JAHRESBERICHT

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JAHRESBERICHT 2016 SCHRIFTENREIHE DES KINDERSCHUTZZENTRUMS WIEN. BAND 25


Unabhängiges Kinderschutzzentrum Wien JAHRESBERICHT 2016 Schriftenreihe des Kinderschutzzentrums Wien. Band 25


Medieninhaber und Herausgeber: Unabhängiges Kinderschutzzentrum Wien, Mohsgasse 1/Top 3.1, 1030 Wien, Tel. 526 18 20, Fax DW 9 Layout: Studio 1001 Coverentwurf: Magdalena Weyrer Satz: Laudenbach, 1070 Wien Druck: digiDruck, 2345 Brunn am Gebirge


Inhaltsverzeichnis Vorwort Philipp Schwärzler _______________________________________________ 5 Jahresstatistik 2016 Die Arbeit des Kinderschutzzentrums in Zahlen Philipp Schwärzler _______________________________________________ 7 Was macht das Leben lebenswert? Projekt „Trick- Film-Workshop“ 2016 Christina Radner & Anna Schwitzer ________________________________ 15 Arbeitskreis für Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen Maria Raab _____________________________________________________ 20 A song to say goodbye – Placebo Julia Blocher ___________________________________________________ 23 Fortbilden, Lernen, Vernetzen, Mitgestalten Holger Eich _____________________________________________________ 25 Die MitarbeiterInnen __________________________________________________ 27 Sponsoren 2016 ______________________________________________________ 28


Vorwort Philipp Schwärzler Nach zwei Jahren voller Umstellungen – unserem Umzug von der Kandlgasse in das neue Quartier im Wiener Fasanviertel – und den damit einhergehenden Eingewöhnungen und Adaptionen hat im Jahr 2016 der Alltag wieder im Betrieb des Kinderschutzzentrums Einzug gehalten. Unser wichtigster Kooperationspartner, die Kinder- und Jugendhilfe MAG ELF, hat uns vermehrt Klientinnen und Klienten überwiesen, die bei uns in erster Linie Elternberatungen, Krisenintervention und auch Psychotherapien erhalten. Viele Eltern fanden auch von sich aus den Weg zu uns, um über Probleme in der Erziehung ihrer Kinder zu reden und mit unserer Hilfe ihr Kind besser verstehen und dadurch angemessener auf seine Bedürfnisse reagieren zu können. 400 Familien, in denen Kinder Gewalt erlebten oder bei denen Eltern Gefahr liefen, in einer Überforderungssituation mit Gewalt zu reagieren, fanden 2016 bei uns Unterstützung und Beratung. Die Darstellung unserer Leistungen finden Sie wie gewohnt im vorliegenden Jahresbericht. Ausführlich berichten Christina Radner und Anna Schwitzer über ein von ihnen initiiertes innovatives Projekt für Mädchen mit Gewalterfahrungen – einen „Trick-Film- Workshop“, der gewaltbetroffenen Mädchen die Möglichkeit gab, sich nonverbal, mit Methoden des Trickfilms, auszudrücken. Die Mädchen produzierten in der Gruppe eigene, kurze Beiträge zu einem gemeinsamen Film und konnten neben diesem kreativen Prozess auch miterleben, wie das fertige Kunstwerk Anfang dieses Jahres in einem Wiener Kino vor Publikum aufgeführt werden konnte. Das Jahr 2016 war auch mit dem Abschied von einem langjährigen Projekt verbunden. Seit 2008 förderte die Volksbank mit einer großzügigen Summe zusätzliche Psychotherapien für Kinder und Jugendliche im Kinderschutzzentrum. Wir danken den Unterstützern nochmals, besonders im Namen der Kinder und Jugendlichen, die hierdurch ihre traumatischen Erfahrungen verarbeiten konnten, neuen Lebensmut erlangten und hoffentlich gestärkt ihr Leben bewältigen können. Das Kinderschutzzentrum blickt inzwischen auf 27 Jahre Erfahrung im Umgang mit Kindern, die Misshandlung, sexuelle Gewalt oder Vernachlässigung erlebt haben, zurück. Hierbei ergeben sich immer wieder Verschiebungen und thematische Schwerpunkte. 2016 fanden vermehrt Familien, in denen seelische Gewalt und Vernachlässigung eine Hauptrolle spielen, zu uns. Neue Themen und neue KlientInnen bedeuten für uns auch immer, unser Angebot zu prüfen, gegebenenfalls zu erweitern und neuen Bedürfnissen anzupassen. Insofern ist bei aller Routine auch für uns Kinderschutz im- 5


