jahrzehnte hatte

es der klassischen Gesundheitsaufklärung gedient. Seine Anfänge

reichten zurück bis ins Jahr 1911, als der Dresdner Odol-Fabrikant

Karl August Lingner erstmals die Idee eines „Nationalen Hygiene-

Museums“ entwarf. Er gründete eine Werkstatt für anatomische

Modelle und einen Förderverein, der ab 1919 Wanderausstellun-

gen durch die Lande schickte und anhand von Modellen und

Schautafeln über Tuberkulose und Geschlechtskrankheiten aufklärte.

An dem Konzept hielt man fest, als das Museum 1930

seinen jetzigen Bau bezog. Dort warb eine riesige Hand fürs

Händewaschen; Skelettsammlungen und Texte über den „Krebs

und seine Bekämpfung“ oder die „Allgemeine Körperpflege“ füllten

die Räume. Ab 1933 stellte sich das Museum voll in den

Dienst der nationalsozialistischen Rassenideologie und propagierte

zum Beispiel 1934 mit der Haus-Ausstellung „Volk und

Rasse“ oder drei Jahre später mit der Wanderausstellung „Ewiges

Volk“ die „Reinhaltung des deutschen Volkskörpers von fremden

Elementen“.

Nicht Museum, sondern Erziehungsanstalt

Die Reinhaltung des Volkes war auch zu DDR-Zeiten das Ziel.

Als „Zentralinstitut für medizinische Aufklärung“ statteten die

Museumswerkstätten Schulen und Universitäten mit anatomischen

Modellen aus. Richtig kochen, sexuelle Aufklärung, klassische

Hygiene – die Mitarbeiter produzierten Lehrfilme fürs Fernsehen,

Broschüren für Arztpraxen und Dia-Serien für Schulen.

„In der Ausstellung ging es um Biologie und gesunde Lebensweise“,

sagt die Dresdner Medizinhistorikerin Marina Lienert,

„aber ein richtiges Museum war das eigentlich nicht.“

Eher eine Erziehungsanstalt – und deshalb mit dem Ende der

DDR obsolet. Denn in der Bundesrepublik gab es dafür bereits

die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). „Die

wäre eigentlich für das Hygiene-Museum zuständig gewesen“,

sagt Lienert, „aber die wollten dort mit den Dresdnern nichts zu

tun haben. Also hingen sie in der Luft und mussten sich komplett

neu erfinden.“

Vor allem zwei Personen packten die Aufgabe seinerzeit an:

Klaus Vogel und der Kulturwissenschaftler Martin Roth, der 1991

als Direktor ans Museum kam. „Es gab keinen Plan, aber 4500

Quadratmeter Ausstellungsfläche zu bespielen“, sagt Vogel. Und

es gab einen Etat vom Sächsischen Sozialministerium. Damit hat

sich alles nach und nach entwickelt.

Zuerst räumen sie die alte DDR-Dauerausstellung in den

Keller und nehmen den Aufsichten ihre weißen Kittel ab. Anfangs

nutzen sie die Fläche für Sonderausstellungen, die sie oft aus

anderen Museen übernehmen und ein wenig aufpeppen, etwa

indem sie Rasen pflanzen und ein Autowrack draufstellen, um

den Text-Displays etwas entgegenzusetzen. Es geht um die Elbe,

um Gummi und Asbest, um Seuchen und Homöopathie, um Abtreibung

und die Pille, und so langsam schält sich ein Konzept

heraus: eine Dauerausstellung, die den Körper an sich präsentiert

und dafür aus dem Fundus des Hauses schöpfen kann. Außerdem

zwei große Sonderausstellungen pro Jahr, die sich relevanten

Fragen der Zeit stellen, die jeden angehen. Und man solle sich

gern darüber streiten, sagt Klaus Vogel, das sei schließlich die

Aufgabe von Museen. „Bestätigtes Wissen, wohlproportioniert

zum Mitnehmen – das wollen wir nicht. Sicherheit wird man bei

uns nicht finden.“

Mit dieser Idee fangen sie an, und an ihr halten sie 1999 fest,

als das Deutsche Hygiene-Museum in eine Stiftung bürgerlichen

Rechts übergeleitet wird und die Stadt Dresden und der Freistaat

Sachsen die Trägerschaft übernehmen. Und dabei bleibt es auch

2004, als nach aufwendigen Sanierungsarbeiten der erste Teil der

jetzigen Dauerausstellung eröffnet wird. Ein Jahr später ist sie

komplett. Seitdem spielen die Dresdner ganz oben in der deutschen

Museumsliga.

Die Sonderschauen dienen dabei als Zugpferd, sie sorgen für

rund die Hälfte des Besucherstroms. „Sie holen die Leute ins

Haus“, sagt Ausstellungsleiterin Gisela Staupe, „und das Wichtigste

dabei sind die Themen.“ Krieg und Medizin, Glück, Reichtum,

Migration, Arbeit, Freundschaft – das Museum setzt sich

keine Grenzen. „Aber leichte und schwere Themen wechseln

sich ab“, sagt Staupe, „da haben wir eine klare Strategie.“ Die

zahlt sich offenbar aus, selbst sperrige Themen entfalten eine

starke Anziehungskraft: „Die zehn Gebote. Politik – Moral – Gesellschaft“

zum Beispiel besuchten 150 000 Menschen.

Die Themen sollen vor allem eines: bewegen!

Was geht und was nicht, entscheidet kein Einzelner. „Wir sind

auch nicht abhängig von einer eigenen Sammlung, die wir wie

andere Museen hüten, häufen und präsentieren müssen“, sagt

Klaus Vogel. Hier sammeln sie Themenideen lieber ganz bewusst

anonym im eigenen Haus oder im Kuratorium, sortieren anschließend

nach dem Mehrheitsprinzip aus – erst dann fällen Vogel

und Staupe ihre Entscheidungen. „Dabei geht es uns nicht

um wissenschaftliche Vollständigkeit“, sagt Gisela Staupe, „sondern

um das, was die Menschen wirklich bewegt, was wir zur

Diskussion stellen können. Wobei klar ist: Man kann nicht auf

bestimmte Zielgruppen hin kuratieren, man braucht Eigensinn.

Insofern funktioniert unser Haus wie ein Theater.“

Deshalb stellen sie die Dinge auch nicht einfach in Vitrinen.

Sehen, riechen, fühlen, ausprobieren – bei den Sonderschauen

entwerfen Kuratoren, Designer und Bühnenbildner „Erlebnisorte

für die Sinne, in denen über Erfahrung gelernt wird“, wie Gisela

Staupe es formuliert. Angst vor Eventisierung hat sie ausdrücklich

nicht, sie hat auch schon Tanzpartys im Museum organisiert,

mit freiem Zugang zu den Ausstellungen. „Unterhaltung ist doch

gut“, sagt Staupe. „Die Frage ist nur, wie ich sie in Wissen umwandeln

kann.“

Das wollen hier alle, aber nicht mit billigen Gimmicks und

um jeden Preis, meint auch Colleen Schmitz, Kuratorin im Haus

und verantwortlich für die aktuelle Sonderausstellung „Sprache“.

Rund 10 000 Besucher pro Monat gelten bei Sonderschauen als

Erfolg, und natürlich könne man auch eine Hüpfburg aufbauen,

um möglichst viele Leute ins Haus zu holen, sagt Schmitz. „Aber

die Menschen sollen ja etwas gewinnen durch ihren Besuch“:

Für Kuratorin Colleen Schmitz ist eine Sonderschau immer auch

Kreativwerkstatt. Bei ihrer Ausstellung zum Thema „Sprache“ lässt

sie die Besucher spontan Verse schmieden.

Erkenntnisse, aber auch Gefühle. Deshalb bietet sie ihnen derzeit

nicht nur Anschauungsmaterial über das Zusammenspiel von

Zunge, Zähnen und Kehlkopf beim Sprechen. Sie zeigt ihnen

auch, dass Sprache Kraft braucht – und lässt sie auf alten Schreibmaschinen

hämmern. Sie demonstriert, wie sich Sprache entwickelt

– dafür werden die Besucher Teil eines echten, wissenschaftlichen

Experiments, bei dem sie ihre eigenen Wörter

erfinden. Dass Sprache Kunst ist, belegen die Collagen von Herta

Müller. Wie sprachmächtig man selbst ist, lässt sich an Werkbänken

beim Dichten ausprobieren. Und man kann staunend

Vorurteile verlieren, wenn Schmitz die Kreativität der jugendlichen

SMS-Kultur präsentiert, die sich als überraschend umfassend

und ausdrucksstark erweist. „So eine Ausstellung ist immer

Infobörse, Kreativwerkstatt und Ort der Reflexion“, lautet das

Resümee der Kuratorin.

Wenn man die Leute erreicht. Oder zu ihnen geht. Das tut

Carola Rupprecht, die Abteilungsleiterin für Bildung und

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Sachsen // ANIMIEREN

Nimm

Fahrt auf

mit Lucas! *

Viele Schüler befürchten Langeweile, wenn sie das Hygiene-Museum betreten. Schon dieser Name!

Nicht selten lauschen sie wenig später gebannt Erzählungen zum Thema Tod oder studieren eine

Infotafel zu einer Ausstellung des Fotografen Phillip Toledano.

Vermittlung, die mit ihren drei Kollegen Projekte, Führungen und

Veranstaltungen entwirft, an denen jährlich 60 000 Jugendliche

teilnehmen. Besucher mit Nachdruck selbst zu werben ist für sie

selbstverständlich, „schließlich haben wir einen Auftrag“. Alle

ostdeutschen Schulen bekommen von ihr das jährliche Programm

zugeschickt, seit zehn Jahren veranstaltet das Museum

einen Lehrer-Infotag mit bis zu 500 Besuchern. Fortbildung für

Pädagogen ist kostenlos. Man muss die Lehrer überzeugen, um

Schüler zu gewinnen, weiß Rupprecht. „Es geht doch um Teilhabe“,

sagt sie. „Und nur wenn ich an die Schulen gehe, bekomme

ich auch die Jugendlichen, die mit ihren Eltern gewöhnlich

nicht ins Museum gehen.“

Teilhaben sollen alle Besucher. Deshalb gibt es für Blinde

in den Schauen eigene Tastobjekte und einen speziellen Audio-

Guide. Für Hörbehinderte sind alle Filme untertitelt, derzeit

arbeitet das Museum an einem Multimedia-Guide in Gebärdensprache,

weil Gehörlose oft nicht richtig lesen können. Auch

Besucher mit geistiger Behinderung profitieren von Guides und

Führungen in einfacher Sprache. Um Migranten zu gewinnen, hat

das Museum in Erstaufnahme-Einrichtungen Flyer auf Arabisch

verteilt. Asylbewerber haben sogar freien Eintritt. „Auch wenn

wir uns damit nicht gerade viele Freunde gemacht haben“, sagt

Vogel. Klagedrohungen habe es deswegen gegeben und viele

empörte E-Mails.

Doch Klaus Vogel lässt sich davon nicht beirren. Vor zwei

Jahren begab er sich mit einer Sonderausstellung über Migration

in Deutschland bewusst ins Feuer und nahm hin, dass er mit

mauen Besucherzahlen abgestraft wurde. Gerade hat er das Thema

der Sonderausstellung für das Jahr 2018 definiert: „Rasse/

Rassismus“. Harmonie ist seine Sache wahrlich nicht. Und

Gewissheiten sind nicht mehr Sache des Deutschen Hygiene-

Museums. „Es ist ein Ort der Kontroverse, wo sich die Stadtgesellschaft

über strittige Fragen austauscht“, sagt Vogel. Und

davon gibt es nicht nur in Dresden nie genug.

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*Student der Kraftfahrzeugtechnik an der Westsächsischen Hochschule Zwickau


Sachsen // Erhalten

Sachsen - Machen

Durch dick und dünn

Der Torgauer Spielwarenladen Carl Loebner wird vom Vater

an den Sohn weitergegeben – seit 332 Jahren.

Text: Anika Kreller

Foto: Anne Schönharting

Versprochen!

Die elfte Generation (rechte Seite) –

und ihre Kunden

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Sachsen // Erhalten

Sachsen // Erhalten

W

Wer es in Torgau ins Stadt- und Kulturgeschichtliche Museum

schaffen will, hat harte Konkurrenz: Die Stadt war Residenz

sächsischer Kurfürsten, Wirkungsstätte Luthers und Sterbeort

seiner Frau; am 25. April 1945, kurz vor dem Ende des Zweiten

Weltkriegs, reichten sich hier an der Elbe amerikanische und

sowjetische Truppen symbolträchtig die Hand. Mehr als genug

Material, um ein Museum zu füllen.

Jörg Loebner aber hat es geschafft zwischen Rüstungen und

barocken Torbögen, und das sogar zu Lebzeiten. Ein Foto des

63-Jährigen hängt in einem Raum des Museums, der seiner Familie

gewidmet ist. Im „Loebner Zimmer“ sind Spielsachen aus vier

Jahrhunderten ausgestellt: Keramikpuppen, ein Schienenzeppelin,

ein Bausatz für einen Plastik-Lkw aus DDR-Zeiten. Kuriose

Überbleibsel, die heute nur deshalb hier liegen, weil sie damals

keiner haben wollte. Denn das Geschäft der Loebners ist: Spielwaren

verkaufen, seit 332 Jahren, ununterbrochen, mit Jörg

Loebner in der elften Generation. Damit hat die Familie einen

festen Platz in der Geschichte der Stadt – und im Museum.

1685 siedelte Jörg Loebners Ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großvater

Christoph mit seiner Frau von Leipzig in die boomende

Renaissancestadt Torgau über. Der Drechslermeister begann,

Holzpuppen, Trommelstöcke, Kreisel und Pfeifen zu verkaufen.

Seitdem wird das Geschäft vom Vater an den ältesten Sohn weitergegeben.

Der Spielwarenladen Carl Loebner, benannt nach der siebten

Generation, die als erste einen Namen über die Schaufensterbögen

schrieb, ist damit das älteste Spielzeuggeschäft in Deutschland.

Der MDR hatte 2003 für eine Fernsehsendung bei Finanzämtern

und Industrie- und Handelskammern nachrecherchiert.

Ein älteres fanden sie nicht.

Mit viel Findigkeit und ein wenig Glück haben es die Loebners

geschafft, ihr Geschäft vier Jahrhunderte lang durch Kriege

und Krisen zu führen. Unter der Besatzung Napoleons entkam

ein Vorfahr nur knapp dem Exekutionsbefehl wegen nicht bezahlter

Steuern. Während der Inflation waren im Dezember 1923

auf einmal 3,7 Billiarden Reichsmark in der Kasse, aufgrund der

Weltwirtschaftskrise wenige Jahre später war ein Tiefpunkt mit

nur noch 18,22 Reichsmark erreicht.

Im Zweiten Weltkrieg hatte die Familie das Glück, dass ihr

Haus von Bomben verschont blieb. Nach Kriegsende war sie findig

genug, Waren aufzutreiben, obwohl die deutsche Spielzeugindustrie

am Boden lag. Jörg Loebners Vater reiste damals mit

zwei Koffern durchs Land und sammelte, was er kriegen konnte.

Sobald ein Koffer voll war, schickte er die Ware zum Verkauf

nach Torgau.

Als zu DDR-Zeiten alle Betriebe mit zehn oder mehr Mitarbeitern

verstaatlicht werden sollten, half das Schicksal, denn bei

Loebners arbeiteten neun – eine Verkäuferin hatte kurz zuvor

gekündigt. Und bei der Warenzuteilung gelang es der Familie –

mittels Charme und kleiner Präsente – zusätzliche Artikel abzustauben.

