SPECIAL

netzkult

2mIUnHf

Porträt: Joyce DiDonato & David Fray

Klavier-Festival Ruhr: play America

»Acht Brücken«: von Köln nach Korea

Tipps für den Konzert-Besuch

Das Gürzenich-Orchester in Asien

24 SEITEN

MUSIK

SPECIAL

VERLAGSBEILAGE


So 7. Mai 18:00 Funkhaus Wallrafplatz

Saul Williams | Poetry-Sprecher

Mivos Quartet

Sa 6. Mai 17:00 Lagerstätte für die

mobilen Hochwasserschutzelemente

In Zusammenarbeit mit

Hannah Silva

Forms of Protest

Sa 6. Mai 21:00 Kölner Philharmonie

Trommelsprachen – Languages of Drums

Zohar Fresco

V Suresh

Misirli Ahmet

Christian Thomé

u. a.

Eine Reise durch Rhythmus und Takt mit Musikern

aus Deutschland, Frankreich, Indien, Israel und der Türkei

Gefördert durch

achtbruecken.de

0221.280 281

cd: hidabicer.com | Foto: Geordie Wood, Field and McGlynn, Getty Images/iStockphoto

B RUBRIK SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


Ensemble Modern, Foto: Katrin Schilling

Inhalt

MEHR EMPFEHLUNGEN AB

SEITE 48

IMPRESSUM

Musik Special 2017

K.WEST

erscheint monatlich im

Verlag K-West GmbH

Dinnendahlstr. 134

45136 Essen

Tel.: 0201 / 49 068-14

Fax: 0201 / 49 068-15

www.kulturwest.de

REDAKTION

V.i.S.d.P.: A. Wilink

MARKETING

MaschMedia, Oberhausen

LAYOUT

Morphoria, Pecher

DRUCK

Hitzegrad Print Medien &

Service GmbH, Dortmund

TITEL

Joyce DiDonato, Foto: Dries

36

38

40

42

44

46

48

54

5 Fragen an...

Louwrens Langevoort, Intendant der Philharmonie

Köln

Und die Welt steht still

Aktiv hören – der französische Pianist David Fray

A wie Abenteuer, C wie Chin

Das Festival »Acht Brücken« in Köln

»Amerika ist unbefangener«

Das Klavier-Festival Ruhr widmet sich dem Kontinent

jenseits des Atlantiks: Franz-Xaver Ohnesorg

sagt, weshalb...

Das wird noch viel größer!

Eindrücke vom Gastspiel des Kölner

Gürzenich-Orchesters in Südkorea und China

Festivals in Bonn und Dortmund

Wo man was hören sollte

Empfehlungen für den Konzertbesuch – Klassik

und Jazz

Geschmeidigkeitsketten

Porträt: die Ausnahme-Sängerin Joyce DiDonato

K.WEST 03/17


5 Fragen an… Louwrens Langevoort

INTERVIEW CHRISTOPH VRATZ

Foto: Köln Mu si k/ Matt hias Baus

Vor etwa einem Jahr kam es in der

Kölner Philharmonie zu Aufruhr,

weil der iranische Cembalist Mahan

Esfahani außerplanmäßig ein Stück

von Steve Reich erklären wollte – und

zwar in englischer Sprache. Aus dem

Publikum kamen auffordernde Rufe

wie »Sprechen Sie Deutsch!«. Heftig

war das mediale Echo. Nun kehrt Esfahani

nach Köln zurück, am 1. März

spielt er dasselbe Stück. Philharmonie-Intendant

Louwrens Langevoort

erklärt den Vorfall.

k.west: Waren Sie damals im Konzert, und wie sind Sie mit der Situation danach

umgegangen?

LANGEVOORT: Ich saß andernorts in der Aufführung einer Wagner-Oper

und wurde in der Pause informiert über das, was sich ereignet

hatte. Wir haben noch am selben Abend geprüft, wie es dazu gekommen

ist und beschlossen, dass wir das Steve-Reich-Stück mit Mahan Esfahani

nochmals aufführen werden, wenn auch in anderem programmatischen

Kontext. Man muss heute festhalten, dass vieles nicht so dramatisch war,

wie es nachher in einigen Medien dargestellt wurde.

k.west: War die Reaktion auch der spezifischen Situation eines Sonntagnachmittag-Konzerts

geschuldet?

LANGEVOORT: Ich denke schon, dass dies in einem Abend-Konzert so

nicht passiert wäre. Was aber nicht daran liegt, dass dem Nachmittags-Publikum

der Umgang mit neuerer Musik fremd wäre. Es ist teilweise auch eine

Generationen-Frage. Einem eher älteren Publikum ist die englische Sprache

nicht ganz so vertraut wie einem jüngeren Publikum, abends. Darauf muss

ein Musiker Rücksicht nehmen. Übrigens hatte Esfahani seinen Wunsch,

das Stück zu erklären, uns gegenüber vorher nicht angekündigt. Wir hätten

dann im Vorfeld darauf hingewiesen, dass zehn Minuten Erklärung auf

Englisch in diesem Konzert zu lang wären.

k.west: Steht die Reaktion des Publikums nicht im Gegensatz zu dem, was

in vielerlei Modellen, etwa bei Gesprächs-Konzerten, erfolgreich erprobt wird?

LANGEVOORT: Das ist aber ein anderes Format. Es handelt sich im besagten

Fall um Abonnenten, die sich für eine bestimmte Konzertform

entschieden haben und sich dann nicht im Konzert auf etwas Anderes

einstellen möchten oder können. Ich habe nur zehn Tage nach dem Konzert

eine Gruppe junger Amerikaner durch die Philharmonie geführt und

sie gefragt, wie lange das Publikum schweigen würde, wenn ein Musiker

in Amerika zehn Minuten lang ein Stück in deutscher Sprache erklären

würde. Die Antwort war eindeutig: höchstens eine Minute.

k.west: Würden Sie sagen, dass das Musik-Publikum insgesamt offen ist und tolerant?

LANGEVOORT: In den zwölf Jahren, die ich in Köln bin, habe ich so etwas

wie bei diesem einen Konzert noch nicht erlebt. Das sagt doch schon einiges.

Gerade beim Umgang mit Neuer Musik habe ich viel Toleranz erlebt.

Man muss sich als Musiker, wenn man zum Publikum sprechen möchte,

über ein gutes Timing bewusst sein. Esfahani hat in London einmal Bachs

Goldberg-Variationen gespielt und wollte anschließend dem Publikum das

Werk erklären. Gut gemeint, aber die Leute wollten nach Hause.

k.west: Geht also umgekehrt Ihr Appell an die Musiker, sich zu überlegen, ob und

was sie dem Publikum sagen?

LANGEVOORT: Natürlich. Ich muss mir als Künstler bewusst sein, ob ich

in einem Saal, der primär für Musik geeignet ist, ein Publikum mit Worten

überhaupt erreichen kann, und wenn, in welcher Form und Länge. Stellen

Sie sich vor, ein Musiker würde ein Stück sehr leise oder auf sehr akademische

Weise erläutern, auch das würde Unmut auslösen, selbst wenn es in

deutscher Sprache geschähe.

2 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


Liana Aleksanyan (Cio-Cio-San). Foto: Hans Jörg Michel. Gestaltung: Markwald Neusitzer Identity

Theater Duisburg

01.03. | 05.03.| 09.03.

06.05. | 26.05. | 03.06.2017

„Sensationelle

Titelheldin, packende

Inszenierung,

brillantes Orchester “

( WAZ )

operamrhein.de Tel. 0203.283 62 100


Und die Welt

steht still

TEXT CHRISTOPH VRATZ

Aktives Hören: Der französische

Pianist David

Fray ist ein exquisiter Sonderling

und ein Denker

der Musik. Er fühlt sich

wohl in dieser Rolle und

geht konsequent seinen

Weg – mit teils verstörendbetörenden

Ergebnissen.

Schön und klug: David Fray. Foto: Paolo Roversi

Als »Visionär mit Querkopf«, »Revoluzzer mit sanftem Anschlag«

und »Schnelldenker im Langsamkeitsrausch« wurde er

medial präsentiert. Ein Außenseiter? Durchaus. Aber niemand,

den man mit Etiketten erwischen würde. Auf Presse-Fotos sieht

man den französischen Pianisten David Fray oft ernst dreinblicken,

mitunter leicht grimmig – als solle der Blick Schutz und

Filter gegenüber Vereinnahmung bilden. Eine äußerlich sehr

romanhafte Erscheinung ist Fray.

Schon der Jüngling (Fray ist Jahrgang 1981) verhielt sich wachsam

und voller Skepsis, wenn gleichaltrige Kollegen an namhaften

Wettbewerben teilnehmen wollten. »Viele wollten gut

vorbereitet sein, um vor einer Jury zu bestehen. Doch an einem

Klangbild tüfteln, eine Idee ausbrüten? Das ist eher die Ausnahme,

doch letztlich viel wichtiger.« Fray ist um klare Aussagen

nicht verlegen, so pauschal aber sind sie selten.

Mit Bach und Boulez hat seine CD-Karriere begonnen, ein

Spannungsverhältnis, das einiges über ihn aussagt. Bach ist

inzwischen einer seiner Heiligen. Lange Zeit hat er seine Musik

nicht mal sonderlich gemocht und sie erst spät für sich entdeckt.

Aber was heißt schon spät bei jemandem, der erst Mitte

30 ist? Fray stammt aus dem südfranzösischen Pyrenäen-Städtchen

Tarbes. Seine Eltern sind ein Kant- und Hegel-Forscher,

Philosoph also, und eine Deutschlehrerin mit tschechisch-polnisch-finnischen

Wurzeln. Klavier lernte er nur, weil das Instrument

eigentlich für den Bruder angeschafft wurde. Einer

seiner Klavierlehrer wurde Jacques Rouvier, der auch Hélène

Grimaud unterrichtet hat.

