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FINE Das Weinmagazin - 04/2016

FINE DAS WEINMAGAZIN, 35. AUSGABE - 04/2016 Champagne Die Union des Maisons de Champagne Champagne Moët & Chandon Champagne Perrier-Jouët Champagne Lanson Champagne Pol Roger Champagne Nicolas Feuillatte Tasting Jahrgangschampagner Champagne Dreimal Heidsieck Tasting Charles Heidsieck, Piper-Heidsieck Tasting Rheinhessen trifft Champagne Krug Weitere Themen sind: Kalifornien Kalifornien – ein Wein-Traum Kalifornien Newton Vineyard Kalifornien Vérité Winery Kalifornien Schrader Cellars Genießen Fleisch oder Fisch – Bordeaux geht immer Tasting Nederburg Wine Estate Piemont Gianluca und Elio Grasso Tasting Wein, Luft und der kleine Unterschied Wein & Speisen Jürgen Dollase im Restaurant Horváth, Berlin Rioja Bodegas Marqués de Riscal Tasting Einmal rund um die Welt: Sauvignon Blanc Frauen im Wein Marion Ebner-Ebenauer aus dem Weinviertel Tasting Kloster Eberbach: Hundert Jahre Weingeschichte Die Pigott Kolumne Riesling 2015 Essay Warum ist uns der Wein so teuer? Das Große Dutzend Bruno Giacosa, Piemont Die Würtz Kolumne Pinot Noir aus Deutschland Wein und Zeit Die Franzosen am Rhein Pfalz Das Weingut Reichsrat von Buhl Das Bier danach Maronenbier

FINE DAS WEINMAGAZIN, 35. AUSGABE - 04/2016

Champagne Die Union des Maisons de Champagne
Champagne Moët & Chandon
Champagne Perrier-Jouët
Champagne Lanson
Champagne Pol Roger
Champagne Nicolas Feuillatte
Tasting Jahrgangschampagner Champagne Dreimal Heidsieck
Tasting Charles Heidsieck, Piper-Heidsieck Tasting Rheinhessen trifft Champagne Krug

Weitere Themen sind:
Kalifornien Kalifornien – ein Wein-Traum
Kalifornien Newton Vineyard
Kalifornien Vérité Winery
Kalifornien Schrader Cellars
Genießen Fleisch oder Fisch – Bordeaux geht immer
Tasting Nederburg Wine Estate Piemont Gianluca und Elio Grasso
Tasting Wein, Luft und der kleine Unterschied
Wein & Speisen Jürgen Dollase im Restaurant Horváth, Berlin
Rioja Bodegas Marqués de Riscal Tasting
Einmal rund um die Welt: Sauvignon Blanc
Frauen im Wein Marion Ebner-Ebenauer aus dem Weinviertel
Tasting Kloster Eberbach: Hundert Jahre Weingeschichte
Die Pigott Kolumne Riesling 2015 Essay Warum ist uns der Wein so teuer?
Das Große Dutzend Bruno Giacosa, Piemont
Die Würtz Kolumne Pinot Noir aus Deutschland
Wein und Zeit Die Franzosen am Rhein
Pfalz Das Weingut Reichsrat von Buhl
Das Bier danach Maronenbier

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DAS WEINMAGAZIN

Pfalz: Weingut Reichsrat von Buhl

Stuart Pigott: Riesling 2015

Piemont: Elio Grasso

Kloster Eberbach: Hundert Jahre Weingeschichte

Kalifornien: Die Weinikonen (2)

C H A M P A G N E R


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E U R O P E A N F I N E W I N E M A G A Z I N E D I E G R O S S E N W E I N E D E R W E L T

