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Martin Luther: Vom unfreien Willen

Luthers berühmte Widerlegung der Lehre von der freien Willensentscheidung, Paperback, 341 Seiten, Betanien Verlag -- Luthers Schrift Vom unfreien Willen behandelt die zentralen Anliegen der Reformation. Ausgangspunkt ist die alte Frage, ob der Mensch von Natur aus Entscheidungsfreiheit habe, oder ob sein Wille an eine höhere Macht gebunden ist. In seiner Argumentation dringt Luther zu den Kernthemen des Evangeliums vor. Mit großer Geisteskraft und biblischer Kompetenz widerlegt Luther hier die katholisch-philosophische Fehleinschätzung des Humanisten Erasmus, dass der Mensch einen freien Willen habe. Dabei entfaltet er die reformatorischen Lehren von der Rechtfertigung aus Glauben und von der Vorherbestimmung Gottes. Nirgends kommt man Luthers grundlegendem Denken – das er vor allem von Paulus aus dem Römer- und Galaterbrief aufgesogen hat – und den Kerngedanken der Reformation näher als in Vom unfreien Willen.

Luthers berühmte Widerlegung der Lehre von der freien Willensentscheidung, Paperback, 341 Seiten, Betanien Verlag
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Luthers Schrift Vom unfreien Willen behandelt die zentralen Anliegen der Reformation. Ausgangspunkt ist die alte Frage, ob der Mensch von Natur aus Entscheidungsfreiheit habe, oder ob sein Wille an eine höhere Macht gebunden ist. In seiner Argumentation dringt Luther zu den Kernthemen des Evangeliums vor.

Mit großer Geisteskraft und biblischer Kompetenz widerlegt Luther hier die katholisch-philosophische Fehleinschätzung des Humanisten Erasmus, dass der Mensch einen freien Willen habe. Dabei entfaltet er die reformatorischen Lehren von der Rechtfertigung aus Glauben und von der Vorherbestimmung Gottes.

Nirgends kommt man Luthers grundlegendem Denken – das er vor allem von Paulus aus dem Römer- und Galaterbrief aufgesogen hat – und den Kerngedanken der Reformation näher als in Vom unfreien Willen.

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Martin Luther

Vom unfreien Willen


Martin Luther

Vom

unfreien

Willen


»Wer diese Schrift nicht aus der Hand legt mit der Erkenntnis,

dass die evangelische Theologie mit dieser Lehre vom unfreien

Willen steht und fällt, der hat sie umsonst gelesen«

Hans-Joachim Iwand,

in seiner Einleitung zur Münchener Ausgabe 1937

1. Auflage 2016

Originaltitel: De servo arbitrio (1525 bei Joh. Lufft, Wittenberg)

© dieser deutschen Ausgabe: Betanien Verlag 2016

Postfach 1457 · 33807 Oerlinghausen

www.betanien.de · info@betanien.de

Basis für diese Ausgabe lieferten folgende Übersetzungen:

Dr. Martin Luthers sämmtliche [sic] Schriften,

nach Johann Georg Walch (Hrsg.)

(Concordia Publishing House, St. Louis, Band 18, 1888)

Diese Übersetzung wurde durch Joachim Schmitsdorf gründlich

überarbeitet und für die erste Hälfte dieser Ausgabe verwendet.

Vom verknechteten Willen, Übersetzung von Otto Scheel

(Ergänzungsband II. der Braunschweiger Lutherausgabe, Berlin 1905)

Diese Übersetzung wurde bearbeitet von Hans-Werner Deppe und

Larissa Eliasch und für die zweite Hälfte dieser Ausgabe verwendet.

Cover: Sara Pieper

Satz: Betanien Verlag

Druck: Druckhaus Nord, Bremen

ISBN 978-3-945716-24-3


Inhalt

Vorwort zur Neuausgabe 7

1 Einleitung 11

2 Antwort auf das Vorwort der Diatribe 17

3 Antwort auf die Einleitung der Diatribe 74

4 Antwort auf Argumente aus dem Alten

Testament und den Apokryphen 110

5 Antwort auf Argumente aus dem Neuen

Testament 161

6 Antwort auf den Umgang mit Schriftstellen,

die gegen einen freien Willen sprechen 181

7 Antwort auf den Umgang mit den von Luther

angeführten Schriftstellen 241

8 Die biblische Lehre vom unfreien Willen 283

9 Fazit 339


Vorwort zur Neuausgabe

500 Jahre nach der Reformation haben sich die alten Fehlentwicklungen

von Kirche und Theologie in noch weit schlimmerer

Weise als damals im Denken bekennender Christen ausgebreitet.

Dazu zählt vor allem die humanistisch-katholische Selbstüberschätzung,

dass der Mensch von Natur aus die Fähigkeit habe,

sich mit seinem Willen Gott und dem Seelenheil zuzuwenden.

Schließlich sei im Sünder noch diese letzte gute Fähigkeit vorhanden.

Man meint, der Sünder sei zwar krank an Sünde, aber

nicht tot in Sünden. Martin Luther hingegen hatte die Radikalität

der Erlösungsbedürftigkeit des gefallenen Menschen klar verstanden

und legt sie kraftvoll dar wie sonst kein anderer.

Seine Schrift »Vom unfreien Willen« 1 ist seine Antwort auf

die Streitschrift »Diatribe vom freien Willen« 2 des Humanisten

Erasmus von Rotterdam, die Erasmus im September 1524 veröffentlichte.

Luthers Antwort erschien im Dezember 1525. Erasmus

vertritt die katholisch-humanistische Position, dass der Mensch

in Bezug auf sein Seelenheil einen freien Willen habe; Luther verteidigt

dagegen die reformatorisch-biblische Sicht, dass rettender

Glaube eine Wirkung allein der Gnade Gottes sei.

Dieses Werk Luthers zählt zu den bedeutendsten reformatorischen

Schriften überhaupt. Als man Luther vorschlug, seine

Schriften in einer Gesamtausgabe zu veröffentlichen, wies er das

weit von sich, wünschte, dass man lieber die Bibel studieren solle

und wollte am liebsten alle seine Bücher vergessen machen außer

zweien:

1 Originaltitel De Servo Arbitrio, alternative Übersetzung: »Vom geknechteten

Willensvermögen«.

2 Diatribe de libero arbitrio; im Folgenden stets kurz als »Diatribe« bezeichnet.

7


Vom unfreien Willen

Ich wünschte, dass sie (meine Schriften) alle verschlungen

würden. Denn ich erkenne keins als mein rechtes Werk an,

außer etwa das ›Vom unfreien Willen‹ und den Katechismus. 3

Das ist vielsagend, wenn man bedenkt, dass Luthers Gesamtwerk

in der Weimarer Ausgabe über 100 dicke Bände umfasst.

Luther hat hier zwar nicht wie sonst für ihn üblich dem »Volk

aufs Maul geschaut«, sondern als Gelehrter an Gelehrte geschrieben

– jedoch in seiner typisch kraftvollen Ausdrucksweise –, aber

dabei geht es nicht um spitzfindige Streitigkeiten unter Theologen,

sondern um die Grundlagen des christlichen Glaubens

schlechthin, die auf dem Spiel standen. Am Ende dieses Werkes

lobt Luther Erasmus dafür, dass er ihn nicht mit »jenen anderen

Dingen über das Papsttum, das Fegefeuer, den Ablass und Ähnlichem,

was mehr Lappalien als wirkliche Probleme sind« konfrontiert

habe, sondern mit »dem eigentlichen Kern der Sache«, dem

substantiellen Unterschied zwischen katholischem und evangelischem

Glauben; Erasmus habe »den Angelpunkt der Sache gesehen

und die Hauptsache selbst angegriffen«.

»Vom unfreien Willen« ist ein Musterbeispiel für eine Argumentation

allein auf Grundlage der Bibel. Luther legt zunächst

die Absolutheit biblischer Wahrheit und die Klarheit der Schrift

dar und verdeutlicht im weiteren Verlauf immer wieder das reformatorische

Prinzip »allein die Schrift« im Gegensatz zum philosophisch

durchtränkten und vom traditionsabhängigen Denken

seiner Zeitgenossen. In der Behandlung des Themas wird

die Rechtfertigung allein aus Gnade, allein durch Glauben, allein

durch Christus und allein zur Ehre Gottes deutlich. Diese fünf

»Allein« (lat. Sola) sind die grundlegenden Hauptwahrheiten des

Christentums und des Evangeliums, die durch die Reformation

wieder neu zur Geltung kamen. Der Lutherforscher Klaus

Schwarzwäller sagt über »Vom unfreien Willen«: »Keine Schrift

davor oder danach hat das Evangelium in solcher Konzentration

8

3 Kurt Aland: Luther Deutsch Band X, S. 262.


Vorwort zur Neuausgabe

und mit derart unausweichlichem Nachdruck zur Geltung gebracht.«

Sprachlich ist diese Schrift recht anspruchsvoll und zeugt

von großer Gelehrsamkeit. Die Verständlichkeit wird zudem etwas

dadurch erschwert, dass Luther Erasmus’ Diatribe sorgfältig

Stück für Stück abhandelt und dabei häufig daraus zitiert; nicht

immer ist auf den ersten Blick klar, an welchen Stellen es sich

um ein solches Zitat handelt. Außerdem verwendet Luther oft

die für ihn typische beißende Ironie. Wenn man sich ein wenig

an Luthers Stil gewöhnt hat, sollte die Lektüre aber keine Probleme

bereiten. Zitate aus der Diatribe sind in der Übersetzung

üblicherweise in Anführungszeichen gesetzt; eine indirekte, konjunktivische

Wiedergabe der Diatribe macht Luther gewöhnlich

durch seine Formulierung (»du schreibst / du behauptest …«)

deutlich. Hintergründe und spezielle Ausdrücke sind zudem in

vielen Fußnoten erklärt, die teils von uns erstellt, teils aus den

älteren Ausgaben übernommen wurden.

Diese Neuausgabe ist eine Überarbeitung früherer genauer

Übersetzungen aus dem Lateinischen. Die erste deutsche Übersetzung

durch Justus Jonas erschien bereits einen Monat nach

Veröffentlichung des Originals im Januar 1526 (sechs Nachdrucke

folgten noch im selben Jahr). Jonas hat aber sehr frei übersetzt

und nicht unbedingt den Wortlaut, sondern mehr den Sinn

Luthers wiedergegeben und mit eigenen Ergänzungen versehen.

Daher schien uns für eine Neuausgabe weder der Text von Justus

Jonas noch darauf beruhende Neuausgaben wie z. B. von Gogarten

(München 1924) geeignet. Die Basis für diese Neuausgabe

lieferte die wortgetreue Übersetzung in der Concordia-Ausgabe

der Luther-Werke 4 – die auf der Luther-Gesamtausgabe von Johann

Georg Walch aus dem 18. Jahrhundert beruht –, außerdem

die sehr genaue Übersetzung von Otto Scheel. 5 Hilfreich zur Be-

4 Band 18, St. Louis 1888, noch heute als Reprint erhältlich beim Verlag Lutherische

Buchhandlung Harms, Groß Oesingen.

5 Braunschweiger Lutherausgabe Ergänzungsband II, 1905.

9


Vom unfreien Willen

arbeitung der Übersetzung war auch die Lateinisch-Deutsche

Studienausgabe Band 1 6 mit einer sehr getreu übersetzten deutschen

Fassung, übersetzt von Athina Lexutt. Weitere berücksichtigte

Ausgaben sind die von Kurt Aland in »Luther Deutsch«

Band 3 (Stuttgart 1961; stark gekürzt) und die recht freie, prägnante

Übertragung von Otto Schumacher (Göttingen 1937).

Zur besseren Übersicht wurde das Buch von uns in Kapitel

und Abschnitte unterteilt. Diese Gliederung orientiert sich an

der englischen Ausgabe »The Bondage of the Will« von J. I. Packer

und O. R. Johnson (Grand Rapids 1957). Hinter den Abschnitts-Überschriften

sind in Klammern jeweils die entsprechenden

Seitenzahlen der maßgeblichen Weimarer Ausgabe

(WA) angegeben, was ein Auffinden im lateinischen Original

oder einen Vergleich mit anderen Übersetzungen erleichtert.

Luthers ursprünglicher Text ist äußerlich kaum gegliedert, folgt

aber einer stringenten inneren Ordnung. Die zahlreichen Bibelstellenangaben

im Text sind größtenteils ebenfalls nicht Bestandteil

von Luthers Originaltext. Ihre Ergänzung verdeutlicht, wie

schriftgebunden Luther argumentiert.

Wir wünschen und beten, dass viele Leser nicht nur intellektuell

Freude an diesem Werk finden, sondern ihnen die Grundwahrheiten

des Evangeliums ganz neu klar und lebendig werden:

Jesus Christus ist gestorben und auferstanden, nicht um kleine

Sünder ein wenig zu erlösen, sondern um völlig verdorbene Sünder

völlig zu erlösen und ganz neu zu machen. Dafür sei ihm

allein die Ehre – ihm, der diese Erlösung zum Preis seines kostbaren

Blutes erkauft hat, Gott dem Vater, der vor Ewigkeiten in

seiner Gnade diesen Ratschluss gefasst hat, und dem Heiligen

Geist, der die uns fehlende Kraft in der Bibel darreicht und im

Herzen der Gläubigen zur Wirkung kommen lässt.

Hans-Werner Deppe

10

6 Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2006.


Kapitel 1

Einleitung

(600-602)

Dem ehrwürdigen Herrn Erasmus aus Rotterdam wünscht Martin

Luther Gnade und Frieden in Christus.

Dass ich so spät auf deine Diatribe vom freien Willen 7 antworte,

ehrwürdiger Erasmus, geschah gegen die Erwartung aller

und gegen meine Gewohnheit – weiß man doch, dass ich

bisher solche Gelegenheiten zu schreiben nicht nur gerne ergriffen,

sondern sogar aus freien Stücken gesucht habe. Es mag sich

wohl mancher über diese neue und ungewöhnliche Geduld (oder

gar Furcht?) Luthers wundern, den nicht einmal die vielen prahlerischen

Reden und Schriften seiner Gegner dazu aufstacheln

konnten, die Erasmus zu seinem Sieg gratulierten und ihm ein

Triumphlied sangen: »Hat dieser Makkabäus, der so beharrlich

auf seiner Lehre bestand, endlich einen würdigen Gegner gefunden,

gegen den er nicht aufzumucken wagt?«

Das will ich jenen wahrhaftig nicht zum Vorwurf machen;

vielmehr gestehe sogar ich selbst dir den Siegespreis zu, den ich

zuvor niemandem zugestanden habe – übertriffst du mich doch

bei weitem in Redekunst und Geisteskraft. (Diesen Preis gestehen

wir alle dir mit Recht zu; wie viel mehr noch ich, der ich

schon immer als Barbar unter Barbaren wandelte. 8 ) Aber auch

deshalb gebührt dir der Siegespreis, weil du meinen Angriffsdrang

gehemmt und mich schon vor dem Kampf ermattet hast,

und zwar auf zweierlei Weise: Zuerst einmal durch die Kunst,

7 Die »Abhandlung über den freien Willen«, lat. Diatribe de libero arbitrio.

Nachfolgend durchgehend einfach als Diatribe bezeichnet.

8 Das heißt als völlig Unzivilisierter oder Ungebildeter. Das ist natürlich eine

gewaltige selbstironische Übertreibung. Da Luther allerdings nicht die

humanistische Bildung eines Erasmus hatte, verachtete Erasmus ihn jedoch

tatsächlich als »Barbar«.

11


Vom unfreien Willen · Kapitel 1

dass du diese Sache, in der du mir entgegentrittst, mit so wunderbarer

und beständiger Zurückhaltung behandelt hast, dass es

mich unmöglich gegen dich aufreizen konnte. Zum Zweiten (sei

es Zufall, Schicksal oder Glück), weil du in einer so großen Sache

wie dieser nichts sagst, was nicht schon gesagt wurde, und sogar

noch weniger sagst und dem freien Willen mehr zuschreibst, als

die Sophisten 9 ihm bisher zugeschrieben haben; darüber werde

ich später noch mehr sagen.

So schien es mir denn auch ganz überflüssig, auf deine nichtigen

Argumente zu antworten, habe ich sie doch schon so oft

widerlegt. Wahrhaftig niedergetreten und geradezu vernichtet

aber hat sie Philipp Melanchthon in seinem unüberwindlichen

Büchlein Loci communes, 10 das nach meinem Urteil nicht

nur der Unsterblichkeit würdig ist, sondern auch, in der Kirche

als Richtschnur zu gelten. Verglichen damit erscheint mir

dein Büchlein als solcher Schmutz und Unrat, dass mich großes

Mitleid mit dir ergriff, der du deine wunderschöne und geistreiche

Redegabe mit solchem Schmutz besudelt hast. So wurde

ich denn über diese Sache ungehalten, die gänzlich unwürdig

ist, im Schmuck solch glänzender Redekunst vorgetragen zu

werden – als ob man Abfall oder Mist in goldenen oder silbernen

Gefäßen auftrüge. Das scheinst du auch selbst verspürt

zu haben, da du dich so schwer damit getan hast, über diese

Sache zu schreiben. Denn dein Gewissen hat dich gewarnt, es

werde so kommen, dass du meine Augen nicht blenden könntest,

mit welch großer Beredsamkeit du die Sache auch angehen

magst; und sei erst der Wortschmuck entfernt, so würde ich

ganz deutlich erkennen, was für ein Dreck 11 es in Wahrheit ist.

9 Als »Sophisten« bezeichnet Luther (wie auch Erasmus in seiner Diatribe)

durchgehend und im abschätzigen Sinn die Vertreter der kirchlichen Scholastik,

nicht etwa die gleichnamige antike griechische Philosophenschule.

10 Locci communes rerum theologicarum, etwa »Allgemeine Grundbegriffe der

Theologie«), quasi die erste protestantische Dogmatik.

11 Lateinisch »feces«, was sowohl Hefen oder Bodensatz in Wein und Bier bezeichnen

kann, aber auch Kot oder Fäkalien (hier wohl eher im letzteren

12


Einleitung

Denn »wenn ich auch der Rede unkundig bin, so bin ich doch«

– durch Gottes Gnade – »nicht unkundig in der Erkenntnis«

(2Kor 11,6). So wage ich denn mit Paulus, mir die Erkenntnis

zuzusprechen und sie dir zuversichtlich abzusprechen, wiewohl

ich dir Beredsamkeit und Geisteskraft zubillige und sie mir willig

und billig abspreche.

Demnach dachte ich mir: Wenn es Leute gibt, die unsere

Lehre, die wir so fest und gewaltig aufgrund der Schrift verteidigt

haben, nicht besser erfasst haben und nicht stark genug festhalten,

als dass die geringfügigen und nichtigen Argumente des

Erasmus sie schon umwerfen, dann sind sie nicht wert, dass ihnen

durch meine Antwort geholfen werde. Denn für solche Leute

könnte man nie genug reden oder schreiben, selbst dann nicht,

wenn man Abertausende von Büchern tausendmal wiederholte.

Denn das wäre, als wolle man den Meeresstrand pflügen, in der

Wüste säen oder ein löchriges Fass mit Wasser füllen. Denn denen,

die sich in unseren Büchern den Heiligen Geist zum Lehrer

genommen haben, haben wir mehr als genug gedient; und sie

werden das, was du vorbringst, mit Leichtigkeit verachten. Über

die aber, die es ohne den Geist lesen, braucht man sich nicht

wundern, wenn sie von jedem Wind wie ein Schilfrohr bewegt

werden. Denen könnte sogar Gott nicht genug sagen, selbst wenn

er allen Kreaturen gäbe, sprechen zu können.

Darum hätte ich beinahe beabsichtigt, die fahren zu lassen,

die über dein Büchlein zu Fall gekommen sind, samt denen, die

es rühmen und dir den Triumph zuerkennen. Doch nicht, dass

ich zu beschäftigt gewesen wäre, die Sache zu schwierig, du allzu

beredt oder ich dich gefürchtet hätte, nahm mir die Lust, dir zu

antworten, sondern allein der Ekel, der Unwille und die Verachtung,

die ich – um mein Urteil offen auszusprechen – über deine

Diatribe empfinde. Indessen will ich davon schweigen, dass du,

wie es deine Art ist, ganz beharrlich darauf aus bist, vage und

zweideutig zu reden, und meinst, vorsichtiger als Odysseus zwi-

Sinne gemeint; vgl. oben »Schmutz und Unrat«, »Abfall oder Mist«).

13


Vom unfreien Willen · Kapitel 1

schen Skylla und Charybdis zu segeln. 12 Da du nichts fest behaupten

willst, umgekehrt aber als jemand gelten willst, der etwas fest

behauptet: Wem, frage ich dich, kann man wohl einen solchen

Menschen gleichsetzen, womit ihn vergleichen, es sei denn, man

versteht, den Proteus zu fangen? 13 Was ich hierin vermag und was

es dir geholfen hat, will ich nachher mit Christi Hilfe zeigen.

Dass ich jetzt dennoch antworte, geschieht nicht ohne guten

Grund; drängen mich doch treue Brüder in Christus dazu

und halten mir entgegen, dass alle es erwarten, weil das große

Ansehen des Erasmus nicht zu verachten und die Wahrheit der

christlichen Lehre in den Herzen vieler in Gefahr sei. Zuletzt

allerdings bin auch ich auf den Gedanken gekommen, dass mein

Schweigen durchaus nicht Gott wohlgefällig war; sondern die

Klugheit oder vielmehr die Bosheit meines Fleisches hat mich

dazu verführt, sodass ich meiner Amtspflicht nicht gerecht wurde,

nach welcher ich »ein Schuldner der Weisen wie auch der

Unverständigen bin« (Röm 1,14), zumal mich die Bitten so vieler

Brüder dazu aufrufen.

Denn unsere Sache ist zwar durchaus von der Art, dass ein

nur äußerlicher Lehrer ihr nicht genügt, sondern dass sie neben

12 Sprichwörtlich für den Versuch, eine Situation möglichst unbeschadet zu

überstehen, in der man nur die Wahl zwischen zwei Übeln hat. Die alten

Griechen personifizierten mit den mythischen Meeresungeheuern Skylla

und Charybdis die Gefahren für damalige Seefahrer bei der Passage durch

die Straße von Messina, der Meerenge zwischen Sizilien und dem italienischen

Festland. Dort herrschen starke Strömungen und widrige Winde vor;

die Küste beiderseits ist über weite Strecken von Steilklippen geprägt. Hielt

man von der einen Seite genug Sicherheitsabstand, drohte man der anderen

zu nahe zu kommen und Schiffbruch zu erleiden.

13 In der griechischen Mythologie war der Meeresgott Proteus ein Seher, der

sein Wissen nur ungern preisgab. Dazu war er aber gezwungen, wenn man

ihn ergreifen und fesseln konnte. Um sich dem zu entziehen, wandelte er

vielfach seine Gestalt. Dem, so Luther, gleiche Erasmus: Er winde sich mit

mehrdeutigen Worten, um eine klare Stellungnahme zu vermeiden, sodass

man ihn nur schwer zu fassen bekomme. Ein ähnlicher Ausspruch Luthers

lautet: »Erasmus ist ein Aal. Niemand kann ihn ergreifen als Christus allein«

(vgl. die Weimarer Ausgabe, Tischreden Bd. 1, S. 55, Nr. 131).

14


Einleitung

dem, der äußerlich pflanzt und begießt, auch den Geist Gottes

erfordert, der das Wachstum geben und das Lebendige lebendig

innerlich lehren muss (dieser Gedanke drängte sich mir auf); jedoch

hätte ich, weil dieser Geist frei ist und nicht dort weht, wo

wir wollen, sondern wo er will, mich nach der Regel des Paulus

richten sollen: »Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder

zur Unzeit« (2Tim 4,2), denn wir wissen nicht, zu welcher Stunde

der Herr kommt (Mt 24,42).

Nun mag es ja Leute geben, die noch nicht erkannt haben,

dass der Heilige Geist der Lehrer in meinen Schriften ist, und die

durch die Diatribe niedergestreckt sind; vielleicht ist ihre Stunde

noch nicht gekommen. Und wer weiß, ob es Gott nicht beliebt,

auch dich, bester Erasmus, durch mich elendes und zerbrechliches

Gefäß heimzusuchen, sodass ich zu glücklicher Stunde mit

diesem Büchlein zu dir kommen und einen gar teuren Bruder gewinnen

möge. Darum bitte ich von Herzen den Vater der Barmherzigkeit

durch Jesus Christus, unseren Herrn. Denn wenn du

auch schlecht vom freien Willen denkst und schreibst, so bin ich

dir doch nicht geringen Dank dafür schuldig, dass du mich in

meiner Meinung noch weit mehr bestärkt hast, als ich sah, wie

ein solcher und so großer Mann die Sache des freien Willens mit

aller Macht vorantrieb und doch gar nichts ausgerichtet wurde,

sodass es jetzt um die Sache schlechter steht als zuvor. Das ist ein

handgreiflicher Beweis dafür, dass der freie Wille nichts als eine

Lüge ist, der es wie jener Frau im Evangelium ergeht (Lk 8,43): Je

mehr die Ärzte sie behandeln, desto schlimmer wird es.

Darum werde ich dir noch viel dankbarer sein, wenn du

durch mich zu größerer Gewissheit gelangst, so wie ich durch

dich weit mehr gefestigt wurde; aber beides ist eine Gabe des

Heiligen Geistes und kein Werk, das wir tun könnten. Deshalb

muss Gott gebeten werden, dass er mir den Mund öffne, dir aber

und allen das Herz, und er selbst als Lehrer mitten unter uns sei,

der unter uns rede und auf den man höre. Das aber, lieber Erasmus,

lass mich von dir erlangen: So, wie ich dir deine Unwissenheit

in diesen Dingen nachsehe, so mögest auch du wiederum

15


Vom unfreien Willen · Kapitel 1

mir mein kindliches Lallen nachsehen. Weder gibt Gott einem

alles, noch können wir alle alles, sondern wie Paulus sagt: »Es

sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist« (1Kor 12,4). Also

bleibt nur der Schluss, dass die Gaben einander dienen und einer

mit seiner Gabe des anderen Last und Mangel trage; so werden

wir das Gesetz Christi erfüllen (Gal 6,2).

16


Kapitel 2

Antwort auf das Vorwort

der Diatribe

1.) Die Notwendigkeit von fester Behauptung

(assertio) im Christentum (603-605)

Zu Beginn will ich einige Hauptpunkte deines Vorworts kurz

durchgehen, in denen du unsere Sache ziemlich herabsetzt und

deine Sache schönfärbst. Zuerst: Wie auch in anderen Schriften

tadelst du an mir, dass ich beharrlich feste Behauptungen aufstelle.

So sagst du in diesem Büchlein: »Und so groß ist mein

Missvergnügen an festen Behauptungen, dass ich unbedenklich

mich der Ansicht der Skeptiker anzuschließen pflege, wo immer

es die unverletzliche Autorität der Heiligen Schrift und die Entscheidungen

der Kirche erlauben, denen ich mein Urteil in allen

Stücken gern unterordne, einerlei, ob ich ihre Anordnungen verstehe

oder nicht« – und ein solcher Wesenszug gefalle dir.

Dies fasse ich (wie es billig ist) so auf, dass du es wohlwollend

meinst, und zwar als jemand, der den Frieden liebt. Hätte es aber

ein anderer gesagt, so würde ich ihn nach meiner Gewohnheit

energisch angreifen. Aber ich darf auch nicht dulden, dass du

in dieser Meinung irrst, wenn auch in bester Absicht. Denn das

ist kein christlicher Wesenszug, wenn einem feste Behauptungen

missfallen; vielmehr muss man an festen Behauptungen Gefallen

haben, oder man kann kein Christ sein. Eine feste Behauptung

[assertio] 14 aber nenne ich (damit wir nicht mit Worten spielen),

14 Assertio omnium articulorum M. Lutheri per Bullam Leonis X. novissimam

damnatum (»Bekräftigung [oder »Verteidigung«, »feste Behauptung«] al-

17


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

wenn man einer Sache beständig anhängt, sie bekräftigt, bekennt,

verteidigt und unerschütterlich darin verharrt; und etwas

anderes, glaube ich, bedeutet dieses Wort auch weder bei den

Lateinern noch im Sprachgebrauch unserer Zeit.

Ferner rede ich davon, dass man fest bei den Dingen bleiben

muss, die Gott uns in den Heiligen Schriften überliefert hat.