Drei Schallplatten, die er zuhause fand, sollten David beeinflussen:

Karl Böhm dirigiert das Mozart-Requiem, eine Aufnahme

über das Leben Franz Schuberts sowie Glenn Gould

mit Bachs »Goldberg-Variationen«. Bach – Mozart – Schubert:

kaum Zufall, dass auch Fray seine ersten Einspielungen den

drei Komponisten gewidmet hat? Inzwischen ist er bei Chopin

angekommen. Alles klar. Denn es gibt wohl keinen Pianisten

aus dem Nachbarland, der sich an dem polnisch-französischen

Wahl-Pariser vorbeimogeln könnte. Fray hat lange gewartet –

und spielt diese Musik anders. Gegen den Mainstream, aber

nicht manieriert.

Fray gehört zu den Grüblern, die sich schier unendlich Zeit lassen,

bis sie uns am heimlich Erprobten teilhaben lassen. Dann

aber umso nachhaltiger. Frays Chopin klingt nicht wattig. Vielmehr

tiefsinnig. Zeigt das Bild einer zutiefst verletzlichen Seele.

4 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


Chopin, der Zauderer, der Scheue. Aber auch Chopin, der

auf engstem Raum Neues wagt, als stiller Revolutionär.

Jedes Stück ist eine kleine Ballade. Fray sagt, er halte,

»die Idee einer Erzählung für sehr wichtig, die Idee eines

konstruierten Diskurses, um sich direkt an den Hörer zu

wenden. Gleichzeitig ist es mir ein zentrales Anliegen,

Fragen zu stellen, den Text, die Musik zu hinterfragen,

sich selbst«. Er sei kein Freund einer passiven Lektüre von

Musik – und auch nicht Anhänger des passiven Hörens.

Er möchte, »dass sich der Hörer aktiv in das Geschehen

mit seinem Hören einbringt«.

Bei Fray, der sich aus der Masse guter, talentierter Pianisten

heraushebt, schwingt eine poetische Form von Nachdenklichkeit

mit, die sich nicht aus Kraftanstrengung, sondern

mittels Versenkung erzeugt. Sein Repertoire ist schmal

und erlesen. Mit Debussy kann er nicht viel anfangen.

Schumann? Noch vorsichtig. Die Russen? Lieber erst gar

nicht. Das wirkt, verglichen mit anderen Klassik-Chartstürmern

wie Lang Lang, erfrischend anders, für manch

einen wohl befremdlich oder gar verstockt. Bei Fray ist

nichts spontan, sondern unendlich oft erwogen.

Intellektuell auch im Gespräch. Er sei überzeugt, »Musik

ist die Kunst der Zeit. Musik könnte nicht existieren,

gäbe es nicht das Vorherige, Künftige, Jetzige. Jede Note

hat eine Bedeutung im Zusammenhang mit dem, was

vorausgegangen ist und was kommen wird. Doch Musik

ist auch unter einem anderen Aspekt die Kunst der Zeit.

Ihre grundlegende Komponente spiegelt sich in jeder einzelnen

Interpretation. Denn alles, jeder Rhythmus, jede

Pause ist subjektiv. Die Zeit ist subjektiv.«

In die Boulevard-Schlagzeilen geriet Fray, der Eventisierung

für ein Armutszeugnis unserer Kultur hält, als

seine Liaison mit der Tochter des italienischen Star-Dirigenten

Riccardo Muti publik wurde. Inzwischen ist

er mit ihr verheiratet – und Vater geworden. Seine Zusammenarbeit

mit anderen Musikern beschränkt sich

(noch) auf eine erlesene Gruppe. Wohl sind da die großen

Orchester, die ihn einladen. Kammermusik? Selten.

Lied? Kaum.

Oberflächlich betrachtet könnte man Fray das Sensible

als Pose vorwerfen, doch entspringt seine Empfindsamkeit

aus dem hohen Verantwortungsbewusstsein für die

Kunst. Stille ist ihm ein hehres Gut. Als sich Fray bei einem

Konzert in Madrid einer Armada hustender Zuhörer

ausgesetzt sah, verließ er die Bühne, kam nach einigen

Minuten mit Mikrofon zurück und bat: »Könnten Sie

jetzt bitte sehr leise sein?« Stille im Konzertsaal entsteht

für Fray, wenn die Welt aufhört, sich zu drehen.

DAVID FRAY MIT REPERTOIRE-PROGRAMM

U.A. CHOPIN, SCHUMANN, BACH:

9. MÄRZ 2017, PHILHARMONIE, KÖLN (MIT ORCHESTER)

10. MÄRZ, BIELEFELD, RUDOLF-OETKER-HALLE (SOLO)

11. MÄRZ, DÜSSELDORF, TONHALLE (SOLO)

28. APRIL, COESFELD (MIT ORCHESTER)

Klavier-Festival Ruhr

Die Pianisten der Welt beflügeln Europas neue Metropole

05. Mai – 20. Juli 2017

Info | Ticket: 01806 - 500 80 3*

*(0,20 €/Anruf aus dem dt. Festnetz, Mobil max. 0,60 €/Anruf)

69 mal auf 36 Podien

in 22 Orten!

Pierre-Laurent

Aimard

Rudolf

Buchbinder

Nelson

Freire

Menahem

Pressler

Igor

Levit

Martha

Argerich

Khatia

Buniatishvili

Chilly

Gonzales

Jan

Lisiecki

Sir András

Schiff

Buchen Sie Ihre Tickets

platzgenau im Internet

unter www.klavierfestival.de

Daniel

Barenboim

Hilario

Durán

Hélène

Grimaud

Radu Lupu

Grigory

Sokolov

Rafał

Blechacz

Chucho

Valdés

Diana

Krall

Gabriela

Montero

Jean-Yves

Thibaudet

… und viele andere!

NEUE CD: CHOPIN – DAVID FRAY; ERATO CD 0190295896478

K.WEST 03/17

RUBRIK

5


A wie Abenteuer, C wie Chin

TEXT GUIDO FISCHER

Das Musikfestival »Acht Brücken« gibt

»Ton, Satz, Laut« vor. In Köln trifft

eine koreanische Komponistin auf

Ligeti oder Kurt Schwitters auf

Gerhard Rühm oder Manfred Trojahn

auf Helmut Lachenmann und Blixa

Bargeld.

Komponisten-Porträt: Unsuk Chin. Foto: Eric Richmond

Ein halbwegs stimmiges Textbuch reicht schon aus,

um auf der Opernbühne große Gefühle auszulösen.

Letztlich kommt es auf die Magie der Musik an und

weniger aufs gesungene Wort, von dem man ohnehin

zumeist nur die Hälfte versteht. Weshalb dann

nicht ganz auf ein fein gedichtetes Libretto verzichten,

dachte sich 1963 György Ligeti. So schrieb der

in den 1950er Jahren in Köln gestrandete Ungar die

Comic-Strip-artige Kurzoper »Aventures«, in der

nach allen Regeln des Nonsens geschnattert und

gelallt, gelacht und geheult, gebibbert und geblökt

wird. Trotzdem ist zu verstehen, über was sich hier

drei Sänger in den Haaren liegen. Die fast schon

dadaistische Klangerzählung gehört zu den Klassikern

einer neuen Vokalmusik, bei der Musik und

Sprache ein experimentierfreudiges Mischungsverhältnis

eingehen.

Weil sich das Kölner Festival »Acht Brücken« in

seiner 7. Ausgabe dem zeitgenössischen Spektrum

von Wortklängen und Sprachmelodien widmet,

müssen auch Ligetis »Aventures« in dem groß

und breit aufgestellten Programm dabei sein. Darüber

hinaus gibt es Jazz- und Weltmusik-Aromen

im Songformat mit Bands wie Marcando

und Metromara. Freunde höherer Dezibelzahlen

und gelegentlich kryptischer Lyrik kommen beim

Greatest-Hits-Programm des Berliner Neo-Noise-Kollektivs

Einstürzende Neubeuten um Frontmann

Blixa Bargeld auf ihre Kosten.

Den Schwerpunkt der etwa 50 Veranstaltungen

umfassenden, wieder die gesamte City bespielenden

»Acht Brücken« bildet neuerlich die klassische

zeitgenössische Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

Gemäß dem Motto »Ton. Satz. Laut« spannen

die auf lautpoetische Ausnahmezustände spezialisierten

»Sprechbohrer« den Bogen von Kurt

Schwitters bis Gerhard Rühm. Das Frankfurter

Ensemble Modern hebt ein abendfüllendes Vokal-

und Orchesterwerk von Manfred Trojahn aus

der Taufe und präsentiert mit Komponist Helmut

6 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


Lachenmann in der Sprecherrolle einen Ausschnitt

aus dessen Oper »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern«.

Kölns GMD François-Xavier Roth

bespiegelt in Konzerten mit dem Gürzenich-Orchester

die französische Moderne mit Werken von

Debussy, Ravel sowie des aktuellen »Komponisten

für Köln«, Philippe Manoury.

Auch von György Ligeti spinnen sich Fäden aus.

Dessen Landsmann Péter Eötvös hat für das Festival

ein riesig besetztes »Oratorium balbulum«

komponiert, bei dem ein besoffener Engel und ein

stotternder Prophet ihren Auftritt haben. Zu Ligeti

besaß auch die südkoreanische Komponistin Unsuk

Chin eine besondere Beziehung. Von 1985 bis 1988

hat sie bei ihm in Hamburg studiert. Ligeti holte die

damals 24-jährige, bereits mit Preisen ausgezeichnete

Komponistin beim Kennenlernen auf den Boden

der Tatsachen zurück. Kaum hatte der strenge

Lehrer sich ihre Werke angeschaut, urteilte er, sie

seien alle »unoriginell«. Das Verdikt sowie die Jahre

in Ligetis Klasse haben die Studentin zwar gebremst

und eine künstlerische Krise ausgelöst. Rückblickend

ist sie ihm für seine harsche Kritik dankbar,

da er damit ihren undogmatischen Blick auf die

zeitgenössische Musik geschärft habe: »So viele Dinge,

von denen wir glauben, wir hätten sie erfunden,

existieren bereits, in der frühen europäischen wie in

der nichteuropäischen Musik.«

Die musikalische Neuerfindung hat Unsuk Chin

für sich ad acta gelegt. Vielmehr bekennt sie sich zu

den Einflüssen, die westliche Klassiktradition und

fernöstliche Volksmusik auf ihr Schaffen ausgeübt

haben. Damit hat sie es geschafft, eine gefragte

Stimme innerhalb der Neue-Musik-Szene zu sein.

