Leseprobe_Barrie_Wie_meine_Mutter_yumpu

mitteldeutscherverlag

James M. Barrie

Wie meine Mutter

ihr sanftes

Gesicht bekam

Erzählungen

zahlreiche Texte in

DEUTSCHER

ERSTAUSGABE

Morio

Verlag

LESEPROBE


Nur wenige Schriftsteller sind so sehr von ihrem populärsten

Werk verdeckt worden wie James M. Barrie. Je größer und

nachhaltiger der Erfolg von „Peter Pan“ wurde, desto mehr ist

die Vielfalt und Qualität seines übrigen Werks zu Unrecht in

Vergessenheit geraten. Barrie war ein Meister der Erzählung.

Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam“ versammelt

fünfzehn Glanzstücke seiner Prosa, ein Großteil dieser Auswahl

erscheint zum ersten Mal auf Deutsch.

James M. Barrie

Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam

Herausgegeben, übersetzt

und mit einem Nachwort versehen von Michael Klein

ca. 220 Seiten · gebunden · ISBN 978-3-945424-45-2 · 19,95 €

Erscheinungstermin: Mai 2017


Biograph in Wartestellung

Wir haben die Veröffentlichungs-Saison erneut verpasst,

keineswegs zu meiner besonderen Überraschung, denn dies

ist meine Enttäuschung Nummer fünf. Es wäre nicht angebracht,

seinen Namen zu nennen; aber er ist weltbekannt,

und vor sieben Jahren bewunderte ich ihn dermaßen (wie

ich es auch heute noch tue), dass er mich zu seinem Biographen

erwählte. Er war seinerzeit ein alter Mann, derart gebrechlich,

dass es zwischen uns eine Art unausgesprochenes

Einvernehmen gab, dass – nun ja, dass er leider nicht mehr

lange leben werde. Ich arbeitete Tag und Nacht, ordnete

seine Korrespondenz, sichtete autobiographische Notizen

und allerlei unveröffentlichte Texte und formte sie zu einer

äußerst interessanten Biographie, die er selbst noch durchzusehen

begierig war. Seit fünf Jahren liegt sie fertig für den

Druck; er jedoch besteht darauf, dass die Veröffentlichung

posthum erfolgen müsse. Diverse Male hatte er Krankheiten,

aber er schüttelte sie alle ab, und die Verleger teilten

mir letzte Woche mit, er sehe derart blühend aus, dass sie

ihn für ein weiteres Jahr abgeschrieben hätten. Keine Frage,

ich bewundere ihn gleichermaßen wie einst, aber andererseits

sind die Zeiten für Biographien gerade besonders günstig,

und ich habe eine Familie zu ernähren und zu kleiden.

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In diesen fünf Jahren ist ihm nichts anderes geglückt

als die Verbesserung seiner Gesundheit. Hätte er seine

Reputation weiter gesteigert, es gäbe nichts zu meckern;

aber selbst die Reputation, die er einst besaß, betrachtet

er heute äußerst nachlässig. In seinem Alter werden

die bedeutendsten Menschen von Schlaflosigkeit gequält,

er hingegen sagt, er schlafe jetzt besser als in den vierzig

Jahren zuvor; und von seiner letzten Auslandsreise kehrte

er fidel und aufgeräumt zurück und keineswegs müde auf

einen Stock gebeugt. Eines Septemberabends dieses Jahr

sah ich ihn, mit einem Opernglas an den Augen, in den

Sperrsitzreihen eines Theaters, was gewiss ein bisschen

unverschämt ist von einem Mann, der vor sieben Jahren

zu meinem großen Bedauern und dem eines weiteren Anwesenden

(den ich jederzeit als Zeugen benennen kann)

unzweideutig erklärt hatte, er stehe mit einem Bein im

Grab. Ich krittele keineswegs daran herum, dass er noch

unter uns weilt, ich erfreue mich daran, finde aber, dass er

aus Rücksicht auf mich arbeitsam zuhause bleiben könnte.

Selbst wie die Dinge liegen, wäre es schmerzhaft für mich

zu glauben, dass ich in einem Moment der Unbedachtsamkeit

ein Wort gegen ihn gesagt haben könnte. Sobald meine

Biographie erscheint, wird man sehen, dass er der Held ist,

den ich stets bewundert habe.

