Buch_OrnMitt_3_4_16_web

joel.schrumpf
  • Keine Tags gefunden...

ORNITHOLOGISCHE

MITTEILUNGEN

Monatsschrift für Vogelbeobachtung, Feldornithologie und Avifaunistik

Ornithologische

Mitteilungen

Jahrgang 68 • Nr. 3/4 • 2016


Ornithologische

Mitteilungen

ORNITHOLOGISCHE

MITTEILUNGEN

Monatsschrift für Vogelbeobachtung, Feldornithologie und Avifaunistik

1948 begründet und bis 1997 herausgegeben von Prof. Dr. Herbert Bruns,

bis 2011 fortgeführt von Dr. Walther Thiede.

Herausgeber

Dr.-Walther-Thiede-Stiftung

Schriftleitung

Ubbo Mammen, Buchenweg 14,

D-06132 Halle (Saale),

Tel. 0345/6869884,

E-Mail: ubbo.mammen@ornithologischemitteilungen.de

Herbert Grimm, Nordstr. 17,

D-06567 Bad Frankenhausen

Internet

www.ornithologische-mitteilungen.de

Redaktionsbeirat

Uwe Alex (Brielow), David Conlin (Berlin),

Dr. Bernd Nicolai (Halberstadt)

Erscheinungsweise

12 Nummern im Kalenderjahr

Bezug

Jahresabonnement 12 Nummern,

Bezugspreis im Inland 50,00 €,

zzgl. Versand kosten.

Abonnentenverwaltung

Bestellungen usw. bei der Schriftleitung

Abbestellungen

Bis spätestens 1. November bei der

Schriftleitung, sonst erfolgt Verlängerung

des Abonnements um einen weiteren

Jahrgang.

Manuskripte

Manuskripte sind an die Schriftleitung zu

richten.

Inhalt

Der Inhalt der Beiträge spiegelt nicht

zwangs läufig die Auffassung des

Herausgebers oder der Schriftleitung wider.

Für den Inhalt der Beiträge sind die Autoren

verantwortlich.

Satz

Susanne Blomenkamp, Mainz

Druck

Strube Druck & Medien OHG, Felsberg

ISSN 0030-5723

Titelfoto: Turteltaube Streptopelia turtur, Neusiedler See, Österreich, 02.05.2009.


Foto: C. F. Robiller/Naturlichter.de


Ornithologische

Mitteilungen

Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 68 • 2016 • Nr. 3/4 105

Vorwort

In der Rangfolge der leider weiterhin steigenden

Zahl im Bestand rückläufiger heimischer Brutvogelarten

nimmt die Turteltaube eine exponierte

Stellung ein. Rolf K. Bernd hat in unserem ersten

Beitrag die Entwicklung und vor allem den

Nieder gang der Turteltaubenpopulation in

Schleswig-Holstein aufgezeigt, wobei er auch weit

zurück reichende und bisher unpublizierte Daten

einbezieht. Das hier gezeichnete Bild trifft wahrscheinlich

auch auf viele andere deutsche Landschaften

zu.

In einer kurzen Notiz teilt Eckart Schwarze

eine schon aus dem Jahre 1995 stammende Bairdstrandläufer-Beobachtung

aus Nord-Griechenland

mit. Sie ist der zweite Nachweis dieser Art für diese

Region.

Über die Verstädterung von Vogelarten haben

Sie in den letzten Jahren in den Ornithologischen

Mitteilungen mehrere Artikel lesen können, so

über die Amsel, die Wacholderdrossel oder die

Ringeltaube. Der Prozess vollzieht sich selbst bei

nah verwandten Arten nicht in gleicher Art und

Weise. Gennadij V. Grišanov und Maria S.

Šukšina gehen dieser Frage am Beispiel der Urbanisierung

der Singdrossel in der Stadt Königsberg

nach. Ihre Arbeit erschien im Original in russischer

Sprache im Jahr 2015 im Vestnik der Baltischen

Föderalen Universität Immanuel Kant

Kaliningrad. Mit der Veröffentlichung der Übersetzung

wollen wir einen kleinen Beitrag dazu

leisten, das russische Schrifttum auch in Mitteleuropa

bekannter zu machen.

Georgij P. Stojanov und Peter Šurulinkov haben

zwischen 1990 und 2011 Daten zu Brutzeitvorkommen

der Haubenmeise in den Gebirgen SW-

Bulgariens gesammelt, die außerhalb der bisher

bekannten Brutverbreitung liegen. Durch ihre

Forschungen konnte die aktuelle Verbreitungssituation

dieser Art in Bulgarien präzisiert werden. In

ihrem Beitrag wird der Zusammenhang der Verbreitung

zur veränderten Waldstruktur deutlich.

In den Ornithologischen Mitteilungen wurde

schon des Öfteren über die Geschichte der Vogelwarte

Rossitten berichtet, zuletzt im Jahrgang 2013

durch Christoph Hinkelmann. Nun kam Joachim

Neumann in den Besitz von Teilen des Nachlasses

des sächsischen Ornithologen Alfred Pflugbeil,

der als Beringungshelfer in den 1930er Jahren auf

der Kurischen Nehrung war und zeichnet damit

ein interessantes, historisches Bild der Vogel warte

Rossitten.

In unserer Reihe zu Biografien osteuropäischer

Ornithologen widmen sich Ruslans Matrozis

und Uwe Alex in der 21. Folge dem Taxidermisten,

Mykologen und Pionier der Vogelfotografie

und der Avifaunistik des Baltikums Ferdinand

Stoll.

An den niedersächsischen Ornithologen Karl

Greve (1934-2016), der in seinem Leben ca.

133.000 Vögel beringte, erinnert Jochen Wittenberg

in einem Nachruf.

Ein Forumsbeitrag, einige Buchrezensionen und

Hinweise auf Termine schließen das Doppelheft

ab.

Ubbo Mammen und Herbert Grimm


106 Ornithologische Mitteilungen 68 • 2016 • Nr. 3/4

Turteltaube Streptopelia turtur, Markkleeberg/Sachsen, 16.05.2016.

Foto: R. Schöne

Turteltaube Streptopelia turtur, Markkleeberg/Sachsen, 04.06.2015.

Foto: R. Schöne


Ornithologische

Mitteilungen

Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 68 • 2016 • Nr. 3/4: 107 – 120

Zum Niedergang der Turteltaube Streptopelia turtur als

Brutvogel in Schleswig-Holstein

Rolf K. Berndt

Rolf K. Berndt, Helsinkistr. 68, D-24109 Kiel; E-Mail: RKBerndt@t-online.de

1. Einleitung

Die Turteltaube gehört zu den Vogelarten mit besonders

starken Bestandsrückgängen in Schleswig-Holstein.

Eine langfristige Übersicht über

Verbreitung und Veränderungen erscheint daher

angebracht. Ausgewertet wurden die Veröffentlichungen

seit 1800 sowie alle greifbaren unveröffentlichten

Beobachtungen, auch in den vorhandenen

Tagebüchern verstorbener Vogelkundler

(im Archiv der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft

für Schleswig-Holstein und Hamburg). Aus

älterer Zeit gibt es keine zusammenfassenden

Übersichten. Landesweite Bilanzen enthalten ein

unveröffentlichtes Manuskript von H. Thies

(1974) sowie die beiden Brutvogelatlanten mit den

Ergebnissen der Kartierungen von 1985 bis 1994

(Berndt et al. 2003) und 2005 bis 2009 (Koop &

Berndt 2014).

2. Mängel der Daten

2.1 Eingeschränkte Exkursionsmöglichkeiten

Den Beobachtungen und Kenntnissen waren insbesondere

im 19. Jahrhundert enge Grenzen gesetzt.

Angesichts der Abgelegenheit vieler Gebiete und

dem geringen Aktionsradius damaliger Vogelkundler

haben die Beobachtungen den Charakter von

Stichproben. Zudem lag es bis weit in das 20. Jahrhundert

hinein nicht im Blickfeld der Vogelkundler,

Bestandsangaben von einzelnen Brutvogelarten zu

erbringen. Beobachtungen aus früherer Zeit enthalten

oft keine konkreten Zahlen, sondern berichten

nur allgemein von einem Vorkommen. Bis

einschließlich der 1960er Jahre beruhen alle Mitteilungen

auf zufälligen Feststellungen. Erst nach

1970 wurden einige Waldflächen mit dem Ziel begangen,

Bestände der Turteltaube zu erfassen.

2.2 Schwierige Erfassung von Turteltauben

Im Rahmen der normalen Exkursionstätigkeit lässt

sich die Art nur schwer feststellen. Sie ist sehr lückenhaft

verbreitet und kommt oft einzeln oder in

wenigen Paaren vor. Der Revierruf trägt nicht weit

und wird vor allem in den Morgen- und Abendstunden

geäußert, weniger zur Hauptexkursionszeit

tagsüber. Zudem äußern auch Weibchen die Balzrufe,

wenn auch weniger oft, so dass die Einschätzung

von Beständen fehlerhaft sein kann. Die markanten

Balzflüge beobachtet man nur selten. Turteltauben

werden daher vermutlich oft übersehen.

Brutnachweise liegen kaum vor bzw. sind schwer

zu erbringen. Nadelwälder, in denen Turteltauben

vorzugsweise brüten, sind als Exkursionsziel für die

meisten Beobachter wenig attraktiv. Zudem ist der

Status der Tauben bei vielen Beobachtungen nicht

sicher, denn Nichtbrüter und kurzzeitige Gäste treten

wohl recht häufig auf (Glutz von Blotzheim

& Bauer 1980). Beobachtungen auf den Inseln des

Landes, wo Turteltauben kaum brüten, belegen einen

regelmäßigen Durchzug vor allem in den Monaten

Mai und Juni (Sylt, Pfeifer 2003; Amrum,

Quedens 1983; Helgoland, Dierschke et al. 2011;

Fehmarn, Berndt et al. 2005).

Etliche Ortsangaben sind ungenau; soweit ein

Dorf als Bezugspunkt genannt ist, wird der nächstgelegene

Forst gemeint sein, der auf der Verbreitungskarte

(Abb. 2) eingetragen ist.

Die Nahrungsgebiete von Turteltauben liegen

weitgehend außerhalb des Waldes, und es kann zu

Nahrungsflügen über mehrere Kilometer kommen.

Trupps bis über 20 Vögel sammeln sich gelegentlich

an bestimmten Nahrungsquellen. Es

handelt sich dann wohl um Brutvögel aus einem

größeren Einzugsbereich (siehe Glutz von

Blotzheim & Bauer 1980, Südbeck et al. 2005).


108 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

2.3 Begrenzte Aussagekraft der Daten

Insgesamt liegen großenteils nur zufällige Beobachtungen

von einzelnen oder wenigen Vögeln vor. Das

wird besonders darin deutlich, dass aus vielen Gebieten

Meldungen aus nur einem einzigen Jahr

bekannt sind, was bestimmt nicht dem tatsächlichen

Auftreten entspricht. In welchem Umfang

Beobachtungen von Durchzüglern und Nichtbrütern

in dem Datenmaterial enthalten sind, lässt sich

nicht abschätzen. Glutz von Blotzheim & Bauer

(1980) halten die Erfassung „allein durch Kartierung

rufender Individuen“ wegen „umherstreifender,

aber auch balzender und wochenlang stationärer

Nichtbrüter“ für problematisch. Das ist nachvollziehbar,

hilft aber dem Faunisten im Hinblick

auf seine Aufgabe, Bestände und Bestandsveränderungen

zu formulieren, nicht weiter. Um möglichst

auf der sicheren Seite zu bleiben, sind eine Reihe

von Daten nicht in diese Auswertung eingeflossen,

nämlich Beobachtungen mit geringen Zahlen von

Exemplaren (siehe Abb. 2) sowie Beobachtungen,

bei denen ein Status als Brutvogel von den Umständen

her ausgeschlossen scheint.

Die Beobachtungen sind innerhalb der 200 Jahre

räumlich und zeitlich sehr ungleichmäßig verteilt.

Zeitweise wurden bestimmte Gebiete regelmäßig

aufgesucht, so dass sich Feststellungen öfters

auf eine Anzahl nah beieinander liegender

Jahre konzentrieren, während andererseits über

Jahrzehnte keine Mitteilungen vorliegen. Die Hälfte

der Meldungen stammt aus dem Zeitraum 1975-

1999, was kein Nachweis für die Häufigkeit der

Art ist, sondern mit der intensiven Beobachtungstätigkeit

sowie mit der Nachsuche für den ersten

Brutvogelatlas (1985-1994) zusammenhängt. Wir

haben also recht wenige, zufällige Beobachtungen

aus der Zeit des Bestandsoptimums und viele Beobachtungen

mit teilweise gezielter Nachsuche aus

der Zeit des Rückgangs.

3. Ergebnisse und Teildiskussion

3.1 Vorkommen bis 1949

Beobachtungen: Für das 19. Jahrhundert sind nur

wenige konkrete Mitteilungen überliefert. Jedoch

liegen einige allgemeine Beschreibungen vor, die

einen Eindruck von der damaligen Häufigkeit der

Turteltaube vermitteln.

Nach Niemann (1809) findet sie sich „in unseren

Hölzungen“. Laut Mechlenburg nistet sie

bei Flensburg (Kjaerbølling 1850). Cornehls

lt. Blasius et al. (1887) fand sie nicht selten bei

Breitenstein im Kreis Plön. Die Aufzeichnungen

von Boie (um 1850; Müller 1979) nennen mehrere

Vorkommen: „im Thiergarten bei Schleswig,

auf den Rücken bei Silberstedt, im Herzogthum

Holstein in Süderdithmarschen, bei Boostedt und

auf den Gütern Schönböken und Nehmten, überall

auf sandigem Grunde“. Ein Überblick über

Schleswig-Holstein ist damit nicht gegeben; doch

gibt die Bemerkung hinsichtlich eines sandigen

Untergrundes einen wichtigen Hinweis darauf,

warum die Turteltaube sich in Schleswig-Holstein

auf die Geest konzentriert (siehe Kap. 4). Rohweder

(1875) zeichnet ein erstes, recht positives Bild

von Verbreitung und Häufigkeit im Lande: „Ziemlich

häufig in allen waldigen Gegenden, in den

westlichen Feldhölzern und kleinen gemischten

Waldungen gewöhnlicher als palumbus, im

Ganzen vielleicht etwas zahlreicher als diese“.

Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts enthält

Tab. 1 die wesentlichen Beobachtungen. Darüber

hinaus sind folgende Mitteilungen zu erwähnen:

in parkartigen Waldungen des Kreises Steinburg

(Schünke 1924), in älteren Nadelholzaufforstungen

der Schleswigschen Geest (Emeis 1926),

in einem Wäldchen bei Todenbüttel/Kreis Rendsburg

1934 ein Paar (Hollm 1935), „sehr lokal

Brutvogel“ im Raum Neumünster, so bei Ehndorfer

Moor, Rodenbek/Heidmühlen und Wiemersdorf

(Geilsdorf 1936). Aus drei Gebieten sind

mehrere Paare bekannt. Sager (1940) fand die Art

im Segeberger Forst an verschiedenen Stellen,

nämlich am Nordrand bei Glashütte, am Südrand

bei Schafhaus und Hartenholm sowie am Westrand

bei Fuhlenrüe. Für die Ricklinger Forsten gibt Sager

(1942) 4-5 Paare an; in den Mildstedter Tannen

fand Steiniger (1949) 25 Paare im Jahre 1947.

Beckmann (1951) fasst für die zurückliegenden

Jahrzehnte zusammen: „sporadischer Brutvogel in

den Nadelholzanpflanzungen des mageren Geestbodens…

Wir fanden sie in der Umgebung von

Rendsburg im Loher Gehege und bei Elsdorf, bei

Mönkloh, Bokel und Vaale im Kreis Steinburg,

1947 bei Welmbüttel in Nord-Dithmarschen, 1949

bei Kuhlen im Kreise Segeberg, auch bei Mildstedt

im Kreise Husum“.

Bewertung: Die Aussagen von Rohweder sprechen

für ein verbreitetes Auftreten der Turteltau-


R. K. Berndt: Zum Niedergang der Turteltaube Streptopelia turtur als Brutvogel in Schleswig-Holstein 109

Abb. 1: Turteltaube Streptopelia turtur, Salzmünde / Sachsen-Anhalt, 17.07.2009.

Foto: E. Greiner

be im 19. Jahrhundert. Hinsichtlich des Vergleichs

mit der Ringeltaube Columba palumbus ist zu

beachten, dass diese im 19. Jahrhundert seltener

als heutzutage war. Die Äußerungen von Emeis,

Sager und Beckmann lassen ebenfalls eine gewisse

Häufigkeit erkennen. Die Angaben für die

Ricklinger Forsten und Mildstedter Tannen sind

Beispiele für hohe lokale Bestände. Ansonsten

betreffen die Meldungen einzelne, verstreute Gebiete,

was hinsichtlich der Einschätzung des landesweiten

Auftretens nicht weiterhilft.

3.2 Vorkommen 1950-1999

Beobachtungen: Tab. 1 enthält die wesentlichen

Daten. Aus diesem Zeitraum stammt der weitaus

größte Teil der Daten. An den meisten Orten wurden

1-3 Rufer nachgewiesen. Aus acht Gebieten

liegen Angaben von mehr als 5 Paaren bzw. Rufern

vor: ca. 20-30 Paare 1976 Forst Rosengarten/RZ,

ca. 25 Paare 1993 Forst Hasselbusch/SE (Berndt),

ca. 20 Paare 1991-1993 Segeberger Forst/SE

(Koop), ca. 15 Paare 1980 Forst Rantzau/PI-SE

(Kurth), 10 Rufer 1986 Schierenwald/IZ (Janssen),

8 Rufer 2008 Langenlehstener Heide/RZ

(Koop), 7 Rufer 1987 Forst Bremsburg/SL

(E. Thieme). Dreizehn Trupps über 5 Exemplare

an zwölf Orten sprechen für eine lokale Häufigkeit

an weiteren Stellen.

Einige lokale Auswertungen vermitteln das

Bild eines recht zahlreichen Auftretens. Kreis

Norderdithmarschen: „verbreiteter, lokal häufiger

Brutvogel in den Gehölzen der Geest“ (Grosse

1955); für den Zeitraum 1960-1990 schätzt Busche

(1993) den Bestand des heutigen Kreises

Dith mar schen auf 70 Paare nach 64 Stellen an 32

Brutzeitorten. Für den Kreis Segeberg fasst Sager

(1956-1958) die Kenntnisse zusammen: „Als

Brutvogel kommt die Turteltaube im Segeberger

Forst, in den Nadelwaldungen um Rickling und

Boostedt, in den Aufforstungen um Bad Bramstedt,

sowie in den Nadelholzbeständen im Raum

Weddelbrook, Mönkloh und Heidmoor vor“.

Daraus lässt sich auf ein nicht seltenes Auftreten

in den Nadelforsten dieses Kreisgebietes schließen.

Die Brutvogelatlaskartierung von 1985 bis 1994

(Berndt et al. 2003) erbrachte erstmals einen landesweiten

Überblick über Verbreitung und Häufigkeit

der Turteltaube. Die Verbreitungsbilder anhand

der allgemeinen Daten sowie der Atlaskartierung

stimmen in bemerkenswertem Umfang überein

(Abb. 2 und 3).


110 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Tab. 1: Brut(zeit)vorkommen der Turteltaube Streptopelia turtur in Schleswig-Holstein von 1800 bis 2015 (110

Orte). Berücksichtigt sind Vorkommen mit mindestens 2 Rufern (R.) bzw. 3 Ex. sowie mit 1 Rufer/1-2 Ex. aus drei

oder mehr Jahren. Nicht aufgenommen sind folglich Orte mit 1 Rufer/1-2 Ex. aus 1-2 Jahren, um zufällige oder

einmalige Vorkommen sowie durchziehende oder streifende Vögel möglichst zu vermeiden. Nahe beieinander

liegende Meldungen wurden zusammengefasst. Nahrungssuchende Trupps (N) sind dem Beobachtungsort zugeordnet,

in der Annahme, dass dort Tauben aus der Umgebung zusammengekommen sind. – Breeding season

occurrences of the Turtle Dove Streptopelia turtur in Schleswig-Holstein from 1800 to 2015 (110 locations). Occurrences

with at least two calling birds or three individuals are taken account of, as well as locations with one caller or 1 - 2 individuals

for three or more years. Locations with only one calling bird, or one to two individuals over one to two years

are not included, in order to eliminate chance or one-off occurrences or birds passing by or on migration. Records in

close proximity to one another are consolidated. Foraging flocks (N) are allocated to the location where they are observed,

on the assumption that doves from the immediate vicinity have gathered there.

Orte mit mind. 2 Rufern bzw. 3 Ex.

Datum Anzahl Ort weitere Jahre

Daten mit 1 Rufer bzw.

2 Ex. aus 3 oder mehr

Jahren

vor 1900

Forst Halloh/SE 1819-1974

Forst Nehmten/PLÖ 1819-1986

1900-1949

Mölln/RZ 1903-1918

Sylt/NF 1904-2015

Klövensteen/PI 1905-1925

1920 3 Ex. Loher Gehege/RD 1920-2003

1922 mehrere Ex. Elsdorfer Gehege/RD 1944 3 Ex. 1922-1958

1923 3 Ex. Grünenthal - Albersdorf/HEI

Fockbeker Wald und Moor/RD 1927-1997

Hasselbusch/SE 1927-2012

Vaaler Moor/IZ 1937-1998

1940 einige Ex. Segeberger Forst/SE, bei Schafhaus, Hartenholm,

1936-2015

am Maienborn, bei Rodenbek, Glashütte

um 1940 4-5 P. Forst Trappenkamp/SE 1940-2006

1947 25 P. Mildstedter Tannen/NF 1946, 1949 1946-1954

6-10 P.

1947 2-3 Ex. Welmbüttel/HEI 1947-1972

Amrum/NF 1949-1990

Bad Bramstedt/SE, Waldstücke 1949-1964

Tetenhusen/SL 1949-2012

1950-1999

1950 5 Ex. Mildstedter Tannen/HEI 1954 einige 1946-1954

Ex.

Duvenstedter Moor/RD 1950-1997

Amrum/NF 1951-1990

Kuhlener Moor/SE 1954-1999

1955 18 Ex. N Heidmoor bei Lentföhrden/SE, Waldstücke und

Kiesgruben

1957 3 Ex. Meezen - Innien/RD, Bauernwälder

1993 7 Ex. (4

dj.) N

1955-2014


R. K. Berndt: Zum Niedergang der Turteltaube Streptopelia turtur als Brutvogel in Schleswig-Holstein 111

Tab. 1: Brut(zeit)vorkommen, Fortsetzung.

Orte mit mind. 2 Rufern bzw. 3 Ex.

Daten mit 1 Rufer bzw.

2 Ex. aus 3 oder mehr

Jahren

Datum Anzahl Ort weitere Jahre

Fehmarn 1957-1984

Heide/HEI 1957-1959

1958 3 R. Fockbeker Wald und Moor/RD 1963-1966 2 1927-1997

R., 1979 2 R.,

1980 3 Ex.,

1983 3 R.

1960 3 Ex. Albersdorf/HEI, Forsten 1999 3 R. 1954 -2009

Geesthacht/RZ 1960-2015

Wedeler Marsch/PI 1960-1996

1962 2-3 Ex. Grambeker Bauerntannen/RZ 1960-1966

Pagensand/PI 1962-2000

1964 10 Ex. Wolmersdorfer Gehölz/HEI

1965 2-3 Ex. Welmbüttel/HEI 1972 2-3 Ex. 1947-1972

1965-1968 5 P. Lentföhrdener Moor/SE 1993 3 Ex., 1950-1997

1997 2 R. + 1

Ex.

1966 2 Ex. Kreistannen bei Heide/HEI 1964-1971

1967 2 R. Schapbrookmoor/SE 1966-1982

1968 1-3 P. Bordelumer Heide/NF 1968-2013

1968 4 Ex. Owschlag - Sorgwohld/RD 1988 2 R. + 3 1967-2015

Ex.

Hahnenkoppel/OD 1968-1971

1969 3 Ex. Bimöhlen/SE

1969 3 Ex. Forst Rosengarten/RZ 1976 10 R.

(ca. 20-30 P.)

1969-1999

1969 3 Ex. Segeberger Forst/SE 1969 3 Ex.,

1972 8 R.,

1991-1993

ca. 20 P., 1997

3 R., 1998 3 R.

1936-2015

1972 2 P. Heidmühlen/SE, Waldstücke 1972-1999

1972 2 P. Katenmoor/SE

1972 3 P. Schindermoor/SE

1972 5 P. Stellbrookmoor/SE 1971-1984

1972 3 Ex. N Tarbek-Damsdorf-Tensfeld, Kiesgruben 1982 10 Ex. N 1982-1998

Heeder Tannen/PI 1972-1996

1973 15 Ex. Kropper Gehege/SL 1973-2014

1973 2 R. Loher Gehege/RD 1987 3 R. 1920-2003

Forst Iloo/RD 1973-1991

1974 2 R. Forst Halloh/SE 1819-1974

1974 2 R. Tierpark Eckholt/SE 1985 5 P., 1974-2014

1987 2 R.,

1994 2 P.

Sachsenwald/RZ 1974-1984

Wildes Moor/RD 1974-1990


112 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Tab. 1: Brut(zeit)vorkommen, Fortsetzung.

Orte mit mind. 2 Rufern bzw. 3 Ex.

Daten mit 1 Rufer bzw.

2 Ex. aus 3 oder mehr

Jahren

Datum Anzahl Ort weitere Jahre

1975 3 R. bzw. 13 bei Schenefeld/RD

Ex. N

1975 2 R. Schülper Wald/RD 1974-1977

Escheburg/RZ 1975-1981

1976 3 Ex. Grambeker Teiche/RZ

1976 2 R. Nutteln/IZ 1984 2 R.

1976 2 R.+2 Ex. Vaaler Moor/IZ 1980 23, 1937-1998

1986 5, 1988

22 Ex. N

Gribbohm/IZ 1976-1986

1977 8 Ex. N Hasenmoor/SE 1977-2006

1977 5 R. Negernbötel/SE

Glasmoor/SE 1977-1981

Alt-Duvenstedt/RD, Gehölze und Kiesgruben 1978 -1984

1979 3 Ex. Großes Moor bei Nortorf/RD

1980 2 P. Barker Heide/SE 1993 3 R. 1958-2015

1980 2 R. Bosau

1980 3 R. + 1 Ex. Forst Trappenkamp/SE 1940-2006

1980 ca. 15 P. Staatsforst Rantzau/PI+SE 1960-2015

Föhr 1980-2008

Reher Kratt/IZ 1980-1994

Sylt/NF 1980-2015

1981 3 R. Baalen/RZ

1981 2 R. + 1 P. Holtdorfer Gehege/RD 1991 2 R. + 2 1981-1999

Ex.