Von Simon Rattle, dem Kronos Quartet und dem

Chicago Symphony Orchestra werden ihre Stücke

aufgeführt. 2007 wurde ihre von Kent Nagano in

München dirigierte Oper »Alice in Wonderland«

zur Uraufführung des Jahres gewählt. 2004 erhielt

sie für ihr Violinkonzert den mit 200.000 Dollar

dotierten Nobelpreis für klassische Musik: Die Jury

des amerikanischen Grawemeyer Award for Music

Composition attestierte dem Werk »glitzernde Orchestrierung«

und »impulsiven Ausdruck«. Musik,

die verblüfft und unerwartete Wendungen zeigt.

»Acht Brücken« porträtiert die aus Seoul stammende,

schon lange in Berlin lebende Musikerin mit

diversen Orchester- und Kammermusikkonzerten.

Das ungemein Sinnliche und Farbnuancierte ihres

Violinkonzerts zieht sich deutlich durch die jetzt

aufgeführten Instrumentalwerke. Das Pariser Ensemble

intercontemporain gastiert mit dem fragilen,

fast an ein Schattenspiel erinnernden Doppelkonzert

für Klavier, Schlagzeug und Ensemble. Eine

Hommage ans koreanische Straßentheater ist das

Ensemblestück »Gougalōn«. Mit dem Konzert für

Sheng und Orchester huldigt Unsuk Chin sogar der

jahrtausendealten chinesischen Mundorgel.

K.WEST 03/17

Dass die Koreanerin auch, wie zuvor György Ligeti,

lustvoll die Grenzen zwischen Sprache und Musik

auslotet und damit neue Ausdrucksebenen erfindet,

bewies sie nicht nur in »Alice in Wonderland« (Ausschnitte

daraus präsentiert das SWR Symphonieorchester

in Form einer Konzertsuite). Schon für das

1993 vollendete Vokalstück »Akrostichon – Wortspiel«

atomisierte sie Texte aus Michael Endes »Die

unendliche Geschichte« und aus Lewis Carrolls

»Alice hinter den Spiegeln« in ihre phonetischen Einzelteile

und setzte sie zu mikrotonalen oder expressiv

wuchtigen Klang-Geschichten für Sopran und Ensemble

zusammen. Damit hat sie ihren internationalen

Durchbruch geschafft. Jetzt ist das Stück in einem

Konzert zu hören, bei dem das Neue Ensemble unter

Leitung von Stephan Meier etwa die Vokalkomposition

»dear dusty moth« des englischen Altmeisters

Harrison Birtwistle uraufführt. Arrangiert wird zudem

ein imaginäres Treffen zwischen Unsuk Chin

und ihrem Lehrer Ligeti, von dem neben »Aventures«

auch seine zweite Nonsens-Minioper »Nouvelles

Aventures« zu erleben ist.

ACHT BRÜCKEN – »TON. SATZ. LAUT«; 28. APRIL BIS 7. MAI 2017

WW.ACHTBRUECKEN.DE

LWL-Industriemuseum I Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

Kristjan Järvi

(Dirigent)

Henrichshütte Hattingen

Mikhail Simonyan

(Violine)

Baltic Sea Philharmonic

Kristjan Järvi, Mikhail Simonyan

Waterworks I Händel & Glass

Freitag, 5. Mai 2017, 19 Uhr

Karten 12 I 15 I 20 Euro bei eventim.de

www.lwl-industriemuseum.de


»Amerika ist

unbefangener«

INTERVIEW CHRISTOPH VRATZ

Franz-Xaver Ohnesorg. Foto: Peter Wieler

Das Klavier-Festival Ruhr

widmet sich der amerikanischen

Klaviermusik. Immer

noch ringt dieses Repertoire

bei uns um Anerkennung –

zu Unrecht, findet der Intendant,

Franz-Xaver Ohnesorg.

k.west: Wie haben Sie die amerikanische Klaviermusik

für sich entdeckt?

OHNESORG: Vor allem durch den Pianisten und Dirigenten

Dennis Russell Davies. Er hat mir schon zu meiner Kölner Zeit

diese Musik nähergebracht und mich dann auch zu Philip Glass

geführt, bei dem wir inzwischen schon zwei Mal Auftragswerke

für das Klavier-Festival bestellt haben. Und Heinz Holliger

hatte mich mit Elliott Carter bekannt gemacht, der sein Klavierquintett

für die Kölner Philharmonie geschrieben hat.

k.west: Und durch welche Komponisten noch?

OHNESORG: Wie bei vielen anderen Menschen auch über George

Gershwin, den ich als Jahrhundert-Komponisten verehre. Er

steht wie niemand anderer für die Verbindung von klassisch-europäischer

und amerikanischer Jazz-Musik. Dann natürlich Leonard

Bernstein, dem ich in meinen frühen Münchner Jahren mehrfach

begegnet bin und von dem ich sehr, sehr viel gelernt habe. Später

dann habe ich andere Werke, etwa die »Concord«-Sonate von

Charles Ives, entdeckt, dank Pierre-Laurent Aimard, oder dank

Kurt Masur die Musik von Aaron Copland.

k.west: Welche Rolle spielt dabei Ihre Zeit als Chef

der New Yorker Carnegie Hall?

OHNESORG: Der Blick ist differenzierter geworden, weil ich

eine Reihe von Komponisten dann auch persönlich kennengelernt

habe, etwa John Adams, William Bolcom oder La Monte

Young, dem ich dank Wulf Herzogenrath ebenfalls schon in

den 80er Jahren in Köln begegnet bin.

k.west: Teilen Sie den Eindruck, dass wir uns in Mitteleuropa

mit dieser Musik oft noch schwertun?

OHNESORG: Es gibt leider nicht oft Gelegenheit, diese Musik

bei uns live zu erleben. Aber wenn man sie erst kennengelernt

hat, entwickelt sich ein Sog, und man möchte noch mehr hören,

insbesondere auch aus dem späten 19. Jahrhundert. Etwa

von Amy Beach, die mit ihrer »Gaelic Symphony« bewusst eine

Gegenposition zu Dvořaks »Neuer Welt« bezieht. Oder aus den

1930er-Jahren etwa von Leroy Anderson, den ich überaus schätze.

Man würde den amerikanischen Komponisten sehr unrecht

tun, wollte man aus unserer europäischen Sicht herablassend

auf sie schauen; diese Musik hat eine sehr hohe Originalität,

die sich in Amerika entwickelt hat, auch im Spannungsfeld mit

volkstümlicher Musik, auch unter dem Einfluss von südamerikanischer

Musik. Eine eurozentrische Sichtweise wäre da völlig

unpassend. Amerika ist unbefangener, freier von Traditionen

und in manchem auch reicher. Zum Beispiel Philip Glass, der

das repetitive Moment in seinen Werken entwickelt und mit

anderen Komponisten weltweit verankert hat.

k.west: Müssen Sie bei den Pianisten noch Überzeugungsarbeit

für dieses Repertoire leisten?

OHNESORG: Gerade die jungen Pianisten bringen viel Neugierde

mit, denken Sie an Igor Levit und seinen Einsatz für die

Werke von Frederic Rzewski. Oder Tamara Stefanovich. Sie ist

eine große Kennerin der amerikanischen Musik, beeinflusst sicherlich

durch Pierre-Laurent Aimard. Sebastian Knauer ließ

sich schnell für Bernsteins Widmungsstücke begeistern, Joseph

Moog spielt Edward MacDowell und stellt selbst eine Folge aus

dem »American Songbook« zusammen.

k.west: Bei der Planung konnten Sie kaum ahnen, wie

sich die USA aktuell politisch präsentieren würden…

OHNESORG: Der Wahlkampf ließ schon Schlimmes befürchten.

Daher wollte ich bewusst in den Programmen die eigentlichen

amerikanischen Werte abbilden, auch in Verbindung mit

der Musik aus Südamerika. Ich halte es für sehr wichtig, dass

wir den Künstlern, die für die positiven Werte Amerikas stehen,

jetzt den Rücken stärken.

k.west: Ist Vielfalt ein Wert an sich?

OHNESORG: Vielfalt meint ja nicht Beliebigkeit. Die Vielfalt ist

auch für die amerikanische Musik prägend. Man braucht nur an

Rzewskis »The People United Will Never Be Defeated« zu denken

– dieser große Variationenzyklus basiert auf einem chilenischen

Protestlied, das erst kürzlich bei einem Protestmarsch gen Washington

gesungen wurde. Die Amerikaner haben es immer verstanden,

verschiedene Sichtweisen und Stile zusammenzubringen.

Das war schon bei Gershwin so. Oder bei John Philip Sousa und

seinen Märschen, oder bei Ives und erst recht bei Copland, dessen

»Fanfare for the common man« mich immer wieder neu an hohe

amerikanische Werte erinnert. Patriotismus darf man nicht mit

Nationalismus verwechseln. Wir sollten uns das Bild von einem

noblen Amerika gerade jetzt erhalten; es darf nicht überstrahlt

werden von dem, was wir aus dem Weißen Haus hören.

KLAVIER-FESTIVAL RUHR: 5. MAI BIS 20. JULI 2017

WWW.KLAVIERFESTIVAL.DE

8 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


Programm-Höhepunkte

Dem Festival-Schwerpunkt entsprechend spielt Sebastian

Knauer am 7. Mai einen Klavierabend ausschließlich

mit Werken von Bernstein, Copland,

Barber und Gershwin – ein Parcours entlang der

Säulen der US-amerikanischen Musik. Igor Levit

paart große Variationen-Zyklen, wenn er in Düsseldorf

Bachs »Goldberg« und Beethovens »Diabelli«

spielt, dazu Rzewskis »The People United Will Never

Be Defeated« (16. und 19. Mai). Einen kontinentalen

Brückenschlag wagt Zhang Zuo. Die Chinesin spielt

am 29. Mai in Bochum Werke des Südamerikaners

Alberto Ginastera (dazu Granados, Liszt und Beethoven).