Mit Waschbecken, Trabi-Scheiben und Schnaps, die in

Torgau produziert wurden, fuhren Jörg Loebner und sein Vater

ins Erzgebirge, um sie gegen Holzspielzeug und Nussknacker zu

tauschen. „Man musste nur kreativ sein bei der Warenbeschaffung“,

sagt er. „Der Rest lief von selbst.“ Wenn mittwochs Nachschub

an Spielzeug kam, war er freitags ausverkauft.

Man kann sich gut vorstellen, wie Jörg Loebner den Leuten

Ware abschwatzte. Er ist ein freundlicher Mann mit einem herzlichen

Lachen. 1987 hat er das Geschäft übernommen – als sein

Vater 65 wurde. „Auf den Tag genau“, sagt Loebner. Den guten

Posten als Direktor für Materialwirtschaft eines Kombinats für

Modellbausätze ließ er sausen. Wenn das Geschäft ruft, kommen

die Loebners.

Der Countdown läuft

Auch Jörg Loebners Sohn Ingo, die zwölfte Generation, ist diesem

Ruf schon gefolgt. Nach der Lehre bei seinem Vater war er

nach Würzburg gegangen, um den Ablauf in anderen Läden kennenzulernen.

Er hatte dort eine Freundin gefunden, ein Haus,

einen großen Freundeskreis. Als 2006 seine Mutter schwer krank

wurde, ließ er alles zurück, um der Familie zu helfen.

Wenn sein Vater 65 wird, wird Ingo übernehmen. Auf den

Tag genau. 653 Tage, 9 Stunden und 36 Minuten sind es heute

noch. Jörg Loebner hat auf seinem Handy einen Countdown

eingerichtet. „Ich freu’ mich drauf“, sagt er. Das Geschäft ist

stressig, vor allem wenn Weihnachten naht. Ab Mitte November

gehen die Tage von fünf Uhr morgens bis abends um zehn. Aufhören

kam trotzdem nie infrage. „Ich hätte den Laden nie zugemacht,

nie, nie, nie. Jede Generation hatte ihre Probleme, alle

haben es geschafft. Ich will nicht die Generation sein, die den

Laden zumacht.“ Die Tradition, sie kann auch eine Bürde sein.

Das Geschäft kommt immer zuerst.

Während sich nach der Wende die Nachbarn neue Autos

kauften, steckte Jörg Loebner alles Geld in den Laden. In dem

kleinen Büro, in dem er sitzt, war früher das Schlafzimmer seiner

Eltern. Er hat ihre Wohnung zu einer zweiten Verkaufsetage ausgebaut.

Mehr Fläche heißt, mehr Auswahl anbieten zu können.

Die Loebners verkaufen heute unter anderem das komplette Sortiment

von Playmobil und Lego, aber auch speziellere Artikel, die

sie auf der Nürnberger Spielzeugmesse aufstöbern.

Sich auf Holzspielzeuge zurückzubesinnen, wie es manche Kunden

gern hätten, würde in einer kleinen Stadt wie Torgau nicht

funktionieren, sagt Loebner. Schweren Herzens hat er auch die

Modelleisenbahnen aussortiert, das Steckenpferd seines Vaters.

Sie verkauften sich einfach zu schlecht. Sentimental darf man im

Einzelhandel heute nicht sein. Hatten seine Vorfahren mit Krisen,

Krieg und Inflation zu kämpfen, hieß Jörg Loebners größte Herausforderung:

Internet.

Das Geschäft blüht

Vom Laden allein könnten sie schon lange nicht mehr leben,

trotz der idealen Lage nahe beim Marktplatz. Im Sommer kommen

zwar jeden Tag Touristen, die der Elbe-Radweg in die Stadt

spült. Die Torgauer aber kaufen im Einkaufszentrum außerhalb

– oder eben im Internet. 2010 beschloss Loebner dahin zu gehen,

wo die Kunden sind. „Das war die Entscheidung meines Lebens“,

sagt er.

Rund 66 000 Euro investierte er in den Aufbau eines Lagers

und die Programmierung von Verwaltungssoftware. Wenn heute

ein neuer Artikel eintrifft, steht er per Knopfdruck in wenigen

Grüße...

...aus der Sächsischen Schweiz!

„Papa wollte erst

wandern. Durchs

Elbsandsteingebirge.

Das sind mehr als

700 Quadratkilometer.

Ich habe

gesagt: ‚Fliegen.‘

Und er so: ‚Okay.‘“

Sekunden bei Amazon und Ebay online, versehen mit einer Preis-

Automatik, die ihn ein bisschen günstiger anbietet als bei der

Konkurrenz. „Das läuft richtig gut“, sagt Loebner.

Um die 80 000 Pakete verschicken sie pro Jahr. Den Umsatz

will er nicht verraten, nur so viel: Er zahle die höchste Gewerbesteuer

aller Unternehmen in Torgau. So hilft das Internet heute,

das Spielzeuggeschäft mit Tradition zu bewahren.

Jörg und Ingo Loebner sind zuversichtlich, dass es weiter gut

läuft. In diesem Jahr sollen es sogar 100 000 Pakete werden. Sie

bauen gerade einen eigenen Onlineshop auf, um sich die Verkaufsgebühr

bei Amazon zu sparen. Jörg Loebner will außerdem

ins „Guinness World Records“-Buch. Momentan trägt ein Londoner

Geschäft den Titel des ältesten Spielzeugladens der Welt.

Es wurde 1760 gegründet, also 75 Jahre nach Loebner. Der Unternehmer

hat die nötigen Beweise und Dokumente für den Antrag

schon beisammen.

Da ist nur eine Sache, die ihm ein wenig Kopfzerbrechen

bereitet. Für die schwindenden Kunden und die wachsende Konkurrenz

im Netz hat er schließlich Lösungen gefunden. Ein anderes

Problem ist kniffeliger und entzieht sich seinem Einfluss: Ingo

hat noch keine Kinder.

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Sachsen // Wachsen

Sachsen // wachsen

Zukunftsatlas:

Spitzenbranchen

Künftig wird es noch mehr Computer geben, noch mehr globalen

Verkehr, bessere medizinische Versorgung, eine effizientere Produktion.

Und Sachsen will überall dabei sein.

Zahl der Unternehmen im Bereich …

Zahl der Beschäftigten in diesen

Unternehmen

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Sachsen // Wachsen

Sachsen // Wachsen

Zukunftsatlas:

Forschung & Bildung

Was morgen das Leben bestimmt, nimmt heute hier seinen Anfang:

In Sachsens üppiger Wissenschafts- und Hochschullandschaft wird

die Welt von morgen gedacht und entwickelt.

3 Helmholtz-Einrichtungen

in Dresden, Freiberg und Leipzig

6 Max-Planck-Institute

in Dresden und Leipzig

9 Leibniz-Einrichtungen

in Chemnitz, Dresden, Görlitz

und Leipzig

14 Fraunhofer-Institute und -Einrichtungen

in Chemnitz, Dresden, Freiberg und Leipzig

14 Universitäten und Hochschulen

in Chemnitz, Dresden, Freiberg, Leipzig, Mittweida,

Zittau/Görlitz und Zwickau

22 Industrieforschungseinrichtungen

in Chemnitz, Dresden, Freiberg, Heidenau, Leipzig,

Meißen, Oelsnitz, Riesa und Zwota

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Sachsen // wachsen

Sachsen // wachsen

Zukunftsatlas:

Start-up-Kultur

Sachsen lockt regelmäßig junge Macher. Rund 11 100 neue

Unternehmen wurden allein 2015 vor Ort gegründet. So wächst

und blüht die Gründerszene im Freistaat. Ein Ausschnitt:

Airrays / Dresden

Entwicklung einer neuen Generation von Mobilfunkantennen

3D Interaction Technologies / Dresden

Dreidimensionale Visualisierungen für Marketing und

Echtzeitüberwachung schwer zugänglicher Maschinen

Missy Rockz / Dresden

Für Frauen, die es gern sexy und bequem haben wollen:

Sport-Highheels

SkillCert / Taucha

Managementsoftware zur Verwaltung von Mitarbeiterprofilen

FlytClub / Leipzig

Die Mitflugzentrale für Privatflieger und Menschen ohne Flugzeug

Saralon / Chemnitz

Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von funktionalen Tinten,

mit denen elektronische Applikationen auf Verpackungen gedruckt

werden können

BiFlow Systems / Chemnitz

Entwicklung mikrofluidischer Systeme

Pendix / Zwickau

E-Bike-Antrieb zur Montage auf konventionellen Fahrrädern

Biconex / Radeberg

Umweltverträgliche Beschichtungsverfahren zur Veredelung

von Kunststoffoberflächen

Laviu / Freiberg

Sextoys für Frauen, basierend auf einer Technologie

aus der Luft- und Raumfahrt

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Sachsen // Unternehmen

„Ein perfektes

Land, um Fremde

zu integrieren.“

Yassin Nasri ist vor fast 30 Jahren aus Syrien nach Deutschland

gekommen. Nun möchte er in Sachsen aus Flüchtlingen Unternehmer

machen. Ein Gespräch über Gründerlust, Behördenangst und die

Erkenntnis, dass gegenseitige Kontrolle nervig und hilfreich sein kann.

interview: Johannes Böhme

fotO: Anne Schönharting

Auf ein Wort

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95


Sachsen // Unternehmen

H

Herr Nasri, Sie sind Architekt, Unternehmer und Schriftsteller.

Als was empfinden Sie sich zuallererst?

Wenn ich wählen müsste: Unternehmer. Aber vor allem sehe ich

mich als Visionär. Ich bin rastlos und habe immer neue Ideen, die

ich umsetzen, immer neue Dinge, die ich anpacken möchte.

Sie planen eine Flüchtlingsinitiative in Sachsen. Welche Idee

steht dahinter?

Untersuchungen belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund

stärker als gebürtige Deutsche dazu neigen, ein Unternehmen

zu gründen. Das hat damit zu tun, dass in den Ländern, aus

denen Flüchtlinge kommen, die Arbeitnehmerrechte in der Regel

nicht so stark sind wie hier. Außerdem haben Flüchtlinge auf dem

deutschen Arbeitsmarkt größere Chancen, wenn sie sich selbstständig

machen. Leider werden sie in Deutschland in ein System

gepresst, das diesen Gedanken gar nicht vorsieht. Dabei sind die

Leute, die jetzt aus Syrien kommen, nicht nur arme, schlecht ausgebildete

Wirtschaftsflüchtlinge – da flieht der gesamte Mittelstand,

darunter viele Unternehmer. Das ist eine riesige Chance.

Das klingt nach Win-win-Situation – woran scheitert sie?

Die Möglichkeiten der Unterstützung für Existenzgründer werden

den Flüchtlingen gar nicht gezeigt. Und die Flüchtlinge selbst

kommen natürlich nicht darauf. Es müsste jemand mit ihnen

zum Arbeitsamt gehen, zur Bank, zur IHK, zu Geldgebern, zum

Finanzamt. Wenn man eine gute Idee hat, wird einem in Deutschland

ohne Ende geholfen. Das habe ich selbst erfahren. Aber das

muss einem jemand sagen.

Ich möchte den Flüchtlingen die Angst vor dieser Komplexität

nehmen, die das deutsche Arbeits- und Steuerrecht eben hat.

Wie soll das konkret funktionieren? Die Leute, die die Flüchtlinge

begleiten, müssen sich selbst auskennen und Zeit haben

– woher bekommen Sie die? Und wie finden die potenziellen

Flüchtlings-Unternehmer zu Ihnen?

Ich will kein Helicopter Parenting anbieten. Mein Ziel ist es,

punktuell dort zu helfen, wo existierende Beratungsstrukturen

nicht greifen. Eben weil sie nicht auf Fremde ausgelegt sind. Und

am Anfang, wenn wir mit einem Pilotprojekt in Leipzig starten

würden, wäre ein Mentor genug.

Also nur Sie allein?

Genau. Ich würde dafür nach Deutschland kommen. Und wenn

das läuft, bauen wir es aus. Dafür würden wir bikulturelle Experten

hinzuholen und auch entsprechend bezahlen. Die lassen sich

aus meiner Sicht mühelos finden. Wir arbeiten mit der Landesregierung

in Sachsen zusammen und hoffentlich mit weiteren

öffentlichen Partnern, die dabei eine große Hilfe sein werden. Und

was die Flüchtlinge angeht: Die befinden sich am Anfang sowieso

in der Obhut des Staates. Und lassen sich so gut erreichen.

Richtet sich Ihre Initiative vor allem an syrische Flüchtlinge?

Die werden natürlich eine große Rolle spielen, aber letztlich sollen

alle unterstützt werden, die neu ins Land kommen und Hilfe

brauchen, um sich hier zurechtzufinden.

Wie war das bei Ihnen, als Sie nach Deutschland gekommen

sind? Syrien war ein Polizeistaat – da ist es vermutlich nicht

so einfach, sich auf neue Behörden einzustellen.

Ich habe zwölf Jahre gebraucht, um ein sicheres Auftreten gegenüber

deutschen Behörden zu entwickeln. Am Anfang habe ich

mich kaum in ein deutsches Amt getraut. Und wenn ich mit dem

Auto an der Ampel stand und neben mir ein Polizeiauto hielt,

habe ich manchmal angefangen zu zittern. Durch den Krieg ist

das Misstrauen noch größer geworden. Die Syrer, die heute ankommen,

sind noch viel stärker traumatisiert.

Wie kann man Misstrauen und Verunsicherung abbauen?

Die Menschen brauchen positive Beispiele. Personen aus ihrer

Gegend, die übersetzen können, die Brücken schlagen und sagen:

Leute, der Staat ist eigentlich total in Ordnung, der ist für euch

da. Die besten Vorbilder und Mutmacher sind arabische Unternehmer,

die selbst erfolgreich sind.

Ich habe oft erlebt, dass den Flüchtlingen Selbstvertrauen fehlt.

Die gehen jahrelang geduckt, als würde ihnen etwas Schweres auf

den Schultern liegen. Laut einer Statistik der Agentur für Arbeit

sind 50 Prozent der Flüchtlinge fünf Jahre nach ihrer Ankunft in

Deutschland noch immer arbeitslos. Das ist viel zu lange. Die

müssen viel schneller lernen, wieder aufrecht zu gehen!

Ihr Projekt ist nur für Sachsen geplant. Es gäbe Bundesländer,

in denen Fremde freundlicher aufgenommen werden.

Für Menschen, die eine Firma gründen wollen, sind Städte wie

Leipzig oder Dresden ideal. Der Wohnraum ist günstig, die Büros

sind günstig. Es gibt gut ausgebildete, bezahlbare Arbeitskräfte,

das Schul- und Universitätssystem ist gut, die Infrastruktur perfekt.

Die Landesregierung hat Ihnen bereits Unterstützung zugesagt.

Was fehlt jetzt noch, damit es losgehen kann?

Ich bin im Moment auf der Suche nach einem Träger. Genauso

wichtig wie eine gesicherte Finanzierung ist eine Organisation,

mit der ich das Projekt umsetzen kann.

Als Sie 1987 nach Deutschland gekommen sind, waren Sie

21 Jahre alt. Was war Ihr erster Eindruck?

Alles war grün. Ich dachte: Das ist das erste Land, in dem der

Rasen anfängt, den Asphalt zu besiedeln. Der zweite Eindruck

war enttäuschend: In den Filmen, die ich gesehen hatte, war der

Westen voller Hochhäuser, aber hier kam mir alles überschaubar

vor, geradezu dörflich.

Worin bestand für Sie in der ersten Zeit die größte Herausforderung?