1981 2 R. Ostenfelder Kirchenholz/NF 1984 2 R., 1981-1987

1987 2 R.

1982 3 R. Birkenmoor SE Böhmerwald/RD

1982 3 R. + 2 Ex. Gehege Breitenstein/RD

1983 13 Ex. N Osterby/SL, Gehölze und Kiesgruben 1985 2 R.

1984 3 Ex. Hochmoorrest bei Viert/RD

1984 2 R. Panzerberg bei Elmshorn/PI

1985 4 R. Hasselbusch/SE 1993 10 R. 1950-2012

(ca. 15 P.)

1985 8 Ex. N Langenlehstener Heide/RZ 1999 3 R. 1968-2015

1985 2 R. Niendorf/RZ

1985 13 Ex. N Schülper Moor/RD

Brekendorf/RD, Gehölze und Kiesgruben 1985-1998

1986 1-2 R. Forst Süderlügum/NF 1987 1-2 R., 1986-2001

1998 2 R.

1986 4 R. Forst Tiergarten bei Drage/IZ

1986 5 R. Hochdonn/HEI

1986 2 R. Katzheide südl. Brammerau/RD

1986 10 R. Schierenwald/IZ 1989 5 R. 1974-1989


R. K. Berndt: Zum Niedergang der Turteltaube Streptopelia turtur als Brutvogel in Schleswig-Holstein 113

Tab. 1: Brut(zeit)vorkommen, Fortsetzung.

Orte mit mind. 2 Rufern bzw. 3 Ex.

Daten mit 1 Rufer bzw.

2 Ex. aus 3 oder mehr

Jahren

Datum Anzahl Ort weitere Jahre

1986 4 Ex. Struvenhütten/SE

Forst Langenberg/NF 1986-1991

1987 7 R. Forst Bremsburg/SL

1989 2 R. Aukrug/RD

1989 2 R. Kieholz bei Frestedt/HEI

1990 4 Ex. Hadenfeld/IZ

1991 3 R. Christianlust/HEI 1950-1991

1991 2 R. Hüttener Berge/RD

1991 1 R. + 2 Ex. Kiesgruben Ramsdorf/RD

N

1991 4 Ex. Nienbüttel/IZ

1991 3 R. Nordoer Heide/IZ

1992 16 Ex. N Rendsburg, Kiesgruben

1993 3 Ex. Lentföhrden/SE, Kiesgruben 1975-2005

1993 4 R. Offenbütteler Moor/HEI

1996 2 R. Forst Hamwarde/RZ

1996 3 R. Gülzower Holz/RZ

1996 2 R. Tannenkoppel bei Rosdorf/IZ

1998 2 R. Karlumer Forst/NF 1989-1998

2000-2015

2000 3 Ex. Bröthener Heide/RZ 2000-2014

2000 2 R. Forst Süderlügum/NF 1986-2001

2000 3 Ex. Fortkrug/RZ, Brache

2000 2 R. Hasenmoor/SE 2006 2 R. 1977-2006

2001 3 Ex. Osterautal östl. Bimöhlen/SE

2001 2 R. + 2 Ex. Segeberger Forst/SE 1936-2015

2003 3 R. (ca.

10-20 P.?)

Bergholzer Forst/RZ

2010 4 R.,

2012 5 R.

2003 2 R. Langenlehstener Heide/RZ 2006 4-5 R.,

2006 4-5 R.,

2008 8 R.,

2013 2 R.,

2014 3 R.,

2015 3 R.

1961-2014

1968-2015

2006 6 R. Wildpark Trappenkamp/SE

2007 2 R. Forst Kiebitzholm/SE

2007 10 Ex. (5 dj.) Kiesgruben Ramsdorf/RD

N

2009 2 R. Christinental/HEI

2009 6 R. Albersdorf/HEI 1954-2010

2009 6 R. Bendorferfeld/RD

2009 6 Ex. Nützener Heide/SE 2003-2009

2010 2 R. Wrohm/HEI


114 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Abb. 2: Brut(zeit)vorkommen der Turteltaube Streptopelia turtur in Schleswig-Holstein von 1800 bis 2015 nach

den in Tab. 1 zusammengestellten Daten. Eingezeichnet sind die Westgrenze der Geest gegen die Marsch

sowie die Ostgrenze gegen das Östliche Hügelland. Kleiner Punkt = 1 Rufer, mittlerer Punkt = 2-5 Rufer, großer

Punkt = über 5 Rufer/Paare. – Breeding season occurrences of the Turtle Dove Streptopelia turtur in Schleswig-

Holstein from the data compiled in Tab. 1. The western boundary of the Geest to the Marsch, as well as the eastern

border to the hill countryside in the east are marked. Small dots = 1 caller, medium-sized dots = 2-5 callers, large

dots = more than 5 callers/pairs.

Die Zahl der Örtlichkeiten mit Turteltauben ist

zwangsläufig nach den allgemeinen und langfristigen

Daten viel größer. Aus der ersten Atlaskartierung

resultiert eine Bestandsschätzung für Schleswig-Holstein

von 400 Paaren für die Zeit um 1990.

Bewertung: Aus der Vielzahl von Daten in den

Jahren 1950-1999 kann nicht auf eine Bestandszunahme

der Turteltaube geschlossen werden, da

sie im Wesentlichen die hohen Beobachtungsaktivitäten

in dem Zeitraum wiederspiegeln. Darü-


R. K. Berndt: Zum Niedergang der Turteltaube Streptopelia turtur als Brutvogel in Schleswig-Holstein 115

Abb. 3: Brut(zeit)vorkommen der Turteltaube Streptopelia turtur in Schleswig-Holstein nach den Brutvogelatlaskartierungen

1985-1994 und 2005-2009. Eingetragen sind die Bestände der zweiten Kartierung und deren

Veränderungen gegenüber der ersten (Koop & Berndt 2014). – Breeding season occurrences of the Turtle Dove

Streptopelia turtur in Schleswig-Holstein from the breeding bird atlas mapping for the periods 1985-1994 and

2005-2009. The populations of the second mapping and the changes compared with the first mapping are shown

(Koop & Berndt 2014).

ber hinaus unterliegen die Daten den in Kap. 1

genannten Mängeln. Bei der Atlaskartierung gehört

zur Methode, über die Beobachtungen hinaus

Bestände zu schätzen und dabei die verschiedenartigen

Erfassungsmängel einfließen zu lassen. Es

ist daher zu erwarten, dass die Atlaskartierung ein

realistischeres Bild zeichnet.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind

wesentliche Bestandsveränderungen aus dem Datenmaterial

heraus nicht zu erkennen (Berndt et

al. 2003). Verbreitung und Häufigkeit stimmen

weitgehend mit früheren Schilderungen aus dem

20. Jahrhundert (z.B. Grosse 1955, Sager 1956-

1958, Thies 1974, Busche 1993) überein.

3.3 Vorkommen 2000-2015

Beobachtungen: In diesen Jahren wurden auffällig

wenig Turteltauben bemerkt (Tab. 1). Aus vier

Gebieten liegen Meldungen mit mehr als 5 Rufern

bzw. Paaren vor: ca. 10-20 P. 2003 Bergholzer

Forst/RZ (Berndt), je 6 Rufer 2006 Wildpark

Trappenkamp/SE (Drews), 2009 Bendorfer Feld/

RD und Albersdorf/HEI (Wittenberg). Dazu

wurde an einem Ort ein Trupp von 10 Ex. gesehen.

Im Jahr 2001 kontrollierte Busche per Klangattrappe

mit erheblichem Zeitaufwand 64 aus früheren

Jahren bekannte Orte im Kreis Dithmarschen

und fand nur noch acht Vorkommen (Busche

& Dierschke 2007).


116 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Abb. 4: Turteltaube Streptopelia turtur, Salzmünde / Sachsen-Anhalt, 07.05.2009.

Foto: E. Greiner

Die zweite Brutvogelatlaskartierung in Schleswig-Holstein,

von 2005 bis 2009, fällt in diesen

Zeitraum. Gegenüber den Jahren 1985-1994 ist

die Brutverbreitung etwas (Gitterfeldfrequenz 13,6

bzw. 12,8 %), der Bestand jedoch auf 250 Paare

stark zurückgegangen (Koop & Berndt 2014).

Bewertung: Wann die Abnahme in Schleswig-

Holstein eingesetzt hat, lässt sich nicht eindeutig

erkennen. Nach den von Busche & Dierschke

(2007) ausgewerteten Daten aus der westlichen

Landeshälfte könnte sie in den 1980er oder 1990er

Jahren eingesetzt haben. Die Methoden der beiden

Atlaskartierungen waren dieselben, so dass eine

Bestandsabnahme ausreichend belegt ist.

4. Lebensraum und Brutverbreitung

Die Turteltaube hat eine Vorliebe für relativ trockenwarme

Standorte, die sie in Schleswig-Holstein

hauptsächlich auf der Geest mit ihren überwiegend

sandigen Böden findet. Dort bewohnt sie

meist Nadelholzplantagen, die seit Ende des 19.

Jahrhunderts nach dem Urbarmachen von

Mooren, Sümpfen und Heiden gepflanzt worden

sind. Vor allem im Südosten des Landes kommt

sie in Mischwäldern vor. Außer einigen Pappelund

Birkenbeständen, letztere meist in Hochmooren,

werden reine Laubhölzungen gemieden.

Oft ist eine Bindung an offene Baumbestände und

damit besonnte Standorte deutlich. Diese bieten

am ehesten mittelalte, ungleichaltrige, stark durchforstete

oder mit einigen älteren Laubbäumen

durchsetzte Waldstücke. Typisch sind außerdem

Randlagen an Wald- oder Wegrändern, an Lichtungen

und Kahlschlägen, oft an nach Süden oder

Osten gerichteten Rändern oder Hängen (Wärme,

Windruhe). Doch stellt man Turteltauben mitunter

auch im Inneren größerer Waldgebiete fest.

Zudem treten sie in wenigen Ortschaften auf,

meist auf randlich gelegenen Hausgrundstücken

mit Koniferen (Thies 1974, Berndt et al. 2003).

Angesichts der starken Bindung an Kulturforsten

wird die Eignung von Bruthabitaten der Turteltaube

in Schleswig-Holstein großenteils von der

jeweiligen forstwirtschaftlichen Nutzung bestimmt.

Hecken und Gebüsch, die andernorts für

die Turteltaube wichtig sind (Glutz von Blotzheim

& Bauer 1980), hatten in Schleswig-Holstein

wohl nie Bedeutung.


R. K. Berndt: Zum Niedergang der Turteltaube Streptopelia turtur als Brutvogel in Schleswig-Holstein 117

Nur wenige Vogelarten konzentrieren sich so

stark auf die Geest wie die Turteltaube (Abb. 2).

Östliches Hügelland und Marsch sind weitgehend

unbesiedelt. Nur einzelne Vorkommen liegen außerhalb

der Geest, so in den Hüttener Bergen, am

Gr. Plöner See, im Grenzbereich östlich von Ratzeburg

sowie auf der Elbinsel Pagensand. Einzelne,

räumlich exponierte Bruthinweise sind von den

Inseln Sylt (Pfeifer 2003), Amrum (Quedens

1983), Föhr (z.B. Deppe 1989-1990) und Fehmarn

(Berndt et al. 2005) bekannt; dort könnten gelegentlich

Durchzügler hängen bleiben und zur Brut

schreiten. Die beiden Atlaskartierungen (Abb. 3)

stimmen weitgehend mit dem Verbreitungsbild in

Abb. 2 überein.

Aus allen Jahren zusammen liegen 14 Meldungen

mit Trupps von mehr als fünf Vögeln (von 6 bis 23

Ex.) vor, davon fünf aus dem Monat Juni und neun

aus Juli. Dabei wird es sich um nahrungssuchende

Vögel aus der Umgebung handeln, die an günstigen

Stellen zusammenkommen, so an Druschabfällen

und Wildfütterungen, auf Brachen und Ruderalflächen.

Bemerkenswert sind sechs Ansammlungen

am Rande von Kiesgruben, wo oft samenreiche

Krautpflanzen wachsen, und die Vögel vielleicht in

den Kiesgrubengewässern ihren Wasserbedarf stillen.

In mindestens zwei Fällen handelte es sich um

aus Alt- und Jungvögeln gemischte Trupps. Nach

Glutz von Blotzheim & Bauer (1980) fliegen

Turteltauben zur Nahrungssuche über Entfernungen

von 3-6 km vom Brutplatz.

5. Gesamtdiskussion

Alle Betrachtungen zur Situation der Turteltaube

in Schleswig-Holstein unterliegen dem Mangel,

dass der Status als Brutvogel in vielen Fällen nicht

wirklich gesichert ist. Zudem weist das Datenmaterial

räumlich und zeitlich große Lücken auf. Die

Brutplätze der Turteltaube wurden zu selten aufgesucht

und meistens nicht intensiv kontrolliert,

so dass die Auswertung über ein sehr grobes Bild

nicht hinauskommt. Ich gehe jedoch davon aus,

in dieser Arbeit unter den in Kap. 1 genannten

Gesichtspunkten sowie den quantitativen Einschränkungen

in Tab. 1 und Abb. 2 einem realistischen

Ergebnis nahe zu kommen, das als Basis

und Vergleich für künftige Betrachtungen geeignet

ist. Die beiden Atlaskartierungen sollten belastbare

Angaben für die Jahre ab 1985 geben.

Insbesondere im 19. Jahrhundert dürfte der

Landesbestand wesentlich höher als heute gewesen

sein, d.h. bei weit über 400 Paaren. Wann der Bestandsrückgang

eingesetzt hat, ist nicht genau

bekannt. Auf jeden Fall hat die Zahl der Turteltauben

in den letzten Jahrzehnten erheblich abgenommen.

Nach Busche & Dierschke (2007)

erfolgte rückblickend die Abnahme in der westlichen

Landeshälfte etwa ab Mitte der 1980er Jahre,

vor allem nach der Zahl der Durchzügler auf

Helgoland sowie in Durchzugsgebieten an der

Nordseeküste. Auf Helgoland tritt eine starke Abnahme

von Durchzüglern im Vergleich zu Zahlen

aus dem 19. Jahrhundert (Gätke 1900) besonders

hervor. Unklar ist, in welchem Umfang Bestandsschwankungen

(Glutz von Blotzheim & Bauer

1980) das Bild beeinflussen.

Habitatveränderungen mit landesweiter Auswirkung

in den hiesigen Brutgebieten, die eine

starke Abnahme bewirkt haben könnten, sind

nicht erkennbar. Viele der Brutplätze mit nennenswerten

Beständen bieten dem Augenschein nach

auf die Gesamtfläche bezogen im Wesentlichen

unveränderte Habitatstrukturen. Durch die Forstwirtschaft

entstehen sogar neue Lebensräume wie

z.B. Kahlschläge und Aufforstungen, die für Turteltauben

geeignet sein sollten, zumindest in den

letzten Jahrzehnten aber oft nicht besiedelt worden

sind. Das spricht für komplexe Ursachen des Rückgangs.

Zunächst einmal ist die Lage Schleswig-Holsteins

im Verbreitungsgebiet der Turteltaube zu

berücksichtigen. Unser Land sowie das südliche

Dänemark liegen am äußersten Nordwestrand

der europäischen Verbreitung. Das Auftreten

dürfte daher, wie an den Verbreitungsgrenzen

anderer Arten, stark schwanken, wobei das Klima

ein entscheidender Faktor ist. In den letzten Jahrzehnten

haben die Sommerniederschläge erheblich

zugenommen (Berndt 2007), was für eine

Vogelart trockenwarmer Standorte sehr nachteilig

ist.

Darüber hinaus fällt ein Rückgang der Turteltaube

in großen Teilen des nordwestlichen und westlichen

Europas auf (z.B. Tucker & Heath 1994,

Hagemeijer & Blair 1997, Birdlife International

2004). Für Deutschland ergibt sich das Bild

einer stetigen Abnahme seit dem 19. Jahrhundert

(Gedeon et al. 2014). In der Nachbarschaft Schleswig-Holsteins

ist der Bestand ebenfalls mehr oder


118 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

weniger stark zurückgegangen, so in Niedersachsen

(Krüger et al. 2014) und Mecklenburg-Vorpommern

(Vökler 2014). In Dänemark hält sich ein

kleiner Bestand von 100-150 Paaren hauptsächlich

unmittelbar angrenzend an Schleswig-Holstein im

südlichen Jütland mit Schwerpunkten in mehreren

Fichtenplantagen (Tofft 2004, Nyegaard et al.

2014). Insgesamt sind die Veränderungen in Schleswig-Holstein

Teil eines großräumigen Rückzugs der

Turteltaube aus den nordwestlichen und westlichen

Verbreitungsgebieten.

Darüber hinaus können aus Schleswig-Holstein

keine entscheidenden Erkenntnisse zu den Ursachen

des Bestandsrückgangs beigetragen werden.

Im Schrifttum gibt es diverse Hypothesen, wobei

die Autoren (z.B. Tucker & Heath 1994, Hagemeijer

& Blair 1997, Bauer et al. 2005, Gedeon

et al. 2014) unterschiedliche Schwerpunkte setzen.

Für den schleswig-holsteinischen Bestand scheinen

mir folgende Gesichtspunkte wichtig:

Nahrungsmangel: Die moderne Intensivlandwirtschaft

mit flächendeckender Nutzung und

dem Einsatz von Herbiziden lässt kaum noch

Raum für ungenutzte Bereiche mit einer naturnahen

Vegetation mit Ackerwildkräutern und Sämereien.

Dadurch kann sich das Nahrungsangebot

für die Turteltaube in den Brutgebieten sehr verschlechtern.

Intensive Bejagung: Auf den Zugwegen und im

Winterquartier werden Turteltauben häufig abgeschossen.

Situation im Winterquartier: Die oft dargestellten

Nutzungs-, Landschafts- und Klimaveränderungen

in den afrikanischen Winterquartieren können die

Überlebenschancen von Turteltauben stark beeinträchtigen

(Stichwort Trockenheit in der Sahel-

Zone). Das Winterquartier schleswig-holsteinischer

Vögel ist aber nicht genau bekannt; es dürfte im

Westen Afrikas liegen (Bairlein et al. 2014).

Geht man davon aus, dass diese negativen Einflüsse

auch auf den schleswig-holsteinischen Bestand

wirken, kann zusammen mit der ungünstigen

Randlage, den hiesigen Klimaveränderungen

und den Bestandsrückgängen außerhalb des Landes

keine günstige Prognose gestellt werden. Wünschenswert

wäre, in Zukunft der Turteltaube mehr

Aufmerksamkeit zu schenken und durch gezielte

Nachsuche in bekannten Schwerpunktgebieten

den Bestand und dessen Veränderungen zuverlässiger

als bisher zu erfassen.

Abb. 5: Turteltaube Streptopelia turtur, Salzmünde /

Sachsen-Anhalt, 21.07.2009. Foto: E. Greiner


R. K. Berndt: Zum Niedergang der Turteltaube Streptopelia turtur als Brutvogel in Schleswig-Holstein 119

Zusammenfassung

In dieser Arbeit werden die verfügbaren Daten zum Brut(zeit)vorkommen der Turteltaube Streptopelia

turtur seit 1800 zusammengefasst. Angesichts erheblicher Mängel in der Erfassungsqualität

kann nur ein grobes Bild gezeichnet werden. Im 19. Jahrhundert dürfte die Turteltaube in Schleswig-

Holstein viel häufiger als im 20. Jahrhundert gewesen sein. Zwei landesweite Brutvogelatlas-Kartierungen

ergaben 400 Paare (1985-1994) bzw. 250 Paare (2005-2009).

Mögliche Gründe für die Bestandsabnahme werden diskutiert. Das Vorkommen in Schleswig-

Holstein liegt an der nordwestlichen Verbreitungsgrenze in Europa, was Bestandsschwankungen

erwarten lässt. Ein Anstieg der Sommerniederschläge in den letzten Jahrzehnten könnte sich negativ

ausgewirkt haben. Nahrungsmangel durch die heutige Landwirtschaft ist recht wahrscheinlich.

Als weitere Ursachen kommen Verfolgung auf den Zugwegen sowie Landschafts- und Klimaveränderungen

in den Winterquartieren in Betracht.

Summary

On the decline of the Turtle Dove Streptopelia turtur as a breeding bird in Schleswig-Holstein

This article summarises the available data on breeding occurrences of the Turtle Dove Streptopelia

turtur since 1800. Due to considerable deficiencies in the quality of the records, only a broad picture

can be presented. The Turtle Dove was probably a great deal more common in the 19th than in the 20th

Century. Two state-wide breeding bird atlas mappings registered 400 pairs (1985-1994) compared with

250 pairs (2005-2009).

The possible causes for the population decline are discussed. The Schleswig-Holstein distribution lies

at the north western fringe of the bird’s European range, so that population fluctuations are to be expected.

An increase in summer rainfall in the past few decades could also have had a negative effect.

Food shortage caused by current agricultural management is very likely. Further possible causes are

persecution on migration routes as well as landscape and climate changes in the species’ winter quarters.

Literatur

Bairlein, F.; Dierschke, J.; Dierschke, V.; Salewski,

V.; Geiter, O.; Hüppop, K.; Köppen, U.; Fiedler, W.

(2014): Atlas des Vogelzugs. Ringfunde deutscher

Brut- und Gastvögel. - Wiebelsheim.

Bauer, H.-G.; Bezzel, E.; Fiedler, W. (2005): Das

Kompendium der Vögel Mitteleuropas. Alles über

Biologie, Gefährdung und Schutz. Nonpasseriformes

– Nichtsperlingsvögel. - 2. Auflage. - Wiebelsheim.

Beckmann, K. O. (1951): Die Vogelwelt Schleswig-

Holsteins. - Neumünster.

Berndt, R. K. (2007): Die Brutvögel Schleswig-Holsteins

1800-2000 – Entwicklung, Bilanz und Perspektive.

- Corax 20: 325-387.

Berndt, R. K.; Koop, B.; Struwe-Juhl, B. (2003): Vogelwelt

Schleswig-Holsteins, Bd. 5, Brutvogelatlas. - 2.

Auflage. - Neumünster.

Berndt, R. K.; Hein, K.; Koop, B.; Lunk, S. (2005): Die

Vögel der Insel Fehmarn. - Husum.

BirdLife International (2004): Birds in Europe. Population

estimates, trends and conservation status.

- BirdLife International, Cambridge.

Blasius, R.; Reichenow, A.; Freiherr von Berg, G. H.

D.; Deditius, K.; Leverkühn, P.; Matschie, P.;

Meyer, A. B.; Rohweder, J.; Schalow, H.; Wacke;

Walter, A.; Ziemer, E. (1887): X. Jahresbericht (1885)

des Ausschusses für Beobachtungsstationen der Vögel

Deutschlands. - Journal für Ornithologie 35: 337-648.

Busche, G. (1993): Bestandsentwicklung der Waldvögel

im Westen Schleswig-Holsteins 1960-1990. - Die

Vogelwelt 114: 15-34.

Busche, G.; Dierschke, V. (2007): Jahreszeitliches

Auftreten und Bestandsentwicklung der Turteltaube

Streptopelia turtur an der Deutschen Bucht. - Die

Vogelwelt 128: 149-157.

Deppe, H.-J. (1989-1990): Veränderungen in der Brutvogelwelt

der nordfriesischen Insel Föhr. - Ornithologische

Mitteilungen 41: 291-296, 42: 44-50.

Dierschke, J.; Dierschke, V.; Hüppop, K.; Hüppop,

O.; Jachmann, K. D. (2011): Die Vogelwelt der Insel

Helgoland. - OAG Helgoland, Helgoland.

Emeis, W. (1926): Die Brutvögel der schleswigschen

Geest. - Nordelbingen 5: 51-127.


120 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Gätke, H. (1900): Die Vogelwarte Helgoland. - 2. Auflage,

Braunschweig.

Gedeon, K.; Grüneberg, C.; Mitschke, A.; Sudfeldt,

C.; Eikhorst, W.; Fischer, S.; Flade, M.; Frick, S.;

Geiersberger, I.; Koop, B.; Kramer, M.; Krüger,

T.; Roth, N.; Ryslavy, T.; Stübing, S.; Sudmann, S.

R.; Steffens, R.; Vökler, F.; Witt, K. (2014): Atlas

Deutscher Brutvogelarten. - Stiftung Vogelmonitoring

Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten,

Münster.

Geilsdorf, F. (1936): Verzeichnis der in Mittelholstein

vorkommenden Vogelarten (Beobachtungsjahre

1915-1936). - Manuskript (Archiv der Ornithologischen

Arbeitsgemeinschaft für Schleswig-Holstein

und Hamburg).

Glutz von Blotzheim, U. N.; Bauer, K. M. (1980):

Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 9. - Wiesbaden.

Grosse, A. (1955): Die Vogelwelt Norderdithmarschens,

eine vogelkundliche Landschaftskunde. - Mitteilungen

der Faunistischen Arbeitsgemeinschaft für

Schleswig-Holstein, Hamburg und Lübeck N.F. 8:

57-84.

Hagemeijer, W. J. M.; Blair, M. J. (1997): The EBBC

Atlas of European breeding birds. - London.

Hollm, E. A. (1935): Vogelbeobachtungen. - Die Heimat

45: 75-76.

Kjaerbølling, N. (1850): Danmarks Fugle. - København.

Koop, B.; Berndt, R. K. (2014): Zweiter Brutvogelatlas.

Vogelwelt Schleswig-Holsteins Bd. 7. - Neumünster.

Krüger, T.; Ludwig, J.; Pfützke, S.; Zang, H. (2014):

Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen

2005-2008. - Naturschutz Landschaftspflege Niedersachsen

48.

Müller, H.-P. (1979): Bemerkenswerte Vogelbeobachtungen

im Schleswig-Holstein des 19. Jahrhunderts

aus dem handschriftlichen Nachlass von Friedrich

Boie. - Die Heimat 86: 16-20.

Niemann, A. (1809): Forststatistik der dänischen Staaten.

- Hammerich, Altona.

Nyegaard, T.; Meltofte, H.; Tofft, J.; Grell, M. B.

(2014): Truede og sjaeldne yngefugle i Danmark

1998-2012. - Dansk Ornitologisk Forenings Tidsskrift

108: 1-144.

Quedens, G. (1983): Die Vogelwelt der Insel Amrum.

- Hamburg.

Pfeifer, G. (2003): Die Vögel der Insel Sylt. - Husum.

Rohweder, J. (1875): Die Vögel Schleswig-Holsteins

und ihre Verbreitung in der Provinz. - Husum.

Sager, H. (1940): Vogelkundliche Beobachtungen im

Kreise Segeberg im Sommer 1940. - Die Heimat 50:

184-186.