Sonst hätten wir weder Erasmus noch irgendeinen anderen Lehrer

nötig, der uns erst lehren müsste, dass feste Behauptungen

in zweifelhaften, unnützen oder unnötigen Dingen sowie Zank

und Streit darüber nicht nur töricht, sondern auch gottlos sind,

was Paulus an vielen Stellen verdammt. Auch du, glaube ich, redest

an dieser Stelle nicht von solchen Dingen – es sei denn, dass

du dir nach der Weise eines lächerlichen Redners vornimmst,

über eine Sache zu reden, dann aber etwas anderes behandelst,

oder dass du im Wahn eines gottlosen Schriftstellers dafür eintreten

wolltest, der Artikel vom freien Willen sei zweifelhaft oder

unnötig.

Fern von uns Christen seien die Skeptiker und Akademiker; 15

nahe aber seien uns die, die doppelt so stur wie selbst die Stoiker

auf einem festen Standpunkt beharren! Wie oft, frage ich

dich, fordert der Apostel Paulus jene Plerophorie [Glaubensgewissheit;

1Thes 1,5], das heißt, mit gutem Gewissen etwas aufs

Sicherste und Festeste zu behaupten? In Römer 10,10 nennt er es

ein Bekenntnis: »Wenn man mit dem Munde bekennt, so wird

man gerettet.« Und Christus sagt: »Wer nun mich bekennt vor

ler Artikel Martin Luthers, die durch die jüngste Bulle Leos X. verurteilt

wurden«) ist der lateinische Titel der Schrift, die Luther Anfang Januar 1521

veröffentlichte, um seine in der Bannandrohungsbulle des Papstes verurteilten

Lehrsätze zu verteidigen. Die deutsche Fassung der Assertio erschien zeitgleich

unter dem Titel Grund und Ursache aller Artikel D. Martin Luthers, so

durch die römische Bulle unrechtlich verdammt sind. Erasmus greift das Stichwort

assertio und verwandte Wörter in seiner Diatribe wiederholt auf; so auch

Luther hier.

15 Mit »Akademikern« sind die Nachfolger Platos gemeint, des Gründers der

»Akademie« genannten Philosophenschule von Athen.

18


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen

Vater« (Mt 10,32). Petrus befiehlt, dass wir Rechenschaft

geben sollen von der Hoffnung, die in uns ist (1Petr 3,15). Was

soll ich viele Worte machen? Nichts ist unter Christen bekannter

und gebräuchlicher als die feste Behauptung. Nimmst du die

feste Behauptung weg, so nimmst du den christlichen Glauben

weg. Ja, selbst der Heilige Geist ist vom Himmel gegeben, damit

man Christus verherrliche und bis in den Tod bekenne. Heißt

das denn nicht, etwas fest zu behaupten, wenn man wegen des

Bekenntnisses und der festen Behauptung stirbt? Zuletzt aber beharrt

auch der Heilige Geist so sehr auf seiner festen Meinung,

dass er von sich aus die Welt angreift und wegen der Sünde verklagt,

wie einer, der jemand zum Kampf auffordert. Und Paulus

befiehlt dem Timotheus, zu ermahnen und auch zur Unzeit für

das Wort einzutreten (2Tim 4,2). Das aber wäre mir ein feiner Ermahner,

der selber weder das fest glaubt noch stets dafür eintritt,

wozu er ermahnt! Den würde ich nach Antikyra schicken. 16

Aber ich bin ein großer Tor, dass ich für eine Sache, die klarer

ist als die Sonne, Zeit und Worte verschwende. Welcher Christ

würde das ertragen, dass feste Behauptungen zu verachten seien?

Das wäre nichts anderes, als allen Glauben insgesamt und die

Gottesfurcht zu leugnen, oder zu behaupten, Glaube und Frömmigkeit,

ja, jegliche Lehre [dogma] seien nichts. Warum also behauptest

auch du so fest, dass du an festen Behauptungen keinen

Gefallen hast und dass dir eine solche Haltung lieber sei als eine

andere?

Doch mit Recht gemahnt man mich, dass du hiermit nichts

über das Bekenntnis Christi und seine Lehre sagen willst. Und

ich will dir zu Gefallen von meinem Recht und meiner Gewohnheit

abstehen und nicht über dein Herz richten, sondern mir dies

für einen anderen Zeitpunkt vorbehalten oder es anderen überlassen.

Fürs Erste ermahne ich dich, deine Rede- und Schreib-

16 Eine Insel in der Ägäis, wo viel Nieswurz wuchs. Dieser Pflanze schrieb man

Heilkraft gegen Geisteskrankheiten zu.

19


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

weise zu verbessern und dich künftig solcher Worte zu enthalten;

denn wie rechtschaffen und aufrichtig dein Herz auch sein

mag, so doch nicht deine Rede, die zeigt, von welchem Wesen

das Herz ist, wie es heißt (Mt 12,34).

Denn wenn du meinst, man müsse nicht wissen, was es mit

dem freien Willen auf sich hat, und er habe mit Christus nichts

zu schaffen, so redest du recht, 17 hast aber eine gottlose Meinung.

Meinst du hingegen, es sei nötig, so redest du gottlos, 18 hast aber

die rechte Meinung. Aber selbst dann wäre es nicht angebracht

gewesen, von unnützen Behauptungen und Zänkereien so groß

zu klagen und zu übertreiben; denn was trägt das zur Sache bei?

Was aber willst du zu deinen eigenen Worten sagen, wo du

nicht bloß vom freien Willen sprichst, sondern allgemein von allen

Dogmen des Glaubens: »Wo immer es die unverletzliche Autorität

der Heiligen Schrift und die Entscheidungen der Kirche

erlauben«, würdest du dich »unbedenklich … der Ansicht der

Skeptiker« anschließen und hättest »Missvergnügen an festen Behauptungen«?

Welcher Proteus steckt doch in den Worten »unverletzliche

Autorität« und »Entscheidungen der Kirche«! Denn es sieht so

aus, als ob du die Schrift und die Kirche in hohen Ehren hältst,

und doch gibst du zu verstehen, du wünschst die Freiheit, ein

Skeptiker zu sein. Welcher Christ würde so reden? Wenn du das

über unnütze und gleichgültige Lehrsätze sagst, was bringst du

da Neues vor? Wer sollte hier nicht die Freiheit wünschen, etwas

skeptisch zu hinterfragen? Ja, welcher Christ macht von dieser

Freiheit tatsächlich nicht unumschränkt Gebrauch und verurteilt

die, die Sklaven und Gefangene irgendeiner Meinung sind?

Es sei denn (so klingen deine Worte fast), du hieltest die Christen

insgesamt für solche Leute, deren Lehrsätze unnütz sind, über

die sie törichterweise streiten und feste Standpunkte verfechten.

17 Das heißt, »sagst du das, was du denkst«.

18 Das heißt, »redest du anders, als du denkst«, und daher heuchlerisch = gottlos.

20


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

Wenn du aber von notwendigen Lehrsätzen redest, was könnte

man Gottloseres behaupten, als zu wünschen, man hätte die

Freiheit, hierin nichts Festes behaupten zu müssen? Ein Christ

redet vielmehr so: »Die Meinung der Skeptiker ist mir so sehr zuwider,

dass ich, wo immer nur angesichts der Schwachheit meines

Fleisches möglich, nicht nur beständig, überall und in allen

Stücken an der Heiligen Schrift festhalten und durch sie gefestigt

werden möchte; sondern auch in den Dingen, die nicht nötig

sind und außerhalb der Schrift liegen, möchte ich so gewiss wie

möglich sein.« Denn was ist elender als Ungewissheit?

Was sollen wir auch dazu sagen, dass du dem noch anfügst:

»denen ich mein Urteil in allen Stücken gern unterordne, einerlei,

ob ich ihre Anordnungen verstehe oder nicht«? Was sagst du da,

Erasmus? Genügt es nicht, den Verstand der Schrift unterzuordnen?

Ordnest du ihn auch den Entscheidungen der Kirche unter?

Was kann denn sie entscheiden, was nicht die Schrift entschieden

hat? Ferner: Wo bleibt die Freiheit und die Vollmacht, die

zu beurteilen, die solches entschieden haben? Wie Paulus sagt:

»Die anderen lasst urteilen« (1Kor 14,29). Gefällt es dir nicht, dass

jemand über die Lehrsätze der Kirche urteilt, was Paulus doch

befiehlt? Was ist das für eine neue Religion und Demut, dass du

uns die Vollmacht nimmst, Menschenlehren zu beurteilen, und

uns Menschen unterwirfst, ohne sie beurteilen zu dürfen? Wo

schreibt uns Gottes Wort das vor? Ferner: Welcher Christ schlägt

die Vorschriften der Schrift und der Kirche derart in den Wind,

dass er sagen mag: »Ob ich es begreife oder nicht, ist einerlei«?

Du unterwirfst dich, und dennoch liegt dir nichts daran, ob du

es begreifst oder auch nicht? Wahrhaftig sei der Christ verflucht,

der sich nicht sicher ist und nicht begreift, was ihm verordnet

ist! Denn wie kann er glauben, was er nicht begreift? Denn du

wirst das hier »begreifen« [assequi] nennen, was jemand sicher erfasst

hat und nicht nach der Weise der Skeptiker anzweifelt. Was

nämlich könnte ein Mensch an irgendeinem Geschöpf begreifen,

wenn begreifen dasselbe wäre, wie etwas vollkommen zu erkennen

und zu durchschauen? Denn dann wäre es auch unmöglich,

21


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

dass jemand etwas begreifen und zugleich nicht begreifen kann;

sondern wer nur irgendein Ding begriffen hätte, der hätte alle

Dinge begriffen, nämlich in Gott. Wer den nicht begreift, der

begreift auch nie einen Teil der Schöpfung.

Kurz gesagt: Deine Worte klingen so, als ob dir gar nichts

daran liegt, was wer auch immer glauben mag, wenn nur der

Weltfriede erhalten bleibt – als sei es erlaubt, wenn Leben, guter

Ruf, Vermögen und Gunst bei Menschen in Gefahr stehen, den

nachzuahmen, der da spricht: »Sagen die Leute ja, sage auch ich

ja; sagen sie nein, sage auch ich nein.« 19 Nach deinen Worten

scheinst du die christlichen Lehren für nichts Besseres zu halten

als für die der Philosophen und sonstige Menschenmeinungen.

Über diese zu zanken, zu streiten und sie fest zu behaupten,

sei überaus töricht, weil daraus nichts als Streit und Störung des

äußeren Friedens komme: »Was über uns steht, geht uns nichts

an.« 20 So willst du unseren Streit schlichten, indem du als Mittler

daherkommst, beide Seiten in der Schwebe hältst und uns überreden

willst, wir stritten über törichte und unnütze Dinge. Wie

ich schon sagte: So klingen deine Worte. Und ich glaube, lieber

Erasmus, du verstehst, was ich hier nur andeutungsweise sage.

Aber wie bereits erwähnt, will ich die Worte einstweilen übersehen

und dein Herz entschuldigen, sofern du dich nicht weiter

darüber auslässt, wie ich auch den Geist Gottes fürchte, der Herzen

und Nieren erforscht und sich durch geschickte Worte nicht

täuschen lässt.

Dies aber habe ich deswegen gesagt, damit du künftig aufhören

mögest, uns der Störrigkeit und Hartnäckigkeit zu beschuldigen.

Denn mit diesem Vorhaben tust du nichts anderes, als zu

offenbaren, dass du im Herzen den Lukian 21 oder ein anderes

19 Terenz, Der Eunuch, 2,2,21.

20 Ein Sokrates zugeschriebenes Sprichwort; vgl. Minucius Felix, Octavius

13,1.

21 Lukian von Samosata, ein griechisch-heidnischer Schriftsteller des zweiten

Jahrhunderts n.Chr., den Erasmus sehr schätzte und an den er sich in seiner

Satire Das Lob der Torheit (Erstausgabe Paris 1511) stark anlehnt.

22


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

»Schwein aus der Herde Epikurs« 22 nährst, der – weil er selbst

nicht glaubt, dass es einen Gott gibt 23 – heimlich alle die verlacht,

die das glauben und bekennen. So wollen wir nur feste »Behaupter«

sein, die eifrig etwas fest behaupten und Gefallen daran haben;

du aber halte es mit den Skeptikern und Akademikern, bis

Christus auch dich zum Heil berufe. Der Heilige Geist aber ist

kein Skeptiker und hat in unser Herz weder Zweifel noch bloße

Meinungen geschrieben, sondern feste Behauptungen, die gewisser

und fester sind als das Leben selbst und als alle Erfahrung.

2.) Ist die Heilige Schrift klar oder nicht?

(606-609)

Damit komme ich zum zweiten Hauptpunkt im Vorwort der Diatribe,

der hiermit zusammenhängt. Wo du christliche Lehrsätze

voneinander unterscheidest, erdichtest du, bei einigen sei es nötig,

sie zu wissen, bei anderen nicht; einige seien verborgen, sagst

du, andere deutlich. So treibst du entweder ein Spiel mit Worten

anderer, die dich betört haben, oder übst dich selbst in einem

Kunststück der Rhetorik. Du führst aber für diese Meinung den

Vers des Paulus an (Röm 11,33): »O welch eine Tiefe des Reichtums,

beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!« Ebenso

den Vers Jesajas (40,13): »Wer unterrichtet den Geist des Herrn,

und welcher Ratgeber unterweist ihn?« Das hast du leicht sagen

können, da du ja wusstest, dass du nicht an Luther schreibst,

sondern für die breite Masse. Oder du hast nicht daran gedacht,

gegen Luther zu schreiben, dem du doch (wie ich hoffe) zugestehst,

die Heilige Schrift einigermaßen erforscht zu haben und

beurteilen zu können. Wenn nicht: Was soll’s, dann werde ich es

dir schon abnötigen!

22 So wörtlich die Selbstbezeichnung des römischen Dichters Horaz (Episteln

1,4,16).

23 Epikur war Materialist.

23


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Damit auch ich ein wenig Rhetorik und Dialektik treibe –

so sieht es aus, wie ich die Dinge unterscheide: Gott und die

Heilige Schrift sind zwei verschiedene Dinge, nicht weniger als

der Schöpfer und die Schöpfung Gottes zwei verschiedene Dinge

sind. Niemand bezweifelt, dass in Gott vieles verborgen ist, was

wir nicht wissen; so sagt er selbst über den Jüngsten Tag: »Von

dem Tage aber weiß niemand, sondern allein mein Vater« (Mt

24,36; Mk 13,32), und: »Es gebührt euch nicht, zu wissen Zeit

oder Stunde« (Apg 1,7); und wiederum: »Ich weiß, welche ich

erwählt habe« (Joh 13,18); und Paulus sagt: »Der Herr kennt die

Seinen« (2Tim 2,19), und dergleichen.

Dass aber in der Heiligen Schrift uns einiges verborgen sei,

verkünden zwar die gottlosen Sophisten, mit deren Worten

auch du hier redest, Erasmus; aber sie haben noch keine einzige

Schriftstelle vorgezeigt noch vorzeigen können, durch die sie diesen

ihren Wahn bewiesen hätten. Durch solche Täuschung hat

der Teufel vom Lesen des göttlichen Wortes abgeschreckt und

die Heilige Schrift verächtlich gemacht, damit er seine verderblichen

Lehren aus der Philosophie in der Kirche zur Herrschaft

brächte.

Das freilich gestehe ich zu, dass viele Stellen in der Schrift

dunkel und verborgen sind – nicht weil ihr Inhalt zu erhaben wäre,

sondern weil wir die Vokabeln und die Grammatik nicht kennen;

aber das heißt durchaus nicht, dass wir deshalb gar nichts

in der Schrift erkennen könnten. Denn was könnte in der Schrift

sonst noch Erhabeneres verborgen sein, nachdem die Siegel an

der Tür des Grabes gebrochen sind, der Stein weggewälzt wurde

und jenes allerhöchste Geheimnis offenbart ist, dass Christus,

Gottes Sohn, Mensch geworden; dass Gott dreifaltig ist und

doch nur einer; und dass Christus für uns gelitten hat und ewig

herrschen wird? Ist das nicht wohlbekannt und wird überall besungen?

Nimm Christus aus der Schrift hinweg, was kannst du

dann noch in ihr finden?

Daher ist alles, was die Schrift enthält, deutlich offenbart,

mögen auch einzelne Stellen dunkel sein, weil die Worte noch

24


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

unbekannt sind. Wenn man aber weiß, dass alles in der Schrift

im hellsten Lichte steht, dann ist es töricht und gottlos, wegen

weniger dunkler Worte die Sache an sich für dunkel zu erklären.

Wenn die Worte an einer Stelle dunkel sind, so sind sie doch anderweitig

klar. Ein und dieselbe Sache aber, die der ganzen Welt

aufs Deutlichste dargelegt wurde, wird in der Schrift einmal

mit klaren Worten besagt, ein anderes Mal ist sie durch dunkle

Worte verborgen. So schadet es nicht, wenn eine Sache im Licht

ist, ob etwas an ihr dunkel ist, während doch vieles andere an

ihr deutlich ist. Wer wird schon sagen, ein öffentlicher Brunnen

sei verborgen, weil ihn die nicht sehen, die in einer Nebenstraße

sind? Sehen ihn doch alle, die auf dem Markt sind!

Darum ist nichtig, was du über die Höhle von Korykos anführst;

24 so steht es nicht mit der Schrift! Auch sind die erhabensten

und dunkelsten Geheimnisse nicht ferne und verborgen, sondern

in aller Öffentlichkeit vorgeführt und dargelegt (vgl. 5Mo

30,11-14). 25 Christus nämlich hat unseren Verstand erleuchtet, damit

wir die Schrift verstehen können. Auch ist »das Evangelium

aller Kreatur gepredigt« worden (Mk 16,15) und sein »Schall in

24 Erasmus schreibt dazu (Diatribe I a 7): »Es gibt nämlich in der Heiligen

Schrift gewisse allerheiligste [= unzugängliche] Stellen, in die wir nach

Gottes Willen nicht tiefer eindringen dürfen; und wenn wir es dennoch

wagen, umfängt uns immer mehr Dunkelheit, damit wir wohl so auch erkennen

mögen, dass Gottes Weisheit erhaben und unergründlich ist, der

menschliche Geist aber beschränkt. Es ist wie mit jener Höhle von Korykos,

über die Pomponius Mela berichtet: ›Zunächst übt sie einen gewissen

angenehmen Reiz aus, bis die immer tiefer Eingedrungenen schließlich ein

solches Grauen überfällt, dass die Majestät der dort wohnenden Gottheit sie

vertreibt.‹«

Die antike Stadt Korykos lag an der Küste Kilikiens und bestand bis

zum Ende des 15. Jahrhunderts; nahe ihrer Ruinen befindet sich das heutige

Kizkalesi.

25 Eben diese Bibelstelle zitiert Erasmus wörtlich (Diatribe I a 9) als Beleg für

»klare« Schriftstellen im Gegensatz zu vermeintlich dunklen; dabei macht

gerade hier der Kontext deutlich, dass das geoffenbarte Wort Gottes klar ist

und dunkel nur das, was Gott nicht offenbart hat (5Mo 29,28). Luther geht

nachfolgend darauf ein.

25


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

alle Lande ausgegangen« (Röm 10,18 zit. Ps 19,5); und alles, »was

geschrieben ist, ist uns zur Lehre geschrieben« (Röm 15,4), ebenso

2. Timotheus 3,16: »Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze

zur Lehre.«

Darum, du und alle Sophisten: Auf, nennt auch nur ein einziges

Geheimnis, das in der Schrift noch verborgen wäre! Dass

aber vielen vieles verborgen bleibt, kommt nicht daher, dass die

Schrift dunkel wäre, sondern von ihrer Blindheit und Gedankenlosigkeit,

weil sie sich nicht daran machen, die hellste Wahrheit

zu sehen, wie Paulus von den Juden sagt: »Die Decke hängt

vor ihrem Herzen« (2Kor 3,15); und wiederum: »Wenn aber unser

Evangelium doch verdeckt ist, so ist es nur bei denen verdeckt,

die verloren gehen, den Ungläubigen, bei denen der Gott dieser

Welt den Sinn verblendet hat« (2Kor 4,3-4). Mit derselben Dreistigkeit

könnte jemand die Sonne und den Tag der Finsternis bezichtigen,

der sich die Augen verhüllt oder vom Licht ins Dunkel

geht und sich verbirgt. Darum hört auf, ihr elenden Menschen,

mit gotteslästerlicher Verkehrtheit der mehr als klaren Schrift

Gottes die Finsternis und Dunkelheit anzulasten, die aus eurem

eigenen Herzen kommt!

Wenn du daher Paulus anführst, der spricht: »Wie unbegreiflich

sind seine Gerichte« (Röm 11,33), so scheinst du das Pronomen

»seine« auf die Schrift zu beziehen. Aber Paulus sagt nicht:

»unbegreiflich sind die Gerichte der Schrift«, sondern »Gottes«.

So sagt auch Jesaja 40,13 nicht: »Wer hat den Sinn der Schrift erkannt«,

sondern »den Sinn des Herrn«, obwohl Paulus behauptet,

dass den Christen der Sinn des Herrn bekannt sei – aber in

dem, was uns offenbart ist, wie er ebenda sagt (1Kor 2,16).

Du siehst also, wie unachtsam du diese Schriftstellen betrachtest,

die du als passend anführst – wie auch fast alles, was du

sonst noch für den freien Willen vorbringst. So sind auch deine

Beispiele nicht sachdienlich, die du nicht unverdächtig und

nicht ohne scharfen Stachel anfügst – wie die vom Unterschied

der Personen des dreieinigen Gottes, von der Vereinigung der

göttlichen und menschlichen Natur in Christus und von der un-

26


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

verzeihlichen Sünde [gegen den Heiligen Geist; Mt 12,31], deren

Zweideutigkeit, wie du sagst, noch nicht entschieden sei. Wenn

du dabei an die Fragen denkst, welche die Sophisten über diese

Dinge aufgeworfen haben, was hat dir denn die völlig unschuldige

Schrift getan, dass du ihrer Reinheit vorwirfst, dass verbrecherische

Menschen sie missbrauchen? Die Schrift offenbart schlicht

die Dreieinigkeit Gottes, die Menschheit Christi und die unverzeihliche

Sünde. Hier ist nichts dunkel oder zweideutig. Wie es

aber damit zugehe, sagt die Schrift nicht, wie du vorgibst, und

man muss es auch nicht wissen. Die Sophisten behandeln hier

ihre Träume; sie magst du verklagen und verdammen, die Schrift

aber sprich frei! Wenn du aber verstehst, wie die Sache an sich

beschaffen ist, so beschuldige wiederum nicht die Schrift, sondern

die Arianer und diejenigen, denen das Evangelium verhüllt

ist, sodass sie die klarsten Zeugnisse von der Dreieinigkeit Gottes

und der Menschheit Christi durch das Wirken Satans, ihres Gottes,

nicht erkennen.

Und dass ich es kurz sage: Die Klarheit der Schrift ist eine

zweifache, wie auch ihre Dunkelheit eine zweifache ist. Die eine,

die äußere, ist Sache des Dienstes am Wort, die andere Sache der

Herzenserkenntnis. Wenn du von der inneren Klarheit sprichst,

so versteht kein Mensch auch nur ein Jota in der Schrift, wenn

er Gottes Geist nicht hat; denn alle haben ein verfinstertes Herz,

sodass sie zwar alles sagen und vortragen können, was die Schrift

lehrt, und doch nichts davon vernehmen oder wahrhaft erkennen.

Auch glauben sie nicht, dass es Gott gibt und dass sie Geschöpfe

Gottes sind, noch irgendetwas anderes, wie Psalm 14,1

sagt: »Der Tor spricht in seinem Herzen: Es ist kein Gott!« Denn

der Heilige Geist ist nötig, um die ganze Schrift oder auch nur

irgendeinen Teil davon zu verstehen. Wenn du von der äußeren

Klarheit sprichst, so ist durchaus nichts dunkel oder zweifelhaft

geblieben, sondern alles ist durch das Wort an das hellste Licht

hervorgebracht und in der ganzen Welt kundgetan, was auch immer

in der Schrift enthalten ist.

27


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

3.) Ist es heilsam oder vorwitzig, Klarheit über den

freien Willen gewinnen zu wollen? (609-614)

Aber das ist noch unerträglicher, dass du diese Sache vom freien

Willen zu den Dingen zählst, die vorwitzig und überflüssig seien.

Stattdessen zählst du uns auf, was deiner Meinung nach für

die christliche Frömmigkeit genüge. Einen solchen Lebenswandel

könnte sicher leicht jeder Jude oder Heide vorweisen, der von

Christus ganz und gar nichts weiß; denn du erwähnst Christus

mit keinem einzigen Jota, als ob du der Meinung wärst, es könne

christliche Frömmigkeit auch ohne Christus geben, wenn man

nur dem von Natur grundgütigen Gott mit allen Kräften dient.

Was soll ich hierzu sagen, Erasmus? Lukian spricht ganz und gar

aus dir, und mir weht dein Hauch vom großen Rausch des Epikur

entgegen. 26 Wenn du diese Sache für Christen als nicht notwendig

erachtest, dann bitte ich dich: Tritt vom Kampfplatz ab;

du und wir haben nichts miteinander zu schaffen. Wir aber halten

diese Sache für notwendig.

Wenn es gottlos ist, wenn es vorwitzig ist, wenn es überflüssig

ist, wie du sagst, zu wissen, ob Gott zufällig im Voraus weiß, ob

etwas geschieht; ob unser Wille in den Dingen, die das ewige

Heil betreffen, irgendetwas bewirkt oder sich gegenüber der wirkenden

Gnade nur passiv verhält; ob wir alles Gute oder Böse,

das wir ausüben, zwingend notwendig tun oder es eher erleiden:

Was, frage ich, heißt dann noch gläubig zu sein? Was ist bedeutend?

Was nützlich zu wissen? Das taugt ganz und gar nichts,

Erasmus; das ist zu viel! 27

Es fällt schwer, dies dem zuzuschreiben, dass du es nicht

wüsstest. Weil du schon ein alter Mann bist und unter Christen

gelebt und lange über die Heilige Schrift nachgedacht hast, lässt

26 Epikur sah den Lebenssinn in der Lust. Er schränkte dies insofern ein, dass

man sich dabei mäßigen solle.

27 Tatsächlich im Original Deutsch: »Das ist zu viel« – hier sind Luther die einzigen

deutschen Worte im sonst lateinischen Text, entfahren.

28


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

du uns keinen Raum übrig, dich zu entschuldigen oder gut von

dir zu denken. Und doch verzeihen dir die Papisten diese Ungeheuerlichkeiten

und ertragen sie deshalb, weil du gegen Luther

schreibst; sonst aber, wenn Luther nicht wäre und du solche Dinge

schreiben würdest, würden sie dich zerfleischen. »Plato ist

mein Freund, Sokrates ist mein Freund – aber vor allem muss

man die Wahrheit ehren!« 28 Denn selbst wenn du die Schrift und

die christliche Frömmigkeit zu wenig kennen würdest: Das hätte

doch sicherlich selbst ein Feind der Christen wissen müssen, was

die Christen für notwendig und nützlich halten und was nicht!

Du aber bist ein Theologe und Lehrer der Christen, willst

ihnen eine Form des Christentums vorschreiben und zweifelst

nicht einmal nach deiner skeptischen Weise daran, was für sie

notwendig und nützlich sei, sondern verfällst ganz ins Gegenteil

und urteilst sogar, indem du ganz gegen deine Wesensart eine

unerhört feste Behauptung aufstellst: Das sei nicht notwendig.

Wenn das nicht notwendig und sicher zu erkennen ist, dann

bleibt weder Gott, noch Christus, noch das Evangelium, noch

der Glaube oder irgendetwas übrig, ja, noch nicht einmal etwas

vom Judentum, geschweige denn vom Christentum! Beim unsterblichen

Gott: Erasmus, welch großes Fenster, 29 ja welch großes

Feld tust du auf, gegen dich vorzugehen und zu schreiben!

Was könntest du wohl Gutes oder Richtiges vom freien Willen

schreiben, der du mit diesen deinen Worten eine so große Unkenntnis

der Schrift und des Glaubens offenbarst? Aber ich will

die Segel einziehen und hier nicht mit meinen Worten gegen

dich vorgehen (was ich vielleicht noch weiter unten tun werde),

sondern mit deinen eigenen Worten.

Die Form des Christentums, die du beschreibst, beinhaltet

unter anderem auch dies: Dass wir uns mit allen Kräften anstrengen

sollen, zum Mittel der Buße greifen und auf jede Wei-

28 Ein seit der Antike gebräuchliches, Aristoteles zugeschriebenes Sprichwort,

in verschiedenen Varianten überliefert.