Es war echt schwierig, Leute kennenzulernen. Ich erlebte eine

Welt, in der jeder auf sich allein gestellt ist. Viele Ausländer kommen

damit nicht zurecht. Sie empfinden die Gesellschaft als abweisend.

Dabei hat jeder Münchner, der nach Hamburg zieht,

das gleiche Problem. Es ist eine Wettbewerbsgesellschaft.

Haben Sie das als kalt empfunden?

Ja, schon. Aber die Begeisterung für Deutschland war größer.

Woher kam diese Begeisterung?

Ich weiß es nicht. Vielleicht war es eine Art Seelenverwandtschaft.

Schon meine Schulfreunde in Damaskus fanden es total

merkwürdig, dass ich mich so für Deutschland interessierte.

Wurden Sie von der Wirklichkeit enttäuscht?

Nein, eigentlich wurden meine Erwartungen übertroffen. Aber

ich fand es schwierig, mich zu integrieren. Wir Araber sind stolze

Menschen – und hier wird man die ganze Zeit zurechtgewiesen.

Wenn man zum Beispiel im Supermarkt in der Schlange steht und

die Einkäufe nicht schnell genug aufs Band legt, wird das sofort

kommentiert. Und wenn man mal abends auf dem Fahrrad ohne

Licht unterwegs ist, kann es sein, dass man deswegen beschimpft

wird. In Beirut oder Kairo könnten Sie mit einem Lkw ohne Licht

herumfahren, und niemand sagt etwas. Zurechtweisungen werden

dort schnell als Angriff wahrgenommen.

Was hilft gegen das Gefühl der Fremdheit im neuen Land?

Ich möchte dieses Gefühl eigentlich niemandem nehmen. Im Gegenteil:

Ich möchte Neuankömmlingen einen Schock versetzen,

um ihnen klarzumachen, dass sie sich selbst bemühen müssen.

Wie kam es dazu, dass Sie von Braunschweig nach Dresden

gegangen sind? Haben Sie den Schock gesucht?

Ich war schon immer total fasziniert von dieser Stadt. Und dann

wurde mir in den Neunzigern dort ein Job angeboten. Sogar


Für Menschen, die eine

Firma gründen wollen, sind

Städte wie Leipzig oder

Dresden


ideal.

Sachsen // UNternehmen

meine deutschen Freunde haben mich damals gefragt: „Bist du

sicher? Willst du wirklich nach Sachsen?“ Einige haben mir sogar

empfohlen, einen Helm zu tragen. Kennen Sie das Titanic-Cover

von damals: „Helmpflicht für Ausländer“ unter einem Bild von

einem Nazi mit Schlagstock? So war damals die Stimmung.

So ähnlich ist sie auch heute noch manchmal – nicht nur in

Sachsen.

Ja, mag sein, aber ich bin nicht nur Kosmopolit, sondern auch ein

Utopist. Ich will die Welt besser machen. Deshalb betrachte ich

es auch als meine Pflicht, nicht abzuhauen, wenn es ungemütlich

wird. Sachsen hat ein großes Potenzial, positiv ins Zentrum der

Welt zu rücken. Ich will dabei sein, wenn es so weit ist.

Haben Sie selbst in Dresden Fremdenfeindlichkeit erlebt?

Ja, aber wirklich angepöbelt wurde ich nur ein einziges Mal.

Meist kommen eher Sprüche wie etwa: „Sie sind hier in Deutschland,

und da machen wir das so und so.“ Andererseits habe ich

hier sehr viele weltoffene Freunde. Mehr als irgendwo sonst in

Deutschland.

In den vergangenen zwölf Monaten wurden Flüchtlingsheime

angezündet, in Dresden ist Pegida auf die Straße gegangen,

und es gab die Silvesternacht in Köln. Zugleich wurden syrische

Flüchtlinge in München am Bahnhof mit Applaus begrüßt.

Überall in Deutschland helfen Tausende von Menschen

ehrenamtlich. Und laut aktuellen Untersuchungen hat sich die

positive Stimmung gegenüber Flüchtlingen kaum geändert, in

vielen Gegenden ist sie sogar noch etwas besser geworden.

Was erwarten Sie für die Zukunft?

Wenn ich mir Deutschland ansehe, mache ich mir keine Sorgen.

Das Thema Integration ist in Deutschland ein kleineres Problem

als woanders.

96 97


Sachsen // Unternehmen

Wie meinen Sie das?

Deutschland ist ein perfektes Land, um Fremde zu integrieren.

Man wird hier gut zurechtgerückt – man wird eingenordet. Die

Menschen kontrollieren sich gegenseitig und passen aufeinander

auf. Das hat Nachteile, es ist das Gegenteil von „leben und leben

lassen“. Aber es hilft enorm, denen eine Richtung zu geben, die

neu ankommen.

Die Deutschen erwarten, dass man sich voll integriert?

Es gibt einen Unterschied zwischen der Erwartungshaltung, die

in Politik und Medien formuliert wird, und dem, was die Bevölkerung

erwartet. Die Politik will vor allem, dass man das Grundgesetz

achtet, Steuern zahlt und sich zur Demokratie bekennt.

Aber die Gesellschaft erwartet viel mehr. Sie verzeiht es zum Beispiel

nur selten, wenn man keinen Alkohol trinkt. Man wird einmal,

zweimal zu einer Party eingeladen, und wenn man in einer

Ecke steht und Saft trinkt, wird man beim dritten Mal nicht mehr

gefragt. Wenn Sie gewisse Sachen nicht mitmachen, sind Sie

draußen. An solchen Situationen muss den Leuten irgendwann

klar werden, dass sie manchmal zu viel verlangen von den Neuen.

Welchen Rat gäben Sie einem 21-jährigen Syrer, der gerade in

Deutschland ankommt?

Gib nach schlechten Erfahrungen nicht auf! Such den Kontakt zu

Deutschen, mach Volkshochschulkurse, such dir eine WG mit

deutschen Mitbewohnern, auch wenn dich erst mal niemand will!

Du rufst da an, hast einen Akzent – und anfangs holst du dir nur

Abfuhren. Ja und? Das ist ganz normal und geht den Deutschen

nicht anders. Du musst dranbleiben. Wenn du es zehnmal versuchst,

klappt es vielleicht nur dreimal. Aber das reicht doch.

Warum haben Sie damals Ihre Heimat Syrien verlassen?

Syrien ist ein Märchenland. Man sagt viele blumige Wörter und

meint doch eigentlich etwas anderes. Freundlichkeit steht über

Ehrlichkeit. Und ich bin nicht mit dem Leben in der Diktatur

klargekommen. Man durfte vieles nicht sagen. Man kam schon

wegen kleiner Fehler ins Gefängnis, und ich wusste, dass ich auch

irgendwann dort landen würde. Ich wollte einfach meine Ruhe

haben und mit Ehrlichkeit weiterkommen.

Befinden sich noch Angehörige von Ihnen in Syrien?

Meine Mutter ist ausgewandert. Sie lebt heute als Flüchtling in

Kanada. 2011 hat sie mich in Dubai besucht, als in Syrien der

Bürgerkrieg ausbrach, und konnte nicht mehr zurück. Aber mein

Vater ist noch in Syrien, und er will dort auf keinen Fall weg. Er

besitzt in einem umkämpften Gebiet außerhalb von Damaskus

Land, an dem er sehr hängt, besonders an den Bäumen. Es gibt

dort Feigen, Granatäpfel, Aprikosen. Er durfte lange nicht hin, bis

es im vergangenen Jahr eine Waffenruhe gab. Als er sah, dass alle

Bäume tot sind, hat er einen Schock bekommen und sechs Monate

lang kein Wort gesprochen. Er hat einfach nicht mehr geredet.

Haben Sie Angst um Ihren Vater?

Ich habe Angst um ihn als Menschen, aber nicht als Vater. Mich

verbindet nur wenig mit ihm. Er ist ein typisch orientalischer

Vater, extrem autoritär. Davon wollte ich mich lösen.

Fürchten Sie nicht, dass Sie ihn vielleicht nie wiedersehen?

Natürlich. Aber ich habe auch Angst davor, ihn wiederzusehen.

Genauso wie ich Angst davor habe, irgendwann wieder nach

Syrien zu fahren, wenn der Krieg vorbei ist, und zu sehen, was er

mit den Menschen gemacht hat.

Grüße...

... aus Zwickau!

Haben Sie noch Hoffnung für das Land?

Meine Hoffnung ist, dass die Menschen irgendwann lernen, den

Hass zu hassen. Wenn man schon etwas hassen muss, dann bitte

den Hass selbst.

Sie sagen, Sie haben sich in Deutschland so wohl gefühlt –

und sind trotzdem nach Dubai gegangen. Warum?

Ich bin nach Dubai gegangen, weil ich Teil der globalisierten Welt

sein wollte. Dubai ist für mich wie ein Flughafen-Terminal – dort

sind die Heimatlosen zu Hause. Dort wollte ich meine Zukunft

aufbauen, jenseits meiner geografischen Heimat. Inzwischen habe

ich zwei Kinder und denke anders. Die Kinder haben meine Sicht

verändert. Ich weiß jetzt, dass ich ihnen eine Heimat geben muss

– und dass Deutschland dafür deutlich besser geeignet ist.

Wieso das?

Zum einen sind da all die großen Schätze wie Kunst, Kultur,

Musik, die schöne Natur. Aber es gibt auch sehr viele kleine Dinge.

Die Menschen in Deutschland haben beispielsweise eine ganz

andere Einstellung zur Umwelt. Es tut mir immer weh, wenn ich

sehe, wie viel Müll bei uns überall rumliegt. Ich möchte meine

Kinder dort großziehen, wo auf solche Dinge geachtet wird.

Yassin Nasri, 50, wuchs in Damaskus auf

und kam als Student nach Deutschland.

Er studierte in Braunschweig Architektur,

gründete in Dresden seine erste Firma, die

während der Dotcom-Blase scheiterte, und

schrieb zwei Romane auf Deutsch. Zurzeit

lebt er in Dubai und berät dort deutsche

Firmen, die auf der arabischen Halbinsel

Fuß fassen wollen. Als Initiator eines

Projekts, das Flüchtlingen in die

Selbstständigkeit helfen will, könnte er

schon bald nach Sachsen zurückkehren.

Sie haben einmal geschrieben: „Heimatlosigkeit ist das schöne

Gefühl, in der Welt zu Hause zu sein.“ Gilt das nach dem

Syrien-Krieg noch?

Wie meinen Sie das?

Nun ja, jetzt ist es eine erzwungene Heimatlosigkeit. Sie könnten

nicht zurück, selbst wenn Sie wollten.

Ich habe mich schon sehr lange von Syrien gelöst. Die Brutalität

des Assad-Regimes war schon damals unvorstellbar. Ich wollte

mit dem Land nichts mehr zu tun haben. Ich wollte zum Abendland

gehören.

„Cooles Trabi-

Denkmal. Und

cooles Auto. Über

drei Millionen Mal

wurde der hier

gebaut. Ganz

schön oft, oder?“

98 99


Sachsen // Erfinden

Die Filmrevolution

Das Dresdner Unternehmen Heliatek produziert Solarfolien.

Das klingt wenig aufregend.

Hat aber ein enormes Zukunftspotenzial.

Text: Peter Lau

Foto: Michael Hudler

W

Weltweit wachsen die Großstädte: Bis

2030 wird es laut einer UN-Schätzung 41

Megacitys mit mehr als zehn Millionen

Einwohnern geben. Und mit ihnen wachsen

die Häuser: Um die 40 Wolkenkratzer

mit einer Höhe von 350 und mehr Metern

sind zurzeit weltweit in Bau. Für Thibaud

Le Séguillon, CEO des Fotovoltaik-Unternehmens

Heliatek in Dresden, ist das eine

höchst erfreuliche Entwicklung.

„Wir haben eine Solarfolie entwickelt,

die sich problemlos in Fassadenelemente

integrieren lässt, aber auch nachträglich

darauf angebracht werden kann“, erklärt

Le Séguillon, ein gebürtiger Franzose, der

vor Dresden in Chicago, Boston und

Schanghai gelebt hat. „Mit den gängigen

Solarzellen ist das nicht möglich – die sind

dafür zu schwer. Bei unserem ,Heliafilm‘

dagegen spielt das Gewicht keine Rolle:

Er ist nur einen Millimeter dick und entsprechend

leicht.“ Solarfolien? An Hausfassaden?

Was der 50-Jährige in seinem

frankofon eingefärbten Englisch verkündet,

klingt seltsam. Doch es könnte eine

Revolution bedeuten. Heliatek, benannt

nach dem griechischen Sonnengott Helios,

will nicht weniger als ganz normale

Gebäude in Stromerzeuger verwandeln.

Mit herkömmlichen Solarmodulen

geht das nur in geringem Maße: Die auf

Siliziumbasis hergestellten Solarzellen sind

schon für sich genommen nicht leicht,

mit den Glasplatten und Stahlrahmen der

Modelle für den Privatgebrauch kommt

man auf rund 25 Kilogramm pro Quadratmeter.

So ein Gewicht lässt sich problemlos

auf einem Dach montieren, aber keinesfalls

auf einer Fassade. „Bei 1000

Quadratmetern Fassade wären das

Thibaud Le Séguillon und einige Meter Solarfolie in der

Eingangshalle der Heliatek-Zentrale in Dresden

100 101


Sachsen // Erfinden

Sachsen // Erfinden

Sonnige Zukunft

gut 20 bis 25 Tonnen Gewicht“, rechnet

Le Séguillon vor. „Das hält kein Gebäude

aus.“ Jeder Statiker gäbe ihm recht.

„Sicher“, gesteht der CEO, der Heliatek

seit fünf Jahren leitet, „vergleicht man

die Leistung pro Quadratmeter, schneidet

Heliafilm schlechter ab als herkömmliche

Solarzellen. Aber dafür können wir mit

der Folie Gebäudebereiche nutzen, die für

normale Solarzellen gar nicht zugänglich

sind.“ So lässt sich eine viel größere Fläche

nutzen – und auch mehr Energie erzeugen.

Obsolet sind klassische Solarzellen

damit jedoch nicht. „Wir stehen nicht im

Wettbewerb. Wer unsere Solarfolie nutzt,

tut das, weil sie so leicht und flexibel ist,

dass mit ihr völlig neue Anwendungen

möglich sind.“

PET-Folie statt Silber

Mit einem derartigen Durchbruch hat vor

zehn Jahren wohl kaum jemand gerechnet.

Damals entstand Heliatek im Rahmen

einer Kooperation der TU Dresden und

der Universität Ulm zur Erforschung organischer

Halbleiter. Eine treibende Kraft

war der Diplom-Physiker Martin Pfeiffer,

der das Unternehmen mitgegründet hat

und heute der Technikchef im Haus ist.

Ihm ist wichtig, dass es sich bei Heliafilm

um organische Solarzellen handelt, also

um eine umweltfreundliche Technologie,

für deren ressourcenschonende Produktion

die Firma in diesem Jahr mit einem

GreenTec Award ausgezeichnet wurde.

„Heliafilm basiert auf PET-Folie, also einem

Kunststoff wie bei einer handelsüblichen

Wasserflasche, der praktisch unbegrenzt

verfügbar ist“, sagt Pfeiffer.

Das ist ein wichtiger Punkt. „Bei klassischen

Solarzellen wird für die Kontaktbahnen

zum Beispiel relativ viel Silber

verwendet“, erklärt der Spezialist für organische

Elektronik. „Das ist jetzt noch kein

Problem, wird aber in Zukunft eines werden,

wenn es darum geht, nicht nur einige

Prozent, sondern vielleicht die Hälfte des

Weltenergiebedarfs mit Solarstrom zu decken.“

Ähnlich stehe es mit anderen Rohstoffen,

die in den zukünftig benötigten

Mengen zum Teil gar nicht existierten.

