„Junge Wilde“ als neue Klientel - Der PARITÄTISCHE Sachsen Anhalt

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„Junge Wilde“ als neue Klientel - Der PARITÄTISCHE Sachsen Anhalt

Tagungsdokumentation

Fachtagung

Neue Klientel • Neue Herausforderungen an die

Hilfesysteme!?

Gemeinsame Veranstaltung von

Landkreis Börde

Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Landkreis Börde

AWO-Landesverband Sachsen-Anhalt e. V.

DER PARITÄTISCHE Sachsen-Anhalt

DER PARITÄTISCHE PSW-GmbH

Sozialwerk Kinder- und Jugendhilfe

30. März 2011

Landesjugendbildungsstätte Peseckendorf

DER PARITÄTISCHE Sachsen-Anhalt

Kastanienallee 32

39398 Peseckendorf

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Tagungsprogramm

Die Praxis der Sozialen Arbeit verzeichnet seit einigen Jahren eine Zunahme junger

Erwachsener, die sich in schier endlosen Konflikten verstricken, Strukturen in

bestehenden Hilfesystemen sprengen und irgendwie noch nicht »so richtig« im

Leben angekommen sind. Oftmals werden sie von Institution zu Institution

weitergereicht oder gelten gar als hilferesistent. Gemein ist diesen jungen

Menschen zumeist ein ungestilltes Bedürfnis nach Freundschaft, Anerkennung,

Erfolg und Bestätigung. Doch ihre Verhaltensweisen, die sie sich

aufgrundunterschiedlichster Rahmenbedingungen als eine Art »Überlebensstrategie«

angeeignet haben, bewirken oftmals ablehnende Reaktionen ihrer Gegenüber,

worauf sie ihrerseits mit Aggressionen, Resignation, Flucht oder Selbstverletzungen

reagieren.

Die Initiatoren der Veranstaltung wollen diese »neue« Klientengruppe aus

unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten und gemeinsam überlegen, wie man

ihnen durch Kooperation und Zusammenarbeit bessere Unterstützungsangebote

machen kann. In unserer Fachtagung wollen wir Fragestellungen wie:

� Was fehlt? Wo könnte man ggf. früher ansetzen?

oder

� Wo sind Schnittstellen zwischen den Systemen?

eingehender diskutieren.

Diese Veranstaltung soll ein erster Aufschlag zur Thematik sein, und vielleicht gibt

sie wichtige Impulse, um im Berufsalltag bessere Lösungen für die Klientengruppe

zu finden.

1. Grußwort / Eröffnung ...................................................................5

Landrat Thomas Webel (Schirmherr)

2. "Junge Wilde" aus klinischer Sicht...............................................7

Angela Beilecke

Anke Kasner

AMEOS Klinikum Haldenslebenn

3. "Junge Wilde" aus Sicht der Jugendhilfe ..................................18

Mirko Günther

Geschäftsführer PARITÄTISCHES Sozialwerk

Kinder- und Jugendhilfe Magdeburg

4. "Junge Wilde" aus Sicht der Eingliederungshilfe .....................24

Nicole Strauß, Leiterin / Christine Lempke, stellv. Leiterin

Betreutes Wohnen "Kontra"

DRK KV Börde e. V.

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5. "Junge Wilde" im Wirrwarr des (Sozial)Rechts........................29

Prof. Dr. Peter Schruth

Prof. für Rechtswissenschaftent

an der Hochschule Magdeburg-Stendal

6. Junge Wilde" und kooperative Hilfeplanung...........................36

Prof. Dr. Titus Simon,

Prof. für Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung,

Hochschule Magdeburg-Stendal

7. Beiträge und Diskussionen in Zusammenfassung ..................45

Zusammenfassung der Podiumsdiskussion

René Grummt

Psychiatriekoordinator Landkreis Börde

8. Anlage Presse Bessere Hilfe für Junge Wilde..........................49

René Grummt

Psychiatriekoordinator Landkreis Börde

Ralf Hattermann

Grundsatzreferent Behindertenhilfe

9. Anlage Volksstimme Oschersleben 07.04.2011 ......................50

10. Fotoimpressionen zur Tagung „Junge Wilde“ .........................51

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1. Grußwort / Eröffnung

Landrat Thomas Webel (Schirmherr)

Auszug aus der Eröffnungsrede des

Landrates:

Anrede: „Die Anregung zur heutigen Fachtagung

wurde im Rahmen der praktizierten Netzwerksarbeit

für hilfebedürftige Jugendliche, die bereits gezielt

betrieben und Stück für Stück weiter verbessert wird,

gegeben. Deshalb habe ich die Schirmherrschaft gern

übernommen. Als kompetente und bewährte Partner, wenn ich mal auf die

vorangegangene Fachtagung zum persönlichen Budget zurückschaue, sind erneut der

AWO Landesverband Sachsen-Anhalt und Der PARITÄTISCHE Landesverband Sachsen-

Anhalt mit im Boot. Sie haben sich, gemeinsam mit unserem Psychiatriekoordinator, Herrn

Grummt, sehr gezielt mit den Inhalten und Zielstellungen der Tagung auseinandergesetzt

und Zielstellungen für die Zukunft formuliert. Und, Ihre Arbeit scheint eine breite

Anerkennung zu finden, denn immerhin haben sich für die 80 zur Verfügung stehenden

Plätze auf die Bekanntmachung hin über 200 Personen angemeldet. Ich sage schon mal

an dieser Stelle herzlichen Dank für Ihren Einsatz und für Ihren Beitrag, speziell natürlich

Ihnen, sehr geehrte Frau Steuer und sehr geehrte Herren Günther und Hattermann.

Was hat es nun aber mit diesen „Jungen Wilden“ auf sich?

Ich weiß selbst, und deshalb kann ich auch den Fachleuten aus unserem Landkreis

Glauben schenken, wenn mir berichtet wird, dass es offensichtlich immer mehr junge

Menschen gibt, die zunehmend Schwierigkeiten haben, sich in der komplizierter und

komplexer werdenden Gesellschaft zurecht zu finden. Verschiedene Statistiken und

sozialwissenschaftliche Analysen zeichnen ein recht deutliches Bild.

Relativ hohe Schulabbrecherquoten, brüchige Berufsbiografien, die Zunahme der

Fallzahlen oder der Intensität der Hilfebedürftigkeit in der Jugend- und der

Eingliederungshilfe, der Hilfen für Arbeitssuchende oder auch der klinischen Hilfen

dokumentieren, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene mit den alltäglichen

Anforderungen scheinbar überfordert sind und deshalb unsere, die Hilfe der Gesellschaft,

brauchen.

Die jungen Menschen, die heute im Fokus der Veranstaltung stehen sollen, sind, wie man

es auch der Einladung entnehmen kann: „noch nicht so richtig im Leben angekommen“.

Sie verstricken sich in zahllosen Konflikten und bringen die Hilfesysteme und damit auch

uns an Grenzen. Sie sprengen normative Rahmen und Systeme, erscheinen mitunter

aufsässig, kriminell, psychisch krank, hilferesistent, ja manchmal gänzlich unerreichbar für

alles, was wir ihnen wohlmeinend angedeihen lassen möchten.

Gibt es denn dafür überhaupt Lösungsansätze, um diesem Problem wirkungsvoll zu

begegnen? Ich meine ja. Bisher ist es oft so, dass jede Einrichtung für sich an den jungen

Menschen nach eigenen Vorstellungen versucht, ich sage es mal mit dem Wort

„herumzudoktern“. Dadurch werden aus meiner Sicht vorhandene Kräfte zerklüftet. Es

erscheint mir, allein auf der Basis des gesunden Menschenverstandes, eher sinnvoll zu

sein, wenn für einen jungen Menschen, der massive Probleme hat oder vielleicht auch

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macht und für den bisher eigentlich vier bis fünf Institutionen, jede für sich, zuständig sind,

diese Kräfte zu bündeln, um gezielt und übergreifend Hilfen abzusprechen und zum

Wohle des Klienten einzusetzen.

Ohne Menschen mit Maschinen zu vergleichen, wenn ich ein funktionsfähiges

Kraftfahrzeug bauen möchte, dann muss dafür Sorge getragen werden, dass sich

Ingenieure, Designer, Techniker, Kaufleute und viele andere Fachleute absprechen, damit

ein Auto entsteht, das optimal fahren und im Idealfall lange halten soll. Deshalb bin ich

froh, dass es in unserem Landkreis Börde bereits erste Feldversuche der Zusammenarbeit

zwischen einigen relevanten Institutionen, exemplarisch meine ich hier das Sozial- und das

Jugendamt, das Jobcenter und die freien Träger der Jugendhilfe, gibt. Genauso freue ich

mich darüber, dass wir auch mit der heutigen Fachtagung einen Blick über den Tellerrand

wagen, indem wir die „neuen“ Klienten aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten und

gemeinsam überlegen, wie man ihnen durch Kooperation und Zusammenarbeit bessere

Unterstützungsangebote machen kann. Auf die Dauer, und da bin ich mir glaube ich mit

Ihnen, meine sehr geehrten Damen und Herren einig, können sinnvolle Kooperationen und

Abstimmungen die Sozialkassen entlasten oder zumindest einen weiteren Ausgabenanstieg

verhindern.

Ganz abgesehen von unserer moralischen Verantwortung und den vielen Rechtsnormen

auf europäischer, Bundes- und Landesebene, die uns dafür in die Pflicht nehmen, ist es

auch mit Blick auf den künftig zu erwartenden Arbeitskräftebedarf auch aus ganz

pragmatischen Gründen geboten, allen jungen Menschen bei ihrem Weg ins Leben und

damit auch ins Berufsleben die erforderliche Unterstützung zuteil werden zu lassen.