29 Eine Anspielung auf Diatribe I a 10, weiter unten im Wortlaut zitiert.

29


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

se Gottes Barmherzigkeit zu erlangen suchen, ohne die weder

der menschliche Wille noch Bemühen etwas vermag. Ebenso

schreibst du, es dürfe niemand an der Gnade Gottes verzweifeln,

der von Natur aus grundgütig sei.

Diese deine Worte sind ohne Christus, ohne den Heiligen

Geist, ja, kälter als Eis, dass sogar die Schönheit deiner Redekunst

darunter leidet. Vielleicht hat ja die Furcht vor Päpsten

und Tyrannen dir armem Mann mit Mühe diese Worte abgepresst,

damit du nicht ganz und gar als Atheist erscheinst. Das

aber behaupten diese Worte dennoch: dass Kräfte in uns seien,

dass man sich mit allen Kräften anstrengen könne, dass es eine

Barmherzigkeit Gottes gebe, dass man sich auf verschiedene

Weise um Gottes Barmherzigkeit bemühen könne, dass Gott von

Natur aus gerecht sei, dass Gott von Natur aus grundgütig sei

usw. Wenn aber nun jemand nicht weiß, was das für Kräfte sind,

was sie vermögen, worin sie passiv sind, worum sie sich bemühen

können, was sie bewirken können und was nicht, was soll der

tun? Was willst du ihn zu tun lehren?

Gottlos sei es, wie du sagst, vorwitzig und überflüssig, wenn

man wissen will, ob unser Wille in Dingen, die das ewige Heil

betreffen, etwas bewirkt oder gegenüber der wirkenden Gnade

nur passiv ist. Hier aber sagst du das Gegenteil: Es sei christliche

Frömmigkeit, dass man sich mit allen Kräften anstrenge,

und ohne Gottes Barmherzigkeit könne der Wille nichts bewirken.

Hier behauptest du ganz deutlich, dass der Wille in den

Dingen, die das ewige Heil betreffen, etwas bewirkt – stellst du

ihn doch so dar, dass er sich um Gottes Barmherzigkeit bemüht.

Dann wieder sagst du umgekehrt, er sei passiv, weil er ohne Gottes

Barmherzigkeit nichts bewirken könne. Freilich erklärst du

nicht, wie weit dieses Wirken und diese Passivität zu verstehen

seien, und gibst dir Mühe, die Leute darin unwissend zu machen,

was die göttliche Barmherzigkeit vermöge und was unser Wille

vermöge – gerade durch das, was du darüber lehrst, was unser

Wille tue und was die Barmherzigkeit Gottes. So dreht deine

Klugheit sich im Kreis, nach der du beschlossen hast, keiner Par-

30


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

tei anzuhängen und zwischen Skylla und Charybdis sicher davonzukommen:

Auf hoher See wirst du von Fluten überschüttet

und verwirrt und behauptest alles fest, was du leugnest, und

leugnest, was du fest behauptest.

Ich will dir deine Theologie mit ein paar Gleichnissen vor Augen

stellen. Jemand will ein gutes Gedicht oder eine gute Rede

machen. Jedoch bedenkt und fragt er nicht, wie es um seine Begabung

steht (Was kann er und was nicht, und was verlangt der

Stoff, den er in Angriff nimmt?), und missachtet gänzlich jene

Mahnung des Horaz: »Wägt gründlich ab, was wohl die Schultern

tragen können und was zu schultern sie sich weigern!« 30 Vielmehr

geht er nur ungestüm ans Werk und denkt: »Die Sache

muss zustande kommen; zu fragen, wie es geschehen soll, ist vorwitzig

und überflüssig!« Oder jemand will von seinem Acker reiche

Frucht ernten, ist aber so vorwitzig, dass er es für überflüssig

hält, die Art des Bodens zu erkunden, wie Vergil in seinen Georgica

sorgfältig, 31 doch hier vergeblich lehrt. Stattdessen geht er

auf gut Glück ans Werk, denkt an nichts anderes als die Arbeit,

pflügt das Gestade und streut die Saat wohin auch immer, sei es

in den Sand oder den Schlamm.

Oder jemand will Krieg führen und einen herrlichen Sieg

erringen oder strebt irgendein Amt im Staate an, bedenkt aber

nicht sorgfältig, 32 was er vermag, ob die Staatskasse genug gefüllt

ist, die Soldaten bereit stehen, ob überhaupt genügend Truppen

da sind, und missachtet völlig, was jener Historiker schreibt:

»Ehe du handelst, beratschlage es; hast du es beraten, dann handle

sogleich!« 33 Stattdessen stürzt er sich hinein – die Augen blind,

die Ohren taub –, schreit nichts als: »Krieg, Krieg!«, und geht

ans Werk.

30 Ars poetica 39.

31 Im Lateinischen ein Wortspiel; für »vorwitzig« und »sorgfältig« steht jeweils

dasselbe mehrdeutige Wort curiosus.

32 Erneut dasselbe Wortspiel wie oben.

33 Sallust, De coniuratione Catilinae (»Die Verschwörung des Catilina«) 1,6.

31


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Ich frage dich, Erasmus: Wie würdest du wohl über solche

Dichter, Bauern, Feldherren und Fürsten urteilen? Ich will noch

das Wort aus dem Evangelium hinzufügen (Lk 14,28): »Denn

wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht

zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es

auszuführen?« Wie urteilt Christus wohl über einen solchen?

So schreibst auch du uns nur vor, was zu tun ist, verbietest

uns aber, zuvor zu prüfen und ermessen, was wir vermögen (was

wir tun können und was nicht), als ob dies vorwitzig, überflüssig

und gottlos wäre. Da du aus allzu großer Vorsicht den Vorwitz

verabscheust und Besonnenheit vorgibst, kommst du dahin, dass

auch du höchst Vorwitziges lehrst. Denn wenn auch die Sophisten

verwegen sind und wahrhaftig mit Wahn geschlagen, während

sie Vorwitz treiben, so sündigen sie damit doch nicht so

schlimm wie du, weil du sogar lehrst und gebietest, wahnsinnig

und vorwitzig zu handeln. Und damit der Wahn noch überströme,

willst du uns einreden, dieser Vorwitz sei die schönste christliche

Frömmigkeit, Besonnenheit, christlicher Ernst und diene

zum Heil. Wenn wir nicht so handelten, behauptest du, handelten

wir gottlos, vorwitzig und nichtig. So behauptest du fest,

der du doch ein so großer Feind fester Behauptungen bist! Und

so bist du gar fein der Skylla entronnen und hast zugleich die

Charybdis gemieden. Aber dazu treibt dich das Vertrauen auf

deine Gaben, der du glaubst, du könntest durch deine Beredsamkeit

alle anderen Verständigen täuschen, damit keiner bemerken

könne, was du im Schilde führst und was du mit deinen schlüpfrigen

Schriften vorhast. »Gott aber lässt sich nicht spotten« (Gal

6,7), und gegen ihn anzugehen ist nicht gut.

Ferner: Hättest du uns solchen Vorwitz gelehrt, wenn es um

die Dichtkunst, den Anbau von Früchten, den Krieg, die Amtsführung

oder den Hausbau ginge, so hätte man dir gegenüber

(obwohl auch das unerträglich wäre, zumal bei einem so großen

Mann) einige Nachsicht walten lassen können – zumindest vo

Seiten der Christen, die das Vergängliche geringschätzen. Aber

da du selber den Christen vorschreibst, vorwitzige Werke zu tun,

32


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

und ihnen verbietest, sorgfältig zu bedenken, wie sie ihr ewiges

Heil bewirken, so ist das durchaus eine wahrlich unverzeihliche

Sünde. Sie wissen nämlich nicht, was sie tun sollen, weil sie nicht

wissen, was und wie viel sie tun können; da sie aber nicht wissen,

was sie tun sollen, können sie (wenn sie irregehen) nicht Buße

tun; Unbußfertigkeit aber ist eine Sünde, die nicht vergeben werden

kann. Und genau dahin führt uns diese deine »gemäßigte«

skeptische Theologie.

Es ist daher nicht gottlos, vorwitzig oder überflüssig, sondern

vor allem heilsam und notwendig für einen Christen, dass er

weiß, ob der Wille in Sachen des ewigen Heils etwas bewirkt oder

nicht. Vielmehr, damit du es weißt: Hier liegt der Dreh- und Angelpunkt

in unserm Streit, hierum dreht sich alles! Denn darum

geht es uns: zu untersuchen, was der freie Wille vermag, worin

er passiv ist und wie er sich zur Gnade Gottes verhält. Wenn wir

das nicht wissen, dann wissen wir überhaupt nichts vom christlichen

Glauben und werden schlimmer dran sein als die Heiden.

Wer dies nicht versteht, gibt damit zu, dass er kein Christ ist; wer

es aber tadelt oder verachtet, soll wissen, dass er der schlimmste

Feind der Christen ist. Denn wenn ich nicht weiß, was, wieweit

und wieviel ich imstande bin, vor Gott zu tun, dann wird mir

ebenso ungewiss und unbekannt sein, was Gott in mir zu tun

vermag und auch tut, da Gott »alles in allen wirkt« (1Kor 12,6).

Wenn ich aber Gottes Werke und Macht nicht kenne, dann kenne

ich Gott selbst nicht; kenne ich aber Gott nicht, so kann ich

Gott nicht verehren, loben, danksagen und dienen, weil ich nicht

weiß, wieviel davon ich mir zuschreiben kann und für wie viel

ich Gott Dank schulde.

Wenn wir gottgefällig leben wollen, müssen wir daher aufs

Deutlichste zwischen Gottes Leistung und der unsrigen unterscheiden,

zwischen Gottes Werken und den unsrigen.

So siehst du denn, dass dieses Problem der eine von zwei

Hauptteilen ist, die Inbegriff des ganzen christlichen Glaubens

sind; hiervon hängt unsere Selbsterkenntnis ab, unsere Gotteserkenntnis

sowie Gottes Ehre – und diese steht und fällt damit.

33


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Darum ist nicht zu dulden, lieber Erasmus, wenn du sagst, dies

wissen zu wollen sei gottlos, vorwitzig und nichtig. Wir verdanken

dir viel, aber der Gottesfurcht verdanken wir alles. Ja, du selbst

bist der Meinung, dass wir alles Gute, das wir haben, Gott zuschreiben

müssen, und behauptest das fest in deiner Darstellung

des christlichen Glaubens. Da du aber dies fest behauptest, behauptest

du zweifellos auch ebenso fest, dass Gottes Barmherzigkeit

allein alles wirkt und dass unser Wille nichts wirkt, sondern

vielmehr passiv ist; sonst würde Gott nicht alles zugeschrieben.

Trotzdem bestreitest du kurz danach, dass es fromm, gottgefällig

und heilsam sei, dies zu behaupten oder wissen zu wollen. Doch

so zu reden ist ein Geist gezwungen, der mit sich selbst nicht einig

ist und in Sachen Gottesfurcht unsicher und unerfahren.

4.) Weiß Gott alles nur passiv voraus oder

bestimmt er es aktiv voraus? (614-618)

Der andere von zwei Hauptteilen, die Inbegriff des ganzen christlichen

Glaubens sind, ist zu wissen: Weiß Gott nur zufällig im

Voraus, ob etwas geschieht, oder tun wir alles, was wir ausüben,

zwingend notwendig? Und das erklärst du ebenfalls für gottlos,

vorwitzig und nichtig, wie es auch alle Gottlosen tun, wie auch

alle Teufel und Verdammten es für hassenswert und abscheulich

erklären. Du bist auch nicht dumm, wenn du diese Fragen

so weit wie möglich umgehst. Indes bist du als Redner und als

Theologe nicht gut genug, wenn du dir vornimmst, 34 unter Umgehung

dieser beiden Teile vom freien Willen zu reden und zu

lehren [dicere et docere].

Ich will dir als Wetzstein dienen [vgl. Spr 27,17] und, obwohl

kein Lehrer der Rhetorik, den großen Redner 35 seiner Pflicht ge-

34 Oder »wenn du dir anmaßt«; das lateinische praesumere ist mehrdeutig.

35 Im Lateinischen ein Wortspiel; rhetor kann sowohl einen Lehrer der Redekunst

als auch einen Redner bezeichnen.

34


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

mahnen. Gesetzt den Fall, Quintilian 36 schriebe von der Redekunst

wie folgt: »Nach meinem Urteil muss man alles Törichte

und Überflüssige weglassen, nämlich Themenfindung, Gliederung,

Redestil, das Auswendiglernen der Rede sowie den Vortrag

selbst; es genügt zu wissen: Die Redekunst ist die Kunst, gut zu

reden« – würdest du einen solchen Künstler nicht auslachen?

Nicht anders handelst hier auch du: Du willst vom freien

Willen schreiben und verwirfst zuerst den Gesamtgegenstand

und stößt dann alle Teile des Kunstwerks von dir, über das du

schreiben willst. Denn unmöglich kannst du wissen, was der

freie Wille sei, wenn du nicht weißt, was der menschliche Wille

vermag, was Gott tut und ob er es zwingend notwendig im Voraus

weiß.

Sagen denn nicht auch deine Lehrer der Rhetorik: Wenn jemand

über eine Sache reden will, muss er zuerst sagen, ob es sie

gibt; dann, was sie ist; aus welchen Teilen sie besteht; was ihr Gegenteil

ist; was ihr verwandt, was ihr ähnlich ist usw.? Du aber

beraubst diesen an sich schon armseligen freien Willen all dieser

Dinge und erklärst keine einzige Frage, die ihn betrifft, außer der

ersten: ob es ihn gibt. Und das mit so schwachen Argumenten,

dass (wie wir noch sehen werden) ich noch kein Buch vom freien

Willen erblickt habe, das unbrauchbarer wäre – abgesehen von

der Anmut der Rede.

Wenigstens treiben die Sophisten hier ihre Dialektik besser,

wenn sie schon von Rhetorik nichts verstehen. Zwar bringen

auch sie nicht zustande, was sie versuchen; doch wo sie sich an

den freien Willen machen, erörtern sie alle ihn betreffenden Fragen.

Darum werde ich mit diesem Büchlein dich und alle Sophisten

solange bedrängen, bis ihr mir definiert, was die Wirkkraft

und Werke des freien Willens sind. Und ich will euch (mit

36 Marcus Fabius Quintilianus (ca. 35-96 n.Chr.), ein bedeutender römischer

Lehrer der Rhetorik, der in Mittelalter und Renaissance hohes Ansehen genoss.

Luther spielt hier auf dessen Hauptwerk an, die Institutio oratoria (»Unterweisung

in der Redekunst«).

35


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Christi Beistand) so bedrängen, dass ich hoffe, dich dahin zu

bringen, die Veröffentlichung deiner Diatribe zu bereuen.

Es ist darum auch das für einen Christen besonders notwendig

und heilsam, dass er wisse: Gott weiß nichts zufällig voraus,

sondern sieht alles voraus, nimmt es sich vor und tut es nach

seinem unwandelbaren, ewigen und unfehlbaren Willen. Dieser

Donnerschlag streckt den freien Willen nieder und zermalmt

ihn ganz und gar. Darum müssen die, die behaupten wollen,

der Wille sei frei, diesen Donnerschlag entweder leugnen, stillschweigend

übergehen oder auf andere Weise loswerden. – Ehe

ich aber diesen Punkt durch meine Darlegung und durch die

Autorität der Schrift untermaure, will ich ihn zuvor mit deinen

eigenen Worten behandeln.

Bist du es nicht, lieber Erasmus, der kurz zuvor behauptet hat,

Gott sei von Natur aus gerecht und der Grundgütige? Wenn das

wahr ist, folgt daraus nicht, dass er unveränderlich gerecht und

gnädig ist? Denn wie sein Wesen sich in Ewigkeit nicht ändert,

so auch nicht seine Gerechtigkeit und Güte. Was man aber von

der Gerechtigkeit und Güte sagt, das muss man auch von seinem

Wissen, seiner Weisheit, Rechtschaffenheit, seinem Willen und allen

anderen seiner Eigenschaften sagen. Wenn man daher dies auf

gläubige, fromme und heilsame Weise fest von Gott behaupten

kann, wie du schreibst, was ist dann in dich gefahren, dass du

jetzt dir selbst widersprichst und behauptest, es sei gottlos, vorwitzig

und nichtig zu sagen, Gott wisse voraus, dass etwas zwingend

notwendig geschehe? Du predigst, man müsse lernen, dass Gottes

Wille unveränderlich sei, verbietest aber zu wissen, dass sein Vorherwissen

unveränderlich sei. Oder glaubst du, dass er etwas im

Voraus weiß, das er nicht will, oder dass er etwas will, das er nicht

kennt? Wenn er aber im Voraus weiß, was er will, dann ist sein

Wille ewig und unveränderlich (weil sein Wesen so beschaffen ist);

wenn er will, was er im Voraus weiß, dann ist sein Wissen ewig

und unveränderlich (weil sein Wesen so beschaffen ist).

Daraus folgt unwiderlegbar: Alles, was wir tun, und alles, was

geschieht, scheint uns zwar veränderlich und zufällig zu gesche-

36


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

hen; doch in Wahrheit geschieht es zwingend notwendig und

unabänderlich, wenn man Gottes Willen betrachtet. Denn der

Wille Gottes ist wirksam und kann nicht gehindert werden, weil

er von Natur aus Gottes Macht selbst ist. Ferner ist er auch weise,

sodass er nicht getäuscht werden kann. Da aber der Wille nicht

gehindert werden kann, so auch nicht sein Zustandekommen –

wo, wann, wie und in welchem Maße er selbst es vorsieht und

will.

Was, wenn Gottes Wille so wäre wie der menschliche Wille?

Der hört ja auf, nachdem das Werk vollbracht ist und dieses

bleibt – etwa, wenn man ein Haus bauen will und es errichtet

ist, oder wenn der Wille beim Tod erlischt. Dann könnte man

wahrhaftig sagen, dass etwas zufällig oder veränderlich geschehe.

Hier aber, bei Gottes Willen, geschieht das Gegenteil: Das

Werk hört auf, der Wille bleibt. Darum ist es weit gefehlt, dass

sein Werk zufällig geschehen oder bestehen bleiben kann, da es

doch geschieht und bleibt. »Zufällig geschehen« [contingenter fieri]

aber heißt im Lateinischen nicht (damit wir die Ausdrücke

nicht missbrauchen), dass das Werk selbst zufällig geschehe, sondern

dass es nach einem zufälligen und veränderlichen Willen

geschieht, den Gott nicht hat. Ferner kann man ein Werk nur

dann ›zufällig‹ nennen, wenn es uns zufällig und gleichsam unabsichtlich

widerfährt. Unser Wille nämlich oder unsere Hand

ergreift es wie etwas, das uns zufällig dargeboten wird; wir aber

haben vorher weder daran gedacht noch es gewollt. 37

37 In der Wittenberger Ausgabe seiner Werke (1539 – 1545) fügt Luther hier noch

folgende Anmerkung hinzu:

Ich wünschte in Wahrheit, es gäbe für diesen Disput ein anderes, besseres

Wort als das hier gebräuchliche »Notwendigkeit«. Dieses bezeichnet weder

den göttlichen noch den menschlichen Willen richtig. Es hat nämlich

eine für diese Lehre sehr unangenehme und unpassende Bedeutung, weil

es uns gleichsam die Vorstellung von einem gewissen Zwang aufdrängt

und überhaupt von dem, was dem Willen entgegensteht; und das passt

doch gar nicht zur hier behandelten Sache. Denn der Wille – der göttliche

wie auch der menschliche – handelt nicht aus Zwang, sondern nur

37


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

38

Hier haben sich die Sophisten nun schon viele Jahre lang abgemüht;

und nachdem sie schließlich bezwungen wurden, mussten

sie zugeben: Alles geschieht zwingend notwendig – aus »Notwendigkeit

der Folge«, wie sie es nennen, aber nicht aus »Notwendigkeit

des Folgenden« 38 . So weichen sie dieser gewaltigen

Frage aus [eluserunt], betrügen sich [illuserunt] damit aber nur

selbst. Denn dass dies nichtig ist, kann ich sehr leicht aufzeigen.

Was sie »Notwendigkeit der Folge« nennen, will ich grob so

nennen: Wenn Gott etwas will, dann muss es zwingend notwendig

geschehen; aber das heißt nicht, dass etwas, das geschehen

kann, auch zwingend notwendig existieren muss. Denn Gott allein

existiert zwingend notwendig; alles andere kann auch nicht

sein, wenn Gott will. So sagen sie, das Tun Gottes sei notwendig,

wenn er will; die Tatsache selbst aber sei nicht notwendig. Was

aber bringen sie mit solchen Wortklaubereien zustande? Das:

Die Tatsache sei nicht zwingend notwendig, das heißt, sie besitze

kein zwingend notwendiges Wesen. Das ist nichts anderes als zu

sagen: Die Tatsache ist nicht Gott selbst.

Nichtsdestoweniger bleibt das: Wenn Gottes Tun notwendig

oder eine »Notwendigkeit der Folge« ist, geschieht alles zwingend

notwendig; schon die Tatsache an sich ist durchaus nicht zwinaus

Gefallen oder Belieben [cupiditate], als ob er in seinem Tun wirklich

frei wäre, sei es gut oder böse. Aber Gottes Wille ist dennoch unwandelbar

und unfehlbar, und er herrscht über unseren veränderlichen Willen,

wie Boëthius singt: »Unveränderlich bleibst du, gibst allem Bewegung.«

Und unser Wille, zumal böse, kann von sich aus nichts Gutes tun.

Was daher das Wort selbst nicht ausdrückt, muss der Leser sinngemäß ergänzen

und unter »Notwendigkeit« das verstehen, was man damit bezeichnen

wollte: den unwandelbaren Willen Gottes und die Unfähigkeit unseres bösen

Willens. Manche nennen dies »Notwendigkeit der Unveränderlichkeit«; aber

das genügt weder der Sprachlehre noch der Theologie.

38 Lat. necessitate consequentiae, sed non necessitate consequentis. Kann auch so

übersetzt werden: »aus bedingter Notwendigkeit, aber nicht aus unbedingter

Notwendigkeit«, so teilweise im weiteren Verlauf des Buches aus sprachlichen

Gründen wiedergegeben.


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

gend notwendig, das heißt, sie ist nicht Gott oder besitzt kein

zwingend notwendiges Wesen. Wenn nämlich ich zwingend notwendig

entstehe, so kümmert es mich wenig, dass mein Sein oder

Werden veränderlich ist; nichtsdestoweniger entstehe ich, der ich

Zufall und Veränderung unterworfen und nicht der zwingend

notwendig existierende Gott bin.

Deshalb bedeutet die Wortklauberei jener, alles geschehe aus

»Notwendigkeit der Folge«, aber nicht aus »Notwendigkeit des

Folgenden«, nichts anderes als dies: Alles geschieht zwar zwingend

notwendig, aber das so Gewordene ist nicht Gott selbst.

War das nun wirklich nötig uns zu sagen? Als ob zu befürchten

wäre, wir würden behaupten, das Gewordene wäre Gott oder

hätte eine göttliche und zwingend notwendige Natur? So weit

steht der Satz fest und bleibt unwiderlegt, dass alles zwingend

notwendig geschieht. Hieran nämlich ist nichts dunkel oder

zweifelhaft. In Jesaja 46,10 heißt es: »Mein Ratschluss wird bestehen

und mein Wille wird geschehen.« Denn welches Kind

verstünde nicht, was diese Wörter bedeuten: Ratschluss, Wille,

geschehen, bestehen?

Warum aber sollten diese Dinge uns Christen so verborgen

sein, dass es gottlos, vorwitzig und überflüssig wäre, sie untersuchen

und wissen zu wollen? Führen doch selbst die heidnischen

Dichter sie stets im Munde, ja sogar das gemeine Volk im

gewöhnlichsten Sprachgebrauch! Wie oft erwähnt allein Vergil

das ›Schicksal‹? »Alles hat durch ein Gesetz Bestand«; 39 ebenso:

»Einem jeden ist sein Todestag bestimmt«; 40 ebenso: »Wenn

dich das Schicksal ruft«; 41 ebenso: »O könntest du dem grausig

Schicksal nur entrinnen!« 42 Nichts anderes bezweckt dieser

Dichter, als an Trojas Untergang und dem Aufstieg des Römischen

Reiches zu zeigen, dass das Schicksal mehr vermag als alles

39 Statt bei Vergil findet sich dieses Zitat bei Manilius (Astronomica 4,14).

40 Vergil, Aeneis 10,467.

41 Aeneis 7,314.

42 Aeneis 6,882.

39


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

menschliche Bemühen und daher Dingen wie auch Menschen

eine Notwendigkeit aufzwingt. Zuletzt unterwirft er auch seine

unsterblichen Götter dem Schicksal, vor dem selbst Jupiter und

Juno vergehen müssen. 43 Daher hat man die drei Parzen erdichtet,

die unveränderlichen, unversöhnlichen und unerbittlichen

Schicksalsgöttinnen.

Jene Weisen erkannten, was die Sache selbst samt der Erfahrung

lehrt: Nie ist einem Menschen sein Vorhaben geglückt,

sondern stets anders ausgegangen, als man dachte. Hektor sagt

bei Vergil: »Hätte man Pergamon mit bloßer Faust verteidigen

können, so wäre es durch meine Hand geschehen.« 44 Daher ist

auch das geflügelte Wort in aller Munde: »Was Gott will, das

geschehe«; ebenso: »So Gott will, wollen wir tun« (vgl. Jak 4,15).

Ebenso sagt Vergil: »Gott hat es so gewollt«; »So haben die Götter

beschlossen«; und: »So habt ihr Götter es gewollt.« Daran

sollen wir erkennen, dass im einfachen Volk ein Wissen um die

Vorherbestimmung und das Vorherwissen Gottes nicht weniger

übrig geblieben ist als das Wissen um die Existenz der Gottheit

selbst.

Die aber, die weise erscheinen wollten, sind durch ihre Überlegungen

dahin abgeirrt, dass ihr Herz verfinstert und sie selbst

zu Narren wurden (Röm 1,21f); sie leugneten oder verheimlichten

das, was die Dichter und das Volk sowie ihr eigenes Gewissen für

das Selbstverständlichste, Sicherste und Wahrhaftigste hielten.

5.) Wie wichtig ist es zu wissen, dass Gott alle

Dinge vorherbestimmt? (618-620)

Darüber hinaus sage ich nicht nur, wie wahr dies ist (darüber werden

wir später noch ausführlicher anhand der Heiligen Schrift

43 Jupiter und dessen Frau Juno waren die höchsten Götter der heidnischen

Römer.

44 Aeneis 2,291f.

40


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

reden), sondern auch, wie gottesfürchtig, fromm und notwendig

es ist, dies zu wissen. Denn wenn man dies nicht weiß, kann weder

der Glaube noch irgendeine Verehrung Gottes bestehen bleiben.

Das hieße nämlich in der Tat, Gott nicht zu kennen; wenn

man aber ihn nicht kennt, gibt es bekanntlich auch kein Heil.

Denn wenn du bezweifelst oder verachtest, dass Gott alles nicht

zufällig, sondern notwendig und unwandelbar im Voraus weiß

und will, wie könntest du seinen Verheißungen glauben, fest darauf

vertrauen und dich darauf verlassen? Denn wenn er etwas

verheißt, dann musst du sicher sein, dass er es auch zu erfüllen

weiß, vermag und will; sonst kannst du ihn nicht für wahrhaftig

und treu halten. Das aber ist Unglaube und die größte Gottlosigkeit

und Verleugnung des höchsten Gottes.

Wie aber kannst du gewiss und sicher sein, wenn du nicht

weißt, dass er gewiss, unfehlbar, unabänderlich und zwingend

notwendig weiß, will und tun wird, was er verheißt? Denn wir

müssen nicht nur gewiss sein, dass Gott alles zwingend notwendig

und unabänderlich will und wirkt, sondern uns gerade dessen

auch rühmen, wie Paulus sagt: »Gott ist wahrhaftig und alle

Menschen sind Lügner« (Röm 3,4); und wiederum: »Nicht, dass

Gottes Wort hinfällig geworden sei« (Röm 9,6); und anderswo:

»Der feste Grund Gottes besteht und hat dieses Siegel: Der Herr

kennt die Seinen« (2Tim 2,19); ferner: »was Gott, der nicht lügen

kann, vor ewigen Zeiten verheißen hat« (Tit 1,2); und schließlich:

»Wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und

dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt« (Hebr 11,6).