DAS WEINMAGAZIN

4/2016

INHALT

50 Kalifornien: Newton Vineyard

54 Kalifornien: Vérité Winery

62 Kalifornien: Schrader Cellars 28 Jahrgangschampagner

32 Dreimal Heidsieck

12 Die Union des Maisons de Champagne

76 Piemont: Gianluca und Elio Grasso 86 Jürgen Dollase im Horváth, Berlin

94 Rioja: Bodegas Marqués de Riscal

104 Frauen im Wein: Marion Ebner-Ebenauer 110 Kloster Eberbach und seine Weine 134 Pfalz: Das Weingut Reichsrat von Buhl

100 Tasting: Sauvignon Blanc

118 Warum ist uns der Wein so teuer?

9 FINE Editorial Thomas Schröder

12 FINE Champagne Die Union des Maisons de Champagne

16 FINE Champagne Moët & Chandon

18 FINE Champagne Perrier-Jouët

20 FINE Champagne Lanson

22 FINE Champagne Pol Roger

24 FINE Champagne Nicolas Feuillatte

28 FINE Tasting Jahrgangschampagner

32 FINE Champagne Dreimal Heidsieck

38 FINE Tasting Charles Heidsieck, Piper-Heidsieck

42 FINE Tasting Rheinhessen trifft Champagne Krug

48 FINE Kalifornien Kalifornien – ein Wein-Traum

50 FINE Kalifornien Newton Vineyard

56 FINE Kalifornien Vérité Winery

62 FINE Kalifornien Schrader Cellars

70 FINE Genießen Fleisch oder Fisch – Bordeaux geht immer

72 FINE Tasting Nederburg Wine Estate

76 FINE Piemont Gianluca und Elio Grasso

82 FINE Tasting Wein, Luft und der kleine Unterschied

86 FINE Wein & Speisen Jürgen Dollase im Restaurant Horváth, Berlin

94 FINE Rioja Bodegas Marqués de Riscal

100 FINE Tasting Einmal rund um die Welt: Sauvignon Blanc

104 FINE Frauen im Wein Marion Ebner-Ebenauer aus dem Weinviertel

110 FINE Tasting Kloster Eberbach: Hundert Jahre Weingeschichte

116 FINE Die Pigott Kolumne Riesling 2015

118 FINE Essay Warum ist uns der Wein so teuer?

122 FINE Das Große Dutzend Bruno Giacosa, Piemont

126 FINE Die Würtz Kolumne Pinot Noir aus Deutschland

128 FINE Wein und Zeit Die Franzosen am Rhein

134 FINE Pfalz Das Weingut Reichsrat von Buhl

142 FINE Das Bier danach Maronenbier

146 FINE Abgang Ralf Frenzel

6 7

FINE 4 | 2016 FINE Inhalt


D I E G R O S S E N W E I N E D E R W E L T

Verehrte Leserin, lieber Leser,

Geld oder Leben: So ließe sich, wäre

ich ein wenig reißerisch gestimmt, der

Disput überschreiben, den wir mit

diesem Heft womöglich entfachen

werden – ausgerechnet mit unserem Weihnachtsheft, das doch dem friedfertigen

Genuss und dem differenzierten Erleben großer Weine gewidmet

ist. Aber was der Soziologe Professor Jens Beckert vom Kölner Max-Planck-

Institut für Gesellschaftsforschung unserem Autor Christian Volbracht als

Ergebnis ausgedehnter wissenschaftlicher Arbeit zu sagen hatte, ist für Weinliebhaber

und -kenner doch eher starker Tobak: Dass nämlich, so stellt er in

seiner an bedenkenswerten Argumenten durchaus nicht armen Projektstudie

fest, Wein ein kulturelles Produkt sei, das nicht nach seiner objektiven Qualität

wertgeschätzt werde, sondern nach seinem semantischen gesellschaft lichen

Überbau – zu Deutsch: Dass etwa ein Petrus nicht seiner sensorischen Eigenschaften

wegen als großer Wein gelte, sondern seines hohen Preises und seiner

Rarität, seines kaum überbietbaren Prestiges wegen. Und sich der Weinfreund

eben deswegen beim Genuss einer solch edlen Flasche in seinem sensorischen

Erleben des Weins von eben diesem semantischen Überbau, also von den

uneigent lichen Faktoren, bestimmen ließe.

Sind wir denn alle nur Symbol-, Etiketten- und Prestigetrinker?

Geschmacksgeeichte Verkoster und Inhaber von Kellern, denen sie von Zeit

zu Zeit solche Nobelflaschen zu festlichem Genuss entnehmen, werden das in

aller Form zurückweisen. Was gilt also: Das Geld, mit dem Status in Flaschen

erkauft, oder das gelebte Leben, die lange Trink- und Genusserfahrung, der

geübte Gaumen des Weinfreunds, der Exzellenz oder Defizit an Geschmack

und Duft erkennt?

Nachdenklich stimmt da ein Artikel, den unser Kolumnist Stuart Pigott

kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht hat.

Hier benennt er eine Reihe hierzulande völlig unbekannter amerikanischer

Weine, denen er nachrühmt, sie besäßen »eine Feinheit, wie man sie nur von

den allerbesten roten Bordeaux-Weinen aus den besten Jahrgängen kennt« –

zu Preisen von weniger als fünfzig Euro. Wie würden die in einer Blindprobe

gegenüber großen Bordelaiser Gewächsen bestehen? Und wären sie nach der

Enttarnung noch ebenso geschätzt wie zuvor? Auch verdeckte Tastings sind,

so sehr das auch immer wieder behauptet wird, kein unbefragbares Mittel zur

Wahrheitsfindung. Die Wahrheit, die im Wein liegt, ist eben nicht absolut.

Stuart Pigott endet seinen Artikel mit dem Resümee, die Welt des Weins

sehe zwar »sehr geordnet« aus, sei aber »tatsächlich vollkommen verrückt«.

