"Euthanasie"-Opfer Erna Kronshage | LITE|COMPACT-Magazin

sinedi

ERNA KRONSHAGE | 1922-1944

L E B E N & S T E R B E N

Text und graphische Gestaltung:

EDWARD WIEAND – 2|2017


KINDHEIT & SCHULE


Erna wird 2 Wochen vor

Weihnachten am 12. Dezember

1922 in Senne II (heute heißt

das „Sennestadt“) – nahe dem

Bahnhofs „Kracks“ – geboren.

Sie ist das 11. und jüngste Kind.

Ihre Schwester Martha war

meine Mutter.

Die Familie Kronshage lebt und

arbeitet auf einem Bauern-Hof,

– und der Vater arbeitet

halbtags als Tischler in einer

Fabrik.


Dies ist das Bauern-Haus,

in dem Erna Kronshage

geboren wird, lebt

und später dann arbeitet.

So sieht das Haus heutzutage aus.


Auf diesem Familien-Foto

von ca. 1930 sieht man

Erna als 2. von links …

Als Jüngste und Kleinste

wird Erna hauptsächlich

von ihren großen

Geschwistern „erzogen“.

Erna ist das „Nest-

Häkchen“

und wird sicherlich

entsprechend

betüddelt und verwöhnt


Erna ist eine gute

Schülerin.

Das Lernen macht

ihr Spaß.

So sieht es 1935

in einer Schul-Klasse

aus.


Ab 1933 ist Adolf Hitler

Reichs-Kanzler in Deutschland

und die schlimme Nazi-Zeit

beginnt.

Erna ist da erst 10,5 Jahre alt.

Die Menschen jubeln den

Nazis mehrheitlich zu und

erhoffen sich viel Gutes.

Aber ab 1939 beginnt Hitler

den furchtbaren 2. Weltkrieg.

Gleichzeitig sollen Menschen

ausgegrenzt werden, die die

Nazis als verkrüppelt, schwach

und seelisch „krank“

ansehen.

Auch die Juden sollen ganz

aus der Öffentlichkeit

verschwinden.


Mit einem (sehr) guten

Zeugnis geht Erna 1937

nach 8 Schuljahren von der

Schule.


ARBEIT ALS „HAUS-TOCHTER“


Nach ihrer Schul-Zeit arbeitet Erna

als „Haus-Tochter“ zu Hause auf

dem Bauern-Hof mit.

„Haus-Tochter“ ist damals eine

Tätigkeit für junge Frauen, um bis

zur eigenen Hochzeit die Arbeiten

als „Haus-Frau“ durch eigenes

Mittun zu erlernen.

Erna muss jetzt immer öfter ganz

allein mit ihren Eltern auf dem Hof

arbeiten.

Die Brüder sind jetzt Soldaten,

weil der Krieg begonnen hat – und

die älteren Schwestern haben

inzwischen eigene Familien.

Erna muss Kartoffeln ernten.

Und wäscht Wäsche am Brunnen vor

dem Haus.


Hier kurvt Erna mit dem großen

Hand-Wagen um die Hof-Eiche.

Am Baum lehnen Fahrräder

von Leuten, die vom nahen

Bahnhof jeden Tag mit dem Zug

zur Arbeit fahren.

Erna muss mit auf diese Fahrräder

tagsüber aufpassen, damit sie

nicht gestohlen werden.


Plötzlich - im Frühjahr 1940 - kommt der Krieg

auch bis in die Senne.

Ein einsamer englischer Flieger wirft seine

Bomben-Last auf den Guts-Hof gegenüber.

Das ist nur 100 Meter von Ernas Bauernhof

entfernt.

Erna ist schockiert, denn eine fast gleichaltrige

Nachbarin stirbt dabei.


Der Hof ist kurz und klein

zerbombt.

Erna ist so erschrocken, weil das

Unglück so nah vor der Haustür

passiert.


Aus der Groß-Familie

Kronshage mit den 10

Geschwistern wird eine

Klein-Familie, denn Erna

wohnt jetzt allein mit den

Eltern zu Haus.

Sie fühlt sich deshalb immer

einsamer.

Sie sehnt sich nach

gleichaltrigen Freunden, mit

denen sie quatschen kann.