Unterdessen – da keine absehbare Aussicht darauf

besteht, dass die Biographie veröffentlicht wird – will ich,

um sowohl ihm als auch mir Gerechtigkeit widerfahren

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zu lassen, erklären, dass er keineswegs blind ist, was die

missliche Lage angeht, in die seine Gesundheit mich bringt.

Es gibt Momente, in denen er äußerstes Mitgefühl mit mir

hat und es mir durch festes Drücken der Hand versichert.

Aus purer Freundlichkeit hat er mich während eines Gesprächs

wissen lassen, er fühle sich heute nicht wohl. Bei

derlei Gelegenheiten weiß ich seine Beweggründe zu schätzen;

aber seine Erklärung ließ mich keineswegs erbeben,

denn sein Gesicht strafte seine Worte Lügen. Auch sieht

er mich entschuldigend an, wenn andere in meiner Gegenwart

Bemerkungen über seine große Energie machen; und

so ist er nach wie vor, wofür ich ihn immer gehalten habe:

ein Mensch mit Feingefühl. Ein- oder zweimal – nicht häufig,

wie ich mit Freude feststelle – bin ich dazu verleitet

worden, mit ein wenig Bitterkeit über zu früh geschriebene

Biographien zu sprechen, und dann mag er vielleicht etwas

ungehalten gewesen sein. Rechtlich gesehen, gebe ich gerne

zu, ist seine Ansicht einwandfrei, dass ich keinen Anspruch

auf ihn hätte und dass ich die Aufgabe mit einem gewissen

Risiko übernommen habe. Freilich ist dies schwerlich eine

Sache, die lediglich von einem rechtlichen Standpunkt aus

betrachtet werden sollte. Die Frage ist, ob das informelle

Einvernehmen, das ich bereits erwähnt habe, ihn einen

absolut freien Mann hat bleiben lassen. So lange er mich

freundlich behandelt, bin ich gerne bereit, diesen Punkt

nicht zu betonen und mich an seiner strotzenden Gesundheit

zu erfreuen, aber meine Aussicht wird ein bisschen

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getrübt, wenn er ihn zu vergessen scheint, wie er es manchmal

tut; oder sich gar offen über mich amüsiert.

Mittlerweile leidet die Biographie in verschiedener

Hinsicht. Ich lasse seine verhältnismäßige Gleichgültigkeit

dem Werk gegenüber beiseite, obwohl ich in meiner

Wertschätzung für ihn natürlich wünsche, es sei so gut wie

möglich. Ein paar Jahre der Muße am Ende einer arbeitsreichen

und herausragenden Laufbahn haben wenig zu bedeuten

(außer für ihn und für mich); aber eine statt liche

Biographie würde ihn auf Monate hinaus hinlänglich in der

Öffentlichkeit halten. Wie dem auch sei, wenn er sich nicht

anstrengen mag um meiner willen, hat es keinen Sinn,

über die Sache weitere Worte zu verlieren. Was vielleicht

schlimmer ist: dass das Buch als Bild dieses großartigen

Mannes sowohl an Frische wie an Wahrhaftigkeit verliert.

Er wird geschwätzig und hat einige der besten und charakteristischsten

Dinge aus dem Buch in seinem Klub erzählt.

Wie jedermann weiß, bedeutet das, dass die Zeitungsleute

der Geschichten habhaft werden und sie um die ganze

Welt telegraphieren. Zum Beispiel stand letzte Woche etwas

über ihn in einem Gesellschaftsmagazin zu lesen, das er

selbst ausgeplaudert haben muss und das mein fünftes Kapitel

ruiniert. Und dann ist da die Sache mit dem Carlyle-

Interview in Craigenputtock, von dem ich zuversichtlich

annahm, dass es die Rezensenten zitieren würden. Vor

vielen Jahren weilte er in Dumfries und fuhr nach Craigenputtock,

um den weisen Denker zu treffen, den er noch

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nicht persönlich kannte. Natürlich dachte er, sein eigener

Name sei Empfehlung genug. Als er die Farm erreichte,

sah er Carlyle auf einem Steinwall sitzen. Der Weise ließ

ihn allerdings nicht näher kommen und erklärte, er hätte

nie von ihm gehört, und am Ende jagte er ihn rund um den

Ententeich herum davon. Vom Schulmeister war hinterher

zu erfahren, dies sei einer von Carlyles „schlechten Tagen“

gewesen und dass ein Arbeiter aus der Gemeinde vom

geistreichen Autor von „Sartus Resartus“ fünf Pfund pro

Jahr bezahlt bekäme, damit er bewundernde Besucher zu

einer anderen Farm führe und behaupte, jene sei Craigenputtock.