Zu Stammgästen des Festivals zählt das

Klavierduo Ya-Fei Chuang und Robert Levin. Auch

diesmal ist das Programm etwas für Entdecker mit

Werken von Yehudi Wyner, John Harbison, Earl

Wild, Harold Shapero sowie mit einer Bearbeitung

des Rakoczy-Marsches durch Earl Wild (6. Juni).

In Duisburg spielt Jeremy Denk am 22. Mai einen

Abend zum Thema »Piano Rag« mit Werken von

Bach und Scott Joplin, Hindemith und William Bolcom,

Schubert und Conlon Nancarrow. Der Franzose

Jean-Yves Thibaudet beweist sein Faible für

Gershwin am 28. Juni in Wuppertal, das Orchester

der Ludwigsburger Schlossfestspiele steuert Bernstein

und Rachmaninow bei.

Daneben dürfen die großen Namen nicht fehlen. Radu

Lupu gastiert am 19. Juni in Düsseldorf (Haydn,

Schumann, Tschaikowsky); András Schiff widmet

sich am 27. Juni in Dortmund Bach, Bartók und

Schumann, bevor er im Juli in Essen-Werden einen

mehrtägigen Meisterkurs leitet. Rafał Blechacz offeriert

ein barock-klassisch-romantisches Programm

mit Bach, Beethoven und Chopin am 21. Juni in Essen.

Hélène Grimaud kommt mit Cellist Jan Vogler

zu einem Duo-Abend (10. Juli, ebenfalls Essen); und

die Pianisten-Legende Menahem Pressler spielt am

14. Juli ein Recital in Bochum. Das Abschlusskonzert

bestreitet Grigory Sokolov am 20. Juli in Duisburg

mit Sonaten von Mozart und Beethoven.

Mozart 36

Was ist Reife?

2. Juni – 2. Juli 2017

Christiane Karg, René Jacobs, Herbert Blomstedt,

Sakari Oramo, Isabelle Faust, Jörg Widmann,

Kit Armstrong, Martin Fröst, Renaud Capuçon

www.mozartfest.de | Tel. +49 (0) 931 / 37 23 36

K.WEST 03/17 9


Das wird noch

viel größer!

TEXT REGINE MÜLLER

Eindrücke vom Gastspiel des

Kölner Gürzenich-Orchesters mit

François-Xavier Roth in Südkorea

und China – und auch noch bei

bestem Wetter und guter Luft.

Wer käme darauf, dass von den Segnungen des

Kölner Karnevals das Musikleben in Fernost profitiert?

In Köln pausiert während des jecken Treibens

das Opernhaus. Als Nebenwirkung hat das Gürzenich-Orchester

Luft im Dienstplan und Kapazität

für Tourneen. So brach der Klangkörper im vergangenen

Februar zur jetzt bereits vierten Tournee nach

Asien auf. Es war die erste große Tour mit GMD

François-Xavier Roth, der zum Amtsantritt nicht das

sanierte Haus am Offenbachplatz einweihen konnte,

sondern mit dem Provisorium in Deutz vorlieb nehmen

muss. Umso wichtiger ist ihm diese Reise, auch

wegen des internen Betriebsklimas. Auf der letzten

Station, die von Seoul über Beijing nach Shanghai

führte, sitzt er in seinem Hotelzimmer im 48. Stock

mit atemberaubenden Blick über die blinkende Mega-City

und ist froh: »Man begegnet sich ganz anders,

nicht so wie in Köln. Dort haben wir Konzert, Oper,

Probenzeit und natürlich den Alltag. Hier ist das normale

Leben weit weg, wir leben zusammen, man redet,

reist, isst gemeinsam.«

Am Beginn ein Schreckmoment: Als der Airbus mit

104 Orchestermitgliedern und Begleitteam schon kurz

auf der Landebahn des Flughafens Incheon aufsetzt,

reißt der Kapitän die Nase des Fliegers wieder hoch,

um noch mal kräftig durchzustarten. Eine reine Sicherheitsmaßnahme,

nach einer minimalen Verzögerung

im minutiösen Sekundentakt. Es drückt alle wieder

in den Sitz, bevor nach eleganter Kurve der zweite

Anflug makellos gelingt. Das Durchstarten soll zum

perfekten Motto für das gesamte Gastspiel werden.

Glück schon beim Wetter. Zwar hatte die Reiseleitung

Atem-Masken verteilt, denn in Beijing, der einstigen

Fahrrad-Metropole, sorgen immer wieder horrende

Smog-Werte für dicke Luft. Auch in Shanghai drückt

häufig der Nebel des Verkehrs-Aufkommens. Doch

eine Woche lang herrschte eitel Sonnenschein in Asien,

bittere Kälte mit eisigen Winden in Seoul, trockene

Minus-Grade bei strahlendem Himmel in Beijing,

lauer Vorfrühling im subtropischen Shanghai.

Allerdings macht die Kälte der ersten zwei Stationen

den Instrumenten zu schaffen. Im 2500 Plätze fassenden

Saal des Seoul Arts Center herrschen bei der

ersten Probe Kühlschrank-Temperaturen; und es

zieht kräftig. Im Konzert hat es sich klimatisch normalisiert,

aber es scheint in Korea üblich, im Mantel

National Center of the Performing Arts in Beijing Foto: Holger Talinski

10 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


im Konzert zu sitzen. Trotz der Preise von umgerechnet

mehr als 100 Euro auf den besseren Plätzen

sind etwa 2000 Besucher da, um dem ausgefuchsten

ersten Programm der Tour zu lauschen, das sich

um den Ton d dreht: Anton Weberns Passacaglia

d-Moll, Beethovens Violinkonzert in D-Dur mit der

norwegischen Virtuosin Vilde Frang und Brahms’

zweite Symphonie, wiederum in D-Dur. Das Publikum

scheint fachkundig und höchst konzentriert.

Roth beweist gewohnt scharfen Sinn für die musikalische

Architektur und subtile Nuancen: Weberns

Passacaglia klingt souverän strukturiert und doch

süffig in den spätromantischen Klangballungen.

Die ätherische Vilde Frang schwebt herein und gibt

schon beim ersten Doppelgriff-Aufstieg zu verstehen,

dass sie nichts hält vom Beethoven-Klischee

der wuchtigen Pranke. Brahms’ lichte zweite Sinfonie

hat Transparenz und flüssige Rhetorik – das

Orchester produziert wachsenden Jubel im Parkett.

Mahlers Fünfte, einst durch den Komponisten vom

Gürzenich-Orchester uraufgeführt, steht in China

auf dem Spielzettel. Das gigantische National

Center of the Performing Arts in Beijing brütet

nahe der Verbotenen Stadt wie ein riesiges Ei hermetisch

in einem künstlichen See. In der Halle ist

großer Bahnhof, um mit dem Konzert die 30-jährige

Städtepartnerschaft zwischen Köln und Beijing

zu feiern. Oberbürgermeisterin Henriette Reker

betont, dass in »schwierigen Zeiten wie diesen« solche

Verbindungen »wichtiger denn je« seien. Das

Orchester gewissermaßen als offizieller Botschafter.

Geschäftsführer Patrick Schmeing weiß um diese

luxuriöse Position: »Wir haben von der Stadt ausdrücklich

den Auftrag, das Gürzenich-Orchester

und Köln international zu präsentieren.«

Das Musizieren erlebt seine Steigerung in Beijing:

Vilde Frang spielt noch wagemutiger; das Orchester

liefert mit Mahler ein Maximum an Spielfreude und

Klangsinnlichkeit. Das als reserviert angekündigte

lokale Publikum ist am Ende ganz aus dem Häuschen.

Gleiches gilt für Shanghai, wo sich die Hörer

spürbar erst anwärmen müssen und auf Beethovens

Violinkonzert noch kühl reagieren. Erstaunlich auch

hier wiederum die hohe Aufmerksamkeit. Orchestervorstand

Georg Heimbach kann vergleichen, er hat

alle Asien-Tourneen mitgemacht: »Beim ersten Mal

wurde noch telefoniert und der Laptop ausgepackt«.

Auch die Altersstruktur sei eine andere: »Man sieht

nur schwarze Haare.«

In Beijing hätte man während des Konzerts eine

Stecknadel fallen hören können. Womöglich wurde

von offizieller Seite etwas nachgeholfen, denn die

Türsteher mit Laser-Pointern blitzen jeden im Publikum

an, der mit dem Smartphone auch nur hantiert.

Spürbar ist aber die echte Begeisterung. Roth ist

überzeugt, dass China bei der Klassischen Musik erst

am Anfang einer epochalen Entwicklung stehe: »Das

wird noch viel größer!«

17. – 20.

November

2016

www.colognefineart.de

k.west 03/2017

Home

sweet home

Wohnen im Dorf,

mit Kunst oder

in winzigen Häusern

16 Seiten

RumäniSche

GeGenwaRtSk

Caro

Pe

ist ger

Handelnde –

auf der B

Degas u

Rodi

Weshalb Wuppe

zwei Giganten d

Moderne kombini

»Alles

von Herbe

Grönemeye

»Es ist Zeit«

für den

Dok-Film in

Duisburg

K.WEST_Umschlag_11.2016.indd 1 21.10.16 13

COFA16_210x297-K.West.indd 1 22.08.16 11:44

Marcel Broodthaers

in der Kunstsammlung K21

Positionsbestimmung:

Was soll das Theater?

k.west 10/2016

KULTURWEST.DE | MÄRZ 2017 | ISSN 1613 – 4273 | 4,50 €

24 SEITEN

MUSIK

SPECIAL

kulturwest.de

vertrieb@kulturwest.de

0201/49068-14

Kultur in

NRW

k.west – zehn Mal im

Jahr, im gutsortierten Handel

oder im Abonnement.

KULTURWEST.dE | NOVEMBER 2016 | ISSN 1613 – 4273 | 4,50 €

K.WEST 03/17

SPECIAL MUSIK

11


Händel lässt die

Puppen singen

Das Dortmunder Festival Klangvokal

Auch in seinem neunten Jahr beleuchtet das Dortmunder

Klangvokal-Festival die Herrlichkeit und

Vielseitigkeit von Liedern, Arien und Chorsätzen.