Darum wäre der christliche Glaube völlig ausgelöscht, Gottes

Verheißungen und das ganze Evangelium völlig hinfällig, wenn

wir glaubten, was man uns lehrt: dass wir nichts über das zwingend

notwendige Vorherwissen Gottes wissen brauchten und

über die Notwendigkeit dessen, was geschieht. Denn dies ist der

einzige und höchste Trost der Christen in allen Widerwärtigkeiten:

zu wissen, dass Gott nicht lügt, sondern unwandelbar alles

tut, und dass niemand seinem Willen widerstehen, niemand ihn

ändern oder hindern kann.

41


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Siehst du nun, lieber Erasmus, wohin uns deine überaus »gemäßigte«,

den Frieden über alles liebende Theologie führt? Du

hältst uns davon ab und verbietest uns, das Vorherwissen Gottes

und die Notwendigkeit bei Dingen und Menschen zu erforschen;

vielmehr rätst du uns, solches zu lassen, zu meiden und

zu verachten. Durch solch unbedachtes Bemühen lehrst du uns

zugleich, die Unkenntnis Gottes zu suchen, die schon von selbst

kommt und uns dazu noch angeboren ist, den Glauben zu verachten,

die Verheißungen Gottes fahren zu lassen, alle Tröstungen

des Geistes und die Gewissheit des Gewissens für nichts zu

achten. So etwas würde selbst Epikur kaum lehren.

Ferner: Damit noch nicht zufrieden, nennst du es gottlos,

vorwitzig und nichtig, wenn einer sich bemüht, diese Dinge zu

erkennen; den jedoch, der sie verachtet, nennst du christlich,

fromm und nüchtern. Was aber bringst du mit diesen Worten

anderes zustande, als dass Christen vorwitzig, nichtig und gottlos

wären oder das Christentum völlig belanglos, nichtig, töricht

und gottlos? So geschieht es wiederum, dass du uns zwar nach

allen Kräften von der Vermessenheit abschrecken willst, es dich

aber nach Art der Toren ins Gegenteil verschlägt: Du lehrst nichts

anderes als höchste Vermessenheit, Gottlosigkeit und Verderbnis.

Merkst du nicht, dass dein Büchlein an dieser Stelle derart gottlos,

verrucht und lästerlich ist, dass es nirgends seinesgleichen hat?

Wie schon gesagt, ich rede nicht von deinem Herzen; denn

ich halte dich nicht für so verdorben, dass du dies von Herzen

lehren oder wünschen würdest, dass man so handle. Vielmehr

will ich dir zeigen, was für abscheuliche Dinge der zu schwatzen

gezwungen ist, der sich vornimmt, eine schlechte Sache zu vertreten.

Ferner will ich dir zeigen, was es heißt, auf Gottes Werke

und Worte einzuprügeln, während wir anderen zuliebe eine Rolle

annehmen und gegen das Gewissen einem fremden Schauspiel

dienen. 45 Es ist weder ein Spiel noch ein Scherz, die Heilige

45 Eine Anspielung darauf, dass Erasmus von weltlichen und kirchlichen Fürsten

zur Abfassung der Diatribe gezwungen wurde.

42


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

Schrift und den Glauben zu lehren; denn sehr leicht ereilt einen

hier das, wovon Jakobus (2,10) spricht: »Wer das ganze Gesetz

hält, sich aber in einem verfehlt, der ist in allem schuldig geworden.«

Denn so geschieht es, wenn wir nur ein wenig scherzen

wollen und die Heilige Schrift nicht gebührend in Ehren halten:

Sogleich werden wir in Gottlosigkeit verstrickt und fallen in

Gotteslästerungen, wie es auch dir hier geschehen ist, Erasmus.

Der Herr verzeihe dir und erbarme sich deiner.

Dass aber die Sophisten in dieser Sache eine solche Unzahl

von Fragen aufgeworfen und untersucht haben und viele andere

unnütze Dinge mehr, von denen du viele anführst, das wissen

wir und gestehen dir gerne zu. Wir haben es auch heftiger und

mehr angegriffen als du. Du aber handelst unweise und unbesonnen,

indem du die reinen, heiligen Dinge mit den profanen

und törichten Fragen der Gottlosen vermischst, vermengst und

sie ihnen gleichstellst. Jene haben »das Gold verdunkelt und dessen

schöne Farbe entstellt«, wie Jeremia sagt (Klgl 4,1 nach der

Vulgata); Gold aber kann man nicht mit Mist vergleichen und

wie diesen wegwerfen, wie du es tust. Gold ist von jenem Dreck

zu befreien und die reine Schrift vom Unflat und Schmutz jener

Sophisten zu scheiden. Darum habe ich stets allen Fleiß aufgewendet,

dass man die Heilige Schrift von den Possen jener getrennt

behandle. Auch darf uns nicht verwundern, dass durch

solche Fragen nichts gewonnen ist – außer, dass wir der Eintracht

der Christen großen Schaden zufügen, indem wir weniger Liebe

üben, während wir so viel klüger sein wollen. Uns stellt sich

nicht die Frage, was die Sophisten aus der Schrift folgern oder

foltern, 46 sondern wie wir gute Christen werden; was die Gottlosen

Böses tun, darfst du nicht der christlichen Lehre anlasten.

46 In Nachempfindung des Wortspiels, das hier im Lateinischen vorliegt: »Nobis

non est quaestio, quod Sophistae quaestionarii profecerint«, wörtlich:

»Uns stellt sich nicht die Frage, was die Sophisten durch ihre Fragerei erreicht

haben«, oder: »was die Folterknechte von Sophisten erreicht haben«. Ein quaestionarius

verhörte Verdächtige und war zugleich Scharfrichter. Beides war

oft auch mit Folter verbunden.

43


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Denn das hat nichts mit unserem Thema zu tun, und du hättest

das bei anderer Gelegenheit sagen und dir das Papier hier sparen

können.

44

6.) Ist es nützlich, bestimmte Wahrheiten zu

unterdrücken? (620-630)

Im dritten Hauptpunkt des Vorwortes der Diatribe fährst du

fort, uns zu jenen maßvollen und gelassenen Epikureern zu machen

– durch eine andere Art von Rat, der aber auch nicht klüger

ist als die vorherigen beiden, nämlich: »Es gibt einige Dinge, die

von solcher Art sind, dass es nicht ratsam wäre, sie den Ohren des

gemeinen Volkes preiszugeben – selbst wenn sie wahr wären und

man sie wissen könnte.«

Und hier vermengst und vermischst du wiederum alles nach

deiner Gewohnheit, dass du ohne jede Unterscheidung das Heilige

dem Profanen gleichsetzt und wiederum der Verachtung und

Verunehrung der Schrift und Gottes anheimfällst. Ich habe oben

gesagt, dass das, was in der Heiligen Schrift entweder gelehrt

oder bewiesen wird, nicht nur klar, sondern auch heilsam ist;

deshalb kann, ja muss man mit Sicherheit verkündigen, lernen

und wissen, dass das falsch ist, was du sagst, man solle es nicht

»den Ohren des gemeinen Volkes preisgeben« – wenn du von

dem redest, was in der Heiligen Schrift steht. Denn wenn du von

anderen Dingen geredet haben willst, so geht uns das nichts an

und du hast nicht zur Sache geredet, sondern mit deinen Worten

Papier und Zeit vergeudet.

Ferner weißt du, dass ich mit den Sophisten in nichts übereinstimme.

So hättest du mich mit Recht damit verschonen sollen,

mir ihren Missbrauch vorzuwerfen; denn in deiner Schrift hättest

du gegen mich reden sollen. Ich weiß, worin die Sophisten

irren und brauche dich nicht als Lehrer; sie sind von mir schon

genug getadelt worden. Das will ich ein für allemal gesagt haben,

so oft du mich mit den Sophisten zusammenwirfst und meiner


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

Sache ihre Torheit zur Last legst. Denn daran tust du Unrecht,

was du sehr wohl weißt.

Nun wollen wir die Begründung deines Rates ansehen: Gott

sei seiner Natur gemäß in einer Mistkäferhöhle oder sogar in einer

Kloake (was du dich zu sagen scheust und die Sophisten beschuldigst,

so zu schwatzen) nicht weniger gegenwärtig als im

Himmel. Selbst wenn das wahr wäre, meinst du doch, es sei unvernünftig,

darüber öffentlich zu disputieren.

Zuerst: Lass die schwatzen, die so schwatzen; wir disputieren

hier nicht darüber, was Menschen tun, sondern über Recht

und Gesetz – nicht wie wir leben, sondern wie wir leben sollen.

Denn wer von uns lebt und handelt in allem richtig? Aber darum

werden Recht und Lehre nicht verdammt, sondern sie verdammen

vielmehr uns. Du aber schweifst weit umher und kratzt von

überall her vieles zusammen, weil dich dieser eine Artikel vom

Vorherwissen Gottes schwer verdrießt. Da du den mit keinem

Vernunftgrund widerlegen kannst, versuchst du derweil, den Leser

mit viel leerem Geschwätz zu ermüden. – Doch sei’s drum,

zurück zur Sache.

Worauf zielst du also damit ab, dass du meinst, einiges solle

nicht öffentlich gelehrt werden? Gilt das auch für die Frage des

freien Willens? Dann wird alles gegen dich gelten, von dem ich

oben sagte, dass man es vom freien Willen wissen muss. Ferner:

Warum folgst du nicht deinem eigenen Rat und verzichtest auf

deine Diatribe? Wenn du gut daran tust, den freien Willen zu behandeln,

warum tadelst du es, wenn andere es tun? Wenn es böse

ist, warum tust du es selbst? Wenn du ihn aber nicht zu diesen

Dingen zählst, so gehst du der Sachfrage erneut aus dem Weg,

schweifst wie ein Redner wortreich vom Thema ab und behandelst

Dinge, die nicht zur Sache gehören.

Doch auch dieses Beispiel behandelst du nicht recht und verdammst

es als unnütz, darüber öffentlich zu disputieren – ob

Gott in einer Höhle oder in einer Kloake sei; denn du denkst

zu menschlich von Gott. Ich gestehe zwar, dass es einige leichtfertige

Prediger gibt, die ohne Gottesfurcht und Frömmigkeit

45


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

höchst leichtfertig schwatzen oder scherzen – sei es aus Ruhmsucht

oder dem Bestreben, etwas Neues hervorzubringen, oder

weil sie schlicht den Mund nicht halten können. Solche Leute

aber gefallen weder Gott noch Menschen, selbst wenn sie fest

behaupten würden, dass Gott im höchsten Himmel sei. – Wo

aber ernste und fromme Prediger mit bescheidenen, reinen und

vernünftigen Worten lehren, da ist es ohne Gefahr, sondern von

großem Nutzen, wenn sie solches öffentlich lehren.

Müssen wir nicht alle lehren, dass der Sohn Gottes im Schoß

der Jungfrau gewesen ist und aus ihrem Unterleib geboren wurde?

Inwieweit aber unterscheidet sich der menschliche Unterleib

von irgendeinem anderen unreinen Ort? Und wer könnte nicht

schändlich oder schmutzig davon reden? Solche Leute aber verdammen

wir mit Recht, denn es gibt mehr als genug reine Worte,

um von diesem notwendigen Vorgang auch mit Würde und

Anstand zu reden. Auch Christi Leib war ein menschlicher Leib

wie der unsrige; was aber ist unreiner als dieser? Sollten wir deshalb

etwa leugnen, dass Gott leibhaftig in ihm gewohnt habe,

was Paulus doch sagt (Kol 2,9)? Was ist unreiner als der Tod? Was

schrecklicher als die Hölle? 47 Aber der Prophet rühmt sich, dass

Gott sogar im Tod bei ihm sei und ihm in der Hölle beistehe (Ps

139,8).

Darum scheut sich ein frommes Herz nicht zu hören, dass

Gott im Tode oder in der Hölle sei, was beides schrecklicher und

unreiner ist als eine Höhle oder eine Kloake. Vielmehr: Wenn die

Heilige Schrift bezeugt, dass Gott überall ist und alles erfüllt (Jer

23,24; Eph 1,23), dann sie sagt nicht nur, dass er an jenen Orten

sei; sondern notwendigerweise erfährt und erkennt man dadurch

auch, dass er dort ist. Was etwa, wenn ein Tyrann mich gefangen

nähme und ins Gefängnis oder eine Kloake würfe, was vie-

47 Während man heute mit »Hölle« umgangssprachlich fast nur den Ort der

ewigen Verdammnis bezeichnet, verwendet Luther das Wort hier noch im

älteren, weiteren Sinn, der auch »Unterwelt« oder »Totenreich« einschließt.

Letzteres ist in den zitierten Bibelstellen gemeint.

46


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

len Heiligen widerfahren ist? Wäre mir dann nicht erlaubt, dort

Gott anzurufen oder zu glauben, das s er bei mir sei? Müsste

ich dazu erst in einen geschmückten Tempel gehen? Wenn du

uns lehren willst, solche Possen mit Gott zu treiben, und an den

Orten Anstoß nimmst, wo er gegenwärtig ist, wirst du uns am

Ende auch nicht mehr gestatten, dass er im Himmel wohnt; denn

auch der höchste Himmel kann ihn nicht fassen und ist seiner

nicht würdig (1Kö 8,27). Aber wie ich schon sagte: Du stichelst

nach deiner Gewohnheit so gehässig, um unsere Sache schlecht

und völlig verhasst zu machen; du hast nämlich erkannt, dass du

sie weder überwinden noch widerlegen kannst.

Zu dem anderen Beispiel, dass es drei Götter gebe. Ich gebe

zu, dass es anstößig ist, wenn das gelehrt wird. Es ist auch nicht

wahr und die Heilige Schrift lehrt das nicht; doch die Sophisten

reden so und haben eine neue Dialektik erdichtet. Aber was geht

uns das an?

Ferner: Es ist schon erstaunlich, wie überaus klug du deine

Meinung in Sachen Beichte und Buße darlegst und welchen Eiertanz

du dabei ganz nach deiner Gewohnheit aufführst. Schließlich

willst du nicht, dass es so aussieht, als würdest du unsere

Lehre einfach verdammen, noch des Papstes Tyrannei angreifen,

was für dich höchst gefährlich wäre. Darum schiebst du Gott

und Gewissen vorerst beiseite (denn was schert es den Erasmus,

was Gottes Wille darüber sei und was dem Gewissen nützt?),

ziehst dir schnell eine fremde Maske über und klagst das gemeine

Volk an, dass es die Predigt von der freiwilligen Beichte und

Buße in seiner Bosheit zur Freiheit des Fleisches missbrauche.

Das aber würde, wie du sagst, durch den Beichtzwang immerhin

verhindert. O welch trefflicher und herrlicher Grund! Heißt etwa

das, Theologie zu lehren, wenn man die Seelen mit Gesetzen bindet

und (wie Hesekiel 13,19 sagt) »tötet«, an die sie doch von Gott

nicht gebunden sind? Mit dieser Begründung freilich richtest du

die ganze Tyrannei der päpstlichen Gesetze für uns wieder auf,

dass sie nützlich und heilsam wären, weil auch sie die Bosheit des

Pöbels im Zaum halten.

47


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Aber ich will darauf nicht so ausführlich eingehen, wie es die

Sache verdient, sondern mich kurzfassen. Ein guter Theologe

lehrt so: Das Volk muss durch die äußerliche Gewalt des Schwertes

im Zaum gehalten werden, wenn es böse handelt, wie Paulus

lehrt (Röm 13,4); sein Gewissen aber darf nicht in falsche Gesetze

verstrickt werden, sodass man es mit Sünden quält, die doch vor

Gott gar keine Sünden sind. Das Gewissen ist nämlich allein an

Gottes Gebot gebunden. Dadurch wird die Tyrannei der Päpste

ganz und gar aus dem Weg geräumt, die sich zwischen Gott und

Menschen drängt, innerlich die Seele zu Unrecht erschreckt und

tötet und äußerlich den Leib vergeblich schindet. Denn wenn sie

auch äußerlich zur Beichte und anderen Lasten zwingt, so wird

doch dadurch das Herz nicht in Schranken gehalten, sondern

nur noch stärker zum Hass gegen Gott und Menschen gereizt.

Vergeblich peinigt die Tyrannei der Päpste den Leib in äußerlichen

Dingen und bringt nur Heuchler hervor, sodass die Tyrannen,

die derartige Gesetze machen, nichts anderes sind als

reißende Wölfe (Mt 7,15), Diebe und Seelenmörder (Joh 10,8).

Und solche empfiehlst du uns wiederum, du »guter Seelsorger«!

Das heißt, du bist Gewährsmann der grausamsten Seelenmörder,

48 dass sie die Welt mit Heuchlern füllen, die Gott lästern

und im Herz verachten, wenn sie auch äußerlich halbwegs im

Zaum gehalten werden – als ob es kein anderes Mittel dazu gäbe,

das keine Heuchler macht und die Gewissen nicht verdirbt, wie

ich schon sagte.

Hier führst du nun Gleichnisse an und willst als jemand

scheinen, der sie in reichem Maße hat und höchst zutreffend gebraucht,

nämlich: »Es gibt Krankheiten, die man mit geringerem

Schaden erträgt als kuriert«, wie den Aussatz usw. 49 Desglei-

48 So nach der Weimarer Ausgabe: »auctor es crudelissimorum animicidarum«

= »Gewährsmann bist du der grausamsten Seelenmörder«. Nach anderer Textfassung:

»auctores crudelissimorum animicidarum« = »sie sind die Meister

[oder Urheber, Vollbringer] grausamster Seelenmorde«.

49 Erasmus nennt hierzu als Beispiel den Aberglauben, dass man »im noch warmen

Blut geschlachteter Kinder badet, um Aussatz zu heilen« (Diatribe I a 9).

48


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

chen fügst du das Beispiel des Paulus hinzu, der zwischen dem

zu unterscheiden wisse, was erlaubt sei, und dem, was nützlich

sei (1Kor 6,12; 10,23). So sei es erlaubt, sagst du, die Wahrheit zu

sagen, aber sie sei weder allen, noch jederzeit oder auf jede Weise

nützlich. Welch wortreicher Redner bist du doch – aber du verstehst

nichts von dem, was du sagst! Kurz gesagt: Du behandelst

diese Sache so, als ob bei diesem Streit zwischen dir und mir um

eine Geldsumme ginge, die man leicht ersetzen könnte, oder um

irgendeine andere ganz geringfügige Sache. Deren Verlust (da er

doch weit weniger wert sei als der äußere Friede) dürfe niemand

dazu bewegen, nicht nachzugeben, zu handeln oder zu erdulden,

je nachdem, was gerade erforderlich sei, damit die Welt nicht in

Aufruhr versetzt werde.

Du gibst also offen zu, dass dir dieser Friede und die Ruhe des

Fleisches weit vorzüglicher scheinen als der Glaube, das Gewissen,

das Heil, das Wort Gottes, die Ehre Christi, ja sogar als Gott

selbst. Darum sage ich dir und bitte dich, dir dessen bewusst

zu werden: Mir geht es hierbei um eine ernste, notwendige und

ewige Sache – und sie ist derart erheblich, dass man sie auch bis

in den Tod geltend machen und verteidigen muss, und wenn die

ganze Welt darüber nicht nur in Streit und Aufruhr versetzt, sondern

sogar in ein einziges Chaos stürzen und untergehen würde.

Wenn du das nicht begreifst und dich das nicht bewegt, dann

kümmere dich um deine Sachen und lass es die begreifen und

davon bewegt werden, denen Gott es gegeben hat.

Denn ich bin durch Gottes Gnade nicht so töricht und von

Sinnen, als dass ich um des Geldes willen (das ich weder habe

noch wünsche), um des Ruhmes willen (den ich in einer Welt,

die mich derart anfeindet, nie erlangen könnte, selbst wenn ich

es wollte) oder um des irdischen Lebens willen (dessen ich mir

keinen Augenblick sicher sein kann) mit so großem Mut oder so

großer Beständigkeit (die du Starrsinn nennst) durch so viel Lebensgefahr,

Hass, Nachstellung – kurz: durch alle Wut von Menschen

und Teufeln hindurch diese Sache so lange führen und

aufrecht erhalten wollte. Oder meinst du, dieser Unfriede würde

49


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

allein dein Herz schmerzlich berühren? Auch wir sind nicht aus

Stein oder aus dem Marpesischen Felsen geboren. 50

Aber wenn es nicht anders sein kann, dann wollen wir lieber

– froh in der Gnade Gottes – um des Wortes Gottes willen,

an dem man mit unüberwindlichem und unvergänglichem Mut

festhalten muss [asserendum], durch zeitlichen Unfrieden geplagt

werden, als in ewigem Unfrieden unter dem Zorn Gottes mit

unerträglicher Qual gepeinigt werden.

Christus gebe, dass es um dein Herz nicht so stehe (was ich

wünsche und hoffe); deine Worte aber klingen ganz so, als ob

du mit Epikur das Wort Gottes und das künftige Leben für Fabeln

hältst, da du uns durch deine Belehrung veranlassen willst,

um der Päpste und Fürsten oder um jenes zeitlichen Friedens

willen das mehr als gewisse Wort Gottes aufgeben und in dieser

Sache nachgeben sollen. Wenn wir aber das aufgeben, dann

geben wir auch Gott auf, den Glauben, das Heil und alles, was

Christentum heißt. Wie viel richtiger ist es da, dass Christus uns

ermahnt, besser die ganze Welt zu verachten!

Du aber sagst solche Dinge, weil du nicht liest oder vielmehr

nicht beachtest: Dies ist das beständige Los des Wortes Gottes,

dass darüber die Welt in Aufruhr gerät. Und das bekräftigt [asserit]

Christus unverhohlen: »Ich bin nicht gekommen, Frieden

zu bringen, sondern das Schwert« (Mt 10,34), und: »Ich bin gekommen,

ein Feuer anzuzünden auf Erden« (Lk 12,49). Ebenso

schreibt Paulus (2Kor 6,5): »in Unruhen« usw.

Auch der Prophet im zweiten Psalm bezeugt ausführlich und

macht geltend, dass die Heiden toben, die Völker lärmen, die

Könige sich auflehnen und die Fürsten Verschwörungen gegen

den Herrn und seinen Gesalbten anzetteln (Ps 2,1-2) – als ob er

50 Eine Anspielung an Vergil, Aeneis 6,471. Dort sucht Aeneas in der Unterwelt

seine ehemalige Geliebte Dido auf, die sich umbrachte, nachdem er sie verlassen

hatte. Dido würdigt ihn keines Blickes und »steht da, als ob sie harter

Kieselstein wäre oder Marpesischer Fels«. – Aus dem Berg Marpesus auf der

Kykladeninsel Paros gewann man den sog. Parischen Marmor, einen feinkörnigen,

weißen Stein, der begehrter Rohstoff für Statuen war.

50


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

sagen will: Die Volksmasse, der Adel, die Mächtigen, die Weisen,

die Justiz und was auch immer in der Welt etwas gilt, lehnen sich

gegen Gottes Wort auf.

Sieh in der Apostelgeschichte nach: Was geschah in der Welt

allein schon aufgrund der Predigt des Paulus (von den anderen

Aposteln ganz zu schweigen)! Sieh, wie nur dieser eine Mensch

Heiden wie auch Juden erregte, oder wie ebenda seine Feinde

selbst sagten: »der Aufruhr erregt auf dem ganzen Erdkreis« (Apg

24,5). Unter Elia wurde das Königreich Israel in Aufruhr versetzt,

wie sich König Ahab beklagt (1Kö 18,17). Wie groß war der Aufruhr

unter den anderen Propheten, als sie alle getötet oder gesteinigt

wurden, als Israel nach Assyrien gefangen geführt wurde

und gleicherweise, als Juda nach Babel in Gefangenschaft geführt

wurde?

Die Welt und ihr Gott können und wollen das Wort des wahren

Gottes nicht ertragen, der wahre Gott will und kann nicht

schweigen: Was sollte dann, da schon diese beiden Götter gegeneinander

Krieg führen, in der ganzen Welt anderes sein als Aufruhr?

Diesen Aufruhr stillen zu wollen ist daher nichts anderes, als

das Wort Gottes wegnehmen und verbieten zu wollen. Denn so

oft Gottes Wort ergeht, ergeht es, um die Welt zu verändern und

zu erneuern. Aber auch heidnische Schriftsteller bezeugen, dass

die Welt nicht ohne Erregung und Aufruhr, ja, nicht ohne Blutvergießen

verändert werden kann.

Den Christen nun gebührt, dies mit wachem Geist zu erwarten

und zu ertragen, wie Christus spricht (Mt 24,6): »Ihr werdet

aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Seht zu, erschreckt

nicht! Denn es muss geschehen, aber es ist noch nicht das Ende.«

Auch ich würde sagen, dass das Wort Gottes nicht in der Welt

sei, wenn ich nicht diesen Aufruhr sähe. Da ich ihn aber jetzt sehe,

freue ich mich von Herzen und achte ihn gering; denn ich bin

mehr als gewiss, dass das Reich des Papstes mit seinen Anhängern

stürzen wird – hat dieses doch besonders heftig das Wort

Gottes angegriffen, das jetzt die Welt durchläuft.

51


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Ich sehe sehr wohl, lieber Erasmus, dass du dich in vielen Büchern

über diesen Aufruhr beklagst, dass nun Friede und Eintracht

verloren seien. Ferner versuchst du vielerlei, um dies zu

heilen – mit guter Absicht, wie ich meine; aber diese Krankheit

spottet deiner heilenden Hände. Hier nämlich ist wahr, was du

sagst: Du schwimmst gegen die Strömung an, ja, willst ein Feuer

mit Stroh löschen. Hör auf zu klagen, hör auf zu heilen; dieser

Aufruhr ist von Gott ausgegangen [vgl. 1Kö 12,24], wird von

ihm geführt und wird nicht aufhören, bis dass er alle Feinde des

Wortes dem »Kot auf der Gasse« gleichgemacht hat (2Sam 22,43;

Ps 18,43). Gleichwohl ist es bedauerlich, dass man dich, einen so

großen Theologen, wie einen Schüler daran erinnern muss, der

du doch ein Lehrer anderer sein solltest.

Das betrifft auch deinen recht hübschen Ausspruch: »Es gibt

Krankheiten, die man mit geringerem Schaden erträgt als kuriert.«

Doch du wendest ihn nicht richtig an, denn du solltest

sagen: Diese Krankheiten, die man mit geringerem Schaden erträgt,

sind gerade jener Aufruhr, jene Erregung, Wirren, Aufstände,

Sekten, Zwietracht, Kriege und dergleichen mehr, durch

die um des Wortes Gottes willen die ganze Welt erschüttert und

entzweit wird. Das, so sage ich, ist das geringere Übel; man kann

es, weil es zeitlich ist, besser ertragen als jene alten und bösen Sitten,

durch die alle Menschen zwingend verderben müssen, wenn

sie nicht durch Gottes Wort verwandelt werden. Wenn das weggenommen

würde, würden auch das ewige Leben, Gott, Christus

und der Heilige Geist weggenommen. Wie viel besser ist es

aber, die Welt zu verlieren statt Gott, den Schöpfer der Welt,

der unzählige Welten von neuem schaffen kann und besser ist

als unendliche Welten? Wie nämlich könnte man Zeitliches und

Ewiges miteinander vergleichen? Dieser Aussatz zeitlicher Übel

ist daher besser zu ertragen, als dass die Welt von diesem Aufruhr

geheilt und befriedet würde, indem das Blut jener vergossen und

sie getötet, indem alle Menschen abgeschlachtet und ewig verdammt

werden – kann doch um den Preis der ganzen Welt nicht

eine einzige Seele erkauft werden (Ps 49,8-10; Mt 16,26).

52


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

Du hast schöne und beeindruckende Gleichnisse und Sprüche,

aber wenn du die heiligen Dinge behandelst, so wendest du

sie kindisch, ja, verkehrt an; denn du kriechst auf dem Boden

und denkst in nichts über das menschliche Fassungsvermögen

hinaus. Denn was Gott wirkt, ist weder kindisch noch bürgerlich

oder menschlich, sondern göttlich und übersteigt das menschliche

Fassungsvermögen (vgl. Phil 4,7). Zum Beispiel erkennst du

nicht, dass diese Aufstände und Sekten durch Gottes Ratschluss

und Wirken über die Welt ausgehen, und fürchtest, der Himmel

könnte einstürzen. Ich aber erkenne das dank Gottes Gnade sehr

wohl, weil ich andere, größere Übel in der künftigen Welt sehe;

verglichen mit denen erscheinen diese wie ein sanftes Säuseln eines

Lüftchens oder wie ein leises Gemurmel des Wassers.