Sager, H. (1942): Vogelkundliche Beobachtungen im

Kreise Segeberg im Sommer 1941. - Die Heimat 52:

11-12.

Sager, H. (1956-1958): Die Vögel des Kreises Segeberg.

- Heimatkundliches Jahrbuch Kreis Segeberg 1956:

133-161, 1957: 202-212, 1958: 205-214.

Schünke, E. (1924): Die Vogelwelt. - In: Heimatbuch-

Kommission: Heimatbuch des Kreises Steinburg. 3

Bände, Bd. 1: 180-190. - Augustin, Glückstadt.

Steiniger, F. (1949): Turteltauben-Brutplätze bei Mildstedt,

Kreis Husum. - Mitteilungen der Faunistischen

Arbeitsgemeinschaft für Schleswig-Holstein, Hamburg

und Lübeck N.F. 2: 28.

Südbeck, P.; Andretzke, H.; Fischer, S.; Gedeon, K.;

Schikore, T.; Schröder, K.; Sudfeldt, C. (2005):

Methodenstandards zur Erfassung der Brutvögel

Deutschlands. - Radolfzell.

Thies, H. (1974): Zum Vorkommen der Turteltaube,

Streptopelia turtur, in Schleswig-Holstein. - Manuskript

(Archiv der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft

für Schleswig-Holstein und Hamburg).

Tofft, J. (2004): Turtelduen – en sønderjysk specialitet.

- Panurus 38: 16-21.

Tucker, G. M.; Heath, M. F. (1994): Birds in Europe,

their conservation status. - BirdLife International,

Cambridge.

Vökler, F. (2014): Zweiter Brutvogelatlas des Landes

Mecklenburg-Vorpommern. - Greifswald.


Ornithologische

Mitteilungen

Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 68 • 2016 • Nr. 3/4: 121 – 122

Bairdstrandläufer Calidris bairdii im Frühjahr 1995 in

Nordost-Griechenland

Eckart Schwarze

Eckart Schwarze, Burgwallstraße 47, D-06862 Dessau-Roßlau

Vorbemerkung: Der nachstehende Sachverhalt wurde 1996 in fast gleicher Fassung für die Zeitschrift

„Limicola“ als Manuskript erarbeitet, aber später dort - sicher aus geografischen Erwägungen – nicht

abgedruckt. Er ergänzt die Aufarbeitung anderer älterer Beob achtungen aus Griechenland und verdient

es, auch über 20 Jahre später als zweiter Nachweis der Art im Land eingehender behandelt zu werden.

Während einer Exkursion in der zweiten Aprilhälfte

1995 beobachteten Mitglieder des Ornithologischen

Vereins Dessau vor allem im Nestosmündungsbereich,

aber auch im Evrosdeltagebiet

und am Mitrikoi-See in NE-Griechenland insgesamt

25 Limikolenarten, z.T. in beachtlichen Anzahlen.

Der Heimzug nordeurasischer Brutvögel

war also noch nicht abgeschlossen.

Eine herausragende Feststellung gelang mir dabei

gemeinsam mit H. Musiolik (†) am 24.04.1995

im Lagunengebiet nordöstlich von Keramoti (etwa

40,52 N; 24,40 E). Auf dem toni gen Boden eines

ca. 0,5 ha großen mit Gebüsch umgebenen wohl

ehemaligen Reisfeldes oder Fischteiches, dessen

flache Restwasserlachen durch niedrigen krautigen

Pflanzenbewuchs aufgelockert waren, hielten

sich verteilt mindestens 60 Bruchwasserläufer

Tringa glareola und acht Zwergstrandläufer Calidris

minuta auf. Letztere trugen schon weitgehend das

Brutkleid.

Zwischen den Zwergstrandläufern wirkte ein

weiterer Strandläufer abweichend: zuerst durch

seine etwa kräftigere Körperstatur und fleckiger

Oberseitenzeichnung, die durch ausgedehnte dunkelbraune

Schulter- und Armdeckenfederzentren

gebildet wurde. Bei etwa einstündiger Beobachtung

aus ca. 30 m Entfernung mit 10- bzw. 30-fach

vergrößernder Optik ruhte der Vogel fast ständig

an der gleichen Stelle, während die anderen Limikolen

dagegen meist geschäftig Nahrung suchten.

Dabei war der Schnabel teils ins Rückengefieder

gesteckt, teils bei eingezogenem Kopf leicht abwärts

nach vorn gerichtet. Nur gelegentlich streckte

er den Hals.

Folgende Einzelheiten wurden erkannt und

notiert: Etwa kopflanger gerader schwarzer Schnabel,

schwärzliche recht kurze Beine, dadurch erschien

der Vogel trotz leicht massigerem Körpers

kaum höher als die Zwergstrandläufer. Die unregelmäßige

dunkelfleckige Oberseitenzeichnung

ohne Andeutung von Streifen hatte durch breite

ockergelbbraune Federsäume eine insgesamt etwas

fahlere Tönung als die der C. minuta. Die Unterseite

war bis auf die ungezeichnete helle Kehle und

die Oberbrust rein weiß. Letztere wirkte bei eingezogenem

Kopf auf graubeigem Grund hellgraubraun

gestreift mit abruptem unterem Abschluss.

Wenn der Strandläufer den Hals streckte, konnte

diese Brustzeichnung wohl infolge des Auseinanderziehens

der Federn kaum noch erkannt werden.

Über einem wenig auffälligen beigen Überaugenstreif,

der sich bis hinter das Auge zog, war

beim Anblick schräg von oben eine dunklere

Kopfkappe erkennbar, die durch feine graubraune

Längsstreifung gebildet wurde, sich deutlich dunkler

und enger als die gedehntere der Oberbrust

darstellte und zur beigen Hinterhalsfärbung kontrastierte.

Zuerst dachten wir bei der Artbestimmung an

einen umfärbenden Sanderling Calidris alba,

waren aber wegen der geringeren Größe im direkten

Vergleich zu den Zwergstrandläufern ver-


122 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

unsichert. Als wir dann das Augenmerk auf das

Schwanz-Flügel-Verhältnis richteten, bemerkten

wir übereinstimmend, dass die Handschwingen

die Schwanzfedern sichtbar überragten und kamen

zur Felddiagnose Bairdstrandläufer Calidris

bairdii im fast kompletten Brutkleid (Heinzel et

al. 1983), die sich durch spätere Literatureinsicht

(Aufstellung siehe „Literatur“) bestätigte. Da

H. Musiolik u. a. noch am gleichen Tag einen

Sanderling am Strand von Keramoti sahen, der

vom ersten Winter- zum Sommerkleid umfärbte,

konnte diese Art nun eindeutig ausgeschlossen

werden. Leider fanden andere durch uns informierte

Mitglieder der Exkursionsgruppe den

Irrgast 1½ Std. später nicht mehr vor Ort.

Handrianos und Mitarbeiter bestätigten unsere

Feststellung des nordamerikanisch-ostsibirisch

verbreiteten Bairdstrandläufers als zweiten

Nachweis für Griechenland nach Kenntnisnahme

obigen Manuskriptes und baten um Verwendung

für eine in Arbeit befindliche Avifauna (in litt.

vom 02.07.1996). Es war damals gleichzeitig einer

der seltenen europäischen Frühjahrsnachweise

(Alström et al. 1989, Lewington et al. 1991).

Der erste griechische Nachweis datiert vom

15.08.1986 (Fossey 1988, Lewington et al. 1991).

Den Herren George I. Handrianos (Glyfada,

GR) und Hartmut Heckenroth (Hannover) danke

ich für fachkundige Beurteilung sowie Literaturhinweise.

Zusammenfassung

Am 24.04.1995 gelang der zweite Nachweis des Bairdstrandläufers Calidris bairdii (Sommerkleid)

für Griechenland in der Nähe der Nestos-Mündung im Nordosten des Landes. Eine detaillierte

Beschreibung der Beobachtung erfolgt.

Summary

Baird’s Sandpiper Calidris bairdii in spring 1995 in NE-Greece

On 24 April 1995, a Baird’s Sandpiper in summer plumage was seen near the River Nestos estuary in

NE-Greece (second record for the country). A detailed description of the observation is given.

Literatur

Alström, P.; Barthel, P. H.; Schmidt, C. (1989): Die

Bestimmung von Weißbürzel- Calidris fuscicollis und

Bairdstrandläufer C. bairdii. - Limicola 3: 49-61.

Chandler, R. J. (1989): North Atlantic Shorebirds. -

London and Basingstoke.

Colston, P.; Burton, P. (1989): Limicolen. - München.

Cramp, S.; Simmons, K. E. L. (1983): Handbook of the

Birds of Europe, the Middle East and North Africa,

Vol. 3. - Oxford, London, New York.

Dierschke, V.; Barth, R.; Helbig, A. J. (1994): Erster

Nachweis des Weißbürzel-Strandläufers Calidris

fuscicollis für Mecklenburg-Vorpommern. - Berichte

der Vogelwarte Hiddensee 11: 85-87.

Fossey, A. (1988): First record of Baird’s Sandpiper

(Calidris bairdii) in Greece. – Hellenic Ornithological

Society Newsletter 4: 33.

Glutz von Blotzheim, U. N.; Bauer, K. M.; Bezzel,

E. (1975): Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Bd. 6.

- Wiesbaden.

Hayman, P.; Marchant, J.; Prater, T. (1986): Shorebirds.

- London.

Heinzel, H.; Fitter, R.; Parslow, J. (1983): Pareys

Vogelbuch. - 4. Aufl. Hamburg, Berlin.

Jonsson, L. (1992): Die Vögel Europas und des Mittelmeerraumes.

- Stuttgart.

Kalbe, L. (1988): Seltener Strandläufer bei Potsdam. -

Beiträge zur Vogelkunde 34: 154-156.

Lewington, I.; Alström, P.; Colston, P. (1991): A

Field Guide to the rare Birds of Britain and Europe.

– St. Helier, Jersey.

Prater, T.; Marchant, J.; Vuorinen, J. (1977): Guide

to the Identification and Ageing of Holarctic Waders.

- BTO Guide 17. Tring, Herts.

Schmidt, C.; Barthel, P. H. (1993): Die Kleider des

Zwergstrandläufers Calidris minuta und ihre Variationen.

- Limicola 7: 109-129.


Ornithologische

Mitteilungen

Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 68 • 2016 • Nr. 3/4: 123 – 130

Die Urbanisierung der Singdrossel Turdus philomelos C. L.

Brehm in Kaliningrad/Königsberg: Historie des Prozesses

und Gründe des Misserfolges*

Gennadij V. Grišanov und Maria S. Šukšina

Dr. Gennadij V. Grišanov, Baltische Föderale Universität I. Kant, RU-236040 Kaliningrad, ul.

Universitetskaja, Haus 2; E-Mail: GGrishanov@kantiana.ru

Maria S. Šukšina, Baltische Föderale Universität I. Kant, RU-236040 Kaliningrad, ul. Universitetskaja,

Haus 2; E-Mail: schuksch_masch@mail.ru

1. Einleitung

Die Dynamik der urbanen Umwelt stellt sich für

alle Vogelarten als allgemein limitierende Barriere

bei der Herausbildung von städtischen Populationen

dar. In jedem Paar, in jeder Gruppe ökologisch

naher Vogelarten mit ähnlichen Anforderungen

an die Umwelt, vollzieht sich als Antwort

auf den Druck der urbanen Landschaft eine ständige

Auslese von Arten aus der Zahl der schon in

den Städten siedelnden Taxa (Fridman & Jerjomkin

2009).

Besonders interessant für die Erforschung der

Mechanismen der Koexistenz nahverwandter Arten

sowie der Anpassungs-Wege für eine Existenz

in urbanisierten Landschaften sind die Drosseln

der Gattung Turdus (Morozov 2009).

In der Mehrzahl der Städte Europas bilden die

ökologisch ähnlichen Drosselarten der Gattung

Turdus mehr oder weniger erfolgreich spezielle

städtische Populationen, doch praktisch stellt sich

der Zustand dieser Populationen in jeder Stadt

anders dar (u.a. Luniak 1986, Lykov 2009, Lykov

* Übersetzung der Originalarbeit: Гришанов, Г. В.,

Шукшина, М. С. (2015): Урбaнизация певчего дрозда

(Turdus philomelos C. L. Brehm) в Калининграде:

история процесса и причины неуспеха. - Vestnik der

Baltischen Föderalen Universität Immanuel Kant Kaliningrad,

Ausg. 7, Serie Naturwissenschaften: 14-22.

Übersetzt von Uwe Alex

et al. 2009, Witt et al. 2005). In Kaliningrad ist

die Stadt-Population der Amsel Turdus merula

sehr gefestigt und stabil (Lykov 2009, Lykov et

al. 2009, Grišanov & Šukšina 2014), die Stadt-

Population der Wacholderdrossel Turdus pilaris

zwar relativ zahlreich, doch noch nicht endgültig

herausgebildet (Lykov 2009, Lykov et al. 2009,

Šukšina & Grišanov 2014).

Gleichzeitig gab es, wie in der Vergangenheit

(Tischler 1914, 1941), mehrfache Versuche der

Singdrossel Turdus philomelos, sich in der Stadt

anzusiedeln – in den letzten Jahrzehnten jedoch

ohne Erfolg (Grišanov 2011).

Im nun vorliegenden Beitrag wird versucht, die

möglichen Ursachen des Misserfolges bei der Herausbildung

einer speziellen Stadt-Population der

Singdrossel in Kaliningrad zu klären sowie einige

Besonderheiten bei der Eroberung der urbanisierten

Umwelt durch die ökologisch und systematisch

nahe verwandten Arten der Gattung Turdus zu

diskutieren.

2. Material und Methode

Das Datenmaterial für diesen Beitrag wurde zwischen

1974 und 2014 gesammelt. In den Waldbiotopen,

Waldparks und städtischen Parks geschah

dies mittels Linientaxierung (Priednieks et al.

1986). In den Jahren 1999-2003 und 2006-2007

erfolgte die Erfassung im Rahmen der Arbeiten

zum Brutvogelatlas Kaliningrads entsprechend der


124 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

europaweiten Standards (vgl. Priedniecks et al.

1989, Hagemeijer & Blair 1997). In den verschiedenen

Biotopen der Stadt wurde nach Drosselnestern

gesucht sowie Verhaltensweisen und

verschiedene phänologische Phasen des Jahreszyklus

registriert. In die Untersuchung einbezogen

waren etwa 100 km² Fläche der Stadt Kaliningrad

sowie 10 km² kleinerer Städte (Svetlogorsk/Rauschen,

Baltijsk/Pillau, Polessk/Labiau etc.) der

Kaliningrader Exklave.

3. Ergebnisse und Diskussion

3.1 Die Singdrossel in Königsberg/Kaliningrad

Die Singdrossel erschien in Königsberg zu Anfang

des 20. Jahrhunderts. Sie nistete auf den großen

städtischen Friedhöfen und im Botanischen Garten,

doch ein dauerhafter Stadtvogel (wie beispielsweise

im 130 km entfernten Sopot bei Danzig)

wurde sie bis 1940 trotz der beständigen Besiedlung

aller Friedhöfe mit 1 bis 2 Brutpaaren nicht.

Die Art brütete auch in den größeren Gutsparks,

sofern sich in ihnen Fichtengruppen befanden.

Doch eine Zutraulichkeit, wie z. B. im Berliner

Tiergarten, erreichte die Art in Ostpreußen nirgendwo

– außer in dem Ort Neuhäuser bei Pillau,

wo sie häufiger als die Amsel war und in fast jedem

Garten brütete (Tischler 1941).

Die Chronologie der wichtigsten Eckpunkte der

Besiedlung von Königsberg/Kaliningrad durch die

Singdrossel verlief folgendermaßen:

• vor 1910: erste Bruten einzelner Paare auf den

großen städtischen Friedhöfen (Tischler

1914),

• um 1935: Brutvogel mit je 1 bis 2 Brutpaaren

auf den städtischen Friedhöfen und im Botanischen

Garten,

• 1940: plötzliche Zunahme an allen Brutplätzen

der Stadt (Tischler 1941),

• nach 1945: keine Daten,

• 1975-1977: unregelmäßiger Brutvogel in Einzelpaaren

in den Waldparks an der Peripherie

der Stadt,

• 1980er Jahre: fehlt als Brutvogel in Kaliningrad

(Grišanov 1991),

• 1991-1995: unregelmäßiger Brutvogel in Einzelpaaren

in den Waldparks an der Peripherie

der Stadt (Grišanov 1997, 1999),

• 1999-2003: Erfassung von insgesamt 29 Paaren,

im Grüngürtel (ohne die Vorstadtwälder) am

Stadtrand nisten weniger als 10 Paare (Lykov

2006a),

• 2006-2007: in den Stadtgrenzen (ohne die Vorstadtwälder)

konnten auf 145 km² 10 bis 12

Reviere erfasst werden (Lykov, Grišanov),

• 2012-2014: jährlich 5 bis 7 Brutpaare in den

Waldparks und Gärten des städtischen Grüngürtels.

Ausgehend von den Stadien der Etablierung

städtischer Populationen - „in den ersten 10 Jahren

vom Beginn der Urbanisierung an wächst die Anzahl

stetig, in den nächsten 10 Jahren um 2 bis 3

mal, in den folgenden stabilisiert sie sich“ (Friedman

& Jeromkin 2009) – kann man konstatieren,

dass die Singdrossel auf dem Territorium Kaliningrads

noch nicht in den Prozess der Urbanisierung

eingetreten ist. Entsprechend einer anderen Klassifizierung

würde sie sich aber mit dem Nisten

einzelner Paare in großen, wenig urbanisierten

städtischen Parks bereits im Stadium der anfänglichen

Verstädterung befinden (Tomiałojć 1976).

In Kaliningrad stellt die Singdrossel nur formal

eine städtische Population dar. Die Vögel haben

keine gefestigte Beziehung mit den charakteristischen

spezifischen Elementen der urbanen Umwelt,

sondern haben ihren ursprünglichen „natürlichen“

Fluchtreflex gegenüber dem Menschen

erhalten. Sie siedeln in niedriger Dichte und brüten

in natürlichen Biotopen.

3.2 Die Singdrossel in den Städten Mittel- und

Ost-Europas

Den Beginn der Etablierung städtischer Populationen

der Singdrossel kann man wohl in die

2. Hälfte des 19. Jahrhunderts datieren, als die Art

u.a. schon in den städtischen Parks und Grünanlagen

mit Hecken Braunschweigs nistete (Blasius

1986-1987) und um 1900 häufig war (Blasius

1905).

Die süddeutschen Städte wurden zwischen 1855

und 1890, die westdeutschen von 1880 bis 1905

besiedelt, wobei der Erfolg verschieden war: z. B.

brütete die Singdrossel dauerhaft auch in kleinen

Parks und Gärten, in Augsburg und Nürnberg

dagegen scheiterten die Ansiedlungen nach wenigen

Jahrzehnten, so wie in Basel und Bern/Schweiz

nach 1950 (Glutz von Blotzheim & Bauer

1988). Bereits vor 1870 begann die Singdrossel, in

die Gärten und Parks der Kleinstädte Thüringens,


G. V. Grišanov & M. S. Šukšina: Die Urbanisierung der Singdrossel in Kaliningrad/Königsberg 125

Abb.1: Singdrossel Turdus philomelos, Südfriedhof Leipzig, 06.05.2016.

Foto: R. Schöne

z. B. Gera, zu brüten (Liebe 1873). Der erste Brutnachweis

aus städtischen Grünanlagen in und um

Dresden in Sachsen erfolgte 1887; bereits 1902

waren die Vorstädte besiedelt, während zu dieser

Zeit erst der Prozess der Verstädterung in Leipzig

einsetzte und um 1925 noch nicht abgeschlossen

war (Heyder 1952). Während die böhmischen

Städte, so Prag, schon bis 1870 vielfach besiedelt

waren, begann die Urbanisierung der Singdrossel

in Schlesien, z. B. Breslau, erst ab 1895, stärker

dann nach 1900. Wie in Polen, so in Warschau

und Krakau (erste Singdrosseln erschienen in polnischen

Städten erst in den 1920er Jahren) und an

der Nordsee (Blasius 1905), kam die Singdrossel

hier vor der Amsel in die Städte. 1925 gab es in

Breslau deutlich mehr Singdrossel- als Amsel-

Paare (Pax 1925). In Berlin und den Vorstädten

setzte die Besiedlung von Parks, Friedhöfen und

Gartenanlagen um 1900 ein und bekam um 1915

einen kräftigen Schub (Schalow 1919). Dagegen

wurden die mittleren und kleineren Städte Mecklenburgs

und Pommerns an der Ostseeküste erst ab

1915 und zögerlich bis 1930 erobert (Kuhk 1939).

Zwischen 1890 und der Mitte der 1950er Jahre

besiedelte die Singdrossel so die Parks und Vorstädte

einer Reihe großer und mittelgroßer Städte

Mittel- und Ost-Europas – erst im Westen und

Süden, später im Norden und Osten. Die Unterschiede

zwischen den „Stadt-“ und den „Wald“-

Populationen waren jedoch weniger ausgeprägt,

als bei der Amsel. Das Vorhandensein dieser zwei

ökologisch und systematisch nahe verwandten

Arten beschränkte sich jeweils nur auf einige urbanisierte

Territorien unter den Bedingungen

einer relativ hohen Bevölkerungsdichte des Menschen.

Im Gegensatz zur Amsel (vgl. Grišanov &

Šukšina 2014) verkehrte sich der Ansiedlungsprozess

der Singdrossel in den Städten in der 2.

Hälfte des 20. Jahrhunderts und es kam zu einem

Verschwinden aus den urbanen Räumen

(Tomiałojć 1997). In Deutschland kam der Prozess

der Verstädterung der Singdrossel spätestens

um 1990 zum Stillstand (Schwarz & Flade 2000,

2010, 2012), setze sich aber regional in Polen und

Österreich, selbst in Estland (Reval/Tallinn), fort

(Bauer & Berthold 1996). Durch die intensive

Umgestaltung der Grünanlagen der Städte in Polen

verschwanden die Singdrossel-Stadtpopulationen

zwischen 1950 und 1970 aus Stettin/Szczecin,

Breslau/Wrocław und Liegnitz/Legnica,


126 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

hielten sich aber in verminderter Größe in Warschau

und Stolp/Słupca an der Ostsee (Glutz von

Blotzheim & Bauer 1988).

In großen europäischen Städten sind die Brutbestände

vielerorts unbedeutend: In Berlin,

Hamburg und Wien bleibt die Singdrossel in

ihrer Zahl um ein Mehrfaches hinter der Amsel

zurück. In den Städten Sachsens, so Dresden und

Leipzig, erreicht die Amsel das Zehn- bis Fünfzehnfache

des Bestandes der Singdrossel (Steffens

et al. 1998). Die Aussage, dass die Amsel in

Städten eine um ein Vielfaches höhere Siedlungsdichte

als die Singdrossel besitzt, gilt für alle

Städte westlich der Weichsel (Glutz von Blotzheim

& Bauer 1988).

Parkanlagen und Friedhöfe Berlins werden von

der Singdrossel in einer Siedlungsdichte von 0,3-

5,2 BP/10 ha besiedelt (Rutschke 1987), in norddeutschen

Städten sind es in Parks, Kleingärten

und sogar Villenvierteln 1,5-6,0 BP/10 ha (max.

15 BP/10ha), in westdeutschen Städten 1-3

BP/10 ha (max. 10 BP/10 ha), im tschechischen

Brünn/Brno bis 15 BP/10 ha, in den Niederlanden

haben Stadtpopulationen in Grünanlagen eine

Dichte von bis zu 2-5 BP/10 ha, in Belgien bis zu

10 BP/10ha (Glutz von Blotzheim & Bauer

1988).

In Warschau, Bratislava und Prag sind die städtischen

Populationen der Singdrossel dagegen klar

ausgeprägt und in ihrer Größenordnung in einzelnen

Stadtteilen vergleichbar mit denen der

Amsel (Kelcey & Reinwald 2005). In der mittelgroßen

zentral-ukrainischen Stadt Lubny (48.000

Einwohner, 25 km² Fläche) ist die Singdrossel

einer der häufigsten Brutvögel. Hier nisten nicht

weniger als 500 BP im gesamten Gebiet der Stadt:

in Parks, Grünanlagen, in Straßenbäumen, Höfen,

Obstgärten und selbst im Stadtzentrum (Nankinov

2011).

In Moskau zählt die Singdrossel zu den „empfindlichen

sich festsetzenden“ Arten (schwankender

Bestand, Anzahl wächst aber). Der Beginn

der Urbanisierung wird auf das Ende der 1990er

Jahre datiert (Frideman & Jeromkin 2009). In

der Großstadt Voronež/Südrussland begann sich

nach 2000 im Zentralpark eine Gruppe von Singdrosseln

anzusiedeln, die Merkmale der Urbanisierung

zeigte: Verstädterung und wenig Scheu,

gepaart mit Populationswachstum (Numerov et

al. 2013).

3.3 Das Beispiel Singdrossel – Mechanismen

der Etablierung städtischer Vogel-

Populationen

Für Kaliningrad wurde gezeigt, dass die Singdrossel

zur Gruppe der Arten mit einem sehr niedrigen

Koeffizienten der Urbanisierung (= Anteil der urbanisierten

BP von der Gesamtzahl der BP im Territorium,

multipliziert mit dem Grad der Urbanisierung

= 1,5 - 1,9 = Arten, die im Bereich der

Stadtgrenze nisten und das Zentrum meiden) gehört

(Lykov 2006b). Es konnte eine negative Korrelation

zwischen der Anzahl der Singdrosseln und dem

wachsenden Grad der Urbanität der städtischen

Umgebung festgestellt werden (Lykov 2009).

Solche, für die Bestimmung des Urbanisierungsprozesses

wichtigen Merkmale, wie der Gesang in

innerstädtischen Vierteln, die Nutzung der anthropogen

geprägten Flächen zur Nahrungssuche,

die schnelle Expansion mit folgender Stabilisierung

des Bestandes und des innerstädtischen Areals

(vgl. Fridman & Jeromkin 2009) wurden bei

der Singdrossel in Kaliningrad nie bestätigt. Wie

vor 100 Jahren in Königsberg (Tischler 1914,

1941) kommt die Art in Einzelpaaren vor, brütet

in den peripheren Parks und Waldparks des Grüngürtels,

zeigt keine Anzeichen des Anschlusses an

den Menschen und verharrt im Anfangsstadium

der Urbanisierung (gemäß Tomiałojć 1976).

Nach unseren Erhebungen trifft dieser Zustand

auch auf die 35-50 km von Kaliningrad entfernt

liegenden kleineren Städte Svetlogorsk/Rauschen,

Polessk/Labiau und Baltijsk/Pillau zu.