Es ist einfach, die Vorteile des erst

vor zwei Jahren bis zur Serienreife entwickelten

Produktes aufzuzählen. Aber die

Dresdner sprechen auch offen über Probleme.

Das schwerwiegendste ist zurzeit

der Wirkungsgrad. Er gibt an, wie viel der

zur Verfügung stehenden Energie die jeweilige

Technologie tatsächlich in Strom

umwandelt.

Die gängigsten Solarzellen haben einen

Wirkungsgrad von 15 bis 20 Prozent

– für organische Solarzellen liegt der im

Februar 2016 erreichte Rekord bei 13,2

Prozent. Ihn hält Heliatek. Natürlich gibt

man sich in Dresden optimistisch – das

Ziel sei ein Wirkungsgrad von 15 Prozent,

und daran werde man arbeiten. Aber das

tun andere auch: Nicht nur in Dresden

wird intensiv geforscht – in der ganzen

Welt arbeiten Unternehmen an der Weiterentwicklung

der Fotovoltaik.

Denn unabhängig von regionalen

Fördermodellen oder Problemen mit dem

Preisverfall infolge chinesischer Billigsolartechnologie

zeigt sich immer deutlicher,

dass Solarenergie spätestens dann eine

große Zukunft hat, wenn die fossilen

Energieträger weitgehend erschöpft sind –

und dieser Moment ist absehbar.

Völlig unabsehbar dagegen ist, welche

Solarzellen die Zukunft bestimmen

werden. Noch dominieren Zellen auf Siliziumbasis

den Markt, doch Zellen auf

Basis des in großen Mengen vorkommenden

Minerals Perowskit entwickeln sich

langsam zu echten Konkurrenten: Sie sind

billig herzustellen, und ihr Wirkungsgrad

ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen.

Allerdings haben Perowskitzellen

noch einige Schwächen, vor allem ihre

Lebensdauer ist bisher sehr kurz. Daneben

wird an weiteren Solarzellen geforscht,

unter anderem an Tandemzellen, in denen

mehrere Schichten übereinanderliegen.

Dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme

(ISE) in Freiburg ist es 2013

sogar gelungen, Vierfachzellen zu bauen.

Wirkungsgrad: 44,7 Prozent.

Dresden als Tech-Metropole

Heliafilm ist nicht nur leicht, sondern auch bunt. Die Folie wird in verschiedenen Farben

angeboten, sodass sie auch als architektonisches Element funktioniert.

All das wird wahrscheinlich dazu führen,

dass es keine Technologie der Zukunft geben

wird, sondern viele Technologien, die

neben- und miteinander existieren werden.

Für dieses Szenario ist Heliatek gut

aufgestellt. Denn die Dresdner haben

nicht nur starke Forschungspartner – neben

den Gründern sind mittlerweile diverse

Einrichtungen an der Entwicklung beteiligt,

unter anderem das Freiburger ISE,

mit 1100 Mitarbeitern das größte Solarforschungsinstitut

Europas.

Auch die Partner aus der Wirtschaft

sind sorgfältig gewählt, etwa Reckli aus

Herne, ein Spezialist für Architekturbeton,

oder die belgische AGC Glass. Denn die

Sachsen wollen letztlich keine Solarfolien

an Hausbesitzer verkaufen, sondern Bauteile,

Glasscheiben, Wände, in denen die

Folien bereits integriert sind. Beim Bau eines

Gebäudes würde damit die Energiegewinnung

gleich mit entstehen.

Die ersten Pilotprojekte laufen. Selbstverständlich

befinden sich Folien an der

Fassade der Konzernzentrale in Dresden-

Mickten, aber auch in Singapur und Ägypten

wurde die Innovation schon verbaut.

Dort kann die Folie eine weitere Stärke

demonstrieren: Herkömmliche Solarzellen

funktionieren am besten bei direktem

Sonnenlicht, verlieren bei hohen Temperaturen

aber zugleich an Wirkungsgrad. Absurd

eigentlich. Doch Heliafilm hat das

Problem nicht.

Thibaud Le Séguillon sieht angesichts

all dessen optimistisch in die Zukunft:

„Schon heute, zwei Jahre nachdem wir die

ersten Folien auf den Markt gebracht haben,

übersteigt die Nachfrage unsere Produktionskapazität.“

Allerdings wird in

Dresden bislang auch nur auf einer kleinen

Pilotanlage produziert.

2018 soll sich das ändern. Dann wird

auf dem Firmengelände eine neue Anlage

in Betrieb genommen, die eine Million

Quadratmeter Solarfolie pro Jahr herstellen

soll. Dafür sah der CEO bei der vergangenen

Finanzierungsrunde einen Bedarf

von 75 Millionen Euro – keine Hürde

für die Miteigentümer: Die Firma sammelte

80 Millionen Euro ein, unter anderem

vom BMW-Großaktionär Stefan Quandt.

Den hat möglicherweise auch überzeugt,

dass das nächste große Einsatzgebiet von

Heliafilm die Energieversorgung im Auto

sein soll.

2015 war Heliatek die einzige deutsche

Firma unter den 49 Technologie-Pionieren

auf dem Weltwirtschaftsforum. Das war

wie eine Auszeichnung – die sich das Unternehmen

nun verdienen muss. Thibaud

Le Séguillon sagt, er fühle sich dabei von

der Stadt gut unterstützt. Der politische

Wille, Dresden zu einer Tech-Metropole

zu machen, sei bemerkenswert. Und das

Potenzial seines Produktes könne er gar

nicht absehen. „Der Markt ist gigantisch.

Es geht nicht nur um Gebäude und Autos

– man kann mit Heliafilm überall Energie

produzieren: auf Smartphones, Kleidung,

was Sie sich vorstellen können. Ich habe

nicht genug Fantasie, um heute sagen zu

können, was in Zukunft möglich sein

wird. Aber ich bin sicher, wir werden alle

überrascht sein.“

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Sachsen // Erkunden

- Machen

Was kostet die

Welt?

Das Naturkundemuseum in Görlitz ist das wichtigste Institut

für Bodenbiologie in Europa. Ein Gespräch mit seinem Leiter Willi

Xylander über die Billionen von Lebewesen unter unseren Füßen,

von denen wir nichts ahnen, und ihren Wert in Euro.

Text: Peter Lau

Foto: Antonina Gern

Willi Xylander wirkt heiter, entspannt, enorm zufrieden. Er lächelt

auf jene besondere Art, wie es Menschen tun, die mit sich und ihrer

Tätigkeit im Reinen sind. Zwei Wochen vor dem Interview, erzählt

der Biologe, sei er auf einer Sammelexpedition in Mexiko gewesen,

wo er sich einen Parasiten eingefangen habe. Das sei nicht schlimm

gewesen, sagt er, aber er habe ihn per Ultraschall fotografieren lassen,

und es habe sich herausgestellt, dass es ein ungewöhnliches

Exemplar war. Nun schreiben ein Kollege und er einen Aufsatz

über den ungebetenen Gast. Xylander strahlt.

Der 60-Jährige ist Direktor des Senckenberg Museums für

Naturkunde in Görlitz, Professor für Spezielle Zoologie an der Universität

Leipzig und Geschäftsführer der Deutschen Naturwissenschaftlichen

Forschungssammlungen – aber vor allem ist der

gebürtige Hagener ein Überzeugungstäter. Und wohl auch deshalb

der wichtigste Mann Deutschlands, wenn es um Bodenbiologie

geht. Was das ist? Gute Frage!

Als ich in meinem Freundeskreis erzählte, dass ich einen

Bodenbiologen treffe, habe ich nur leere Blicke geerntet. Keiner

wusste mit dem Begriff etwas anzufangen.

Das ist normal: Niemand würde leben ohne die Bodenbiologie,

aber keiner kennt sie.

Willi Xylander vor einem der harmloseren Monster, die in

der Erde unter unseren Füße auf uns lauern. Ein Glück, dass sie

in Wirklichkeit alle winzig sind.

Als ich dann ein bisschen darüber gelesen habe, stellte ich

fest, dass Bodenbiologie ein sehr spezieller Bereich ist. Wie

erklären Sie jemandem, der keine Ahnung hat, worum es in

Ihrem Fachgebiet geht?

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Sachsen // Erkunden

Sachsen // Erkunden

Zuerst einmal: Die Bodenbiologie ist kein spezieller Bereich. Im

Gegenteil: Sie ist ein universelles Phänomen. Fast alle Ökosysteme

an Land basieren auf Recycling-Systemen, die Totes verarbeiten,

damit daraus neues Leben entstehen kann – und die laufen

ganz überwiegend im Boden ab. Wir erforschen hier in Görlitz

die biologische Vielfalt im Boden, den Ablauf der dort stattfindenden

Prozesse und die Wirkung, die anthropogene, also von

Menschen erzeugte Einflüsse auf sie haben.

Görlitz ist das deutsche Zentrum der Bodenzoologie: ein

Randgebiet der Wissenschaft am Rande Deutschlands? Nein,

im Ernst, warum Görlitz?

Das hat historische Gründe. Mein Vorgänger Wolfram Dunger

war eine Koryphäe unseres Fachs. Er kam 1959 nach Görlitz, um

bodenzoologisch zu forschen. Das ist ihm auch gelungen. Bis

heute gibt es in Europa kein anderes Museum mit einer so umfangreichen

Sammlung. Sie umfasst gut sechseinhalb Millionen

Objekte aus den Bereichen Bodenzoologie, Zoologie, Paläozoologie,

Geologie, Botanik, Gewebe und DNA. Das ist nicht zuletzt

ein Grund, weshalb wir als Forschungseinrichtung von nationaler

Bedeutung eingestuft und 2009 in die Senkenberg Gesellschaft

aufgenommen wurden.

Wenn der Bereich so wichtig ist, drängt sich die Frage auf, wieso

ihn keiner kennt und sich kaum einer damit beschäftigt.

An den Universitäten spielt die Bodenbiologie eine sehr kleine

Rolle. Und wenn ein Fachgebiet nicht vertreten wird, ist die akademische

Wahrnehmung gering. Das ist das eine Problem. Hinzu

kommt, dass die Bodenbiologie ein sehr kompliziertes Arbeitsgebiet

ist. In Deutschland sind etwa 5000 bis 7000 Bodentier-

Arten bekannt, die sich in Größenklassen und funktionelle Gilden

aufteilen. Die allermeisten sind sehr klein, oft kleiner als ein

Millimeter, was die Artenbestimmung erschwert – nur wenige

Spezialisten können diese Vielfalt erkennen. Und schließlich erreichen

Bodenorganismen unvorstellbare Zahlen. Wenn Sie auf einer

Wiese stehen, befinden sich in dem Kubikmeter Boden unter

Ihnen etwa 100 Milliarden Lebewesen – und da sind Bakterien

noch nicht mitgezählt.

Die Bodenbiologie ist also essenziell, aber eben auch schwierig,

artenreich, klein und unspektakulär. Und wenn Sie schauen,

was uns Schule und Medien als wichtig vermitteln, stellen Sie

fest, dass es oft das ist, was die Menschen anspricht und gut verkäuflich

ist.

So langsam setzt sich allerdings der Gedanke durch, dass

Boden ein wertvolles Gut ist, das wir nicht als gegeben

voraussetzen können. Unsere Creepy Crawlies, die kleinen, gruseligen

Krabbler, kommen gerade erst in Mode.

Es gibt Anzeichen, dass das Interesse wächst?

In Görlitz zumindest hat die Zukunft schon begonnen. Seit zwei

Jahren haben wir hier den Studiengang Biodiversity and Collection

Management, in dem wir unter anderem die Taxonomie,

Systematik und Ökologie von Bodentieren lehren. Und wir arbeiten

auch sonst an der Popularisierung des Themas.

Der Erfolg des Instituts lässt sich mit unterschiedlichen Zahlen belegen.

Willi Xylander zählt Stellen auf. Als er 1995 nach Görlitz

kam, arbeiteten dort 17 Wissenschaftler, heute sind es 60. Insgesamt

sind 135 Menschen an acht Standorten für sein Institut tätig. „Wir

sind ein mittelständischer Arbeitgeber“, sagt Xylander, „und wir

produzieren Forschung.“ Dann zählt er die Geldgeber auf, Bundesministerien,

die EU und so weiter, es gibt auch einige Projekte mit

der lokalen Wirtschaft. So ist das im Wissenschaftsbetrieb: Die Akkumulation

der Mittel macht den Erfolg besser sichtbar als ihr oft

nicht leicht zu durchschauender Zweck.

Die wichtigste Zielgruppe für die Forschungsergebnisse des

Instituts sei neben der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft

die Legislative, erklärt Xylander: „Die Daten, die wir generieren,

gehen in die Gesetzgebung ein, etwa in Normen für die

nachhaltige Nutzung von Böden oder in Handreichungen für den

ökologischen Landbau.“ Zudem sei es ihm wichtig, ein stärkeres

öffentliches Bewusstsein für den Wert des Bodens zu schaffen. Dazu

dient etwa eine Wanderausstellung, die in den nächsten Jahren um

die Welt ziehen soll, zurzeit aber noch in Görlitz steht. Sie ist ausgesprochen

gelungen: Fiese Viecher, die in Wirklichkeit zum Glück

keinen Millimeter lang sind, stehen neben Einführungen in komplizierte

Kreisläufe und konkreten Handlungsvorschlägen für den Alltag.

Eine schöne Sache. Einerseits.

Dass Wissenschaftler Politiker von ihrer Forschung überzeugen

wollen, ist verständlich, schließlich werden sie von ihnen

finanziert. Aber wieso brauchen normale Menschen ein größeres

Bewusstsein für Bodenbiologie?

Nun ja, man kann Menschen für Themen sensibilisieren. Viele

wissen inzwischen, dass man seinen Garten nicht so aufräumt,

dass für Insekten oder Kleintiere kein Raum mehr ist, weil das

dem ökologischen Gleichgewicht schadet – also schaffen sie

ökologische Refugien. Bei Bodentieren ist das leider schlechter zu

vermitteln. Wer mag schon Lebewesen, die aussehen wie Monster

in einem Science-Fiction-Film? Aber ihr Wert ist unendlich

groß. Übrigens auch ihr ökonomischer.

Aber der lässt sich wohl kaum berechnen, oder?

Wir arbeiten daran. Im Oktober ist unser zweiter internationaler

Studiengang angelaufen: Biodiversity & Ecosystem Services. Da

geht es um die Verbindung von biologischer Vielfalt und ihrer wirtschaftlich-gesellschaftlichen

Bedeutung. Die Grundfragen dazu lauten:

Welche Werte haben Leistungen, die die Natur erbringt, ohne

dass wir etwas dafür tun müssen? Und wie monetarisiere ich diese

Werte? Dafür muss ich wissen, was in der Natur existiert und wie

Gemeinschaften funktionieren. Zugleich sollte ich aber auch den

Wert dieser Dinge für den Menschen einschätzen können.

Da geht es um ein weites, spannendes Feld. Das reicht vom Tourismus,

der von schöner, abwechslungsreicher Landschaft lebt,

über die Nahrungsmittelproduktion bis zur Regulation des Klimas

durch ökologische Systeme. Wir werden in Zukunft diese

sogenannten ökosystemaren Leistungen bewerten müssen, nicht

zuletzt, weil wir sie immer häufiger beeinträchtigen oder sogar

zerstören. Und wer etwas zerstört, muss es nach dem Verursacherprinzip

ersetzen. Doch wenn wir den Wert des Zerstörten nicht

kennen, geht das nicht.