Das ist nun alles überaus interessant, und ich hätte

mir nicht träumen lassen, es hier zu erwähnen, wüsste

ich nicht, dass es die Londoner Korrespondenten morgen

oder übermorgen vermelden werden. Ein Freund von mir

hat mir versichert, dass der Protagonist meiner Biographie

die Geschichte bei Teegesellschaften ausplaudere, an denen

er heutzutage größtes Vergnügen findet; und dass er

ausdrücklich seine Zuhörer bitte, seine Indiskretion nicht

an meine Ohren gelangen zu lassen. Folglich steht außer

Zweifel, dass mein hehrer Freund sich völlig im Klaren ist,

dass er mir schadet und der Biographie Abbruch tut; und

es liegt auf der Hand, dass die Kritiker, wenn das so weitergeht,

im Buch wenig Neues finden werden.

Wenn ich es nicht umfangreich überarbeite, wird man

mir gar vorwerfen, ich hätte meinen Mann missverstanden.

Bis vor ein oder zwei Jahren lebte er beinahe wie ein

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Einsiedler, äußerst zurückgezogen, mischte sich selten in

Gesellschaft und blieb der Öffentlichkeit jenseits seines

bedeutenden Werks vollständig unbekannt. Inzwischen

tummelt er sich in Klubs, wird in Blumenläden gesichtet,

besteht darauf, die Berg- und Talbahn auszuprobieren,

und sein Kaminsims ist mit privaten Einladungskarten

geschmückt. Es bereitet mir ernsthaft Sorge, dass diejenigen,

die ihn erst aus jüngster Zeit kennen, Schwierigkeiten

haben werden zu glauben, dass ich seinen edlen Verstand

richtig eingeschätzt hätte.

Als er mich zu seinem Biograph erwählte, machten

meine Freunde allerlei Aufhebens um mich; aber seit Jahr

um Jahr ins Land geflossen ist, ohne dass etwas daraus

wurde, habe ich in ihrer Wertschätzung beträchtlich verloren;

andere, die wissen, dass die Sache einen wunden

Punkt berührt, wechseln hastig das Thema. Ihnen ist klar,

dass der Fehler nicht bei mir liegt (noch behaupte ich, es

sei seiner): aber dennoch bin ich es, der Schaden nimmt.

Sein Vergnügen an meiner Gesellschaft hat nachgelassen.

Er ist derart lebhaft geworden, dass er mich anderen

gegenüber als schwerfälligen Burschen beschreibt.

Ich will nicht leugnen, dass daran etwas ist, aber ich halte

es keineswegs für den wahren Grund, dass er mich meidet.

Ich fürchte, ich kann gelegentlich nicht anders, als ihn

mit Blicken des Vorwurfs zu bedenken. Er liest darin den

Ausdruck stummen Leidens, was ihn verdrießt. Das gilt

insbesondere während der Behandlung eines seiner Gebre-

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chen, aus der er am Ende mit gestärkter Kraft hervorgeht.

Dann bricht es laut aus ihm heraus und er wirft mir vor,

ich sei ein Heuchler, sobald ich meiner Hoffnung Ausdruck

verleihe, er möge rasch gesund werden. Seine Bediensteten

verrieten mir im Vertrauen, dass er jedes Mal erschaudert,

wenn er hört, dass ich an der Haustür nach seinem Befinden

gefragt hätte. Einmal haben wir uns beinahe zerstritten.