Die Lehre aber, dass Beichte und Buße freiwillig sind, streitest

du entweder ab oder weißt nicht, dass sie Gottes Wort gemäß ist.

Das ist eine andere Frage; wir aber wissen und sind dessen gewiss,

dass es Gottes Wort ist, durch welches die christliche Freiheit fest

gegründet wird [asseritur], damit wir uns nicht durch menschliche

Überlieferungen und Gesetze in Knechtschaft verstricken.

Das haben wir anderswo ausführlich gelehrt; und wenn du es

anfechten willst, so sind wir bereit, es auch dir zu sagen oder uns

auf einen Streit einzulassen. Unsere Bücher hierüber sind nicht

wenige.

»Aber«, magst du sagen, »zugleich sind auch die Gesetze der

Päpste in Liebe zu erdulden und zu halten, wenn so vielleicht

ohne Aufruhr sowohl das ewige Heil durch das Wort Gottes als

auch der Friede der Welt bestehen bleiben können.«

Wie schon gesagt: Das ist unmöglich. Der Fürst dieser Welt

gestattet es dem Papst und seinen Bischöfen nicht, dass man ihre

Gesetze aus freien Stücken hält, sondern hat damit im Sinn, das

Gewissen einzufangen und zu binden; das kann der wahre Gott

nicht leiden. So stehen denn das Wort Gottes und die Überlieferungen

der Menschen in unversöhnlicher Feindschaft miteinander

im Krieg – das ist nichts anderes, als ob Gott selbst und

der Satan einander entgegentreten und einer des anderen Werke

53


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

zerstört und einer des anderen Lehren umstößt, als ob zwei Könige

gegenseitig ihre Reiche verwüsten. »Wer nicht mit mir ist«,

spricht Christus, »der ist gegen mich« (Mt 12,30).

Was aber die Befürchtung betrifft, dass viele, die zu Schandtaten

neigen, diese Freiheit missbrauchen werden: Das gehört

zu dem Aufruhr, von dem oben die Rede war; es ist Teil des

zeitlichen Aussatzes, den man ertragen, und des Übels, das man

erdulden muss. Man darf es nicht für so schwerwiegend halten,

dass man, um solchem Missbrauch zu wehren, das Wort Gottes

wegnimmt. Wenn auch nicht alle errettet werden können,

so doch einige, um derer willen das Wort Gottes gekommen

ist; diese lieben umso eifriger und halten umso fester zusammen.

Denn was für Übeltaten haben gottlose Menschen nicht

schon zuvor getan, ehe Gottes Wort offenbart war? Ja, was haben

sie Gutes getan? War denn die Welt nicht schon immer voll

Krieg, Betrug, Gewalttat, Zwietracht und Verbrechen aller Art,

sodass Micha den Besten unter ihnen mit einem Dornstrauch

vergleicht (Mi 7,4)? Wie, meinst du, würde er wohl die anderen

nennen?

Nun aber, da das Evangelium wieder an den Tag gekommen

ist, beginnt man ihm zur Last zu legen, dass die Welt böse ist;

denn durch das gute Evangelium kommt erst recht ans Licht, wie

böse sie war, als sie ohne Evangelium in der ihr eigenen Finsternis

lebte. Ebenso mögen es auch die Ungebildeten der Wissenschaft

zur Last legen, dass durch deren Aufblühen ihr Unwissen bekannt

wird. 51 – So also danken wir Gott für sein Wort des Lebens

und des Heils!

Wie groß aber wird wohl, meinst du, die Furcht bei den Juden

gewesen sein, als das Evangelium alle vom Gesetz Moses freisprach?

Was schien diese so große Freiheit bösen Menschen nicht

alles zu erlauben? Aber deshalb hat man das Evangelium nicht

51 Die Herausgeber der Weimarer Ausgabe merken hierzu an: »Ein feiner

Schachzug Luthers; denn eben in dieser Sache hatte ja Erasmus fortwährend

zu kämpfen.« (WA I,18, S. 628, Fußn. 1.)

54


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

verschwiegen; sondern die Gottlosen ließ man fahren, den Gläubigen

aber wurde gesagt (Gal 5,13): »Seht zu, dass ihr durch die

Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt!«

Auch dieser Teil deines Rates oder Heilmittels taugt nichts,

wo du sagst: »Es ist erlaubt, die Wahrheit zu sagen, aber sie ist

weder allen, noch jederzeit oder auf jede Weise nützlich.« Und

reichlich unpassend führst du Paulus an, der sagt: »Alles ist mir

erlaubt, aber nicht alles ist nützlich« (1Kor 6,12).

Paulus spricht dort nämlich nicht von der Lehre oder vom

Lehren der Wahrheit, wie du seine Worte verdrehst und willkürlich

deutest. Vielmehr will er, dass die Wahrheit überall, jederzeit

und auf jede Weise geredet werde, sodass er sich selbst

dann freut, wenn nur Christus gepredigt wird, sei es »in guter

Absicht« oder »aus Neid und Streit« (Phil 1,15). Das bezeugt er

auch unverhohlen mit diesem Wort (V. 18): »Wenn nur Christus

verkündigt wird auf jede Weise … so freue ich mich darüber.«

Paulus spricht in 1. Korinther 10 von Anwendung und Gebrauch

der Lehre, nämlich von denen, die sich der christlichen Freiheit

rühmten, aber das Ihre suchten und keine Rücksicht darauf nahmen,

dass sie bei den Schwachen Anstoß und Ärgernis erregten.

Die Wahrheit, das ist die christliche Lehre, muss zu allen Zeiten,

unverhohlen und beharrlich gepredigt werden; sie darf nie

gebeugt oder verheimlicht werden, denn sie ist »ein Zepter der

Aufrichtigkeit« (Ps 45,7).

Wer aber hat dir Vollmacht oder Recht verliehen, die christliche

Lehre an Ort, Personen, Zeit oder Umstände zu binden? Will

Christus doch, dass sie völlig ungehindert in aller Welt bekannt

gemacht werden und herrschen soll! Denn »Gottes Wort ist nicht

gebunden«, wie Paulus sagt (2Tim 2,9); Erasmus aber will das

Wort binden? Gott hat uns nicht sein Wort gegeben, dass man

sich Ort, Person und Zeit aussuche; denn Christus sagt: »Geht

hin in alle Welt« (Mk 16,15). Er sagt nicht wie Erasmus: »Geht

hierhin, aber dorthin nicht.« Ebenso sagt Christus: »Predigt das

Evangelium aller Kreatur«; er sagt nicht: Predigt es den einen,

den anderen nicht.

55


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Kurz: Du schreibst uns vor, bei der Verkündigung des Wortes

Gottes auf die Person, den Ort, die Art und Weise sowie die gelegene

Zeit Rücksicht zu nehmen. Dabei gehört doch gerade das

zum größten Ruhm des Wortes Gottes, dass »bei ihm kein Ansehen

der Person ist«, wie Paulus sagt (Eph 6,9; Kol 3,25), und: »Gott

achtet das Ansehen der Menschen nicht« (Gal 2,6). – Du siehst

erneut, wie unbesonnen du dich auf Gottes Wort stürzt, als ob du

deine Gedanken und Überlegungen diesem bei weitem vorziehst.

Nun, wenn wir dich bäten: »Zeige uns, wem, wo, wie und

wann die Wahrheit gesagt werden darf!« – wann würdest du es

wohl genau erklären? Eher wäre längst die Zeit vergangen, hätte

die Welt ihr Ende gefunden, 52 bis du auch nur eine feste Regel

aufgestellt hättest. Wo bliebe bis dahin das Lehramt? Wo die zu

belehrenden Seelen? Und wie könntest du es auch, da du nicht

eine feste Regel über Person, Zeit, Art und Weise kennst? Und

selbst wenn du sie reichlich kennen würdest, so kennst du doch

nicht das menschliche Herz. Es sei denn, du meinst mit Rücksicht

auf Art und Weise sowie Zeit und Person, wir sollten die

Wahrheit so lehren, dass sich der Papst nicht entrüstet, der Kaiser

nicht zürnt und Bischöfe und Fürsten sich nicht ärgern; ferner,

dass kein Aufruhr und keine Unruhe auf Erden aufkomme und

dass nicht viele Anstoß nehmen und noch schlimmer werden. –

Was das für ein Ratschlag ist, hast du schon oben gesehen; doch

du wolltest lieber mit unnützen Worten beweisen, wie groß deine

Redekunst ist, damit du nicht dazu verstummen musst.

Wie viel mehr aber sind wir elende Menschen schuldig, diese

Ehre Gott zu geben! Er kennt das Herz aller Menschen, sodass er

selbst vorschreiben kann, wie, wem und wann die Wahrheit zu sagen

sei. Denn er weiß selbst am besten, was, wann, wie und wem

gesagt werden muss. – Nun aber hat er es so vorgeschrieben: Sein

52 Lateinisch: Ante suum clauso componet tempore finem mundus. Eine Anspielung

auf Vergil, Aeneis I,375: »Ante diem clauso componet Vesper Olympus« =

»ehe Vesper [die Abendgottheit] den Tag beendet und den Olymp verschlossen

hätte«, könne Aeneas seine Geschichte nicht vollständig erzählen.

56


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

Evangelium, das für alle zum Heil notwendig ist, darf nicht auf

bestimmte Orte oder Zeiten beschränkt werden, sondern muss

allen zu jeder Zeit und an jedem Ort gepredigt werden. Und oben

habe ich bewiesen: Was in der Schrift geschrieben steht, ist so beschaffen,

dass es nötig und nützlich ist, dass man es allen darlegt

und öffentlich verkündigt. Dazu hast du auch in deiner »Paraclesis«

53 damals besser als jetzt geraten und es selber gelehrt.

Denen, die nicht wollen, dass Seelen gerettet werden, wie der

Papst und die Seinen, mag es gebühren, das Wort Gottes zu binden

und die Menschen vom ewigen Leben und vom Himmelreich

abzuhalten, damit sie selbst nicht hineingehen, noch andere

hineinlassen (Mt 23,13); ihrem Wüten dienst du, Erasmus, mit

deinem verderblichen Ratschlag.

Mit derselben Klugheit rätst du danach, man dürfe nicht

öffentlich kritisieren, wenn auf Konzilien ein falscher Lehrentscheid

getroffen wurde, damit kein Anlass gegeben würde, die

Autorität der Väter zu verachten. Natürlich gefällt es dem Papst,

dass du solches redest, und das hört er lieber als das Evangelium.

Er wäre äußerst undankbar, wenn er wiederum dich dafür nicht

mit dem Kardinalshut samt dessen Pfründen belohnen würde. 54

Was aber, Erasmus, sollen unterdessen die Seelen tun, die durch

jene ungerechte Verordnung gebunden und getötet wurden?

Geht dich das nichts an? Du aber meinst beständig (oder tust so,

als ob du es meinst), man könne neben dem reinen Wort Gottes

auch gefahrlos Menschensatzungen einhalten. Könnte man das,

würde ich mich dieser deiner Meinung bereitwillig anschließen.

Falls du es nicht erkannt hast, sage ich darum noch einmal:

Man kann nicht gleichzeitig Menschensatzungen und Gottes

Wort halten. Jene nämlich binden das Gewissen, dieses aber

53 Das heißt, »Ermahnung«; Titel des ersten Vorworts des Erasmus zu dem von

ihm herausgegebenen lateinisch-griechischen Novum Testamentum (Basel

1519).

54 Tatsächlich bot Papst Paul III. kurz nach seiner Wahl zum Papst 1534 dem

Erasmus die Kardinalswürde an; dieser lehnte sie jedoch ab.

57


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

macht es frei; und beide streiten gegeneinander wie Wasser und

Feuer, wenn man sie nicht freiwillig hält, das heißt, als unverbindliche

Gebote. Gerade das will der Papst nicht und kann es

nicht wollen, wenn er nicht will, dass seine Herrschaft vernichtet

und ihr ein Ende gemacht werden soll. Sie besteht nur aus Fesseln

und Stricken für das Gewissen, während doch das Evangelium

fest zusichert [asserit], dass es davon frei sei. Darum ist die

Autorität der Väter für nichts zu achten, und man muss ihre Satzungen

niederreißen und verwerfen, wo sie irren – wie alles, was

ohne Gottes Wort beschlossen wurde. Christus nämlich steht

über der Autorität der Väter.

Kurz gesagt: Wenn du so über Gottes Wort denkst, ist deine

Meinung gottlos; denkst du aber so über andere Dinge, dann

interessiert uns nicht, wie wortreich du disputierst und uns Ratschläge

erteilst. Wir disputieren hier über Gottes Wort.

58

7.) Ist es unnütz, Gottes Vorherbestimmung aller

Dinge zu verkünden? (630-634)

Im letzten Teil deines Vorworts, der uns von derartiger Lehre

ernsthaft abschreckt, meinst du, schon fast den Sieg davongetragen

zu haben: »Was könnte unnützer sein«, sagst du, »als dieses

Paradoxon in der Welt zu verbreiten: Was wir tun, geschehe nicht

durch unseren freien Willen, sondern durch bloße Notwendigkeit?

Und den Ausspruch des Augustinus: Gott wirke das Gute

und das Böse in uns; er belohne in uns seine guten Werke und

strafe an uns seine bösen Werke.« Wortreich gibst du, oder besser,

verlangst du hier Rechenschaft: »Wenn man eine solche Lehre

öffentlich verkündigte«, sagst du, »würde das nicht unter den

Sterblichen der Bosheit ein Fenster öffnen? Welcher Böse würde

sein Leben bessern wollen? Wer würde glauben, dass er von Gott

geliebt sei? Wer gegen sein Fleisch kämpfen?«

Mich wundert, dass du derart heftig und leidenschaftlich

wirst und gar nicht mehr daran denkst, worum es geht, statt zu


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

fragen: Wo bleibt denn da noch der freie Wille? Lieber Erasmus,

ich sage es zum wiederholten Mal: Wenn du diese Paradoxa für

menschliche Erfindungen hältst, warum streitest du dann? Was

ereiferst du dich? Gegen wen redest du? Gibt es denn heutzutage

irgendwen auf Erden, der Menschenlehren schärfer angreift als

Luther? Darum betrifft uns deine Ermahnung nicht.

Wenn du aber glaubst, dass diese Paradoxa Gottes Wort sind,

wo bleibt da dein Anstand, wo deine Scham? Wo bleibt da (ich

will es gar nicht mehr jene berühmte Bescheidenheit des Erasmus

nennen) die Ehrfurcht, die man dem wahren Gott schuldet? Wie

kannst du sagen, man könne nichts Nutzloseres reden als dieses

Wort Gottes? Aber sicher: Dein Schöpfer soll von dir, seinem

Geschöpf, lernen, was nützlich oder unnütz zu predigen sei; und

dieser törichte und ahnungslose Gott wird bisher wohl nicht gewusst

haben, was gepredigt werden muss, bis du als sein Lehrer

ihm vorgeschrieben hast, auf welche Weise man Einsicht erlangen

und Imperative geben muss – als ob er, wenn du ihn nicht

belehrt hättest, von sich aus nicht erkannt hätte, dass aus jenem

Paradoxon das folgen würde, was du daraus schließt! Wenn aber

Gott will, dass solches unverhohlen und öffentlich geredet werde

und man nicht darauf achten solle, was daraus folgt, wer bist

denn du, dass du es verbieten willst?

Der Apostel Paulus erörtert dasselbe im Brief an die Römer

nicht heimlich, sondern öffentlich und völlig unverblümt vor aller

Welt. Er sagt es sogar mit noch weit härteren Worten: »Er verstockt,

wen er will« (Röm 9,18), und wiederum (V. 22): »Da Gott

seinen Zorn erweisen wollte« usw. Was aber ist härter (das heißt,

für das Fleisch) als jenes Wort Christi (Mt 22,14): »Viele sind berufen,

aber wenige sind auserwählt«? Und wiederum: »Ich weiß,

welche ich erwählt habe« (Joh 13,18). Freilich: Wenn es nach dir

ginge, wären all diese Bibelworte so beschaffen, dass man nichts

Nutzloseres reden kann, weil gottlose Menschen dadurch in Verzweiflung,

Hass und Gotteslästerung fallen.

Wie ich sehe, bist du hier der Meinung, dass Wahrheit und

Nutzen der Schrift gemäß dem Empfinden der Menschen ab-

59


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

zuwägen und zu beurteilen sei – und zwar nach dem Empfinden

der Gottlosesten. So darf erst das wahr, göttlich und heilsam

sein, was ihnen gefällt oder erträglich scheint; was aber dem

entgegensteht, muss alsbald nutzlos, falsch und gefährlich sein.

Was kannst du mit diesem Rat wohl anderes bezwecken, als dass

Gottes Wort in der Schwebe bleibt und nach Willen und Macht

der Menschen steht und fällt? Die Schrift hingegen sagt: Alles

steht und fällt nach Gottes Macht und Willen; ansonsten gilt:

»Sei stille vor ihm, alle Welt!« (Hab 2,20).

So, wie du empfiehlst, müsste wohl jemand reden, der sich

einbildet, der lebendige Gott sei nichts anderes als ein unbedachter

hohler Schwätzer, der auf irgendeiner Tribüne eine Rede hält.

Dessen Worte könnte man, wenn man wollte, beliebig auslegen,

annehmen oder ablehnen – je nachdem, ob die Gottlosen dadurch

bewegt oder berührt würden.

Hier zeigst du offen, Erasmus, mit welcher Herzenshaltung

du zuvor geraten hast, man solle die Erhabenheit der göttlichen

Gerichte ehren. Dort nämlich, wo es um die Lehren der Schrift

geht und es durchaus nicht nötig ist, völlig Verborgenes zu verehren,

weil es solches dort nicht gibt, da drohst du uns mit vielen

frommen Worten über die Höhle von Korykos, nicht vorwitzig in

sie einzudringen. Damit hättest du uns ja beinahe gänzlich davon

abgeschreckt, die Schrift zu lesen! Sie zu lesen aber drängen und

raten uns Christus und die Apostel, wie auch du selbst an anderer

Stelle. 55 Hier aber, wo man zu mehr als nur den allgemeinen

Lehren der Schrift oder zur Höhle von Korykos kommt, sondern

tatsächlich [revera] zu den ehrwürdigen [reverenda] Geheimnissen

der göttlichen Majestät (nämlich warum Gott so handelt, wie

es von ihm heißt), da durchbrichst du alle Schranken und stürzt

dich wild darauf. Zwar kannst du es gerade noch vermeiden zu

lästern; aber welchen Unwillen zeigst du nur gegen Gott, weil

er uns keinen Einblick darin erlaubt, was Grund und Ursache

für seinen Ratschluss ist? Warum redest du dich nicht auch hier

55 U.a. in der bereits erwähnten »Paraclesis«.

60


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

mit Dunkelheit und Mehrdeutigkeit heraus? Warum enthältst du

dich hier nicht selbst, diese Dinge zu erforschen, und schreckst

andere nicht ebenfalls davon ab, da Gott doch gewollt hat, dass

sie uns verborgen sein sollen, und sie in der Schrift nicht offenbart

hat? Hier hätte man den Finger auf den Mund legen müssen, das

respektieren, was er verbirgt, die Geheimnisse seiner göttlichen

Majestät verehren und mit Paulus ausrufen: »Ja, wer bist denn du,

o Mensch, dass du mit Gott rechten willst?« (Röm 9,20).

»Wer«, fragst du, »wird sich bemühen, sein Leben zu bessern?«

Ich antworte: Kein einziger Mensch! Auch ist kein einziger

Mensch dazu fähig [vgl. Röm 8,7]. Gott nämlich schert sich nicht

um deine geistlosen Menschen-Verbesserer, weil sie Heuchler

sind. Bessern lassen sich aber die Erwählten und Frommen durch

den Heiligen Geist; die anderen werden ungebessert verloren gehen.

Denn auch Augustinus sagt nicht, dass niemandes oder aller

Menschen gute Werke belohnt würden, sondern »einiger«. Darum

ist es nicht so, dass niemand sein Leben bessern würde.

»Wer«, fragst du, »wird glauben, dass er von Gott geliebt

wird?« Ich antworte: Kein einziger Mensch wird glauben; er

kann es auch nicht. Die Auserwählten aber werden glauben; die

anderen werden ungläubig verloren gehen. Sie werden unwillig

sein und lästern, wie auch du hier tust. Demnach ist es nicht so,

dass niemand glauben würde.

Was aber das betrifft, dass diese Lehre »der Gottlosigkeit ein

Fenster öffnet«: Dann sei es so! Das gehört zu dem Aussatz, von

dem ich oben gesagt habe, man müsse ihn als das geringere Übel

ertragen. Nichtsdestoweniger öffnet eben diese Lehre für die

Frommen und Auserwählten die Pforte zur Gerechtigkeit, den

Eingang zum Himmel und den Weg zu Gott.

Was aber, wenn wir uns nun nach deinem Rat dieser Lehre

enthielten und den Menschen dieses Wort Gottes verbergen

würden? Dann würde ein jeder durch seine falsche Überzeugung

ums Heil betrogen, würde nicht lernen, Gott zu fürchten und

sich zu demütigen; durch solche Furcht aber hätte er zur Gnade

und Liebe gefunden. Dann hätten wir zwar dein Fenster fein

61


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

geschlossen, stattdessen aber für uns und für alle Scheunentore,

ja Schlünde und Abgründe nicht nur zur Gottlosigkeit geöffnet,

sondern in die Tiefen der Hölle. So würden wir selbst nicht in

den Himmel gelangen und auch andere daran hindern hineinzugehen.

Was nützt es also oder warum ist es notwendig, solche Lehren

zu verbreiten, da doch so viele Übel daraus zu erwachsen scheinen?

Darauf entgegne ich: Es würde schon genügen zu sagen,

Gott habe gewollt, dass es öffentlich gelehrt werde. Nach dem

Grund des göttlichen Willens aber darf man nicht fragen; sondern

man muss einfach anbeten und Gott die Ehre dafür geben,

dass er gerecht und allein weise ist (Röm 16,27) und deshalb niemand

Unrecht tut (vgl. Hiob 34,10-12). So kann er auch nichts

aus Torheit oder unbesonnen tun, selbst wenn es uns ganz anders

scheinen mag. Mit dieser Antwort sind die Frommen zufrieden.

Doch zu allem Überfluss will ich noch dies hinzufügen: Zwei

Gründe erfordern, dass dies gepredigt werden muss. Der erste

ist, dass unser Stolz gedemütigt und Gottes Gnade recht erkannt

werden muss; der andere ist der christliche Glaube selbst. Zuerst

einmal sagt Gott denen seine Gnade fest zu, die sich demütigen

(Spr 3,34) – das heißt, denen, die ihre Sünde beklagen und an sich

selbst verzweifeln. Kein Mensch aber kann sich gründlich genug

demütigen, ehe er nicht weiß, dass sein Heil völlig außerhalb

seiner eigenen Kräfte, Überlegungen, Bemühungen, Entschlüsse

und Werke steht, sondern ganz und gar vom Willen, Ratschluss,

Entschluss und Werk eines anderen abhängt – nämlich Gottes

allein. So lange nämlich ein Mensch überzeugt ist, er könne

zu seinem Heil auch nur das Geringste beitragen, bleibt er voll

Selbstvertrauen, statt an sich selbst völlig zu verzweifeln. Darum

demütigt er sich auch nicht vor Gott, sondern nimmt sich Ort,

Zeit oder irgendein Werk vor, durch das er hofft oder wenigstens

wünscht, am Ende das Heil zu erlangen. Wer aber nicht im Geringsten

daran zweifelt, dass alles von Gottes Willen abhängt,

der verzweifelt völlig an sich selbst, erwählt sich nichts als Mittel

zum Heil, sondern erwartet, dass Gott handelt. Ein solcher

62


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

Mensch ist der Gnade am nächsten, durch die man das Heil erlangt.

Darum werden diese Dinge um der Auserwählten willen

öffentlich gelehrt, damit sie – derart gedemütigt und zunichte

gemacht – gerettet werden. Die anderen widerstehen dieser Demütigung;

ja, sie verdammen es, dass gelehrt wird, man müsse

derart an sich selbst verzweifeln. Vielmehr wollen sie etwas übrig

behalten, das sie selbst tun können, und sei es noch so gering.

Diese bleiben insgeheim stolz und der Gnade Gottes feindlich

gesinnt. Das ist, wie ich sagte, der eine Grund: Die Frommen

sollen gedemütigt werden, um die Verheißung der Gnade zu erkennen,

Gott anzurufen und die Gnade anzunehmen.

Der andere Grund ist: Beim Glauben geht es um Dinge, die

man nicht sieht (Hebr 11,1). Damit es also Raum für den Glauben

gebe, ist es nötig, dass alles, was geglaubt wird, verborgen werde.

Nichts aber kann tiefer verborgen werden, als wenn es all unserer

Wahrnehmung und Erfahrung schnurstracks widerspricht.

Wenn daher Gott lebendig macht, dann indem er tötet; wenn

er rechtfertigt, dann indem er schuldig spricht; wenn er in den

Himmel bringt, dann indem er zur Hölle führt, wie die Schrift

sagt: »Der Herr tötet und macht lebendig, führt in die Hölle

und wieder heraus« (1Sam 2,6). Hier ist jetzt kein Raum, um darüber

ausführlicher zu sprechen. Wer unsere Schriften gelesen hat,

dem ist dies bestens bekannt. – So verbirgt Gott seine ewige Güte

und Barmherzigkeit unter dem ewigen Zorn, seine Gerechtigkeit

aber unter der Ungerechtigkeit.

Dies ist die höchste Stufe des Glaubens: zu glauben, jener sei

gütig, der doch so wenige rettet und so viele verdammt; zu glauben,

jener sei gerecht, der uns kraft seines Entschlusses verdammenswert

macht – sodass es scheint (wie Erasmus es darstellt),

ihm würden die Qualen der Verdammten Vergnügen bereiten

und er sei mehr wert, gehasst zu werden als geliebt. Wenn ich also

auf irgendeine Weise begreifen könnte, wie dieser Gott barmherzig

und gerecht sein kann, der solchen Zorn und Ungerechtigkeit

zeigt, dann wäre kein Glaube nötig. Nun aber, da man das

nicht begreifen kann, wird dem Glauben Raum gegeben, indem

63


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

solches gepredigt und verkündigt wird, nämlich: Wenn Gott tötet,

übt man im Tode den Glauben an das Leben aus. – Das nun

soll dazu vorläufig genügen.

Auf diese Weise wird denen, die sich in Disputen über diese

Paradoxa ergehen, ein besserer Rat erteilt als durch den deinen, der

du ihrer Gottlosigkeit durch Schweigen und Enthalten begegnen

willst. Doch dadurch erreichst du nichts. Denn es ist so: Glaubst

du oder vermutest du auch nur, dass es wahr ist? (Diese Paradoxa

sind nämlich durchaus von Bedeutung.) Und wie unersättlich ist

das Verlangen der Sterblichen, Geheimnisse zu erforschen, besonders

dann, wenn man sie verbergen will! Dann wirst du durch

deine öffentliche Warnung vielmehr bewirken, dass jetzt alle wissen

wollen, ob diese Paradoxa wahr sind; denn dein Widerspruch

reizt sie erst dazu an. Keiner von uns hat bisher einen so starken

Anlass gegeben, es öffentlich zu machen, wie du durch diese heftige

Warnung, die du voller Bedenken äußerst. Viel klüger hättest

du gehandelt, wenn du ganz davon geschwiegen hättest, statt vor

diesem Paradox zu warnen. Nun ist es geschehen! Da du nicht

völlig abstreitest, dass diese Dinge wahr sind, können sie nicht

verborgen bleiben; der Verdacht aber, es könnte doch wahr sein,

wird nun alle verlocken, es selbst zu erforschen. Wenn du darum

willst, dass andere schweigen sollen, so leugne entweder, dass jene

Dinge wahr sind, oder schweige du zuerst!

64

8.) Die Spontaneität vorherbestimmter Taten

(634-635)

Zum anderen Paradox: Was auch immer von uns aus geschieht,

geschieht nicht aus freiem Willen, sondern aus reiner Notwendigkeit.