mer noch eine große Herausforderung, der wir uns mit Engagement und Kreativität widmen werden. Wir freuen uns in diesem Sinne auf die weitere Zusammenarbeit mit all jenen Kolleginnen und Kollegen, die gemeinsam mit uns Familien helfen und beistehen. Das sind in erster Linie die Gemeinde Wien (MAG ELF), mit der uns von Anbeginn an eine vertrauensvolle Zusammenarbeit verbindet. Ihr danken wir für die verlässliche finanzielle Unterstützung. Wir bedanken uns auch beim Bundesministerium für Familie und Jugend, bei der WGKK sowie bei Licht ins Dunkel für das Mitermöglichen unserer Arbeit. Großzügige Geld- oder Sachspenden haben wir 2016 erhalten von den VB Services für Banken, Frau Elisabeth Kiener (Studio Cantienica), der Firma SCHIESSL sowie Mag. Eduard Salzborn. Ihnen allen ein ganz herzliches Dankeschön! 6


Jahresstatistik 2016 Die Arbeit des Kinderschutzzentrums in Zahlen Philipp Schwärzler Im Jahre 2016 wurden insgesamt 400 Fälle von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche betreut (2015: 389). 298 dieser Fälle wurden 2016 erstmalig an das Kinderschutzzentrum herangetragen. Im Zusammenhang mit diesen 400 Fällen wurden im Kinderschutzzentrum Wien 2.858 Personen beraten (2015: 2.981). Dieser leichte Rückgang korrespondiert mit der Personal-Situation des Jahres: durch Karenzen und Karenzvertretung, vor allem auch durch den Wegfall eines von einem Großsponsor finanzierten Therapie-Projektes, verfügten wir 2016 insgesamt über etwas weniger MitarbeiterInnenstunden. In Abbildung 1 ist die Verteilung der Beratungen im Jahresverlauf dargestellt. Abb. 1: Beratungen im Jahresverlauf 2016 350 300 250 200 150 100 50 0 Es gibt zwei Arten von Beratungsleistungen, die sich nach der unmittelbaren Zielgruppe unterscheiden lassen. Zum einen werden direkt Betroffene beraten („KlientInnenarbeit“), zum anderen sogenannte HelferInnen. Für das Jahr 2016 beträgt der Anteil der Beratungen mit direkt Betroffenen bzw. deren Angehörigen 80%, der Anteil der HelferInnenberatungen 20%. Abbildung 2 zeigt, dass die Anteile dieser beiden Beratungsleistungen in den letzten 10 Jahren im Wesentlichen wenige Schwankungen aufweisen. 7


Abb. 2: Anteil der KlientInnen- bzw. HelferInnenberatungen im 10-Jahres-Vergleich 120 100 80 19 20 16 17 16 17 14 17 18 20 60 40 81 80 84 83 84 83 86 83 82 80 20 0 2010 2011 2013 2014 2015 2016 Welche Leistungen nahmen unsere KlientInnen in Anspruch? Betrachtet man die im Kinderschutzzentrum am häufigsten erbrachten Leistungen, so stellt man fest, dass es im Vergleich mit dem Vorjahr wenig Veränderung gab. Mit 35,6% ist „persönliche Beratung“ (2015: 35,8%) an erster Stelle, gefolgt von „Psychotherapie“ mit 28,0% (2015: 29,8%). Ein wenig angestiegen sind Beratungen und Kriseninterventionen in unseren Telefondiensten (29,7%; 2015: 27,6%). Das Ausmaß der E-Mail-Beratungen ist mit 5,2% (2015: 4,9%) nahezu unverändert. Sowohl die Außenkontakte (0,9%) als auch die klassische psychologische Diagnostik (0,6%) spielen im Verhältnis zur Anzahl der persönlichen und telefonischen Beratungen sowie der Therapien eine untergeordnete Rolle (siehe Abb. 3). Abb. 3: Leistungen 2016 29,7% 35,6% 28,0% 0,6% 5,2% 0,9% 8