Ihre Eltern sind schon über

40 Jahre älter als sie.

Für sie allein wird die Arbeit

zu schwer.

Sie will mal Ferien machen

und ausspannen.


EINWEISUNG HEIL-ANSTALT GÜTERSLOH


Jetzt im Krieg ist die Arbeit auf einem Bauern-Hof ganz

besonders wichtig, weil die Lebensmittel so knapp

geworden sind. Die Nazis haben dazu sogar entsprechende

Regelungen erlassen.

Da wird jede Hand beim Pflanzen und Ernten und beim

Vieh-Füttern und Kühe-Melken benötigt – und auch

Jugendliche wie Erna sind zum Dienst verpflichtet.

Im Oktober 1942 verweigert aber Erna Kronshage ihre

Mitarbeit auf dem Hof.

Sie schimpft mit den Eltern und hat keine Lust. Sie will sich

erholen, weil sie sich schlapp fühlt von der schweren Arbeit,

die nun auf ihr lastet.

Ernas Mutter muss diese plötzliche Arbeits-Verweigerung –

dieses „Blau-Machen“ – der Gemeinde-Fürsorgerin melden.

Das ist eine „Braune Schwester“ – die man so nennt wegen

der braunen Nazi-Schwesterntracht – und die hat die

Aufgabe, solche Störungen zu überwachen und

weiterzumelden.

Denn die Arbeit auf dem Hof muss ja getan werden.


Die „Braune Schwester“ sorgt nun dafür, dass

Erna zu einer ärztliche Untersuchung ins

Gesundheits-Amt muss.

Hier bittet Erna selbst den Arzt darum, in die

Heil-Anstalt nach Gütersloh zu kommen, um

sich dort zu erholen und wieder arbeitsfähig

zu werden.

Ihre Schwester Frieda hat sie dazu überredet.

Die war 3 Jahre vorher dort gewesen wegen

eines seelischen Ausnahme-Zustandes nach

einem Streit am Arbeitsplatz.

Aber nach 4 Wochen war Frieda dort wieder

ganz fit – und die Zeit dort hatte ihr gutgetan.

Ernas Eltern sind aber gegen die Einweisung

nach Gütersloh, weil Ernas Mitarbeit auf dem

Hof doch so dringend erforderlich ist.


Erna ist ganz durcheinander und benötigt deshalb

dringend eine Aus-Zeit.

Sie schwatzt deshalb ihrem Vater die Einweisungs-

Papiere vom Amts-Arzt ab – und übergibt sie einem

Streifen-Beamten der Polizei. Der parkt dort ganz

zufällig in der Nähe.

Und so fährt man sie dann mit Polizei-Streife und in

Begleitung der inzwischen alarmierten „Braunen

Schwester“ in die Heil-Anstalt nach Gütersloh.

Erna setzt damit ihren Kopf durch – am Willen ihrer

Eltern vorbei.

Und doch: Sie versucht ja auch, etwas für sich zu tun

– sie lässt sich nicht hängen. Sie zeigt, dass sie bei

allem Gegen-Wind endlich wieder fit werden will.


Die Heil-Anstalt Gütersloh ist damals eine

Gesundheits-Fabrik – bestehend aus mehreren

Krankenhäusern und Heimen – mit weit über 1000

seelisch gestörten Menschen.

Drinnen sind die Fluren lang und unpersönlich.

manche Fenster sind vergittert

Nazi-Ärzte und Krankenschwestern haben das

Sagen.

Es gibt getrennte Frauen- und Männerbereiche.


Für Erna ist der Aufenthalt dort eine riesengroße Umstellung: Das Krankenhausklima hat nichts von der Gemütlichkeit,

die sie von Zuhause kennt. Es riecht nach Reinigungsmitteln und Medikamenten – und manche Menschen dort halten

laut Selbstgespräche und sind verwirrt. Geschlafen wird in einem großen Bettensaal.


In Gütersloh angekommen, führen Ärzte dort eine erste

Untersuchung durch und füllen Fragebogen aus.

Erna ist aufgeregt und stammelt herum. Der Aufnahme-

Arzt meint, sie sei abweisend und schnippisch.

Aber sie versteht diesen Aufwand nicht – und eine solche

Situation macht ihr Angst.