Die heutige Veranstaltung soll ein Auftakt sein. Die Organisatoren haben mich wissen

lassen, dass sie an der Thematik „dranbleiben“ wollen und gemeinsam mit Ihnen, liebe

Teilnehmerinnen und Teilnehmer, überlegen werden, wie man das Ziel weiter verfolgen

kann. Im Landkreis Börde jedenfalls werden wir die begonnene Zusammenarbeit fortsetzen

und Kooperationsstrukturen mit Partnern, die mitarbeiten möchten, weiter ausbauen.“

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2. "Junge Wilde" aus klinischer Sicht

Angela Beilecke, Anke Kasnert, AMEOS Klinikum Haldenslebenn

7


Angela Beilecke Anke Kasner

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3. "Junge Wilde" aus Sicht der Jugendhilfe

Mirko Günther

Geschäftsführer PARITÄTISCHES Sozialwerk

Kinder- und Jugendhilfe Magdeburg, Spindler

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4. "Junge Wilde" aus Sicht der Eingliederungshilfe

Nicole Strauß

Leiterin

Christine Lempke

stellv. Leiterin

Betreutes Wohnen„Kontra“

DRK KV Börde e. V.

Nicole Strauß Christine Lempke

„Junge Wilde“ – Neue Herausforderungen an die bestehenden

Hilfesysteme

Junge Wilde – aus Sicht der Eingliederungshilfe – FT am 30.03.2011

Gliederung:

1. Vorstellung und Einleitung (Strauß

� Einrichtung BW DRK KV Börde e.V.

� Bedarfe und Entwicklung

2. Eingliederungshilfe im Bereich Wohnen – Bedingungen (Strauß)

� rechtliche (Wunsch & Wahlrecht, Einzelfallentscheidung,

Mehrbedarfe, Stundenumfang, Leistungserbringung d. KT,

Personalschlüssel, Diskrepanz Bundesrecht SGB XII zu

Landesrecht RV)

� sächliche (Therapeuten, Ärzte, Jugendangebote,

Kriseninterventionsinstrumente, Wohnstrukturen,

Arbeitsmaterialien)

� infrastrukturelle (Erreichbarkeit von Angeboten,

demographische Altersstrukturen, Peer-Groups,

Mobilitätsvoraussetzungen)

3. Vernetzungsarbeit der Eingliederungshilfe (Strauß)

� Gutachten (differenziert)

� Hilfeplanung (differenziert)

� Herauslassen der Leistungserbringer

� losgelöste Leistungssysteme „Jeder betreut für sich“

4. Fallbeispiel (Lempke)

� Vorbereitung zur Aufnahme

� Probewohnen

� Wohnen Kontext, Beschäftigung, Beziehungen, psychische

Einschränkung

� Gestaffelte Betreuung nach stark wechselnden Bedarfen

� Endergebnis

� Fazit: aus Sicht des Betroffenen (bestehende

Sozialstrukturen zu behalten)

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5. Fazit (Strauß/ Lempke)

� Fachleistungsstundenmodelle

� flexible Betreuungsschüssel

� Netzwerke zur Jugendbetreuung/ Kontaktstellen mit Fachpersonal

� Krisenunterbringungsmöglichkeiten/ Rufbereitschaft und

Notbetreuung im Milieu

� Tagesklinische Betreuungsangebote

� kostenloser Zugang zu kulturellen Angeboten/ öffentliche

Verkehrsmittel/ Sportvereine

� Freie Beschäftigungsfelder Kooperation mit Firmen vor Ort/

Begleitung durch Assistenz

� Zugang zu fachlichen Angeboten z.B. Psychotherapie

� Selbsthilfegruppen zur Problematik in altershomogener Form

� Kooperationsmodelle mit Kliniken und stationären Hilfeformen

im Vorfeld

� Kooperaitionsmodell zum Netzwerkaufbau im Trialog vor

Aufnahme

� Leistungstypen Modelle abschaffen/ Bedarfe ganzheitliche

Betrachtungsweise

O ganzheitliche Gutachten und Hilfeplanung/ vernetzte

Leistungssysteme/ ganzheitliche Leistungserbringung

(Bsp.)/ zeitnahe Bescheide und Bearbeitung

Fallbeispiel

Zur Person:

� 20 jährige junge Frau

� Psychiatrische Diagnose: Borderline-Persönlichkeitsstörung,

Verhaltensstörung (keine Medikamente)

� 12. – 20. Lebensjahr im Kinderheim

� 2 abgebrochene stationäre Langzeittherapien (letzte mit 16J.)

� Erfahrungen im Kindesalter mit elterlicher Gewalt und Missbrauch

� Im Heim 24-std. Betreuung, familiäre feste Strukturen,

therapeutische Unterstützung

� Beschäftigung in WfbM – Ausbildungsbereich

� mehrere Abgänge im Kinderheim- Flucht zur Herkunftsfamilie,

Diebstähle, Gewalttaten, Handyschulden

� starkes Verlangen Kontakt mit der Familie zu haben, speziell zu

Geschwistern und zur Mutter – ungeklärtes Verhältnis zur Mutter

(Zurückweisung durch die Mutter

� selbstverletzendes Verhalten

Probewohnen im BW für eine Woche in WG, Wunsch in ABW nach

Oschersleben zu ziehen (WfbM in OC, Freunde in OC) – Antragstellung

erfolgt, Infogespräch mit Bewerberin, gesetzl. Betreuerin, Kinderheim über

Anforderungen und Strukturen im ABW.

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� Kosten über Jugendamt zu Bedingungen der EGH –

Einzelfallentscheidung MB (6,6h/Woche), da Intensität der

Betreuung durch Probewohnen abschätzbar (Vorteil vom

Probewohnen – allerdings ohne Betreuungskosten)

Mai 2010 – Einzug in WG mit gemischter Alterstruktur (23-52 Jahre,

M/W gemischt, klassischen psychiatrischen Erkrankungen)

� gemeinsam mit Klientin Erarbeitung von Absprachen und

strukturgebenden Maßnahmen (Wochenplan, Einbindung in

Sportkoordination, Freizeitaktivitäten – Ausflüge/Urlaub, Boxverein,

WfbM-Beschäftigung, feste Einzel- und Wohngruppengespräche)

� zunächst bemüht, sich in Strukturen einzufügen, genießt neue

Freiheiten in WG, arbeitet gut mit.

Schnell wird klar: - Bedarf an Kontakt mit allen Betreuern im BW sehr hoch,

tägliche Gespräche, Mitteilung von teils widersprüchlichen Informationen,

Suche nach Anerkennung/Aufmerksamkeit über Geschichten, teilweise

erdacht.

� Unsicherheit bei Mitbewohnern

� Bezugsbetreuer wird zu Aktionen der jungen Wilden von

verschiednen Seiten angesprochen, es gilt Sachverhalte zu klären,

Informationen einzuholen bzw. weiterzugeben, Gespräche mit

Klientin und Involvierten zu führen, WICHTIG: feste Absprachen

zu treffen!

� das bestehende und vom BW geschaffene Netzwerk will bedient

werden! Durch wechselnde Freundeskreis, wechselnde Partner,

unterschiedliche Verhaltensweisen, ständig wechselnde Aktivitäten

kommt Unruhe auf…schlägt sich nieder in Unzufriedenheit mit

Mitbewohnern, Konflikte im Beschäftigungsbereich, mit der

gesetzlichen Betreuerin, der Polizei, Freunden, Trainer, Nachbarn etc.

� Mitteilung wichtiger Infos gelangen an uns über Bewohner,

WfbM, Freunde, andere Institutionen (Polizei, Wohnheime,

gesetzl. Betreuer) und Betreuter selbst – Fülle an Infos,

Maßnahmen, Absprachen innerhalb des Netzwerkes sprengt

Betreuungszeiten,

� Handlungsbedarf und Maßnahmen schwer planbar,

(Betreuungsbedarf nicht abschätzbar- immer neue

Überraschungen auf die reagiert werden muß; Mitarbeit

bei Klientin dabei schwankend)

� Mitarbeit Klientin: versucht Grenzen auszutesten- wer ist der

Stärkere (typisch, dass Gespräche unterbrochen werden, weil

sie raus rennt, aggressiv wird – kommt immer wieder zurück –

Absprachen aushandeln, Konsequenzen besprechen, Lösungen

finden braucht viel Zeit!)

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möchte Anerkennung und Zuneigung, Betreuer loben, geben

ihr Verantwortung, gleichzeitig

� Wunsch an die WG als Familie zu fungieren – stellt schnell

Vertrautheit her, spricht über ihre Probleme in der Gruppe –

Gruppe ist mit den schwerwiegenden Problemen (Vergewaltigung,

wechselnde Partnerschaften, Konflikte auf Arbeit und mit Freunden)

überfordert, Bewohner grenzen sich ab.

� Konflikte mit WG, fühlt sich unverstanden, verbal aggressiv

(daraus folgten Gruppengespräche, Einzelgespräche, neue

Absprachen)

� im Laufe der Betreuung immer neue Probleme in WG – ist den

Erwachsenen nicht gewachsen, dazu kommt Übernahme in den

„Erwachsenbereich“ der WfbM – Konflikte mit Anleiter.

� Schwänzen, krank machen, sich in OC rumtreiben, neue

Konflikte in BW, Flucht.

Zu dieser Zeit geplante Übernahme in die Eingliederungshilfe – wir sind

skeptisch, ob AWB geeignet (kann Anforderungen nicht erfüllen, braucht

zuviel Kontrolle, festere Struktur und Begleitung) – Begutachtung durch

Amtsärztin – Feststellung: Unbedingt stationäre Therapie, das will Klientin

auch, dann schwankt sie, weil das bedeutet, dass sie aus OC für mindestens

3 Monate weg muß, ihre sozialen Kontakte aufgeben muß – auch hier

Motivationsgespräche, Begleitung zu möglichen Kliniken, inzwischen neue

Konflikte, sodass aus Absprachen, Abmahnungen und aus Abmahnungen

eine Kündigung wird. Wir stellen ihr in Aussicht, wieder ins BW zu kommen,

wenn die Therapie gut läuft – sie tritt Therapie an, aber hat Heimweh,

möchte sich der Therapie nicht stellen.