Solche Berechnungen sind vermutlich extrem komplex. Wo

fängt man da an? Wie sähe das in Ihrem Fachgebiet aus?

Ein wichtiges Kriterium für die Qualität von Böden ist der Artenreichtum.

In einem Waldboden finden wir einige Hundert bis

Tausend Tierarten, ein konventioneller, stark genutzter Ackerboden

dagegen beherbergt meist nur etwa 70 bis 100 Arten. Und

für Böden gilt, was auch für Menschen oder die Wirtschaft gilt:

Ein System ist umso stabiler, je mehr Teile ihm angehören, die bei

Ausfällen einspringen können. Das haben in den vergangenen

Jahren umfangreiche Studien belegt.

Könnte es irgendwann dazu kommen, dass der Wert eines

Bodens an seinem Artenreichtum gemessen wird?

Ja, und das wäre sicherlich ein attraktives Arbeitsfeld für junge

Bodenbiologen. Vorstellbar wäre zum Beispiel, die Artenzusammensetzung

und deren Funktionen zu dokumentieren. Denn die

können oft standortgenau Auskunft geben über die ökosystemare

Pufferfähigkeit des Bodens bei anthropogenen Störungen und

Eingriffen, also über seine Fähigkeit, sich auch unter schwierigen

Bedingungen am Leben zu halten.

Angesichts der unterschiedlichen Formen von Landwirtschaft,

von quasi industrieller Produktion auf gigantischen Flächen

bis zum fast handgepflegten Demeter-Hof, kann man sich gut

vorstellen, dass die verschiedenen Formen auch im Boden

ihre Spuren hinterlassen. Und die Ökobauern würden sich vermutlich

freuen, wenn sie beweisen könnten, dass ihre Böden

besser und damit wertvoller sind. Klar, das ist alles noch Zukunftsmusik,

aber mit Ihrem Studiengang betreten Sie doch

ohnehin Neuland, oder?

Absolut. Über die Verbindung von Biodiversität und ökosystemare

Leistungen wird zwar geforscht, aber es gibt dafür noch kaum

akademische Studiengänge. Das ist wie in der Frühzeit der Autoindustrie:

Man konnte Autos bauen, ohne dass ein Studiengang

für Autobau existierte. Da wird sich in den kommenden Jahren

sicherlich einiges entwickeln. Besonders bei uns in Görlitz: 2021

soll unser neuer Campus fertiggestellt sein. Dann werden wir hier

rund 120 Studenten ausbilden. Zugleich werden wir das Institut

zu einem Ort der Kommunikation ausbauen, mit internationalen

Tagungen, Vorträgen, Ausstellungen und so weiter. Ich bin mir

sicher: Die Bodenbiologie wird kommen!

Das Naturkundemuseum in Görlitz beherbergt nicht nur ein

riesiges bodenbiologisches Archiv, sondern auch eine

kleine Ausstellung mit lebenden tropischen Fischen und reptilien

sowie eine Sammlung mit ausgestopften Tieren, die Kindern

und anderen neugierigen Besuchern eine Idee von der Vielfalt der

Welt geben.

Wert

schätzen

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Sachsen // Erneuern

Sachsen // Erneuern

Mäuse gehören zu den größten Bodentieren, und so nehmen

sie in der Sammlung des Instituts so viel Platz ein, dass sie

in ihren Schubladen neben den kleinen Mäuseschädeln gestapelt

werden müssen.


Sachsen - Machen

Sachsen // Kämpfen

Ganz großer Sport

Er ist Weltmeister geworden. In Brasilien. Als Anlagenmechaniker

SHK. Kein anderer Sanitär- und Heizungsinstallateur arbeitet

so schnell und präzise wie der 22-jährige Nathanael Liebergeld

aus dem Erzgebirge.

text: Brigitta PalaSS

foto: Sigrid Reinichs

Z

Zu seinen örtlichen Berühmtheiten zählte das Waldhufendorf

Königswalde im Erzgebirge nahe der tschechischen Grenze bisher

einen Chronisten aus dem 17. und einen Mundartdichter aus

dem 19. Jahrhundert. Doch seit Herbst vergangenen Jahres kann

die Gemeinde mit Stolz auf einen weiteren ihrer Söhne verweisen:

Nathanael Liebergeld, 22 Jahre alt, Weltmeister der Installateure.

Ja, eine solche Disziplin gibt es! Und das ganze Dorf hat per

livestream mitgefiebert an jenen vier Tagen im August 2015, als

Nathanael sich mit seinen Kontrahenten bei den Berufe-Weltmeisterschaften

Worldskills in São Paulo ein Kopf-an-Kopf-Rennen

lieferte. Fast 1200 Teilnehmer aus 59 Ländern mit rund 50 verschiedenen

Berufen waren in Brasilien angetreten. Am Ende entschieden

0,07 Punkte über Liebergelds Sieg.

Trotz seiner Jugend unaufgeregt und in sich ruhend, ist der

Champion bei dem ganzen Rummel um seine Person gelassen

geblieben: All die freudigen Gesichter am Frankfurter Flughafen,

wo die Familie, Freunde und Kollegen darauf warteten, dass er

mit seinem Trainer André Schnabel dem Sieger-Flieger entstieg.

Die vielen Interviews, der Auftritt im Fernsehen, der Empfang

beim sächsischen Ministerpräsidenten und schließlich sogar bei

der Bundeskanzlerin – als deutsche Schirmherrin der Berufe-

Weltmeisterschaften. „Sie sind ein Botschafter der dualen Ausbildung“,

lobte Angela Merkel den gut aussehenden jungen Mann.

Der ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

Bereits seit 65 Jahren liefern sich Auszubildende, Studierende

und junge Fachkräfte aus der ganzen Welt bei den Worldskills einen

freundschaftlichen Wettstreit. Und der genießt in vielen Ländern

hohes Ansehen. Die Schweizer Berufe-Nationalmannschaft

etwa wird bei der Abreise von Jagdfliegern der Luftwaffe bis an

die Landesgrenze eskortiert – und dort bei der Rückkehr wieder

in Empfang genommen. In Südkorea feiert man heimische Gewinner

wie Spitzensportler, ihnen winken neben Ruhm und Ehre

ein Haus und viel Geld. In Deutschland dagegen ist die Berufe-

Olympiade, die alle zwei Jahre ausgetragen wird, wenig bekannt

und die Finanzierung mühselig. „Das zeigt die oft geringe Wertschätzung

für das Handwerk hierzulande“, sagt Liebergeld.

Ein anspruchsvoller Job

Tatsächlich prägt noch immer die Vorstellung von strengen

Meistern, Knochenarbeit, unattraktiven Arbeitszeiten und niedrigen

Einkommen das Image der Zunft. Viele Betriebe haben

Mühe, ihre Lehrstellen zu besetzen. Es scheint vorbei zu sein mit

dem goldenen Boden – Handwerk gilt bei vielen jungen Leuten

in Zeiten des Internets als hoffnungslos überholt.

Nathanael Liebergeld ist ein Paradebeispiel dafür, dass Handwerk

im Allgemeinen und sein Metier als Installateur eine spannende

Sache sein können. Für ihn stand sehr früh fest, dass er Heizungsund

Sanitärfachmann werden würde. Schon als Schüler hatte er

im Installationsbetrieb eines Onkels Praktika absolviert. Er fand

die Arbeit interessant und abwechslungsreich. Leider hatte der

Onkel einen Sohn im gleichen Alter wie sein Neffe – und gab die

freie Lehrstelle dem potenziellen Firmennachfolger.

Das sollte sich als Glück für Liebergeld und seinen späteren

Ausbildungsbetrieb Drechsler Haustechnik in Ehrenfriedersdorf

herausstellen. Anja und Matthias Ziegler, die den Betrieb als

modernes mittelständisches Unternehmen führen, konnten einen

talentierten, engagierten Azubi gut gebrauchen. Denn die Arbeit

ist zwar körperlich leichter und sauberer geworden – aber auch

anspruchsvoller. Höchste Hygienestandards etwa beim Trinkwasser,

strenge Umweltschutzvorschriften bei der Abwasserentsorgung,

die Einbindung von regenerativen Energien in kombinierte

Heizsysteme, immer mehr Elektronik auf dem Weg zum

Smart Home: Da ist nicht nur Körpereinsatz, sondern vor allem

Köpfchen gefragt.

Ein ehrgeiziges Training

Der Neue war schnell beliebt bei den Altgesellen und Meistern

im Betrieb, die sonst schon mal stöhnen, wenn sie sich um den

Nachwuchs kümmern sollen. „Nathanael hat von Anfang an mitgedacht,

immer nachgefragt, wenn er etwas nicht verstanden

hatte, und manchmal auch nach Feierabend an der Lösung eines

Problems getüftelt“, schwärmt Anja Ziegler. 2014 legte Liebergeld

seine Prüfung zum Gesellen der Innung Sanitär, Heizung,

Klima ab – als Jahrgangsbester. Die Zieglers übernahmen das

Ausnahme-Talent in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis, und die

Innung schlug Liebergeld für die Qualifizierungswettkämpfe zu

den Worldskills vor. Der kannte den Wettbewerb bereits, weil

er 2013 in Leipzig stattgefunden und Liebergeld dort einen

Infostand der Handwerkskammer Chemnitz betreut hatte. „Ich

wusste sofort“, sagt er, „dass ich in Brasilien dabei sein wollte.“

Doch zunächst musste er seine Chefin überzeugen, denn ein

monatelanges Training vor der WM würde seinen Einsatz für die

Firma beeinträchtigen. Weil er wusste, dass Matthias Ziegler für

solche Unternehmungen ein offeneres Ohr haben würde, wandte

er sich an ihn. „Das hat er schon klug angestellt“, sagt Anja

Ziegler. Sie ließ sich von ihrem Mann überzeugen, dass man einem

so guten Mitarbeiter entgegenkommen müsse. Sogar in die

Innung sind die Zieglers wegen Liebergeld eingetreten.

Der hatte inzwischen begonnen, intensiv zu trainieren, das

heißt: unter Zeitdruck arbeiten und dennoch exakt. Denn genau

das war gefragt beim nationalen Endausscheid auf der Mitteldeutschen

Handwerksmesse in Leipzig. Unter den strengen Augen

der Juroren musste Liebergeld ein Gestell für eine Vorwand

bauen, in dem Heizungs- und Sanitärleitungen sowie Wasser-

110

111


Sachsen // Kämpfen

Akkurate Anordnung:

So sehen bei Installateur-

Wettkämpfen erledigte

Prüfungsaufgaben

aus. Der Name rechts oben

beweist, dass es sich um

einen echten Liebergeld

handelt. dessen Können

schätzt auch sein Chef

Matthias Ziegler (rechts)

anschlüsse für Waschbecken und WC zu verlegen waren. Den

ebenfalls geforderten Handtuchheizkörper aus Kupfer in Form

des Leipziger Völkerschlachtdenkmals hat Liebergeld später der

Kanzlerin geschenkt. „Die Arbeit vor Zuschauern, im Lärm einer

großen Halle – so etwas war ich im Alltag nicht gewohnt, das

war das beste Mentaltraining für mich“, beschreibt Liebergeld

die Wettkampfsituation. Er behielt die Nerven, gewann und löste

damit sein Ticket für São Paulo.

Also folgten weitere dreieinhalb Monate harten Trainings

im Bundesleistungszentrum Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik

in Schweinfurt, in internationalen Trainingslagern in der

Schweiz, Irland und Schottland oder am Wochenende und an

Feiertagen in der Werkstatt seines Betriebs. „Zusammen mit meinem

ehemaligen Ausbilder und meinem Trainer haben wir die

Kombination aus Geschwindigkeit und Genauigkeit optimiert,

die Arbeitsabläufe perfektioniert und uns auf die Bedingungen in

São Paulo eingestellt“, erzählt Nathanael Liebergeld. „Ich hatte

damals für nichts anderes mehr Zeit, aber das hat mich nicht gestört.

Ich kann extrem ehrgeizig sein, wenn ich etwas erreichen

will. Und ich wollte den Weltmeistertitel, was sonst!“

Um tatsächlich am Ende von vier Wettkampftagen ganz

oben auf dem Siegertreppchen zu stehen, musste er eine Fußbodenheizung

für ein Bad berechnen und bauen – von der Begutachtung

der Anlagenzeichnungen über die Materialbestellung

bis zum Design, der Konzeption und Installation. Dabei gab es

einige Hürden zu überwinden. Die Qualität des Materials in Brasilien

war schlechter: Wo in Deutschland Rohrverbindungen

heute fast nur noch gepresst werden, musste Liebergeld sie im

Wettbewerb löten. Und dann stellte sich auch noch heraus, dass

ihm ein wichtiges Werkzeug fehlte. Also reiste Matthias Ziegler

seinem jungen Gesellen kurz entschlossen mit einem vier Kilogramm

schweren Schneidgerät im Handgepäck hinterher.

Aus dem Konzept haben Liebergeld diese Widrigkeiten nicht

gebracht – so wenig wie die schweißtreibende Wärme und eine

johlende Kulisse von 10 000 Zuschauern. Seine ruhige, konzentrierte

Art übertrug sich sogar auf seinen Trainer André Schnabel.

Der sagte später in einem Interview, er sei so entspannt wie nie

zuvor bei einem Wettkampf gewesen. Er habe Nathanael gesehen

und gewusst: „Wir sind ganz vorne mit dabei.“

Natürlich fragen den Klempner-Champion nun viele, wann

er seinen eigenen Betrieb gründen wird. Nathanael Liebergeld

weiß es noch nicht. Zwar hat er mehrfach bewiesen, dass er ein

absoluter Meister seines Fachs ist. Aber trotzdem besucht er jetzt

erst einmal die Meisterschule.

Grüße...

... von der Lausitzer Seenplatte!

Hält dicht!

„Kohle haben wir

nicht gefunden,

auch wenn es den

passenden Bagger

noch gab. Aber

dafür einen Strand

mit einer prima

Alternative.“

112

113


Sachsen // Verwöhnen

Auf Kurzurlaub

Ein Friseursalon auf Weltstadtniveau.

In der Provinz.

Absurd?

Im Gegenteil!

text: Peter Lau

foto: Anne Schönharting

Sehr schön!

Sieht aus wie ein normaler Friseur,

ist aber Treffpunkt, Kulturort und Café:

Salon Haarschneider, mitten in der

Altstadt von Hoyerswerda gelegen.

114

115


Sachsen // Verwöhnen

Sachsen // Verwöhnen

G

Ganz am Ende eines langen Treffens sagt

Heiko Schneider: „Ich bin kein Friseurmeister

– ich bin Friseurunternehmer.“

Eine kuriose Bemerkung. Stundenlang

ging es um Logistik und die Firma als

Familie, um den Sinn von Marketing und

den Unterschied zwischen einem Haarschnitt

und einem Kurzurlaub. Also um

das, was sein Unternehmen „Haarschneider“

zu einem der interessantesten Friseursalons

Deutschlands macht. Und nun

dies. Wer will das wissen? „Mir ist das

egal“, erklärt der Friseur aus Hoyerswerda

sofort, „aber es gibt Kollegen, die auf so

etwas achten. Und ich habe nun mal keinen

Meister.“ Heiko Schneider fehlt der

Titel. Und der, so scheint es, ist einigen

Wettbewerbern genauso wichtig wie alles,

was er sonst leistet. So kehren wir also

nach einem langen Ausflug auf die lichten

Höhen des gehobenen Unternehmertums

zurück auf den Boden des deutschen

Handwerks.