Sie will ja nur eine Auszeit zur Erholung und

Wiederherstellung ihrer Arbeitskraft.

Die Nazi-Ärzte dort aber bezeichnen Ernas Unlust und

Arbeitsverweigerung jetzt sogar als eine schwere

Geistesstörung mit dem Namen „Schizophrenie“.

Sie sind damals der Ansicht, Schizophrenie sei eine

seelische Störung, die nur von den Eltern und deren

Vorfahren weitergereicht werden kann. Schizophrenie

könne sich nur entwickeln, wenn man dazu veranlagt sei.

• Bei dieser Störung lässt sich Wirklichkeit, Traum oder

Fantasie nicht mehr unterscheiden. Alles fließt

ineinander.

• Die wirklichen oder eingebildeten Erlebnisse sind in

einer Schizophrenie wie in viele kleine Scherben

zersplittert.

• Oft hört man Stimmen oder sogar Befehle - aber

niemand spricht tatsächlich, und es sind Einbildungen.


In Gütersloh gibt es Beschäftigungs-Angebote für die geistig

verwirrten Menschen.

Von solcher Arbeit und Beschäftigung verspricht man sich, dass

die innere Zerrissenheit wieder geordnet und innere

Spannungen abgebaut werden.

Das Herum-Grübeln und das Heimweh soll verhindert werden.

Erna wird zum Kartoffel-Schälen und zur Arbeits-Kolonne in der

Gärtnerei abkommandiert – das kennt sie ja schon von Zuhause.


Zusätzlich zum Beschäftgungs-Angebot werden

zum inneren Spannungsabbau bei Menschen mit

Schizophrenie künstlich epileptische Krampf-

Anfälle ausgelöst.

Das geschieht mit dem Mittel „Cardiazol“, das in

die Arm-Beuge gespritzt wird.

Zum Schutz vor Zungen-Bissen wird eine Beiß-

Rolle aus Verbandsmull zwischen die Zähne

gesteckt.

Zunächst stellen sich starke Angst-Gefühle ein –

und nach ein paar Minuten bricht der Anfall mit

Zuckungen, Verkrampfungen und einer tiefen

Bewusstlosigkeit los.

Hinterher fühlt sich Erna völlig matt und verwirrt

und kann sich kaum mehr an irgend etwas

erinnern.

Nach einigen Anfalls-Serien stellen sich anstelle

irgendwelcher Besserungen eher Horror-

Empfindungen und eine panische Angst davor

ein…

„Cardiazol-Schocks“ dienen deshalb im

Anstaltsalltag eher einer Bestrafung als der

Entspannung …


„UNFRUCHTBARMACHUNG“


1934 erlassen die Nazis ein neues Gesetz. Es

heißt: „Gesetz zur Verhütung erbkranken

Nachwuchses“.

Darin wird festgelegt, dass Menschen mit

besonderen seelischen Störungen oder

Behinderungen keine Kinder bekommen dürfen.

Man nimmt damals nämlich an, dass die Kinder,

Enkel oder Urenkel dieser Menschen dann

ebenfalls seelisch krank oder behindert sein

können. Und das soll verhindert werden.

Behinderte oder Kranke sind nämlich für die Nazis

nutzlos und überflüssig, denn sie kosten nur Geld

und bringen nichts ein.

Bei der Durchführung dieses Gesetzes sind viele

beteiligt: Ärzte, Anstalten, die Polizei,

Gesundheitsämter usw.

Kaum jemand wehrt sich – alle machen mit oder

müssen mitmachen…

Und so hat der Anstaltsleiter von Gütersloh, Dr.

Hartwich, für Erna Kronshage auch einen Antrag

auf „Unfruchtbarmachung“ geschrieben, denn die

„Schizophrenie“ galt als eine dieser vererbbaren

Geistesstörungen bzw. seelischen Erkrankungen.

Er fügt dem Antrag Begründungen und Auszüge

aus der Krankenakte bei.

Dr. Hartwich


Adolf Kronshage mit seiner Lieblingskuh

Der Vater von Erna hat noch das

Sorgerecht, denn Erna ist noch nicht

volljährig (damals mit 21 Jahren).