� Zuflucht bei einem Freund, Angebot übergangsweise ins BW zu kommen

schlägt sie aus, auf einmal doch wieder alles anders, Wiederaufnahme bis

Platz in stationärer Einrichtung frei ist.

Fazit:

� das war Anfang diesem Jahres, seit 1.3. ist die junge Frau in

einem Wohnheim für seelisch behinderte Menschen untergebracht,

ihre Beschäftigung in der WfbM hat sie aufgrund hoher Fehlzeiten

verloren, sie ist froh in der Nähe von OC zu sein, im Moment

gefällt es ihr, wie es weitergeht bleibt abzuwarten. Auch der

Kontakt zu uns besteht nach wie vor.

Alles in Allem haben wir versucht ein so individuell wie möglich gestricktes

Angebot zu machen, dass die Stärken fördert, und die enorme Energie der

Klientin auffängt. Dennoch sind wir an dem für das ABW viel zu hohen

Hilfebedarf gescheitert. Wir hatten nicht nur bei der Klientin selbst einen

sehr hohen Hilfebedarf sondern auch im Zusammenhang mit den

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Mitbewohnern, Freunden, Institutionen, Ärzten und Therapeuten einen

erhöhten Betreuungsbedarf. Die junge Wilde wollte nicht recht zu den

Erwachsenen Mitbewohnern passen, die kein Verständnis für sie aufbringen

konnten, weil sie mit sich und ihrer psychischen Erkrankung genug zu tun

hatten. Die Mitbewohner konnten ihr nicht geben, was sie suchte –

Anerkennung und Verständnis. Wir konnten ihr ebenfalls eine Familie nicht

ersetzen, hatten trotz unserer Bemühungen zu wenig Zeit und Möglichkeiten

die Betreuung gelingen zu lassen. Wir mussten Kontakte zur Arbeitsstelle,

gesetzlichen Betreuerin, Polizei, Freunden, benachbarten Wohneinrichtungen

etc. halten um Sachverhalte zu klären und auf den Status quo zu kommen.

Meist mehrmals in der Woche und wir hatten unsere täglichen Gespräche

mit der Klientin selbst, die immer für eine Überraschung gut war. Trotzdem

wir diesen Aufwand betrieben, musste es scheitern, weil Therapeuten,

Pädagogen und Zeitressourcen fehlten.

Der Umzug in eine stationäre Einrichtung der Eingliederungshilfe ist eine

Notlösung. Unsere junge Wilde wollte auf keinen Fall aus OC weg und

drohte in ihrer Verzweiflung sogar damit wegzulaufen. Auch die

Selbstverletzungen nahmen wieder zu. Und dabei ist das Ziel der jungen

Wilden doch eigentlich nur ein ganz normales Leben, mit Anerkennung

durch Freunde, verlässliche Partner im Beruf und im sozialen Umfeld,

ernst genommen werden. Der Weg dahin ist individuell, wie bei uns allen –

genau so sollte sie also auch auf dem Weg begleitet werden können.

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5. "Junge Wilde" im Wirrwarr des (Sozial)Rechts

Prof. Dr. Peter Schruth

Prof. für Rechtswissenschaftent

an der Hochschule Magdeburg-Stendal

„Junge Wilde“ als neue Klientel

� Ein „neues Klientel“ entsteht wodurch?

- durch Fachtagungen wie dieser?

- durch Problemdruck in der sozialarbeiterischen Praxis?

- durch normative Rechtsetzung?

„Junge Wilde“ sind kein neues Klientel, sie sind

junge Menschen mit offensichtlich komplexem

Hilfebedarf und unerfüllten persönlichen wie

sozialen Unterstützungen.

....im Wirrwarr des Sozial(Rechts)

� Nicht das Wort „Recht“, sondern das Wort

„Sozial“ gehört eingeklammert.

� Es gibt nicht die eindeutige Sozialrechtsnorm,

die öffentlich ausreichend Hilfebedarfsgerechtigkeit

für „junge Wilde“ gewährleistet.

� Sozialrecht bewegt sich im Viereck:

Lebenslage – Geld – Recht – Verfahren.

Lebenslagen: „Junge Wilde“

Sind in der Regel junge Volljährige bis ca. 30 Jahre,

die

� ...sich in endlosen Konflikten verstricken (z.B. Schulden,

Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit, Alkohol,

Spielsüchte),

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� ...die Strukturen in bestehenden Hilfesystemen

sprengen (..notfalls „psychiatrische Diagnosen“),

� ...irgendwie noch nicht „so richtig“ im Leben

angekommen sind,

� ...als hilferesistent von Institution zu Institution

weitergereicht werden.

Anspruch des Sozialrechts

� § 17 SGB I: Leistungsträger sind zu Sozialleistungen verpflichtet,

- die jeder Berechtigte zeitgemäß, umfassend und zügig erhält und

- für die rechtzeitig und ausreichend die erforderlichen Dienste und

Einrichtungen zur Verfügung stehen.

� Aber: Konterkarierungen durch

- Rechtsanwendungspraxis (z.B. Auslegung unbestimmter

Rechtsbegriffe und der Mitwirkungspflichten zu Lasten junger

Menschen),

- Primat einer ungeschriebenen Rechtsfolgenklausel:

Was darf die Hilfe kosten?,

- Leistungskonkurrenzen als Verschiebebahnhöfe.

Zuordnungen im Sozialrecht

� §§ 41, 13 SGB VIII:

Weil es um junge Menschen mit einem besonderen

persönlichen Förderbedarf geht

� §§ 53 ff. SGB XII:

Weil es um junge Menschen mit einer körperlichen

und/oder geistigen Behinderung geht (keine

Anwendung des § 35a SGB VIII)

� §§ 3 Abs.2, 14 ff. SGB II:

Weil es um arbeitslose junge Menschen geht, die der

Eingliederungshilfe auf dem Arbeitsmarkt bedürfen

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Anwendungsbereich

der Verselbständigungshilfe des 41 SGB VIII

für junge Volljährige

� Soll – Leistung (!)

� Vorrang von Leistungen nach dem SGB II, wenn es (nur) um Eingliederung

in den Arbeitsmarkt als Ziel der Hilfe geht. Nachrang der Leistungen nach

dem SGB XII, weil es im SGB XII um altersunspezifische Überwindung

sozialer Schwierigkeiten geht, die durch besondere Lebensverhältnisse

bedingt sind.

� Gründe des Gesetzgebers:

Insbesondere wegen längerer Schul- und Ausbildungszeiten und schwieriger

Ablösungsprozesse bedürfen junge Menschen wegen spezifischer sozialer

Belastungen über die Volljährigkeitsgrenze hinaus weiterer pädagogischer

Unterstützungen.

� Deshalb: Erstmalige Gewährung nach Vollendung des 18. Lebensjahres

(statt Hilfebeendigung mit 18), Schlussalter: 21 Jahre (Regelfall),

27 Jahre (Ausnahmefall)

� Nicht an eine bereits begonnene Ausbildung gebunden (wie vordem beim

JWG).

Leistungsvoraussetzungen

von § 41 SGB VIII

Leistungsvoraussetzung:

Einschränkungen in der Persönlichkeitsentwicklung und in der Fähigkeit,

ein eigenständiges Leben zu führen.

+

Ungeschriebene Leistungskriterien:

Strittig ist, ob sich die Erfolgsaussicht auf die tatsächliche Eignung der Hilfe

für die Persönlichkeitsentwicklung oder nur auf die Notwendigkeit der Hilfe

beziehen darf

(Gilt letzteres, dann ist die Hilfe immer zu gewähren, wenn sie notwendig

ist).

+

Mitwirkungsbereitschaft als grundsätzliche Voraussetzung für jede

Sozialpädagogische Interaktion

Der Gesetzgeber verwendet bewusst eine weite Begrifflichkeit

� Fehlende Autonomie und Selbständigkeit und unzureichende

Persönlichkeitsentwicklung lassen sich für einen jungen Volljährigen

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nur beschränkt pauschalierend beschreiben: z.B. die altersgemäße

übliche individuelle Entwicklung und gesellschaftliche Integration ist

unzureichend bzw. unterdurchschnittlich gelungen (?).

� Oder Bildung von Fallgruppen:

Schulische, berufliche und sonstige Abbrüche; Obdachlosigkeit,

Suchtkrankheit; brüchige Lebenswege wegen Strafhaft bzw. länger

in Einrichtungen gelebt; Kumulation von Defiziten wie fehlende

Wohnung, fehlende berufliche Ausbildung, erhebliche Schulden,

keine Zugänge zu Sozialleistungen

� Dagegen steht die Fachkommentierung: Junge Volljährige, die

bewusst eigensinnig nach eigenen Lebensentwürfen leben wollen,

zählen nicht zum Kreis der Anspruchsberechtigten gemäß § 41 SGB

VIII. Unterste Grenze des § 41 ist zumindest ein „gewisser

Veränderungswunsch“.

Hilfe nach § 41 SGB VIII für seelisch behinderte junge

Menschen ?

� § 41 ist eigenständige Hilfe:

- Lediglich bei den Rechtsfolgen des § 41 Verweis auf die Typen der

Hilfe zur Erziehung, also ein Hinweis auf Ausgestaltung der Hilfen;

- Hypothese: eine Verselbständigung ist – wenn auch mit zeitlicher

Verzögerung – erreichbar.