Betrachten wir es kurz; denn wir wollen nicht hinnehmen,

dass man sagt, dies sei eine höchst schädliche Lehre. Hierzu sage

ich: Wenn das bewiesen ist, dass unser Heil nicht von unsren

Kräften und Entschlüssen abhängt, sondern allein von Gottes

Werk – was ich später im Hauptteil dieser Abhandlung zu bewei-


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

sen hoffe –, folgt dann daraus nicht eindeutig: Wenn Gott nicht

in uns wirkt, ist alles böse, was wir tun, und: Was wir notwendigerweise

wirken, trägt nichts zum Heil bei? Denn wenn nicht wir,

sondern Gott allein das Heil in uns wirkt, so rettet nichts, was wir

vor seinem Werk tun – ob wir es wollen oder nicht.

»Notwendigerweise« sage ich, nicht »gezwungenermaßen«;

sondern es wie jene nennen: »aus unveränderlicher Notwendigkeit,

nicht aus erzwungener«. Das heißt: Wenn der Mensch

den Geist Gottes nicht hat, wird er freilich nicht mit Gewalt,

gleichsam an der Gurgel gepackt hingerissen, und tut gegen seinen

Willen Böses, als ob man einen Dieb oder Räuber gegen

dessen Willen seiner Strafe zuführt; sondern er tut es freiwillig

und gerne. Diese Lust aber oder dieser Wille, Böses zu tun, kann

er nicht aus eigenen Kräften unterlassen, im Zaum halten oder

ändern, sondern fährt willentlich und gerne damit fort. Wenn

er auch äußerlich mit Gewalt gezwungen werden sollte, anders

zu handeln, so bleibt doch der Wille innerlich dem feindlich gesinnt

und entrüstet sich über den, der ihn zwingt oder hindert.

Er würde sich aber nicht entrüsten, wenn er verändert würde und

der Gewalt freiwillig folgte. Eben das nennt man »unveränderliche

Notwendigkeit«, das heißt: Der Wille kann sich unmöglich

ändern oder anderswohin wenden, sondern man reizt ihn nur

noch mehr zum Wollen, wenn man ihm Widerstand leistet; das

beweist seine Entrüstung. Das geschähe nicht, wenn er frei wäre

oder der Mensch einen freien Willen hätte.

Du weißt ja aus Erfahrung, wie unmöglich die zu überzeugen

sind, die leidenschaftlich einer Meinung anhängen. Wenn

sie von ihr weichen, dann weichen sie nur der Gewalt oder wenn

ihnen daraus ein größerer Vorteil erwächst, doch niemals freiwillig.

Wenn sie aber nicht so leidenschaftlich gesinnt sind, dann

lassen sie alles gehen und geschehen, was auch immer gehen und

geschehen mag.

Andererseits wiederum: Wenn Gott in uns wirkt, dann will

und handelt der Wille, der durch den Heiligen Geist verändert

und sanft angehaucht wurde – nicht gezwungen, sondern aus

65


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

reiner Lust und Neigung, sodass ihn keine Widerwärtigkeit jemals

ändern kann. Selbst die Pforten der Hölle können ihn nicht

überwinden oder zwingen, sondern er fährt fort, das Gute zu

wollen, daran Gefallen zu haben und es zu lieben – so, wie er

vorher das Böse gewollt, daran Gefallen gehabt und es geliebt

hat. Das beweist erneut die Erfahrung, wie unüberwindlich und

standhaft die heiligen Männer sind, wenn man sie mit Gewalt

zu etwas anderem zwingen will: Sie werden dadurch nur noch

mehr dazu gereizt, das Gute zu wollen, so wie das Feuer durch

den Wind vielmehr angefacht statt ausgelöscht wird. Somit gibt

es auch hier weder eine Freiheit noch eine freie Wahl, sich anderswohin

zu wenden oder etwas anderes zu wollen, solange der

Geist und die Gnade Gottes im Menschen dauerhaft bleiben.

Kurz: Wenn wir ohne das Werk und den Geist des wahren

Gottes unter dem Gott dieser Welt stehen, dann werden wir gefangen

gehalten, um dessen Willen zu tun, wie Paulus an Timotheus

schreibt (2Tim 2,26). Dann können wir nur das wollen, was

er will; denn er ist der »starke Gewappnete«. Er bewacht sein Haus

so, dass die Seinen in Frieden sind (Lk 11,21), damit in ihnen keinerlei

Erregung oder Empfindung gegen ihn aufkomme. (Sonst

wäre das Reich Satans zerteilt und bliebe nicht bestehen, wogegen

doch Christus versichert, dass es Bestand habe, V. 18.) Und

das tun wir willig und gerne, wie es der Natur des Willens entspricht;

denn würde er gezwungen, dann wäre er kein Wille mehr

[voluntas], weil Zwang vielmehr sozusagen ein Nicht-Wollen ist

[noluntas]. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt, ihn besiegt

und uns als Beute wegführt (V. 22), sind wir wiederum durch den

Heiligen Geist dessen Sklaven und Gefangene – was aber eine königliche

Freiheit ist, sodass wir gerne wollen und tun, was er will.

So ist der menschliche Wille mittendrein gestellt wie ein

Maultier: 56 Wenn Gott ihn reitet, will und geht er, wie Gott will,

56 Nach Hypomnesticon contra Pelagianos et Caelestianos 3,11,20 (»Kommentar

gegen die Pelagianer und Coelestinianer«), lange Zeit fälschlich Augustinus

zugeschrieben.

66


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

wie ein Psalm sagt (Ps 73,22f): »Ich war wie ein Tier vor dir.

Dennoch bleibe ich stets an dir …« Wenn ihn der Teufel reitet,

will und geht er, wie der Teufel will, und er hat nicht die freie

Wahl, zu einem der beiden Reiter zu laufen oder ihn zu suchen;

sondern die Reiter selbst kämpfen darum, ihn zu erlangen und

zu besitzen.

9.) Ein Wille, der ohne Gnade keine Macht hat, ist

nicht frei (635-638)

Was aber, wenn ich beweisen werde, dass es keinen freien Willen

gibt – aus deinen eigenen Worten, mit denen du fest behauptest

[asseris], es gebe ihn? Wenn ich dich überführe, dass du dummerweise

genau das leugnest, was du mit so großer Klugheit zu

behaupten versuchst? Freilich: Wenn ich das nicht zustande bringe,

dann schwöre ich, dass alles widerrufen sein soll, was ich in

diesem ganzen Büchlein gegen dich schreibe, und alles bestätigt,

was deine Diatribe gegen mich behauptet wie erstrebt.

Du billigst der Macht des freien Willens derart wenig zu, dass

sie ohne Gottes Gnade ganz und gar nichts vermag. Musst du

das nicht zugestehen? Nun frage und bitte ich dich: Wenn Gottes

Gnade nicht da ist oder von jener ganz geringen Fähigkeit 57 getrennt

ist, was kann diese dann tun? Sie vermag nichts, sagst du,

und tut nichts Gutes. Also wird sie nicht tun, was Gott oder seine

Gnade will; denn wir haben ja oben vorausgesetzt, dass Gottes

Gnade davon getrennt ist. Was aber Gottes Gnade nicht tut, ist

nicht gut. Daraus folgt, dass der freie Wille ohne Gottes Gnade

durchaus nicht frei ist, sondern unabänderlich ein Gefangener

und Sklave des Bösen, weil er nicht fähig ist, sich von selbst dem

Guten zuzuwenden.

57 Für »Macht«, »Kraft« und »Fähigkeit« steht hier im Lateinischen jeweils dasselbe

Wort. Der deutsche Sprachgebrauch zwingt zu einer differenzierten

Übersetzung; oft von anderen auch mit »Vermögen« übersetzt.

67


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

Wenn dies feststeht, dann will ich dir zubilligen, dass du die

Fähigkeit des freien Willens nicht nur für sehr gering hältst; mache

sie doch zu einer engelgleichen Kraft, ja mache sie, wenn du

kannst, zu einer ganz göttlichen; doch wenn du ihr diesen armseligen

Zusatz beifügst und sagst, sie könne ohne Gottes Gnade

nichts bewirken, dann hast du ihr sogleich alle Kraft genommen.

Denn was ist eine Fähigkeit, die nichts kann, anderes als Unfähigkeit?

Darum: zu sagen, es gebe einen freien Willen, und er habe eine

Kraft, die aber unwirksam sei, ist das, was die Sophisten einen

Widerspruch in sich selbst nennen – als ob du sagen würdest: »Es

gibt einen freien Willen, der nicht frei ist«, oder als ob du Feuer

kalt nennen würdest und die Erde warm. 58 Denn wenn auch das

Feuer die Kraft der Hitze oder gar der Hölle besäße, aber weder

heiß wäre noch brennen würde, sondern kalt wäre und kalt

machte, dann soll es mir niemand Feuer nennen, noch weniger

»warm«, es sei denn, du willst etwas Gemaltes oder Eingebildetes

für Feuer halten.

Aber wenn wir das die Fähigkeit des freien Willens nennen

würden, aufgrund derer der Mensch befähigt ist, von Gottes

Geist ergriffen und mit Gottes Gnade erfüllt zu werden (wie ein

jeder entweder zum ewigen Leben oder zum ewigen Tod geschaffen

ist), so wäre das recht geredet. Denn diese Kraft, das heißt,

Fähigkeit oder – wie es die Sophisten nennen – »verordnete Eigenschaft«

[dispositivam qualitatem] und »passive Fähigkeit« [passivam

aptitudinem], gestehen auch wir dem Menschen zu. Denn

wer wüsste nicht, dass sie weder den Bäumen noch den Tieren

gegeben ist? Denn »nicht für die Gänse hat er den Himmel geschaffen«,

wie man sagt.

Fest steht also auch nach deinem eigenen Zeugnis: Wir Menschen

tun alles aus Notwendigkeit und nichts aus freiem Willen;

denn die Kraft des freien Willens ist nichts, wirkt nichts und

58 In der antiken Vier-Elemente-Lehre ordnete man dem »Element« Erde die

Eigenschaft »kalt« zu.

68


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

vermag nichts Gutes, wenn die Gnade Gottes nicht da ist. Es sei

denn, du wolltest (was ich aber nicht glaube) dem Wort »Wirksamkeit«

eine neue Bedeutung im Sinne von »vollkommenem

Vollbringen« geben, so als ob der freie Wille zwar etwas anfangen

und wollen, aber nicht vollbringen könne. – Darüber werde

ich später noch ausführlicher reden.

Hieraus folgt nun: »Freier Wille« ist eine rein göttliche Bezeichnung,

die keinem anderen zustehen kann als allein der Majestät

Gottes; denn wie der Psalm besingt: »Alles, was er will, das

tut er, im Himmel und auf Erden« (Ps 135,6). Wenn man dies

dem Menschen zuschreiben würde, dann wäre es nicht weniger

recht, ihm auch gleich die Gottheit selbst zuzuschreiben. Eine

größere Gotteslästerung als diese könnte es nicht geben. Deshalb

hätte es den Theologen gebührt, auf dieses Wort zu verzichten,

wenn sie von einer menschlichen Fähigkeit reden wollten,

und es allein Gott vorzubehalten. Daraufhin hätten sie es aus

dem Mund und Sprachgebrauch der Menschen entfernen und

als heiligen, ehrwürdigen Ausdruck für ihren Gott geltend machen

sollen. Und wenn sie den Menschen überhaupt irgendeine

Fähigkeit zubilligen wollten, dann hätten sie lehren sollen, es mit

einem anderen Wort als »freier Wille« zu benennen – zumal uns

bekannt ist und vor Augen steht, dass das Volk mit diesem Wort

jämmerlich betrogen und verführt wird; denn es versteht und

begreift es ganz anders, als es die Theologen meinen, wenn sie

darüber disputieren.

Es ist nämlich das Wort »freier Wille« überaus herrlich, äußerst

schwerwiegend und bedeutsam; das Volk versteht darunter,

dass es die Fähigkeit bezeichnet (wie denn auch Inhalt und Wesen

des Wortes erfordern), sich frei hierhin oder dorthin wenden

zu können, und die von niemand abhängig oder niemand unterworfen

ist. Wenn nun das Volk wüsste, dass sich dies anders

verhält, dass kaum auch nur ein Fünkchen davon gemeint ist und

dass der freie Wille an sich völlig unwirksam ist, ein Gefangener

und Sklave des Teufels: dann wundert es schon, dass sie uns

nicht als Verführer und Betrüger steinigen, die ganz anders re-

69


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

den, als sie es meinen, ja, wobei noch nicht einmal feststeht oder

Einigkeit besteht, was wir meinen. Denn wer wie ein Sophist redet,

sagt der Weise, ist hassenswert (vgl. Spr 6,16-19) – besonders,

wenn er dies in Sachen des Glaubens tut, wo das ewige Heil in

Gefahr steht.

Da wir also die Bedeutung und den Inhalt eines so herrlichen

Wortes verloren, ja, niemals gehabt haben (was die Pelagianer 59

haben wollten, die ebenfalls durch dieses Wort betrogen wurden),

warum halten wir dann noch so hartnäckig an an einem

leeren Wort fest, wodurch das gläubige Volk gefährdet und betrogen

wird? Das ist keine andere Weisheit als die von Königen und

Fürsten, die leere Titel von Reichen und Regionen beibehalten,

für sich in Anspruch nehmen oder sich ihrer rühmen, während sie

indes fast bettelarm sind und kaum mehr besitzen als eben jene

Reiche und Regionen. Aber das ist erträglich, weil sie niemand

täuschen oder trügen, sondern sich selbst an diesem Nichtigen

ergötzen, freilich ohne Gewinn. – Hier aber steht das Heil in Gefahr,

und es handelt sich um den verbrecherischsten Betrug.

Wer würde einen solchen stümperhaften Worterneuerer

nicht verlachen oder vielmehr hassen, der gegen den allgemeinen

Sprachgebrauch eine solche Redeweise einzuführen versuchte,

dass er einen Bettler reich nennen würde – nicht etwa, weil er

irgendwelchen Reichtum hätte, sondern weil vielleicht irgendein

König ihm etwas aus seinem Besitz schenken könnte? Und er

würde das ganz ernst meinen, nicht als rhetorisches Stilmittel,

etwa als Antiphrase 60 oder Ironie? Oder wenn er einen Todkranken

vollkommen gesund [sanum] nennen würde, das allerdings

[sane], weil irgendein anderer ihm Gesundheit verleihen könnte?

59 Der Pelagianismus, benannt nach dem Augustinus-Gegner Pelagius (ca.

350 – 420), lehrt, dass der Mensch von Natur aus nicht durch die Erbsünde

verdorben sei und deshalb einen unbeeinträchtigten freien Willen habe. Eine

abgemilderte, heute unterschwellig stark verbreitete Auffassung ist der Semipelagianismus,

der zwar die Erbsünde anerkennt, aber eine völlige Verdorbeneheit

des Menschen ablehnt.

60 Rhetorische Stilfigur, die das genaue Gegenteil des Gesagten meint.

70


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

Desgleichen, wenn er einen völlig ungelehrten Laien hochgebildet

nennen würde, weil irgendein anderer ihm vielleicht Wissen

vermitteln könnte? So klingt es auch hier: Der Mensch hat einen

freien Willen – das allerdings nur, wenn Gott ihm den seinigen

abtreten würde.

Durch diesen Missbrauch der Sprache könnte sich jeder Beliebige

aller beliebigen Dinge rühmen, wie etwa, er sei Herr des

Himmels und der Erde – wenn Gott ihm das schenken würde.

Aber so etwas steht Theologen nicht zu, sondern Gauklern und

Betrügern. Unsere Worte müssen zuverlässig, rein und nüchtern

sein, und, wie Paulus sagt, »heilsam und untadelig« (Tit 2,8).

Wenn wir nun diesen Begriff [»freier Wille«] nicht völlig aufgeben

wollen (was am sichersten und am frömmsten wäre), dann

müssen wir lehren, dass man ihn nur gewissenhaft verwenden

kann, insofern man sagt: Dem Menschen ist eine Wahlfreiheit

zuzugestehen, doch nicht bei Dingen, die über ihm stehen, sondern

nur bei Dingen, die ihm untergeordnet sind. Das heißt: Er

soll wissen, dass er das Recht hat, sein Vermögen und Besitz nach

seinem freien Willen zu gebrauchen, zu erwerben und loszulassen

(obwohl auch selbst das durch Gottes freien Willen regiert wird,

wie es ihm gefällt). Aber Gott gegenüber oder in den Dingen,

die Heil und Verdammnis betreffen, hat er keinen freien Willen,

sondern ist gefangen, unterworfen und ein Sklave – entweder des

Willens Gottes oder des Willens des Teufels.

10.) Schluss dieses Abschnittes (638-639)

Das habe ich über die Hauptpunkte deines Vorworts gesagt, die

beinahe den gesamten Gegenstand umfassen, fast mehr noch als

nachher der Hauptteil des Buches. Aber dennoch ist es insgesamt

so beschaffen, dass man es mit dieser Zwickmühle [dilemma] 61

61 Ein rhetorisches Mittel, das den Gegner zur Wahl zwischen zwei Alternativen

zwingt, von denen ihn jede widerlegt.

71


Vom unfreien Willen · Kapitel 2

kurz erledigen kann: Entweder beklagt sich dein Vorwort über

Gottes Worte oder über Menschenworte. Wenn über Menschenworte,

dann wurde es ganz vergeblich geschrieben und geht uns

nichts an; wenn über Gottes Worte, dann ist es von Anfang bis

Ende gottlos. Deshalb wäre es nützlicher gewesen, es hätte davon

gesprochen, ob wir hier über Worte Gottes oder Menschenworte

disputieren. Aber vielleicht werden das ja die nachfolgende Einleitung

der Diatribe und der Hauptteil selbst behandeln.

Was du aber am Ende deines Vorwortes wiederholst, richtet

nichts aus. So etwa nennst du unsere Lehren »Fabeln« und »unnütz«;

man müsse dem Vorbild des Paulus folgen und Christus

als den Gekreuzigten predigen; die Weisheit sei unter den Vollkommenen

zu lehren. Die Schrift passe ihre Ausdrucksweise der

Art ihrer Zuhörer an; daraus ziehst du den Schluss, es sei der

Weisheit und Liebe des Lehrenden überlassen, dass er lehre, was

dem Nächsten nützt.

Das alles redest du töricht und ignorant. 62 Denn auch wir

lehren nichts außer Jesus als den Gekreuzigten; der gekreuzigte

Christus aber bringt all das mit sich, und zwar bis hin zu jener

»Weisheit unter den Vollkommenen«. Denn es ist keine andere

Weisheit unter den Christen zu lehren als die, die im Geheimnis

verborgen ist und den Vollkommenen gehört, nicht den Kindern

des jüdischen Volkes, das dem Gesetz nacheifert und sich ohne

Glaube seiner Werke rühmt, wie Paulus sagt (1Kor 2,6) – es sei

denn, du wolltest unter »Christus als gekreuzigt zu lehren« nichts

anderes verstehen, als dass diese Worte erschallen: »Christus ist

gekreuzigt.«

Ferner sagst du: Dass Gott zürne, vor Wut rase, hasse, betrübt

sei, sich erbarme, dass ihn etwas gereue – von alledem treffe eigentlich

nichts auf Gott zu. Das nenne ich Probleme suchen, wo

62 Andere übers. »unwissend«; lat. ignorans. Luther benutzt dieses Wort bereits

im heute gebräuchlichen Sinne von »ignorant«, das heißt, neben »(unverschuldet)

unwissend« auch »absichtlich unwissend« oder »nicht wahrhaben

wollend« (nachweisbar ab dem frühen 16. Jh.).

72


Antwort auf das Vorwort der Diatribe

keine sind. 63 Denn weder verdunkeln diese Dinge die Schrift,

noch muss man sie verschiedenen Hörern anpassen – es sei denn,

man schaffe gerne Dunkelheit, wo keine ist. Es sind nämlich

Dinge, die die Grammatik betreffen, Komposita und Redewendungen,

die jedes Kind kennt. Wir aber behandeln hier nicht

Gebilde der Grammatik, sondern Fragen der Dogmatik.

63 Wörtl. »einen Knoten in der Binse suchen«; eine lateinische Redewendung

aus Terenz, Andria 5,4,38. Im Gegensatz zu den Süßgräsern sind die Halme

der Binsen, die zu den Sauergräsern gehören, nicht durch Knoten geteilt.

73


Kapitel 3

Antwort auf die

Einleitung der Diatribe

1.) Die Autorität der Kirchenväter kann den freien

Willen nicht beweisen (639-649)

In der Einleitung deiner Diatribe versprichst du, allein anhand

der kanonischen Schriften zu argumentieren, weil Luther sich an

keines anderen Schriftstellers Autorität binden lassen will.

Das gefällt mir, und ich nehme diese Zusage an. Du gibst sie

zwar nicht deshalb, weil du der Ansicht wärst, dass diese Schriftsteller

zur Sache nicht dienlich seien, sondern weil du keine vergebliche

Mühe auf dich nehmen willst. Meine »Kühnheit« (oder

wie man meinen Grundsatz [»allein die Heilige Schrift«] auch

sonst nennen mag) schätzt du nämlich nicht hoch genug. Denn

es bewegt dich doch gewaltig »die sehr lange Reihe höchst gelehrter

Männer, die man jahrhundertelang einstimmig anerkannt

hat; unter ihnen waren die besten Kenner der Schrift, ebenso

die heiligsten Männer, einige davon Märtyrer, viele berühmte

Wundertäter«; dazu die neueren Theologen, so viele Hochschulen,

Konzilien, Bischöfe, Päpste – kurz: Auf deiner Seite stehen

Gelehrsamkeit, hohe Begabung, Menge, Größe, Höhe, Tapferkeit,

Heiligkeit, Wunder, und was auch immer noch. Auf meiner

Seite aber steht allein Wyclif, außerdem noch Laurentius Valla –

obwohl auch Augustinus, den du übergehst, ganz der Meine ist.

Aber diese fallen gegenüber jenen gar nicht ins Gewicht. Übrig

bleibt nur Luther – ein Privatmann [privatus], 64 ein neugebore-

64 Das heißt, Luthers Meinung sei nur eine vereinzelte Privatmeinung im Gegensatz

zum allgemeinchristlichen Konsens.

74


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

nes Kindlein [nuper natus], 65 samt seinen Freunden, die weder so

hoch gebildet sind, noch so hoch begabt, zahlreich oder bedeutend,

weder so heilig noch solche Wundertäter, »dass sie nicht

einmal ein lahmes Pferd heilen können«. Sie verwiesen ebenso

wie ihre Gegner auf die Schrift, obwohl sie diese für zweifelhaft

hielten; daraufhin bemühten sie den Geist, den sie doch nirgends

erweisen könnten; und noch sehr viel mehr könntest du geltend

machen, wenn du es aufzählen wolltest.

So gehst du mit uns nicht anders um als der Wolf mit der

Nachtigall, der zu ihr sagt, nachdem er sie verschlungen hat:

»Schön singen kannst du, weiter nichts.« Sie reden nämlich, sagst

du, allein zu dem Zweck, dass man ihnen glaube.

Ich gestehe, lieber Erasmus, dass all das dich nicht ohne

Grund beeindruckt; hat doch eben das mich über zehn Jahre

so beeindruckt, dass ich glaube, es gibt niemand anderen, der

davon ebenso beeindruckt worden ist. Es schien selbst mir unglaublich,

dass dieses unser Troja, das so lange Zeit in so vielen

Kriegen unbesiegt geblieben war, jemals besiegt werden könne.

Und ich rufe Gott zum Zeugen gegen meine Seele an: Ich hätte

darin verharrt und es würde mich noch heute derart beeindrucken,

wenn nicht mein Gewissen und die Beweislage mich zwängen,

auf die Gegenseite zu wechseln. Du magst freilich denken,

dass ich kein Herz aus Stein habe; und wenn es aus Stein wäre, so

hätte es erweichen können, als so große Fluten und Brandungen

darauf einstürmten und es bedrängten. Als ich es nämlich wagte,

musste ich anschließend erkennen, dass alle Autorität jener, die

du aufzählst, wie eine Sintflut über mein Haupt hereinbrechen

würde.

Doch hier ist nicht der rechte Ort, um die Geschichte meines

Lebens und meiner Werke zu erzählen, noch sich selbst zu empfehlen,

sondern um die Gnade Gottes zu preisen. Wer ich bin,

durch welchen Geist und nach wessen Ratschluss ich in diese

65 Im Gegensatz zur (vorgeblich oder tatsächlich) Jahrhunderte alten Tradition

der römischen Kirche.

75


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

Sache hineingerissen wurde – das befehle ich dem an, der weiß,

dass all dies nach seinem und nicht nach meinem Willen geschehen

ist (obgleich auch die Welt das schon längst gemerkt haben

sollte). Du bringst mich aber durch dieses Vorwort in die unangenehme

Lage, dass ich mich kaum herauswinden kann, ohne

mich selbst zu rühmen und so viele Väter zu tadeln; doch kurz

gesagt: An Gelehrsamkeit, Verstand, Menge, Ansehen und allem

anderen stehe ich ihnen nach, wie auch du urteilst.

Was aber der Erweis des Geistes sei, was Wunderwerke, was

Heiligkeit – soweit ich dich aus deinen Briefen und Büchern kenne,

würdest du dich als zu unerfahren und unwissend erweisen,

um dazu auch nur eine Silbe sagen zu können. Oder wenn ich

hartnäckig verlangen würde, dass du mir sicher zeigst, wer von

den Genannten ein Heiliger war oder noch ist, oder dass er den

Heiligen Geist gehabt oder wahre Wunder gewirkt habe, dann

glaube ich, würdest du dich reichlich, aber vergeblich mühen. Du

redest vieles, was man üblicherweise und allgemein annimmt; du

glaubst aber nicht, wie viel das an Glaubwürdigkeit und Ansehen

verliert, wenn es vor den Richterstuhl des Gewissens gestellt

wird. Das Sprichwort ist wahr: »Auf Erden gilt gar mancher heilig,

der längst schon in der Hölle schmort.«

Aber wenn du willst, lass uns annehmen, dass sie alle heilig

waren, dass sie alle den Geist hatten und dass sie alle Wunder

wirkten (was du noch nicht einmal verlangst). Dann sage mir

doch dies: War irgendeiner von ihnen im Namen oder kraft des

freien Willens heilig, ein Geistbegabter oder Wundertäter? »Das

sei ferne«, wirst du sagen; »sondern im Namen Jesu Christi und

für die Lehre Christi ist all das geschehen.« – Warum führst du

dann ihre Heiligkeit, Geistbegabung und Wundertaten als Beleg

für die Lehre vom freien Willen an, wenn sie dafür weder gegeben

noch gewirkt wurden? Die Wunder, Geistbegabung und

Heiligkeit jener Männer sprechen darum für uns, die wir Jesus

Christus predigen, nicht aber Kräfte oder Werke von Menschen.

Was wundert es, wenn die, die heilig, geistlich und Wundertäter

waren, zuweilen unversehens vom Fleisch übereilt wurden

76


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

und nach dem Fleisch redeten und handelten, wie es sogar den

Aposteln widerfuhr, die unter Christus selbst waren, und das

mehr als einmal? Denn auch du leugnest nicht, sondern bekräftigst

[asseris], dass der freie Wille keine Frage des Geistes oder

Christi sei, sondern eine menschliche; somit kann jedenfalls der

Geist, der verheißen wurde, damit Christus verherrlicht werde,

unmöglich den freien Willen predigen. Wenn daher die Väter

manchmal den freien Willen gepredigt haben, dann haben sie

(da sie ja Menschen waren) mit Sicherheit aus dem Fleisch geredet,

nicht aus dem Geist; noch weit weniger haben sie ihn mit

Wundern bestätigt. Darum ist töricht, 66 was du von der Heiligkeit,

dem Geist und den Wundern der Väter bemühst; denn es

beweist nicht die Lehre vom freien Willen, sondern die Lehre

Jesu Christi gegen den freien Willen.

Doch nun kommt her, ihr Vertreter des freien Willens, die ihr

behauptet, eine derartige Lehre sei wahr, das heißt, vom Geist

Gottes: Beweist noch mehr, dass ihr den Geist habt; wirkt Wunder;

erweist eure Heiligkeit! Zweifellos seid ihr das uns schuldig,

die wir den freien Willen bestreiten. Von uns, die wir ihn bestreiten,

darf man Geist, Heiligkeit und Wunder nicht zum Beweis

fordern; von euch aber, die ihr ihn bekräftigt [asseritis], muss

man solches fordern. Denn die verneinende Seite stellt nichts auf,

ist nichts und trägt nicht die Beweislast; das aber obliegt der Seite,

die etwas behauptet. Ihr behauptet, dass der freie Wille Kraft

besitze und ein menschliches Ding sei; aber bis jetzt hat man

noch nie gesehen oder gehört, dass Gott ein Wunder geschehen

lassen hätte, um irgendeine Lehre über menschliche Dinge zu

bestätigen, sondern allein, um eine Lehre in göttlichen Dingen

zu bestätigen. Uns aber ist geboten, keinerlei Lehre anzunehmen,

die nicht zuvor durch göttliche Zeichen bewiesen wurde (5Mo

18,22). Ja, die Schrift bezeichnet den Menschen sogar als Nichtigkeit

und Lüge, was nichts anderes heißt, als dass alle Menschen

66 Lateinisch mehrdeutig ineptus = töricht, dumm, unbrauchbar, ungeeignet,

unpassend, unsinnig.

