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5 Fragen an… Louwrens Langevoort

INTERVIEW CHRISTOPH VRATZ

Foto: Köln Mu si k/ Matt hias Baus

Vor etwa einem Jahr kam es in der

Kölner Philharmonie zu Aufruhr,

weil der iranische Cembalist Mahan

Esfahani außerplanmäßig ein Stück

von Steve Reich erklären wollte – und

zwar in englischer Sprache. Aus dem

Publikum kamen auffordernde Rufe

wie »Sprechen Sie Deutsch!«. Heftig

war das mediale Echo. Nun kehrt Esfahani

nach Köln zurück, am 1. März

spielt er dasselbe Stück. Philharmonie-Intendant

Louwrens Langevoort

erklärt den Vorfall.

k.west: Waren Sie damals im Konzert, und wie sind Sie mit der Situation danach

umgegangen?

LANGEVOORT: Ich saß andernorts in der Aufführung einer Wagner-Oper

und wurde in der Pause informiert über das, was sich ereignet

hatte. Wir haben noch am selben Abend geprüft, wie es dazu gekommen

ist und beschlossen, dass wir das Steve-Reich-Stück mit Mahan Esfahani

nochmals aufführen werden, wenn auch in anderem programmatischen

Kontext. Man muss heute festhalten, dass vieles nicht so dramatisch war,

wie es nachher in einigen Medien dargestellt wurde.

k.west: War die Reaktion auch der spezifischen Situation eines Sonntagnachmittag-Konzerts

geschuldet?

LANGEVOORT: Ich denke schon, dass dies in einem Abend-Konzert so

nicht passiert wäre. Was aber nicht daran liegt, dass dem Nachmittags-Publikum

der Umgang mit neuerer Musik fremd wäre. Es ist teilweise auch eine

Generationen-Frage. Einem eher älteren Publikum ist die englische Sprache

nicht ganz so vertraut wie einem jüngeren Publikum, abends. Darauf muss

ein Musiker Rücksicht nehmen. Übrigens hatte Esfahani seinen Wunsch,

das Stück zu erklären, uns gegenüber vorher nicht angekündigt. Wir hätten

dann im Vorfeld darauf hingewiesen, dass zehn Minuten Erklärung auf

Englisch in diesem Konzert zu lang wären.

k.west: Steht die Reaktion des Publikums nicht im Gegensatz zu dem, was

in vielerlei Modellen, etwa bei Gesprächs-Konzerten, erfolgreich erprobt wird?

LANGEVOORT: Das ist aber ein anderes Format. Es handelt sich im besagten

Fall um Abonnenten, die sich für eine bestimmte Konzertform

entschieden haben und sich dann nicht im Konzert auf etwas Anderes

einstellen möchten oder können. Ich habe nur zehn Tage nach dem Konzert

eine Gruppe junger Amerikaner durch die Philharmonie geführt und

sie gefragt, wie lange das Publikum schweigen würde, wenn ein Musiker

in Amerika zehn Minuten lang ein Stück in deutscher Sprache erklären

würde. Die Antwort war eindeutig: höchstens eine Minute.

k.west: Würden Sie sagen, dass das Musik-Publikum insgesamt offen ist und tolerant?

LANGEVOORT: In den zwölf Jahren, die ich in Köln bin, habe ich so etwas

wie bei diesem einen Konzert noch nicht erlebt. Das sagt doch schon einiges.

Gerade beim Umgang mit Neuer Musik habe ich viel Toleranz erlebt.

Man muss sich als Musiker, wenn man zum Publikum sprechen möchte,

über ein gutes Timing bewusst sein. Esfahani hat in London einmal Bachs

Goldberg-Variationen gespielt und wollte anschließend dem Publikum das

Werk erklären. Gut gemeint, aber die Leute wollten nach Hause.

k.west: Geht also umgekehrt Ihr Appell an die Musiker, sich zu überlegen, ob und

was sie dem Publikum sagen?

LANGEVOORT: Natürlich. Ich muss mir als Künstler bewusst sein, ob ich

in einem Saal, der primär für Musik geeignet ist, ein Publikum mit Worten

überhaupt erreichen kann, und wenn, in welcher Form und Länge. Stellen

Sie sich vor, ein Musiker würde ein Stück sehr leise oder auf sehr akademische

Weise erläutern, auch das würde Unmut auslösen, selbst wenn es in

deutscher Sprache geschähe.

2 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17

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