� Konstruktion als „Auslaufhilfe“ und Bedeutung der Erfolgsprognose

vor dem Hintergrund der „lebenslangen“ Gewährung von

Eingliederungshilfe.

Anwendungsprobleme des § 41 SGB VIII

� Es sind Vereinbarungen zwischen Jugendhilfe und Sozialhilfe über den

Zeitpunkt des Zuständigkeitswechsels erforderlich.

� Gleichwohl: Es kommt in Deutschland darauf an, wo man wohnt, um

eine Chance auf Leistungen nach § 41 SGB VIII zu haben.

� Die reduzierten Anwendungen und Verschiebungen in das SGB II führen

oft dazu, dass bestenfalls nur noch eine engagierte JGH Jugendhilfeleistungen

für junge Volljährige realisieren kann.

� Was ist aber bei fehlender Bereitschaft junger Volljähriger zur Mitwirkung

an der Verselbständigung in absehbarer Zeit?

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Anwendungsbereich

der sozialpädagogischen Hilfen des § 13 Abs.1 SGB VIII

für sozial Benachteiligte und/oder individuell

Beeinträchtigte

� Tatbestand und Rechtsfolge

- Offen zu definierende sozialpädagogische Hilfen (als Soll-Leistung)

für junge Menschen mit erhöhtem sozialpädagogischem

Unterstützungsbedarf

- Hier: „Individuelle Beeinträchtigungen“ ?

= „alle psychischen, physischen oder sonstigen persönlichen

Beeinträchtigungen individueller Art (z.B. Abhängigkeit,

Überschuldung, Delinquenz, Behinderung, aber auch

wirtschaftliche Benachteiligung)“

(Münder LPK § 13 Rz.12)

� Anwendungsprobleme

- Norm könnte passen (bis 27 Jahre), aber Anwendungsverweigerung

der Jugendämter, weil angeblicher Vorrang des SGB II bzw. angeblich

kein subjektiver harter Rechtsanspruch.

Anwendungsbereich des SGB XII

� Das Vorrang – Nachrang – Verhältnis zum

SGB VIII (§ 10 SGB VIII)

Der etikettierende Behinderungsbegriff der

(zu) kleinen Lösung

Der etwas andere Hilfeansatz des SGB XII

Anwendungsbereich

der Eingliederungshilfen der §§ 53 ff. SGB XII

Hier gibt es offensichtlich eine neue Praxis der „psychiatrischen

Diagnose“, der Unterbringung in Einrichtungen der Eingliederungs-

hilfe/WfbMs und unzureichenden Versorgung dieser jungen Wilden:

� Vorrang der Eingliederungsleistungen des SGB XII

(gegenüber SGB VIII) nur für junge Menschen, die

körperlich oder geistig behindert oder von einer

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solchen Behinderung bedroht sind (vgl. § 10 Abs.4

S.2 SGB VIII)

� Problem Behinderungsbegriff:

Wesentliche Beeinträchtigung der gesellschaftlichen

Teilhabefähigkeit (Problem: als dauerhafter Status)

� Problem:

Integrationsmängel der Hilfen, insbesondere geringe

Bis keine sozialen Integrationshilfen, eben keine

Maßgeschneiderten Jugendhilfen.

� Frage an die Praxis:

Hilfen „von der Stange“ und deshalb oft nicht

bedarfsgerecht?

Anwendungsbereich

der Eingliederungshilfen auf dem Arbeitsmarkt nach

den §§ 3, 14 ff. SGB II

� Problem:

Debatte um Leistungskonkurrenz

� Gilt die aliud-Theorie oder die Sozialpädagogisierung des SGB II

� Im Ergebnis:

Wo der spezielle sozialpädagogische Bedarf des jungen Menschen

festgestellt wird, hört die Zuständigkeit des SGB II auf.

� Zuständig ist das SGB II eindeutig als Fachbehörde für Vermittlung

in Arbeit, Ausbildung, Arbeitsgelegenheit.

� Wegen fehlender eindeutiger sachlicher Abgrenzungen in der

Zuständigkeit braucht es wirksame gemeinsame Clearingverfahren

zwischen Jobcenter/ARGEn/Jugend- und Sozialämtern.

� Klar sollte insbesondere bezüglich der besonders schwierigen

jungen Menschen sein, dass junge Menschen besonders nach

existenzgefährdenden Sondersanktionierungen der Jobcenter/

ARGEn die persönliche und materielle Unterstützung der Jugend-

und Sozialämter benötigen.

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Hat sich das Sozialrecht etwas entwirrt?

� Das Sozialrecht bieten immer noch ausreichende Ansatzpunkte,

um hilfebedarfsgerechte und ausfinanzierte Angebote für junge

Menschen mit besonderen persönlichen und sozialen Schwierigkeiten

zu machen.

� Allerdings fehlt es an klaren Zuständigkeiten, hier insbesondere,

weil es

- weil es oftmals nicht um bedarfsgerechte Hilfen geht, sondern um

die übergesetzliche Frage:

Was darf eine Hilfe kosten?

- weil das SGB II die Jugendsozialarbeit zu Lasten junger Menschen

„untergepflügt“ hat,

- weil es keine „große Lösung“ im Kontext des § 35a SGB VIII gibt,

- weil es ein Abschieben junger Menschen in das SGB XII gibt.

� Das SGB II erschwert die Arbeit mit unangepassten jungen Menschen

durch das Sondersanktionsrecht des § 31 Abs.5 SGB II erheblich und

gehört abgeschafft.

� Jungen Menschen wäre erheblich im Umgang mit den „Unzuständig-

keiten der Sozialleistungsträger“ durch eindeutige Erstzuständigkeiten

der Jugendhilfe für diejenigen jungen Menschen geholfen, die aus

dem SGB II „rausfallen“, die eigentlich nicht ins SGB XII gehören.

� Es braucht gerade für besonders schwierige junge Menschen ein

qualitatives Hilfeverbundverfahren:

Rechtzeitige Beteiligung der Fachkräfte der Jugendhilfe an der

Erstellung von Eingliederungsvereinbarungen sowie der Fachkräfte

der ARGEn an der Hilfeplanung der Jugendhilfe.

� Und es braucht die weitere Entwicklung von ombudschaftlichen

Verfahren in der Jugendhilfe, um zu mehr Partizipation junger

Menschen, zur Stärkung von Betroffenenrechten und zur Entwicklung

hilfebedarfsgerechter Projektansätze zu kommen.

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6. Junge Wilde" und kooperative Hilfeplanung

Prof. Dr. Titus Simon,

Prof. für Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung,

Hochschule Magdeburg-Stendal

Vortrag Tagung Peseckendorf 30.03.2011

Zwei Vorbemerkungen:

1. Dieser Vortrag bewegt sich im Rahmen des

geltenden Rechts. Dennoch muss es aus fachlichen,

berufsethischen und politischen Gründen ein Ziel

unseres Handelns sein, Hartz IV zugunsten eines

modernen Grundsicherungsrechtes abzulösen.

2. Wie an anderer Stelle noch zu zeigen sein wird, sollte,

wenn es nicht zu umfangreichen Reformen kommt, für

die Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen

wieder zu einer Vorrangumkehr kommen:

Jugendhilfe geht vor.

20 Jahre nach Verabschiedung des SGB VIII – Kinder- und Jugendhilfegesetzes

(KJHG) steht die Jugendhilfe vor umfassenden neuen Herausforderungen. Diese

Feststellung gilt sowohl für die alten als auch die neuen Bundesländer. Die neuen

Finanzierungsregeln in der sozialen Arbeit (Leistungsvereinbarungen statt Kostendeckungsprinzip

oder wie es die Ökonomen nennen:

von der retrospektiven zur prospektiven Finanzierung) und auch die Pflicht zur

Qualitätssicherung bzw. Qualitätsentwicklung haben die soziale Landschaft und

die alte partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und freien

Trägern ein gutes Stück umgepflügt.

Der demographische Wandel, die Abwanderung jüngerer Altersgruppen aus

Ostdeutschland sowie ein größer werdender Anteil an Kindern und Jugendlichen

mit Migrationshintergrund stellen neue Anforderungen an die Gesellschaft, die

Jugendhilfe und darauf bezogene Planungen dar.

Kinder- und Jugendhilfe erweist sich dennoch als ein System, das im Lauf der

Zeit durchaus in der Lage war, auf neue Problemlagen zu reagieren. Dies zeigt

sich etwa an der Entwicklung von brauchbaren Handlungsroutinen im Umgang

mit sexuellem Missbrauch.

Auf der anderen Seite kommen immer wieder Debatten um sogenannte „Problemjugendliche“

auf, die „maßnahme- oder am Ende sogar erziehungsresistent seien.

Die Gestalt dieser Problemjugendlichen ist diffus (Witte/Sander 2006, S. 7).

Unstrittig ist, dass es Jugendliche gibt, bei denen die verschiedenartigen Formen

professioneller Hilfe versagen, die rastlos zwischen Familie, prekären Orten

und Institutionen pendeln. Im Rahmen von Begleitforschungen zu Modell-

projekten für Schulverweigerer sind mir Jugendliche begegnet, die sich im

Verlauf ihrer „Karriere“ in zwanzig und mehr verschiedenartigen Maßnahmen

36


efunden haben.

Ein fatales Produkt einer immer differenzierter werdenden Spezialisierung –

die ich nicht generell kritisieren möchte, mit deren Folgen man sich an anderer

Stelle systematischer befassen sollte – ist der Trend zu beschleunigter Weiter-

vermittlung. Auch aus dem Durchlaufen dieser „Angebotskette“ resultieren

kritische Hilfeverläufe. Aus verschiedenen Fallstudien konnte herausgearbeitet

werden, dass vor allem zwei Dynamiken beim Aufeinandertreffen negative

Wirkungen entfalten können:

1. spezifische Schlüsselsituationen in den Lebens- und Familiengeschichten

junger Menschen;

2. die negativen Folgen der Summe aller Ereignisse, Bewertungen und

Dynamiken die von den Prozessbeteiligten produziert werden.