Eine Erkältung fesselte ihn ans Bett (er ist längst

wieder in prächtiger Verfassung), und ich besuchte seinen

Arzt, um nachzuhören, wie es ihm wirklich gehe. Das Objekt

meiner Bewunderung bekam davon Kenntnis und

schickte mir, offenbar in der Misslaunigkeit seiner Krankheit

ungerecht geworden, eine Zeitschrift mit einem Artikel

über Hundertjährige. Dies, bekenne ich, verletzte mich;

und nachdem ich mir meinen Weg in sein Schlafzimmer

erzwungen hatte, sagte ich mehr, als ich hätte sagen sollen.

Nie werde ich seine Größe vergessen. Aber seit damals ist er

nervös, wenn wir zusammen alleine gelassen werden; was

allerdings das einzige Anzeichen von Erschütterbarkeit ist,

das ich an ihm entdecken kann. Und was die Verwirrung in

der Öffentlichkeit angeht, so gibt es Leute, die mit völliger

Gewissheit behaupten, die Biographie sei doch vor Jahren

erschienen und sie hätten sie gelesen.

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Wie man einen Faltplan schließt

(Ausschnitt)

Unter den Flüchen der Zivilisation nimmt die „einfach zu

schließende Straßenkarte“ eine herausragende Stellung

ein. Es gibt Menschen, die beinahe alles zuwege bringen,

nur das Zusammenfalten solcher Karten nicht. Man hat errechnet,

dass man mit der Energie, die jedes Jahr für das

Verfluchen dieser Karten verschwendet wird, den Eiffelturm

in lediglich dreizehn Wochen erbauen könnte.

Fast jeder Haushalt besitzt einen Straßenplan, der garantiert

einfach zu schließen, den freilich die gesamte Familie

in intensiver Zusammenarbeit zu falten nicht in der

Lage ist. Gewöhnlich wird er, mit einer Klammer versehen,

unter einem schweren Buch versteckt, das ihn zusammenhält.

Entfernt man das Buch, springt die Karte auf wie

eine Ziehharmonika. Hat man die Klammer geschlossen,

bemerkt man manchmal, dass etwas heraushängt. Ohne

jeden Zweifel ist das ein Teil der Karte. Schiebt man diesen

Teil hinein, kommt ein anderer heraus. Keine Klammer ist

groß genug, eine Karte zu bändigen, die „einfach zu schließen“

ist. Und zwar deswegen, weil Karten, die „einfach zu

schließen“ sind, Karten sind, die einfach nicht zu schließen

sind. Wenn man sie kauft, ist ihre Absicht, sich schließen

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zu lassen, ebenso groß wie die einer Lady, ihrem Ehemann

zu gehorchen, wenn sie bei der Hochzeit das diesbezügliche

Versprechen gibt.

Faltpläne sind Spielzeugen vergleichbar, die pfeifen,

sich drehen oder hüpfen, wenn der Verkäufer einem zeigt,

wie man sie bedient, oder mit jener Maschine, die Mangeln

zu einem Vergnügen macht, oder mit dem Instrument, das

im Nu einen Bleistift spitzt. Diese Gerätschaften funktionieren

in den Händen des Verkäufers wie eine Eins, aber

sobald man sie gekauft und nachhause gebracht hat, werden

sie launisch wie ein nervöser Hund.

Die Unmöglichkeit, Karten zu schließen – außer per

Zufall –, ist seit langem hinreichend bekannt, und so wäre

es bemerkenswert, wenn die Öffentlichkeit fortfahren sollte,

sie zu kaufen. Hunderte von Personen sind derzeit damit

beschäftigt, Karten zu erfinden, die federleicht schließen

(behauptet jedenfalls die Werbung), und folgerichtig

muss es eine entsprechende Nachfrage danach geben. Es ist

die Vergeblichkeit, die so viele Menschen in den Wahnsinn

treibt.