Nicht dass Schneider das selbst so

sagen würde. Er steht seiner Branche

höchst loyal gegenüber, gerade auch ihrem

Mittelstand. Allerdings glaubt auch

er, dass es in etlichen guten Betrieben in

Sachen Professionalisierung noch Luft

nach oben gibt. „Wir haben mehr als

80 000 Friseursalons in Deutschland“, sagt

er, „und viele tun zu wenig, um sichtbar

zu sein.“ Manche Kollegen seien „zu sehr

in den Haaren drin“. Sein Salon stehe allen

Kollegen offen. Jeder könne sich gern ansehen,

was er tut, und übernehmen, was

ihm nützlich erscheint. Was er nicht sagt:

Das wäre für viele wohl eine Menge.

Heiko Schneider hat in der DDR

Elektronikfacharbeiter gelernt, doch als

ihm die Wende die Chance gab, ein neues

Leben zu beginnen, eröffnete er 1991 in

Lauta, zwölf Kilometer westlich von Ho-

120 sind es freitags. Und das alles ohne

Schnäppchen und Rabatte. „Wir sind

nicht billig und nicht Luxus“, sagt Schneider.

„Im Design und Angebot befinden

wir uns im oberen Segment, aber zu Preisen,

die sich die Leute leisten können. Ich

habe lieber einen vollen Salon und mittlere

Preise, als hohe Preise und ein leeres

Haus.“ In Hoyerswerda ist er längst die

Nummer eins, und weil sich sein Erfolg in

der Branche herumgesprochen hat, hält er

nun in ganz Deutschland Vorträge und

führt auch Webinare durch. Das alles wäre

an jedem Ort bemerkenswert, für Hoyerswerda

ist es eine Sensation. Um die zu

verstehen, muss man allerdings die Geschichte

der Stadt kennen.

Hoyerswerda liegt in der Oberlausitz,

nahe der polnischen Grenze, die für viele

Deutsche so fern ist wie das Herz des

Kongo. Das war nicht immer so: Dank

ihrer riesigen Braunkohlevorkommen war

die Region früher der extrem systemrelevante

Energiebezirk der DDR – und Hoyerswerda

war einer seiner wichtigsten

Städte. Noch Anfang der Fünfzigerjahre

zählte der kleine Ort rund 7000 Menschen.

Doch 1955 wurde damit begonnen,

für die Arbeiter im Tagebau und in der

Veredelungsindustrie die Neustadt zu errichten,

ein zu jener Zeit nahezu futuristischer

Ortsteil, in dem weltweit erstmals

industriell gefertigte Plattenbauten hochgezogen

wurden. So wuchs die Stadt

immer weiter, bis sich 1981 die Einwohnerzahl

verzehnfacht hatte: Fast 72 000

Menschen lebten damals in Hoyerswerda.

Die Arbeiter des Energiebezirks waren

sehr wichtig, und so wurden sie besonders

gut versorgt. Sie lebten in den

Plattenbauten in sogenannten Komfortwohnungen

und fanden am Zahltag in

den Läden alles vor, was die DDR zu bieten

hatte – und wovon Bürger im Rest des

Landes oft nur träumen konnten. Doch

mit der Wende endete die Sonderstellung.

Tagebaue wurden geschlossen, die Elite-

Arbeiter waren plötzlich überflüssig. Viele

zogen weg, und so schrumpfte die Stadt

fast so schnell, wie sie gewachsen war.

Heute leben noch rund 34 000 Menyerswerda,

einen Friseursalon im eigenen

Elternhaus – mit seiner Mutter, die Friseurin

war. Zwölf Jahre betrieben die beiden

ihren Laden, bis die Mutter begann, an die

Rente zu denken. Der Sohn dagegen wollte

noch mal „richtig was bewegen“.

Schneider hatte nebenher Kassen -

Software für Friseursalons verkauft und

auf seinen Reisen durch die Republik die

Läden vieler Kollegen gesehen. So hatte er

bereits einige Ideen, als er 2004 in Hoyerswerda

mit zwei Angestellten seinen

Haarschneider eröffnete.

„Ich bin ein Stratege, im Kopf immer

zehn Jahre voraus“, sagt der 48-Jährige.

„Das war ich schon damals. Und als ich

nach Hoyerswerda ging, hatte ich die

Heiko Schneider hat viel zu tun,

aber ab und zu schneidet er

auch einfach gern mal nur

Haare. Danach feilt er weiter an

der Logistik seines Hauses

oder ist mal wieder für einen

Vortrag unterwegs.


Unsere Gäste trinken

einen Kaffee oder

ein Glas Wein, sind

mit einer Freundin

verabredet oder

treffen zufällig eine

Bekannte – und

dabei kümmern wir

uns um sie und

ihre


Haare.

Idee, die Nummer eins in der Region zu

werden. Aber dass ich mal mehr als 20

Mitarbeiter haben würde, hätte ich nie gedacht.

Irgendwann hat mich die Entwicklung

überholt.“ 29 Angestellte arbeiten

zurzeit in seinem Salon auf etwa 400 Quadratmetern

– angefangen hat er mit 68

Quadratmetern. Auf die vielen kleinen

Räume angesprochen, die sich durch das

Haus in der Altstadt ziehen, lacht Schneider.

Er kann ihre Entstehung Durchbruch

für Durchbruch nacherzählen. „Wir sind

seit zwölf Jahren ständig am Erweitern.“

Die Gründe für den Erfolg sind so

banal wie essenziell. Einerseits denkt der

Friseurunternehmer viel über seine Kunden

nach: „Ich möchte den Menschen

nicht bloß einen Haarschnitt bieten, sondern

eine Auszeit vom Alltag, einen Kurzurlaub.

Unsere Gäste trinken einen Kaffee

oder ein Glas Wein, sind mit einer Freundin

verabredet oder treffen zufällig eine

Bekannte – und dabei kümmern wir uns

um sie und ihre Haare.“ Die Ansprüche

der Kunden sind mit der Zeit gewachsen.

Dass Schnitt und Farbe stimmen, gehört

heute zur Grundausstattung. Das Drumherum

macht den Unterschied.

Mindestens genauso viele Gedanken

wie über sein Publikum macht sich Schneider

über seine Mitarbeiter. Sein Unternehmen,

sagt er, solle auch eine Familie bieten.

„Mir ist es wichtig, mit den Leuten

langfristig zu arbeiten. Wer hier anfängt,

hat erst mal ein Jahr, in dem er sich einarbeiten

kann.“ Das nütze auch den Gästen.

„Für Stammkunden ist es schön, wenn sie

ihren jeweiligen Friseur gut kennen.“ Tatsächlich

verlässt nur selten ein Mitarbeiter

den Salon, und wenn doch, zieht er häufig

auch weg aus der Stadt. „Am Anfang“,

sagt Schneider, „hatte ich sogar die Idee,

dass wir hier alle gemeinsam alt werden.

Aber inzwischen finde ich es auch gut,

wenn junge Leute dazukommen und sich

die Dinge erneuern.“

Zufriedene Kunden und Mitarbeiter

Um die Arbeit zu erleichtern und Kunden

wie Mitarbeitern eine gute Atmosphäre zu

bieten, optimiert Schneider ständig die

Logistik. Termine werden über ein Computersystem

verwaltet, auf das alle Mitarbeiter

über die im Salon ver teilten Terminals

zugreifen können. Jeder trägt zudem

ein Headset, über das er Unterstützung

anfordern kann oder Material – das spart

unnötige Wege. An den besonders geschäftigen

Tagen zum Ende der Woche

lässt der Chef für alle ein Bio-Büfett servieren.

„Ich kenne das aus der Gastronomie“,

sagt Schneider, „vorne Luxus für die Kunden,

hinten das Billigste für die Mitarbeiter.

Das möchte ich nicht.“

Mit diesen schlichten Grundsätzen

hat er es weit gebracht. 65 bis 75 Kunden

kommen pro Tag in den Salon, 100 bis

116 117


Sachsen // Verwöhnen

Oben: Der Libanese Naser

Kassem arbeitet seit gut

30 Jahren als Barbier. Das

spürt man an jeder seiner

Handbewegungen. Links: Hier

geht es zum Haarschneider.

schen in Hoyerswerda – Tendenz sinkend.

So ein Schwund wäre für jede Stadt ein

harter Schlag. Doch hier verschwanden

nicht nur die Menschen – es verschwanden

auch Selbstwert und Lebensgefühl.

Menschen aber brauchen etwas, das ihren

Ort auszeichnet und ihnen sagt: Hier, wo

du bist, ist es besonders. Einige Städte erreichen

das über ein Motto, das manchmal

sogar über die Region hinausstrahlt.

Wie etwa Riesa im Landkreis Meißen, das

sich zur Sportstadt erklärt hat. Die meisten

Orte finden ihre Persönlichkeit allerdings

eher in kleinen Rahmen: Da gibt es

das jahrhundertealte Unternehmen, den

besonderen Laden, das außergewöhnliche

Stadttheater, die beste Kneipe der Welt.

Und in Hoyerswerda? „Heiko Schneider

ist der wichtigste Mann in Hoyerswerda“,

sagt Dorit Baumeister und lacht. „Immerhin

ist er unser aller Friseur.“ Baumeister

ist Architektin, sie engagiert sich seit Langem

für die Stadt: Sie hat viele Kulturprojekte

angeschoben und begleitet, das neue

Bürgerzentrum am Marktplatz entworfen,

und natürlich tanzt sie auch beim örtlichen

Amateur-Tanztheater mit, das ihr

Bruder leitet und das sogar schon durch

Deutschland getourt ist. Das alles mache

ihr Spaß, sagt sie, aber es ginge immer

auch um Hoyerswerda. „Wenn wir unseren

Anspruch auf diese Art des Lebens,

auf das Großstadtgefühl aufgeben würden,

dann hätte unsere Stadt keine Zukunft.“

Der Salon Haarschneider ist für sie dabei

ein zentraler Baustein.

„Mir ist diese Großstadtqualität tatsächlich

auch wichtig“, sagt Heiko Schneider.

Er komme viel herum, schaue sich an,

was in den Metropolen läuft, und bringe

es dann in seine Stadt. „Die Leute sind früher

nach Dresden gefahren oder sogar

Berlin, um zum Friseur zu gehen. Das ist

auch nicht so selten, wie man denkt: Für

den Friseur wird viel gefahren, darüber

spricht nur keiner. Aber jetzt gibt es uns.“

Es mag in Hoyerswerda keine Kneipe

oder Bar geben, in der sich trifft, wer in

der Stadt etwas bewegen möchte – doch

dafür gibt es einen Friseur. „Ja“, sagt

Schneider und lacht, „hier treffen sich

wirklich viele gute, kreative Leute.“

Das liegt wohl auch daran, dass

Schneider dafür bekannt ist, dass sein

Engagement nicht an der Ladentür endet.

So veranstaltete er im August 2015, als

kurz vor der Eröffnung des neuen Bürgerzentrums

noch Geld fehlte, den Haarschneider-Marathon.

„Ich kam auf die

Idee, als ich von Gamern hörte, die so

lange spielten, wie die Leute für einen

guten Zweck spendeten. Also haben wir

gesagt: Wir schneiden so lange Haare, wie

ihr für das Bürgerhaus spendet. Wir haben

erst nach 25 Stunden aufgehört.“ In dieser

Zeit standen die spendenwilligen Kunden

Schlange bis auf die Straße, nahmen Wartezeiten

von bis zu drei Stunden in Kauf.

Mehr als 200 Schnitte sind am Ende zusammengekommen

– und eine Spende

von 3114 Euro. Dafür erhielt Schneider viel

Lob in den Medien und einen Marketingpreis.

Die Aufmerksamkeit weiß er durchaus

zu schätzen. „Natürlich muss ich dafür

sorgen, dass ich unter den 44 Salons in der

Stadt gesehen werde. Und nicht nur von

den Kunden. Wenn eine junge Friseurin

nach Hoyerswerda zieht und sich bewerben

möchte, soll sie das zuerst hier tun.“

Über seine Sichtbarkeit musste sich

Schneider allerdings gar keine Sorgen

mehr machen, er war schon vorher durch

die Medien gerauscht: Er hatte – wohl als

Erster in der Branche – einen Asylbewerber

angestellt. Aber auch in dem Fall war

die Aufmerksamkeit ein Kollateralnutzen.

Denn vor allem hatte er für den Salon einen

guten neuen Mitarbeiter gefunden.

Grüße...

... aus Löbau!

„Die Villa Schminke

ist super. Papa sagt,

das ist Bauhaus.

Und ich dachte

immer, bei Bauhaus

kann man nur Nägel

und so kaufen.“

Schneider hat vor etwa fünf Jahren einen

Herrensalon eröffnet, mit exakt dem Programm,

das kurz darauf in den Metropolen

Trend wurde. Männer können sich

dort nicht nur die Haare schneiden, sondern

auch den Bart pflegen oder rasieren

lassen. Wuchernde Haarbüschel in Ohren

und Nase werden per Fadentechnik entfernt.

Aber natürlich ist es nicht einfach,

für diese Arbeit die richtigen Fachkräfte

zu finden, schon gar nicht in Hoyerswerda.

Doch der Friseur hatte Glück: Er traf

den Libanesen Naser Kassem, der schon

mit 13 Barbier wurde. „Er hat einen sehr

guten Blick“, sagt Schneider über den

41-Jährigen, „und er ist präziser und sauberer,

als es in Deutschland üblich ist.“

Eine gute unternehmerische Entscheidung,

eine gute Tat und gutes Marketing

– so einfach kann es sein.

Gerade hat Heiko Schneider im Herrensalon

einen neuen Raum eröffnet. Setzt

sich dort ein Kunde auf einen Friseurstuhl,

fährt ein Spiegel vor ihm hoch, der

zugleich ein Bildschirm ist. Ein persönlicher

Willkommensgruß erscheint, danach

kann der Gast Videos anschauen oder

den Wetterbericht. Schneider sagt: „Ich

möchte gesellschaftlich etwas bewegen.

Ich will Menschen motivieren und inspirieren.

Und ich möchte etwas für die

Region tun.“

Sicher, es ist inspirierend, in einem

der Stühle zu sitzen, von denen Heiko

Schneider meint, es seien wohl die

modernsten Friseurplätze des Landes.

Aber vor allem macht es Freude. Und das

ist für eine Stadt wie Hoyerswerda eine

wichtige Botschaft: Es macht Freude, hier

zu sein und zu leben.

118 119


Klang

zum Anfassen

Politische Umbrüche brachten die Kunst des

Instrumentenbaus ins Vogtland und machten es

wohlhabend. Heute gilt der Musikwinkel

Deutschlands als immaterielles Kulturerbe:

Mehr als 100 Hersteller bauen hier immer noch

alles, was Orchester weltweit brauchen –

und schreiben die Geschichte fort.

text: Dorit Kowitz

Foto: Sigrid Reinichs

120 121


...2,3,4...

Sachsen // Vollenden

W

Wie still es hier ist. Nein, man hatte sich kein Geigenzirpen vorgestellt,

das aus Hinterhöfen dringt, auch keine Trompetenstöße

aus versteckten Werkstätten. Man wusste schon: Wo Instrumente

gebaut werden, werden sie darum nicht andauernd gespielt. Die

Menschen leben vom Handwerk, nicht vom Musizieren. Aber

dass so gar nichts zu hören ist?

Verschlafen wirkt die kleine Stadt im Bergland, deren schmucker,

lang gestreckter Markt sich wie auf zwei übereinanderliegenden

Terrassen an eine Anhöhe heften muss. Fast menschenleer

liegt er da an diesem sonnigen Vormittag. Und kein Laut

scheint für den Augenblick aus Markneukirchen zu dringen, das

doch als das Herz der Region gilt, die man den Musikwinkel

Deutschlands nennt.

