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Und die Welt

steht still

TEXT CHRISTOPH VRATZ

Aktives Hören: Der französische

Pianist David

Fray ist ein exquisiter Sonderling

und ein Denker

der Musik. Er fühlt sich

wohl in dieser Rolle und

geht konsequent seinen

Weg – mit teils verstörendbetörenden

Ergebnissen.

Schön und klug: David Fray. Foto: Paolo Roversi

Als »Visionär mit Querkopf«, »Revoluzzer mit sanftem Anschlag«

und »Schnelldenker im Langsamkeitsrausch« wurde er

medial präsentiert. Ein Außenseiter? Durchaus. Aber niemand,

den man mit Etiketten erwischen würde. Auf Presse-Fotos sieht

man den französischen Pianisten David Fray oft ernst dreinblicken,

mitunter leicht grimmig – als solle der Blick Schutz und

Filter gegenüber Vereinnahmung bilden. Eine äußerlich sehr

romanhafte Erscheinung ist Fray.

Schon der Jüngling (Fray ist Jahrgang 1981) verhielt sich wachsam

und voller Skepsis, wenn gleichaltrige Kollegen an namhaften

Wettbewerben teilnehmen wollten. »Viele wollten gut

vorbereitet sein, um vor einer Jury zu bestehen. Doch an einem

Klangbild tüfteln, eine Idee ausbrüten? Das ist eher die Ausnahme,

doch letztlich viel wichtiger.« Fray ist um klare Aussagen

nicht verlegen, so pauschal aber sind sie selten.

Mit Bach und Boulez hat seine CD-Karriere begonnen, ein

Spannungsverhältnis, das einiges über ihn aussagt. Bach ist

inzwischen einer seiner Heiligen. Lange Zeit hat er seine Musik

nicht mal sonderlich gemocht und sie erst spät für sich entdeckt.

Aber was heißt schon spät bei jemandem, der erst Mitte

30 ist? Fray stammt aus dem südfranzösischen Pyrenäen-Städtchen

Tarbes. Seine Eltern sind ein Kant- und Hegel-Forscher,

Philosoph also, und eine Deutschlehrerin mit tschechisch-polnisch-finnischen

Wurzeln. Klavier lernte er nur, weil das Instrument

eigentlich für den Bruder angeschafft wurde. Einer

seiner Klavierlehrer wurde Jacques Rouvier, der auch Hélène

Grimaud unterrichtet hat.

Drei Schallplatten, die er zuhause fand, sollten David beeinflussen:

Karl Böhm dirigiert das Mozart-Requiem, eine Aufnahme

über das Leben Franz Schuberts sowie Glenn Gould

mit Bachs »Goldberg-Variationen«. Bach – Mozart – Schubert:

kaum Zufall, dass auch Fray seine ersten Einspielungen den

drei Komponisten gewidmet hat? Inzwischen ist er bei Chopin

angekommen. Alles klar. Denn es gibt wohl keinen Pianisten

aus dem Nachbarland, der sich an dem polnisch-französischen

Wahl-Pariser vorbeimogeln könnte. Fray hat lange gewartet –

und spielt diese Musik anders. Gegen den Mainstream, aber

nicht manieriert.

Fray gehört zu den Grüblern, die sich schier unendlich Zeit lassen,

bis sie uns am heimlich Erprobten teilhaben lassen. Dann

aber umso nachhaltiger. Frays Chopin klingt nicht wattig. Vielmehr

tiefsinnig. Zeigt das Bild einer zutiefst verletzlichen Seele.

4 SPECIAL MUSIK

K.WEST 03/17

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