Die Eroberung der urbanen Umwelt durch

Drosseln der Gattung Turdus unterstreicht noch

einmal die Problematik der Urbanisierung von

Vogelarten: Warum kann bei systematisch und

ökologisch nahestehenden Vogelarten die eine Art

(Amsel, Wacholderdrossel) spezialisierte Stadt-

Populationen herausbilden, die andere Art (Singdrossel)

aber nicht, d.h. sie ist nicht in der Lage

die Vorzüge urbanisierter Standorte auszunutzen

und wird so nur formal zum Stadtvogel?

In der Avifauna Moskaus stellen Amsel und

Singdrossel ein Arten-Paar mit gegensätzlichen

Reaktionen auf die anthropogene Dynamik der

Umwelt dar. Die Amsel findet Ersatz für verloren

gegangene Biotope und verbleibt in der Stadt, die

Singdrossel aber stellt das Brüten bei Lebensraumverlust

in der Stadt ein und verschwindet (Fridman

& Jeromkin 2009). In der Mehrzahl der


G. V. Grišanov & M. S. Šukšina: Die Urbanisierung der Singdrossel in Kaliningrad/Königsberg 127

Städte Europas wächst die Siedlungsdichte der

Amsel und übersteigt bei weitem die der Singdrossel,

deren städtische Populationen nicht wachsen

bzw. sogar - von Ausnahmen abgesehen - schwinden

(Kelcey & Reinwald 2005, Nankinov 2011).

Wenn man den Status systematisch und ökologisch

nahestehender Vogelarten bewertet, so darf

man eine offensichtliche Frage nicht vergessen:

Existiert eine Konkurrenz zwischen den Arten

bezüglich der vorhandenen Ressourcen?

Singdrossel und Amsel siedeln (fast) in den gleichen

Biotopen, vor allem in den städtischen Grünanlagen,

wo beide eine hinreichend hohe Siedlungsdichte

erreichen können (Morozov 2009).

Morozov (2009), unabhängig von den formalen

Grundlagen einer Konkurrenz zwischen den

Arten, zeigt auch, dass die Besiedlung des naturhistorischen

Parks „Ostankino“ in Moskau durch

die Amsel und das folgende starke Bestandswachstum

nicht zur Verminderung der Siedlungsdichte

der Singdrossel führte. Die langjährigen Trends

der Entwicklung der Siedlungsdichte beider Arten

fallen zusammen – kein Muster einer Konkurrenz.

Möglich ist auch, dass die ökologische Nähe von

Singdrossel und Amsel vielleicht übertrieben dargestellt

wird?

Laut Cramp et al. (1988) sollen ihre Nahrungsansprüche,

die Art der Nahrungsaufnahme sowie

das Nahrungsspektrum ähnlich sein.

Aber: A. V. Baranovskij et al. (2007) führte spezielle

Untersuchungen zur Struktur der ökologischen

Nische gemeinsam vorkommender Drosselarten

durch. Im Ergebnis standen deutliche ökologische

Unterschiede zwischen Singdrossel und

Amsel: in der Nahrungsaufnahme, beim arttypischen

Lebensraum und bei der Nahrungsauswahl.

Es scheint, als ob sich die Frage der Konkurrenz

auf die Flächenverfügbarkeit des spezifischen Habitats

im urbanen Bereich zuspitzt. Für einzelne

Städte Europas wurde ermittelt, dass die Amsel die

Singdrossel stetig verdrängt, insbesondere bei einem

vorhandenen Defizit an Nistmöglichkeiten (Dyrcz

1969). Dies geschah bereits zu Beginn der Urbanisierung

um 1900 an Orten an der Nordsee, als die

einwandernde Amsel die in den Gärten bereits brütende

Singdrossel verdrängte (Blasius 1905).

In den natürlichen Wald-Biotopen des Kaliningrader

Gebietes bevorzugt die Singdrossel Schonungen

und Jungkulturen der Fichte in Hochwäldern,

während ihre Siedlungsdichte in alten Wäldern

ohne Beimischung der Fichte (wie auch in

den Stadtparks) sehr niedrig ist (Tischler 1941,

eigene Daten). Nicht auszuschließen ist, dass der

Mangel an Nistmöglichkeiten in Form von Fichten

einer bestimmten Altersklasse die Besiedlung

städtischer Gebiete in Osteuropa durch die Singdrossel

erschwert (doch nicht überall, vgl. Nankinov

2011). Der Oologe H. Hocke (1910) betonte

in seiner Avifauna Berlins und Brandenburgs,

dass die Singdrossel bei der Verstädterung

in Berlin und ihren Vorstädten um das Jahr 1900

auf Fichten jungen und mittleren Alters angewiesen

gewesen sei.

Das bisher Gesagte zeigt auf, dass unabhängig

von der ökologischen Ähnlichkeit der Arten der

Gattung Turdus, zwischen ihnen Unterschiede

bestehen, die die Dynamik der jeweiligen Etablierung

einer städtischen Population bestimmen.

Bekannt ist, dass die Urbanisierung letztendlich

zur „Spaltung der Art“ in „Natur-Populationen“

und „Stadt-Populationen“ führt. Letztere isolieren

sich vollständig demografisch und beginnen eine

eigene Existenz in der urbanen Landschaft (Fridman

& Jeromkin 2009). Diese Veränderung wurde

(und wird) in Kaliningrad von Amsel und

Wacholderdrossel vollzogen. Im Unterschied dazu

schaffte es die Singdrossel in 100 Jahren nicht, die

Stadtwelt zu erobern und über das erste Stadium

der Urbanisierung hinweg zu kommen (vgl.

Tomiałojć 1976, Friedman & Jeromkin 2009).

Als mögliche Gründe des „gebremsten“ Urbanisierungsprozesses

der Art kommen folgende

Aspekte in Frage:

1. Ein nicht ausreichendes Ausgangspotential

(Stamm-Anlagen) der Art zur Anpassung an stark

veränderte Biotope (stenök).

Möglicherweise ist dies ein kritisches Hindernis

bei der Urbanisierung. Schreckhaftigkeit, Vorsicht

und Fluchtdistanz der Singdrossel in den Waldbiotopen

sind gut bekannt (Simkin 1990), darin unterscheidet

sie sich von der Amsel und Wacholderdrossel.

Doch auch genau umgekehrte Beispiele

existieren (Witt et al. 2005, Nankinov 2011,

Numerov et al. 2013).

Oder die Ursache des Misserfolges wurzelt in

den Besonderheiten des Populations-Systems der

Art. Es ist bekannt, dass nahe verwandte Vogelarten

ein verschieden stark ausgeprägtes Potential

(Stamm-Anlagen) für die Besiedlung von Städten


128 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

besitzen. Folglich unterscheiden sie sich auch bei

der Selbstorganisation ihrer Populationsstruktur

und Populationsentwicklung unter den stressigen

Bedingungen der Stadt (Fridman et al. 2007).

2. Die Einwirkung der spezifischen städtischen

Umgebung und der für die Art existenziellen

Parameter zwecks Herausbildung einer möglichen

ökologischen Nische.

A. Dyrcz (1969), der die Verbreitung und das

Vorkommen von Singdrossel und Amsel jeweils

in den Biotopen mit einem verschiedenen Grad

der anthropogenen Beanspruchung im gesamten

Areal untersuchte, kam zu dem Schluss, dass das

Zusammenleben der Brutpaare dieser Arten vom

Standort und Biotop, der geografischen Lage und

anderen Faktoren abhängt. In Nordost-, Ost- und

Zentral-Europa ist die Amsel häufiger in Mikro-

Biotopen und Standorten, die wesentlich durch

den Menschen gestaltet und verändert werden,

in West- und Südost-Europa ist es die Singdrossel.

Resultat einer Analyse von 12 Städten (Schweiz,

Frankreich) war, dass die Singdrossel zu den Vogelarten

zählt, die anpassungsfähig bezüglich des

Lebens in der Stadt, also urbanophil, sind (Croci

et al. 2008). Ähnlich sind die Verhältnisse in Großbritannien,

wo die Singdrossel zu 70 % ein Gartenund

Parkvogel ist (Cramp et al. 1988). Anders

stellt sich aber die Situation der Urbanisierung der

Singdrossel in weiten Teilen Ost- und Südosteuropas

dar (Dyrcz 1969, Lykov 2006, 2009). Möglicherweise

sind die Aspekte der Urbanisierung

der Art stark abhängig von den spezifischen Faktoren

der konkreten Stadt.

Daher gilt es zu schlussfolgern, dass die spezifische

(Lebensraum-)Struktur der meisten Städte

Ost- und Südost-Europas weniger geeignet für die

Etablierung städtischer Populationen der Singdrossel

sind, als in Westeuropa?!

Bekannt ist, dass für eine Reihe von Arten das

„Reliser-Schema“ = innerartliches Signal-Antwort-Muster

(Michajlov 1991) sehr eng sein

kann. Für ihre Ansiedlung, für ihr Brüten, bedarf

es der Existenz visuell einfacher und konkreter

Situationen – von Stimuli. Es ist nicht auszuschließen,

dass die Singdrosseln bei ihren Eroberungsversuchen

der urbanen Gebiete in Osteuropa auf

das Nichtvorhandensein dieser Stimuli, besser

noch auf das Vorhandensein von „Anti-Stimuli“

stießen. Dabei könnte es sich um folgende Faktoren

handeln:

Lebensraumverhältnisse (z. B. das Fehlen von

Fichten mittleren Alters im Hochwaldbestand)

oder ein hoher Grad der Beunruhigung und Störung

(die erhöhte Empfindsamkeit dem gegenüber

kann als Fall der „Standhaftigkeit“ des o.g. innerartlichen

Schemas gelten [Michajlov 1991]).

Bestehen so im Rahmen dieses Mechanismus

grundlegende Unterschiede, die über den Erfolg

der Urbanisierung nahe verwandter Vogelarten

entscheiden?

In diesem Fall, entsprechend der Meinung von

Fridman & Jeromkin (2009), kann man das Urbanisierungs-Potential

einer beliebigen Art (selbst

mit „konservativen“ Stamm-Anlagen) erhöhen,

und zwar durch eine veränderte Stadtplanung,

durch die Schaffung naturnaher Orte in der urbanen

Umgebung, ohne dabei den Flächenverbrauch

extensiv erweitern zu müssen.

Unserer Auffassung nach bleiben die Gründe,

aus denen die Singdrossel in Kaliningrad nicht

fähig war, das Stadtgebiet zu besiedeln und eine

innerstädtische Population auszubilden, weiterhin

ungeklärt und zu diskutieren.

Es wird offensichtlich, dass es derzeit keinen

theoretischen Ansatz gibt, der allgemeine Gesetzmäßigkeiten

erklärt und konkret die Eigenheiten

der Urbanisierungsprozesse nahe verwandter Vogelarten

erklärt.

Zusammenfassung

Im Gegensatz zu der Amsel Turdus merula (Grišanov & Šukšina 2014) und der Wacholderdrossel

Turdus pilaris (Šukšina & Grišanov 2014), die in Kaliningrad/Königsberg stabile städtische Populationen

etablierten, besiedelte die nahe verwandte Singdrossel in über 100 Jahren nur die peripheren

Grünzonen dauerhaft. Analysiert und diskutiert werden die möglichen Ursachen dieses Phänomens,

die Ergebnisse der Verstädterung nahe verwandter Arten und die möglichen Gründe der Verschiedenheit

dieser Prozesse.


G. V. Grišanov & M. S. Šukšina: Die Urbanisierung der Singdrossel in Kaliningrad/Königsberg 129

Summary

The urbanisation of the Song Thrush Turdus philomelos C. L. Brehm, in Kaliningrad/Königsberg:

history of the development and reasons for lack of success

In contrast to the Blackbird Turdus merula (Grišanov & Šukšina 2014) and the Fieldfare Turdus

pilaris (Šukšina & Grišanov 2014), both of which established stable populations in Kaliningrad/

Königsberg, in more than 100 years the closely related Song Thrush settled permanently only the peripheral

green zones. The possible reasons for this phenomenon are analysed and discussed, as well as the

results of urbanisation of closely related species and the possible reasons for the differences in these

developments.

Literatur

Baranovskij, A. V.; Chlebosolov, J. I.; Maročkina,

J. A.; Anan‘eva, S. I.; Čel‘cov, N. V.; Lobov, I. V.;

Chlebosolova, O. A.; Babkina, N. G. (2007):

Механизмы экологической сегрегации четырёх

совместно обитающих видов дроздов -

рябинника Turdus pilaris, белобровика T. iliacus,

певчего T. philomelos и чёрного T. merula [Die

Mechanismen der ökologischen Arttrennung der

vier gemeinsam vorkommenden Drosselarten – Wacholderdrossel

Turdus pilaris, Rotdrossel T. iliacus,

Singdrossel T. philomelos und Amsel T. merula]. -

Russisches Ornithologisches Journal Bd. 16, Ausg.

377: 1219-1230.

Bauer, H.-G.; Berthold, P. (1996): Die Brutvögel Mitteleuropas.

Bestand und Gefährdung. - Wiesbaden.

Blasius, R. (1886-1887): Die Vogelwelt der Stadt Braunschweig

und ihrer nächsten Umgebung. - Verein für

Naturwissenschaften Braunschweig: 59-116.

Blasius, R. (1905): Singdrossel. - In: Hennicke, C. R.:

Naumann. Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas.

- Gera: 202-208.

Cramp, S. (Hrsg.) (1988): The Birds of the Western Palearctic.

Vol. 5. - Oxford.

Croci, S.; Butet, A.; Clergeau, P. (2008): Does urbanization

filter birds on the basis of their biological

traits? - Condor 110/2: 223-240.

Dyrcz, A. (1969): The ecology of the Song-thrush (Turdus

philomelos Br.) and Blackbird (Turdus merula L.)

during the breeding season in an area of their joint

occurrence. - Ekologia Polska, Ser. A, Nr. 17 (39):

735-793.

Fridman, V. S.; Jeromkin, G. S.; Zacharova-Kubareva,

N. J. (2007): Специализированные городские

популяции птиц: формы и механизмы устой чивости

в урб осреде. Сооб щ ение 2. Экологические и

микроэволюционные последствия устойчивости

городских популяций [Spezialisierte Stadt-Populationen

von Vögeln: Formen und Mechanismen der

Stetigkeit in der urbanen Sphäre. Mitteilung 2. Ökologische

und mikroevolutionäre Ergebnisse aus der Dauerhaftigkeit

von Stadt-Populationen]. - Berkut 16 (1):

7-51.

Fridman, V. S.; Jeromkin, G. S. (2009): Урбанизация

«диких» видов птиц в контексте эволюции

урболандшафта [Die Urbanisierung „wilder“ Vogelarten

im Kontext der Evolution der urbanen Landschaft].

- Moskau.

Glutz von Blotzheim, U.; Bauer, K. M. (1988): Handbuch

der Vögel Mitteleuropas. Band 11/II Passeriformes

(2. Teil) Turdidae. - Wiesbaden.

Grišanov, G. V. (1991): Изменения фауны

гнездящихся птиц Калининграда. Материалы

10-й Всесоюзной орнитологической конференции

Ч. 2: Стенд-сообщ., кн. 1 [Die Veränderungen der

Brutvogelfauna Kaliningrads. Materialien der 10.

Allunions-Ornithologen-Konferenz, Teil 2: Poster,

Buch 1]. - Minsk.

Grišanov, G. V. (1997): Особенности территориального

распределения гнездящихся птиц

Калининграда [Besonderheiten der territorialen

Verbreitung von Brutvögeln Kaliningrads]. -

Экологические проблемы Калининградской

области : сб. науч. тр. Калининград: 19-24.

Grišanov, G. V. (1999): Орнитофаунистическая

карта г. Калининград. Экологический атлас [Ornithofaunistische

Karte der Stadt Kaliningrad. Ökologischer

Atlas]. - Kaliningrad.

Grišanov, G. V. (2011): Дифференциация и

классификация городских популяций птиц [Die

Differenzierung und Klassifizierung städtischer Vogel-Populationen].

- Вестник Татарского

государственного гуманитарно-педагогиче-ского

университета. № 3 (25): 55-60.

Grišanov, G. V.; Šukšina, M. S. (2014): Historie der

Herausbildung und gegenwärtiger Zustand der Stadtpopulation

der Amsel Turdus merula in Königsberg/

Kaliningrad. - Ornithologische Mitteilungen 66 (3-4):

59-66.


130 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Heyder, R. (1952): Die Vögel des Landes Sachsen. -

Leipzig.

Hocke, H. (1910): Die Vögel der Provinz Brandenburg.

- Manuskript Berlin.

Kelcey, J. G.; Reinwald, G. (2005): Birds in European

cities. - St. Katharinen.

Kuhk, R. (1939): Die Vögel Mecklenburgs. - Güstrow.

Liebe, K. T. (1873): Die der Umgebung von Gera angehörigen

Brutvögel. - 14. und 15. Jahresbericht der

Gesellschaft der Freunde der Naturwissenschaften

Gera: 26-55.

Luniak, M. (1990): Avifauna of cities in Central and

Eastern Europe – results of the international inquiry.

- Urban ecological studies in Central and Eastern

Europe. - International Symposium 24.-25.09.1986.

- Osslineum: 131-149.

Lykov, J. L. (2006a): Видовой состав, численность и

особенности территориального размещения

гнездящихся птиц семейства дроздовых в

Калининграде [Die Zusammensetzung der Arten,

der Bestand und die Besonderheiten der Verbreitung

der Brutvögel der Familie der Drosselartigen in Kaliningrad].

- Berkut 15 (1-2): 66-80.

Lykov, J. L. (2006b): Оценка степени синантропизации

птиц, гнездящихся в городе: методология и

первые результаты (на примере Калининграда)

[Die Bewertung des Grades der Urbanisierung von

Vögeln, die in der Stadt brüten: Methodologie und

erste Resultate (am Beispiel Kaliningrads)]. - Ornithologia

33: 208-212.

Lykov, J. L. (2009): Фауна, население и экология

гнездящихся птиц городов Центральной Европы

(на примере Калининграда) [Die Fauna, Besiedlung

und Ökologie der Brutvögel der Städte Zentral-Europas

(am Beispiel Kaliningrads)]. - Promotionsschrift.

- Moskau.

Lykov, J. L.; Avilova, K. V.; Böhme, I. R. (2009):

Некоторые сравнительные аспекты синантропизации

птиц сем. Дроздовых (Turdidae) в г.

Калининграде [Einige vergleichende Aspekte der

Urbanisierung der Vögel der Familie der Drosseln

(Turdidae) in der Stadt Kaliningrad]. - Вестник

Моско вского университета. Сер. 16. Биол. № 2:

33-40.

Michajlov, K. J. (1991): Опознание гнездовых

ситуаций и пусковые механизмы расселения у

птиц [Identifizierung von Brut-Situationen und auslösende

Mechanismen der Ansiedlung bei den Vögeln].

- Современная орнитология: 5-21.

Morozov, N. S. (2009): Птицы городских лесопарков

как объект синэкологических исследований:

наблюдаются ли обеднение видового состава и

компенсация плотностью? [Die Vögel der städtischen

Waldparks als Objekt der sinökologischen

Forschung: ist eine Verarmung der Arten-Zusammensetzung

und folgende Kompensation der Siedlungsdichte

zu beobachten?]. - Виды и сообщества

в экстремальных условиях: сборник,

посвященный 75-летию академика Юрия

Ивановича Ченова [Arten und Gesellschaften unter

extremen Bedingungen: Sammelband zum 75. Geburtstag

des Akademiemitgliedes Juri Ivanivič

Černov]. - Sofia: 429-486.

Nankinov, D. N. (2011): Птицы города Лубны [Die

Vögel der Stadt Lubny]. - Russisches Ornithologisches

Journal 20 (666): 1207-1247.

Numerov, A. D.; Vengerov, D. P.; Kiseljov, O. G.

(2013): Атлас гнездящихся птиц города Воронежа

[Brutvogel-Atlas der Stadt Voronež]. - Voronež.

Pax, F. (1925): Wirbeltierfauna von Schlesien. - Berlin.

Priednieks, J.; Kuresoo, A.; Kurlavičius, P. (1986):

Рекомендации к орнитологическому мониторингу

в Прибалтике [Leitfaden zum ornithologischen Monitoring

im Baltikum]. - Riga.

Priednieks, J.; Strazds, M.; Petrins, A. (1989): Latvijas

Ligzdojošo Putnu Atlants 1980-1984 [Brutvogelatlas

Lettlands 1980-1984]. - Riga.

Rutschke, E. (1987): Die Vogelwelt Brandenburgs. -

Jena.

Simkin, G. N. (1990): Singvögel. Feldführer. - Moskau.

Schalow, H. (1919): Beiträge zur Vogelfauna der Mark

Brandenburg. - Berlin.

Šukšina, M. S.; Grišanov, G. V. (2014): Die Historie

der Herausbildung und der heutige Status der Stadtpopulation

der Wacholderdrossel Turdus pilaris in

Kaliningrad. - Ornithologische Mitteilungen 66 (11-

12): 279-288.

Steffens, R.; Saemann, D.; Grössler, K. (1998): Die

Vogelwelt Sachsens. - Jena.

Tischler, F. (1914): Die Vögel der Provinz Ostpreußen.

- Berlin.

Tischler, F. (1941): Die Vögel Ostpreußens und seiner

Nachbargebiete. - Königsberg, Berlin.

Tomiałojć, L. (1976): The urban population of the

Woodpigeon Columba palumbus Linnaeus, 1758, in

Europe – its origin, increase and distribution. - Acta

Zoologica Cracoviensia 21 (18): 585-632.

Tomiałojć, L. (1997): Song Trush. - In: Hagemeijer,

J. M.; Blair, M. J.: The EBCC Atlas of European Breeding

Birds. - London: 548-549.

Witt, K.; Mitschke, A.; Luniak, M. (2005): A comparison

of common breeding bird populations in Hamburg,

Berlin and Warsaw. - Acta Ornithologica 40 (2):

139-146.


Ornithologische

Mitteilungen

Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 68 • 2016 • Nr. 3/4: 131 – 136

Neue Daten zur Brutverbreitung und Habitatpräferenz der

Haubenmeise Lophophanes cristatus in Südwestbulgarien

Georgij P. Stojanov und Peter Šurulinkov

Georgij P. Stojanov, 1618 Sofia, Golyam Bratanstr. 23, Bulgaria; E-Mail: georgips@abv.bg

Peter Šurulinkov, National Museum of Natural History, Bulgarian Academy of Sciences, 1000 Sofia,

boul.Tsar Osvoboditel 1, Bulgaria

1. Einführung

In der vorliegenden Arbeit werden neue Daten zur

Brutverbreitung der Haubenmeise in großen Gebieten

Südwestbulgariens präsentiert – der Westgrenze

der Gebirgskette (vom Ogražden-Gebirge

im Süden bis Osogovo im Norden), den Bergen

des Kraičžte Gebietes und des Plana-Gebirges.

Diese Gebiete werden in allen Artikeln und Büchern

mit Bezug auf das Brutareal der Haubenmeise

nicht erwähnt (Patev 1950, Сvetkov et al.

1962, Simeonov et al. 1991, Nikolov 2007, Nankinov

2009, 2010). In allen regionalen faunistischen

Studien zu diesen Gebirgsketten wird die

Haubenmeise nicht aufgeführt (Simeonov & Bajeva

1988, Simeonov & Marinov 1994, Zareva

2005). Nach allen jüngst veröffentlichten Quellen

für Bulgarien ist die Verbreitung der Haubenmeise

auf die Massive der Rhodopen, des Rila, Pirin,

der Slavjanka, Sredna gora, des Lozenska-Gebirge

und des West- und Zentralen Stara Planina-Gebirge

beschränkt. Für Südwestbulgarien, westlich

bis zum Fluss Struma, wird die Art nicht als Brutvogel

angegeben.

2. Material und Methoden

Die in diese Studien eingeflossenen Informationen

wurden im Zeitraum von 1990 bis 2011 gesammelt.

Es wurden nur Beobachtungen während der

Brutzeit dieser Art verwendet und für die Analyse

der Habitatpräferenz eingesetzt. Die Daten

wurden während unterschiedlicher Geländestudien

in den Gebirgen entlang der Westgrenze Bulgariens

gesammelt, westlich bis zum Flusstal der

Struma, dem Ogražden-Gebirge, Maleševska-

Gebirge, Vlaсhina-Gebirge, Osogavo-Gebirge, den

Gebirgen des Kraičžte Gebietes und Plana-Gebirges.

Wir sammelten auch persönlich erhobene

Daten unserer Kollegen über die Präsenz und das

Habitat der Haubenmeise.

3. Ergebnisse

Die Haubenmeise wurde an 48 Lokalitäten während

der Brutzeit im Untersuchungsgebiet beobachtet,

was eine gut ausgebildete Brutpopulation

dieser Art repräsentiert.

Die Haubenmeisen-Beobachtungen zwischen

den unterschiedlichen Gebirgsmassiven können

wie folgt eingeteilt werden:

3.1 Ogražden-Gebirge

Am 15.06.2011 wurde ein Trupp von sieben Vögeln

(Junge und Altvögel) über dem Dorf Baskaltsi gesehen,

auf 1.000 m ü. NN in einer Plantage von

Waldkiefern Pinus sylvestris (über 40 Jahre alt). Im

gleichen Gebirgsmassiv wurde die Haubenmeise

während der Brutperiode auch auf dem Territorium

der Republik Mazedonien registriert (Velevski

et al. 2002).

3.2 Maleševska-Gebirge

Am 30.04.2005 wurden nahe des Dorfes Klepalo,

auf 1.200 m ü. NN, zwei singende Männchen gehört

und weitere zwei Haubenmeisenpaare in

unterschiedlichen Gebieten gesehen. Im gleichen


132 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

16

14

12

10

8

6

4

2

0

700-800 m

800-900 m

900-1.000 m

1.000-1.100 m

1.100-1.200 m

> 1.200 m

Abb. 1: Brutplätze der Haubenmeise

in SW-Bulgarien

nach der Höhen lage. –

Breeding sites of the Crested

Tit in SW-Bulgaria dependent

on the altitude.

Gebiet wurden am 15.07.2005 zwei Adulte und

sieben Juvenile beobachtet und ein weiteres Paar

mit fünf flüggen Jungen. Des Weiteren wurde eine

Gruppe von zwei bis fünf Vögeln an sechs anderen

Orten des Gebirges nachgewiesen. In diesem

Gebirgsteil ist eine natürliche Waldfläche aus

Waldkiefern mit solitären Tannen Abies alba vorhanden.

In der Nachbarschaft wächst Buchenwald.

Das Gebiet liegt sehr nahe an der bulgarisch-mazedonischen

Grenze.