Dass man diesmal besonders den musikalischen

engen Sperrbezirk verlassen wird, deutet das Motto

»Grenzenlos« an. Tatsächlich reicht das Spektrum

von der italienischen Barockoper über Bach-Motetten

und Weltmusik bis zu Schlagern und Filmsongs,

mit denen u.a. die deutsche Sopran-Queen

Simone Kermes gastiert. Auch die Oper präsentiert

sich im nicht alltäglichen Look. So ist Händels

»Acis und Galatea« in einer szenischen Fassung für

Puppen- bzw. Marionettentheater zu erleben. Ausgeheckt

hat das Spektakel für Groß und Klein die

aus Prag stammende Puppenspieler-Truppe »Buchty

a loutky«. Musikalisches Leben geben den kunstvoll

geschnitzten Sängern freilich Vokalisten und Instrumentalisten

aus Fleisch und Blut vom Ensemble

Collegium Marianum. Barockoper auf etwas andere

Art bieten zudem das französische Ensemble

Les Accents sowie das belgische Alte-Musik-Team

Vox Luminis. Während die Franzosen Vivaldis

Opern-Pasticcio »Tamerlano« von 1735 präsentieren,

bei dem auch Musik von Vivaldi-Kollegen wie

Johann Adolph Hasse erklingt, gastiert Vox Luminis

mit der halbszenischen Einrichtung von Purcells

Semi-Oper »King Arthur«. Dass diese Produktion

in Kooperation mit den Kollegen vom ehrwürdigen

englischen Aldeburgh Festival entstand, unterstreicht

das internationale Renommee von Klangvokal.

Andererseits sitzt an den Festival-Schalthebeln

mit Torsten Mosgraber eben auch ein exzellenter

Kenner, der auch dank seiner Funktionen bei

den Dresdner Musikfestspielen und beim Brüsseler

Théâtre de la Monnaie bestens vernetzt ist. GUFI

28. Mai bis 25. Juni 2017, Dortmund

www.klangvokal-dortmund.de

Sonnenaufgangs-Musik

Zum 8. Mal das Bonner Jazzfest – topbesetzt

Auf so ein Jazzfest kann die Region rund um die ehemalige

Bundeshauptstadt nur gewartet haben. Schon die Premiere des

jährlich stattfindenden Jazzfests Bonn war 2010 ausverkauft.

An der hundertprozentigen Auslastung hat sich seither nichts

geändert. Weshalb es auch jetzt nicht verwundert, dass lange

vor Start der 8. Ausgabe die ersten Konzerte bereits ausgebucht

sind. Am Erfolgsrezept hat der Bonner Saxofonist und künstlerische

Leiter Peter Materna nichts verändert. Er setzt auf eine

Mischung aus internationalen Top-Stars und Neuentdeckungen,

die sich auch in der Festival- bzw. Konzertdramaturgie

spiegelt. Bei den zwölf Doppelkonzerten bildet die Begegnung

mit ganz unterschiedlichen Musikerpersönlichkeiten den Mittelpunkt.

Da löst die kühle norwegische Jazzsirene Rebekka

Bakken das deutsche Fusion-Quartett Tubes & Wires um Niels

Klein ab. Tags darauf präsentiert erst der E-Bass-Heroe John

Patitucci sein »Electric Guitar Quartet«, bevor mit Viktoria

Tolstoy die Ur-Urenkelin des russischen Dichterfürsten Leo

Tolstoi gastiert. Die gebürtige Schwedin gehört zu den charismatischen

Sängerinnen, vor der sich selbst ein Musiker wie Pat

Metheny schon schwärmend verbeugt hat: »Wenn du singst,

geht die Sonne auf«. Die attraktiven Konstellationen geben

den Takt vor für ein Festival, das diverse Veranstaltungsorte

wie etwa die Bundeskunsthalle und das Beethoven-Haus bespielt.

Zwischen weiteren Doppelkonzerten u.a. mit Gitarrist

Kurt Rosenwinkel & dem Projekt »Hildegard Lernt Fliegen«

blitzt das Gastspiel eines Trios auf, dem exklusiv die Opernhaus-Bühne

gehören wird: Der amerikanische Klavierlyriker

Brad Mehldaum will mit seinen Kollegen Larry Grendier

(Bass) und Jeff Ballard (Schlagzeug) einmal mehr berühmten

Jazz- und Pop-Songs ganz ohne Worte Flügel verleihen. GUFI

12. bis 27. Mai 2017, Bonn

www.jazzfest-bonn.de

Stimmlich mit dabei in Bonn: Viktoria Tolstoi. Foto: ACT Gregor Hohenberg

12 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


URAUFFÜHRUNG

SOPHIA, DER

TOD UND ICH

NACH DEM ROMAN VON

THEES UHLMANN

Premiere 3. März 2017

Vorstellungen 11., 22. März;

8., 9., 21. April 2017

Grillo-Theater

Tickets T 02 01 81 22-200

www.theater-essen.de

3 BY EKMAN

(FLOCKWORK – TUPLET – TYLL)

BALLETTABEND MIT WERKEN

VON ALEXANDER EKMAN

Choreografie, Bühne, Video Alexander Ekman

Kostüme Bregje van Balen, Nancy Bae,

Alexander Ekman

Licht Amith Chandrashaker, Tom Visser

Dramaturgie Markus Tatzig

Premiere 4. März 2017

Vorstellungen 9., 11., 15., 19. März;

2., 6., 8., 21., 27. April 2017

Aalto-Theater

Tickets T 02 01 81 22-200

www.theater-essen.de

DD_1703_K.West_Sophia_Ekman_GETEILT.indd K.WEST 03/17

1 RUBRIK 15.02.2017 17:35:4013


Klassik-Konzert-

Empfehlungen

Philippe Jaroussky

Countertenöre sind Schummler: »Falsettisten«. Sie lassen ihre

Stimmbandränder schwingen, um die Stimme in irre Höhen

zu schrauben. Sie singen »falso« – falsch. Die Tradition ist alt

und erlebt in jüngeren Jahrzehnten ihre beschleunigte Wiedergeburt.

Einer, der die Spezies Countertenor verstärkt ins Rampenlicht

zurückgeführt hat, ist Philippe Jaroussky. Der Franzose

ist ein vokaler Hochseilkünstler, dem das Schwierigste

gerade gut genug scheint. Doch ebenso beherrscht er die Kunst

des Einfachen und Schlichten. So entfaltet Jarousskys Gesang

eine eigene Magie. Seine Töne klingen wunderbar rund, frei

von Schärfe und schwerelos. Eine Stimme von zartem Schmelz.

18. März 2017, Konzerthaus Dortmund.

Chorus Musicus Köln & Christoph Spering

Im Bergischen Land gibt es eine Festwoche: »500 Jahre Reformation

– 50 Jahre Zeltkirche – Orgelmusik aus 5 Jahrhunderten«.

Unter diesem Motto wird die Woche von Andreas Meisner,

Domorganist und Kirchenmusikdirektor am Altenberger Dom,

in der Zeltkirche Kippekausen eröffnet. Eine Woche später

singt der Chorus Musicus unter seinem Leiter Christoph Spering

Kantaten und Motetten von Johann Sebastian Bach, Mendelssohn

Bartholdy und Max Reger. Wer die passende CD zu

der Festwoche bereits vorab hören möchte: Spering und seine

Musiker haben 13 Bach-Kantaten nach Texten und Melodien

von Martin Luther aufgenommen, auf vier CDs und in teils

neuartiger Interpretation (dhm/Sony).

19. März, Bergisch Gladbach-Refrath,

Zeltkirche Kippekausen.

Martin Stadtfeld

Was er macht, ist ungewöhnlich. Martin Stadtfeld entdeckt die

Etüden von Frédéric Chopin neu. Nicht nur, weil er einzelne

Werke völlig neuartig interpretiert, auch, weil er einem eigenen

Ansatz folgt. Für ihn bilden die 24 Werke eine Art Zyklus: »eine

klare Antwort auf das Wohltemperierte Klavier von Bach, wie

auch Chopins Umgang mit der Chromatik zeigt«. Chromatik

und Choral – für Stadtfeld zwei wesentliche Merkmale von Chopins

Zyklus. Doch der Pianist löst die feste Struktur der Etüden

auf, indem er an einigen Stellen eigene kurze Improvisationen

einstreut, kleine Ideen, die überleiten und Momente der Erholung

gönnen sollen. Außerdem hat Stadtfeld eine eigene Klavierfassung

von Bachs berühmter Chaconne für Violine erstellt.

29. März, Bonn, Beethovenhaus.

Brönnimann, Foto: Felix Bröde

Matthäus-Passion-2727

Cross-Over steht im Verdacht der Anbiederei, nicht aber, wenn

daraus mutige und innovative Ideen entstehen. So wie bei der

Matthäus-Passion 2727. Der Titel wurde geprägt durch die Frage,

was mit Bachs berühmtem Werk wohl 1000 Jahre nach der

Uraufführung 1727 geschehen sein wird. Dabei bestimmt die

Kamea Dance Company das Bühnengeschehen, während die

Barmen-Gemarke und das renommierte Barockorchester l’arte

del mondo die Musik liefern. Der Musik Bachs wird also mit

modernem Tanz eine visuelle Komponente beigefügt. Die gekürzte

Musik soll durch eine neu konzipierte Reihenfolge die

Vorerfahrung des Hörers aufbrechen, mit den Chorälen als

dramaturgischen Ruhepunkten.

30., 31. März, Leverkusen, Erholungshaus.

Nigel Kennedy

Für die einen ist er durchgeknallt, für die anderen ein genialer

Wachmacher im angeblich trägen Klassik-Betrieb. Von welcher

Seite man Nigel Kennedy auch betrachtet, wenn er will, ist er immer

noch ein großer Geiger. Dass er gern Faxen macht, dass er zu

Übertreibungen neigt, ist Skeptikern ein Makel, seine Bewunderer

jedoch schätzen gerade das an ihm. Eines ist der inzwischen

60-jährige Kennedy immer: ein Bühnentier, jemand, der für die

Musik lebt, authentisch ist und das, was und wie er gerade spielt,

genauso meint. Nach Düsseldorf reist er mit einem seiner Evergreens

– Vivaldis »Vier Jahreszeiten«. Kein Scherz!