Was hatte man im äußersten Südwestzipfel Sachsens erwartet?

Eine gewisse Geschäftigkeit vielleicht, entfernt Geräusche

vom Sägen und Hobeln, Gerüche nach Holz, Lack, Schmieröl

oder durch Mauern gedämpften Lärm vom Hämmern, Walzen,

Schleifen des Messings, dazu womöglich ein wenig Treiben im

Städtchen, weil Güter und Waren von einem Handwerker zum

anderen gekarrt werden. Aber das war wohl naiv.

Musikinstrumente auf eine Art zu bauen, wie sie es hier noch

können – von Hand, in höchster Präzision –, ist heute eine

Arbeit, die gleichsam im Verborgenen stattfindet, auch weil im

Vogtland zwar (wieder) viele Meister ihres Fachs ansässig sind –

aber viele davon eben Einzelkämpfer.

Oft arbeitet nur ein Instrumentenmacher allein in eigener

Werkstatt, der über Wochen hinweg eine Trompete aus Messingblech

oder Neusilber formt, lötet, schmiedet, montiert, poliert.

Oder der Monate an einer Geige baut, die besten, teuersten aus

80 oder 90 Jahre lang gelagertem Holz. Allein das circa 50 mal

20 Zentimeter große Ahornbrett für ihre Rückseite kann mehr

als 1000 Euro kosten. Bis zu 20 Schichten Lack trägt der Meister

nachher auf die Geige auf, und jede trocknet Tage. Das macht

nun mal kein Geräusch.

Also herrscht in Markneukirchen, der Hauptstadt des von

ihnen selbst ausgerufenen „Musicon Valley“ bei Ankunft: Ruhe.

Sogar von den großen der 115 Instrumentenbauer und Zulieferer,

die es in diesem Zipfel des Vogtlands gibt, hört und sieht

man zunächst – nichts. Denn die Manufakturen und Fabriken mit

ihren Hunderten Facharbeitern, die B&S heißen oder Warwick,

haben um die Jahrtausendwende ihre hellen Werkhallen ins Gewerbegebiet

gesetzt, zwischen die Hügel am Rand des 7800-Einwohner-Städtchens.

Wie laut es hinter deren Werkstoren zugeht,

bekommt man später noch zu hören. Und wie.

Erst einmal aber wird für den Besucher nicht greifbar, dass

in und um diesen Ort herum täglich Hunderte Musikinstrumente

neu entstehen und von hier in alle Welt geliefert werden, an

Sinfoniker, Jazzer, Musikprofessoren und auch Elektro-Bassgitarren

an Rockmusiker. Darum passt der Titel, den diese einzigartige

Ansammlung von Experten 2014 erobert hat, gar nicht

schlecht: „immaterielles Kulturerbe“ in dem von der Unesco-

Kommission Deutschland erstellten bundesweiten Verzeichnis

zu sein – eines von 34.

Mit der Aufnahme in das jeweilige Verzeichnis ihrer Nation

werden weltweit Kultur- und Lebensformen entsprechend dem

Übereinkommen mit der UN-Bildungsorganisation als schützens-

und bewahrenswert anerkannt. Voraussetzung ist: Sie müssen

vom Wissen und Können der Menschen einer Region getragen,

von Generation zu Generation weitervermittelt und dabei

immerzu auch neu geschaffen werden. Sie müssen, wie man bei

der Unesco Deutschland sagt, „lebendig sein“.

Das unterscheidet das immaterielle Kulturerbe vom materiellen

„Weltkulturerbe“, zu dem etwa der Speyerer Dom zählt

oder die Altstadt von Quedlinburg: Man kann es nicht anfassen.

Alle und alles von hier

Dafür liegen die Produkte, die man im Musikwinkel fabriziert,

erstaunlich gut in der Hand. Auch an diesem Abend wieder:

Trompeten, Tuben, Querflöten, Klarinetten, Oboen, Hörner werden

aus ihren Futteralen befreit und blitzen im Scheinwerferlicht

der Bühne. Wie jeden Dienstag ab 19.30 Uhr posaunt der Musikwinkel

heraus, was er hat und was er kann, jetzt unüberhörbar.

Denn immer um diese Zeit probt das Stadtblasorchester in der

Musikhalle von Markneukirchen, einem modernen Bau der

Nachwendezeit.

Enrico Weller (Mitte) dirigiert nicht nur das Stadtblasorchester von

Markneukirchen. Er war auch maßgeblich daran beteiligt, einen

Unesco-Titel ins Vogtland zu holen.

Sachsen - Machen

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Sachsen // Vollenden

Enrico Weller, der Dirigent, der mit seinen 44 Jahren außerdem

Lehrer, promovierter Musikhistoriker, Autor, Klarinettist und

fünffacher Vater ist, verteilt Noten an die Feierabendmusiker.

Auszüge aus der „Carmina Burana“ sind diesmal dabei, ein Medley

lateinamerikanischer Gassenhauer, eine Adaption der „Bohemian

Rhapsody“ von Queen. Und Märsche wie der „Einzug der

Olympiakämpfer“.

Als die Freizeit-Musiker den anspielen, unterbricht Weller sie

flugs mit milder Strenge und politisch unkorrektem Witz: „Das

hört sich mehr nach Paralympics an. Das machen wir gleich noch

mal.“ Den Lacher hat er sicher.

Das Besondere ist: In diesem Orchester stammen nicht nur

die Musiker aus der Nachbarschaft, sondern auch sämtliche Instrumente.

Alle wurden hier gebaut. Mancher Bläser stößt buchstäblich

ins eigene Horn. Genauso ist es beim Sinfonieorchester

der Stadt, das es auch noch gibt und das immer montags probt.

Dort ist es ebenso: Jede Geige, jede Bratsche ist ein Stück Heimat,

im Wortsinn.

Musiker von klein auf

Die Besetzung der Laienorchester spiegelt wider, dass exklusives

Wissen, handwerkliches Geschick und die Liebe zur Musik wie

Funken überspringen können, von Generation zu Generation,

über Milieus und Zeitenwenden hinweg. Man muss die Tradition

nur pflegen.

Statt zu Hause vorm Fernseher sitzen junge angehende Kauffrauen

deshalb jeden Dienstagabend neben stolzen Trompetenmachern,

die kurz vor der Rente stehen, und gemeinsam kämpfen

sie sich durch die Partituren. Da mühen sich Lehrerinnen von

Mitte 40 genauso bei schwer zu spielenden Synkopen wie 17-jährige

Lehrlinge, die erst vor einigen Wochen vom anderen Ende

Deutschlands hergezogen sind oder sogar aus Japan, um in

Markneukirchen den Instrumentenbau zu erlernen. Enrico Weller

sagt, im Orchester könnten die Neulinge Anschluss finden,

„wenn sie wollen“. Es hat sich gezeigt, dass immer ein, zwei

Zuge zogene pro Jahrgang im Vogtland hängen bleiben, manche

für immer, „leider noch zu wenige“.

Die Erste Flötistin stammt aus der Stadt. Lilly Menzel hat

vor Kurzem Abitur gemacht und verrät über ihre pechschwarzen

Haare und Kleider sowie ihren blassen Teint zu blutrot geschminkten

Lippen, dass sie eigentlich einer alternativen Musikszene

anhängt. Das hält sie aber nicht davon ab, Stücke wie den

Militärmarsch „Mein Regiment“ so präzise wie möglich zu blasen,

natürlich auch bei Auftritten, bis zu zehn im Jahr.

„Sie ist eine unserer Besten“, sagt Weller in der Probenpause.

„Sie hätte auch irgendwohin gehen und studieren können, aber

sie hat sich entschieden, erst mal zu bleiben und eine Lehre zu

machen. Ein Glück für uns!“

Die meisten der Orchestermitglieder hätten im Kindesalter

angefangen, Musik zu machen, erzählt Weller. So wie er, so wie


Wenn alle anderen ein

Instrument spielen, wollen die

Kinder auch


eines lernen.

seine Kinder. Mehr Begabung als anderswo hätten die Menschen

im Musikwinkel wohl nicht – es sei eher eine Frage der Gruppendynamik:

„Wenn Freunde und Geschwister der Kinder Sport

machen, wollen die auch zum Sport. Wenn alle anderen aber ein

Instrument spielen, wollen sie eben auch eines lernen.“

So wie Wellers Sohn. Der hatte lange keine Lust zu musizieren.

Jetzt sitzt der Neuntklässler bei der Probe an einer Tuba, und

das kam so: Er wollte unbedingt mit seinen besten Freunden eine

Gymnasialklasse besuchen. Die Freunde hatten sich für die Bläserklasse

entschieden, die es seit 2002 am Gymnasium der Stadt

gibt – für je eine fünfte und eine sechste Klasse.

Das Konzept hat sich der Vogtländische Förderverein für

Musikinstrumentenbau und Innovationen e. V. aus den USA abgeguckt,

um es beharrlich im örtlichen Gymnasium zu etablieren.

Das klappte vor allem deshalb, weil der Verband die Instrumente

sponserte. Also lernen nun zehn- bis zwölfjährige Kinder im Klassenverband

ein Instrument zu spielen. Andere Gymnasien in

Deutschland sind dem Vorbild inzwischen gefolgt. So wie Wellers

Sohn seinen Freunden. Er entschied sich notgedrungen für die

Tuba – und blieb ihr treu. Der Funke ist übergesprungen.

Sein Vater Enrico Weller war es übrigens, der – zusammen

mit Vertretern seiner Stadt – den Antrag auf Aufnahme in die

Kulturerbe-Liste vorangetrieben hat, nachdem die damalige sächsische

Kulturministerin Sabine von Schorlemer die Vogtländer

dazu ermuntert hatte. „Sie hielt hier mal eine Rede und winkte

darin sozusagen mit dem Zaunpfahl. Da haben wir uns an die

Arbeit gemacht.“

Instrumentenbauer Stefan Rehms hat einen bunten Arbeitsalltag.

Mal restauriert er einen Kontrabass, mal fertigt er Klangkörper in

Serie. Als Vertreter des sächsischen „Musicon Valley“ hält er aber

auch regelmäßig launige Vorträge über die Kunst des Geigenbaus.

Sachsen - Machen

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Sachsen - Machen

Sachsen // Vollenden

Der Deutsch- und Musiklehrer Weller, ein großer, hagerer Mann

mit Schalk in den Augen, erzählt das vergnügt in der Mundart

des Vogtlands. Es ist eine für den Zuhörer herausfordernde Mixtur

aus dem Fränkischen und dem knödeligen Sächsisch des Erzgebirges,

bei dem sich ein A gesprochen schon mal zum U verkehren

kann.

Der hybride Dialekt klingt wie ein Nachhall der bewegten

Geschichte des Landstrichs, der gleich einem Sporn zwischen

Franken und dem Erzgebirge heraus ins benachbarte Tschechien

ragt. Er wird flankiert von den Heilstätten Marienbad und Franzensbad

auf tschechischer sowie Bad Elster und Bad Brambach

auf deutscher Seite.

In den deutschen Kurorten trauen sich neuerdings die Hoteliers,

das ewig mittelprächtige Drei-Sterne-Niveau auf vier oder

gar fünf Sterne zu heben, mit Wellness, Gourmetküche und elegantem

Interieur. Das spült, so hofft man, neue Touristen auch

ins nahe Markneukirchen und sein Musikinstrumenten-Museum,

das mit einer beachtlichen Sammlung die Erfolgsgeschichte der

Gegend erzählt, die vor etwa 350 Jahren begann.

Wissen aus Böhmen

Damals, erzählt Weller, verliefen in der Region Grenzen, die nicht

bloß Königreiche, Fürstentümer und das Land der Vögte voneinander

trennten, sondern auch die Protestanten von ihren Verfolgern,

den Katholiken der Gegenreformation. So hätten sich evangelische

Exulanten, wie man sie nannte, aus dem böhmischen

Graslitz – dem heutigen Kraslice in Tschechien – in Markneukirchen

angesiedelt. Sie hatten wegen ihres Glaubens die Heimat

verlassen müssen.

Aber sie kamen nicht mit leeren Händen, sondern brachten

die Kunst des Geigenbaus mit. 1677 schlossen sich zwölf Meister

zu einer Innung zusammen. In den folgenden Jahrzehnten

siedelten sich dazu Bogenbauer und Saitenmacher in der Stadt

an, und nur wenig später ließen sich auch Handwerker nieder,

die sich auf den Bau von Holzblasinstrumenten und Waldhörnern

verstanden. Parallel dazu begann die Mandolinen- und Zitherherstellung

zu prosperieren. So konnte schon Anfang des

18. Jahrhunderts fast die gesamte Palette klassischer Orchesterinstrumente

hergestellt werden, auch im Umkreis, zum Beispiel

im Städtchen Adorf. Im benachbarten Klingenthal begann man

1829, Akkordeons zu bauen.

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert hatten die Streich- und

die Harmonika-Instrumente aus dem Vogtland einen Weltmarktanteil

von je 50 Prozent. Von 1893 bis 1916 gab es vor Ort darum

sogar eine Konsulatsagentur der USA. Jeden Werktag verließ ein

Güterwaggon voll Waren die Stadt.

Gebogen, geschlagen, gedengelt, gelötet, gehämmert,

gewalzt, geklopft, gedreht, poliert und noch einiges mehr –

Blechkunstwerke von B&S aus Markneukirchen.

Die Ballung an Spezialisten machte den Musikwinkel im Vogtland

wohlhabend. Um das Jahr 1900 lebten 15 Millionäre in der

Stadt. Sie galt deshalb, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, als

reichste Stadt Deutschlands. „Aus der Zeit stammen die schönen

Villen, die Sie vorhin vielleicht vom Bus aus gesehen haben“,

erzählt Stefan Rehms seinem Publikum. Aber ach, es sei damals

wie heute, plaudert er weiter im Tonfall eines Conférenciers:

Instrumentenbauer wie er verdienten viel zu wenig Geld, um sich

so etwas leisten zu können. „Die Häuser gehörten den Händlern

und Spediteuren“, erzählt er. „Die nannte man damals die Fortschicker.“

Sein Publikum wiegt, Zustimmung murmelnd, die

weißhaarigen Häupter: Hat man’s doch geahnt!

Haare von Hengsten

Die Besucher sind allesamt mit dem Bus angereist, aus dem sächsischen

Freiberg, und lassen sich gerade von Meister Stefan

Rehms in der stilecht eingerichteten Schauwerkstatt des Vereins

Musicon Valley erklären, wie eine Geige entsteht, im Schnelldurchlauf.

Rehms weiß: Bei Kindern und Rentnern bleibt er besser

unter einer Stunde mit seinem Vortrag. Sonst beginnt das

große Gähnen, obwohl er wirklich Show-Talent hat.

Diesmal sind viele Ältere zu Besuch. Also erfährt man wie

im Flug, dass ein Hobel des Geigenbauers fast so winzig wie ein

Spitzer sein kann, dass nahezu kein Rohstoff für die Geige aus

Deutschland kommt – und die Bestandteile eines Bogens (den

andere Spezialisten herstellen) sogar von allen fünf Kontinenten

stammen können: die edlen Hölzer aus Europa, Afrika und den

Tropen Südamerikas, das Perlmutt aus dem Ozean, das Leder für

den Daumenschutz von australischen Echsen und das Pferdehaar

von Schimmeln aus der Mongolei. Rehms fragt in die Runde:

„Kommen die Haare von der Stute, vom Hengst, oder ist das

egal?“ Vom Hengst, rät die Mehrheit richtig. Rehms klärt auf,

warum: „Weil der Hengst sich, anders als die Stute, nicht auf den

Schweif pullert. Die Ammoniak verbindungen machen das Pferdehaar

porös.“ Ah ja.