Um dem 19. Jahrhundert Gerechtigkeit widerfahren

zu lassen: Kein Mensch betritt heutzutage einen Laden

mit dem Ziel, einen „einfach zu schließenden“ Plan zu

kaufen. Frauen, insbesondere junge Frauen, bitten ihre

Ehemänner, ihnen die kuriosesten Dinge zu kaufen; und

Ehemänner, insbesondere alte Ehemänner, haben es getan,

ohne darum gebeten worden zu sein. Aber keine Frau, die

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ihr häusliches Glück zu schätzen weiß, bat jemals ihren

Mann, ihr bei Gelegenheit aus einem Laden eine „einfach

zu schließende“ Karte mitzubringen. Selbst, wenn sie es

getan hätte, hätte der Mann sich geweigert. „Schweine im

Klee“ hätte er, falls sie es wünschte, vielleicht gekauft; aber

das Faltplanrätsel – niemals.

Und doch muss traurigerweise zugegeben werden, dass

man die Straßen mit den Plänen, die wir kaufen, pflastern

könnte. Eitelkeit ist der wahre Grund unseres Falls, und

der Verkäufer ist sein Instrument. Dass Verkäufer Karten

– die außer in den Läden niemals schließen – schließen

könnten, glaubt keine verständige Person; aber am Tresen

gelingt es ihnen derart leicht und elegant, wie ein Zauberer

mit Karten spielt.

„Haben Sie diese neue Karte gesehen?“, fragen sie mit

betonter Sorglosigkeit, während sie deine Bücher zusammenbinden.

„Irgendetwas Besonderes daran?“, antwortest du reserviert.

„Aber ja; sie ist ganz einfach zu schließen.“

Bei den Worten „einfach“ und „schließen“ solltest du

deine Bücher an dich reißen und loslaufen, denn es handelt

sich um eindeutige Gefahrensignale; aber du zögerst und

bist verloren.

„Sehen Sie, wie klein sie sich zusammenfalten lässt.“

Was eine andere Art zu sagen ist: „Sehen Sie, dies ist

die übelste Sorte Faltplan, die je erfunden wurde.“

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„Diese Karten, die so leicht zu schließen sein sollen,

sind so schwer zu schließen“, wagst du dich vor. Er lacht.

„Mein lieber Herr“, erwidert er, „es ist ein Kinderspiel.“

Dann öffnet und schließt er sie mit jener Leichtigkeit,

mit der eine Lady ihren Fächer bewegt, und ein finsteres

Verlangen wächst in dir, es ihm nachzutun. Wenn du den

Laden verlässt, hast du einen nagelneuen Plan erworben.

Warum hast du ihn gekauft? In deinem Herzen weißt

du, dass du lediglich ein Stückchen Ärgernis mit dir nach

Hause trägst, aber du hast deinen Stolz. In einem Zeitalter,

in dem wir Elektrizität und Dampfkraft beherrschen,

erscheint es demütigend, dass wir nicht in der Lage sind,

einen Faltplan zu schließen. Als gesamtes Volk haben wir

es aufgegeben, nach dem Geheimnis des Perpetuum mobile

zu suchen, aber noch immer zermartern wir uns den Kopf,

wie man einen Faltplan zusammenfaltet.

Ohne jede Frage ist das Verrückteste an den „einfach

zu schließenden“ Karten, dass sie gelegentlich tatsächlich

schließen. Natürlich tun sie es niemals, wenn du besonders

wünschst, dass sie es tun, in Gesellschaft zum Beispiel.

Nehmen wir an, du bringst die Karte aus dem Laden in

dein Büro, und da faltest du sie auf. Zu deiner Freude lässt

sie sich ziemlich einfach schließen. Das wiegt dich fälschlich

in Sicherheit. Falls du wirklich wissen willst, ob sich

diese Karte einfacher schließt als die vielen anderen, die

dich zur Verzweiflung gebracht haben, bitte deinen Bürojungen

herein und zeige ihm, wie leicht sie schließt. Du

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wirst sehen, dass sie es auf gar keinen Fall tut. Das ist ein

unfehlbarer Test.

Anstatt es auf diese Weise auszuprobieren – und den

Bürojungen hinauszuschicken, sobald du siehst, dass er

sein Gesicht hinter der Hand zu verbergen sucht –, bist du

verrückt genug, den Faltplan nachhause mitzunehmen, um

deiner Frau zu demonstrieren, wie leicht er sich zusammenfalten

lässt. Falls du ein guter Beobachter bist, siehst

du, dass sie bleich wird, sobald du die Karte aus deiner

Tasche ziehst. Sie weiß, dieser Abend wird disharmonisch

enden, und ihre erste Absicht ist, die Karte bis nach dem

Essen aus dem Spiel zu lassen.