1. April, Düsseldorf, Tonhalle.

14 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


Boris Giltburg

Wenn es herausragende Fußballer gibt, die bei einem Verein

sind, der nicht regelmäßig in der Champions League spielt, ist

es nur eine Frage der Zeit, bis Gerüchte über den Wechsel zu

einem der Big Player auftauchen. Das ist in der Musikwelt nicht

anders, auch in der Klassik. Ähnliches gilt für den Pianisten

Boris Giltburg. Der gebürtige Russe zählt seit einigen Jahren zu

den Aufsteigern der Szene. Noch nimmt er für das Label Naxos

auf, und man fragt sich: Wie lange noch? Giltburg ist blitzge-scheit,

ohne damit zu prunken. Er gibt sich bescheiden, auch

wenn ihm alle Türen offenstehen. In Bochum präsentiert er das

zweite Beethoven-Konzert, dem die Symphoniker Bruckners

Fünfte an die Seite stellen.

6. bis 8. April, Bochum, Musikforum.

Cellist Nicolas Altstaedt

Nachdem sich der deutsch-französische Cellist Nicolas Altstaedt

erst im Februar, gemeinsam mit Hauschka alias Volker

Bertelmann, der deutschen Erstaufführung des Filmprojekts

»LOST« widmete, kehrt der Artist in Residence noch einmal

nach Duisburg zurück, nun mit Kammermusikpartner Alexander

Lonquich am Klavier. Auf dem Programm stehen alle fünf

Cello-Sonaten von Beethoven, lauter Meilensteine. Die ersten

beiden Sonaten hatte Beethoven übrigens dem preußischen König

Friedrich Wilhelm II. gewidmet. Ob der wohl wusste, was

ihm da übereignet worden war?

7. Mai, Duisburg, Mercatorhalle.

Michael Barenboim

Ist der große Name Herausforderung oder Bürde? Vermutlich

beides. Michael Barenboim hat den Nachnamen des Vaters, die

musikalische Veranlagung von beiden Eltern: als Sohn von Daniel

Barenboim und der Pianistin Elena Baschkirowa. Doch

Michael, in Paris geboren und in Berlin aufgewachsen, spielt

nicht Klavier, sondern Geige, weil, so scherzte er, die Eltern

keinen guten Klavierlehrer gefunden hätten. Nun bahnt er sich

mit seiner Geige Schritt für Schritt den Weg auf die internationalen

Konzertpodien. Bei seinem Gastspiel im Arp-Museum

präsentiert er sich als Solist mit Bach und Bartók.

13. April, Bahnhof Rolandseck.

René Jacobs

Immer wieder kehrt Dirigent René Jacobs zu Mozart zurück.

Nach fast zwei Jahrzehnten ist das Projekt mit der Einspielung

aller Mozart-Opern abgeschlossen. Begonnen hatte es 1998 mit

»Così fan tutte«, und dorthin führt der Jacobs-Weg erneut, wenn

er das Werk konzertant in Köln aufführt: mit dem Freiburger

Barockorchester, dem idealen klanglichen Übersetzer von Jacobs’

Ideen. Wer »Oper konzertant« für eine langweilige Veranstaltung

hält, sollte sich diesen Termin als Gegenargument nicht

entgehen lassen. Jacobs ist ein Anti-Langweiler, das hat er oft genug

bewiesen, zumal er Gespür für gute, noch junge und wenig

bekannte Sänger besitzt.

22. April, Köln, Philharmonie.

Baltic Sea Philharmonic

Die Järvis sind eine Musiker-Familie, jedes Mitglied ist ein

Hochkaräter. Wer nach einem Dirigenten-Gen forscht, sollte

bei ihnen anfangen. Vater Neeme wird in diesem Jahr 80, die

Söhne Paavo und Kristjan sind gefragte Dirigenten. Der Jüngste,

Kristjan, gastiert in Hattingen mit dem Baltic Sea Philharmonic,

das Musiker aus allen zehn Ländern der Ostsee-Region

vereint. Ein Orchester mit klarer Botschaft. Es möchte Menschen

unterschiedlicher Nationalitäten und Biografien in einer

früher von Krieg zerklüfteten Region zusammenbringen, als

Vorbild für fried- und respektvolles Miteinander. Sie spielen

Musik von Händel und Philip Glass.

5. Mai, Hattingen, Henrichshütte.

JAZZAKADEMIE HEEK

Künstlerische Leitung: Jiggs Whigham

24.–28. MAI 2017

Heek (Münsterland)

▪ Workshops/Vorträge/Clinics

▪ Masterclasses für Instrumentalisten

und Vokalisten

▪ Mit Lehrenden der Jazzabteilungen

deutscher Musikhochschulen

▪ Für Nachwuchs, Amateure,

Studierende und Profis

▪ Jam-Sessions

▪ Konzerte

www.landesmusikakademie-nrw.de

K.WEST 03/17

SPECIAL MUSIK

15


Orchestra dell’Accademia Nazionale

di Santa Cecilia

In Italien gibt es im Grunde nur ein Konzert-Orchester von

Format. Das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia

existiert seit 1908; ein Traditionsorchester. Seit 2005 ist

Antonio Pappano der musikalische Leiter, er hat den zwischenzeitlich

schwankenden Tanker flottgemacht und mit einigen

hervorragenden Produktionen bewiesen, zu was die Musiker

fähig sind. Zu den Aufnahmen mit besonderem Charakter

zählen die späten Sinfonien von Tschaikowsky. Jetzt gastieren

die Italiener ebenfalls mit Tschaikowsky in Essen. Solistin des

ersten Klavierkonzerts ist die Chinesin Yuja Wang, an der sich

die Kritiker reiben. Die einen halten sie für famos, andere für

entwicklungsfähig. Hören Sie selbst!

13. Mai, Essen, Philharmonie.

Leonard Elschenbroich

Als er 2009 das Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein-Musikfestivals

an der Seite von Anne-Sophie Mutter spielte und

obendrein den Leonard-Bernstein-Preis gewann, öffneten sich

ihm wichtige Tore, hinter denen Musiker das Paradies erhoffen.

Auch so Leonard Elschenbroich, der Cellist. Die Ernennung zum

BBC New Generation Artist vor einigen Jahren wirkte nachhaltig.

Er durfte mit allen fünf Orchestern der BBC spielen und

aufnehmen. In zwei Jahren 20 Aufnahmen. Diese Hürde hat er

gemeistert. Elschenbroich ist kein Hansdampf, er gibt sich nachdenklich

und wohlüberlegt. Mit dem 2011 gegründeten Ungarischen

Kammerorchester spielt er ein seltenes Programm: Vivaldi,

Rossini, Paganini, Strawinsky, Verdi.

19. Mai, Viersen, Festhalle.

Baldur Brönnimann & Mikis Theodorakis

Über 90, und kein bisschen leise. Der griechische Komponist Mikis

Theodorakis mischt noch mit und sich ein. Sein ganzes Leben war

»ein endloser Kampf zwischen dem Idealischen und dem Wirklichen,

dem Alltäglichen und der Vision«, sagt er. Also sollte man

sich auch mit seiner Musik befassen. Die Düsseldorfer Symphoniker

bieten in einem einzigen Konzert Gelegenheit dazu, Theodorakis

exklusiv sozusagen. Denn Dirigent Baldur Brönnimann,

Schweizer von Geburt und Weltmann von Gesinnung, dirigiert

»Das Lied der Erde«, die zweite Sinfonie für Kinderchor, Klavier

und Orchester, und einen Satz aus Theodorakis’ dritter Sinfonie.

24. Mai, Düsseldorf, Tonhalle.

Lise de la Salle

Die Kern-Arbeitsphase beginnt ein halbes Jahr vor der öffentlichen

Aufführung. Mit aller Vorsicht: »Aufnahmen-Hören mit

Anderen, die Partitur kaufen, sie anschauen, ein bisschen dechiffrieren.«

Lise de la Salle ist eines der großen jungen französischen

Musiktalente. Wenn der Moment kommt, dass sich

die Pianistin mit dem Erlernten auf eine Bühne vor Publikum

traut, bedeutet das für sie nicht, dass das neue Stück gleich perfekt

sitzen muss. Da führe das Werk »noch ein Eigenleben«. Mit

dem Sinfonieorchester Aachen wagt sie sich an das F-Dur-Klavierkonzert

von George Gershwin.

28. und 29. Mai, Aachen, Eurogress.

Tobias Feldmann, Foto: Feldmann PR

Tobias Feldmann

2000 Menschen halten den Atem an. Dem Solisten ist eine

Saite gerissen. Ausgerechnet während eines Auftritts beim

international angesehenen Wettbewerb Reine Elisabeth in

Brüssel. Doch Tobias Feldmann gibt sich cool. Flugs dreht

er sich um, tauscht mit dem Konzertmeister das Instrument

und spielt weiter, als sei nichts gewesen. Später wird er Vierter

von 62 Teilnehmern. Musik prägt sein Leben. Der Vater

unterrichtet Musik in der Schule, die Mutter Gesang, beide

Eltern haben in der berühmten Gächinger Kantorei im Chor

gesungen. Mit acht Jahren kommt er als »Jungstudent« an die

Musikhochschule in Würzburg, heute zählt er zu den begabtesten

Geigern seiner Generation. In Mönchengladbach und

Krefeld präsentiert er das zweite Konzert von Béla Bartók.

30. Mai bis 2. Juni Krefeld/Mönchengladbach

Patricia Kopatschinskaja

Für den Geschmack am Grotesken, das Gespür im Umgang mit

dem Ungewöhnlichen, Abseitigen, Aufrüttelnden steht der Name

Patricia Kopatschinskaja leuchtend am Musikerhimmel. Oft hat

man der gebürtigen Moldawierin vorgeworfen, in ihrem Spiel sei

die Tendenz zur Karikatur implantiert. Doch die Geigerin entgegnet,

voller Selbstvertrauen: »Eine Karikatur ist viel individueller als

eine Kopie. Sie hat viel mehr Wert. Wenn ein Interpret diese Grenze

überschritten hat, hat er etwas riskiert.« Das schätze sie mehr,

als allen zu gefallen und es allen Recht zu machen.. In Dortmund

wagt sie sich an ein literarisch-musikalisches Grenzprojekt: an die

»Kafka-Fragmente« von György Kurtág.