3.3 Vlachina-Gebirge

Am 29.04.2005 wurden zwei Haubenmeisenpaare

in einem Schwarzkiefernforst Pinus nigra über

dem Dorf Gabrovo, nahe der bulgarisch-mazedonischen

Grenze, auf 800 m ü. NN, gesehen. In

diesem Gebiet gibt es einige alte, natürliche

Schwarzkieferngruppen. Darüber hinaus sind

viele Gebiete mit Tannen und Schwarzkiefernanpflanzungen

bedeckt. Im gleichen Gebiet, aber

höher in den Bergen (auf 1.100 m ü. NN) wurden

sieben Haubenmeisen an vier Lokalitäten am

25.07.2005 gesehen. Am gleichen Tag wurden

ebenfalls zwei Individuen beim Dorf Debochitca,

auf 1.000 m ü. NN, in einer 40-jährigen Schwarzkiefernanpflanzung

registriert. Am 28.06.2008

wurden sieben Individuen (Alt- und Jungvögel)

oberhalb des Dorfes Carvaritca in der Nachbarschaft

des „Gabra“- Naturschutzgebietes auf 1.000

m ü. NN nachgewiesen. Das Habitat war ein

Schwarzkiefernforst, aus kleinen Gruppen natürlich

gewachsener Bäume, 60-80 Jahre alt, und

Forstplantagen unterschiedlichen Alters.

3.4 Plana-Gebirge

Am 07.03.1993 wurde ein Individuum im Gebiet

Renov dol in der Nachbarschaft des Isk‘r-Stausees,

auf 850 m ü. NN gesehen. Am 20.07.2000 wurden

vier Individuen zwischen Železnitca und Jarema

in einer jungen Waldkiefernanpflanzung in einem

Schwarm mit Tannenmeisen Periparus ater, Weidenmeisen

Poecile montanus, Kohlmeisen Parus

major und Kleiber Sitta europaea beobachtet. Die

Höhe über NN lag bei 1.200 m.

Am 23.06.2001 wurde ein Paar östlich des

Dorfes Železnitca in einer Fichtenanpflanzung

(40-50 jährig) auf 1.100 m ü. NN nachgewiesen.

Am 03.03.2003 wurde ein Paar zwischen dem

Dorf Plana und dem Alino-Kloster beobachtet.

Das Männchen sang aktiv in einer 30-40 jährigen

Waldkiefern- und Tannen Picea abies-Anpflanzung

auf 1.200 m ü. NN.

Am 07.05.2003 wurde ein Paar beim Dorf

Popov yane in einem Waldkiefernforst (über

50 Jahre alt), auf etwa 1.000 m ü. NN gesehen.

Am 03.03.2009 wurde ein Haubenmeisenpaar

in einem natürlichen Waldkiefernbestand beim

Dorf Plana auf 1.200 m ü. NN beobachtet.

3.5 Osogovo-Gebirge

Am 12.06.1990 wurde ein Haubenmeisenpaar

oberhalb des Dorfes Bogoslov in einer gemischten

Anpflanzung von Waldkiefern und Schwarzkiefern

(über 40 Jahre alt) auf 1.100 m ü. NN gesehen.

Im gleichen Gebiet wurde am 10.06.2010 eine

Gruppe von sechs Haubenmeisen (Alt- und Jungvögel)

in einer Waldkiefernanpflanzung auf

1.000 m ü. NN beobachtet.


G. P. Stojanov und P. Šurulinkov: Brutverbreitung und Habitatpräferenz der Haubenmeise 133

16

14

12

10

8

6

4

2

0

Forstplantagen

natürliche Wälder

Pinus sylvestris Pinus nigra P.sylvestris/P.nigra

Abb. 2: Verteilung der

Brutplätze der Haubenmeise

in SW-Bulgarien

entsprechend des Habitats.

– Distribution of the

breeding sites of the Crested

Tit in SW–Bulgaria

dependent on the habitat.

Am 16.07.2007 hielt sich ein Paar beim Dorf Rakovo

in Schwarzkiefernbeständen, sowohl natürlichen

als auch Anpflanzungen, in einer Höhe von

900 m ü. NN auf. Zur gleichen Zeit wurde ein anderes

Paar in einem „Predel“ genannten Gebiet nahe

von Rakovo in Anpflanzungen von Waldkiefern

und Fichten, mit alten (60-100 jährigen) solitären

Schwarzkiefern auf 1.200 m ü. NN registriert.

Am 18.07.2007 wurden acht Haubenmeisen,

adulte und juvenile, nahe der „Osogovo“-Hütte auf

1.600 m ü. NN in natürlichen und künstlich angelegten

Beständen von Waldkiefern und Fichten

gesehen.

Am 19.07.2007 wurden vier Individuen über

dem Dorf Vratca auf 1.000 m ü. NN in einer Anpflanzung

von Waldkiefern nachgewiesen.

Am 12.04.2008 registrierte man ein Paar oberhalb

des Flusses Mlachka beim Ort Karakaška

machala in einem schütteren Bestand alter Tannen

und Waldkiefern auf 1.300 m ü. NN.

Am 14.05.2008 wurde ein Paar nahe des Granica-Klosters

auf 900 m ü. NN in einer Anpflanzung

von Waldkiefern gesehen.

Am 10.06.2008 wurde ein Paar oberhalb des

Dorfes Slokoštitca auf 700 m ü. NN in einer Waldkiefernanpflanzung

beobachtet. Ein weiteres Paar

wurde zur gleichen Zeit beim Dorf Stradolovo in

Anpflanzungen von Waldkiefern und Schwarzkiefern

auf 800 m ü. NN gesichtet.

Am 08.07.2009 wurde ein singendes Männchen

beim Profilaktorium DAP-Gebäude gehört. Am

gleichen Platz auf 1.500 m ü. NN wurde ein Paar

registriert, das sein Nest in einem Nistkasten

hatte.

Am 11.06.2010 wurde ein Haubenmeisenpaar

oberhalb des Dorfes Ranenci in einer Waldkiefernanpflanzung

beobachtet. Nahe diesem Ort

wurde am 18.06.2014 ebenfalls ein Individuum im

gleichen Habitat auf 1.251 m ü. NN registriert.

3.6 Die Gebirge des „Kraičžte“-Gebietes –

Zemenska, Kobilska, Milevska, Ezdimirska,

Černa gora und Viskjar

Am 18.08.2004 wurde ein Individuum beim Dorf

Uši, Kommune Trekljano, auf 1.150 m ü. NN, in

einer 40-50 Jahre alten Anpflanzung von Waldkiefern

und Schwarzkiefern beobachtet.

Am 30.03.2008 wurde ein Paar beim Dorf Businci,

in der Kommune von Tran gesehen. Die Vögel

meißelten eine Höhle in einen dürren Baum mit

südlicher Exposition nahe eines Baches. Der Forst

besteht aus 30-40 jährigen Schwarzkiefern auf 900

m ü. NN.

Am 21.07.2008 wurden zwei Individuen beim

Dorf Poletinсi, in einer Höhe von 800 m ü. NN, in

einer Anpflanzung von 40 bis 60 jährigen Waldkiefern

und Schwarzkiefern gesehen. Am gleichen

Tag wurden drei Individuen westlich des Ortes

Zlogoš in identischem Habitat auf 900 m ü. NN

beobachtet.

Am 09.07.2009 wurden sechs Individuen nahe

des Dorfes Trekljano in 40 und 60 jährigen Waldkiefer-

und Schwarzkiefernanpflanzungen auf

900 m ü. NN registriert. Zur gleichen Zeit wurden

ebenfalls zwei Haubenmeisen beim Dorf Kosovo

auf 800 m ü. NN im gleichen Habitat gesehen.

Am 17.07.2011 wurden zwei Individuen im

Nordwesten der Stadt Breznik in einem Schwarzkiefernbestand

auf 900 m ü. NN beobachtet. Am

gleichen Tag wurden sechs Vögel (Adulte mit

Jungvögeln) im gleichen Habitat beim Dorf Giginci

auf 900 m ü. NN gesehen.


134 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

4. Diskussion

Die neu entdeckten Brutplätze der Haubenmeise

in SW-Bulgarien liegen in einem Höhenbereich von

700 m ü. NN (im Osogovo-Gebirge) bis 1.600 m

ü. NN (ebenfalls im Osogovo-Gebirge) (Abb. 1). Die

meisten dieser Plätze befinden sich in Höhen zwischen

800 und 1.200 m ü. NN; das sind 36 von

insgesamt 48 Lokalitäten (75 %). Gemäß Nikolov

(2007) liegt die Brutverbreitung in Bulgarien zwischen

1.200 und 2.000 m ü. NN. Nankinov (2010)

erwähnt, dass die Haubenmeise in Bulgarien während

der Brutperiode hauptsächlich zwischen

1.000 und 2.100 m ü. NN verbreitet ist. Letzterer

Autor nahm an, dass in der Vergangenheit, in Jahren

mit hohen Zahlen, die Haubenmeisen in niedrigen

Höhenlagen nisteten.

Das Habitat der Art besteht hauptsächlich aus

Gebieten mit natürlichen oder angepflanzten

Nadelwäldern – zumeist Waldkiefern und

Schwarzkiefern (Abb. 2), seltener auch Inseln mit

Tannen und Fichten. Gegenwärtig haben diese

Nadelwaldtypen nur eine begrenzte Verbreitung

in den Gebieten im Westen des Flusstales der

Struma. Das sind kleine Reste von viel größeren

Waldmassiven dieser Arten die hier in der Vergangenheit

wuchsen (Gančhev 1958, Kitanov

et al. 1983, Lazarov 1995). Gleiches trifft ebenfalls

für das Plana-Gebirge zu, aber hier bedecken

natürliche Nadelwälder, zumeist mit Waldkiefern,

viel größere Territorien (Penev 1938a,

1938b). Die Quellen unterstreichen, dass in früheren

Jahrhunderten ein großer Teil dieser Nadelwälder

durch den Menschen zerstört wurde

- zumeist wegen Holzeinschlag, Holzkohleherstellung

und der Rodung für Landwirtschaftsflächen.

In diesem Zeitraum wuchsen an vielen

Orten anstelle von Nadelwäldern Laubwälder

oder es entstanden große Wiesenflächen. Von

den Nadelwäldern verblieben viel kleinere Gebiete

und unter ihnen überwiegen solche mit

jungen Wäldern.

Die neuerlich gefundenen Plätze der Haubenmeise

im Westen des Flusses Struma sind deut-

Abb. 3: Haubenmeise Lophophanes cristatus, Oberhof/Thüringen, 23.01.2010.


Foto: C. F. Robiller/Naturlichter.de


G. P. Stojanov und P. Šurulinkov: Brutverbreitung und Habitatpräferenz der Haubenmeise 135

lich isoliert von der gut bekannten Brutverbreitung

dieser Art in Südwestbulgarien. Es schließt

die riesigen Nadelholzmassive des Rila-Gebirges,

des Pirin-Gebirges und der westlichen Rhodopen,

besonders in ihren D‘braš-Teil, mit ein (Simeonov

et al. 1991, Nikolov 2007, Nankinov

2009, 2010).

Die Lokalitäten im Plana-Gebirge liegen nahe

der Gebirge, von denen das Brüten der Haubenmeise

bekannt ist – das Vitoša-Gebirge, Rila-Gebirge,

die Sredna gora-Gebirge und das Lozen-

Gebirge (Harrison & Pateff 1933, Patev 1950,

Nikolov 2007). Viele der neu gefundenen Orte

im Westen des Flusses Struma und im Plana-Gebirge

existierten offensichtlich bereits in der Vergangenheit

und wurden aus verschiedenen Gründen

nicht entdeckt. Andererseits begann nach

intensiver Wiederaufforstung von Teilen Bulgariens

während des 20. Jahrhunderts die Art diese

sekundären, vom Menschen geschaffenen Nadelwälder

zu besiedeln. Dies geschah zumeist in älteren

(über 30-40 Jahre alten) Nadelholzpflanzungen,

welche als Bruthabitat für die Haubenmeise

geeignet sind. So drang die Art von den

natürlichen Nadelholzgebieten zu den Forstplantagen

im Ogražden-Gebirge, Maleševska-Gebirge,

Vlachina-Gebirge, Osogovo-Gebirge und Plana-

Gebirge vor. Während dieses Prozesses begann sie

auch in einigen Gebieten zu brüten, in denen sie

früher fehlte – zwischen den Städten Kjustendil,

Tran und Breznik. Dies geschah nach der Schaffung

von Wald- und Schwarzkiefernanpflanzungen

in diesen Bereichen, welche früher von

Laubwäldern (meistens Eichen) oder Wiesen bedeckt

waren. Etwa 60 % der Plätze die in dieser

Arbeit erwähnt sind (29 von 48) wurden in unterschiedlichen

Forstplantagen nachgewiesen.

In den Gebieten, in denen die Haubenmeise bei

der vorliegenden Studie gefunden wurde, wurden

auch andere typische Vögel von Nadelwäldern

nachgewiesen: Tannenhäher Nucifraga caryocatactes,

Erlenzeisig Spinus spinus, Fichtenkreuzschnabel

Loxia curvirostra, Weidenmeise Poecile montanus,

Tannenmeise Periparus ater, Wintergoldhähnchen

Regulus regulus und Sommergoldhähnchen

Regulus ignicapilla.

In den meisten der neu entdeckten Brutgebiete

der Haubenmeise in SW-Bulgarien erscheint sie

in geringer Zahl und geringer Brutpaardichte. Das

dünne Vorkommen der Art ist begründet in dem

kleinen Territorium und dem hohen Grad an Fragmentierung

angemessener Habitate sowie der

Existenz von nur wenigen alten Waldfragmenten.

Trotzdem kann angenommen werden, dass die

Haubenmeise auch an anderen geeigneten Orten

in SW-Bulgarien lebt. Das Problem für die Art hier

ist die kontinuierliche Verschlechterung der Qualität

ihrer Lebensräume zu Beginn des 21. Jahrhunderts

und die Verringerung der Orte mit geeigneten

Waldbeständen. Dies betrifft vor allem

den intensiven Holzeinschlag in alten natürlichen

Nadelholzwäldern und älteren Nadelholzforsten

sowie die dortigen Waldbrände.

Danksagung

Wir danken unseren Kollegen Alexander Dutsov,

Dimitar Stojanov, Katerina Zareva und Metodija

Velevski für Informationen über Beobachtungen

von Haubenmeisen, die uns freundlichst überlassen

wurden.

Zusammenfassung

Zwischen 1990 und 2011 wurden Daten zu Brutzeitvorkommen der Haubenmeise in den Gebirgen

SW-Bulgariens gesammelt, die außerhalb der bisher bekannten Brutverbreitung liegen. Insgesamt

konnte sie an 48 Lokalitäten nachgewiesen werden. Die einzelnen Orte werden vorgestellt und die

Habitatausstattung beschrieben. Die neu entdeckten Brutplätze liegen in einem Höhenbereich von

700 bis 1.600 m ü. NN, die meisten zwischen 800 und 1.200 m ü. NN. Die Art wurde hauptsächlich

in Gebieten mit natürlichen oder angepflanzten Nadelwäldern, zumeist mit Waldkiefern und Schwarzkiefern,

angetroffen. In den meisten der neu entdeckten Brutgebiete erscheint die Haubenmeise nur

in geringer Zahl und geringer Brutpaardichte. Die Ursachen werden diskutiert.


136 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Summary

New data on the breeding distribution and habitat preference of the Crested Tit Lophophanes

cristatus in Southwest Bulgaria

Between 1990 and 2011, data on the breeding occurrence of the Crested Tit in the mountains of southwest

Bulgaria outside the until now known breeding distribution range, were collated. Altogether the

species was recorded on 48 sites. The individual sites are presented and the habitat environment described.

The newly-discovered breeding sites are located in an altitude range of 700 to 1,600 m ASL, with

the majority between 800 and 1,200 m ASL. The species is mainly to be found in areas with natural or

planted coniferous forest, mostly with Scots or Black Pine. In most of the newly-discovered habitats, the

Crested Tit is present in small numbers only and with a low density of breeding pairs. The causes are

discussed.

Literatur

Cvetkov, V.; Arabadžiev, G.; Arabadžiev, I. (1962):

Дивите птици в помощ на селското и горското

стопанство [Wildvögel als Hilfe in der Land- und

Forstwirtschaft]. - Selbstverlag, Sofija.

Gančev, I. (1958): Особоности на растителността на

Огражден планина, долината на средна Струма

[Die Besonderheiten der Vegetation im Ogražden

Gebirge im Tal der Mittleren Struma]. - Bekanntmachungen

des Botanischen Instituts mit Museum Sofija,

Buch IV: 1-48.

Harrison, J.; Pateff, P. (1933): A contribution to the

ornithology of Bulgaria. - The Ibis 13: 589-611.

Kitanov, B.; Kojeva-Todorovska, J.; Stojanov, D.

(1983): Хорологични данни за висшата флора на

планините в Югозападна България [Chorologische

Daten zur Flora der Gebirge in Südost-Bulgarien]. -

Jahrbuch der Universität „Kliment Ochridiski“ Sofija,

Fakultät Biologie, Buch 2 – Botanik: 61-69.

Lazarov, I. (1995): Фитоценологично изследване на

иглолистните гори в Осоговска планина [Phytozenologische

Studien über die Nadel-Bergwälder im

Osogovo-Gebirge]. - Sammelband der wissenschaftlichen

Jubiläums-Konferenz vom 2.-3. Juni 1994 zu

Sofija, Band 2: 27-29.

Nankinov, D. (1982): Птиците на град София [Die

Vögel der Stadt Sofija]. - Ornithologisches Informations-Bulletin

Nr. 12. - Sofija.

Nankinov, D. (2009): Изследвания върху Фауната на

България. Птици, Врабчопододобни [Studien zur

Fauna Bulgariens. Vögel. Sperlingsvögel]. - Sofija.

Nankinov, D. (2010): О степени изучености хохлатой

синицы Parus cristatus в Болгарии [Über den Erforschungsstand

der Haubenmeise Parus cristatus in

Bulgarien]. - Russisches Ornithologisches Journal 19,

Nr. 558: 503-513.

Nikolov, V.; Jordanova, M. (1997): Планините в

България [Die Gebirge in Bulgarien]. - Sofija.

Nikolov, S. (2007): Качулат синигер (Parus cristatus)

[Haubenmeise (Parus cristatus)]. - In: Atlas der Brutvögel

in Bulgarien. - Sofija.

Patev, P. (1950): Птиците в България [Die Vögel in

Bulgarien]. - Sofija.

Penev, N. (1938а): Иглолистната растителност в

Плана планина [Die Nadelwald-Vegetation im Plana-Gebirge].

- Forstwirtschafts-Ansichten Nr. 2: 89-

114.

Penev, N. (1938b): Иглолистната растителност в

Плана планина [Die Nadelwald-Vegetation im Plana-Gebirge].

- Forstwirtschafts-Ansichten Nr. 3: 206-

224.

Simeonov, S.; Bajeva, V. (1988): Птиците на Огражден

планина [Die Vögel des Ogražen-Gebirges]. - In: Die

Fauna Südwest-Bulgariens, Band 2. - Sofija.

Simeonov, S.; Mičev, T.; Pčelarov, G. (1991): Птиците

на Балканския полуостров. Полеви определител

[Die Vögel der Balkan-Halbinsel. Ein Feldführer]. -

Sofija.

Simeonov, S.; Marinov, J. (1994): Птиците на Осогова

планина [Die Vögel des Osogovo-Gebirges]. - Jahrbuch

der Universität „Kliment Ochridiski“ Sofija,

Fakultät Biologie, Buch 1 – Zoologie, Band 85: 237-

251.

Velevski, М.; Poptraykov, М.; Аndevski, J.; Fajdiga,

B. (2002): Први податоци за орнитофауната на

планината Огражден [Erste Mitteilungen über die

Ornithofauna des Ogražen-Gebirges (Macedonien)].

- Bulletin der Wissenschaftlichen Gesellschaft zum

Studium der Biologie zu Skopje: 171-177.

Zareva, K. (2005): Проучване на орнитофауната

на Осоговската планина в границите на

Република България [Studien zur Ornithofauna

des Osogovo-Gebirges an der Grenze der Republik

Bulgarien]. - Diplomarbeit, Neue Bulgarische Universität.

- Sofija.


Ornithologische

Mitteilungen

Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 68 • 2016 • Nr. 3/4: 137 – 146

Alfred Pflugbeils Erinnerungen an Rossitten

Joachim Neumann

Joachim Neumann, Robinienstr. 117, D-17033 Neubrandenburg; E-Mail: buverne@gmx.de

Hocherfreut war ich, als ich vor einiger Zeit einen

Anruf erhielt mit der Mitteilung, die Anruferin,

eine betagte Dame, habe noch Reste des Nachlasses

ihres Vaters, eines in Sachsen überaus bekannten

Ornithologen und Beringers. Sie möchte

verhindern, dass diese Dinge vielleicht einmal

weggeworfen würden und wollte wissen, ob ich

daran interessiert sei. Es handelte sich um Teile

des Nachlasses von Alfred Pflugbeil.

Die Dame, die mich angerufen hatte, war eine

der Töchter Pflugbeils, die mich gemeinsam mit

Ihrem Gatten im Sommer 2015 besuchte und einen

Bananenkarton voller Archivalien (Falknereigerät,

Briefe, Fotoalben, Glasnegative und Aufzeichnungen)

übergab. Dies war eine wunderbare

Ergänzung zu Zeitzeugnissen, die ich aus anderer

Quelle über Pflugbeil bereits erhalten hatte.

Pflugbeil und ich, wir hatten uns einst anlässlich

eines runden Geburtstages bei Dr. Richard Heyder

in Oederan kennengelernt und standen seither

in loser Verbindung. Jetzt hatte ich eine Menge

Fotos und konnte Vieles nachvollziehen, das er

mir erzählt oder in seinen Briefen angerissen

hatte. Da diese (nicht immer ganz unseren heutigen

Ansprüchen genügenden) Bilder doch von

historischer Bedeutung sind, mögen sie hier der

Öffentlichkeit übergeben werden.

Wer war Alfred Pflugbeil? Der am 14.10.1902

in Mylau Geborene interessierte sich bereits früh

für die Natur, besonders aber für die Vogelwelt.

Er wurde Elektroschlosser und betrieb ab 1930

eine kleine Reparaturwerkstatt als Mechanikermeister

in Burkhardtsdorf (Erzgebirge), nach dem

Kriege in Kemptau. 1927 wandte er sich der Beringung

zu. Nach einer Probezeit als Helfer konnte

er ab 1929 als selbstständiger Beringer arbeiten.

Er war ein großartiger Kletterer und erstieg noch

im Alter von mehr als 70 Jahren hohe Bäume, um

Greifvögel, Graureiher, Störche usw. zu markieren.

1930 weilte Pflugbeil für einige Zeit als Helfer

an der Vogelwarte Rossitten, 1935 war er anlässlich

eines Lehrganges offenbar noch einmal auf der

Kurischen Nehrung. Nach dem Kriege war er zusätzlich

in die Koordinierung der Tätigkeiten der

Ornithologen im ehemaligen Bezirk Karl-Marx-

Stadt (heute wieder Chemnitz) einbezogen. Er

starb am 09.11.1982 (Holupirek 2010).

Abb. 1: Alfred Pflugbeil während seiner Arbeit. –

Alfred Pflugbeil at work.


138 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Abb. 2: Ernst Schüz der damalige örtliche Leiter der

Vogelwarte. (Vermutlich handelt es sich hierbei um

ein offizielles Foto, das Pflugbeil seinem Album beigefügt

hat). – Ernst Schüz, the then local director of the

ornithological station. (This is probably an official photo

that Pflugbeil added to his album).

Durch seine Beringungstätigkeit mag der junge

Sachse dem örtlichen Leiter der Vogelwarte

Rossitten, Ernst Schüz 1 , schon frühzeitig aufgefallen

sein. Die Vorgeschichte bleibt uns leider

verborgen, doch konnte Pflugbeil bereits im

Herbst 1930 einige Zeit als ehrenamtlicher Mitarbeiter

der Vogelwarte auf der Kurischen Nehrung

weilen.

Die Eindrücke des durchaus mit der Fremde

vertrauten Pflugbeil (der nach seiner Berufsausbildung

die Wanderjahre genoss, indem er – zumeist

mit dem Fahrrad – in vielen Teilen Europas

unterwegs war bis hinauf nach Schottland und

hinunter nach Süditalien), lassen wir am besten

ihn selbst berichten. Er schickte von Rossitten aus

einen ausführlicheren Brief und danach ein Päckchen

mit einer kleinen Notiz an Eltern und Geschwister.

1 Ernst Schüz: 24.10.1901 - 08.03.1991. 1929 kam

der Vogelzugforscher zunächst als Kustos an die

Vogelwarte Rossitten (Oskar Heinroth leitete die

Einrichtung von Berlin aus), 1936 wurde ihm die

Leitung übertragen. Nach dem Krieg hatte Schüz

entscheidenden Anteil daran, dass die Vogelwarte

ihre Arbeit am neuen Standort Radolfzell wieder

aufnehmen und letztlich auch wieder eine

selbstständige Einrichtung werden konnte, die er

bis zum Eintritt in den Ruhestand leitete. Siehe

auch Berthold 1991.

Abb. 3: Zeitgenössische Karte der Kurischen Nehrung

(Ausschnitt. o.J.). – Contemporary map of the Curonian

Spit (section, undated).

Ulmenhorst, 3.11.30.

Liebe Eltern u. Schwestern!

Richtig, Ihr habt auch herzlich wenig von mir zu

hören bekommen. Könnt’ ich gut zeichnen, so würde

ich zwei große Ohren malen. Das wären meine.

Und nur die sieht man noch von mir, so tief drinnen

stecke ich in Arbeit! Tatsache! Dicke Backen habe

ich keineswegs. Das kommt von draußen – kaum

ruhen, von zu wenig schlafen u. von der Unregelmäßigkeit

der Mahlzeiten. Macht nichts! Bisher ist

alles in Ordnung, wenn ich wieder zu Hause bin

oder bei Euch einkehren kann. – Am liebsten möchte

ich ganz hier oben bleiben, da dies endlich mal

das ist, was mich restlos befriedigt. Und wenn ich

meine Pflichtbeob achtungstunden hinter mir habe

(Tag für Tag von 6.15 – 9.15 h vorm.), dann wird

erst mal die alte Doppelflinte geschultert u. an das

Haff, an die See, auf die Dünen oder in den Wald

gegangen. Und kommt ein Krähenschwarm, so wird

schnell mit mehr oder weniger Erfolg Dampf gemacht

u. meist haben wir was im Kochtopf. Ich habe schon

schrecklich viel Krähen gegessen. Ich werde mal aus

dem Neukirchner Wald einige holen u. sie zubereiten,

Ihr werdet sehen, so ein alter Pelikan schmeckt genau

so gut wie eine junge Taube, wenn nicht gar noch

besser. Lacht nur, ich werde es Euch schon vormachen.

Mein Beobachtungsstand ist 50 Meter hinter Ulmenhorst,

dem Haus, wo wir wohnen. Von dort aus kann

ich 3 Krähenfängern zusehen, wenn sie Krähen fan-


J. Neumann: Alfred Pflugbeils Erinnerungen an Rossitten 139

gen. 2 Da sitzen einige Lockkrähen angepflockt am

Boden u. der Krähenfänger in seiner Reisigbude. Und

die Krähen, die überhin fliegen, denken, aha, da gibt

es etwas für den Schnabel u. kommen runter u. setzen

sich. In dem Augenblick zieht der Fänger an einem

Seil, woran das Netz befestigt ist. Das Netz schlägt

rum – u. die Krähen sind gefangen. Sie werden ebenfalls

angebunden u. zu den anderen Lockkrähen

gesetzt. Abends, wenn dann der Krähenzug vorbei

ist, werden die Krähen vom Fänger in den Kopf gebissen

u. sind im „Nu“ mausetot. Das habe ich auch

schon öfters gemacht. Die Leute in Rossitten sind arm,

der Fischfang bringt nicht viel ein u. damit sie im

Winter etwas zu essen haben, werden eben Krähen

gefangen (u. eingepökelt) 3 . – Der Vogelzug war am

stärksten von Mitte September bis Anfang Oktober.

Aber da kamen Vögel! Die Nehrung ist hier bei Ulmenhorst

etwa 2 km breit. Oft nun kamen die Finken

u. Stare u. Wildtauben in der ganzen Nehrungsbreite

gezogen, dazu noch 2 – 3fach übereinander gestaffelt.

Es war einfach prächtig!!

Und diese ganzen Massen hatte ich nun zu zählen,

beziehentlich zu schätzen u. auch die Arten

richtig auseinander zu halten. Anfangs war es

schwer, bekam dann aber mehr u. mehr Übung u.

heute ist es mir nichts Neues mehr. Am stärksten

Zugtag zogen mal in 5 Minuten 14 500 Vögel, in

den 3 Stunden insgesamt 210 000!! Das war allerhand.

Vom guten Zug spricht man, wenn es so 20

– 40 000 Vögel sind, die da kommen. Jetzt ist der

Massenandrang schon vorbei u. kommen höchstens

noch 3 – 5000 Vögel, bei schlechtem Wetter, wie es

in den letzten Tagen u. auch heute der Fall war

gegen 1000, manchmal auch nur 100. – Das, was

draußen beobachtet wurde, muß nun genau u. sauber

in Listen eingetragen werden, damit es die Vogelwarte

verwerten kann. Ein guter Zugtag erfordert

3 – 5 Stunden Schreibarbeit. Dann haben wir noch

6 kleine u. 1 Mövenschlagnetz stehen zum Vogelfangen.

Eine Fangreuse steht ebenfalls vorn an der

Poststraße. Die Kiefern werden öfters durchgetrieben

u. am Rand steht dann das Netz u. der Fang-

2 Siehe hierzu: Thienemann, J., 1927 und 1931.

3 Das Krähenfangen war auf der Kurischen Nehrung

sehr verbreitet. Gefangen wurden ausschließlich

Nebelkrähen, die in der Zugzeit in Massen durchzogen.

Als „Nehrungstauben“ verkaufte man die

gepökelten Fleischkörper in die Städte. Die

„Krajebieter“ (= Krähenbeißer) töteten die Vögel

tierschutzgerecht durch einen Biss in den Schädel!

kasten, wo die Vögel reinfliegen. Wir stecken sie

dann in einen kleinen Sack, nehmen sie mit ins

Haus, beringen, wiegen u. messen sie und lassen sie

wieder fliegen. Bis jetzt haben wir knapp 600 Vögel

gefangen, was uns viel Mühe u. Lauferei gekostet

hat. Dr. Schüz, dem Leiter (?) der Vogelwarte, macht

unsere Arbeitsfreudigkeit viel Spaß. Er weiß wohl

nun auch, daß ich da der rechte Mann bin in Sachen

betreffs der Vögel. Hin u. wieder wird auch noch ein

toter Vogel gefunden oder auch geschossen, den es

dann zu präparieren gilt. Unser Haus muß in Ordnung

gehalten werden und die Essen-kocherei verlangt

auch Verständnis u. Zeit. Meist haben wir

kalte Küche, d. h. Brot u. etwas dazu. Wenn wir

Mittag- oder Abendessen machen gibt es pro Kopf

1 – 2 Krähen u. dann Reis, Gries oder ähnliches

dazu. – Oft kommt auch Besuch, der sich den Betrieb

hier ansehen will, manchmal, wie es kürzlich

mit 9 holländischen Studenten der Fall war, auch

für 8 Tage bleibt. Aber los ist bei uns immer was.

Aber wie gesagt, ich tue alles gerne, weil mich’s recht

befriedigt. In knapp 14 Tagen heißt es scheiden von

der Nehrung, die ich so lieb gewonnen habe. Ich

komme auch gerne wieder nach Hause. Da ich nun

so gut wie alles erreicht habe, kommt nun endlich

die große Ruhepause, die 2 u. mehr Jahre dauern

kann. Ich muß ja nun auch bei Hannel bleiben, damit

ich endlich ernsthaft seßhaft werde. Ich weiß

schon, es wird, denn nun bin ich endgültig des Fahrens

müde, das heißt der „großen Fahrten“. Zu Hause

werde ich Euch wieder viel Neues zu erzählen

wissen. Im Chemnitzer Verein werde ich auch sprechen.

– Geht’s denn auf der ganzen Linie noch gut?

Ich hoffe das Beste. Viel innere Beschwerden haben

mir öfters schwer zu schaffen gemacht u. wenn ich

gestorben wäre, wäre mir’s recht gewesen, so egal

war mir alles. Ein bissel geht’s nun besser. – So, nun

freut Euch über den Brief, ich glaube es war der erste

und der letzte, den Ihr von hier erhaltet. Aber nun

wißt Ihr Bescheid.

(Am Rande) Ich schreibe ja gerne, doch unmögliches

kann ich auch nicht schaffen. Ich erzähl’ Euch

das, was fehlt. – Recht herzliche Grüße an Euch alle,

besonders Else für den sooooo langen Brief…

Ulmenhorst, die Beobachtungshütte (ist aber ein

Haus) wo wir wohnen, liegt ganz einsam 1 ½ Stunden

von Rossitten entfernt. – …

Ich habe 45 schöne Aufnahmen gemacht, mal sehen,

was geworden ist. – Wenn Ihr Zeit habt, schreibt

noch mal, ich fühl’ mich oft richtig verlassen…


140 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Ulmenhorst, 7.11.30.

Liebe Eltern u. Schwestern!

Gestern habe ich 5 russische (also hochnordische)

Wildtauben geschossen, die ich Euch hiermit

schicke. Es ist für jeden von Euch eine gerechnet

(Also nicht halbieren, dann verlieren sie am Geschmack).

Kochrezept: Genau 3 Stunden kochen,

nur mit etwas Suppengrün Zwiebel u. Speckwürfel.

Reis schmeckt dazu am besten. Die Brühe muß

dann in den Reis. Lasst es Euch schmecken, so was

feines gibt es nicht alle Tage. Leider werde ich wohl

keine mehr erwischen, es ist schwer, sie zu schießen.

Ich komme nächste Woche am Sonnabend –

Sonntag heim.

Herzl. Gruß Euer Alfred.

Im Folgenden werden hier Bilder wiedergegeben,

die den Alben Alfred Pflugbeils entnommen sind.

Die nächsten haben einen unmittelbaren Bezug zu

dem Brief an seine Familie, die weiteren werden

dann in freier Folge wiedergegeben.

Abb. 5: Beobachtungsstation und Unterkunft „Ulmenhorst“.

Vorn auf dem Holz sitzt „Hanne“, der Stations-

Uhu. – The Ulmenhorst observation station. Hanne, the

station’s Eagle Owl, is sitting at the front on the woodpile.

Foto: Pflugbeil

Abb. 6: Stempel der Station „Ulmenhorst“ auf Briefumschlag.

– The Ulmenhorst postmark on an envelope.

Abb. 4: Beringungserlaubnis für Alfred Pflugbeil für

die Kurische Nehrung 1930. – Alfred Pflugbeil‘s ringing

permit for the Curonian Spit.

Abb. 7: Poststraße zwischen Rossitten und Ulmenhorst,

damals noch unbefestigt. – The post road between

Rossitten and Ulmenhorst, at that time still unpaved.

Foto: Pflugbeil


J. Neumann: Alfred Pflugbeils Erinnerungen an Rossitten 141

Abb. 8: Alfred Pflugbeil mit holländischen Gästen auf

dem Beobachtungshügel. Oktober 1930. – Alfred

Pflugbeil with Dutch guests on the observation hill.

October 1930. Foto: Jan P. Strijbos 4

Abb. 10: Im Triebsand (das ist wahrscheinlich Gustav

Kramer). – In silt (probably Gustav Kramer).


Foto: A. Pflugbeil

Abb. 9: Beim Beobachtungsposten auf der Vordüne.

Links: Gustav Kramer, rechts: Alfred Pflugbeil. – At their

observation posts on the foredune. Left: Gustav Kramer,

right: Alfred Pflugbeil. Foto: Rüppell 5

4 Jan Pieter Strijbos: 14.03.1891 - 10.05.1983. Der

Journalist, Fotograf, Filmemacher und Publizist

war in den Niederlanden ein sehr bekannter

Ornithologe, der außer Artikeln in Fachzeitschriften

auch 17 Bücher verfasste (siehe Voous 1995). 1936

war er noch einmal in Rossitten (Strijbos briefl.

am 15.08.1980 an Pflugbeil).

5 Werner Rüppell: 25.02.1908 - 04.07.1945. Bereits

als Student war er 1929-1931 an der Vogelwarte

Rossitten tätig. Speziell beschäftigte er sich mit

Heim findeversuchen an Nebelkrähen (Gebhardt

1964).

Abb. 11: Elchkuh mit Kalb. Oktober 1930. – Elk cow

with calf. October 1930. Foto: Jan P. Strijbos


142 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Abb. 12: Festgelegte Dünen bei Ulmenhorst. – Fixed dunes near Ulmenhorst.

Foto: A. Pflugbeil

Abb. 13: Fahrt auf dem Haff mit den Holländern. Von li. nach re.: NN, Ruthan 6 , Jan Bouma 7 , Pop Tijmstra 8 , van

Oort (mit Hut) 9 , NN. Oktober 1930. – Trip on the lagoon with the Dutchmen. From l. to r.: NN, Ruthan, Jan Bouma,

Pop Tijmstra, van Oort (with hat), NN. October 1930.

Foto: Jan P. Strijbos

6 Ruthan: ?

7 Jan Pieter Bouma: 11.03.1894 - 14.03.1965. Der

hervorragende Beobachter und Beringer wurde

besonders bekannt, nachdem er im Zusammenwirken

mit dem Kinderarzt J. C. Koch und dem Banker J.

F. M. van Malssen 1927 die Beringungsstation

Wassenaar errichtete (Voous 1995).

8 W. T. (Pop) Tijmstra: Der Vater der “Mien” of POP

war einer der ersten kritischen holländischen

Ornithologen, was offenbar die Tochter beeinflusst

hatte. Sie verließ die Heimat und ging nach einem

Studentenworkcamp auf Island 1932 nach dort,

heiratete einen Isländer und lebte dann auf der

Insel (Voous 1995).

9 Gregorius Johannes van Oort: 19.03.1892 -

22.04.1963. Der kenntnisreiche Ornithologe und

enthusiastische Naturschützer war Leiter der

holländischen Gruppe, die im Oktober 1930

Rossitten besuchte (Strijbos briefl. am 15.08.1980

an Pflugbeil).


J. Neumann: Alfred Pflugbeils Erinnerungen an Rossitten 143

Abb. 14: „Hanne“ sitzt den holländischen Gästen Modell.

Oktober 1930. – Hanne poses for the Dutch guests.

October 1930. Foto: Jost Franz 10

Abb. 16: Ein Krähenfänger bringt Gustav Kramer 12

Krähen. – A crow-trapper brings crows to Gustav Kramer.


Foto: A. Pflugbeil

Abb. 15: Nico Tinbergen 11 beim Handstand. Oktober

1930. – Nico Tinbergen doing a handstand. October

1930. Foto: Jan P. Strijbos

10 Jost Franz: 03.04.1915 - 18.09.1994. Der in Dresden

geborene Franz studierte in Freiburg i. Br. 1931 trat

er der DOG bei. Nach dem Krieg war er in der

Biologischen Bundesanstalt für Land- und

Forstwirtschaft, Institut für biologische Schädlingsbekämpfung

und Kartoffelkäfer forschung in Darmstadt

tätig. Als Entomologe hatte sich Prof. Dr. Franz

einen ausgezeichneten Ruf erworben!

11 Nikolaas Tinbergen: 15.04.1907 - 21.12.1988. Ein

dreimonatiger Aufenthalt nach dem Schulabschluss

an der Vogelwarte Rossitten war für ihn

ausschlaggebend für seinen Berufswunsch, Zoologe

zu werden. Mit seinen großartigen Arbeiten

rückte er bald in die vorderen Reihen der

Ornithologen auf; schon 1936 erhielt er einen

Lehrauftrag für Ethologie, 1947 wurde er zum

Professor ernannt und wurde Direktor des

Zoologischen Instituts in Leiden. In Deutschland

wurde er besonders durch seine Bücher „Instinktlehre“

(1952) und „Die Welt der Silbermöwe“

(1958) bekannt. 1973 erhielt er gemeinsam mit

Konrad Lorenz und Karl von Frisch den

Nobelpreis (Koehler 1990).

12 Gustav Kramer: 11.03.1910 - 19.04.1959. Als

junger Student war Gustav Kramer erstmals in

Rossitten. Später befasste er sich intensiv mit der

Fernorientierung der Vögel. Am 01.04.1959 übernahm

er die Leitung der Vogelwarte Radolfzell.

Doch nur wenige Tage später stürzte er bei dem

Versuch, junge Felsentauben dem Nest zu entnehmen,

in Kalabrien tödlich ab. Er war der geistige

Führer der Orientierungsforschung nach dem

Zweiten Weltkrieg gewesen.


144 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Abb. 17: Ernst Schüz.

Abb. 18: Gustav Kramer mit einem Habicht, der einem

Krähenfänger ins Netz ging. – Gustav Kramer with a

Goshawk, caught in a crow-trapper‘s net.


Foto: A. Pflugbeil

Abb. 19: Alfred Pflugbeil mit

Hanne. Oktober 1930. –

Alfred Pflugbeil with Hanne.

October 1930.

Foto: Jan P. Strijbos


J. Neumann: Alfred Pflugbeils Erinnerungen an Rossitten 145

Alfred Pflugbeil hatte keine Möglichkeit

mehr, nach der Teilnahme an einem Lehrgang an

der Vogelwarte Rossitten 1935 die Kurische Nehrung

noch einmal zu betreten. Er war aber einer

der zuverlässigsten und fleißigsten ehrenamtlichen

Beringer der Vogelwarte. Er lebte in Sachsen,

und für dieses Gebiet war auch die Nachfolgeeinrichtung

des Rossittener Instituts unter der

Leitung von Ernst Schüz bezüglich der Vogelberingung

zuständig. So setzte sich die Zusammenarbeit

über die inzwischen durch die Großmächte

initiierten und durch deutsche Politiker

realisierten deutschen Grenzen hinweg fort, bis

1964 die Vogelwarte Hiddensee für das gesamte

Gebiet der damaligen DDR durch die sich für

zuständig haltenden Behörden als alleinige ver-

Abb. 20: Kartengruß

aus Radolfzell. 13 –

Greetings postcard

from Radollfzell.

13 Die Karte trägt folgende Schriftzeilen bzw.

Unterschriften:

Lieber Herr Pflugbeil - wir sprechen gerade von

Ihnen + sehen uns Rossittenphotos von Ihnen an!

Herzliche Grüße! Ernst Schüz

Ich denke sehr gern an unsere gemeinsame Zeit in

Ulmenhorst im Herbst 1930 zurück: Jost Franz

Auch ich denke oft an Sie und grüße Sie herzlich

Ihr Rud. Kuhk

Rudolf Kuhk: 13.02.1901 - 07.02.1989. Anfangs

studierte er Pharmazie, später, in Rostock, wechselte

er zur Zoologie. Sein Buch „Die Vögel Mecklenburgs“

war zu jener Zeit ein Meilenstein für die avifaunistische

Forschung in Deutschland. Nach dem

Zweiten Weltkrieg war er an der Vogelwarte

Radolfzell beschäftigt, deren örtlicher Leiter er

zeitweilig war. Lange Jahre wirkte er auch als

Generalsekretär der Deutschen Ornithologen-

Gesellschaft. Stets hielt er engen Kontakt zu den

Beringern in der DDR, bis der damalige ostdeutsche

Staat beschlossen hatte, diese Aufgabe selbst zu

regeln (siehe Neumann 2012).

Eberhard Gwinner: 26.12.1938 - 07.09.2004.

Gwinner, ein Vollblutornithologe, ist Autor zahlreicher

wegweisender Arbeiten zur Vogelzugforschung.

Zu seinen Aufgaben am Max-Planck-

Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen

gehörte auch die Leitung der Vogelwarte Radolfzell.

Er hatte entscheidenden Anteil daran, dass das

Institut 1998 eine eigenständige Forschungsstelle

werden konnte (siehe Berthold 2005).

Hans Sonnabend: 29.12.1900 - 08.02.1990. Die

Familie des Lehrers kam 1945 in Schlesien um. Er

selbst fand nach dem Kriege eine neue Heimat in

Radolfzell und war an der dortigen Vogelwarte tätig.

Gerhard Zink (17.12.1919 - 03.09.2003) und Trude

Zink. Zink hatte nach dem Kriege Biologie,

Geologie und Chemie studiert. 1951/52 nahm er

an der ersten deutschen Nachkriegsexpedition

nach Afrika – Tansania – teil. Drei Nager wurden

nach ihm benannt – zinki. 1954 fand er eine

Anstellung an der Vogelwarte Radolfzell, wo er bis

zum Eintritt in den Ruhestand als wissenschaftlicher

Mitarbeiter tätig war. Gemeinsam mit seiner Frau

lebte er bis zu seinem Tode in Radolfzell.


146 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

antwortliche Institution installiert wurde. Die

innerdeutsche Grenze konnte aber Menschen

gleichen Gedankentums nicht wirklich trennen.

Ernst Schüz und seine Mitarbeiter schätzten den

langjährigen Beringer und alten Mitstreiter Alfred

Pflugbeil sehr. Davon zeugt auch der Kartengruß,

der Alfred Pflugbeil im Jahre 1981,

also ein Jahr vor seinem Tode, erreichte. Damit

soll dann auch dieser kleine historische Exkurs

seinen Abschluss finden.

Dank

Wie immer, war es auch in diesem Falle kaum möglich,

diesen kleinen Rückblick ohne die Hilfe von

Mitstreitern fertigzustellen. In erster Linie sind hier

zu nennen Frau Käte Schmeer, der ich das Fotomaterial

verdanke, Frau E. Schubert, Historisches Archiv

der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Frankfurt/Main und Dr. C. Hinkelmann.

Ihnen und einigen ungenannten Helfern soll an

dieser Stelle wieder herzlich gedankt werden.

Zusammenfassung

Der sächsische Ornithologe und Beringer Alfred Pflugbeil (1902-1982) war im Herbst 1930 (und

wohl kurzzeitig 1935 noch einmal, dann allerdings zu einem Lehrgang) als Beringungshelfer an der

Vogelwarte Rossitten auf der Kurischen Nehrung. Aus seinem Nachlass werden hier ein inhaltsreicher

Brief an seine Familie und eine Anzahl Fotos veröffentlicht. Die Fotos sollen die bisher in früheren

Heften der „Ornithologischen Mitteilungen“ erschienenen Bildberichte ergänzen.

Summary

Alfred Pflugbeil‘s memories of Rossitten

The Saxon ornithologist and ringer Alfred Pflugbeil (1902-1982) was an assistant ringer at the Rossitten

ornithological station on the Curonian Spit in autumn 1930 (and also attended a short course

there in 1935). A very detailed letter to his family and a number of photographs from his estate are

published here. The photographs are intended to supplement the pictorial reports published in earlier

issues of the ‘Ornithologischen Mitteilungen’.

Literatur

Berthold, P. (1991): Prof. Dr. Ernst Schüz (1901-1991).

- Journal für Ornithologie 132: 461-463.

Berthold, P. (2005): Prof. Dr. Eberhard Gwinner

(26.12.1938-07.09.2004). - Ornithologischer Anzeiger

44: 47-48.

Gebhardt, L. (1964): Die Ornithologen Mitteleuropas.

- Gießen.

Hinkelmann, C. (2006): Erinnerungen an die Vogelwarte

Rossitten in Bildern (3. Teil). - Ornithologische

Mitteilungen 58: 417-421.

Hinkelmann, C. (2013): Erinnerungen an die Vogelwarte

Rossitten in Bildern (4. Teil). - Ornithologische

Mitteilungen 65: 189-194.

Holupirek, H. (2010): Pflugbeil, Alfred. - In: Neumann,

J.; Eck, S.; Holupirek, H.; Kneis, P.; Stamm,

H. C.; Weise, W. (2010): Lebensbilder sächsischer

Ornithologen. - Mitteilungen des Vereins Sächsischer

Ornithologen 10 (Sonderheft 3): 166-167.

Koehler, A. (1990): Professor Dr. Nikolaas Tinbergen

(1907-1988). - Journal für Ornithologie 131: 355-359.

Neumann, J. (2012): Rudolf Kuhk: Die Vögel Mecklenburgs.

Faksimile der Erstveröffentlichung mit persönlichen

Nachträgen des Autors. Mit einer Biografie

Rudolf Kuhks, der Entstehungsgeschichte des Buches

und Kommentaren. - Rangsdorf.

Schüz, E. (1976): Erinnerungen an die Vogelwarte Rossitten

in Bildern. - Ornithologische Mitteilungen 28:

204-211.

Schüz, E. (1979): Rossitten-Erinnerungen (2. Teil). -

Ornithologische Mitteilungen 31: 125-135.

Thienemann, J. (1927): Rossitten. Drei Jahrzehnte auf

der Kurischen Nehrung. - J. Neumann-Neudamm.

Thienemann, J. (1931): Vom Vogelzuge in Rossitten.

- J. Neumann-Neudamm.

Voous, K. H. (1995): In de ban van vogels. Ornithologisch

Biografisch Woordenboek van Nederland. - Utrecht.


Ornithologische

Mitteilungen

Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 68 • 2016 • Nr. 3/4: 147 – 152

Biografien osteuropäischer Ornithologen (21):

Ferdinand Stoll (1874-1966) – Taxidermist, Mykologe, Pionier

der Vogelfotografie und Faunist der Vogelwelt des Baltikums

Ruslans Matrozis und Uwe Alex

Ruslans Matrozis, Dzelzavas iela 53-9, LV-1084 Riga; E-Mail: matruslv@inbox.lv

Uwe Alex, Hauptstraße 30, D-14778 Brielow; E-Mail: oleksas1@web.de

Ferdinand Erdmann Stoll – der Nationalität nach

Deutsch-Balte – wurde am 21.09.(03.10.)1874 im

Pfarrhof Dünamünde (Daugavgrīva) bei Riga geboren.

Er ehelichte am 24.03.1912 Alwine von

Wichert (1873-1955). Sie hatten eine Tochter

Katharina Stoll (1915-2015), verheiratete Bickerich,

die Verfasserin und Illustratorin (dabei

Aquarelle ihres Vaters nutzend) des Buches „Pilze

sicher bestimmt“ (Urania 1980) und zuletzt wohnhaft

in Potsdam/Bergholz-Rehbrücke war.

Stoll‘s Vater, gleichen Vornamens (1816-1893),

war Pastor der evangelischen Lutheraner zu Dünamünde,

seine Mutter, Katharina Luise Clarissa,

geb. Stoll (1837-1908), die Nichte des Vaters.

Sein Großvater, Friedrich Erdmann Stoll

(21.12.1761 Albrechts bei Suhl/Thüringen – 15.10.

(28.10.)1826 Sissegal (Madliena)/Livland) kam

1784 ins Baltikum. Er arbeitete als Hauslehrer,

wurde 1787 Kandidat der Theologie, 1800 Pastor

zu Jürgensburg/Jaunpils bei Riga, 1824 zu Sissegal

und Altenwoga (Mengele), ebenfalls bei Riga. Er

interessierte sich für die Ornithologie, legte eine

Vogelkollektion an und galt als einer der wichtigsten

Gewährsleute für Bernhard Meyers „Kurze

Beschreibung der Vögel Liv- und Esthlands“

(Nürnberg 1815), der ersten Avifauna des Baltikums.

Meyer (1767-1836) war darüber hinaus

Verfasser des Prachtwerks „Naturgeschichte der

Vögel Deutschlands“ (1805-1815).

Ferdinand Stoll lernte, nach erhaltenem Hausunterricht,

am 1. Stadtgymnasium zu Riga bis zur

Tertia. Direktor der Schule war Gotthard Schweder

(1831-1915), gleichzeitig von 1875-1910 Präses

des Naturforscher-Vereins zu Riga. Im Jahr

1892 übersiedelte die gesamte Familie nach Smilten/Smiltene

(Livland), wo sein Bruder Wilhelm

Stoll (geb. 1863) Förster war. Von ihm erhielt

Ferdinand Stoll sein erstes praktisches Wissen

in den Naturwissenschaften, speziell auf ornithologischem

Gebiet, was zusammen mit der wilden

Umwelt Smiltens seinen zukünftigen Werdegang

prägend bestimmte.

Abb. 1: Ferdinand Stoll (1874-1966). Foto: Museum

für Naturkunde Berlin; Historische Bild- u. Schriftgutsammlungen,

Bestand: Zool. Mus.; Signatur: Orn. 110,8


148 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Im Alter von 19 Jahren (1893) trat er in den

deutschen Naturforscher-Verein zu Riga ein, in

dem er bereits 1895 Leiter der ornithologischen

Sektion wurde.

Stoll ging - nach einer Apothekerlehre in Riga

- im Dezember 1894 nach Berlin, wo er bis zum

März 1896 eine Ausbildung als Taxidermist am

Linnaea Naturhistorischen Institut erhielt und

Praktika bei erfahrenen Präparatoren absolvierte.

In dieser Zeit, im Jahr 1895, wurde er Mitglied der

Deutschen Ornithologischen Gesellschaft (DOG)

– bis 1901, wieder 1911 und von 1941 bis 1966. Er

besuchte regelmäßig die Zusammenkünfte und

knüpfte zeitlebens Kontakte zu vielen deutschen

Ornithologen. Stoll arbeitete in diesen Monaten

regelmäßig auch am Berliner Zoologischen Museum

bei Anton Reichenow (1847-1941) und

erweiterte seine Artkenntnisse und Präparationsfähigkeiten.

So begann auch seine ornithologische

Publikationstätigkeit in Reichenow‘s Ornithologischen

Monatsberichten (Stoll 1898) mit einem

Beitrag über die Kreuzschnäbel (Loxia). Nach

detaillierten Angaben zur Ernährungsweise führte

er die biometrischen Daten (Flügel, Schwanz,

Schnabel etc.) von über 5.000 (!) im Fleisch untersuchten

Kreuzschnäbeln aus der Invasion

1897/1898 bei Smilten auf, getrennt nach Loxia

curvirostra und Loxia pytyopsittacus, und diskutierte

insbesondere die Schnabelproblematik. Obwohl

die Maße in einander übergehen, trennte er

Fichten- und Kiefernkreuzschnabel in zwei Arten

und wandte sich gegen konspezifische Anschauungen.

Rotbindige (rubifasciata) und weißbindige

(bifasciata) Kreuzschnäbel stellte Stoll als Subspezies

zu Loxia curvirostra.

Im Frühjahr 1896 kehrte er nach Smilten zurück

und begann als Taxidermist zu arbeiten. In

dieser Zeit war diese Arbeit gefragt, da Präparate

von Vögeln und anderen Wirbeltieren die Inneneinrichtung

der Häuser bereicherten. Auf Bitte

des deutschen Ornithologen und Sammlers Carlo

von Erlanger (1872-1904) schuf Stoll zwischen

Herbst 1897 und Sommer 1898 insgesamt

31 Bälge von 13 Vogelarten (Hilgert 1908). In

der gleichen Zeit übereignete er eine Anzahl geschaffener

Vogelpräparate dem Naturforscher-

Verein zu Riga. Dort hielt er im Dezember 1897

seinen ersten Vortrag auf der Versammlung des

Vereins, der in erweiterter Form dann im Folgejahr

publiziert wurde (Stoll 1898, s.o.).

Nach fast vierjähriger Erfahrung in der Taxidermie

übersiedelte Ferdinand Stoll 1898 nach Riga

und eröffnete sein eigenes Dermoplastisches Laboratorium,

das er bis 1915 führte. Von ihm hergestellte

Präparate errangen bald darauf Preise auf

Ausstellungen in Riga (Silbermedaille 1899, Goldmedaille

1901 und 1902). Seine Fertigkeiten gab

er an seinen Schüler Ernst Koeppen (1898-1970?)

weiter, der von 1921 bis 1939 als Taxidermist in

Riga arbeitete.

Im Jahr 1904 wurde Ferdinand Stoll als Konservator

des Museums des Naturforscher-Vereins

zu Riga berufen, eine Stelle, die er bis 1922 besetzte.

Es war die aktivste Zeit seines Lebens. Er verwandte

viel Mühe darauf, die Sammlungen des

Museums zu vervollständigen, brachte eine große

Eier-Kollektion zusammen und präparierte unzählige

Vögel.

Im Bestand des heutigen Museums für die Natur

Lettlands, in dem das Museum des Naturforscher-

Vereins zu Riga aufging, befinden sich 112 Vogelbälge,

19 Säugetierpräparate und 2.757 Eier von

der Hand F. Stolls, die er im Zeitraum 1897-1927

aufbereitete.

In diesen Jahren war er viel feldornithologisch

tätig, sammelte Daten zu seltenen Vögeln im Baltikum

und veröffentlichte diese teilweise in der

örtlichen und deutschen Fachpresse (Stoll 1904,

1905, 1906, 1908a, b, 1910a, 1911a). Dies betraf

u.a. Nachweise von Gänse- und Kuttengeier (Gyps

fulvus, Aegypius monachus) sowie Großtrappen

Otis tarda, aber auch Angaben zur Invasion der

Steppenhühner Syrrhaptes paradoxus.

Eine neue Etappe in der ornithologischen Tätigkeit

Ferdinand Stolls begann im Jahr 1906,

als er die estnische Insel Ösel/Saaremaa besuchte

und den aktiven Vogelbeobachter und Leuchtturmwärter

Artur Toom (1884-1942) auf der

Insel Filsand/Vilsandi traf. Dieser rechtschaffende

Mann setzte sich für den aktiven Meeresvogelschutz

ein, unterband die örtliche Ausplünderung

der Vogelkolonien, beringte und verfasste

zusammen mit seiner Frau Alma die „Vogelwelt

von Vilsandi“ (Dorpat 1937). Toom zeigte Stoll

den Vogelreichtum der Inseln und Riffe. Im Jahr

1910 wurde – angeregt von Stoll und Toom –

zwischen dem Naturforscher-Verein Riga und

dem Pastorat Kielkond/Kihelkonna ein Pachtvertrag

über die Inselwelt der „Waika-Riffe“ (6 Felsen-Inseln

mit insgesamt 5 ha) abgeschlossen.


R. Matrozis & U. Alex: Biografien osteuropäischer Ornithologen (21): Ferdinand Stoll (1874-1966) 149

Abb. 2: Cover von Stoll (1931): Tier- und Pflanzenleben

am Rigaschen Strande.

Mit der Vertragsunterzeichnung am 14.08. wurde

das erste echte ostbaltische Naturschutzgebiet

erschaffen und eine Biologische Station des Vereins

gegründet. Neben der Erforschung und dem

Schutz der brütenden Meeresvögel widmete sich

diese Station aktiv der Vogelberingung, die nach

Rossittener Vorbild im Baltikum bisher nur von

Harald Baron von Loudon (1876-1959) auf Keysen/Keižu

und Lisden/Lizdēni praktiziert wurde.

Bis 1913 weilte Stoll, zusammen mit weiteren

Ornithologen, alljährlich auf den Inseln, forschte

und publizierte regelmäßig darüber (Stoll

1907, 1909, 1910b, 1911b-d, 1913).

Es gelangen ihm u.a. bemerkenswerte Brutnachweise,

so vom Höckerschwan Cygnus olor, der

Bergente Aythya marila, der Samtente Melanitta

fusca und vom Steinwälzer Arenaria interpres (vgl.

auch Stoll 1931a).

Zur Beringung von Vögeln wurden 1909 in

Deutschland spezielle Ringe mit der Aufschrift

„Kielkond – Russia“ bestellt und folgend verwandt.

Bereits 1910 konnten 124 Vögel auf Waika beringt

werden. Bis 1913 waren es insgesamt 612 (Stoll

1915).

Zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 musste die

Station ihre Tätigkeit einstellen (Stoll 1924).

Ferdinand Stoll engagierte sich auch in verschiedenen

Organisationen, die sich der Erforschung

und dem Schutz der Vögel widmeten. Er

nahm am V. Internationalen Ornithologischen

Kongress im Juni 1910 in Berlin teil und wurde in

das Internationale Komitee zum Schutz der Vögel

gewählt. Drei Jahre darauf, 1913, bestellte man ihn

als Mitglied des – durch Baron Loudon ins Leben

gerufenen – Russischen Ornithologischen Komitees

bei der Russischen Gesellschaft zur Eingewöhnung

von Tieren und Pflanzen. Seit 1907 war er

Mitarbeiter im Zoologischen Garten Riga, der ihm

seine Entstehung und positive Entwicklung bis

1914 mit verdankt.

Im Ergebnis des 1. Weltkrieges hatten sich in

Europa neue Nationalstaaten herausgebildet, so

auch die Lettische Republik. Ferdinand Stoll

verblieb – im Gegensatz zu vielen Baltendeutschen-Ornithologen,

z. B. Harald Baron von

Loudon, Adelbert Baron von Krüdener (1857-

1933) – in Riga und arbeitete von 1917 bis 1939

als Lehrer für Naturwissenschaften in den deutschen

Schulen der Hauptstadt. Dieser Lebensabschnitt

im unabhängigen Lettland war gekennzeichnet

durch eine rege aufklärende Vortragstätigkeit

– in Schulen, verschiedenen Einrichtungen

und Gesellschaften, sowohl im Land

selbst als auch im Ausland. Aufs Neue besuchte

er regelmäßig wieder die Waika-Inseln, wo die

Forschung erneut aufgenommen wurde, fotografierte

die Brutvögel am Nest und publizierte eine

Reihe diesbezüglicher Beiträge (Stoll 1926,

1927, 1929, 1931a, 1935).

Stoll gelang erstmals zu dokumentieren, dass

der Austernfischer Haematopus ostralegus regelmäßig

Gelege anderer Vögel (Eiderente, Mantelmöwe,

Gänsesäger) plündert, dabei die Angriffe

der Möwen nicht beachtet und selbst in die Erdhöhlen

mit den Säger-Bruten geht (Stoll 1929).

Mit der Entwicklung der Fototechnik und -wiedergabe

in den 1920er Jahren begannen viele

Naturforscher Lettlands Vögel in der Natur aufzunehmen.

Im heutigen Rückblick gilt Stoll als

einer der besten Tierfotografen seiner Zeit. Erste


150 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Fotografien veröffentlichte er schon zu Beginn

des 20. Jahrhunderts (Meerwarth & Soffel

1910-1911). Stoll fotografierte vor allem die

brütenden Meeresvögel auf den Waika-Inseln,

aber auch seltene Waldvögel in Lettland. Im Jahr

1931 gab er ein ausgezeichnet bebildertes Buch

über die Natur der Gegend um Riga heraus

(Stoll 1931b).

In den Jahren 1932 und 1933 widmete er sich

besonders dem Schwarzstorch Ciconia nigra am

Brutplatz und publizierte folgend eine Fotoserie

und seine brutbiologischen Beobachtungen

(Stoll 1934). Die Art interessierte ihn bereits

früher und er publizierte darüber bereits 1911 in

der einzig erschienenen Ausgabe von Krause‘s

Zeitschrift für Oologie.

1935 wurde Ferdinand Stoll, in Anerkennung

seiner 42jährigen Tätigkeit, zum Ehrenmitglied

des Naturforscher-Vereins zu Riga ernannt.

Stoll war stets bestrebt, sein Wissen und seine

Fachkenntnisse zu erweitern. Reisen führten ihn

nach Italien, Askania Nova/Ukraine, Charkov,

Kiev, Moskau, Petersburg, Stockholm, Helsingfors,

Kopenhagen, Hamburg, Helgoland, Berlin, Halle,

Leipzig und München.

War zwar die Vogelwelt sein bevorzugtes Forschungsobjekt,

so galt seine Aufmerksamkeit auch

den Säugetieren (Flughörnchen) und seit 1914

insbesondere der Pilzkunde. Er galt als einziger

Sachverständiger in Lettland und hielt viele diesbezügliche

Vorträge und Beratungen ab, führte

Ausstellungen durch. Stoll legte zwar keine Pilzsammlung

an, doch malte er Aquarelle nach der

Natur – insgesamt mehr als 1.100. Mehrere Pilzarten

wies er erstmals für Lettland nach (vgl. auch

Thiede 2004). Noch vor dem 2. Weltkrieg erschien

sein selbst illustriertes Buch „Die Pilze Lettlands“

(Riga 1934).

Leider hatten die politischen Ereignisse zum

Ausklang der 1930er Jahre einen negativen Einfluss

auf die Tätigkeit aller Ornithologen deutscher

Abstammung, die in Lettland lebten und

arbeiteten. So mussten gemäß dem deutsch-lettischen

Vertrag im Herbst 1939 alle Bürger Lettlands

mit deutschen Wurzeln das Land verlassen

und nach Deutschland übersiedeln. Am 25. November

1939, im Alter von 63 Jahren, verließ

Ferdinand Stoll mit seiner Familie für immer

die Heimat.

Angesiedelt wurde er in Schnabel, dann Butsch/

Bucz bei Wiesenstadt/Wielichowo im Landkreis

Kosten/Koscian südlich Posen/Poznan an der

mittleren Warthe, wo er bis zur Flucht 1945 verblieb.

Bereits 1941 gründete er dort die Biologische

Station „Kranichbruch“ als Stätte der Vogelbeobachtung,

die er zu einem kleinen Museum ausbaute.

Mit dem erneuten Eintritt in die DOG 1941

intensivierten sich wieder die Kontakte zu deutschen

Ornithologen.

Mit dem Kriegsende verschlug es Stoll nach

Ostfriesland. Er wurde Mitbegründer des dortigen

Heimatmuseums zu Leer, baute ab 1946 die naturkundliche

Abteilung auf. Bereits im Altersheim,

erhielt er 1955 für seine langjährige pädagogische

und museale Tätigkeit das Bundesverdienstkreuz.

Seine letzte Veröffentlichung datiert aus dem Jahr

1962, ein kleines Buch über die Natur des Baltikums,

illustriert mit eigenen Original-Fotografien

(Stoll 1962).

Ferdinand Stoll starb im Alter von 92 Jahren

am 15.09.1966 zu Hesel/Ostfriesland.

Zwei Weltkriege, die im Verlauf von 30 Jahren

über Lettland hinweg zogen, hatten extrem negative

Wirkung auf mehrere Generationen von Ornithologen.

Viele Archive und Kollektionen gingen

verloren oder wurden zerstört. Dank glücklicher

Umstände betraf dies aber nicht das Werk

F. Stolls.

Im Natur-Museum Lettlands und im Zoologischen

Museum der Lettischen Universität lagert

der größte Teil der Kollektion von Vögeln

und Wirbeltieren, die Stoll sammelte und erschuf.

1998 übergab, dem Wunsche des Vaters

entsprechend, seine Tochter Katharina die Pilz-

Aquarelle an das Museum für Botanik der Lettischen

Universität. Im September 1999 organisierte

das Museum für die Natur Lettlands eine

Ausstellung, gewidmet dem 125. Geburtstag

Ferdinand Stolls. In 2001 gab das Lettische

Naturhistorische Museum einen Pilz-Band mit

Stolls Aquarellen (162 Abb., Biografie, Publikationsliste)

heraus. Im Jahr 2008 erhielt dieses

Museum von den Nachfahren des Forschers ein

Tagebuch (1906-1916) zum Geschenk, weiterhin

seine Korrespondenz und andere Materialien aus

seinem Archiv, die noch der Erforschung und

Aufbereitung durch eine neue Historikergeneration

harren.


R. Matrozis & U. Alex: Biografien osteuropäischer Ornithologen (21): Ferdinand Stoll (1874-1966) 151

Zusammenfassung

Ferdinand Stoll (1874-1966), Deutschbalte, war Präparator, Pionier der Vogelfotografie und Faunist

der Vogelwelt Lettlands und Estlands zwischen 1904 und 1939. Er galt als Initiator des ersten Naturschutzgebietes

im Baltikum, denn 1910 wurden die Waika-Riffe vor der Insel Ösel/Saaremaa

unter Schutz gestellt. Neben Harald Baron von Loudon (1876-1959) war Stoll der Erste, der die

Vogelberingung an der Küste Estlands nach Rossittener Vorbild durchführte. Er verblieb nach dem

1. Weltkrieg in Lettland und wurde erst 1939 zwangsumgesiedelt.

Seine zweite Leidenschaft gehörte der Pilzkunde. Zwischen den Weltkriegen galt er als der Fachmann

der Mykologie in Lettland und schuf u.a. 1.100 Aquarelle.

Summary

Biographies of East European Ornithologists (21):

Ferdinand Stoll (1874-1966) – taxidermist, mycologist, pioneer of bird photography and faunist

of the bird life of the Baltic

Ferdinand Stoll (1874-1966), a German Balt, was a taxidermist, pioneer of bird photography and faunist

of the bird life of Estonia and Latvia between 1904 and 1939. Is considered to be the initiator of the

first nature reserve in the Baltic, when in 1010 the Waika reefs off the Estonia island of Saaremaa (Ösel)

were allocated protected status. Along with Harald Baron von Loudon (1876-1959), Stoll was the first

ornithologist to carry out bird ringing on the Estonia coast following the example of Rossitten (Rybachy).

He remained in Estonia after World War One and was only compulsorily resettled in 1939.

His second passion was fungi. Between the World Wars he was considered to be the foremost mycologist

in Latvia and painted inter alia 1,100 watercolours.

Literatur

Gebhardt, L. (1970): Die Ornithologen Mitteleuropas

2. - Journal für Ornithologie 111, Sonderheft.

Hilgert, C. (1908): Katalog der Collection von Erlanger.

- Berlin, Verlag von R. Friedländer & Sohn.

527 S.

Meerwarth, H.; Soffel, K. (1910-1911): Lebensbilder

aus der Tierwelt. - Leipzig, Verlag R. Voigtländer, Bd.

5-6, Folge II.

Stoll, F. (1898): Beitrag zur Kenntnis unserer Loxia-

Arten. - Ornithologische Monatsberichte 6 (9): 137-

141.

Stoll, F. (1904): Ornithologische Notizen. - Korrespondenzblatt

des Naturforscher-Vereins zu Riga 47: 77-

107.

Stoll, F. (1905): Ornithologische Notizen. - Neue Baltische

Waidmannsblätter 6, 7, 8: 115-121, 143-148,

172-176.

Stoll, F. (1906): Der Kutten - oder Mönchsgeier (Vultur

monachus). - Neue Baltische Waidmannsblätter

9: 230.

Stoll, F. (1907): Ornithologisches aus Arensburg und

Umgegend. - Neue Baltische Waidmannsblätter 12,

17: 269-271, 387-389.

Stoll, F. (1908a): Grosstrappen in Kurland. - Neue

Baltische Waidmannsblätter 20: 466.

Stoll, F. (1908b): Uber den Zug der Steppenhühner.

- Ornithologische Monatsberichte 16 (7/8): 132.

Stoll, F. (1909): Die Küstenornis der Insel Oesel. - Korrespondenzblatt

des Naturforscher-Vereins zu Riga

52: 101-130.

Stoll, F. (1910a): Gyps fulvus, der Gänsegeier im Balticum.

- Neue Baltische Waidmannsblätter 16: 372.

Stoll, F. (1910b): Biologische Station des Naturforscher-Vereins

zu Riga, Kielkond auf Oesel. - Neue

Baltische Waidmannsblätter 17: 396-397.

Stoll, F. (1911a): Gyps fulvus im Balticum. - Ornithologische

Monatsberichte 1: 9.

Stoll, F. (1911b): Ein “Verzeichnis der Wirbeltiere der

Insel Oesel”. - Ornithologische Monatsberichte 9: 151-

153.

Stoll, F. (1911c): Ornithologie: Die Biologische Station

in Kielkond auf Oesel. - Arbeiten des Naturforscher-

Vereins zu Riga 13: 35-52.

Stoll, F. (1911d): Über die biologische Station in Kielkond.

- Korrespondenzblatt des Naturforscher-Vereins

zu Riga 54: 44-45.


152 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Stoll, F. (1913): Über die Biologische Station in Kielkond.

- Korrespondenzblatt des Naturforscher-Vereins

zu Riga 56: 57.

Stoll, F. (1915): Über die Resultate der Beringungsversuche

in Russland (Kielkond). - Korrespondenzblatt

des Naturforscher-Vereins zu Riga 57: 18-20.

Stoll, F. (1924): Die biologische Station in Kielkond.

- Korrespondenzblatt des Naturforscher-Vereins zu

Riga 58: 45.

Stoll, F. (1926): Die Waikariffe: Eine Vogelfreistätte

auf Oesel. - Baltischer Jugendkalender 1926/27: 86-96.

Stoll, F. (1927): Die Waikariffe, ein Vogelreservat in

Estland. - Der Naturforscher 3: 593-596.

Stoll, F. (1929): Der Austernfischer als Nesträuber. -

Ornithologische Monatsberichte 37 (5): 144-145.

Stoll, F. (1931a): An den Brutplätzen von Oidemia

fusca und Arenaria interpres. - Journal für Ornithologie

79 (4): 542-547.

Stoll, F. (1931b): Tier- und Pflanzenleben am Rigaschen

Strande. - Riga, Walters & Rapa. 146 S.

Stoll, F. (1934): Einiges über den Schwarzstorch. - Ardea

23 (1-2): 51-56.

Stoll, F. (1935): Die Waikariffe. - Baltische Monatshefte

5: 249-285.

Stoll, F. (1962): Lebensbilder aus der Tierwelt im Baltikum.

- Hannover, H. v. Hirschheydt. 92 S.

Thiede, W. (2004): Dr. Hermann Jahn und Ferdinand

Erdmann Stoll. Zwei Ornithologen und bedeutende

Mykologen. (Teil 2: Ferdinand Erdmann Stoll 1874-

1966). - Blätter aus dem Naumann-Museum 23: 126-139.


Ornithologische

Mitteilungen

Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 68 • 2016 • Nr. 3/4: 153 – 154

Karl Greve (10.01.1934 - 02.01.2016)

Karl Greve war gebürtiger Braunschweiger und

gelernter Maurer wie sein Vater. Nach Fortbildung

wurde er städtischer Angestellter und später Sekretär

bei der Gewerkschaft ÖTV in Braunschweig.

Diese Beziehungen erleichterten ihm

auch die Einrichtung seiner Beringungsstation auf

städtischem Gelände.

Schon früh erwachte sein Interesse an der Vogelwelt.

Zuerst hielt er Käfigvögel. In den 1950er

Jahren war er durch Vermittlung seines Freundes

Hans Bub, der aus der Nähe von Braunschweig

stammte und Angestellter der „Vogelwarte Helgoland“

war, als Vogelwart auf Scharhörn tätig

und danach auf Neuwerk. Die erste Begegnung

mit Karl Greve hatte ich als Schüler, als er in der

städtischen „Brücke“ in Braunschweig einen Vortrag

über seinen Einsatz auf Scharhörn hielt - mit

Anekdoten, die mir heute noch in Erinnerung

sind.

Danach war Karl Greve Mitarbeiter beim Höhlenbrüterprogramm

von Dr. Rudolf Berndt, aber

nicht sehr lange, denn die beiden Männer

passten nicht zusammen. Greve wollte sein

eigener Herr sein und begann 1956 in den

Braunschweiger Rieselfeldern mit eigenen

Mitarbeitern mit Vogelfang und -beringung.

Zuerst ging es um Kleinvögel, dann

schwerpunktmäßig um Wat- und Wasservögel,

ab 1970 mit einem festen Haus als

Station. In den ersten 40 Jahren wurden

z.B., um die Größenordnung zu zeigen,

rund 2.600 Bekassinen, 1.800 Flussuferläufer,

1.100 Bachstelzen und 500 Weidenlaubsänger

beringt (Greve 1996).

Stark angewachsene Zahlen durchziehender

und überwinternder Saatkrähen an

der benachbarten städtischen Mülldeponie

gaben Anlass, 1980 darauf eine Krähenfalle

zu bauen - nach dem Muster der Norwegischen

Krähenfalle, aber mit etwa 47 m²

Grundfläche viel größer (Gesamtansicht bei

Greve 1983 und Oelke 2016a). Sie konnte

bis zu 200 Krähen aufnehmen. Rationelle

Vorrichtungen für Entnahme und Transport sowie

eine nahe Hütte mit 3 Mann Besatzung ermöglichten

die erforderliche schnelle Abfertigung (Prüfen

auf Alterskennzeichen u.a., Messen, Wägen,

Beringen). Bald darauf baute Greve noch zwei

weitere, kleinere Krähenfallen, die alternativ betrieben

werden konnten. Bis 1995 wurden bereits

44.000 Saatkrähen beringt, und es gab 1.148 Wiederfunde

(Greve 1996). Mitgefangen wurden

auch einige von „meinen“ als Nestlinge beringten

und flügelmarkierten Rabenkrähen, worüber ich

jedes Mal direkt informiert wurde.

Sehr erfolgreich waren auch die Ansiedlung von

Feldsperlingen in Nistkästen in den Rieselfeldern

und der Fang in einer Reuse an der Kompostierungsanlage.

Bis 2006 waren schon ca. 7.500 Exemplare

beringt worden und lagen mehrere bemerkenswerte

Fernfunde vor (Greve 2007).

Insgesamt hat Karl Greve in über 50 Jahren ca.

133.000 Vögel beringt (Geiter in Paszkowski &

Hermenau 2016).

Abb. 1: Karl Greve beim nächtlichen Fang von Schwalben

und Stelzen mit dem Spiegelnetz, Leiferder Teiche, Kr. Gifhorn,

August 1956. – Karl Greve trapping swallows and wagtails

at night with a mirror net, Leiferde Ponds, Gifhorn District,

August 1956.

Foto: privat


154 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Abb. 2: Saatkrähen in der großen Krähenfalle (Teilansicht), Braunschweig-Watenbüttel, Dezember 1998. – Rooks

in the large crow trap (partial view), Brunswick-Watenbüttel, December 1998.

Foto: privat

Als sich ab 1977 mit dem Amtsantritt von

Dr. J. Nicolai als Leiter des Instituts für Vogelforschung

„Vogelwarte Helgoland“ die Situation

der Beringer erheblich verschlechterte (Ziele: Reduzierung

der allgemeinen Beringung und der

Zahl der Beringer), trafen sich im November 1979

16 Beringer und gründeten als Interessenvertretung

die „Vereinigung für wissenschaftliche Vogelberingung

in Niedersachsen und Bremen“. Karl

Greve war Gründungsmitglied und später über

viele Jahre Schriftführer, auf den Jahresversammlungen

in Lehrte immer dabei und regelmäßig mit

interessanten neuen Fangergebnissen.

Seine letzten Lebensjahre waren leider durch

Demenz verdüstert.

Eine ausführliche Würdigung von Karl Greve

mit Publikationsliste (49 Titel, viele davon in den

Ornithologischen Mitteilungen erschienen, Liste

eventuell nicht vollständig) findet sich bei Oelke

(2016a). Greves Original-Aufzeichnungen in

mehreren Bänden stehen jetzt im Institut für Vogelforschung

„Vogelwarte Helgoland“ in Wilhelmshaven

zur Verfügung.

Für Auskünfte und Fotos danke ich Frau Monika

Greve, sowie Helmut Sternberg für Hinweise

und Durchsicht des Manuskripts.

Literatur

Greve, K. (1983): Die Massenberingung von Saatkrähen

(Corvus frugilegus) bei Braunschweig und die

bisher erzielten Wiederfunde. - Vogelkundliche Berichte

aus Niedersachsen 15: 5-10.

Greve, K. (1996): 100 Jahre Braunschweiger Rieselfelder

- 40 Jahre wissenschaftlicher Vogelfang. - Beiträge

zur Naturkunde Niedersachsens 49: 127-136.

Greve, K. (2007): Erneut überrascht ein Feldsperling

(Passer montanus) aus den Braunschweiger Rieselfeldern.

- Beiträge zur Naturkunde Niedersachsens

60: 8.

Oelke, H. (2016a): Nachruf Karl Greve (10.1.1934-

2.1.2016). - Beiträge zur Naturkunde Niedersachsens

69: 25-31.

Oelke, H. (2016b): Nachtrag zum Nachruf Karl Greve.

- Beiträge zur Naturkunde Niedersachsens 69: 70.

Paszkowski, W.; Hermenau, B. (2016): Abschied von

Karl Greve (16.01.1934-02.01.2016). - Aves Braunschweig

7: 1-2.

Dr. Jochen Wittenberg, Maienstr. 13, 38118 Braunschweig.

E-Mail: Jochen.Wittenberg@t-online.de


Ornithologische

Mitteilungen

Ornithologische Mitteilungen Jahrgang 68 • 2016 • Nr. 3/4: 155 – 155

Forum

Anmerkung zum Beitrag von Thomas Hellwig & Uwe Alex:

Gehören alle weißköpfigen Schwanzmeisen zur Unterart caudatus (L., 1758)? -

Ornithologische Mitteilungen 67 (3/4): 77-82.

In Mitteleuropa gibt es das Problem, dass bei der

Unterart europaeus weißköpfige Exemplare auftreten,

die dann schwer von der Nominatform

caudatus zu unterscheiden sind. Eine mitteleuropäische

Unterart oder Form longicaudatus wird in

der aktuellen Systematik (Handbuch Birds of the

World, Vol.13; IOC World Bird List; Birds of Europe,

the Middle East and North Africa, Vol. VII;

Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Band 13/I,

4.Teil; Harrap & Quinn 1996) nicht aufgeführt.

Jansen & Nap (Dutch Birding 30, 293-308,

2008) sowie Bot et al., (Dutch Birding 34, 151-

159, 2012) sind ausführlich auf die Bestimmung

von weißköpfigen europaeus und caudatus eingegangen.

Sie stellen heraus, dass entscheidend

für die Bestimmung einer caudatus allein die

Kopfzeichnung ist: Rein weiß, scharf begrenztes

Nackenband. Weißköpfige europaeus sowie intermediäre

Vögel haben meist ein diffuses Nackenband

und mehr oder weniger schwarze Federchen

am Kopf. Erst in zweiter Linie sind die

Unterseite und die Schirmfedern von Bedeutung

(bei caudatus rein weiße Unterseite und Schirmfedern

weiß bzw. breit weiß gerandet). Hier gibt

es schon Übergänge. Die Rückenfärbung ist nicht

relevant, und bei der Schwanzlänge gibt es Überschneidungen.

Die Kombination von rein weißem Kopf und

scharf begrenztem schwarzen Nackenband, das

Fehlen einer Sprenkelung auf der Brust und eine

rein weiße Unterseite schließen europaeus und

intermediäre Vögel zwischen europaeus und caudatus

aus.

In Polen kommt caudatus im ganzen Land als

Brutvogel vor (Dutch Birding 34, 393-394, 2012),

während europaeus nur in einigen Gebieten sporadisch

brütet. Demnach sollte man im Osten

Brandenburgs mit caudatus rechnen, wobei berücksichtigt

werden muss, dass es hier eine breite

Übergangszone mit Mischformen beider Taxa

gibt. In ABBO, Die Vogelwelt von Brandenburg

und Berlin, 2001, heißt es, dass östlich von Berlin

und in Berlin der Anteil weißköpfiger Exemplare

überwiegt, aber „eine Aussage der Verteilung der

Unterarten ... ist jedoch nicht möglich“. Hier wären

genauere Untersuchungen notwendig, ob es reine

caudatus-Paare gibt. Eigene Beobachtungen zeigen,

dass weißköpfige Exemplare nach den Kriterien

von Bot et al. (2012) - unter guten Bedingungen

zu sehen - keine reinen caudatus waren.

Eine Unterart-Bestimmung bei uns erscheinender

weiter östlicher weißköpfiger Schwanzmeisen

im Winterhalbjahr (z.B. bei Einflügen) sollte

selten möglich sein (sofern überhaupt die ssp. sibiricus

anerkannt wird; nach dem HBW, Vol.13,

ist caudatus von Nordeuropa bis Sibirien und

Kamtschatka verbreitet), und bei Svensson (Identification

Guide to European Passerines, 1992)

heißt es dazu auf sibiricus bezogen: „...many cannot

be separeted from nominate“.

Detlef Robel


156 Ornithologische Mitteilungen 68 • 2016 • Nr. 3/4

Schriftenschau

Förderverein Sächsische Vogelschutzwarte Neschwitz e. V. (2014):

Merkhefte zum Vogelschutz: Praktischer Rebhuhnschutz – Praxishandbuch für Jäger

Förderverein Sächsische Vogelschutzwarte Neschwitz e. V. (2014):

Merkhefte zum Vogelschutz: Vogelschutz auf Ackerland – Praxishandbuch für Landwirte

33 Seiten, 14,6 x 20,7 cm, download unter: www.vogelschutzwarte-neschwitz.de.

Dass es in Deutschland um die Brutvögel der Agrarlandschaft

besonders schlecht bestellt ist, ist heute

allgemein bekannt. Auf europäischer

Ebene ist das Rebhuhn

mit einem Bestandsrückgang

von über 90 % gegenüber 1980

der traurige Rekordhalter, steht

jedoch stellvertretend für viele

weitere, ehemals häufige Vögel

der Agrarlandschaft. Ein elementarer

Schritt für den Schutz

und zur dauerhaften Erhaltung

dieser gefährdeten Brutvogelarten

ist die Aufwertung des Lebensraums.

Vielleicht mehr

noch als in anderen Habitaten,

ist gerade hier der enge Schulterschluss

aller Akteure erforderlich

- insbesondere von Naturschützern,

Landwirten und Jägern.

Die vom Förderverein Sächsische

Vogelschutzwarte Neschwitz

e. V. herausgegebenen

und durch das EU-Programm

EPLR (Entwicklungsprogramm

für den ländlichen Raum im

Freistaat Sachsen) geförderten

Merkhefte zum Vogelschutz leisten

hierbei einen wichtigen

Beitrag. Die beiden 2014 erschienenen

Hefte „Vogelschutz

auf Ackerland – Praxishandbuch

für Landwirte“ und „Praktischer

Rebhuhnschutz – Praxishandbuch

für Jäger“ sprechen dabei

direkt zwei der wichtigsten Akteure

an und geben auf jeweils

rund 30 Seiten – kurz und übersichtlich

– Anregungen, um selbst aktiv zu werden.

Den Schwerpunkt beider Hefte stellen die vorgestellten

Artenhilfsmaßnahmen

dar. Stichpunktartig wird aufgeführt,

um was für Maßnahmen

es sich handelt, welche Faktoren

bei der Wahl des Standortes und

bei der Umsetzung zu berücksichtigen

sind und welche Arten

davon profitieren werden. Darüber

hinaus werden anhand von

Fotos positive wie negative Beispiele

abgebildet und mittels

schematischer Skizzen Hinweise

zur Umsetzung veranschaulicht.

Die Erkenntnisse, die in diesen

Heften weitergegeben werden

basieren zum überwiegenden

Teil auf den Erfahrungen aus

dem sächsischen Bodenbrüterprojekt,

welches seit 2009 in

Kooperation mit vielen Landwirten

umgesetzt wird. Diese

sind jedoch zweifelsfrei auch auf

Regio nen außerhalb der Landesgrenze

übertragbar. Der Fokus

der meisten Maßnahmen liegt

auf der Flurgestaltung. Darüber

hinaus umfassen die Hefte jedoch

auch konkrete Artenhilfsmaßnah

men, wie z. B. Hinweise

zum Prädatoren-Management.

Positiv zu bewerten ist, dass sich

die vorgestellten Maßnahmen

auf kleinere und wenig ertragreiche

Flächen konzentrieren

und in der Regel mit geringem

Aufwand umzusetzen sind. Dadurch

können Maßnahmen auch


Schriftenschau 157

ohne ökonomische Einbußen bzw. in Eigeninitiative

gestemmt werden. Als Schwäche ist gegebenenfalls

zu werten, dass ein wichtiger Aspekt nur sehr

oberflächlich angeschnitten wird: der rechtliche

Rahmen und die Finanzierung von Maßnahmen.

Zwar wird für Jäger der Hinweis zur Förderung von

Maßnahmen aus Mitteln der Jagdabgabe sowie für

Landwirte die mögliche Anrechnung als Agrarumweltmaßnahme

erwähnt, konkrete Rahmen bzw.

Leitfäden fehlen jedoch.

Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass nicht nur

Jäger und Landwirte von diesen Heften profitieren

können. Speziell bei der Planung von CEF- bzw.

Ausgleichsmaßnahmen bieten die Praxishandbücher

auch für Landschaftsplaner und Behörden

wertvolle Informationen. Insgesamt sind die Hefte

daher ein sehr gelungener Beitrag, Möglichkeiten

aufzuzeigen und die verschiedenen Akteure anzusprechen.

Felix Steinmeyer

Bergmann, H.-H.; Klaus, S. (2016):

Spuren und Zeichen der Vögel Mitteleuropas. Entdecken – Lesen – Zuordnen

Aula Verlag Wiebelsheim, 288 S., 300 farb. Abb., gebunden 13 x 19,5 cm, ISBN 978-3-89104-791-0, Preis: 24,95 €

Bücher über Spuren und Fährten gibt es bereits

zuhauf. Im Mittelpunkt stehen dabei zumeist

Säugetiere und die Adressaten sind vor allem

Jäger. Kann nun ein Buch über Spuren von

Vögeln etwas Neues bringen und ist eine genaue

Bestimmung des Verursachers überhaupt

praktikabel, wo doch schon der komplette Vogel

nicht selten Bestimmungsprobleme bereitet?

Die Antwort findet man schon in der Einleitung.

Die Autoren verweisen darauf, dass keineswegs alle

mitteleuropäischen Vögel behandelt und erst recht

nicht in allen Fällen bis zur Art

nach ihren Spuren bestimmt

werden können. Eine Zuordnung

zu einer Art oder Artengruppe

ist oftmals nur durch Hinzuziehen

zusätzlicher Funde und Beobachtungen

möglich, auch

wenn im Text bei einigen Arten

die Möglichkeiten weit ausgereizt

werden. Das Hauptanliegen ist es

vielmehr „Aufmerksamkeit für

dieses Naturphänomen und Verständnis

für ihre Zusammenhänge

zu erzeugen“. Das ist den Autoren

hervorragend gelungen

und zieht sich als Grundgedanke

durch das ganze Buch.

Zunächst wird das Entstehen

von Fußspuren erläutert und

eine Anleitung gegeben, wie sie

als Belege konserviert werden

können. Allerdings werden sie nur unter optimalen

Bedingungen in der Natur so perfekt zu finden

sein, wie die von Franz Müller als Abguss hergestellten,

die als Fotografien im Buch abgebildet

sind. Vielleicht aus Begeisterung darüber wurde

nach Meinung des Rezensenten davon auch etwas

übermäßig Gebrauch gemacht, vor allem bei den

am Wasser lebenden Arten. Dies auch, weil einige

davon in einem gesonderten Kapitel „Fußspuren“

und verkleinert beim jeweiligen Artkapitel nochmals

auftauchen. Dass der Fußabdruck der Silbermöwe

gleich zweimal erscheint

(S. 260 und 261) ist

sicher nicht den Autoren

anzulasten.

Neben den Spuren wird auf

„sonstige Hinterlassenschaften“

verwiesen, deren Fülle

von Kot- bis Fraßspuren,

Mauserfedern, Badestellen

usw. schier unendlich ist.

Den Hauptteil des Buches

nimmt die Beschreibung von

Spuren und Zeichen einzelner

Vogelarten, nach Familien

geordnet, ein. Der mit

Fotos reichlich ausgestattete

Teil liefert vielfältige Hinweise

und praktische Tipps, woran

man die Anwesenheit

bestimmter Arten feststellen

kann. Dass die Information


158 Ornithologische Mitteilungen 68 • 2016 • Nr. 3/4

zu den Hühnervögeln dabei von besonderer Ausführlichkeit

und Qualität ist, verwundert bei der

Forschungs-Biografie der beiden Autoren nicht.

Doch auch bei den anderen Vogelfamilien sind

die mitgeteilten Informationen hilfreich. Ich erinnere

mich an meine erste Begegnung mit Eisvogelgewöllen.

Der im Buch weitergegebene Verweis

von Heinroth: „Zerbröckelt beim Anfassen fast

wie Zigarettenasche“, hätte mich damals sofort

zum Ergebnis geführt. Solche Tipps und Anregungen

gibt es zahlreich. Das Buch besitzt ein

handliches Format, das in jede Jackentasche passt.

Je nach Anspruch können bei der im Untertitel

formulierten Aufforderung „Entdecken, Lesen,

Zuordnen“ die beiden ersten Begriffe auch vertauscht

werden, was schon im Vorfeld sensibilisieren

kann, zum Hinschauen und vor allem Aufspüren

anregt.

Wie bei vielen kleinen Dingen am Rande steckt

im Aufspüren von Spuren und Zeichen der Vögel

ein längst nicht ausgeschöpftes Potenzial für zahlreiche

Fragestellungen, vor allem zum Nachweis

heimlicher oder wenig auffälliger Arten oder

deren Ressourcennutzung. Ornithologen, „Waldläufer“

und Naturfreunde aller Couleur finden

dazu in diesem Büchlein vielfältige Anregungen.

Dazu tragen auch die klare Gliederung, eine verständliche

Sprache und die reiche Bebilderung

bei. Und so ist der Kreis potenzieller Nutzer noch

weitaus größer: Kinder auf Waldspaziergängen

erschließen sich die Natur durch Sammeln kleiner

Dinge am Wegesrand. Das sind z. B. Steine,

Knochen, Nüsse, Schneckenschalen und Federn

(zum Glück auch diese, trotz des kuriosen Verbots

des Aufnehmens von Mauserfedern in

Deutschland!). Je nach Alter ist das Buch für sie

oder ihre Eltern (besser für beide) ein idealer

Begleiter, der Erklärungen und Hinweise liefert

und zum Beobachten anregt. Für meine Enkel

liegt schon ein Exemplar bereit.

Herbert Grimm

Beleites, M. (2016):

Land-Wende. Raus aus der Wettbewerbsfalle!

Metropolis-Verlag, Marburg, 184 Seiten, ISBN 978-3-7316-1203-2, Preis: 14,90 €

Das neue Buch von Michael Beleites bringt es

noch einmal auf den Punkt: Es gibt keinen anderen

Ausweg als den einer „Land-Wende“, einer Abkehr

von der Wettbewerbslogik, wenn nicht bald unsere

Böden und unser Grundwasser endgültig verseucht

sein, das ökologische Gleichgewicht in unserem

Offenland ganz aus den Fugen geraten und unsere

Haustiere durch Überzüchtung immer kränker

oder krankheitsanfälliger werden sollen. Die heute

in den höheren politischen Ebenen Verantwortung

Tragenden scheinen sich für die künftigen Generationen

nicht zu interessieren; sie sind dem Wachstumswahn

verfallen, als gäbe es nur den Weg in den

Abgrund. Sie wollen uns weismachen, dass Wirtschaftlichkeit

im internationalen Wettbewerb nur

mit Wachstum möglich sei, die Weltbevölkerung

nicht mehr anders zu ernähren ist und letztendlich

wir Verbraucher selbst durch unser Kaufverhalten

Schuld an der Massentierhaltung sind. Allen Mahnern

und Kritikern gegenüber sind sie offenbar

resistent. Zu diesen unermüdlichen Mahnern gehört

Michael Beleites, der zu diesem Thema bereits

zwei aufrüttelnde Bücher veröffentlich hat:

„Leitbild Schweiz oder Kasachstan“ (2012, siehe

Mitteilungen des Vereins Sächsischer Ornithologen

11, 2014: S. 239) und „Umweltresonanz“ (2014).

Wieder ging es mir beim Lesen so, wie bei den

genannten zwei anderen Büchern: Alles ist so einleuchtend

und gut formuliert, dass man viele Sätze

und ganze Abschnitte markieren und an andere

weitergeben möchte. Mit klarer Logik erklärt

uns Beleites, dass eine Land-Wende keine Utopie

ist. Wie sich der ungezügelte Verdrängungswettbewerb

immer katastrophaler auf die Landwirte

selbst, die Landbewirtschaftung, das Ökosystem,

unsere Landkultur und Gesundheit auswirkt, behandelt

er im ersten Teil seines Buches. Wir erfahren

es gerade wieder tagtäglich aus den Medien:

Wie die Überproduktion an Milch zur Verschlechterung

der Qualität, zu Gesundheitsschäden

beim Tier und Mensch (S. 124) und schließlich

zum Preisverfall führt. Die hilflosen Gegenmaßnahmen

in Form von Ausgleichszahlungen

packen das Übel nicht an der Wurzel an.


Schriftenschau 159

Auf alle im Buch behandelten negativen Auswirkungen

der industriellen Landwirtschaft hier

einzugehen, ist nicht möglich. Das Thema „Glyphosat“

jedoch betrifft uns Ornithologen unmittelbar.

Die großräumige jahrelange Anwendung

dieses nachweislich bei Ratten und vielleicht auch

bei Menschen krebserzeugenden Nervengiftes

führt nicht nur zu einem katastrophalen Rückgang

der Wildkräuter und Insekten, sondern auch der

im Offenland brütenden oder sich dort ernährenden

Vögel. Der Herbizid-Wirkstoff „landet

nicht nur über die Nahrungspflanzen, tierische

Produkte und Trinkwasser im menschlichen Körper“,

sondern gefährdet schon bei der Ausbringung

durch die entstehenden Giftnebel die Landbevölkerung

(S. 125). „Warum wird das getan bzw.

toleriert?“ – fragt der Autor. Handelt es sich bei

der Zulassung und Anwendung

dieses Giftes nicht um eine vorsätzliche

Gemeingefährdung, die

nach dem Deutschen Strafgesetzbuch

mit Freiheitsstrafen von ein

bis zehn Jahren bestraft werden

kann?

Nicht nur, dass durch die massive,

verantwortungslose Anwendung

von Düngemitteln, Pestiziden

und Antibiotika immer mehr

Menschen erkranken und damit

unser Gesundheitswesen bedrohlich

belasten, nein, auch der kulturelle

Zusammenhalt der Landbevölkerung

bricht auseinander.

Bodenspekulation und Großraumwirtschaft

führen dazu, dass

die Landbevölkerung ohne Landbesitz

die Beziehung zum Boden

verliert. Die letzten Höfe verweisen. Abwanderung

und Arbeitslosigkeit sind die Folge. Und zu den

Auswüchsen der vom Wettbewerb angetriebenen

industriellen Landwirtschaft gehört auch die Massentierhaltung

mit ihren üblen Begleiterscheinungen:

Überzüchtung und Krankheitsanfälligkeit

der Tiere, Antibiotika-Missbrauch und Tierquälerei.

Man kennt diese furchtbaren Bilder aus den

Ställen zur Genüge und fragt sich, wie ein Land,

das manchmal von „Leitkultur“ faselt, es zulässt,

dass unsere Haustiere, von denen wir uns ernähren,

so behandelt werden. Das ist aber nichts anderes

als - Unkultur.

Manch einem mag die Kritik Beleites’ an der

Selektionslehre Darwins, der Lehre vom „Kampf

ums Dasein“, nicht passen, jedoch einleuchtend

ist sie: „Die Ökosysteme unserer Erde und die Sozialverfassung

unserer menschlichen Natur sind

eben nicht auf Kampf und Konkurrenz gegründet,

sondern auf Kooperation und Integration“ (S. 19).

Unsere Erde müssen wir als „Superorganismus“

und die natürlichen Ökosysteme als seine Organe

begreifen (S. 91). Denn „ein Kampf der Organe

desselben Organismus untereinander, das ist das

Prinzip einer Krebszelle – und die Logik der heutigen

Industriegesellschaft“ (S. 15).

Für Beleites steht fest, dass die

Grenzen des Wachstums bald erreicht

sind und es deshalb kein

gutes Ende nehmen kann. Aber es

ginge auch anders! Es gibt Wege

aus der Wettbewerbsfalle, die er im

zweiten Teil seines Buches ausführlich

behandelt. Die Agrarwende

- eine Ökologisierung der

Landwirtschaft - ist überfällig und

möglich. Acker- und Grünland

dürfen nicht mehr im Besitz weniger

sein, dafür kleinere Flächen

im Besitz vieler. Mit Bodenspekulationen

und den an keine ökologischen

Auflagen gebundenen

Agrarsubventionen muss es ein

Ende haben. Beleites beschreibt

Wege in eine vom Wachstum unabhängige

Gesellschaft mit einer ökologischen,

nachhaltigen Landbewirtschaftung, gesunden Lebensmitteln

und mehr Lebensqualität. „Es geht

um nicht mehr und nicht weniger als um die

Schicksalsfrage alles Lebendigen“, schreibt er, „und

die lautet: Regeneration oder Degeneration“ (S.

114). Ein hoch brisantes, politisches Buch, das

auch wir Ornithologen gelesen haben sollten.

Stephan Ernst


160 Ornithologische Mitteilungen • 2016 • Nr. 3/4

Termine

27. Jahrestagung des Vereins Thüringer Ornithologen e. V.

Am 18. und 19. März 2017 hält der Verein Thüringer

Ornithologen seine Jahrestagung in Mühlberg /

Lkrs. Gotha ab. Die Fachtagung beginnt am Samstag,

den 18.03.2017, um 13:00 Uhr. Es wird am Samstag

und Sonntag insgesamt 11 Fachvorträge geben, die

wieder ein breites Spektrum der Ornithologie abdecken.

Plenarredner am Samstag ist Dr. Karl Schulze-Hagen,

der „Neues von der Kuckucksfront“

vorträgt. Weitere Vorträge wird es zum Einfluss von

extensiven Beweidungen auf die Vogelwelt, zum

Wendehals, zur Rohrdommel, zum Rotmilan und

zum Uhu geben, um nur einige zu nennen.

Der Abendvortrag am Samstag, 19:30 Uhr, wird in

Film und Bild über die Vogelwelt im Fernen Osten

Russlands berichten. Alle Interessierten sind an diesen

beiden Tagen herzlich nach Mühlberg eingeladen.

Tagungslokal: Pension und Restaurant „Schützenhof

“, Burgstraße 5, 99869 Mühlberg, Tel.:

036256/85000, Fax: 036256/21099, E-Mail: info@

pension-schuetzenhof.de

Weitere Informationen: Verein Thüringer Ornithologen

e. V., Geschäftsstelle, Tel.: 03641/825430,

E-Mail: mail@vto-ev.de, Website: www.ornithologen-thueringen.de

Biodiversität und Naturausstattung im Himalaya

Das Naturkundemuseum Erfurt richtet vom 21.

bis 23. April 2017 zum 6. Mal das internationale

und interdisziplinäre Symposium zur Biodiversität

und Naturausstattung im Himalaya aus.

Diese weltweit einzigartige Tagung bringt Wissenschaftler

aus Mitteleuropa und den Himalayastaaten

zusammen, um über ihre Forschungsergebnisse

aus allen Bereichen der Biologie, Geographie,

Klimaforschung, des Naturschutzes und

der Landesentwicklung zu berichten und zu diskutieren.

Schwerpunkte sind hierbei nachhaltige

Naturnutzung, Pflanzen- und Tiergeographie,

Botanik, Zoologie und Klimageschichte.

Tagungsort ist der historische Ratssitzungssaal

im Rathaus Erfurt.

Die Tagung ist für Wissenschaftler, Studenten,

ehrenamtliche Forscher und alle Interessenten offen.

Anmeldungen können über die Homepage des

Naturkundemuseums Erfurt (http://www.naturkundemuseum-erfurt.de/6-symposium-himalaya-2017)

oder per E-Mail (naturkundemuseum@

erfurt.de) erfolgen.

Die Anmeldeliste ist auf der Homepage zu finden

und wird ständig aktualisiert. Dort findet man

ab 01.02.2017 auch das Tagungsprogramm.

Das Tagungsbüro befindet sich im Naturkundemuseum

Erfurt, Große Arche 14, 99084 Erfurt.

Die Tagung findet unter der Schirmherrschaft

der Thüringer Ministerin für Umwelt, Energie und

Naturschutz Frau Anja Siegesmund und des

Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt Erfurt

Andreas Bausewein statt.

Spechttagung 2017

Die Fachgruppe Spechte der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft

(DO-G) trifft sich vom

31. März bis 2. April 2017 in Hohenems (Vorarlberg).

Ein Schwerpunktthema wird die Ökologie

des Weissrückenspechts sein, der in den Wäldern

Vorarlbergs, des Fürstentums Liechtenstein und

der Ostschweiz vorkommt. Wie immer bietet die

«Spechttagung» eine sehr gute Gelegenheit, um

sich über die Eigenheiten dieser faszinierenden

Vogelgruppe zu informieren, Aktuelles

aus der Spechtforschung

zu hören und sich über waldnaturschutzrelevante

Themen auszutauschen.

Mehr Informationen zur Fachgruppe

und zur Tagung (Exkursionen und Vorträge)

sind auf http://www.fachgruppe-spechte.de/

zu finden.


Ornithologische

Mitteilungen

ORNITHOLOGISCHE

MITTEILUNGEN

Monatsschrift für Vogelbeobachtung, Feldornithologie und Avifaunistik

Jahrgang 68 • Nr. 3/4 • 2016

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort ....................................................................................................................................................... 105

Rolf K. Berndt

Zum Niedergang der Turteltaube Streptopelia turtur als Brutvogel in Schleswig-Holstein...... 107

Eckart Schwarze

Bairdstrandläufer Calidris bairdii im Frühjahr 1995 in Nordost-Griechenland ............................. 121

Gennadij V. Grišanov und Maria S. Šukšina

Die Urbanisierung der Singdrossel Turdus philomelos C. L. Brehm in Kaliningrad/

Königsberg: Historie des Prozesses und Gründe des Misserfolges................................................. 123

Georgij P. Stojanov und Peter Šurulinkov

Neue Daten zur Brutverbreitung und Habitatpräferenz der Haubenmeise

Lophophanes cristatus in Südwestbulgarien........................................................................................... 131

Joachim Neumann

Alfred Pflugbeils Erinnerungen an Rossitten......................................................................................... 137

Ruslans Matrozis und Uwe Alex

Biografien osteuropäischer Ornithologen (21): Ferdinand Stoll (1874-1966) –

Taxidermist, Mykologe, Pionier der Vogelfotografie und Faunist der Vogelwelt

des Baltikums............................................................................................................................................. 147

Nachruf Karl Greve (10.01.1934 - 02.01.2016)....................................................................................... 153

Forum........................................................................................................................................................... 155

Schriftenschau........................................................................................................................................... 156

Termine........................................................................................................................................................ 160

ISSN 0030-5723

Weitere Magazine dieses Users