77


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

Lügner und vergänglich sind. 67 Wohlan denn: Macht euch dran,

sage ich; beweist, dass eure Lehre über die menschliche Nichtigkeit

und Lüge die Wahrheit ist! Wo ist hier ein Erweis des

Geistes? Wo die Heiligkeit? Wo die Wunder? Hohe Begabung,

Gelehrsamkeit und Ansehen sehe ich; aber das hat Gott auch den

Heiden gegeben.

Doch wollen wir euch nicht zu großen Wunderwerken zwingen,

auch nicht einmal, ein lahmes Pferd zu heilen; nicht, dass

ihr eure Unfähigkeit dazu damit begründet, es sei eine »fleischliche

Zeit«. Gott aber pflegt ohne Rücksicht auf fleischliche Zeiten

seine Lehren mit Wundern zu bestätigen; denn er lässt sich

nicht dadurch beeinflussen, was fleischliche Zeiten vermögen

oder nicht vermögen, sondern allein durch reine Barmherzigkeit,

Güte und Liebe zu den Menschen, die durch die feststehende

Wahrheit befestigt werden sollen – zu seiner Ehre.

Euch sei die Wahl gegeben: Wirkt ein Wunder, irgendeines,

und sei es noch so klein! Ja, ich will euren Baal reizen, verspotten

und herausfordern: Erschafft im Namen und in der Kraft des

freien Willens auch nur einen Frosch, von denen doch die heidnischen

und gottlosen Zauberer in Ägypten so viele hervorbringen

konnten (2Mo 8,1-3)! Denn mit dem Läusemachen will ich

euch verschonen, weil auch jene sie nicht zuwege bringen konnten

(2Mo 8,14). 68 Ich will euch etwas Leichteres bitten: Fangt nur

einen Floh oder nur eine Laus! (Denn ihr versucht und verspottet

unseren Gott damit, dass wir ein lahmes Pferd heilen sollen.)

Und wenn ihr mit allen vereinten Kräften unter Aufbietung aller

Anstrengung (sowohl der eures Gottes als auch von euch allen)

dieses Tierchen im Namen und in der Kraft des freien Willens

töten könnt, dann sollt ihr gewonnen haben und eure Sache soll

erwiesen sein. Dann wollen wir kommen und jenen Gott anbeten,

den wunderbaren Läusetöter. Nicht, dass ich in Abrede

67 Pred 1,9; 3,19; 12,8; Ps 116,11; Röm 3,4.

68 Neuere Bibelausgaben übersetzen statt »Läuse« korrekter »Mücken« (so auch

die Lutherbibel seit der Revision von 1912).

78


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

stellen wollte, dass ihr auch Berge versetzen könnt; aber es ist

eine Sache, zu sagen, dass etwas in der Kraft des freien Willens

geschehen sei, und eine andere, das auch zu beweisen.

Was ich aber von den Wunderwerken gesagt habe, dasselbe

sage ich auch von der Heiligkeit. Wenn ihr in einer so großen

Reihe von Jahrhunderten, von Männern und von allem, was du

erwähnt hast, auch nur ein Werk aufzeigen könnt (sei es auch

nur, einen Strohhalm von der Erde aufzuheben), ein Wort (sei

es auch nur die Silbe »my«) oder nur einen Gedanken aus der

Kraft des freien Willens (sei es auch nur der schwächste Seufzer),

wodurch sie sich der Gnade zugewandt, den Geist verdient, Vergebung

der Sünde erlangt oder mit Gott verhandelt hätten, und

sei es auch noch so wenig (ganz zu schweigen davon, wodurch

sie geheiligt sein sollen): dann sollt ihr gewonnen haben und wir

verloren.

Ich sage: »im Namen und in der Kraft des freien Willens«;

was nämlich im Menschen kraft göttlicher Schöpfung geschieht,

davon legt die Schrift im Überfluss Zeugnis ab. Und sicherlich

seid ihr schuldig, dies zu beweisen, damit man euch nicht als

lächerliche Lehrer ansieht, die ihr voller Stolz und Autoritätsgehabe

Dogmen darüber in der Welt verbreitet, für die ihr keinerlei

Beweis erbringen könnt. Denn diese Lehren wird man Träume

nennen, die nichts zur Folge haben – was doch für die gelehrtesten,

heiligsten und wundertätigen Leute so vieler Jahrhunderte

die allergrößte Schande wäre. Dann werden wir euch die Stoiker

vorziehen, die zwar ebenfalls einen idealen Weisen beschrieben,

wie sie ihn nie gesehen haben; dennoch haben sie sich zum Teil

reichlich bemüht, ihn anschaulich darzustellen. Ihr aber könnt

nichts, nicht einmal einen Schatten eurer Lehre beweisen.

So sage ich vom Heiligen Geist her: Wenn ihr von allen Verfechtern

[assertoribus] des freien Willens auch nur einen vorweisen

könnt, der so viel Geisteskraft oder so wenig Begierde hätte,

dass er im Namen und in der Kraft des freien Willens auch nur

einen Heller [obolus] hätte verachten können, einen guten Fang

[bolus] entbehren, ein Wort oder eine Geste der Beleidigung hätte

79


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

ertragen können (denn von der Verachtung des Reichtums, des

Lebens und des guten Rufs will ich nichts sagen), dann sollt ihr

wiederum den Sieg haben und wir wollen uns gerne geschlagen

geben. Und ausgerechnet ihr müsst uns das entgegenhalten, die

ihr den Mund so voll nehmt und die Kraft des freien Willens

rühmt! So müsst ihr wiederum als solche erscheinen, die entweder

um des Kaisers Bart streiten, oder wie jemand, der in einem

leeren Theater Spiele ansehen will.

Ich aber kann euch leicht das Gegenteil beweisen: So oft nämlich

die heiligen Männer, derer ihr euch rühmt, vor Gott traten,

um zu ihm zu beten oder mit ihm zu verhandeln, kamen sie in

völligem Vergessen ihres freien Willens daher, verzweifelten sie

an sich selbst und erbaten für sich nichts als nur die reine Gnade,

da sie bei weitem anderes verdient hätten. Das hat Augustinus oft

getan, und so hat es Bernhard von Clairvaux gemacht, der kurz

vor seinem Tode sagte: »Ich habe meine Zeit vertan [perdidi],

denn ich habe verdammenswert [perdite] gelebt.« 69

Ich kann nicht erkennen, dass hier eine Fähigkeit geltend gemacht

würde, kraft derer man sich der Gnade zuwendet; sondern

alle Fähigkeiten werden verdammt, weil sie nur von Gott abgewendet

waren. Doch selbst jene Heiligen haben manchmal bei

der Disputation über den freien Willen anders geredet. So scheint

mir, dass sie allesamt andere sind, wenn sie auf Worte und Disputationen

aus sind, als wenn sie es mit den Gesinnungen und

Werken zu tun haben: Dort reden sie anders, als sie vorher gesinnt

waren, hier werden sie anders gesinnt, als sie vorher geredet haben.

Menschen müssen aber mehr nach der Gesinnung beurteilt

werden als nach ihren Worten, Fromme ebenso wie Gottlose.

Doch lasst uns euch noch mehr zugestehen: Verzichten wir

auf Wunderwerke, Geist und Heiligkeit, und kommen auf die

Lehre selbst zurück. Das allein begehren wir: Zeigt uns wenigstens,

welches Werk, welches Wort, welchen Gedanken jene

69 Bernhard von Clairvaux, Sermones super Cantica canticorum (»Predigten über

das Hohelied«) 20,1.

80


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

Kraft des freien Willens anstoße, versuche oder wirke, um sich

der Gnade zuzuwenden! Denn es genügt nicht zu sagen: »Es gibt

die Kraft, es gibt die Kraft, es gibt irgendeine Kraft des freien

Willens!« Denn was ist leichter, als das zu sagen? Das gehört

sich auch nicht für die gelehrtesten und heiligsten Männer, denen

man so viele Jahrhunderte hindurch Beifall gespendet hat;

sondern (wie eine deutsche Redewendung lautet) man muss das

Kind beim Namen nennen; man muss definieren, was für eine

Kraft das ist, was sie bewirkt, was sie hinnimmt, was an ihr geschieht.

Dazu beispielsweise, nur sehr grob gesagt, diese Frage:

Muss diese Kraft beten, fasten, Werke tun, den Leib kasteien,

Almosen geben oder irgendetwas anderes derartiges vollbringen

oder versuchen? Denn wenn es eine Kraft ist, dann muss sie mit

irgendeinem Werk zu tun haben. Aber hier seid ihr stummer als

die Frösche von Serifos 70 und als die Fische. Und wie könntet ihr

es auch definieren? Seid ihr doch nach eurem eigenen Zeugnis

noch unsicher über die Kraft an sich, untereinander uneins, und

jeder widerspricht sich selbst! Was sollte wohl aus der Definition

werden, wenn gerade das, was zu definieren ist, im Fluss bleibt?

Doch angenommen, nach hunderttausend Jahren 71 würdet

ihr endlich einig, was die Kraft an sich sei, und man könnte

daraufhin definieren, welcherart ihr Werk sei, ihr Fasten oder

was sonst dergleichen: Wer kann uns Gewissheit geben, dass das

wahr ist, dass es Gott gefällt und dass wir mit Sicherheit das

Rechte tun? Schließlich gebt ihr selbst zu, dass es eine menschliche

Sache sei, von welcher der Geist Gottes nichts bezeugt, da

70 Antiken Legenden zufolge sollen auf Serifos, einer Kykladeninsel in der südlichen

Ägäis, die Frösche stumm gewesen sein; man sagte sprichwörtlich:

»Stumm wie die Frösche von Serifos.« Indes ist fraglich, ob es dort überhaupt

jemals Frösche gab, da die Insel praktisch keinen Lebensraum für sie bietet.

Das Sprichwort ist daher wohl ironisch gemeint.

71 Wörtlich: »nach Platonischen Jahren«. Ein Platonisches Jahr ist der Zeitraum,

in dem der Frühlingspunkt (der Punkt des Sonnenaufgangs zum

Frühlingsanfang auf der Nordhalbkugel) einmal den Tierkreis vollständig

durchwandert hat; das sind etwa 25.700 bis 25.800 Jahre.

81


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

Philosophen sie erörterten und sie in der Welt war, ehe Christus

kam und der Heilige Geist vom Himmel gesandt wurde. So ist es

ganz sicher, dass diese Lehre nicht vom Himmel gesandt wurde,

sondern zuvor schon einen irdischen Ursprung gehabt hat. Darum

ist ein stärkerer Beweis nötig, um sie als sicher und wahr zu

bestätigen.

Wenn wir also nur ein paar Eigenbrötler sind [privati et pauci],

ihr aber gar viele Geiztliche; 72 wir ungelehrt, ihr die Gelehrtesten;

wir die Dümmsten, ihr die Begabtesten; wir gestern erst

geboren, ihr älter als Deukalion; 73 wir niemals angenommen,

ihr seit Jahrhunderten anerkannt; schließlich: Wir sind Sünder,

fleischlich, träge; ihr seid durch Heiligkeit, Geist und Wunder

solche, vor denen selbst den Teufeln bange sein muss – dann

gesteht uns doch wenigstens wie den Türken und den Juden das

Recht zu, Rechenschaft über eure Lehre zu fordern, wie euer Petrus

euch gebietet (1Petr 3,15)! Unsere Forderung aber ist höchst

bescheiden; wir verlangen nämlich nicht Heiligkeit, Geist und

Wunder zur Bestätigung jener Lehre. Das jedenfalls könnten wir

nach eurem Recht tun, weil ihr selbst dies von anderen fordert.

Ja, auch darauf wollen wir verzichten, dass ihr irgendein Beispiel

für eine Tat, ein Wort oder einen Gedanken aus eurer Lehre darlegen

müsst. Sondern lehrt einfach nur, erklärt wenigstens die

Lehre an sich: Was wollt ihr darunter verstanden wissen, und wie

soll sie aussehen? Wenn ihr es aber nicht wollt oder nicht könnt,

so wollen wenigstens wir versuchen, ein Beispiel dafür zu geben.

72 So in Nachempfindung des hier im Lateinischen vorliegenden Wortspiels:

Luther verballhornt publici (»öffentliche Amtsträger«, weltliche wie auch

kirchliche), wie es eigentlich lauten müsste, zu publicani (»Zöllner«). Dies

wohl in Anspielung an die Raffgier des Papsttums; vgl. aber auch Mt 18,17:

»… so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner.« Luther weist damit den

Vorwurf der Ketzerei an die päpstliche Partei zurück.

73 Deukalion und seine Frau Pyrrha sind die einzigen Überlebenden der nach

ihm benannten Deukalionischen Flut (laut der Parischen Chronik 1529/28

v.Chr.). Dieser Mythos vermengt Elemente der biblischen Sintflut mit einer

regionalen Überflutung fast ganz Griechenlands. Vgl. zum Beispiel Ovid,

Metamorphosen 1,313ff.

82


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

Ihr ahmt sogar den Papst und die Seinen nach, die sprechen:

»Was wir sagen, das tut; nach unsern Werken aber handelt nicht«

(vgl. Mt 23,3). So sagt auch ihr: »Welches Werk diese Kraft auch

zu tun verlangt: Wir werden bereit sein! Euch aber lassen wir in

Ruhe.« Oder können wir euch nicht wenigstens dies abringen?

Je mehr ihr seid, je älter, je größer und je vorzüglicher als wir in

jeder Hinsicht, desto schmachvoller ist es für euch, dass ihr uns,

die wir – verglichen mit euch – in jeder Weise nichts sind und

eure Lehre erfahren und danach handeln wollen, dieselbe nicht

beweisen könnt: weder durch ein Wunder (sei es so gering wie

das Töten einer Laus), noch durch eine Geistesregung (und sei

sie noch so winzig), noch durch irgendein Werk der Heiligkeit,

und sei es noch so klein. Ja, ihr könnt nicht einmal irgendeine

Tat oder ein Wort als Beispiel vorweisen!

Und ferner, was gänzlich unerhört ist: Ihr könnt nicht einmal

aufzeigen, wie diese Lehre aussieht oder was sie bedeutet,

damit wir es doch wenigstens nachvollziehen könnten. O, was

seid ihr nur für feine Lehrer des freien Willens! Was seid ihr

schon anderes als leerer Schall? Wer sind nun die, werter Erasmus,

die den Geist rühmen und nichts vorweisen können? Die

nur reden und wollen, dass man ihnen auf der Stelle glaubt?

Sind es nicht die Deinen, die man in den Himmel rühmt? Die

ihr nichts sagen könnt und doch mit großen Dingen protzt und

sie verlangt!

Wir bitten deshalb um Christi willen, lieber Erasmus, dich

und die Deinen: Erlaubt uns wenigstens, dass wir vor Furcht erbeben,

weil die Gefahr unser Gewissen schreckt, oder zumindest,

dass wir es verschieben dürfen, diesem Dogma zuzustimmen. Du

siehst ja selbst, dass es nichts ist als leere Worte und Theaterdonner,

nämlich: »Es gibt die Kraft des freien Willens; es gibt die

Kraft des freien Willens; es gibt die Kraft des freien Willens!«

– als hättet ihr die höchste Höhe eingenommen und eure ganze

Sache wäre felsenfest bewiesen.

Ferner ist es auch unter den Deinen selbst unsicher, ob es so

etwas überhaupt gibt oder nicht, sind sie doch untereinander

83


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

uneins und widersprechen sich selbst. Es ist höchst unrecht, ja

überaus jämmerlich, dass das Trugbild eines Wörtchens – dessen

Bedeutung zudem noch ungewiss ist – unser Gewissen quälen

soll, da Christus uns doch durch sein Blut erkauft hat! Wenn wir

hingegen uns nicht quälen lassen wollen, beschuldigt man uns

eines unerhörten Hochmuts, weil wir so viele Väter aus so vielen

Jahrhunderten verachten, die den freien Willen verteidigt haben

[asseruerint]. Und unter diesem Vorwand und im Namen dieser

Väter wird das Dogma vom freien Willen aufgerichtet, von dem

sie noch nicht einmal erklären können, wie genau er aussieht und

was das Wort bedeutet. Und mit dieser verlogenen Vokabel foppen

sie die ganze Welt.

Und hier, Erasmus, berufen wir uns auf deinen eignen Rat,

den du zuvor gegeben hast: Man solle sich solcher Fragen enthalten

und vielmehr Christus, den Gekreuzigten, lehren und das,

was dem christlichen Glauben dient. Danach nämlich streben

wir schon längst und handeln entsprechend. Denn was begehren

wir anderes, als dass die christliche Lehre in ihrer Schlichtheit

und Reinheit regiere und dass man alles fahren lasse und verachte,

was Menschen daneben erfunden und eingeführt haben? Du

aber, der du uns solches rätst, tust es selber nicht, sondern das

Gegenteil: Du schreibst Diatriben, feierst die Dekrete der Päpste,

rühmst das Ansehen von Menschen und versuchst alles, um uns

Dinge aufzuzwingen, die der Heiligen Schrift fern und fremd

sowie nicht zwingend sind, damit wir die Einfachheit und Lauterkeit

der christlichen Frömmigkeit mit menschlichen Zusätzen

verderben und vermengen sollen. Daraus erkennen wir, dass du

uns dies nicht von Herzen geraten und auch nicht ernsthaft geschrieben

hast; sondern du verlässt dich darauf, dass du mit deinen

leeren Wortblasen [bullis 74 verborum] die ganze Welt leiten

könntest, wohin du willst – und doch führst du sie nirgends hin,

74 Im Lateinischen mehrdeutig: bulla kann »Blase« oder »Wasserblase« bedeuten,

aber auch »Siegel«, »Urkunde« (hier womöglich eine Anspielung auf die

päpstlichen Bullen).

84


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

weil du rein gar nichts sagst als nur Widersprüche überall in allen

Dingen. So hat derjenige nur recht geredet, der dich höchstselbst

Vertumnus 75 oder Proteus nannte, oder wie Christus spricht (Lk

4,23): »Arzt, hilf dir selbst!« Oder wie Cato sagt: »Schimpflich ist

es für den Lehrer, selber zu tun, was er als Schande tadelt.« 76

Deshalb: Bis ihr bewiesen habt, was ihr behauptet, bestehen

wir darauf, es abzulehnen – und wenn uns auch »der ganze Chor

der Heiligen« [wie die Diatribe sagt] verdammt, mit dem du protzt,

oder besser: selbst, wenn uns auch die ganze Welt verdammt!

Wir sind so dreist und rühmen uns, nicht annehmen zu müssen,

was weder ist noch sicher zu beweisen ist. Und dazu seid ihr alle

so vermessen oder gar verrückt, von uns zu fordern, genau das

anzunehmen, von dem ihr selbst bekennt, dass es nicht sei – aus

keinem anderen Grund, als dass ihr Viele seid, Große, Alte, und

weil es euch gefällt, das zu behaupten! Als ob christliche Lehrer

würdig wären, das arme Volk in Glaubensdingen zu betrügen

mit etwas, das nicht ist, und zu behaupten, es wäre für das Seelenheil

von bedeutendem Gewicht! Wo ist nun jener Scharfsinn,

mit dem die Griechen so begabt sind? Bislang erfand er ja zumindest

Lügen von halbwegs schönem Anschein; hier aber lügt

er offen, unverhüllt. Wo ist der Lateiner Fleiß, der dem der Griechen

gleichkommt, der so mit hohlsten Worten 77 spielt und sich

dadurch betrügen lässt? 78

Doch so ergeht es Bücherlesern, die achtlos oder boshaft sind,

wenn sie all das, worin die Väter und die Heiligen irrten, derart

erheben, als ob es von höchster Autorität wäre. Darum trifft die

Schuld nicht die Verfasser, sondern vielmehr die Leser. Das ist,

als wollte jemand sich auf die Heiligkeit und Autorität des heili-

75 Römischer, ursprünglich etruskischer Gott; wie der griechische Proteus ein

Gestaltwandler (Ovid, Metamorphosen XIV,622-697).

76 Cato, Disticha I,30.

77 Wörtl.: »mit einer überaus hohlen Vokabel« (das heißt, mit dem völlig unklaren

Begriff »freier Wille«).

78 Auf Lateinisch ein Wortspiel: »ludit et luditur«. Ludere kann »spielen« bedeuten,

aber auch »betrügen«.

85


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

gen Petrus stützen und behaupten: »Alles, was der heilige Petrus

jemals gesagt hat, ist richtig« – sodass er uns überreden wollte,

auch das sei richtig, was Petrus aus der Schwachheit seines Fleisches

Christus riet: er solle ja nicht leiden (Mt 16,22). Oder das,

wo er zu Christus sagt, er solle aus dem Boot von ihm weggehen

(Lk 5,8), und vieles andere, wofür Christus selbst ihn tadelt.

Ähnlich handeln jene, die um des Lacherfolges willen schwatzen,

nicht alles sei wahr, was im Evangelium steht. Sie greifen

jene Stelle aus Johannes 8,48 heraus, wo die Juden zu Christus

sprechen: »Sagen wir nicht mit Recht, dass du ein Samariter bist

und einen bösen Geist hast?« Oder die Stelle: »Er ist des Todes

schuldig« (Mt 26,66). Oder dies: »Wir haben festgestellt, dass

dieser Mensch unser Volk aufwiegelt und es davon abhalten will,

dem Kaiser Steuern zu entrichten« (Lk 23,2). Ebenso handeln die,

die fest behaupten, dass es einen freien Willen gibt; freilich in anderer

Absicht und nicht willentlich wie jene, sondern aus Blindheit

und Unwissen. Aus den Vätern greifen sie das heraus, was

dieselben aus der Schwachheit des Fleisches zugunsten des freien

Willens gesagt haben – und zwar derart, dass sie es sogar dem

entgegenstellen, was dieselben Väter anderswo in der Kraft des

Geistes gegen den freien Willen sagten. Dann prügeln sie alsbald

so sehr darauf ein, dass das Bessere dem Schlechteren weichen

muss. So kommt es, dass sie den schlechteren Aussprüchen Autorität

beimessen, weil sie ihrer fleischlichen Gesinnung entgegenkommen,

und den besseren Aussprüchen dieselbe Autorität

nehmen, weil sie ihrer fleischlichen Gesinnung entgegenstehen.

Warum erwählen wir nicht vielmehr die besseren Aussprüche?

Davon gibt es nämlich viele bei den Vätern. Um nur ein

Beispiel dafür zu geben: Was ist fleischlicher, ja, was kann man

gottloser, verruchter und lästerlicher nennen als das, was Hieronymus

zu sagen pflegt: »Der Jungfrauenstand füllt den Himmel,

der Ehestand die Erde«? 79 Als ob den Patriarchen, den Aposteln

und den verheirateten Christen nur die Erde gebühre, nicht aber

79 Hieronymus, Epistulae 22,19.

86


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

der Himmel? Oder den heidnischen Vestalischen Jungfrauen 80

ohne Christus der Himmel? Und dennoch greifen die Sophisten

diese und ähnliche Sachen aus den Vätern heraus, weil sie lieber

mit Massen von Zitaten streiten statt mit gesunder Urteilsfindung.

So wollen sie jenen Dingen Autorität verschaffen, wie es

auch der fade Faber aus Konstanz getan hat. 81 Er hat jüngst dem

Publikum eine »Perle« zum Geschenk gemacht, wie er sein Buch

nennt; in Wahrheit aber ist es ein Augiasstall, damit es etwas gebe,

das bei den Frommen und Gebildeten zu Ekel und Erbrechen

führt.

2.) Die wahre Kirche ist den Menschen verborgen

und irrt nicht (649-652)

Das soll meine Antwort darauf sein, wo du sagst, es sei unglaublich,

dass Gott über so viele Jahrhunderte zugelassen habe, dass

seine Kirche im Irrtum sei, und keinem einzigen seiner Heiligen

das offenbart habe, wovon wir behaupten, es sei das Hauptstück

der evangelischen Lehre.

Zuerst einmal sagen wir nicht, Gott hätte diesen Irrtum in seiner

Kirche oder bei irgendeinem seiner Heiligen zugelassen; denn

die Kirche wird durch Gottes Geist regiert, die Heiligen von Gottes

Geist getrieben (Röm 8,14), und Christus bleibt bis ans Ende

der Welt bei seiner Kirche (Mt 28,20). Auch ist die Kirche Gottes

»der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit« (1Tim 3,15). Das,

80 Priesterinnen der römischen Göttin Vesta, die sexuell enthaltsam leben mussten.

81 Johannes Faber (1478 – 1541), eigentl. Heigerlin, seinerzeit Generalvikar von

Konstanz, ab 1530 Bischof von Wien. Gemeint ist sein Buch Opus adversus

nova quaedam et a Christiana religione prorsus aliena dogmata Martini Lutheri

(»Gegen die neuen und dem christlichen Glauben völlig fremden Lehren

Martin Luthers«; Rom 1522; Leipzig 1523). Faber ist nicht zu verwechseln mit

Johannes Fabri (1504 – 1558) aus Heilbronn, einem Dominikaner und Verfasser

zahlreicher antireformatorischer Streitschriften.

87


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

sage ich, wissen wir. Denn so steht es auch in dem uns allen gemeinsamen

Glaubensbekenntnis: »Ich glaube, dass es eine heilige,

allgemeine Kirche gibt.« So ist es unmöglich, dass sie auch nur im

geringsten Artikel irre. Wenn wir auch zugeben, dass einige Auserwählte

ihr ganzes Leben lang in einem Irrtum gefangen waren,

so ist es doch nötig, dass sie vor ihrem Tode auf den rechten Weg

zurückkehrten; denn Christus sagt: »Niemand wird sie aus meiner

Hand reißen« (Joh 10,28). »Hier aber ist Müh’ und Arbeit nötig«,

82 um sicher festzustellen, ob die, welche du »Kirche« nennst,

auch Kirche sind, oder besser: ob die, die sich ihr ganzes Leben

irrten, zuletzt vor ihrem Tode wieder zurechtgebracht wurden.

Denn das folgt noch lange nicht daraus, dass Gott seine Kirche

irren ließ, wenn er alle, die du anführst, die gelehrtesten Männer,

über so viele Jahrhunderte irren ließ.

Siehe doch das Volk Gottes, Israel: Dort wird unter so vielen

Königen so lange Zeit kein einziger genannt, der nicht geirrt hätte.

Zur Zeit Elias, des Propheten, war alles und war jedermann,

so weit das Auge reichte, so schlimm dem Götzendienst verfallen,

dass er glaubte, er alleine sei noch übrig (1Kö 18,22; 19,14).

Als indessen Könige, Fürsten, Priester, Propheten und alles, was

man Volk oder Kirche Gottes nennen kann, in ihr Verderben

liefen, hatte Gott sich Siebentausend übrig gelassen (1Kö 19,18).

Wer konnte sehen oder wissen, dass diese Gottes Volk waren?

Wer sollte daher auch jetzt zu leugnen wagen, dass Gott unter

jenen vornehmen Männern (denn du zählst nur solche auf, die in

öffentlichen Ämtern standen und berühmte Namen hatten) sich

seine Kirche im einfachen Volk erhalten habe und alle jene nach

dem Vorbild des Königreichs Israels dem Verderben preisgab? Es

ist nun einmal Gottes Eigenart, sich den Besten in Israel entgegenzustellen

und ihre Fetten zu töten (Ps 78,31), den Abschaum

aber und den Überrest zu retten, wie Jesaja sagt (10,22).