Zu diesen gehören auch die Professionellen.

Jugendliche im „Bermudadreieck“ zwischen Jugendhilfe,

SGB II und SGB XII

Armut hat in jeder historischen Epoche Verwahrlosung von Kindern und Jugendlichen

hervorgebracht, und dies meist auch in einer Weise, die den öffentlichen

Raum berührt hat. Angesichts der anhaltenden und steigenden Arbeitslosigkeit

wird auch Obdachlosigkeit ein Problem für die Gesellschaft bleiben.

Die Problemlagen sind in der Regel komplex:

Arbeitslosigkeit, Überschuldung, Drogen-/ Alkoholprobleme, biographische

Brüche, psychische Beeinträchtigungen, Flucht aus Elternhäusern und Pflegefamilien,

von Großeltern und Heimen. Es muss davon ausgegangen werden,

dass die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die in Armutsverhältnissen

aufwachsen, auch künftig weiter steigt. Wie wir wissen, sind arme Kinder in

der Bildung und an kultureller Teilhabe benachteiligt. Kinder aus Armutsfamilien

machen seltener Abitur. In einzelnen Bundesländern haben nur Eltern mit Job

Anspruch auf einen ganztägigen Kita-Platz. Arme Kinder werden öfter krank.

Obwohl sich arbeitslose Eltern öfter zu Hause aufhalten, werden insbesondere

die Jungen in ihrer Entwicklung beeinträchtigt, da sie die Arbeitslosigkeit des

Vaters als Autoritätsverlust erleben.

Die vielerorts unverändert existierenden Abstimmungsprobleme zwischen

SGB II, VIII und XII verhindern bislang sowohl generell als auch mit Blick auf

die Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen größere Erfolge

bei der schulischen und beruflichen Bildung und Qualifizierung sowie bei

der Einmündung in den ersten Arbeitsmarkt.

37


Dies hat erst einmal damit zu tun, dass sich diese Zielgruppe im

„Bermudadreieck“ verschiedener Handlungsrationalitäten befindet 1 :

SGB VIII SGB II/III SGB XII

Kontext Sozialpolitik Arbeitsmarktpolitik Sozialpolitik

Inhalte � Erziehung � Arbeitsmarktpoli- � Nachrangige

� Entwicklung tische Maßnahmen Sicherung

� Erziehungs- und � Fordern und � Hilfe zur Teilnahme

Familienhilfe Fördern

am Leben in der

Gemeinschaft

Hand- � Kindeswohl � Beschäftigungs- � Besondere soziale

lungs � Erzieherischer orientierung

Schwierigkeiten

orientie Bedarf

� Wirtschaftlicher

rungen

Bedarf

Steue- Hilfeplan Eingliederungs- Hilfeplan

rungsinstrumentvereinbarung

Wahl- Gegebenenfalls Eingeschränkt durch Eingeschränkt durch

recht der eingeschränkt durch ArbeitsWohnungsmarktbeBetrof-

die Höhe der Kosten marktbedingungendingungen und den

fenen

und geplante Nachrang der Hilfen nach

Maßnahmen

§ 67 ff SGB XII

Integra- Eigenständiges Leben Einmündung in den � Teilhabe

tionsver

Arbeitsmarkt

� Elementarversorgung

ständnis

� Vermeidung von

Verschlimmerung

(Simon 2011 in nochmaliger Erweiterung von Simon 2010 und Michel-Schwartze 2007)

Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen kleinen argumentativen Ausflug zur

Weiterentwicklung der Jugendhilfe:

� Trotz günstiger Arbeitsmarktprognosen gibt es unverändert eine

erhebliche Zahl Jugendlicher und junger Erwachsener, deren

berufliche und gesellschaftliche Integration dauerhaft gefährdet ist.

Zahlreiche Forschungen belegen:

Von jenen, die bis zum 25. Lebensjahr noch kein Beschäftigungsverhältnis

am ersten Arbeitsmarkt erlangt haben (ausgenommen:

HochschulabsolventInnen), gelingt dies später nur wenigen. Daraus

folgen langfristige Kosten und oftmals eine Bündelung sozialer

Schwierigkeiten. Aus den Erfahrungen, dass sich die Vorrangstellung

des SGB II („Hartz IV“) für Jugendliche und junge Erwachsene in

nunmehr 6 Jahren nicht bewährt hat, soll das Verhältnis von Arbeitsförderung

und Jugendhilfe für besonderes gefährdete Jugendliche

neu bestimmt werden. Die Angebote der Jugendsozialarbeit nach

1 Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurde der schul- und bildungspolitische Kontext hier nicht

berücksichtigt, der mit der noch bestehenden Schulpflicht für die jüngeren wohnungslosen

Jugendlichen relevant wird.

38


SGB VIII sollen für diese jungen Menschen den Eingliederungs-

leistungen des SGB II bzw. des SGB III vorgehen. Hierzu hat der

Gesamtverband des Paritätischen im September ein

hervorragendes Positionspapier veröffentlicht, in dem er die bis

ins Detail die notwendigen Gesetzesänderungen ausformuliert.

Es wäre in diesem Fall wünschenswert, dass die Politik nicht nur

den Lobbyisten aus dem Banken-, Gesundheits- und Energiesektor

erlaubt, dem zuständigen Ministerium gleich die Gesetzes-

vorhaben in die Feder zu diktieren.

� Da absehbar ist, dass die für Jugendhilfe zuständigen Kommunen

eine derart veränderte Aufgabenstellung nicht eigenständig

finanzieren können, müssen sich die Bundesagentur für Arbeit

und die Träger der Grundsicherung an den Kosten beteiligen.

Die Kalamitäten der kommunalen Haushalte haben immer mehr dazu

geführt, dass die fachlichen Entscheidungen der Fachkräfte in die Richtung

gedrängt werden, teure, z.B. stationäre Hilfen zu vermeiden und selbst

ambulante Formen verzögert einzusetzen. Unabhängige Jugendberatung,

die, wie von Schruth, Urban-Stahl und anderen gefordert, Funktionen eines

sozialen Verbraucherschutzes übernimmt, bekommt meines Erachtens in

Zukunft eine wichtige Funktion.

Anforderungen an die Hilfeplanung

Die Praxis hat gezeigt, dass sich das Hilfenetz als anfällig für Prozesse des

Verlegens und Abschiebens erweist. Gelegentlich befinden sich Hilfesuchende

in einer Sphäre „organisierter Unzuständigkeit“.

Aufschlussreich sind die Ergebnisse der Forschungsarbeiten von Ader und

Schrapper (2002), die Hilfeplanverfahren sogenannter „schwieriger Fälle“

untersucht haben:

� Hoch belastete Lebenssituationen alleine erklären noch keinen

„schwierigen Fall“.

� Das Hilfesystem ist in die Dynamik verstrickt, weil

� mit eigenen Kooperations- und Zuständigkeitsproblemen

beschäftigt;

� institutionell (zu sehr) zersplittert;

� unflexibel;

� (zu wenige, fachlich nicht immer qualifizierte) MitarbeiterInnen

sind überlastet;

� in Fällen der Eskalation funktionieren verabredete Kooperationen

kaum.

39


„Wer die Organisation nicht als Teil des Problems erkennt, kann auch die

schwierigen Fälle nicht produktiv bearbeiten“ (ebenda, S. 33).

Lösungsansätze

Gerade im Umgang mit „schwierigen Fällen“ gibt es keine „sicheren

Handlungstipps“. Von zentraler Bedeutung ist erst einmal die Bereitschaft

der handelnden Akteure, sich dieser Fälle nachhaltig anzunehmen. Dann

muss die Bereitschaft vorhanden sein, bestehende Handlungsroutinen zu

modifizieren:

� Flexibilisierung der Erziehungshilfen im Sinne des

Konzeptes „Lernende Organisation“ Hierzu gehört, dass

die Fachkräfte ein höheres Maß professionelle Entscheidungs-

freiheit und Autonomie der Hilfegestaltung erhalten. Eine

derartige Form der Flexibilisierung steht in einem deutlich

entwickelten Sozialraumbezug.

� Jugendliche wachsen an „schwierigen Orten“ auf, an denen ein

nebeneinander vor gefährdenden Einflüssen und stabilisierenden

Faktoren existiert. Soziale Arbeit hat die resilienzfördernden

Faktoren aufzuspüren und zu stärken.

� Das macht die Systematisierung von Netzwerkarbeit

notwendig.

� Und schließlich ist an eine „ganz alte Angelegenheit“ der

Jugendhilfe“ zu erinnern: die hilfreiche Funktion

nachhaltiger, verlässlicher Kontakte, die Krisen,

Eskalationen und tiefgreifende Konflikte überdauern können.

� Das führt uns

zwangsläufig zur Frage nach der Fallverantwortung.

Diese muss stärker als bislang unter Würdigung der Zugänge

und der Belastbarkeit und Dauerhaftigkeit festgelegt werden.

Im Zweifelsfall sollte diese z. B. auch einem Streetworker

übertragen werden können, mit dem der Jugendliche den

Kontakt noch nicht abgebrochen hat.

Pädagogische Antworten

auf die Lebenslagen „junger Wilder“ –

ein darstellender Versuch am Beispiel

von „Straßenjugendlichen“

Jugendhilfe weist trotz ihrer in den letzten Jahren gezeigten

Innovationsbereitschaft immer noch das Problem auf, dass die meisten

40


der bislang entwickelten Betreuungsformen ihre Hilfeangebote mit

Normalitätsvorstellungen verknüpfen, die von den Jugendlichen nicht

ohne weiteres gelebt werden können. Die primäre Frage ist daher nicht,

wie sich die Betroffenen integrieren lassen, sondern wie man ihnen auf

ihrem Weg erwachsen zu werden, helfen kann, der sich von den

Normalformen des Aufwachsens unterscheidet. Auch Straßenjugendliche

stehen vor der Aufgabe, kommunikative und handlungsstrategische

Kompetenzen zur Bewältigung ihres Lebensalltags und soziale

Beziehungen zu anderen Mitgliedern der „Szenen“ zu entwickeln, sich

zu den „leib-seelischen“ Aspekten ihrer eigenen Existenz zu verhalten,

sich Kulturfragmente aus den unterschiedlichsten Bereichen ihrer Umwelt

anzueignen und sich mit dem Faktum des Älterwerdens irgendwann

einmal zu arrangieren.

(bereits: Müller 1999, S. 114 ff).

Eine moderne, dem Gedanken des Empowerment verpflichtete

Wohnungslosenhilfe hat somit verschiedene Funktionen und Reichweiten

(hierzu vertiefend: Simon 2008):

� Sie ist zunächst lebensraumbezogene Prävention, die

geschlechtersensibel an der Wohnungsnotfallproblematik

arbeitet.

� Sie ist in erster Linie Fallarbeit auf der Basis der

§§ 67 - 69 SGB XII, die sich an Menschen richtet, die

unterschiedliche Straßenkarrieren aufweisen. Diese geschieht

in ambulanten und in stationären Einrichtungen, als

Rechtsdurchsetzung, als Notfallhilfe, als Grundversorgung,

als Beratung und als Langzeithilfe.

� Sie ist schließlich lebensraumbezogene Integration und

arbeitet in vernetzten Strukturen des Gemeinwesens.

(Lutz/Simon 2007, S. 203).

Alltagspraktisch weist die Wohnungslosenhilfe eine höhere Kompetenz für

den Umgang mit Straßenkarrieren auf, als dies in den örtlich vorhandenen

Regelangeboten der Jugendhilfe der Fall ist. Daraus resultiert die fachliche

Notwendigkeit, dass die Wohnungslosenhilfe eng mit jenen Angeboten der

Jugendhilfe kooperiert, die für die Arbeit mit wohnungslosen Jugendlichen

und jungen Erwachsenen besonders qualifiziert sind. Bislang kann als

bundesweites Defizit der Umstand benannt werden, dass diese Schnittstellen-

problematik weder systematisch in Arbeitsgemeinschaften verhandelt noch

zu einer präzisen Aufgabenstellung einer Abstimmung zwischen Jugendhilfe-

planung und anderen Formen kommunaler Sozialplanung gemacht wurde.

In einzelnen Sozialräumen wurde zumindest mit dem Aufbau „flexibler,

sozialraumorientierter, individuell zugeschnittener Erziehungshilfen“ begonnen

und schließlich flächendeckend in den Modelllandkreisen umgesetzt. Im

Spektrum der erzieherischen Hilfen kooperieren nun in jedem der dortigen

Sozialräume Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) des

41


Jugendamtes mit Teams der freien Träger. Sie agieren partiell getrennt,

bilden jedoch gemeinsame Jugendhilfestationen. Über diese sozialräumliche

Orientierung können wohnungslose Jugendliche besser durch die Jugendhilfe

erreicht werden. Dieser vorgeschlagene Perspektivenwechsel schließt eine auf

die Kategorie Geschlecht bezogene Arbeit zwingend mit ein.

Die Schwierigkeiten einer auf rechtlichen Bestimmungen beruhenden

Jugend- und Wohnungslosenhilfe bestanden bereits in der Vergangenheit

darin, Hilfeformen entwickeln und umsetzen zu können, die sich hochflexibel

den individuellen Entwicklungswegen anpassen, auch wenn diese mitunter in

Richtungen führen, die nur schwer mit dem Normalentwurf einer künftigen

Erwachsenenexistenz in Einklang zu bringen sind.

Straßenjugendliche halten sich vielfach in mittleren und größeren Gruppen

auf, deren Wirkungen auf die Jugendlichen ambivalent sind. Zum einen bietet

die Gruppe Schutz, fungiert als Überlebenshilfe, als Notgemeinschaft. Zum

anderen beschleunigt und verstärkt die Gruppenzugehörigkeit Ausstiegs-

tendenzen und subkulturelle Orientierungen und erschwert den Zugang von

außen, was selbst von Streetworkern und Streetworkerinnen immer wieder als

Problem beschrieben wird.

„Zugang zu finden“ wird somit zur zentralen Kategorie, als Ausgangspunkt

für eine weitere Interventionsberechtigung, die dem pädagogischen Personal

von den Jugendlichen zugewiesen wird. Klassischerweise geschieht diese

Kontaktaufnahme über Streetwork oder vorhandene Infrastruktur, etwa

Notübernachtungen oder Tagestreffs. Vor dem Hintergrund dessen, dass

Jugendliche auf der Straße auch der Sozialarbeit mit Misstrauen begegnen,

kann es notwendig sein, dass jene, denen der Beziehungsaufbau gelungen

ist, einzelne Jugendliche und junge Erwachsene länger begleiten, was die

Leistungsfähigkeit traditioneller Streetwork vielfach übersteigt. Hier hat sich

das Konzept der „Mobilen Jugendarbeit Stuttgarter Prägung“ bewährt,

das neben der Streetwork auch die Säulen vertiefender Einzelfallhilfe, der

Gruppen- und der Gemeinwesenarbeit aufweist. Hier ist es von der Team-

struktur und -größe sowie vom Konzept her möglich, dass MitarbeiterInnen,

denen über die Streetwork ein Beziehungsaufbau zu Einzelnen oder Gruppen

gelungen ist, sich eine Zeitlang aus der aufsuchenden Arbeit zurücknehmen,

um vorrangig mit den Personen weiter zu arbeiten, zu denen eine tragfähige

Beziehung entwickelt werden konnte. Straßenkarrieren ziehen auch bei jungen

Menschen psychische und körperliche Leiden nach sich. Hier erweisen sich

medizinische Straßenambulanzen als hilfreich. Viele der Jugendlichen sind

über ihre Eltern noch krankenversichert. Die in derartigen Projekten tätigen

Ärztinnen und Ärzte haben gangbare Wege entwickelt, um eine medizinische

Beratung und Versorgung gewähren zu können, ohne dass die Jugendlichen

direkten Kontakt zu ihrem Elternhaus entwickeln müssen. Niedrigschwellige

Wohn- und Übernachtungsangebote wie auch die Arbeit in den Tagestreffs

stellen Grundversorgung bereit und dürfen zugleich nicht in dem Maße

fordernd agieren, wie dies in konventionellen Jugendhilfeeinrichtungen meist

der Fall ist. Es fällt Pädagoginnen und Pädagogen oftmals schwer, die Jugend-

lichen so zu akzeptieren, wie sie sie antreffen: vordergründig untätig, ohne

Bereitschaft, sich konventioneller schulischer und betrieblicher (Aus)Bildung

42


zuzuwenden, den psychosozialen Problemen und Defiziten, dem oftmals

erhöhten Suchtmittelgebrauch, der damit gelegentlich einhergehenden

Beschaffungsprostitution und -kriminalität, den spröden, oftmals aggressiven

oder aggressiv wirkenden Abgrenzungsritualen, der realen oder auch nur

vermeintlichen Unfähigkeit, den Tag, den Monat, ja das Leben zu strukturieren.

Der Versuch, diese unterschiedlichen Problemlagen zu zergliedern und in

„einzelnen Häppchen“ durch SpezialistInnen anderer Dienste bearbeiten

zu lassen, scheitert regelmäßig. Die adäquate pädagogische Antwort liegt

häufig darin, einfach da zu sein, um die Impulse der Jugendlichen für

Veränderung dann aufgreifen zu können, wenn sie von diesen selbst

angedeutet werden. Das fällt einer unter Kostendruck agierenden, auf rasche

Veränderung und Eingliederung ausgerichteten Sozialarbeit schwer, zumal

dann, wenn die Erreichung einer dauerhaften Stabilisierung und selbständigen

Lebensführung einen Prozess von mehreren Jahren zugrunde legt. Diese

Kultur des „stabilisierenden Abwartens und Begleitens“ ist viel stärker

in der Wohnungslosenhilfe entwickelt worden, auch wenn die seit 2005 gültigen

rechtlichen Rahmenbedingungen das „Fordern“ auch hier in den Mittelpunkt

stellen.

Über diese niedrigschwelligen Versorgungs- und Beratungsangebote oder

Einrichtungen, die Jugendliche für nur kurze Zeit aufnehmen, kann es zur

Unterbringung in betreuten Wohngemeinschaften oder im betreuten

Einzelwohnen kommen. Schruth wies schon des Öfteren darauf hin, dass

insbesondere dann, wenn die sozial benachteiligten jungen Menschen (noch)

nicht bereit sind, eine derartige, für die Jugendhilfe typische Form der

Betreuung in Anspruch zu nehmen, kaum Chancen auf eine eigene Wohnung

bestehen. Hier ist dann oftmals die Wohnungslosenhilfe gefragt, die zwar

gut für den Umgang mit typischen sozialen Schwierigkeiten wohnungsloser

Menschen qualifiziert ist und sich auch stärker als die Jugendhilfe einer

Wohnraumversorgung ohne weitergehenden pädagogisch-therapeutischen

Anspruch verpflichtet sieht. Die Wohnungslosenhilfe ist jedoch weit weniger

dafür vorgesehen, eine jugendtypische Förderung der Entwicklung zu begleiten

oder gar dem Erziehungsgedanken Rechnung zu tragen.

Die Jugendhilfe muss stärker als bislang akzeptieren, dass bei Jugendlichen

mit ausgeprägten Straßenkarrieren mit einer betreuten oder unbetreuten

Unterbringung zwar eine notwendige Hilfe erbracht wird, damit jedoch nicht

automatisch sofort weiter gehende Anpassungsleistungen erwartet werden

können. Erst wenn Jugendliche bereit sind, sich vermehrt mit sich selbst und

den Fragen einer möglichen Zukunft zu befassen, können mit einer gewissen

Aussicht auf Erfolg weiter gehende Angebote unterbreitet werden, die tages-

strukturierend wirken oder gar auf Bildung, Ausbildung oder Beschäftigung

gerichtet sind. Auf die kontraproduktiv wirkende Problematik des Auszugs-

verbotes nach § 22 Abs. 2a SGB II wurde schon vielfach verwiesen. Damit

werden sowohl die Bemühungen der Wohnungslosenhilfe um eine möglichst

rasche Vermittlung von jungen Erwachsenen in eigenen Wohnraum als auch

der unverändert schlüssige Verselbständigungsgedanke der Jugendhilfe

konterkariert.

43


Das Beispiel Calw-Nagold

Ausgehend von dem Dilemma, dass sich die Jugendhilfe in der Fläche

zunehmend aus der Arbeit mit jungen Erwachsenen zurückzieht, hat die

„Erlacher Höhe Calw-Nagold“ ihre traditionelle Arbeit mit wohnungslosen

Menschen erweitert. Die Wohnungslosenhilfe organisiert zusätzlich

Programme und Projekte für junge benachteiligte Menschen:

AliSchwa: Internationales Austauschprojekt für junge arbeitslose

Menschen, gefördert mit ESF- und Bundesmitteln, in Kooperation mit

der Arbeitsagentur Nagold.

Hilfen nach § 67 SGB XII für junge Menschen: stationäre und

ambulante Hilfe.

Aktiv in der Region: Konzept für aufsuchende Jugendsozialarbeit,

gefördert mit ESF-Mitteln, und Mitteln des Bundesjugendministeriums,

Teilprojekt für arbeitslose junge Menschen nach SGB II.

BOSAQ: Berufliche Orientierung, soziale Arbeit und Qualifizierung

für arbeitslose junge Menschen in AGH-Maßnahmen.

Vertiefte Berufsorientierung: an Haupt- und Förderschulen,

gefördert von der Arbeitsagentur nach § 33 SGB III.

Europäischer Freiwilligendienst: Die Erlacher Höhe Calw-Nagold

ist akkreditiert als aufnehmende, koordinierende und entsendende

Organisation.

Leonardo da Vinci: Berufspraktika für Sozialarbeitstudenten und

arbeitslose Jugendliche im Ausland.

Literatur

Ader, S. /Schrapper, C., Wie aus Kindern in Schwierigkeiten „schwierige Fälle“ werden,

in: Forum Erziehungshilfen, Heft 1/2002

Lutz, R. /Simon, T., Lehrbuch der Wohnungslosenhilfe. Eine Einführung in Praxis, Positionen

und Perspektiven, Weinheim und München 2007

Müller, H.-R., Straßenkinder im Integrationsdilemma. Paradoxien und Perspektiven der

Jugendhilfe, in: Lutz, R. / Stickelmann, B. (Hrsg.), Weggelaufen und ohne Obdach.

Kinder und Jugendliche in besonderen Lebenslagen, Weinheim und München 1999

Simon, T., Empowerment-Ansätze in der Wohnungslosenhilfe, in: Forum Sozial, Heft 1/2008

Thomas, S., Berliner Szenetreffpunkt Bahnhof Zoo. Alltag junger Menschen auf der Straße,

Wiesbaden 2005

Witte, M. / Sander, U. (Hrsg.), Erziehungsresistent? „Problemjugendliche“ als besondere

Herausforderung für die Jugendhilfe, Baltmannsweiler 2006

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7. SGBeiträge und Diskussionen in Zusammenfassung

Zusammenfassung der Podiumsdiskussion

René Grummt

Psychiatriekoordinator Landkreis Börde

Sehr geehrte Damen und Herren,

werte Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

ich habe nun die schwierige Aufgabe, die Beiträge und Diskussionen der letzen sechs

Stunden in 15 Minuten zusammenzufassen und Ihnen darüber hinaus möglichst konkrete

Ausblicke zu geben, wie es mit dem Thema „Junge Wilde“ weitergehen könnte.

Ich will einmal versuchen, die aus meiner Sicht wichtigsten Eckpunkte nachzuzeichnen.

Wir haben im ersten Teil der Veranstaltung den Versuch unternommen, das Phänomen

„Junge Wilde“ genauer zu fassen und gewissermaßen plastisch darzustellen. Denn es ist

m.E. von ungemeiner Wichtigkeit, sich zunächst einmal darüber zu verständigen, worüber

man eigentlich reden will, bevor man darüber redet. Hierbei ist den Referentinnen und

Referenten mit der vielseitigen Rahmung der Klientel nach meinem Dafürhalten ein guter

Wurf gelungen, obgleich man trefflich darüber streiten könnte, ob nicht noch andere

Disziplinen (wie bspw. Schule oder die Justiz) hätten beteiligt werden müssen und ob wir

jetzt alle nun tatsächlich dieselbe Klientel meinen, wenn wir von „Jungen Wilden“ reden.

Daneben muss es in der weiteren Diskussion natürlich auch um die Frage gehen, wie man

die betreffende Klientel und ggf. deren Angehörige in angemessener Weise beteiligen

kann. Herr Hattermann hatte zu Beginn der Tagung bereits ausgeführt, warum wir dieses

partizipative Verfahren für die heutige Fachtagung nicht favorisiert haben.

Im zweiten Teil der Veranstaltung haben die Herren Professoren Schruth und Simon

aufgezeigt, wie es um die heute im Fokus stehenden jungen Menschen aus sozialwissenschaftlicher

und juristischer Perspektive bestellt ist und wie man sich der Klientel auf

der Ebene der Hilfeplanung und Hilfegestaltung nähern kann. Dabei ist beiden ein

dienlicher Rundumschlag gelungen, auch wenn man den Eindruck hatte, dass sie noch

sehr viel mehr hätten beitragen können und wollen, sofern es ihnen der zeitliche Rahmen

erlaubt hätte.

In der Diskussionsrunde im dritten Teil unserer Veranstaltung konnten einige Facetten der

heutigen Thematik noch einmal aufgezeigt und erörtert werden. Es bleibt an uns allen,

dafür Sorge zu tragen, dass die Diskussion fortgesetzt wird und dabei auch ganz praktische

Ergebnisse herauskommen.

Was bleibt vom heutigen Tag? Wenn man abstrahiert, bleibt zunächst eine Problembeschreibung

auf zwei Ebenen und dann viele konstruktive Anregungen, wie man ihr

begegnen kann.

Die erste Dimension der Problembeschreibung bezieht sich auf die Mikroebene, ergo die

Ebene der „Jungen Wilden“ und des konkreten Umgangs mit ihnen vor Ort.

Wir haben festgestellt, dass es offenbar eine vermehrte Zahl junger Menschen gibt, denen

wir mit den konventionellen Angeboten und Hilfen innerhalb einzelner Systeme nicht

gerecht werden können. Der Hilfebedarf dieser Menschen ist mehrdimensional und

45


komplex, die Hilfeplanung und -leistung sollte deshalb zwischen allen beteiligten

Kostenträgern und Leistungserbringern abgestimmt werden. Hier gilt es, regionale

Kooperationen zu fördern und die Hilfegestaltung lokal und zentriert zu koordinieren und

auch zu verantworten. Der junge Mensch darf nicht erst von Pontius zu Pilatus geschickt

werden, er braucht einen – auch physisch – erreichbaren Ansprechpartner vor Ort, und das

ganze administrative Gerangel muss hinter den Kulissen und möglichst unauffällig erfolgen.

Die entsprechenden Schlagwörter der Fachdiskurse wären bspw. Personenzentrierung,

Lebenswelt- und Sozialraumbezug, lokale Vernetzung usw.

Die zweite Dimension der Problembeschreibung betrifft die strukturelle Ebene, und da wird

die Geschichte schon weitaus komplizierter.

Die heute hier beschriebenen „Jungen Wilden“ könnten – allein sozialrechtlich – u.a. in die

Bereiche der Sozialgesetzbücher II und III, V, VI, VIII, IX und XII und vieler weiterer noch

nicht kodifizierter Sozialgesetze fallen. Daneben, wenn ich da nur an meinen

Zuständigkeitsbereich des Öffentlichen Gesundheitswesens denke, auch in das PsychKG

oder das ÖGD. Kostentechnisch können verschiedene Institutionen der kommunalen, der

Landes- oder der Bundesebene für ein- und dieselbe Person zuständig sein und das

nebeneinander oder sogar konkurrierend. Dabei wird die Hilfe dann noch zu 90% über

den Einzelfall erbracht, obwohl es manchmal/meistens wichtiger wäre, nicht nur das

Symptom in den Fokus zu nehmen, sondern auch oder gerade das „Drumherum“. Die

Systemiker sagen, dass der Kontext wichtiger ist als der Text, und das trifft, glaube ich,

insbesondere auf die Hilfen für „Junge Wilde“ zu. Es geht bei unseren jungen Menschen

also immer auch darum zu schauen, wie ihr sozialer Nahraum aussieht, ob es dort

irgendwelche Benachteiligungen gibt (soziale Benachteiligung, Bildungsbenachteiligung

usw.) und ob und wie man da ansetzen kann.

Erschwerend in der Diskussion um die „Jungen Wilden“ wirkt gerade die Tatsache, dass so

viele für sie zuständig sind oder sein können und falsche Anreize gegeben werden. Die

derzeitigen Finanzierungsmodelle reichen nicht aus oder sind sogar kontraproduktiv und

führen damit zu einer Ressourcenvergeudung. Weshalb werden denn durchaus fortschrittliche

gesetzliche Vorschriften in praxi nicht oder nur unzureichend umgesetzt? Ich denke da

bspw. an die Soziotherapie oder das Persönliche Budget. Unter anderem auch deshalb,

weil es sich betriebswirtschaftlich nicht rechnet.

Um es zu resümieren: ich glaube, wir brauchen strukturelle Veränderungen. Hilfen müssen

aus einer Hand kommen und nach Möglichkeit mit einem wie auch immer gestrickten

Budget unterlegt sein. D.h. wir benötigen regionale Finanzierungs- und

Steuerungsmodelle, die individuelle und bereichsübergreifende Hilfen ermöglichen. Es gibt

Beispiele für solche Regionalbudgets. In der Jugendhilfe ist das bereits ein alter Hut, aber

wie wir heute gelernt haben brauchen wir integrierte Regionalbudgets, wobei auch

Krankenkassen, die Arbeitsförderung, andere Reha und Weitere beteiligt sein müssen,

wenn es wirklich funktionieren soll. 2

2 Erlauben Sie mir als die Randbemerkung, dass sich bspw. auch die empirische Wirtschaftswissenschaft seit längerem

mit der Frage beschäftigt, wie solche komplexen Gebilde wie das deutsche Gesundheits- und Sozialsystem funktionieren

und ob und wie man sie optimieren kann. Der bisherige Erkenntnisgewinn ist ernüchternd: das hier vorherrschende

fraktionierte oder segmentierte System und das Prinzip Geld folgt Leistung führt id.R. zu Fehlanreizen und damit auch zu

unsachgemäßen Mengenausweitungen, nicht aber zwangsläufig zur besten Hilfe.

46


Zusammenfassung der Podiumsdiskussion

Frau Dr. Draba berichtete zunächst von der Frühjahrssitzung des Psychiatrieausschusses

LSA am 16.03.2011. Bei dieser Sitzung gab es ein fachliches Input zu den Schnittsellen

Jugendhilfe-Sozialhilfe von Frau Dr. Rasch vom Deutschen Verein für öffentliche und

private Fürsorge e.V. Darin wurde Folgendes problematisiert:

� Die unterschiedlichen Zuständigkeiten (Örtlicher vs. Überörtlicher Träger)

werden als problematisch erachtet; besser wäre ein Universalansprechpartner

und solange dies nicht möglich ist, eine verbesserte Kommunikation und

Kooperation zwischen Beiden.

� Das SGB XII erfasst alle Behinderungsarten, das SGBB VIII nur die seelische

Behinderung; diesem Problem widmet sich seit 2009 auch die Arbeits- und

Sozialministerkonferenz (ASMK) � favorisiert wird die „große Lösung“, d.h. die

Zuständigkeit der Jugendhilfe für alle jungen Menschen, demzufolge auch für

Menschen mit körperlichen Behinderungen und Intelligenzminderungen

(ehemals geistige Behinderung)

� Wichtig wäre auch die Stärkung der Fachkompetenzen der Jugend- und

Sozialämter sowie der Sozialpsychiatrischen Dienste der Landkreise in Bezug auf

die sich verändernde Klientel

Frau Dr. Draba erlebt in ihrer Praxis v.a. drei verschiedene Gruppen junger Klienten:

� emotional-instabile, „unreife“ Klienten, die vordergründig sozialpädagogische

Hilfe benötigen,

� „auffällige“ junge Menschen, die später eine Psychose o.ä. entwickeln können;

hier sind vornehmlich medizinische Hilfen vonnöten,

� junge Menschen mit diversen Problemlagen (Arbeitslosigkeit, Schulden etc.)

aber ohne aktuelle Hilfemotivation und erkennbare psychische Erkrankung; auch

hier handelt es sich in erster Linie um ein (sozial)pädagogisches Problem.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Podiumsdiskussion sehen für die im Blickpunkt

der Veranstaltung stehende Klientel vorrangig die Jugendhilfe in der Verantwortung,

insbesondere im Rahmen der §§ 13 und 41 SGB VIII. Sie favorisieren mehrheitlich die sog.

große Lösung, d.h. die Alleinzuständigkeit der Jugendhilfe für alle jungen Menschen

unabhängig von Art und Schwere der Behinderung. Solange eine geteilte Zuständigkeit

existiert, gälte es ganz besonders, dass sich die verschiedenen etwaig zuständigen

Kostenträger absprechen und kreative Lösungen finden (eventuell im Sinne von

Modellprojekten).

Des Weiteren treffen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgende Empfehlungen:

� die Einrichtung unabhängiger Beschwerdestellen

� die Etablierung regionaler Hilfeplanverbünde mit gemeinsamem Budget,

� eine Verbindung psychiatrischer Diagnostik mit sozialpädagogischen Verfahren,

� ein institutionell übergreifendes, personenbezogenes Mentoring /

Fallmanagement

� die Schaffung niedrigschwelliger, kreativer Angebote (z. B. jugendhilfebezogene

gemeinnützige Jobbörsen)

47


Die Expertinnen und Experten sehen dabei die besonderen Schwierigkeiten ländlich

geprägter Gebietskörperschaften bei der Bereitstellung eines Netzes von Angeboten und

Hilfen. Sie mahnen als Grundvoraussetzung eine hinreichende Finanzierung durch

Landkreis und Land an.

Weiterführende Informationen sowie Quellenangaben beim Verfasser.

Kontaktdaten:

Landkreis Börde

Gesundheitsamt / Psychiatriekoordination

René Grummt

Gerikestraße 5

39340 Haldensleben

E-Mail: rene.grummt@boerdekreis.de

48


8. Anlage Presse Bessere Hilfe für Junge Wilde

René Grummt

Psychiatriekoordinator

Landkreis Börde

Ralf Hattermann

Grundsatzreferent

Behindertenhilfe

PRESSE

Bessere Hilfe für „Junge Wilde“ – Fachleute diskutierten in Peseckendorf

Die Zahl junger Erwachsener, die irgendwie noch nicht „so richtig“ im Leben angekommen sind,

wächst dramatisch. Viele kommen aus Problemfamilien, haben keinen Schulabschluss, keine

Ausbildung, keinen Job. Sie verstricken sich in zahllosen Konflikten und sprengen die Strukturen

bestehender Hilfesysteme.

Mit dieser Entwicklung ändern sich auch die Anforderungen an die Helfer. Oftmals werden die jungen

Menschen von Amt zu Amt „weitergereicht“ oder bekommen erst gar keine Hilfe, weil sie als

hilferesistent gelten. Sind sie psychisch krank und kann ihnen deshalb nur die Klinik helfen? Ist ihr

Hilfebedarf pädagogischer Natur? Oder bleibt nichts anderes, als sie sich selbst zu überlassen?

Mit diesen und vielen weiteren Fragestellungen beschäftigten sich am Mittwoch Vertreter der AWO,

vom PARITÄTISCHEN Sachsen-Anhalt, das Sozialwerk Kinder- und Jugendhilfe, die Psychosoziale

Arbeitsgemeinschaft Landkreis Börde und der Landkreis Börde. Im Auditorium saßen rund 100

Teilnehmer, die in ihrer tägliches Praxis mit dieser Gruppe der „jungen Wilden“ arbeiten und ihnen

doch so oft nicht wirklich helfen können.

„Es ging uns in dieser ersten Veranstaltung zunächst darum, diese ‚neuen‘ Klienten aus

unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten und gemeinsam zu überlegen, wie man ihnen durch

mehr Zusammenarbeit bessere Unterstützungsangebote machen kann“, erklärt René Grummt,

Psychiatriekoordinator des Landkreises Börde. Eine abschließende Lösung zum Umgang mit den

„jungen Wilden“ könne zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht geben, so Grummt in seinem Resümee,

doch sei ein guter Anfang gemacht, um wirksame Hilfesysteme für die Jugendlichen entwickeln zu

können. Jetzt gelte es, alle Beteiligten aus der Kinder- und Jugendhilfe, der Eingliederungshilfe, der

Kinder- und Jugendpsychiatrie, den Sozial- und Jugendämtern, der Krankenkassen, der Jobcenter

und auch des Sozialministeriums – an einen Tisch zu holen, gemeinsame Hilfen zu organisieren und

vorhandene Ressourcen und Zuständigkeiten im Sozialrecht (etwa im Bereich der

Jugendsozialarbeit) optimaler zu nutzen, damit die „jungen Wilden“ nicht weiterhin durch alle Raster

fallen.

BU 2: Dr. Steffi Draba vom Psychiatrieausschuss des Landes Sachsen-Anhalt und Prof. Dr. Titus

Simon, Professor für Jugendarbeit und Jugendhilfeplanung an der Fachhochschule Magdeburg-

Stendal waren zwei der Referenten der Tagung.

BU3: Rund 100 Teilnehmer diskutierten in Peseckendorf über „Junge Wilde“.

Für Nachfragen rufen Sie gern an:

René Grummt

Psychiatriekoordinator Landkreis Börde

Tel: 03904/7240-2561

Funk: 02577/1528498

E-Mail: rene.grummt@boerdekreis.de

Ralf Hattermann

Grundsatzreferent Behindertenhilfe

Tel.: 0391 - 62 93 533

Funk: 0151 - 16 26 67 35

E-Mail: rhattermann@mdlv.paritaet.org

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9. Anlage Volksstimme Oschersleben 07.04.2011

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10. Fotoimpressionen zur Tagung „Junge Wilde“

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