Er wehrt sich gegen den Antrag auf

Unfruchtbarmachung des Dr. Hartwich und

legt mehrfach Widerspruch ein.

Gleichzeitig bittet er einige Male darum,

Erna aus der Gütersloher Anstalt zu

entlassen, da er meint, Erna würde sich

Zuhause am schnellsten wieder erholen.

Er will Erna die Bauchoperation ersparen,

die gemacht werden muss, damit sie nicht

mehr schwanger werden kann. Er ahnt aber

vielleicht auch noch Schlimmeres …

Vater Kronshage weiß, dass eine solche

Operation Erna noch mehr belasten würde.

Deshalb entwickelt sich ein umfangreicher

Briefverkehr zwischen der Anstalt, den

beteiligten „Erb-Gerichten“ und Ernas

Vater.

Er kämpft trotz angeschlagener Gesundheit

für seine Tochter – und erzwingt mit seinen

Einsprüchen, dass sich mit dem Antrag zwei

Gerichte nacheinander befassen müssen …

Aber leider – es ist ein ungleicher Kampf …


Wie tief diese Angst vor der „Unfruchtbarmachung“ bei

Erna Kronshage als Einschnitt ins Leben tatsächlich geht,

verdeutlicht diese Graphik, die einem Foto aus dem Jahr

1940 nachempfunden ist:

Hier trägt sie liebevoll einen kleinen Neffen auf dem Arm

und erhofft sich bestimmt auch für sich ein solches

zukünftiges Lebensglück …


Da sitzen am 29.03.1943 in der Heil-Anstalt Gütersloh ein Amtsgerichtsrat

und zwei Medizinal-Oberärzte am Tisch und bilden damit das ausgelagerte

mobile „Erb-Gericht Bielefeld“.

Diese Herren beschließen im 20-Minuten-Takt über die

„Unfruchtbarmachung“ und damit das Lebensglück von insgesamt 11

Patienten.

Erna Kronshage wird als dritter „Fall“ von 8.40 bis 9.00 Uhr „vorgeführt“:

Ohne Anwalt oder Beistand wird über diese das ganze Leben verändernde

endgültige Maßnahme von diesen Männern entschieden …

Erna ist sehr aufgebracht vor innerer Unsicherheit

und Scham und muss deshalb bei der Anhörung auch

mal laut „auflachen“.

Auf die Frage der Herren, warum sie denn lache,

antwortet sie schlagfertig mit dem Satz : „Mein

Lachen ist Weinen“ …

Und in der Protokoll-Notiz zum Beschluss des „Erb-

Gerichtes Bielefeld“ steht dann: „In der

mündlichen Verhandlung machte Erna

Kronshage einen gespannten Eindruck

und lachte ohne Grund auf. Sie

äußerte, ihr Lachen sei Weinen“...

Mit dieser Notiz glaubte das Gericht die von Vater

Kronshage stark angezweifelte „Schizophrenie“-

Erkrankung Ernas nun mit bestätigen zu können.

Aber die 20-jährige Erna lacht ja, um nicht Losheulen

zu müssen, weil sie sich ihrer Tränen vor diesen

Männern schämen würde – denen sie da in solch

einer heiklen und persönlich tiefgehenden

Fragestellung allein ausgeliefert ist…


Es hilft aber alles nichts:

Nach Beschluss vom 3. Juli 1943

des Erb-Obergerichtes in Hamm

wird Erna Kronshage am 4.

August 1943 im Krankenhaus in

Gütersloh von einem Dr. Stüwe

operiert und „unfruchtbar“

gemacht.

Dabei werden in einer

Unterbauch-Operation die

beiden Ei-Leiter unterbrochen,

so dass Erna nicht mehr

schwanger werden kann.

Dr. Stüwe notiert in seinem

„Ärztlichen Bericht: „Die Wunde

heilte in 7 Tagen ohne Neben-

Erscheinungen“.

Für Erna war das alles sicherlich

ein schrecklicher und tief

belastender Einschnitt – im

wahrsten Sinne des Wortes …


VERLEGUNG | KRANKENMORDE

TOD


Geistig und seelisch erkrankte Menschen

sind für die Nazis „unnütze Esser“, die nur

Geld kosten – aber nichts einbringen.

Hitler machte schon ab 1939 „kurzen

Prozess“ mit ihnen und gibt den Befehl,

diese Menschen zu töten.

Er gibt vor, solche Menschen würden an

sich selber leiden und keine Freude am

Leben haben. Ihr Tod wäre deshalb ein

„Gnaden-Tod“, den sich die Betroffenen

und ihre Angehörigen wünschen.

Er wäre das Beste für sie.

Und alle machen wieder mit - wie bei der

„Unfruchtbarmachung“: Anstalten,

Gesundheits-Ämter und Ärzte.

Per Frage-Bogen werden die Menschen

ausgewählt für den Kranken-Mord:

Dabei geht es um 3 Dinge:

• Wie benimmt sich der Kranke?

• Wie stark ist die Krankheit oder

Behinderung?

• Kann und will er arbeiten?

Diese Kranken-Morde heißen „Euthanasie“ –

das Wort kommt aus dem Griechischen – was

zu deutsch „schöner Tod“ bedeutet.

Ein paar Angehörige und auch Pfarrer und

kirchliche Würdenträger protestieren

allerdings dagegen.

Während daraufhin 1941 die erste zentral

geplante Phase nach insgesamt über 70.000

Mord-Opfern unterbrochen wird, setzt sich

die „Euthanasie“ ab Ende 1942 fort – jetzt

aber hinter vorgehaltener Hand.

Die Planungen zu den Tötungen finden jetzt

nicht mehr zentral per Frage-Bogen statt –

sondern jede Heil-Anstalt bestimmt selbst,

welche Patienten als Todes-Kandidaten per

Sonderzug in eine der Tötungs-Anstalten

verlegt werden.

Während zunächst die Tötungen in Gas-

Kammern durchgeführt werden – kommt es

später zu gezielten Massen-Morden mit

Schlaf-Mitteln und elendigem Verhungern-

Lassen, indem einfach Wassersuppen gereicht

werden, ohne Nährstoffe und Trocken-Brot

mit Pell-Kartoffeln.


Der Bomben-Krieg und der Front-Einsatz fordern

immer mehr Tote und Schwer-Verletzte.

Die Krankenhäuser und Lazarette sind deshalb

überfüllt – und man sucht ab 1943 dringend Betten,

um die vielen Verletzten zu versorgen.

Hier sieht man ein überfülltes Not-Krankenhaus

sogar in einer Turnhalle …


Prof. Dr. Karl Brandt, Begleitarzt

Adolf Hitlers

Mit dieser Aussage macht der dafür

zuständige Begleitarzt Hitlers, Dr. Karl

Brandt, einen Plan:

Nach seinen Maßgaben müssen nun

die Heil-Anstalten rasch Betten zur

Pflege und Betreuung

kriegsverletzter Menschen zur

Verfügung stellen, in dem sie ganze

Abteilungen umwandeln vom

Anstalts- in ein Krankenhaus- und

Lazarett-Betrieb.

Aber dafür müssen natürlich seelisch

gestörte „geisteskranke“ Anstalts-

Insassen ihren angestammten Platz

räumen - und verlegt werden …


Diese „Sonder-Aktion Brandt“, wie

sie später bezeichnet wird, macht

auch nicht vor den Toren der

Anstalt Gütersloh halt …

Es werden deshalb die Patienten

benannt, die bei einer

Umwandlung in eine Krankenhausund

Lazarett-Abteilung überzählig

sind - und die Anstalt deshalb

verlassen müssen: Erna Kronshage

ist mit 99 Mit-Patienten dabei.

Am 12.11.1943 fährt vom Bahnhof

Gütersloh um 18 Uhr ein

Sonderzug in verschiedene

Zielbahnhöfe.

Über Hannover und Berlin geht es

für Erna ins von der Deutschen

Wehrmacht besetzte Polen – in die

630 km entfernte Heil-Anstalt

„Tiegenhof“ – nahe der Stadt

Gnesen.


Heil-Anstalt

Heilanstalt Tiegenhof bei Gnesen – im besetzten Polen

Name vor der Deutschen Besatzung: Dziekanka/Gniezno

Graphik nach einer Luftaufnahme – links unten: Typischer Pavillon

rechts oben: Haupthaus auf einem Buchcover zum 100. Geburtstag 1994


Totenzimmer, Gedenktafel für die „Euthnasie“-Opfer (1948), Pavillonansicht

Dr. Victor Ratka

Die Anstalt Tiegenhof bei Gnesen hat sich unter

dem Direktor Dr. Victor Ratka seit 1939 zu einer

Tötungs-Anstalt entwickelt.

Von Ende 1939 bis Anfang 1945 sind in

„Tiegenhof/Dziekanka“ mindestens 3.600

Menschen gezielt getötet worden – nach

neueren Forschungen wahrscheinlich sogar über

5.000.

Von Ende 1939 bis 1941 wurden zunächst über

1.000 polnische Insassen in Dziekanka ermordet

– z.T. mit dem Gas-Wagen, bei dem die Auspuff-

Gase auf die Lade-Fläche eines Anhängers

umgeleitet wurde, auf der die „Fahrgäste“ saßen.


Die Patienten, die aus dem „Reichs-

Gebiet“ ab Ende 1941 bis Anfang

1945 in Tiegenhof ankommen,

werden nach dem sogenannten

„Luminal-Schema“ getötet – ein

Tötungs-“Rezept“, was extra dafür

von dem Arzt Dr. Hermann Paul

Nitsche erdacht worden ist.

Dieses Tötungs-Rezept probierte er

an 60 Patienten geradezu

„wissenschaftlich“ aus, um es dann

nach und nach zu verfeinern.

Das „Luminal-Schema“ besteht aus

fettlosen Speisen mit beigemischten

in Wasser aufgelösten Schlaf-Mitteln

(z.B. Luminal) - in nur leicht

erhöhten Einzel-Mengen.

Der Tod tritt so erst nach Wochen

oder Monaten ein.

Dieser Tod ist dann letztlich die schleichende Vergiftung bei einem durch eine solche Hunger-Kost geschwächten Körper. Und so entstehen dann

Infektionen wie Lungen-Entzündung oder Bronchitis, die eine „natürliche“ Todes-Ursache aber nur vortäuschen – oder eben eine „Vollkommene

Erschöpfung des Körpers“ wie es auf dem Totenschein von Erna Kronshage zu lesen ist.

Das alles geschieht ohne äußere Gewaltanwendungsspuren – kaum nachweisbar – und wird so zum fast „perfekten“ Massen-Mord – ohne

Einzeltäter …


Erna Kronshage wird am 20.02.1944 mit diesen Maßnahmen in Tiegenhof/Gnesen getötet.

Vom Tag der Anreise aus Gütersloh bis zu ihrer Ermordung dauert es genau 100 Tage …


Auf Antrag der Eltern wird der Leichnam Erna Kronshages nach

Senne II rücküberführt.

Dazu wird der Sarg in einem Pack-Waggon der Reichs-Bahn 600 km

– genau bis auf die Rangier-Gleise des Bahnhofs „Kracks“ gefahren –

also ganz in die Nähe des Bauern-Hofes der Familie Kronshage, in

dem Erna 21 Jahre zuvor geboren wurde.

Die Familie öffnet heimlich den Sarg und vergewissert sich

oberflächlich und laienhaft, dass keine Spuren von Gewalt-

Anwendung an der Leiche sichtbar sind.

Am 5.Marz 1944 wird Erna Kronshage auf dem Alten Friedhof in

Senne II – heute Sennestadt – in der Familien-Grabstätte beerdigt.

Die Grabstätte ist inzwischen aufgelöst und in eine Parkfläche

verwandelt worden.


GEDENKEN


Am 6. Dezember 2012 wurde in der

Nähe des Geburtshauses von Erna

Kronshage zum Gedenken ein

„Stolperstein“ gelegt – zu ihrem 90.

Geburtstag – und fast 70 Jahre nach

ihrem Tod.

Im „Raum der Namen“ gedenkt man

seit Herbst 2014 in der Klinik-

Kapelle in Gütersloh – auf dem

Gelände der ehemaligen Heil-

Anstalt – mit einem leuchtenden

Namens-Band den 1.017 Opfern, die

von hier in die Tötungs-Anstalten

verbracht wurden.

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