Was geschah unter Christus selbst, als alle Apostel an ihm

Anstoß nahmen (Mt 26,56) und er danach vom ganzen Volk ver-

82 Vergil, Aeneis 6,129.

88


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

leugnet und verdammt wurde? Als kaum der eine oder andere

übrig blieb – Nikodemus und Josef von Arimathäa, zuletzt der

Räuber am Kreuz? Aber wurden denn etwa diese damals »Gottes

Volk« genannt? Allerdings waren sie der Überrest des Volkes

Gottes, aber sie wurden nicht so genannt; die, die so genannt

wurden, waren es nicht. Wer weiß, ob nicht im ganzen Lauf der

Welt von Anfang an dies der Zustand der Kirche Gottes war:

Einige wurden Gottes Volk und Heilige Gottes genannt, die es

nicht waren; andere aber, gleichsam als Überrest, 83 wurden weder

Volk noch Heilige genannt. Zeigt das nicht die Geschichte von

Kain und Abel, Ismael und Isaak, Esau und Jakob?

Betrachte die Epoche der Arianer, als auf der ganzen Welt

kaum fünf rechtgläubige 84 Bischöfe erhalten blieben, die dazu

von ihrem Bischofssitz vertrieben wurden, weil die Arianer

überall im Namen des Staates und in den kirchlichen Ämtern

herrschten. Nichtsdestoweniger bewahrte Christus seine Kirche

unter diesen Irrlehrern, aber so, dass man sie kaum als Kirche

geachtet und gehalten hätte.

Zeige mir nur einen Bischof, der unter der Herrschaft des

Papstes sein Amt recht ausgeübt hat; zeige mir nur ein Konzil,

bei dem man über Glaubensfragen verhandelt hat statt über Pallien,

85 Ämter, Pfründe und anderen profanen Tand! Solches dem

Heiligen Geist zuschreiben könnte nur ein Wahnsinniger. Und

trotz alledem nennt man sie »Kirche«, obwohl alle, die so lebten,

verworfen und alles andere als Kirche sind. Dennoch hat Gott

unter ihrer Herrschaft seine Kirche erhalten – doch so, dass man

83 Oder: als Abschaum/Kehricht/Kot. Das von Luther verwendete reliquiae ist

mehrdeutig und kann sowohl Menschen bezeichnen (den Überrest aus einer

größeren Menschenmenge) als auch Sachen wie Trümmer, Asche (auch von

Toten), Gebeine, Exkremente u. dergl.

84 Griechisch-lateinisch catholici; nicht im konfessionellen Sinn, sondern im ursprünglichen

Sinn des Wortes »allgemein«, das heißt, allen wahren Christen

gemeinsam.

85 Abzeichen des Bischofsamtes, für dessen Verleihung der Papst vom Amtsanwärter

einen immensen Preis verlangte.

89


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

sie nicht Kirche nannte. Wie viele Heilige, meinst du, haben allein

die Inquisitoren oder Ketzerjäger 86 in wenigen Jahrhunderten

verbrannt und anderweitig umgebracht, 87 wie zum Beispiel

Jan Hus und seinesgleichen, zu deren Zeit zweifellos zahlreiche

heilige Männer derselben Gesinnung lebten?

Warum, Erasmus, wunderst du dich nicht vielmehr darüber,

dass von Anbeginn der Welt schon immer unter den Heiden

höher Begabte waren, größere Gelehrsamkeit und eifrigere

Wissenschaft als unter den Christen oder Gottes Leuten? So

bekennt Christus selbst: »Die Kinder dieser Welt sind klüger

als die Kinder des Lichts« (Lk 16,8). Wer unter den Christen ist

nur allein mit Cicero an Begabung, Bildung und Sorgfalt zu

vergleichen, von den Griechen ganz zu schweigen? Was also,

sollen wir sagen, hat sie nur gehindert, sodass kein einziger von

ihnen zur Gnade durchdringen konnte, da sie doch sicherlich

den freien Willen aus allen Kräften ausübten? Wer aber könnte

wagen zu behaupten, dass keiner unter ihnen gewesen wäre, der

mit höchstem Bemühen nach der Wahrheit gestrebt hätte? Und

doch muss man festhalten [asseri], dass keiner sie erlangt hat.

Oder willst du auch hier sagen, es sei unglaublich, dass Gott so

viele und so große Männer im ganzen Lauf der Weltgeschichte

verlassen und zugelassen haben sollte, dass sie sich vergeblich

mühten? Sicherlich: Wenn der freie Wille etwas wäre oder bewirken

könnte, dann hätte er in diesen Männern sein und etwas

bewirken sollen, sei es auch nur in einem einzigen Beispiel! Aber

er hat nichts vermocht, ja, vielmehr immer nur das Gegenteil

bewirkt. So kann man schon aus diesem einzigen Grund beweisen,

dass es den freien Willen nicht gibt, weil von Anbeginn

der Welt bis zu ihrem Ende kein einziger Beweis dafür erbracht

werden kann.

86 Wörtl.: inquisitores haereticae pravitatis, »Untersuchungsrichter häretischer

Verderbtheit« (so der offizielle Titel).

87 Oder: »verbrannt und davor gefoltert«. – Die Inquisition wurde durch das

dritte und vierte Laterankonzil 1179 und 1215 institutionalisiert.

90


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

Doch zurück zur Sache. Was wundert es, dass Gott alle großen

Kirchenmänner ihre eigenen Wege gehen lässt, da er ebenso

auch alle Heiden ihren eigenen Wege gehen ließ, wie Paulus

in der Apostelgeschichte sagt (14,16)? Denn die »Kirche Gottes«,

lieber Erasmus, ist nicht so massenhaft verbreitet wie jene Bezeichnung,

noch begegnet man überall den Heiligen Gottes wie

dieser Bezeichnung. Sie sind Perlen und kostbare Juwelen (Offb

21,19ff), die der Heilige Geist nicht vor die Säue wirft (Mt 7,6);

sondern er hält sie verborgen, wie die Schrift sagt (Mt 11,25), damit

der Gottlose nicht die Herrlichkeit Gottes sehe. Wie könnte

es sonst sein, wenn sie von allen offen erkannt würden, dass sie

derart in der Welt bedrängt und zertreten werden? Wie Paulus

sagt: »Denn wenn sie sie erkannt hätten, so hätten sie den Herrn

der Herrlichkeit nicht gekreuzigt« (1Kor 2,8).

Das sage ich nicht, weil ich bestreiten wollte, dass die, die

du aufzählst, Heilige oder Kirche Gottes seien, sondern weil das

nicht beweisbar ist, wenn jemand bestreitet, dass sie Heilige sind.

Das bleibt vielmehr ganz ungewiss. Darum ist ihre Heiligkeit

kein Punkt, der sicher genug wäre, um daran ein Dogma festzumachen.

Ich sage, sie sind Heilige, und halte sie dafür; ich nenne sie

Kirche Gottes und meine, dass sie es sind – nach der Regel der

Liebe, nicht nach der Richtschnur des Glaubens. Das heißt: nach

der Liebe, die von jedem nur das Beste denkt, die nicht argwöhnisch

ist, die alles glaubt und vom Nächsten nur Gutes voraussetzt.

Sie nennt jeden Getauften einen Heiligen, und Gefahr besteht

nicht, wenn sie irrt. Denn es ist das Wesen der Liebe, dass

sie betrogen wird, weil sie dem rechten Gebrauch wie dem Missbrauch

aller ausgesetzt ist. Sie dient allen – Guten wie Bösen,

Gläubigen wie Ungläubigen, Wahrhaftigen wie Betrügern. Der

Glaube aber nennt niemand einen Heiligen, den Gottes Urteil

nicht dazu erklärt; denn es ist das Wesen des Glaubens, dass er

sich nicht betrügen lässt.

Darum: Wenn wir auch nach dem Gesetz der Liebe uns alle

einander für Heilige halten sollen, so darf doch nach dem Gesetz

91


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

des Glaubens keiner für einen Heiligen gehalten werden – als

ob es ein Glaubensartikel wäre, dass dieser oder jener heilig sei.

Auf diese Weise kanonisiert der Papst die Seinen, die er gar nicht

kennt, zu Heiligen – jener Widersacher Gottes, der sich an Gottes

Stelle setzt (2Thes 2,4).

Nur dies sage ich über deine (oder vielmehr unsere) Heiligen:

Da sie einander widersprechen, hätte man besser denen folgen

sollen, die das Beste geredet haben – das heißt, gegen den

freien Willen und für die Gnade. Diejenigen aber, die nach der

Schwachheit ihres Fleisches mehr das Fleisch als den Geist bezeugt

haben, muss man ignorieren. Ebenso muss man bei denen,

die in ihrer Meinung schwanken, eine Auswahl treffen und den

Teil annehmen, wo sie aus dem Geist reden, das aber verwerfen,

wo sie das Fleisch erweisen. Das steht einem christlichen Leser

gut an wie auch einem reinen Tier, das gespaltene Hufe hat und

wiederkäut (3Mo 11,3). Nun aber schieben wir ein Urteil auf und

verschlingen alles durcheinander, oder, was noch schlimmer ist,

urteilen wir ganz verkehrt und verwerfen in den Schriften ein

und desselben Verfassers das Bessere, heißen hingegen das Minderwertige

gut. Dann versehen wir noch eben dieses Minderwertige

mit einer Bezeichnung und einem Ansehen der Heiligkeit,

die es doch allein wegen des Besten und des Geistes verdient hätte,

nicht aber wegen des freien Willens oder wegen des Fleisches.

3.) Alle Lehren müssen an der Schrift geprüft und

beurteilt werden (652-653)

Was also sollen wir tun? Verborgen ist die Kirche, versteckt die

Heiligen. Was und wem sollen wir glauben? Oder, wie du höchst

geschickt argumentierst: Wer schafft uns Gewissheit? [Die Diatribe

sagt:] »Woran sollen wir die Geister prüfen? An der Gelehrsamkeit?

Auf beiden Seiten sind Rabbiner. 88 Am Lebenswandel?

88 Das heißt Kenner der Heiligen Schrift.

92


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

Auf beiden Seiten stehen Sünder.« Geht es um die Schrift: »Sie

wird von beiden Seiten geliebt.« Nicht so sehr um die Schrift

selbst, weil sie ja angeblich nicht klar genug sein soll, »sondern

um den Sinn der Schrift« wird gestritten. Auf beiden Seiten aber

stehen »nur Menschen«; und wenn weder ihre große Zahl, noch

ihre Gelehrsamkeit, noch ihre Würde irgend etwas zur Sache beiträgt,

dann noch viel weniger ihre geringe Zahl, Unwissenheit

und Niedrigkeit.

Die Sache bleibt also zweifelhaft und »der Prozess ohne Richterspruch«,

89 sodass wir scheinbar klug handeln, wenn wir uns

der Meinung der Skeptiker anschließen – nur dass du in alledem

am klügsten vorgehst, der du behauptest, so zu zweifeln, und beschwörst,

die Wahrheit zu suchen und zu erforschen; und bis die

Wahrheit ans Licht komme, würdest du der Seite zuneigen, die

den freien Willen vertritt.

Dem entgegne ich: Du redest viel und sagst doch nichts. Denn

weder Gelehrsamkeit, Lebenswandel, Begabung, große Zahl

oder Würde, noch Unwissenheit, mangelnde Bildung, geringe

Zahl oder Niedrigkeit sind ein Argument, um die Geister prüfen

zu können. Auch kann ich die nicht loben, die ihre Zuflucht

darin suchen, dass sie sich des Geistes rühmen. Der Kampf, den

ich in jenem Jahr gegen diese Fanatiker führen musste und auch

jetzt noch führen muss, 90 stößt mir nämlich sauer genug auf.

Wie die Schrift auszulegen sei, das ordnen sie ihrem Geist unter.

Aus diesem Grund habe ich bisher auch den Papst scharf angegriffen,

in dessen Reich nichts verbreiteter und anerkannter ist,

als dass die Schrift dunkel und mehrdeutig sei; man müsse daher

als Ausleger den Geist vom Apostolischen Stuhl zu Rom erbitten.

Hingegen kann man nichts anderes sagen, was verderblicher wäre.

Denn dadurch haben sich gottlose Menschen über die Schrift

89 Horaz, De arte poetica 78.

90 Eine Anspielung auf Luthers Auseinandersetzung mit den sog. »Zwickauer

Propheten« (1522) und anderen Schwärmern sowie auf seine Schrift Wider die

himmlischen Propheten (1525).

93


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

erhoben und aus ihr gemacht, was sie wollten – bis schließlich die

Schrift völlig zertreten wurde und wir nichts anderes geglaubt

und gelehrt haben als die Wahngebilde Rasender. Kurz gesagt:

Dieser Ausspruch ist keine menschliche Erfindung, sondern ein

Gift, das durch die unglaubliche Bosheit des Fürsten aller Teufel

in die Welt gesandt wurde.

Wir sagen es so: Die Geister sind an zwei Maßstäben zu untersuchen

oder zu prüfen. Der eine ist ein innerlicher, durch den

jemand durch den Heiligen Geist, das heißt, durch Gottes besondere

Gabe, für sich und allein zu seiner Errettung erleuchtet

wird. So kann er alle Lehren und Meinungen völlig sicher

beurteilen und unterscheiden, wie 1. Korinther 2,15 sagt: »Der

geistliche Mensch dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch

wird von niemand beurteilt.« Das gehört zum Glauben dazu und

ist auch für einen jeden Christen notwendig – auch für den, der

kein Amt innehat. Dies haben wir oben die »innere Klarheit der

Heiligen Schrift« genannt. Das haben vielleicht die gemeint, die

dir entgegnet haben, alles sei nach dem Urteil des Geistes zu entscheiden.

Aber dieses Urteil nützt keinem anderen, und es ist in

dieser Sache auch nicht die Frage. Ich glaube auch, dass niemand

bezweifelt, dass es sich so verhält.

Darum gibt es einen anderen, äußerlichen Maßstab, anhand

dessen wir nicht nur für uns selbst, sondern auch für andere und

um des Heils anderer willen mit völliger Sicherheit die Geister

und Lehren aller prüfen können. Dieser Maßstab ist Sache des

öffentlichen Dienstes am Worte und des äußeren Amtes, insbesondere

der Leiter der Gemeinde und der Prediger des Wortes.

Diesen Maßstab wenden wir an, wenn wir die Schwachen im

Glauben stärken und die Widersacher widerlegen (Tit 1,9). Dies

haben wir oben die »äußere Klarheit der Heiligen Schrift« genannt.

So sagen wir: Die Schrift muss der Maßstab sein, damit an

ihr alle Geister vor der versammelten Gemeinde geprüft werden

(1Thess 5,21). Denn das muss unter Christen völlig ausgemacht

und ehernes Gesetz sein, dass die Heilige Schrift ein geistliches

Licht ist (2Petr 1,19), das weit heller als die Sonne selbst strahlt,

94


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

besonders in den Dingen, die das Heil betreffen, das heißt, die

man zwingend wissen muss.

4.) Die Lehre der Schrift ist klar und eindeutig

(653-658)

Da wir aber – durch jene Pestilenz sophistischer Rede – schon

längst vom Gegenteil überzeugt sind, dass die Schrift dunkel

und mehrdeutig sei, sind wir gezwungen, zuerst eben diesen unseren

Hauptgrundsatz zu beweisen, von dem sich alles andere

ableitet. (Philosophen freilich erschiene dies absurd oder unmöglich.)

Zuerst sagt Mose im fünften Buch (17,8-11): In einem schwierigen

Fall solle man zu der Stätte gehen, die der Herr für seinen

Namen erwählen würde, und dort die Priester um Rat fragen.

91 Diese sollten dann nach dem Gesetz 92 des Herrn den Fall

entscheiden. Er sagt: »Nach dem Gesetz des Herrn.« Wie aber

könnten sie urteilen, wenn nicht das Gesetz des Herrn äußerlich

völlig klar wäre? Wie sollten die Prozessparteien dadurch befriedigt

werden? Sonst hätte es ja genügt zu sagen, sie sollten nach

ihrem Gutdünken urteilen.

So geht es auch bei den Regierungen aller Völker zu, dass alle

Streitfälle aller Leute durch Gesetze beigelegt werden. Wie aber

könnten sie beigelegt werden, wenn die Gesetze nicht völlig klar

wären und an sich ein helles Licht für das Volk? Denn wenn

Gesetze mehrdeutig und unverständlich sind, könnten dadurch

nicht nur Streitsachen nicht geregelt werden; auch könnten die

Sitten keinen festen Bestand haben. Denn Gesetze werden deshalb

gegeben, damit die Sitten nach festen Vorgaben geregelt und

Streitfälle entschieden würden. Darum muss das, was Maß und

91 Das heißt, zum Standort der Stiftshütte bzw. später des Tempels. Dort im

Heiligtum wurde das Gesetz aufbewahrt.

92 Im Original durch Großschreibung hervorgehoben.

95


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

Regel für andere Dinge ist, im höchsten Maße gewiss und klar

sein; derart ist das Gesetz.

Wenn es nun schon nötig ist, dass Gesetze in profanen, weltlichen

Dingen klar und gewiss sind; wenn Gott dies der ganzen

Welt als Gnadengabe geschenkt hat; und wenn er will, dass die

Seinen die zeitlichen Dinge gering achten: Wie viel mehr sollte

er dann nicht seinen Christen, nämlich den Auserwählten, Gesetze

und Regeln von weit größerer Klarheit und Gewissheit geben,

nach denen sie sich selbst und alle Dinge beurteilen und alles

schlichten können? Denn wenn Gott schon das Gras so kleidet,

das heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, wie viel

mehr uns (Mt 6,30)? – Doch wollen wir fortfahren und jene Pestilenz

sophistischer Rede anhand der Schrift zugrunde richten.

Psalm 19,9 sagt: »Die Imperative des Herrn sind richtig und

erfreuen das Herz; die Gebote des Herrn sind lauter und erleuchten

die Augen.« Ich glaube, was die Augen erleuchtet, ist

weder dunkel noch mehrdeutig. Ebenso Psalm 119,130: »Die Eröffnung

deiner Worte erleuchtet und gibt den Unverständigen

Einsicht.« Hier heißt es von den Worten Gottes, dass sie etwas

Offenbartes oder Offenbares seien, das allen dargelegt werde und

selbst die Geringsten erleuchte.

Jesaja verweist in allen Fragen auf »das Gesetz und Zeugnis«

(Jes 8,20); und wo wir dem nicht folgen wollen, droht er uns, dass

wir das Licht der Morgenröte nicht sehen werden.

Maleachi befiehlt, »dass man aus dem Mund des Priesters

Weisung suche; denn er ist ein Bote des Herrn Zebaoth« (Mal

2,7). Das wäre freilich ein feiner Bote des Herrn, der vorbrächte,

was nicht nur ihm selber unklar wäre, sondern auch dem Volk

unverständlich – sodass er selber nicht versteht, was er da redet,

und auch die nicht, die es hören.

Und was wird im ganzen Alten Testament, besonders in Psalm

119, häufiger zum Lob der Schrift gesagt, als dass sie das sicherste

und offenkundigste Licht ist? Denn so preist der Psalmist ihre

Klarheit: »Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf

meinem Weg« (Ps 119,105). Er sagt nicht: »Dein Geist allein ist

96


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

meines Fußes Leuchte«, obgleich er auch diesem seine Aufgabe

zuschreibt: »Dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn« (Ps

143,10). So wird die Schrift auch »Weg« und »Pfad« genannt, natürlich

wegen ihrer übermäßigen Zuverlässigkeit.

Kommen wir zum Neuen Testament. Paulus sagt in Römer 1,

das Evangelium sei »zuvor verheißen … durch seine Propheten in

der Heiligen Schrift« (V. 2), ebenso in Römer 3,21: die Gerechtigkeit

aus Glauben wird »offenbart und bezeugt durch das Gesetz

und die Propheten«. Was aber wäre das wohl für ein Zeugnis,

wenn es dunkel wäre? Ja, in allen seinen Briefen nennt er das

Evangelium das Wort des Lichts, das Evangelium der Klarheit;

dann aber insbesondere und mit reichen Worten in 2. Korinther

3 und 4, wo er die Klarheit 93 Moses und Christi wunderbar erörtert

(2Kor 3,7 – 4,6).

Auch Petrus sagt: »So halten wir umso mehr an dem prophetischen

Wort fest, und ihr tut gut daran, darauf als eine Lampe

zu achten, die an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag anbreche

und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen« (2Petr 1,19).

Hier nennt Petrus das Wort Gottes eine helle Leuchte, alles andere

aber Finsternis. Und wir sollten aus dem Wort Dunkelheit

und Finsternis machen?

Christus selbst nennt sich so oft »das Licht der Welt«, 94 Johannes

den Täufer »ein brennendes und scheinendes Licht« (Joh

5,35) – zweifellos nicht wegen dessen heiligen Lebenswandels,

sondern um des Wortes willen. Ebenso nennt Paulus die Philipper

»Lichter in der Welt, weil ihr«, spricht er, »festhaltet am

Wort des Lebens« (Phil 2,15f); denn ohne das Wort ist das Leben

unsicher und dunkel.

Und was tun die Apostel, wenn sie ihre Predigten anhand der

Schrift beweisen? Verdunkeln sie etwa das, was uns schon fins-

93 Neuere deutsche Bibelausgaben wie auch die revidierte Lutherbibel von 1984

übersetzen »Herrlichkeit« statt »Klarheit«. Luther argumentiert anhand der

vielfältigen Bedeutung des lateinischen bzw. griechischen Begriffs hierfür.

94 Joh 8,12; 9,5; 11,9; 12,46; vgl. auch Joh 1,10; 3,19ff.

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Vom unfreien Willen · Kapitel 3

ter ist, durch ihre noch viel größere Finsternis? Oder wollen sie

Bekanntes durch Unbekanntes beweisen? Was tut denn Christus

in Johannes 5, wo er die Juden lehrt: »Ihr erforscht die Schriften,

weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; gerade sie legen

Zeugnis über mich ab« (V. 39)? Tut er das etwa, um sie über

den Glauben an ihn unsicher zu machen? Was tun denn die, die

Paulus hörten? Sie »forschten täglich in der Schrift, ob es sich so

verhielte« (Apg 17,11). Beweist das alles nicht, dass die Apostel wie

auch Christus sich auf die Schrift berufen, dass sie der klarste

Beweis für ihre Predigten ist? Wie also können wir uns nur erdreisten,

die Schrift für dunkel zu erklären?

Ich bitte dich: Sind denn auch diese Bibelworte dunkel oder

doppeldeutig? »Gott schuf Himmel und Erde« (1Mo 1,1); »das

Wort wurde Fleisch« (Joh 1,14), sowie alles, was die ganze Welt

als Glaubensartikel angenommen hat? Woher hat sie es angenommen?

Nicht aus der Schrift? Und was tun die, die heute noch

predigen? Legen sie nicht die Schrift aus und erklären sie diese?

Wenn aber die Schrift, die sie erklären, dunkel ist, wer könnte

uns Gewissheit geben, dass gerade ihre Erklärung zuverlässig ist?

Etwa eine andere, neue Erklärung? Wer wird dann die erklären?

Und so würde es unendlich weitergehen.

Kurz: Wenn die Schrift dunkel oder zweideutig wäre, aus welchem

Grunde hätte Gott sie uns gegeben? Sind wir noch nicht

finster oder zweifelhaft genug, dass uns vom Himmel her die

Dunkelheit, die Unklarheit und Finsternis noch vermehrt werden

müsste? Was ist dann mit dem Vers des Apostels: »Denn

alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe,

zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit« (2Tim 3,16)?

Vielmehr ist sie völlig unnütz, lieber Paulus; was du der Schrift

zuschreibst, das muss man bei den Vätern suchen, die seit einer so

langen Reihe von Jahrhunderten anerkannt sind, und beim Stuhl

zu Rom! Darum musst du deine Worte widerrufen, die du an Titus

schreibst: Ein Aufseher solle »fähig sein, durch die heilsame

Lehre zu ermahnen und die Widersprechenden zurechtzuweisen«

und den »frechen und unnützen Schwätzern und Verführern …

98


Antwort auf die Einleitung der Diatribe

das Maul zu stopfen« (Tit 1,9-11). Wie kann er dazu fähig sein,

wenn du ihm nur eine dunkle Schrift lässt, das heißt, Waffen

aus Werg 95 und einen Strohhalm als Schwert? Dann müsste auch

Christus seinen Ausspruch widerrufen, durch den er uns fälschlich

verheißt: »Ich will euch Rede und Weisheit geben, der alle

eure Widersacher nicht widerstehen können« (Lk 21,15). – Wie

sollen sie uns nicht widerstehen können, wenn wir mit dunklen

und unsicheren Argumenten gegen sie streiten? Und wie kannst

auch du, Erasmus, eine bestimmte Form des Christentums vorschreiben,

wenn dir die Schrift dunkel ist?

Doch ich denke, dass derweil selbst Dummköpfen es lästig

wird, wenn ich in einer derart klaren Sache so lange verweile

und so viele Worte mache. Doch es war nötig, jene unverschämte

und gotteslästerliche Rede so gründlich zugrunde zu richten,

damit auch du erkennst, lieber Erasmus, was du sagst, wenn du

die Klarheit der Schrift leugnest. Denn damit musst du zwingend

auch mir beipflichten [asseras], dass alle deine Heiligen, die

du anführst, noch viel unklarer sind. Wer nämlich kann uns

zusichern, dass diese klar sind, wenn du die Schrift verdunkelt

hast? Darum lässt uns jeder in nichts als tiefster Finsternis zurück,

wer leugnet, dass die Schrift im höchsten Maße klar und

deutlich ist.

Doch dem wirst du entgegnen: »All das betrifft mich nicht;

ich sage nicht, die Schrift sei überall dunkel (denn wer sollte so

verrückt sein?), sondern nur an dieser Stelle und ähnlichen.« Darauf

antworte ich: Ich rede auch nicht gegen dich allein, sondern

gegen alle, die so denken. Ferner entgegne ich dir: Ich kann

nicht zulassen, dass auch nur ein einziger Teil der ganzen Schrift

dunkel genannt wird; denn das widerspricht dem, was wir oben

aus dem zweiten Petrusbrief zitierten, dass das Wort Gottes »eine

Lampe ist, die an einem dunklen Ort scheint« (2Petr 1,19). Wenn

nun ein Teil dieser Lampe nicht leuchtet, wird er vielmehr ein

Teil jenes dunklen Ortes sein statt jener Lampe. Denn Chris-

95 Minderwertiges Nebenprodukt bei der Herstellung von Bastfasern.

99


Vom unfreien Willen · Kapitel 3

tus hat uns nicht derart erleuchtet, dass uns nach seinem Willen

auch nur ein Teil von seinem Worte dunkel bliebe; gebietet er

uns doch, darauf zu achten (Joh 5,39). Das zu gebieten aber wäre

vergeblich, wenn das Wort nicht klar wäre.

Wenn also das Dogma vom freien Willen dunkel oder unsicher

ist, dann ist es für Christen und die Schrift nicht von Belang,

sondern ganz aufzugeben und zu nichts anderem zu zählen

als zu den Fabeln, von denen Paulus es verdammt, dass Christen

sich darüber zanken (1Tim 4,7; 2Tim 2,14). Wenn es aber für

Christen und die Schrift von Belang ist, dann muss es klar, offenbar

und offensichtlich sein und ebenso wie alle anderen Glaubensartikel

völlig offensichtlich. Alle christlichen Glaubensartikel

müssen nämlich so beschaffen sein, dass sie nicht nur an sich

ganz sicher sind, sondern auch gegenüber anderen mit derart

klaren und deutlichen Schriftstellen untermauert, dass allen das

Maul gestopft werde und sie nichts darauf entgegnen können,

wie Christus uns verheißt: »Ich will euch Rede und Weisheit

geben, der alle eure Widersacher nicht widerstehen können« (Lk

21,15). Wenn daher unsere Rede in dieser Hinsicht schwach ist,

dass die Widersacher widerstehen können, dann ist falsch, was

er sagt, dass kein Widersacher unserer Rede widerstehen kann.

Also: Entweder werden wir beim Dogma vom freien Willen keine

Widersacher haben (was der Fall ist, wenn es für uns belanglos

ist), oder aber (wenn es für uns von Belang ist) wir werden

zwar Widersacher haben, doch sie werden uns nicht widerstehen

können.

Dass aber die Widersacher nicht widerstehen können (was

hier ja der Fall ist), geschieht nicht derart, dass sie gezwungen

wären, ihre Meinung aufzugeben, von der Wahrheit überzeugt

ihren Irrtum zu bekennen oder zu schweigen. Wer nämlich

könnte sie gegen ihren Willen zwingen zu glauben, ihren Irrtum

zu gestehen oder zu schweigen? Wie Augustinus sagt: »Was ist geschwätziger

als leerer Wahn?« 96 Sondern ihnen wird das Maul so

96 Augustinus, De civitate Dei V,26.

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