Welche Probleme wurden uns in der Erstkontaktsituation genannt? Beim Erstkontakt werden die neuen Fälle einer der vier Hauptproblemkategorien zugeteilt. 2016 wurde mit 26,8% am häufigsten die Problematik „Körperliche Misshandlung“ genannt (2015: 30,7%). Darauf folgte „Sexueller Missbrauch“ mit 22,8% (2015: 28,4%), um „Seelische Misshandlung“ ging es im Erstkontakt in 21,5% (2015: 19,3%). Der Wert der Problematik „Vernachlässigung“ hat sich mit 16,1% im Vorjahresvergleich mehr als verdoppelt (2015: 7,8%) (siehe Abb. 4). Abb. 4: Hauptkategorien 2016 16,1 21,5 26,8 22,8 0,0 5,0 10,0 15,0 20,0 25,0 30,0 Prozent In Abbildung 5 sind die Entwicklungen über die vergangenen 10 Jahre dargestellt. 2016 zeigt sich im Problemfeld „Sexueller Missbrauch“ nach einem Anstieg im Vorjahr wiederum ein Rückgang um 5,6%. Die langjährige Tendenz ist somit rückläufig, was auf die Schnelle betrachtet sehr erfreulich ist. Wir möchten uns in diesem Jahr die Zeit nehmen, diese Entwicklung genauer zu beleuchten. Auch hinsichtlich „Körperliche Misshandlung“ ergab sich 2016 ein Rückgang um 3,9% im Vergleich mit 2015, während hingegen „Seelische Misshandlung“ als Hauptgrund der Anfrage leicht angestiegen ist (+2,2%). Die Kategorie „Vernachlässigung“ erreichte – nach einem Rückgang 2015 – im dargestellten Zeitraum seit 2007 einen beachtlichen Höchstwert. Abb. 5: Häufigkeit der Nennung der Eingangsetiketten im Jahresvergleich 40 35 in Prozent 30 25 20 15 10 5 0 2007 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 Vernachlässigung In 153 (51,3%) der 298 neuen Fälle wurde beim Erstkontakt ausschließlich eine Misshandlungsform als Problem genannt (2015: 59,1%). In 16,5% der Fälle handelte es 9


sich um zwei oder mehr Misshandlungsformen im Erstkontakt (2015: 12,5%). Mit 32,2% wieder etwas angestiegen ist der Anteil an anderen Problemen (siehe auch Abb. 7), ohne dass eine der vier Misshandlungsformen genannt wurde (2015: 27,7%). Abbildung 6 zeigt die Verteilung der Misshandlungsformen. Abb. 6: Anzahl der Misshandlungsformen 2016 1 51,3 2 13,8 3 2,7 32,2 0 10 20 30 40 50 60 Prozent Mit welchen weiteren bzw. anderen Probleme wandten sich KlientInnen/HelferInnen an uns? Zusätzlich oder auch ausschließlich genannte andere Probleme sind im Wesentlichen: Erziehungsprobleme und Verhaltensauffälligkeiten Konflikte um Trennung, Obsorge und Kontaktrecht Psychische Probleme und Erkrankungen Gewalt gegen Frauen und andere Abbildung 7 zeigt die Verteilung der Problemkategorien für 2016. Abb. 7: Weitere bzw. andere Probleme 2016 / - A 30,1% K Te 22,3% s 3,3% P/ E 19,6% e 1,8% G Fe 16,3% 2016 konnten wir wieder einen deutlichen Rückgang der Probleme aus dem Bereich „Konflikte um Trennung, Obsorge und Kontaktrecht“ feststellen. Diese machten 22,3% 10


aus (2015: 32%). Mit 30,1% nahezu unverändert – und damit wieder das am häufigsten genannte „weitere/andere Problem“ – blieb der Wert für das Problemfeld „Erziehungsprobleme/Verhaltensauffälligkeiten“ (2015: 30,7%). In Abbildung 8 ist die Entwicklung über die letzten 10 Jahre graphisch dargestellt. Abb. 8: Weitere bzw. andere Probleme im Jahresvergleich 50% 45% 40% 35% 30% 25% 20% 15% 10% E V K O P P G S F 5% 0% 2007 2 2 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 Direkt Betroffene 2016 wurden 2.296 Leistungen (2015: 2.432) für direkt von Gewalt Betroffene bzw. deren Angehörige erbracht. Die größte KlientInnen-Gruppe sind die von Gewalt betroffenen Kinder und Jugendlichen mit einem leichten Anstieg auf 44,4% (2015: 42,0%). An zweiter Stelle liegt die Gruppe der Mütter mit 33,5% (2015: 35,1%). Relativ unverändert ist mit 10,9 % die Kategorie „Vater“ (2015: 11,6%). Abbildung 9 gibt einen zusammenfassenden Überblick, welche Personen im Kinderschutzzentrum betreut wurden. Abb. 9: KlientInnen-Beratungen 2016 v b 44,4% M 33,5% a 1,6% v b. 1,3% „ 1,3% 1,5% Lp 1,1% V 10,9% am 4,4% 11


