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Berlin – Die Schönheit des Alltäglichen, Urbane Textur einer Großstadt

ISBN 978-3-86859-380-8

Die

Die Wand lebt Gedanken zur Berliner Brandmauer Fensterlose Seitenwände von Häusern findet man in vielen Städten. Die Berliner Brandmauern springen ins Auge, weil sie höher und auch länger sind als anderswo. Ein Charakteristikum der Stadtlandschaft Berlin sind die Brandmauern. Auf dem Bild, das der Fotograf Rainer König 1966 am S-Bahnhof Savignyplatz von den Stadtbahnstrecke der S-Bahn aufgenommen hat (vgl. S. 12), hat es beinahe den Anschein, als sei die Trasse für die Bahn erst nachträglich aus der dichten Masse der Häuser und Blocks herausgeschnitten worden so glatt und säuberlich geht der Schnitt durch die Häuser, so dicht verlaufen die Bahngleise parallel zu den Brandmauern. Eine „Realcollage des Stadtraums“ nennt der Berliner Publizist Philipp Oswalt diesen berlintypischen Hang zu räumlicher Durchdringung und Überlagerung, der mittlerweile Generationen von Künstlern inspiriert hat. 1 Jedenfalls kommt der Zugreisende an keinem Ort der Stadt dem Leben und den Wohnungen fremder Menschen so nah ohne ihnen je zu begegnen. Alle drei Minuten rollt ein vollbesetzter Zug an ihrem Zimmer, ihrem Bett und ihrem Küchentisch vorbei, die S-Bahn nach Potsdam oder Spandau und lange Zeit auch der Zug von Moskau nach Paris. Unten: Selbst gebaute Brandmauerfenster irgendwo in Neukölln, Aufnahme aus der Nachkriegszeit 24 Stadtlandschaft Berlin

Fremde Schicksale gleiten vorüber In seinem Feuilleton „Fahrt an den Häusern“ beschreibt der Romancier Joseph Roth seine Gedanken bei dieser Fahrt zwischen Höfen, Häusern und hohen Wänden: „Ich kenne bestimmte Wohnungen, an dem und jenem Bahnhof. Es ist genauso, als wäre ich oft in ihnen zu Besuch gewesen, ich glaube zu wissen, wie die Menschen reden und wie sie diese und eine andere Bewegung vollführen.“ Leute, die an den Stadtbahngleisen leben, „sind gar nicht neugierig, denn sie haben sich daran gewöhnt, daß jede Minute ungezählte fremde Schicksale an ihnen vorübergleiten, ohne eine Spur zu hinterlassen.“ 2 Fensterlose Seitenwände von Häusern findet man anderswo auch; jene in Berlin fallen ins Auge, weil sie so hoch und oft auch lang sind wie wohl nirgendwo sonst. Das liegt daran, dass dahinter, auf der Hofseite des Hauses, das Vorderhaus, ein Seitenflügel, daran anschließend ein Quergebäude und oft ein zweites Quergebäude nahtlos aufeinander folgen, was sich an deren Rückseite stets als große, durchgehende Wand darstellt, von der man gar nicht weiß, was sich auf der anderen Seite gerade befindet. Die sehr hermetische, zäsurhafte Wirkung der Brandmauern kommt nicht von ungefähr, denn im Namen steckt ihr Zweck: Die 1858 verabschiedete Königliche Bauordnung für Berlin war insbesondere von Brandschutzüberlegungen geleitet, was auch daran lag, dass nach Schinkels Tod im Jahr 1841 die Verantwortung für Städtebau und Bauordnung an den Polizeipräsidenten überging. Dieser machte 1858 den Ingenieur James Hobrecht zu seinem Baubeauftragten. Der Bauassessor, von dem noch die Rede sein wird (vgl. S. 163), war nicht nur Kanalisationsexperte und Verfasser des berühmten Berliner Bebauungsplanes von 1862, sondern auch Erfinder der Brandmauer. 3 Das Übergreifen eines Feuers 25