11. Juni, Dortmund, Konzerthaus.

16 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


Frank Peter Zimmermann

In Duisburg geboren, in Köln wohnhaft, die Welt im Reisekalender.

Doch trifft man den Geiger Frank Peter Zimmermann

auch regelmäßig auf Konzert-Podien in NRW. Sein

Erfolg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen. Zimmermanns Bodenständigkeit

verleiht ihm künstlerisch Flügel – wie seine

Geige, die berühmte Stradivari, die er erst abgeben musste

(bevor das Land NRW sie endlich von der WestLB-Nachfolgerin

Portigon AG gekauft hat). Nach dem unfreiwilligen

Intermezzo kann er seine »Lady« wieder streicheln, und das

macht er mit seinem erklärten Lieblings-Konzert, dem einzigen

von Ludwig van Beethoven.

16. Juni, Bielefeld, Rudolf-Oetker-Halle.

»Spannungen« in Heimbach

Es soll Menschen geben, die mangels Karten noch nie in

Heimbach waren beim Kammermusik-Festival »Spannungen«.

Heuer startet der Vorverkauf am 1. April. Pianist Lars Vogt ist

Gründer und Spiritus rector dieser außergewöhnlichen Musikwoche.

Alljährlich lädt er Freunde und Nachwuchsmusiker ein,

die auf dem Sprung zur Karriere sind. Mit ihnen erarbeitet er

das Festival-Repertoire und das sogar meist live vor Publikum,

denn fast alle Proben in Heimbach sind öffentlich.

So sieht man im Juni wieder die Leute zwischen Burg und

Kraftwerk pendeln. Manch einer verbringt eine Woche Urlaub

und füllt die Zeit mit Musik und Naturimpressionen.

Weltklasse in der Eifel.

18. bis 25. Juni, Heimbach.

Matt Haimovitz

Der aus Israel stammende Cellist Matt Haimovitz ist einer der

ungewöhnlichsten Musiker unserer Zeit, ohne, dass er auf seinem

Gebiet so ungewöhnliche Programme wagt. Haimovitz

wurde in den späten 80er Jahren berühmt, als ihn die Deutsche

Grammophon unter Vertrag nahm, dann aber, wie einige andere,

schmucklos fallenließ. Daraufhin gründete Haimovitz mit

seiner Frau 1999 ein eigenes Label: Oxingale Records. Dort erscheinen

seither seine ungewöhnlichen Projekte. In Bonn tritt

er mit dem Pianisten Jean Marchand auf. Das Programm ist

typisch Haimovitz: Domenico Gabrielli, Du Yun, Bach, Debussy

und Beethoven.

23. Juni, Bonn, Beethovenhaus.

Sophie Karthäuser

Die belgische Sopranistin Sophie Karthäuser hat sich für ihre

Karriere dazu entschieden, sich weniger vom Rampenlicht

leiten, als vielmehr von Qualitätsprüfern wie René Jacobs begleiten

zu lassen. Schon in jungen Jahren hat sie das Gesamtkunstwerk

Oper für sich ausprobiert, ist in Karnevalskostüme

geschlüpft, die in einem alten Koffer aufbewahrt wurden, hat

sich Choreografien zu verschiedenen Musiken ausgedacht und

vor einem imaginären Publikum Aufführungen simuliert. Ein

bisschen davon hat sie sich bis heute erhalten. In Köln engagiert

sie sich an der Seite von Concerto Köln für die Musik von Georg

Philipp Telemann, die immer noch ein wenig im Schatten des

Duos Bach/Händel steht.

27. Juni, Köln, Philharmonie.


Jazztipps

Wolfgang Muthspiel

Der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel ist ein Allrounder.

Wie sonst nur noch Landsmann Joe Zawinul hat er es

geschafft, die beengende Heimat hinter sich zu lassen, um in der

US-Jazzszene Fuß zu fassen. Gary Peacock, Paul Motian, John Patitucci

und Peter Erskine – mit diesen Stars des Modern Jazz und

des Fusion hat er erfolgreich gemeinsame Sache gemacht. Nach

über 20 Jahren in den USA lebt Muthspiel wieder in Wien, wo er

auch als CD-Label-Eigner umtriebig ist. Seine Kontakte zu den

amerikanischen Kollegen sind aber nie abgerissen. So finden sich

mit Kontrabassist Scott Colley sowie Drummer Brian Blade zwei

Top-Jazzer von dort in seinem neuen Quintett, in dem zudem der

Waliser Gwylim Simcock am Klavier sitzt.

9. März, Philharmonie, Essen.

Roberto Fonseca

»ABUC« lautet das neue Album des Pianisten und Jazz-Wirbelwinds

Roberto Fonseca. Hinter dem Titel verbirgt sich, von hinten

nach vorn gelesen, seine Heimat Cuba. Auch wenn Fonseca

früher beim legendären Buena Vista Social Club mitmischte, ist

seine aktuelle CD zur Live-Tour kein klassisches lateinamerikanisches

Weltmusik-Paket. Immerhin hat er neben Jazz-Aromen

reichlich Electro-Beats und Hip-Hop-Groove, Soul und

Jungle in die auch von Mambo und Salsa beeinflussten Stücke

eingestreut. Wer musikalisch so vielseitig und ideenreich aufgestellt

ist, hat prominente Musikerfreunde wie Wayne Shorter

und Herbie Hancock. Eine weitere Grammy-Nominierung

dürfte ihm sicher sein.

17. März, Philharmonie, Köln.

Das k.west

Kunst-Special

AB ENDE MÄRZ

IM HANDEL

Julia Hülsmann

Die aus Bonn stammende, schon lange in Berlin lebende Jazz-Pianistin

Julia Hülsmann hat sich unter anderem dank ihrer Vertonungen

der Texte von E. E. Cummings sowie der Coverversionen

von Randy Newman früh einen Namen gemacht. Sie gilt als Patin

der deutschen Jazz-Klaviertrio-Kultur. 1997 gründete sie ein eigenes

Trio, mit dem sie europaweit zu einer der gefragtesten Jazzmusikerinnen

aufstieg. Auf ihren Lorbeeren ruht sich Hülsmann aber

nicht aus, wie ihr frisch veröffentlichtes Trio-Album »Sooner And

Later« beweist. Mit ihren Kombattanten Marc Muellbauer (Bass)

und Heinrich Köbberling (Drums) hat sie die eigenen Stücke verstärkt

mit Club-Grooves geupdatet. Neben einer Coverversion des

Radiohead-Songs »All I Need« ist etwa ein Erinnerungsstück zu

hören, das das Trio von einer Tour durch Kirgisien mitgebracht hat.

21. März, Altes Pfandhaus, Köln.

Avishai Cohen

Avishai Cohen hatte das Glück des Tüchtigen und Hochbegabten.

Kaum verließ der Kontrabassist seine israelische Heimat Richtung

New York, wurde er schnell von Szene-Größen wie Joshua Redman,

Wynton Marsalis und Herbie Hancock empfangen. Cohen spielte

zudem viele Jahre in den Bands von Chick Corea. Seitdem ist er

auch mit eigenen, zwischen Jazz und Weltmusik sich bewegenden

Bands enorm erfolgreich. Jetzt ist er mit seinem jüngsten Projekt

namens »Jazz Free« unterwegs. Auch bei der Deutschland-Premiere

in Dortmund wird er von erstklassigen Jazzmusikern unter anderem

aus Israel begleitet, darunter von Yael Shapira (Cello), Tal

Kohavi (Drums) und Keyboarder Yonatan Daskall. Mit ihnen wird

Cohen keinesfalls Hardcore-Avantgarde Marke Free-Jazz bieten.

Er verspricht vielmehr eine Begegnung zwischen Jazz, nahöstlicher

Weltmusik und Klassik.

29. März, Domicil, Dortmund.

Joachim Kühn

»Der musikalische Weltbürger Kühn sieht sich in der Tradition

des Jazz, wie auch verbunden mit der europäischen Konzertmusik,

aber bei alledem unmittelbar einer Klangsprache der Gegenwart

verpflichtet.« So hat der Leiter des Berliner Jazzfests den künstlerischen

Weg von Joachim Kühn gewürdigt – anlässlich seines 65.

Geburtstags. Vor sieben Jahren. Seitdem blieb der Pianist äußerst

umtriebig. 2016 veröffentlichte er das Album »Beauty & Truth«, für

das er »starke Melodien, die man gestalten kann«, aussuchte. Dazu

gehören »Blues for Pablo« von der Bigband-Ikone Gil Evans, »Riders

on the Storm« von den Doors und »Beauty and Truth« von Ornette

Coleman. Aufgenommen hat Kühn die CD mit Bassist Chris

Jennings und Drummer Eric Schaefer. Mit den Beiden ist er jetzt

auch unterwegs.

31. März, Friedenskirche, Ratingen.

Branford Marsalis

Wenn das kein Weltklasse-Gespann ist: Saxofonist Branford Marsalis

ist nicht nur mit seinem Allstar-Quartett feat. Joey Calderazzo

(Klavier) und Eric Revis (Bass) unterwegs. Als Special Guest wurde

kein Geringerer als der Grammy- Gewinner Kurt Elling eingeladen.

Mit dem smarten Jazz-Sänger wandelt Marsalis jetzt auf den

Spuren großer Song- bzw. Standardkomponisten. Neben Highlights

aus dem Great American Songbook verbeugt er sich zwischendurch

auch vor Modern-Jazz-Ikonen wie John Coltrane. Wer

partout die Live-Konzerte dieses Teams nicht abwarten kann und

sich schon mal einstimmen will, kann das mit dem 2016 veröffentlichten

Album »Upward Spiral« tun.