Gottlob, sage ich – und das wäre der feldtheoretischen Sicherheit des

gelehrten Soziologen immerhin entgegenzuhalten. Zu unserem Trost, zu

unserem Schutz: Denn wir fahren ja unverdrossen mit unseren Tastings fort,

versuchen also weiter, im Bewusstsein unserer Subjektivität und also Fehlbarkeit,

durch Geschmackserfahrung und nicht mit Blick aufs Etikett große von

weniger bedeutenden Weinen zu scheiden (obwohl, ich will’s gestehen, auch

mir nicht viele bekannt sind, die sich von der Verführungskraft eines illustren

Etiketts nicht beeindrucken lassen – zumindest auf den ersten Blick und

Schluck. Aber danach müssen Nase und Gaumen und nicht die Augen ihr Urteil

so unabhängig wie möglich sprechen.) Wer nur Prestige sucht und es ahnungslos

mit einem sündteuren Etikett zu finden meint, mag das tun. Wen stört’s?

Wir ignorieren also mutig das mögliche Dilemma und begeben uns auf

große Fahrt: Wir (das heißt: Kristine Bäder, Armin Diel, Stefan Pegatzky und

Michael Schmidt) verkosten jede Menge Premium-Champagner, prüfen mit

Stefan Pegatzky weitere kalifornische Wein-Ikonen auf ihre inneren Werte und

nehmen die Begutachtungen einer Auswahl der besten Weine von Nederburg

im südafrikanischen Paarl durch Michael Schmidt entgegen, der auch in der

Schatzkammer von Kloster Eberbach seinen Gaumen an fünfundzwanzig Rieslingen

und Spätburgundern der Hessischen Staatsweingüter aus warmen Jahrgängen

von 1911 bis 2015 erproben konnte. Dirk Würtz nahm mehr als dreißig

Weine der Trendsorte Sauvignon Blanc aus der Alten wie der Neuen Welt kritisch

unter die Lupe, Kristine Bäder unterzog neun große Toskaner einer dreifach

differenzierenden Verkostung, und Rainer Schäfer ließ sich von zwölf herrlichen

Weinen des piemontesischen Barolo-Traditionalisten Bruno Giacosa

beeindrucken. Genügend Stoff also für Diskussion und abweichende Meinung.

Nun aber: Ich wünsche Ihnen Finderglück auf der Suche nach Dreißig-

Euro-Weinen, die den raren Prestigeträgern der Weinwelt das Wasser reichen

können!

Thomas Schröder

Chefredakteur

FINE

Editorial

9


Hüterin der Flamme

Die Union

des Maisons de

Champagne

Von Stefan Pegatzky

Fotos Marco Grundt

Weltberühmt und einzigartig wie die Kathedrale von

Reims sind auch die Weine der Champagne. In der

Hauptstadt der Region wacht die Union des Maisons de

Champagne als eine tragende Säule der französischen

Weinwirtschaft penibel über die Markenführung und

die Einigkeit der produzierenden Häuser.

Der moderne Verbraucher ist anspruchsvoll und untreu geworden. Mit einer ruhmreichen

Geschichte alleine kann man ihn nicht mehr überzeugen. Diese Erfahrung mussten in den

letzten Jahren viele französische Weinregionen machen, deren traditionelle Kunden sich in

der Angebotsvielfalt des globalen Weinmarkts verloren und so für eine veritable Krise des

fundamentalen Appellationen-Systems sorgten. Fels in der Brandung ist der Champagner,

der 2015 wieder einen Umsatzrekord erzielen konnte. Das Erfolgsrezept: eine perfekte

Marken führung, verantwortet von einem Interessenverband, der das langfristige Wohl einer

ganzen Region im Auge behält, der Union des Maisons de Champagne.

12 13

FINE 4 | 2016 FINE Champagne


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Kalifornien:

ein Wein-Traum

Von Stefan Pegatzky

Fotos Johannes Grau

Die Weinlandschaft der Appellation Napa hat viele Gesichter:

Während sich die Rebzeilen in der Ebene den Fluss entlang

ausbreiten, klettern sie in Sonoma, wo die Vérité Winery liegt,

bis auf eine Höhe von fast achthundert Metern.

Das Napa Valley strotzt derzeit vor Selbstbewusstsein. Soeben sind die letzten Trauben

geerntet worden, und es zeichnet sich schon jetzt ab, dass 2016 der fünfte sehr gute bis

heraus ragende Jahrgang in Folge sein wird. Derzeit drängen die 2013er auf den Markt, die

gerade aus europäischer Sicht mit ihrer eher strukturierten, klassischen Stilistik vielleicht

zu den besten und langlebigsten Weinen der letzten Jahrzehnte in Kalifornien zählen –

während 2012 eher fruchtbetonte Weine mit etwas niedrigerer Säure und 2014 Weine von

sehr zuverlässiger Qualität, aber mit wenigen Spitzen hervorgebracht haben.

Das hat leider auch erhebliche Auswirkungen

auf die Preisentwicklung. Während sich die

Preise zwischen 2007, dem letzten großen

Jahrgang, und 2012 wegen der Finanzkrise und einer

Reihe mittlerer Jahrgänge noch im Rahmen hielten,

zogen sie mit dem Jahrgang 2013 um durchschnittlich

fünfzehn Prozent an. Dabei gibt es mittlerweile

schätzungsweise gut dreihundert Premium­

Cabernets im Preissegment von mehr als hundert

Dollar. Hinzu kommen die Preise für die Kult-

Weine. Während sie früher noch recht moderat

waren, sofern man einen der begehrten Plätze auf der

Mailing-Liste erhielt und die Weine nicht vom überteuerten

Sekundärmarkt bezog, sind sie seit einiger

Zeit bereits ab Weingut geradezu explodiert. So

hat etwa Harlan soeben sein Subskriptionsangebot

für den Jahrgang 2014 verschickt, zu 750 Dollar die

Flasche. Das hat nicht nur mit der Gier der Winzer

zu tun: Grower wie Andy Beckstoffer, die das Lesegut

ihrer berühmten Weinberge wie To Kalon an Vintner

ohne eigenen Weinbergsbesitz zu in Europa unvorstellbaren

Summen verkaufen, verlangen Mindestabgabepreise

von 175 Dollar die Flasche. Das ist die

negative Folge der auch in Kalifornien mittlerweile

quasi heiligen Terroir-Idee.

Da überrascht es nicht, wenn die Regionen

abseits des Napa Classico – also entlang der Linie

Rutherford, Oakville, St. Helena und Calistoga –

immer mehr ins Blickfeld des anspruchsvollen

Weinfreunds geraten. Nicht nur als Cool-

Climate­ Gegenden hoch geschätzt sind die

Berg­ Appellationen wie Spring Mountain, Howell

Mountain oder Pritchard Hill, die derzeit trendigste

Sub-Appellation des Tals, wo etwa Tim Mondavi

das vielversprechende Weingut Continuum aufgebaut

hat. Aber auch hier darf man sich nichts

vor machen: Weinbau in den Hügeln ist wegen der

rigiden Naturschutzbestimmungen und der immensen

Erschließungs kosten teuer, was sich natürlich

in den Weinpreisen niederschlägt. Bleiben die

Nachbar täler, wie Sonoma oder noch nördlichere

Regionen wie das Lake County, wo es vielleicht weniger

Glamour, aber keine schlechteren Weine gibt.

Dennoch lohnt es sich auch für europäische

Weinsammler, in Napa-Weine zu investieren. Die

spezifisch kalifornische Mischung aus Leidenschaft

und Perfektionismus hat den dortigen Weinbau

auf ein nie dagewesenes Niveau befördert. Bei den

besten Weingütern sind die Tage von Überreife

und Big Flavor längst vorbei, dagegen werden mit

unablässiger Neugier alle Details optimiert, um

sich noch ein Stück zu verbessern, Weine zu erzeugen,

die deutlich ihre Herkunft schmecken lassen –

oder wie man in Kalifornien sagt: die »site-driven«

sind, von »the land« erzählen oder »a There

There« besitzen.

Das wird mittlerweile in der ganzen Welt registriert,

nicht zuletzt in Frankreich, dem Mutterland

großer Rotweine. So war es auch keine große Überraschung,

dass Château Margaux nach dem Tod von

Paul Pontallier im Frühling dieses Jahres vor kurzem

Philippe Bascaules zu dessen Nachfolger ernannt

hat, den wir im letzten Heft noch als Managing

Director von Inglenook porträtiert hatten. Ab März

2017 wird er nun beide Weingüter leiten: Inglenook

und Château Margaux. Eine größere Wertschätzung

hätte das Bordelais der Neuen Welt kaum entgegenbringen

können.

48 49

FINE 4 | 2016 FINE Napa Valley


Schrader Cellars

Auch die dritte Karriere des

früheren Rennfahrers und Kunsthändlers

Fred Schrader als Weingutsbesitzer

ist äußerst erfolgreich.

Der Cabernet Sauvignon CCS

To Kalon Vineyard von 2013

wurde vom Wine Advocate mit

100 Punkten ausgezeichnet. Der

Genussmensch weiß auch eine gute

Zigarre zu schätzen – so sehr, dass

er sie seit 2010 selbst herstellt.

Die Weine

in der

Poleposition

Von Stefan Pegatzky Fotos Johannes Grau

Er hat keine Ausbildung im Weinbau, ihm gehören keine Reben und er hat noch nicht

einmal ein eigenes Weingut. Dennoch ist Fred Schrader zurzeit wohl Kaliforniens Kultwinzer

Nummer eins. Niemand außerhalb Frankreichs hat mehr 100-Punkte-Weine erzeugt

als er, und nur wenige erreichen solch stratosphärische Preise. Rennfahrer und Kunst händler

war er in seinem früheren Leben, das er vornehmlich in Florida verbracht hat − und wer jetzt

eine dieser typisch amerikanischen Geschichten vermutet, der hat gar nicht so unrecht. Um

aber das zu schaffen, was Fred Schrader erreicht hat, braucht es schon ein bisschen mehr

als das landestypische »Think Big«, ein gut gefülltes Bankkonto und gehörigen Biss. Die

Geschichte von Schrader Cellars ist vielmehr die Geschichte eines doppelten Comebacks.

Acht verschiedene Weine erzeugt Schrader

Cellars derzeit. Hält man eine der raren

Abfüllungen in Händen, ist man überrascht

von der betont sachlichen Gestaltung der Etiketten

– und auch etwas irritiert von den rätsel haften

Kürzeln, die sie unterscheiden: T6, CCS, RBS, GIII

oder LPV. Die Lagen sind jeweils angegeben, aber

das scheint nicht der Schlüssel zu sein. Vom Las

Piedras Vineyard stammen zwei, vom To Kalon

fünf Weine. Auf allen aber steht enigmatisch der

Name »Beckstoffer«. Wer die Bedeutung von Zeichen

und Namen versteht, nähert sich dem Erfolgsgeheimnis

der Schrader-Weine. Es ist zutiefst mit

der Geschichte des Napa Valley verknüpft.

»Der Name To Kalon bedeutet die größte

Schönheit oder das höchste Gut, aber ich möchte,

dass man ihn in Zukunft mit boss vineyard (Meister­

Weinberg) übersetzt.« Diesen Satz schrieb

Hamilton Walter Crabb – vor etwa einhundertfünfzig

Jahren. Er war als Goldsucher nach Kalifornien

gekommen, scheiterte und verdiente sein Geld

als Feldarbeiter. Auf den Rat eines Winzers zog er

mit seiner Familie ins damals noch kaum besiedelte

Napa Valley. 1868 kaufte er bei Oakville sechsundneunzig

Hektar Farmland von E.L Sullivan, dem

Schwiegersohn von George C. Yount. Das Land

war Teil der Rancho Caymus, die Yount, der erste

Siedler des Tals, einst für seine Verdienste erhalten

hatte. Es sollte die Keimzelle von Crabbs To-Kalon-

Weinberg bilden.

1872 baute er seine Hermosa Winery, mit der

er bald einer der erfolgreichsten Winzer des Tals

werden sollte. Wie Agoston Haraszthy im benachbarten

Sonoma Valley war er ein leidenschaftlicher

Rebensammler, Ende der 1870er Jahre verfügte er

über die größte Kollektion verschiedener Sorten in

den Vereinigten Staaten und wurde mit zahlreichen

Sortenabfüllungen sogar an der Ostküste populär,

neben Zinfandel mit Cabernet Sauvignon, der

damals aber kaum mehr als fünf Prozent des Rebbestandes

ausgemacht haben dürfte. 1886 benannte

Hamilton Walter Crabb sein Weingut in To Kalon

Wine Company um, die Lage selbst konnte er durch

Zukäufe 1881 und 1889 erheblich erweitern. Mit der

Reblausplage kam das Ende, das Gut wurde versteigert,

der Besitz zerstreut.

Martin Stelling Jr., ein Geschäftsmann

aus San Francisco, kaufte in den Jahren

1943/1944 einen großen Teil des To-

Kalon-Weinbergs auf – mit Ausnahme einer sechsunddreißig

Hektar großen Parzelle, die an Beaulieu

Vineyard ging, das seinerzeit führende Weingut

des Napa Valley. Stelling, den die Qualität des

kiesel reichen Sedimentbodens überzeugt hatte,

pflanzte rebsortenreine Blocks an – was damals

unüblich war – und gab vor allem dem Cabernet

Sauvignon eine Chance, lange bevor die Rebe im

Napa Valley populär wurde. André Tchelistcheff,

der Önologe von Beaulieu, empfand dies, als würde

»frischer Sauerstoff« ins Tal gepumpt. Doch bevor

Martin Stelling seine Vision, einen amerikanischen

Premium­ Wein zu erzeugen, verwirklichen konnte,

verunglückte er 1950 tödlich.

Ein Erbe seines Traums war ein junger charismatischer

Italo-Amerikaner: Robert Mondavi.

Dessen Familie besaß eines der großen alten Weingüter

im Napa Valley, die Charles Krug Winery,

die 1958 einen großen Teil des einstigen Stelling­

Besitzes erwerben konnte. Nachdem sich Robert

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FINE 4 | 2016 FINE Napa Valley


Wein und Luft

und der kleine

Unterschied

Eine Vergleichsprobe mit erstaunlichen Resultaten

Von Kristine Bäder

Fotos Thilo Weimar

Wein ist ein lebendiges Getränk. Er

reagiert auf seine Umwelt, verändert

sich durch die Zeit und wird

beeinflusst von äußeren Faktoren wie Temperatur

und Luft. Abhängig davon, welche Voraussetzungen

er mitbringt, entwickelt er sich zum

Guten – oder zum Schlechten. Sobald man eine

Flasche öffnet, beginnt der Kontakt mit Sauerstoff.