Rehms ist 38, hat eher die Statur eines Schmieds, trägt eine

Hipster-Brille und auch ein paar Ringe im Ohr. Aber nicht nur

optisch gibt er den jungen Wilden der Zunft. Anders als die meisten

Geigenbaumeister redet er gern über seine Arbeit und hilft

damit, bei Musicon Valley den Tourismus anzukurbeln – auch

mit Witzen auf seine Kosten: „Was ist der Unterschied zwischen

Holz und einem Geigenbauer?“ Pause. „Holz arbeitet.“

Schon als Kind, noch zu DDR-Zeiten, trieb sich Stefan

Rehms immer bei den Instrumentenmachern herum, die nebenan

und schräg gegenüber ihre Werkstätten hatten, privat auch im

Sozialismus. „Noch heute sitzt in fast jedem Hinterhof einer.

Die schreiben das bloß nicht vorne dran“, sagt er. Viele Meister

seien Eigenbrötler. Und was wäre denn, wenn Touristen an einen

frisch lackierten Kontrabass stießen, der einen Verkaufswert von

12 000 Euro habe?

127


Sachsen // Vollenden

Rehms Eltern dagegen waren Bäcker, erzählt er. So früh aufstehen

wollte er nicht ein Leben lang, lieber lernte er bei Jörg

Wunderlich sein Handwerk, studierte an der Westsächsischen

Hochschule Zwickau im Fachbereich Angewandte Kunst den

Musikinstrumentenbau – der Studienort ist daheim, in Markneukirchen.

Seitdem kann sich Rehms Diplomdesigner nennen, was

ihn nicht davon abhielt, 2007 noch den Meisterbrief zu machen.

Er ging auf eine Art Walz durch Deutschland und bis nach Skandinavien,

wollte dort schon bleiben, kehrte dann aber doch zurück.

„Kaum war ich da, wurde ich selbst Dozent an der FH.“

Um die zehn Jahre dauert es, sagt Rehms, bis ein Geigenbauer

eine richtig gute Violine bauen kann, eine Viola oder ein

Cello. Nicht so sehr wegen der Vollkommenheit der sogenannten

Schnecke, an der die Saiten gespannt und gestimmt werden und

die manchmal Löwenköpfe zieren. (Jeder seiner Studenten müsse

deshalb mal einen Löwen schnitzen, sagt Rehms grinsend: „Die

Grenzen zum begossenen Pudel sind fließend.“) Es seien vor allem

die Erfahrung um den Klang des Holzes, das Wissen um die

Geheimnisse guter Akustik, die Zeit brauchten, um zu wachsen.

Einzigartig in Deutschland

Um diesen Wissensschatz des Musikwinkels weiterzugeben,

wurde der Studiengang an der Fachhochschule etabliert. Er ist in

seiner Art einzigartig in Deutschland. Wer aufgenommen werden

will, muss eine Eignungsprüfung ablegen, braucht aber nicht

unbedingt das Abitur, wenn er Berufserfahrung vorweisen kann.

Die Studenten kommen aus ganz Deutschland. Allerdings gehen

die meisten hinterher auch wieder weg.

Enrico Weller, der Kulturerbe-Vorkämpfer und Musikhistoriker,

tritt Politik und Bildungsbetrieb deshalb gern ein wenig auf

die Füße. Die Auszeichnung der Unesco dürfe nicht nur als Etikett

dienen, mit dem sich gut werben und hier und da ein paar

Fördergelder generieren ließen, findet er. Sie bedeute vielmehr

auch die Verpflichtung, Entwicklungen voranzutreiben. „Man

kann zum Beispiel diskutieren, warum es an der FH noch keine

Studienrichtungen Blech- und Holzblasinstrumente gibt“, sagt er.

Und verweist außerdem auf drängende Personalfragen: Bestehende

Lehrstühle brauchten bald Nachfolger und müssten attraktiver

für Bewerber werden.

Den Lehrstuhl für Akustik, beispielsweise, besetze mit dem

Physiker Eberhard Meinel bislang eine Koryphäe. Das sei jedoch

nur eine Teilzeitstelle und der Professor inzwischen 69 Jahre alt,

sagt Weller. Es gäbe zwar geeignete Nachfolger. „Aber die lockt

man nicht aus einer Großstadt von ihrer W3- auf eine W2-Professur

in die Provinz.“

Doch man staunt, wer alles im Musikwinkel landet und glücklich

wird, „hier am Ende der Welt“, wie ihn ein Gesprächspartner

nennt. In der Blechblasinstrumentenfabrik B&S im Gewerbegebiet

von Markneukirchen sitzen jedenfalls um einen runden Tisch: ein

Badener, ein Hesse und ein Franzose, allesamt Chefs.


Man staunt, wer alles hier am

Ende der Welt im

Musikwinkel landet und

glücklich wird.


Patrick Roecklin stammt aus dem Elsass und ist Geschäftsführer

der Buffet Crampon Deutschland GmbH, dem größten Ableger

der französischen Buffet Group, eines weltweit agierenden Blasinstrumentenherstellers.

In Markneukirchen, dem deutschen

Hauptsitz, bauen 220 Mitarbeiter in zwei Werken nahezu alle

Arten von Holzblas- und Blechblasinstrumenten, die man sich

denken kann, abgesehen mal von Blockflöten.

Roecklin kam 2002 das erste Mal in die Stadt, damals noch

als Berater für Prozessoptimierung. Später wurde er Interimsmanager,

schließlich Direktor. Inzwischen ist er Vizepräsident

des Mutterkonzerns. „Aber erst, als ich mir 2009 hier ein Haus

gekauft habe, glaubten die Leute, dass es ,die Franzosen‘ ernst

meinen und bleiben“, erzählt er.

So kurz nach der bedrohlichen Auftragsflaute, ausgelöst

durch die Bankenkrise 2008, war das mehr als nur ein Zeichen.

Als die Buffet Group 2012 noch B&S aufkaufte, die ehemalige

VEB Blechblas- und Signalinstrumentenfabrik, begriff auch der

letzte Vogtländer, dass die Industrie nicht stirbt, sondern womöglich

sogar wieder aufblüht.

Heute vereint die Buffet Group unter ihrem Dach Marken,

die für Profimusiker weltweit einen guten Klang haben, darunter

Besson, Hans Hoyer, Melton Meinl Weston. Außerdem die

Markneukirchener Spezialisten für Klarinetten, Schreiber, sowie

die für Trompeten, Scherzer, die zum Beispiel Ludwig Güttler

spielt, der berühmte Trompeter. Ihre hochwertigen Saxofone hingegen

tragen das Label „Julius Keilwerth“, das besonders im Jazz

gefragt ist.

Sie stammen aus unterschiedlichen Regionen, ziehen als

B&S-Chefs aber an einem Strang: Jochen Keilwerth (ganz links),

Patrick Roecklin und Carsten Göpf (ganz rechts),

hier mit zwei von insgesamt 220 Mitarbeitern in den beiden

Werkhallen am Firmenstandort Markneukirchen.

Sachsen - Machen

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Sachsen // Vollenden

In diesem Namen fokussieren sich viele Umbrüche der Geschichte

des Musikwinkels: Jochen Keilwerth gründete 1925 seine

Saxofon-Manufaktur in Graslitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg

musste er als Sudetendeutscher die Stadt im heutigen Tschechien

verlassen und baute seine Produktion in Nauheim neu auf. Der

Ort im Hessischen wurde, neben Geretsried und Bubenreuth in

Bayern, zur Heimat für die in den Westen abgewanderte Musikinstrumentenindustrie

des Vogtlands.

Schon bald nach der Wende aber zog es Keilwerths Nachfahren

zurück in den Osten, in die Nähe der eigenen Wurzeln,

nach Markneukirchen. Der Grund, da redet der Hesse am runden

Tisch nicht groß drum herum, war das Lohngefälle: „Die Facharbeiter

verdienten hier Anfang der Neunzigerjahre gerade die

Hälfte von denen in Nauheim“, sagt der Mann: Es ist Jochen

Keilwerth, Enkel des Firmengründers und heute Finanzchef bei

Buffet Crampon Deutschland, die die Marke übernommen hat.

Massenware in Handarbeit

Der Mann aus dem Badischen, der Jüngste aus der Führungsriege,

ist Carsten Göpf. Der 38-Jährige hat das Bauen von Blechblasinstrumenten

von der Pike auf gelernt, bei Wenzel Meinl in Geretsried

bei München, einer Firma, die Anteilseigner der Buffet

Group ist. Meinls Vorfahren lebten, klar: im Musikwinkel. Sie

führten bis zum Krieg einen Großhandel in Klingenthal.

Carsten Göpf wechselte nach Markneukirchen, arbeitete

sich durch Learning by Doing und als Roecklins Protegé zum

Werksleiter empor und gründete mit einer Architektin aus der

Stadt eine Familie. Er führt durch den Betrieb B&S, der trotz

DDR-Planwirtschaft und mancher Verkäufe und Wirtschaftskrisen

auch in der Zeit danach nicht unterzukriegen war. Allerdings

musste die Belegschaft bei der letzten Übernahme durch „die

Franzosen“ von 300 auf 160 schrumpfen.

Blechblasinstrumente zu bauen, so lernt man in den Hallen,

ist laut – und filigran wird es erst am Ende. Zunächst muss derb

auf einem Stück gefalztem Metall herumgedroschen werden, damit

daraus zum Beispiel der Hauptzug eines Horns werden kann.

Man sieht Männer und Frauen an Werkbänken, Schraubstöcken,

Öfen, Pressen, Fräsen aus schnöden Messingblechrollen Kunstwerke

biegen, schlagen, dengeln, klopfen, schmieden, löten, hämmern,

walzen, drehen, schrauben, montieren, die man erst nach

ungefähr der Hälfte der Arbeit als Teilstücke einer Trompete, einer

Posaune oder eines Saxofons erkennt. Ein Meister seines Fachs

muss hier von vielem etwas sein: Schmied, Werkzeugmacher,

Gießer, Dreher, Monteur, Maschinenbauer, Feinmechaniker und

zumindest ein bisschen: Gestalter.

Zwar gibt es eine CNC-Maschine, die ein paar wenige

Bestandteile einiger der Großserien dreht und fräst. Aber verblüffend

ist, wie viel – teils schwere, teils knifflige – Handarbeit selbst

in der Massenware steckt, die sie bei B&S neben Maßanfertigungen

und exklusiven Kleinserien fabrizieren und damit der Billigkonkurrenz

aus China trotzen können. Roecklin sagt, warum:

„Unsere Produkte gehen nicht so schnell kaputt.“

Aus bis zu 150 Einzelteilen und mindestens so vielen Arbeitsschritten

entsteht eine Trompete. Erst am Ende werden die Stücke

auf Hochglanz gebracht, galvanisiert, poliert, lackiert. Die

Sonderanfertigung einer Tuba nach Kundenwünschen kann bis

zu 20 000 Euro kosten, eine Trompete für den Hobby-Musiker

liegt im Handel bei 1600 Euro.

Kostbarkeiten für die Welt

Die teure Galvanisierungsanlage, die den Blasinstrumenten ihre

einheitliche Metallbeschichtung verpasst, meist in Gold, lasten

sie auch mit Aufträgen für Fremdfirmen aus. Und als einem Konkurrenten

im Ort dessen Anlage abgebrannt war, halfen sie mit

ihrer aus. Anders sei es hier nicht denkbar, sagt Roecklin, der

assimilierte Franzose: Die Branche sei klein, jeder kennt jeden.

Manchmal, erzählt der Chef, kämen Schulabgänger zu ihnen

mit der Haltung: Wenn sonst nichts klappt, kannst du immer

noch Instrumentenbauer werden. Er sagt: „Und dann sehen sie,

dass man sich doch die Finger schmutzig machen muss und lassen

es bleiben.“

Sie versuchen gegenzusteuern, natürlich, wollen den Beruf

herausstellen als das, was er ist, ein besonderer nämlich und alles

andere als x-beliebig. Sie möchten sich Lehrlinge mit guten Noten

aussuchen können und gern solche haben, die bleiben. Sie

bieten verlässliche Löhne, familientaugliche Arbeitszeiten. „Aber

es ist nicht leicht, gute junge Leute zu finden“, gesteht Roecklin.

Nachdem Carsten Göpf alle Arbeitsschritte gezeigt hat, wirft

er zum Schluss noch einen Blick in die Qualitätskontrolle, wo im

Moment Klarinetten zum „Fortschicken“ bereitliegen. Jede funkelt

und glänzt wie eine Kostbarkeit. Der Rückweg zum Ausgang

führt noch mal an den Werkbänken vorbei, an denen Facharbeiter

Bleche zu Rohren hämmern, durch die eines Tages einmal die

Luft eines Bläsers sausen und einen klaren Ton erzeugen soll.

Wie laut das hier ist! So laut, dass man sich am liebsten Stöpsel

in die Ohren stecken würde, so wie es die Arbeiter tun.

Aber nein, irgendwie klingt dieser Lärm auch gut. Er beweist

nachdrücklich, dass ein Kulturerbe tatsächlich lebendig sein kann.

Das Hämmern ist wie der Herzschlag dieser Region, die man

doch den Musikwinkel Deutschlands nennt. Jetzt ist er zu hören.

Und wie.

Wohl bekomm’s!

1002 Jahre sind seit der ersten urkundlichen Erwähnung von sächsischem Bier

vergangen. Dichter und Denker würdigten die lokale Braukunst – und der Erfolg

gibt ihnen recht: Heute ist Sachsen drittgrößter Bierhersteller Deutschlands.

135

… Liter Bier

trinkt jeder

Sachse durchschnittlich

pro Jahr.

200

… Hektoliter Bier pro Kopf sind

2015 in Sachsen gebraut

worden – mehr als in jedem

anderen Bundesland.

Der bundesweite Pro-Kopf-

Verbrauch liegt bei 106 Liter

pro Jahr.

85 000

… Tonnen Braugerste wurden

2016 in Sachsen gewonnen.

Die Anbaufläche beträgt zirka

23 300 Hektar.

Bierabsatz in Sachsen

(in Millionen Hektolitern)

7,9

2013

8,2

2014

8,5

2015

1892

… erhielt der Dresdner Robert

Sputh das Patent zur Herstellung

von Faserguss-Untersetzern. Er

goss einen Papierbrei in Formen

und ließ sie über Nacht trocknen.

Der Bierdeckel, wie wir ihn heute

kennen, war geboren.

59

… Braustätten gibt es in

Sachsen. Insgesamt sind es in

Deutschland 1339,

davon allein 630 in Bayern.

310

… Biermarken produzieren die

sächsischen Brauereien.

Die Auswahl reicht von Pilsner

und Exportbier über Helles

und Schwarzbier bis zu Bock-,

Diät- und Weizenbier. Seit 2007

gibt es mit Simcha sogar ein

koscheres Pils aus Sachsen.

130


Sachsen - Machen

WIR ERFINDEN NICHT STÄNDIG

DAS RAD NEU. ABER DAS LICHT.

ERFINDERGEIST HAT IN SACHSEN TRADITION. Wir investieren

in Innovationen. Zum Beispiel in die Entwicklung energieeffizienter

organischer Leuchtdioden, die deutlich weniger Wärme entwickeln

als klassische LEDs. Mit fast 40 Unternehmen und 20 Forschungseinrichtungen

ist Sachsen heute das größte europäische Cluster der

organischen Elektronik.

Mehr dazu unter www.so-geht-sächsisch.de

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