Was folgt, sobald du die Karte bereitgelegt hast und

dich anschickst, ist allzu bekannt, um eine Schilderung

zu erfordern. Was du bei derlei Gelegenheiten tun solltest,

wird dir niemand sagen können, der nicht himmlischen

Beistand besitzt, aber es gibt bestimmte Unterlassungsregeln,

die zu beachten klug wäre. Beispiele.

Sei nicht zu zuversichtlich. Deine Absicht ist, den Plan

mit einem kräftigen Schwung zu öffnen, wie manche Leute

ihr Taschentuch aufschütteln. Wenn du dies mit der

Bemerkung tust, nichts sei leichter, als einen Faltplan zu

schließen, sobald man den richtigen Kniff gefunden habe,

weckt dies Hoffnungen, die wahrscheinlich niemals erfüllt

werden können. Das Lächeln des sicheren Triumphs auf

deinem Gesicht kostet dich das Mitgefühl, auf das du in

diesem Moment ein Recht hättest. Bist du zu selbstsicher,

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wird man finden, dass dir dein Versagen recht geschieht.

Auf der anderen Seite:

Behalte deine Befürchtungen für dich. Die meisten

Menschen – wie selbstsicher sie immer sein mochten angesichts

der vermeintlichen Leichtigkeit, mit der sie einen

Faltplan schließen können – verlieren im letzten Moment

die Zuversicht und gestehen, dass sie möglicherweise vergessen

haben könnten, wie es geht. Das ist ein Fehler, denn

es besteht stets eine geringe Möglichkeit, dass sich der

Plan so leicht schließt wie ein gewöhnliches Buch. Hast du

deinen Versuch mit Besorgnissen belastet, wirst du nicht

Ruhm ernten, sondern es wird dem Zufall zugeschrieben

werden. Deshalb sei weder zu selbstsicher noch voller

Selbstzweifel.

Niemals das Experiment wiederholen. Das gilt selbstverständlich

nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass

die Sache beim ersten Mal geklappt hat. Übergib die Karte

sofort deiner Frau, als hättest du das Rätsel für alle Zeiten

gelöst. Durch deinen Erfolg ermutigt, wird sie es vermutlich

selbst probieren und scheitern, wobei die Aussicht

besteht, dass sie dich bittet, es noch einmal zu tun. Da du

Wert auf ihre gute Meinung legst, lehne das unbedingt ab.

Flüchte dich in jedwede Ausrede, die dir passend erscheint.

Um es noch präziser zu sagen: lehne dich in deinem Stuhl

zurück und lächle wohlmeinend über ihre vergeblichen

Versuche. Setze einen Gesichtsausdruck auf, als seiest du

amüsiert darüber, dass sie eine derart einfache Sache nicht

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zuwege bringt. Das Ergebnis wird sein, dass sie mehr von

dir hält, als überhaupt denkbar ist.

Prahle nicht. Natürlich wirst du nach menschlichem

Ermessen eh keinen Grund dazu haben, aber für den Fall,

dass der Zufall dir beisteht, wedle nicht mit den Armen

in der Luft oder laufe „Ich hab’s geschafft, ich hab’s geschafft!“

jubelnd durchs ganze Haus. Wenn du dich so verhältst,

wird dich deine Euphorie verraten, und kein Mensch

wird glauben, dass du es noch einmal schaffst. Bleibe ganz

ruhig, bis du mit dir alleine bist.

Dem Faltplan gut zureden – nützt gar nichts. Und damit

kommen wir zu jenen Regeln, die man beachten sollte,

wenn der Versuch fehlschlägt …

Betreten Sie Barries Welt der komischen, berührenden,

spannenden und aberwitzigen Geschichten und

entdecken Sie weitere Erzählungen in „Wie meine

Mutter ihr sanftes Gesicht bekam“.

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Autor James M. Barrie (1860–1937) stammte aus einer schottischen

Arbeiterfamilie. Er studierte in Edinburgh und arbeitete seit 1885 in

London als Journalist, Dramatiker und Erzähler. Sein Theaterstück

„Peter Pan“ (1904) und sein Roman „Peter and Wendy“ (1911) wurden

weltweite Erfolge. 1913 wurde er von König George V. zum Baronet

ernannt. Barrie stand mit zahlreichen Schriftstellern seiner Zeit in enger

Verbindung. Anfang der 1930er Jahre verkehrte er im Haus des Herzogs

von York, dessen beiden Töchtern er Geschichten erzählte. Eine

von ihnen war die heutige Königin Elisabeth II. Die Rechte an seinem

Erfolgsbuch vermachte Barrie einem Londoner Kinderkrankenhaus.

Herausgeber Michael Klein, geb. 1960, studierte Philosophie, Germanistik

und Publizistik. Er ist Redakteur eines Regionalmagazins,

Rundfunkautor und Herausgeber mehrerer Bücher, u. a. im Morio Verlag

„Der Fall Oscar Slater“ von Arthur Conan Doyle (2016).


Bisher erschienen in

deutscher Erstübersetzung

Arthur Conan Doyle | Der Fall Oscar Slater

Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Michael Klein

176 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-945424-27-8, 19,95 €, lieferbar

Im Mai 1909 wird in Edinburgh der deutsch-jüdische Einwanderer

Oscar Slater zum Tode verurteilt. Er soll im Dezember 1908

bei einem Raubüberfall eine alte Dame namens Marion Gilchrist

ermordet haben. Arthur Conan Doyle – der Schöpfer des berühmten

Detektivs Sherlock Holmes – ist über das Urteil erschüttert. Er

setzt sich publizistisch vehement für den Verurteilten ein und legt

mit dem Scharfsinn und der Kombinationsgabe, die seinen Detektiv

auszeichnen, dar, welche logischen Fehler die Glasgower Polizei

und die schottische Justiz begangen haben. „Der Fall Oscar Slater“

schildert präzise den wahren Fall und ist zugleich Arthur Conan

Doyles faszinierendste Non-Sherlock-Holmes-Kriminalerzählung.

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„Diese reale Geschichte, die Conan Doyle hier als Faktensammlung

schildert, ist so spannend wie ein Sherlock-Holmes-Roman. ‚Der

Fall Oscar Slater‘ – haarsträubend und wirklich wahr!“

Jo Müller, SWR 3, 15. Dezember 2016

„Ein wunderbares Buch, geeignet, über die mannigfaltigen Schwierigkeiten

nachzudenken, die die Literatur mit der Realität so hat.“

Andreas Ammer in „Diwan“, Bayerischer Rundfunk

„Dieses Buch ist für jeden, der an Kriminalliteratur und deren Geschichte

interessiert ist, ein Muss.“

Christopher Ecker, Schriftsteller

„Als Holmes-Fan weiß man genau, dass trotz der unerbittlich waltenden

Akribie des Autors niemals auch nur ein Funken Langeweile

aufkommt.“

Franziska Gurk, ART 5/3

„Überaus detailliert analysiert Doyle den Fall, der Leser darf mitkombinieren

und bleibt in Spannung.“

Irmtraud Gutschke, Neues Deutschland

„Eine liebevoll zusammengestellte Ausgabe, ein sehr lesenswertes

Fallbeispiel für kriminalistischen Spürsinn.“

dpa, 29. November 2016

Die von Michael Klein betreute Reihe

englischsprachiger Klassiker im Morio Verlag wird

2018 mit einem Reisebericht der Frankenstein-Autorin

Mary Shelley fortgesetzt.

Weitere Informationen unter www.morio-verlag.de

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„Eine schönere Weise zu schweigen als in Texten

von Barrie gibt es in der Literatur nicht.“

Susanne Mayer, Die Zeit

Peter Pan wird erwachsen –

Die schönsten Erzählungen von James M. Barrie

Wie meine Mutter ihr sanftes Gesicht bekam“ versammelt

fünfzehn Glanzstücke seiner Prosa. Sie zeigen

Barries aberwitzig-versponnenen Humor ebenso wie den

Ernst und die Abgründe seiner tiefer liegenden Motive.

ERHÄLTLICH IN IHRER BUCHHANDLUNG

www.morio-verlag.de

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