Der wird dem Wein auf die Dauer schaden,

doch nach der langen Zeit in der Flasche

bewirkt er zunächst eine Öffnung des Weins, der

seine Aromen und seine Struktur im Lauf einiger

Stunden ganz unterschiedlich zeigt. Abhängig

von der Temperatur stehen dabei die verschiedensten

Elemente im Vordergrund, denn nicht

umsonst werden für den Weingenuss Trinktemperaturen

empfohlen.

In einem Experiment haben wir neun Weine

eines Jahrgangs in drei Runden probiert. Zunächst

mit einer Temperatur zwischen 16 und 18 Grad

Celsius direkt nach dem Öffnen der Flasche,

also mit noch wenig Einfluss des Sauerstoffs.

In einer zweiten Runde wurden die Weine, die

Stunden zuvor geöffnet worden waren, gekühlt

aus dem Dekanter ausgeschenkt. In der dritten

Verkostungs reihe konnte der Wein im Dekanter

seine Temperatur um einige Grad erhöhen. Das

Ergebnis: Wie ein Wein sich zeigt, hängt auch

immer von den Umständen und Bedingungen

ab, unter denen er präsentiert wird. •

82 83

FINE 4 | 2016 FINE Tasting


Kathedrale des Glaubens, Kathedrale des Weins:

Für die Bodegas Marqués de Riscal in der Rioja

Alavesa ist das alles andere als ein Widerspruch.

»Alle wollen Tradition

und Moderne verbinden.

Wir haben es getan«

Marqués de Riscal, das älteste Weingut

in Rioja Alavesa, hat für den spanischen

Weinbau Massstäbe gesetzt

Von Rainer Schäfer

Fotos Arne Landwehr

In Elciego dreht sich alles um Wein. Seine Bedeutung spiegelt sich schon in der Architektur des Dorfes im Anbaugebiet Rioja Alavesa,

dabei sind die Proportionen ungleichmäßig verteilt: Die Kirche San Andrés – und das verwundert noch am wenigsten – strebt am

höchsten zum Himmel. Darum herum gruppieren sich unauffällig Häuser mit Flachdächern, vor einigen flattert Wäsche im Wind.

Die mächtigsten Gebäude – manches weist das Volumen eines halben Straßenzugs auf – sind die Kellereien. Das augenfälligste Objekt

aber steht auf dem zehn Hektar großen Areal der Herederos del Marqués de Riscal: Es ist die von dem kanadischen Star architekten Frank

O. Gehry entworfene City of Wine, in deren Zentrum ein Luxushotel steht. Von weitem sieht es aus, als hätte ein Trupp Metallbau-

Ingenieure im Drogenrausch aus riesigen Stahlplatten wirre Formen gedreht, die in Gold, Silber und Violett glänzen. Zwei Flutlichtmasten

sind so positioniert, dass sie das Spektakel auch nachts in Szene setzen können. Natürlich waren keine Drogen im Spiel; Frank O.

Gehry ist für seine ausgefallene Architektur bekannt, die gern die Grenzen des Machbaren auslotet. Als das Projekt geplant wurde, war

man im Weingut nicht sicher, ob der Exzentriker von Weltruf den Auftrag aus der baskischen Provinz überhaupt annehmen würde. Der

Anfrage hatte man eine Flasche Rioja von 1929 beigelegt, dem Geburtsjahr von Frank O. Gehry. Ein überzeugendes Argument, er sagte

begeistert zu. Man kann viel in diesen Bau hineininterpretieren, manche erkennen darin sogar Reben und den Prozess der Weinwerdung.

Zweifellos ist er eine der aufregendsten Aufführungen von Weinarchitektur.

92 93

FINE 4 | 2016 FINE Rioja


Grosse

Das

Dutzend

Bruno Giacosa, Piemont

Bruno Giacosa ist der standhafte Traditionalist unter

den Barolisti des Piemont. Er steht für einen klassischen

Stil, ohne große Zugeständnisse an den Zeitgeist:

Während sich die Erneuerer um Elio Altare,

Paolo Scavino oder Aldo Conterno dem Ausbau ihrer

Weine in Barriques verschrieben haben, lehnt er das

entschieden ab und hält am großen Holzfass fest.

Bruno Giacosa, Jahrgang 1929, ist weit über die Langhe

hinaus berühmt für seinen Instinkt und seine feine

Nase: Über lange Jahre erzeugte er große Weine von

Nebbiolo-Trauben, die er von anderen Winzern aufkaufte.

Giacosa, der als großer Kenner der piemontesischen

Terroirs gilt, konnte sich dabei immer auf sein

untrügliches Urteil verlassen. Erst Anfang der 1980er

Jahre erwarb er bedeutende Einzellagen in Falletto im

Anbaugebiet Barolo und in Asili im Barbaresco. Die

Weine aus Asili sind bekannt für Anmut und Eleganz,

die aus Falletto für Festigkeit und anfängliche Unnahbarkeit,

die jedoch hervorragend altern und dabei Feinheit

und Charme entwickeln.

Von Rainer Schäfer

Fotos Guido Bittner

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FINE 4 | 2016 FINE E EN


Daniel Deckers

wein und zeit xxi

»Diese unnützen Karten«

Warum sich Napoleon über Jean Joseph Tranchot ärgerte

und noch dazu gründlich irrte

Vor genau zweihundert Jahren, im Dezember 1816, wurde die Niederlage Frankreichs in den

Freiheitskriegen auch in kartographischer Hinsicht besiegelt: In Berlin trafen die letzten Blätter

eines umfangreichen Kartenwerks ein, das Napoleon selbst in Auftrag gegeben hatte: Die

»Carte des 4 départements réunis, sur la même echelle que celle de la grande Carte de France,

dite de Cassini, dont la carte ci-dessous doit être la prolongation«, die Karte der 4 vereinigten

Departements, im selben Maßstab wie die große Frankreich-Karte, die sogenannte Cassini-

Karte, zu der die nachfolgende Karte die Fortschreibung sein soll.

Vignette aus Henri-Marie-Auguste Berthaud, Les ingénieurs géographes militaires, 1624-1831. Etude historique, Band 1, Paris 1892

Abbildung: Stiftung Preußischer Kulturbesitz – Staatsbibliothek Unter den Linden, Kartensammlung

Was aber waren die vier vereinigten

Departements – und warum kamen

die Karten nach Berlin, genauer gesagt

in die Obhut des preußischen Generalstabs? 1801

hatte Frankreich die Gebiete links des Rheins, die

es seit 1792 Zug um Zug unter seine Kontrolle

gebracht hatte, im Frieden von Lunéville annektiert.

Mont Tonnerre statt Donnersberg, Spire statt

Speyer, Mayence und Trèves, Cologne, Düsseldorf

und Kleve auf ewig französisch? Ob Revolutionäre

oder Kaiser, die Franzosen dachten schon

immer in großen Linien. Wie mit den Pyrenäen

im Süd westen und den Alpen im Südosten, so hatte

Frankreich mit dem Rhein nun auch im Osten jene

natürliche Grenze (»cette rive gauche appartient

naturellement à la France«), die Gott selbst ihm

zugemessen hatte (»ce que Dieu lui a donné«).

Als der französische Schriftsteller Victor Hugo

(1802 bis 1885) diese Überzeugung nach seiner

zweiten Rheinreise im Juli 1841 unter dem Titel

»Le Rhin. Lettres à un ami« in Druck gab, war

die Geschichte schon wieder über diese nationale

Obsession hinweggegangen. 1814/15 hatte der

Wiener Kongress den größten Teil der vier linksrheinischen

Départements den Preußen zugesprochen.

Einen kleinen Teil bildete das Kernland des

Großherzogtums Hessen, Teile der Kurpfalz und

des ehemaligen Fürstbistums Speyer mussten sich

damit abfinden, von München aus regiert zu werden.

Angesichts dieses Scheiterns der französischimperialen

Ambitionen ist es nur eine Fußnote

der Geschichte, dass auch aus der

»prolongation« der für das französische Kernland

erarbeiteten Cassini­ Karte nichts wurde.

Zwar hatten sich erfahrene französische Ingenieurgeographen

(denen seit den Tagen Ludwigs XVI. auf

den zahllosen französischen Kriegs schau plätzen die

Arbeit nicht ausging) umgehend ans Werk gemacht

und unter der Leitung von Oberst Jean Joseph

Tranchot erst in Aachen und dann in Trier ein

topographisches Büro eingerichtet. Der »Colonel

des Ingénieurs géographiques« hätte am Leben an

der Mosel vielleicht noch länger Gefallen gefunden,

denn mit sechsundfünfzig Jahren hatte er 1808

Klara Maria Josephine Reulandt geheiratet, die

Tochter des Jo. Jos. Reulandt, Profos (»Prévôt«)

der Stadt Trier und Mitglied des Inneren Rats, und

der Maria Margaretha von Hontheim – so hat es

Bernhard Simon, der Leiter des Trierer Stadtarchivs,

ermittelt. In Trier wurden auch die beiden Kinder

geboren, Madeleine Josephine im August 1810, und

Niclas Joseph im März 1815.

Doch nicht nur der frühe Tod von Tranchot

am 30. April 1815 setzte dem Wirken ein Ende. Die

Niederlage Napoleons und seiner Verbündeten

in der Völkerschlacht bei Leipzig im Herbst 1813

hatte das Ende der französischen Herrschaft über

fast ganz Europa eingeläutet. Auch die Arbeiten an

der zwölf Jahre zuvor begonnenen Landes aufnahme

waren zum Stillstand gekommen. Napoleon wird

sich deswegen nicht gegrämt haben. Denn was Jean

Joseph Tranchot und seine Ingenieur geographen

ins Werk gesetzt hatten, war nicht das, was ihm

vorgeschwebt hatte.

Von Beginn an hatten die Offiziere Napoleons

Vorgaben ignoriert und eben nicht jene

großmaßstäbliche, im Verhältnis 1: 86 400

angefertigte Carte de France nach Westen bis an

den Rhein fortgeschrieben. Diese hätte allenfalls

militärischen Zwecken genügt. Jean Joseph

Tranchot und seine Mitarbeiter wollten jedoch ein

Karten werk erstellen, das modernste wissenschaftliche

Ansprüche an eine Landesaufnahme erfüllte.

Mochte Napoleon auch ob des langsamen Vorankommens

der Offiziere verzweifeln und die ungewohnten,

im Maßstab 1: 10 000 oder 1:20 000 im

Feld gezeichneten Blätter als »ces cartes inutiles«

verfluchen – seine Ingenieurgeographen zeichneten

unverdrossen Jahr für Jahr, Blatt für Blatt ein naturgetreues

Bild der rheinischen Landschaft. Mit ihrer

detailgenauen Schönheit vermögen sie den Betrachter

noch zweihundert Jahre später in Bann zu schlagen

– und das am besten bei einem Glas Wein vom

Rhein oder seinen Nebenflüssen.

Bei ihren Eroberungszügen war den Franzosen

nicht entgangen, dass an den steilen, sonnenbeschienenen

Hängen entlang von Ahr, Mosel, Nahe und

auch am Rhein selbst intensiv Weinbau betrieben

wurde. Nun mochten die meisten keine wichtigen

Landmarken sein und als Gelände strategisch nicht

sonderlich bedeutend – es sei denn, man wollte sie

zerstören. Doch hätten die Franzosen es in ihren

neuerworbenen Gebieten darauf anlegen sollen?

Mit dem geschmacklich und stilistisch ungewohnten

Weißwein konnten die neuen Herren nicht viel

Im Feld: Mit dem detaillierten Kartenwerk,

das die Ingénieurs Géographes Militaires

schufen, haben sie ein Bild der rheinischen

Landschaft entworfen, das Winzern und

Wissenschaftlern noch heute große Dienste

erweisen kann.

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FINE 4 | 2016 FINE Wein und Zeit


ABGANG

Die neue

Dekadenz

Die »Winter-Post«

Kaum eine meiner Äußerungen an dieser Stelle hat so viel Zustimmung

und zugleich Widerspruch hervorgerufen wie mein jüngster

Beitrag zum Thema Orange-Wein. Während sich die eine Seite

empörte über mein Unverständnis für diesen Trend, war die andere hocherfreut,

eine kritische Meinung zu dem unkritischen Großreden und Schönschreiben

der Orange, Natural oder Raw Wines zu lesen.

Mit fast schon religiösem Eifer versuchen Winzer, Journalisten und

Sommeliers einen Trend ebenso als innovativ wie als Rückbesinnung auf

den Ursprung des Weinmachens zu vermarkten. In Zeiten, in denen sich

Menschen nach Authentizität und Natürlichkeit sehnen, finden solche

Strömungen vielerorts offene Türen. Es geht dabei weniger um den tatsächlichen

Geschmack als um die Philosophie, wenn nicht gar Ideologie

dahinter. Aber seien wir mal ehrlich: Jahrhundertelang haben Winzer

und Wissen schaftler daran gearbeitet, den Wein mit moderner Technik,

penibler Sauberkeit im Keller und neuen önologischen Methoden besser zu

machen, und nun will man uns weismachen, dies alles sei völliger Quatsch,

weil man schon vor vielen hundert Jahren alles richtig gemacht habe? Ohne

Frage gibt es auch unter den modernen Weinen jede Menge bedeutungslose

und schlecht gemachte Tropfen. Aber all die großen, beeindruckenden,

lagerfähigen Weine der vergangenen Jahrzehnte sind das Ergebnis

penibler und zunehmend moderner Winzer arbeit. Das Laissez- faire der

Orangewein- Bewegung, möglichst wenig in Weinberg und Keller einzugreifen,

ist im Ergebnis meist sehr fragwürdig. Den Beweis, dass auf

diese Art wirklich große Weine entstehen, ist man bisher definitiv schuldig

geblieben, und es besteht Anlass zu der Annahme, dass das auch so

bleiben wird.

Ralf Frenzel

Herausgeber

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Hotel »Gasthof Post« A-6764 Lech am Arlberg Telefon +43-55 83-22 06-0 www.postlech.com

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