4. April, Theater, Gütersloh, 7. April, Konzerthaus, Dortmund.

Dieter Ilg

Ein Top-Jazz-Bassist wie Dieter Ilg gibt gern prominenten Musikern

Rückendeckung, etwa Till Brönner oder Thomas Quasthoff. Wenn

sich Ilg hauptverantwortlich zu Wort meldet, kommt Überraschendes

heraus. Im klassischen Jazzklaviertrio-Format begab er sich zum

Beispiel in die Opern-Vergangenheit und hat aus Verdis »Otello« jene

Ingredienzien heraus destilliert, die mit dem Jazz zum swingenden

Mini-Drama ohne Arien verschmelzen. Mit seinen Vertrauten Rainer

Böhm (Klavier) und Patrice Héral (Drums) würdigt Ilg einen

anderen Klassik-Titan. »Mein Beethoven« heißt das Album, bei dem

Themen aus Klaviersonaten wie auch der berühmte »Götterfunken«

raffiniert jazzy daherkommen.

23. April, Philharmonie, Essen.

18 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


Große Oper im StaatenHaus

Branford Marsalis. Foto: Marsalis Music

ab 2. april 2017

TurandoT

Giacomo puccini

Michael Wollny

Der aus Schweinfurt stammende Pianist Michael Wollny gilt

als einer der interessantesten, vielseitigsten Persönlichkeiten

der deutschen Jazzszene. Um einen Eindruck von seiner Bandbreite

zu vermitteln, widmet ihm das Dortmunder Konzerthaus

ein sechsteiliges Porträt. Am ersten Abend improvisiert

Wollny mit Schlagzeuger Eric Schaefer und einem Bläserensemble

zu Murnaus Stummfilmklassiker »Nosferatu«. Danach

steht ein Wiedersehen mit dem französischen Akkordeonisten

Vincent Peirani an, mit dem Wollny ein erfolgreiches Duo bildet.

Zum Finale präsentiert er eine Jazz-Fantasie über Bachs

Goldberg-Variationen, bevor er mit der hr-Bigband Eigenkompositionen

spielt. 5. bis 7. Mai, Konzerthaus, Dortmund.

Markus Stockhausen

Es gibt Trompetenstimmen, die hört man unter Tausenden heraus.

Markus Stockhausen besitzt sie. Es ist dieser strahlend klare,

ungemein intensiv dahinschwingende Klang, der so besonders

ist wie der von Miles Davis oder Chet Baker. Mit seinem Spiel

sorgt er zumal im Jazz europaweit für Furore. Und war auch an

Neue-Musik-Projekten seines Vaters Karlheinz maßgeblich beteiligt.

Im Mai feiert Markus Stockhausen 60. Geburtstag. Weil

er in der Kölner Philharmonie über Jahrzehnte hinweg spannende

Projekte realisiert hat, feiert er dort mit engsten Musikerfreunden.

Eingeladen wurden die Klarinettistin Tara Bouman,

Pianist Florian Weber, Gitarrist Ferenc Snétberger, Bassist Arild

Andersen sowie der Drummer Patrice Héral.

25. Mai, Philharmonie, Köln.

ab 21. Mai 2017

Le nozze

di figaro

WolfGanG amadeus mozart

ab 11. Juni 2017

fideLio

ludWiG van beethoven

Thomas Quasthoff

Obwohl noch keine Note veröffentlicht war, sorgte 2007 eine

Meldung für heftiges Rauschen im Feuilleton: Thomas Quasthoff

singt Jazz! Bis dahin kannte man den Bass-Bariton als begnadeten

Bach- oder Schubert-Sänger. Befürchtet wurde, Quasthoff

würde sich in die Riege jener prominenten Klassiksänger einreihen,

die den Wechsel ins Gershwin- und Cole-Porter-Fach

nachträglich bereut hatten. Doch der musikalische Fremdgeher

wusste es richtig zu machen: »Um Jazz-Standards adäquat singen

zu können, muss man die Begabung haben, genreübergreifend

zu musizieren.« Dieses enorme Talent pflegt er seither. Während

der klassische Interpret 2012 seinen Rücktritt erklärte, bleibt der

Jazzer aktiv, bevorzugt mit seinen Kollegen Frank Chastinier

(Klavier), Dieter Ilg (Bass) und Wolfgang Haffner (Drums).

16. Juli, Historische Stadthalle, Wuppertal.

K.WEST 03/17

RUBRIK

19


Geschmeidigkeitsketten

TEXT CHRISTOPH VRATZ

Schönheit, Wahrheit, Magie: Sie zählt zu den

Ausnahme-Sängerinnen und ist entsprechend selten zu

erleben. Nun gastiert Joyce DiDonato in Essen.

It’s magic: Joye DiDonato. Foto: McQueen

Sommer 2009. Covent Garden, Londons Vorzeige-Opernhaus.

Auf dem Programm: Rossinis »Barbier von Sevilla«. Die Partie

der Rosina soll Joyce DiDonato singen. Doch die hat sich

in einer vorherigen Aufführung das Bein gebrochen. Doch sie

kommt! Statt den Auftritt platzen zu lassen, fährt sie im Rollstuhl

auf die Bühne. Nichts kann sie vom Singen abhalten, auch

kein Gips, und so hat sie das Regiekonzept fix der neuen Situation

angepasst. »Die Bühne ist ein magischer Ort. Im Saal

sitzen Menschen, die dafür bezahlt haben, dass wir ihnen eine

Geschichte erzählen, und das möglichst mit Hingabe.«

Ihre Maxime für eine berührende Stimme beinhaltet drei Begriffe:

Schönheit, Wahrheit, Magie. Die Energie kommt gewissermaßen

von selbst – der Zauber des Theaters mit der symbiotischen

Verbindung zur Musik wirkt. Unabhängig davon,

ob man sich an einem Abend gut und wohl fühle oder mit der

Produktion oder Regie unglücklich sei. Die Adrenalin-Zufuhr

lässt sie dann solche Überlegungen und Zweifel vergessen.

Joyce DiDonato stammt aus einem kleinen Ort in Kansas. Der

Vater war Chor-Direktor. »Doch in einer Familie mit sieben

Kindern gehört zu werden, ist nicht einfach«, erinnert sie sich.

Die musikalische Familie besaß zwei Klaviere, an denen die

älteren Schwestern übten. »Zusammen haben wir vierstimmige

Madrigale gesungen. Ein wunderbarer Weg, um mit Musik

groß zu werden.«

Anfang der 1990er Jahre entschied sich Joyce DiDonato, Gesang

zu studieren. Sie ging zunächst nach Philadelphia, kam anschließend

in die Nachwuchsprogramme der Opern von Santa

Fe, Houston und San Francisco. Bereits in der Saison 2000/2001

eroberte sie die Mailänder Scala – als Aschenputtel in Rossinis

Oper. »Eigentlich wollte ich immer Background-Sänger für Billy

Joel werden, ich liebte seine Musik.« An der Highschool sang

sie dann Musicals, Oper interessierte sie da noch herzlich wenig.

Und sie dachte: »Du bist ein kleines Mädchen aus Kansas,

also wirst Du am besten wohl Lehrerin…«

Die Pädagogen-Laufbahn endete, bevor sie überhaupt begonnen

hatte. Schnell wurde Joyce DiDonato heimisch im Koloraturfach;

und – wie es sich für junge Sänger gehört – zunächst

bei Mozart, der »vielleicht größten Herausforderung für einen

Sänger: Er verlangt eine solche Reinheit, die aus seiner Musik

kommt, die einen nicht nur stimmlich, sondern im Ganzen

künstlerisch fordert«.

Auf der Bühne ist Joyce DiDonato konzentrierte Leidenschaft.

Sie wuselt und rennt, liebt entflammt und trauert aus tiefstem

Herzen. Sie beherrscht die Kunst der langen, geatmeten Melodiebögen,

aber ihre Stimme kann auch emphatisch lodern oder

blitzartig schleudern. Ihre Koloraturen sind Maßstab an Geschmeidigkeit,

Linienführung, gestalterischer Fantasie. Es sei

für sie ein großes Vergnügen, diese reinen Notenketten mit Bedeutung

zu versehen. »Das macht richtig Arbeit, und vielleicht

bin ich damit nicht immer erfolgreich, doch mein Anliegen ist

zu jeder Zeit, dass Musik ehrlich und emotional klingen soll.«

KONZERT:

27. MAI 2017; PHILHARMONIE, ESSEN: »IN WAR & PEACE«

NEUE CD:

»IN WAR & PEACE« MIT HÄNDEL, PURCELL, MONTEVERDI

ERATO CD 0190295928469

NEUE DVD:

BACH, MESSE H-MOLL; ERATO DVD 0880242730787

20 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17


Jazz in der

17.03.2017

Roberto Fonseca & Band

18.03.2017

Christian Lillingers Grund

20.05.2017

Tom Gaebel & His Orchestra

25.05.2017

Markus Stockhausen & Freunde

10.06.2017

Tigran Hamasyan

koelner-philharmonie.de

0221 280 280

K.WEST 03/17

RUBRIK

21


EinzigartigeReiseerlebnisse

&GenussfüralleSinne

Berlin 03.–06. Juni (Pfingsten)

Konzert mit Lang Lang, Turandot

Wien 15.–18. Juni

Don Carlo (Plácido Domingo), Rigoletto

Eisenach 28. April–01. Mai

Musikfest für Martin Luther

Dresden 27.–29. Mai

Otello, Konzert Tschechische Philharmonie

Paris 24.– 27. Mai

Eugen Onegin (Anna Netrebko), Ballettabend

Opernfestival Riga 08.–12. Juni

Eugen Onegin, Carmen

Festspiele Regensburg 17.–20. Juli

Aida im Schloss Thurn & Taxis

Festspiele Orange 07.–11. Juli

Rigoletto, Liederband Bryn Terfel

Torre del Lago Puccini 27.–30. Juli

La Bohème, Tosca

Musikfestival Dubrovnik 25.–29. August

Konzerte in der Altstadt

Glacier Pullman Express & Lucerne Festival

31. August–05./07. September

Fahrt in luxuriösen Salonwagen von St. Moritz

nach Zermatt, Konzerte: Pittsburgh Symphony

Orchestra & Anne-Sophie Mutter,

Concertgebouw Amsterdam u. a.

Beratung und Buchung ADAC Hessen-Thüringen e.V. – Reisen für Musikfreunde

Telefon: (069) 66 07 8304, Montag bis Freitag zwischen 9.00 und 17.00 Uhr, www.adac-musikreisen.de

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine