COMPACT-Spezial 10

compactmagazin

Ein Gott, Ein Reich, Ein Führer

_ von Peter Boehringer

Die vorherrschende Islamlehre ist die orthodox-sunnitische. Sie ist mit Demokratie

und Menschenrechten unvereinbar. Moderate Muslime können ihre Kritik daran oft

nur unter Lebensgefahr vorbringen und verlieren zunehmend an Einfluss.

Sowohl historisch als auch inhaltlich wird der

Charakter der grundlegenden islamischen Schriften

bei der Lektüre schnell klar. Die frühen Suren

des Koran aus den Jahren zwischen 610 und 622, in

denen Mohammed noch ein kaum beachteter Prediger

in Mekka war, haben noch weitgehend klassisch-religiösen,

spirituellen, prophetischen, «sozialistisch»-egalitären

und ethischen Charakter. Dagegen

sind sowohl die maßgeblichen Suren aus seiner

Zeit in Medina (ab 622) mit Mohammed als weltlichem

Führer und Kriegsherrn als auch die biographischen

Schriften Mohammeds (Sira, Hadithen beziehungsweise

Sunna) durch und durch weltlich, kriegerisch,

verfolgend, missionierend, strafend und

ausgrenzend.

Praktisch alle Versuche sogenannter islamischer

Reformtheologen, die relativ unproblematischen

mekkanischen Suren für entscheidend («normativ»)

zu erklären, scheitern seit vielen Jahrhunderten

immer wieder am geistlich-orthodoxen Establishment.

Dieses wird heute in der islamischen

Welt weitgehend durch sunnitische und wahhabitische

Imame repräsentiert, die sich bei ihrer strengen,

wörtlichen Auslegung der Schriften leider zu

Recht auf den Koran selbst stützen können: Das

Heilige Buch der Mohammedaner verlangt die drakonische

Bestrafung all jener Menschen, die den

Koran nicht wortlautgetreu (!) leben – also täglich,

ständig, ohne Einschränkungen, ohne Möglichkeit

der Relativierung, ohne individuellen Auslegungsspielraum!

Zurück zu Mohammed!

Dieser Absolutheitscharakter der islamischen

Schriften ist bei muslimischen Gelehrten somit

überwältigend mehrheitsfähig. Es gibt aber etliche

westliche Islamforscher, die eine absurde Weichspülung

des Koran vornehmen, indem sie die grausamen

Verfolgungs-Suren ausfiltern oder erklären,

diese seien durch andere überholt. Die von der riesigen

Mehrheit der islamischen Geistlichen in aller

Welt vertretene Islamauslegung lässt diese Relativierungen

aber nicht zu.

Eine Reformation des Islams im Sinne einer

Abschwächung dieses Absolutheitsanspruches ist

nirgendwo auf der Welt in Sicht. Ganz im Gegenteil:

Was sich derzeit überall als Reformbewegung

regt, ist die Rückbesinnung auf die Ursprünge des

Koran – oder noch schlimmer auf das für alle Gläu-

Außerhalb der Hotelinseln hat sich

das Urlaubsland Malediven in eine

islamistische Despotie verwandelt.

Diese Demonstranten gingen im

Jahre 2014 für die Scharia auf die

Straße. Foto: Dying Regime from

Maldives (Protest calling for Sharia

in Maldives), CC BY 2.0, Wikimedia

Commons

«Es ist verboten,

einem anderen das

Leben zu nehmen,

außer wenn die

Scharia es verlangt.»

Kairoer Erklärung der

Menschenrechte

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