Erstkontakt Hinsichtlich jener Personen bzw. Personenkreise, welche den Erstkontakt zum Kinderschutzzentrum herstellen, brachte das Jahr 2016 mit 37,9% einen weiteren Rückgang für die Kategorie „anderes Familienmitglied“ (2015: 40,5%), während die Kategorie „professionelle HelferInnen“ auf 46,6% angewachsen ist (2015: 42,6%). Abb. 10: Erstkontakt durch ...2016 a F 37,9% p H 46,6% a 11,7% G A 1,3% b J 2,3% Die erste Kontaktaufnahme erfolgte im Jahr 2016 mit 86,2% wieder überwiegend per Telefon. Die Kontaktaufnahme per E-Mail hat sich auf 10,1% mehr als verdoppelt (2015: 4,7%). Abb. 11: Erstkontakt via ...2016 t 86,2% b 0,3% A 0,3% p 3,0% E 10,1% 12


Woher kommen unsere KlientInnen? Der weitaus größte Teil der KlientInnen kommt mit 91,3% aus Wien. Die Kontaktaufnahmen aus Niederösterreich liegen bei nahezu unveränderten 5,4%. Vereinzelt gab es 2016 wiederum Anfragen aus einigen anderen österreichischen Bundesländern. Abb. 12: Bundesländer 2016 W 91,3% u 0,3% K 0,3% N 5,4% O 0,3% V 0,3% S 0,7% B 1,3% Beratungen für HelferInnen Von den insgesamt 561 (2015: 549) Beratungen für HelferInnen waren die MitarbeiterInnen des Amtes für Jugend und Familie mit 35,5% (2015: 30,8%) wieder die größte Gruppe (siehe Abb. 13). Mit 15,7% stabil blieb der Wert bei „SozialpädagogInnen/WGs (2015: 15,1%). Auf 12,8% gesunken sind die Beratungen für MitarbeiterInnen anderer Beratungsstellen (2015: 15,1%). Einen deutlichen Anstieg auf 9,8% stellten wir bei den Beratungen für niedergelassene PsychologInnen bzw. PsychotherapeutInnen fest (2015: 3,6%). Abb. 13: HelferInnen-Beratungen 2016 F M 2,0% A F 35,5% Sn WGs 15,7% S 7,3% 12,8% / A/ P 7,0% P/ P- nnen 9,8% Kt 5,0% S 5,0% 13


Resümee Waren es bis 2014 noch vorwiegend Familienmitglieder, die den Erstkontakt zum Kinderschutzzentrum herstellten, sind es seit 2015 professionelle HelferInnen, die am häufigsten den Erstkontakt initiieren. Dieser Trend hat sich auch im Jahr 2016 bestätigt. Hierfür wesentlich mitverantwortlich ist ein stetiger Anstieg im Erstkontakt durch MitarbeiterInnen des Amtes für Jugend und Familie. In den Hauptproblemkategorien war im Jahr 2016 in den Bereichen „Sexueller Missbrauch“ und „Körperliche Misshandlung“ ein Rückgang zu beobachten, während „Seelische Misshandlung“ anstieg. Besonders auffallend ist der Anstieg der Kategorie „Vernachlässigung“ um mehr als das Doppelte im Vergleich zum Vorjahr. Recht stabil ist die Verteilung unserer Leistungen auf die unterschiedlichen KlientInnengruppen. Wenig überraschend verwenden wir den größten Teil unserer Energie für die von Gewalt betroffenen Kinder und Jugendlichen, gefolgt von der Gruppe der Mütter dieser Kinder. Mit deutlichem Abstand folgen die Väter. Auch die Beratungen anderer Familienmitglieder sind im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Bezüglich der Art der erbrachten Leistung ergaben sich nur geringfügige Veränderungen. Persönliche Beratung, Psychotherapie und Telefonberatung sind weiterhin die wichtigsten Bausteine unserer Arbeit im Kinderschutzzentrum Wien. 14


Was macht das Leben lebenswert? Projekt „Trick-Film-Workshop“ 2016 Christina Radner & Anna Schwitzer Am Anfang war eine Idee, daraus wurde ein Konzept, ein Workshop und zuletzt eine Filmvorführung im Admiral Kino! Immer wieder initiiert das Kinderschutzzentrum Wien Projekte, um jugendliche Mädchen, die Gewalt erlebt haben, durch spannende und kreative Angebote zu erreichen. Nach einigen Jahren Mädchen.Theater.Gruppen haben wir erstmalig einen Trickfilm- Workshop für diese Zielgruppe angeboten. In Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, Krisenzentren der Stadt Wien, sozialpädagogischen Wohngemeinschaften und Schulen wurden interessierte Mädchen im Alter zwischen 12 und 13 Jahren angesprochen. Künstlerisch angeleitet wurde das Projekt von den Animationsfilmkünstlerinnen Carmen Fetz und Maria Weber. Die Organisation und Gesamtleitung lag bei Christina Radner und Anna Schwitzer vom Kinderschutzzentrum, und der Workshop fand von Oktober bis Dezember statt. Das Interesse war groß, und nach Einzelgesprächen mit den Mädchen, die Gelegenheit gaben, das Projekt vorzustellen und gleichzeitig etwas über den familiären Hintergrund, die Wünsche, Vorstellungen sowie Befürchtungen der Mädchen in Bezug auf den Workshop zu erfahren, haben sich neun Mädchen entschieden teilzunehmen. Von den neun Mädchen leben acht in sozialpädagogischen Wohngemeinschaften, ein Mädchen musste während des Projektes von zu Hause in ein Krisenzentrum übersiedeln, und ein Mädchen wohnt bei ihrer Mutter. Alle Mädchen haben Gewalt in verschiedenen Formen erlebt und können derzeit, bis auf eine, nicht in ihren Familien wohnen. Die meisten haben aber Besuchskontakt zumindest zu einem Elternteil. Ziel des Projektes war, im Rahmen des Workshops einen Stop-Motion- oder Animationsfilm gemeinsam mit den Mädchen zu produzieren. Die Mädchen lernten verschiedenste Stop-Motionbzw. Animationstechniken kennen. Neben fachlichem Wissen erlangten die Mädchen aber vor allem soziale Kompetenzen: narratives Erzählen, kreative Ausdrucksformen, Selbstreflexion und Feedbackkultur in den Kleingruppen förderten das Selbstbewusstsein. Die Gruppe bot zudem die Möglichkeit, in einem kleinen geschützten Rahmen eigene Ideen einzubringen, Ängste zu 15


überwinden und Erlebtem eine Sprache zu verleihen. Jedes Mädchen schlüpfte erstmalig in die Rolle einer Regisseurin und konnte dadurch selbst bestimmen, welche Geschichte dargestellt werden sollte. Stop-Motion eignet sich besonders gut, um aus einer gewissen Distanz Geschichten zu erzählen. Die Mädchen werden selbst zu Regisseurinnen und können das Geschehen auf ihrer Bühne steuern. Dazwischen wird immer wieder beobachtet und evaluiert und weiteres Vorgehen besprochen. Das eigene Gestalten eines Stop-Motion-/Animationsfilms bietet einen spielerischen Rahmen, um neues Selbstbewusstsein zu erlangen. Wie läuft das jetzt konkret ab? 1. Es braucht eine Idee Zu Beginn wurden kurze Interviews mit den Mädchen geführt zu folgenden Fragen: Was macht das Leben lebenswert? Was beschäftigt dich? Was ist wichtig in deinem Leben? Was macht das Leben für dich schön? Die Mädchen erzählen von ihren Hobbies. Sie erfreuen sich am Tanzen, Fußball spielen, Räder schlagen und Handstände machen, bowlen, schwimmen und musizieren. Außerdem macht für sie Neues auszuprobieren das Leben lebenswert, weil „wenn man nichts ausprobiert, was soll man denn dann machen?“ Wie es im Leben weitergehen wird, beschäftigt die Mädchen. Wird man mit den ganzen Aufgaben eines Erwachsenen umgehen können? „Man kommt ja nicht wieder zurück zum Kind – wär schön –, außer wenn man älter wird, dann wird man wieder zum Kind.“ Die Mädchen wünschen sich eine Wohnung an einem schönen Ort und eine Arbeit, die Spaß macht und wo es nette Arbeitskollegen gibt, ein Auto, einen Freund und später dann Kinder. Auch aktuelle Themen wie Schule und Lernen beschäftigen die Mädchen. Sie machen sich Gedanken zu ihrer Wohnsituation, der Beziehung zu ihren Eltern und zum Befinden ihrer Geschwister oder besten Freundinnen und Freunden. Familie und Freundschaften werden von allen teilnehmenden Mädchen als die wichtigsten Elemente ihres Lebens aufgezählt. Sie mögen es, mit ihnen gemeinsam Zeit zu verbringen, zu lachen und zu spielen. Außerdem erzählen die Mädchen, dass es für sie von Bedeutung ist, auf sich selbst zu schauen und Freude am Leben zu haben. „Man soll die ganze Zeit genießen, was man grad macht und so. Im Leben ist es sehr wichtig, alles zu versuchen und nie aufzugeben; dann wird man es am Ende auch sicher schaffen.“ 2. Ein Drehbuch/Storyboard wird erstellt Mit Hilfe dieser Aussagen wurde für jedes Mädchen ein Storyboard erstellt – d. h., mehrere kleine Szenen wurden entwickelt, die filmisch dargestellt werden sollten. Einerseits ging es um konkrete Szenen und andererseits um die Auswahl des Materials. Manche haben mit Plastilin gearbeitet, andere mit Zeitungsausschnitten oder haben eigene Bilder gezeichnet und gemalt, auch Sandbilder wurden verwendet. 3. Materialsuche/Materialbearbeitung Dann ging es an die konkrete Arbeit: Es wurde gezeichnet, modelliert, gebastelt, aus Zeitschriften Bilder ausgesucht und ausgeschnitten. Ideen entstanden, wurden wieder verworfen oder weiter ausgeführt. Es war ein reges und buntes Treiben, mitunter auch recht stressig, das sich jeden Freitag im Kinderschutzzentrum abgespielt hat. Die Mädchen waren emsig bei der Arbeit. Natürlich gab es auch Durchhänger und ein „Nicht-weiter-Wissen“. Carmen Fetz und Maria Weber, die beiden Animationsfilmkünstlerinnen haben mit 16


Die Mädchen bei der Arbeit ihrer großen Erfahrung, viel Freude und Engagement immer wieder weitergeholfen, motiviert, neue Anregungen gegeben, gelobt und die Mädchen bei ihrer Arbeit bestärkt und angespornt. So sind unglaublich tolle und spannende Szenen gemeinsam mit den Mädchen entstanden. 4. Animation Das Animieren besteht aus dem Knipsen von vielen Einzelbildern, in denen die Figuren immer um einige Millimeter weiterbewegt werden. Diesen Vorgang bezeichnet man auch als Stop-Motion. Eine Figur oder ein Gegenstand werden fotografiert, dann weiterbewegt und wieder fotografiert. Die einzelnen Bilder können dann am Computer mittels einer speziellen Software zusammengezurrt werden. Eine Animation ist sozusagen ein digitales Daumenkino, in dem Einzelbilder schnell hintereinander gezeigt werden, das Auge kann die Einzelbilder nicht mehr erfassen und so entsteht „ein Film im Kopf“. Je mehr Bilder pro Sekunde gezeigt werden, desto flüssiger erscheint die Bewegung – mindestens 8 Bilder sind notwendig! 5. Vertonung Ausschnitte aus den Interviews der Mädchen wurden als Tonunterlage verwendet. Dies ist ein sehr aufwendiges Verfahren, bei den Köpfen aus Plastilin wurde der Mund bewegt, damit die Lippen- bzw. Mundstellung zu den gesprochenen Wörtern passt! 17


18 Ein kleiner Einblick in die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Arbeiten:


6. Zusammenschnitt der einzelnen Beiträge Der letzte Arbeitsschritt ist noch einmal ein sehr aufwendiger: Alle Beiträge werden geschnitten, zusammengestellt und aufeinander abgestimmt und mit Musik unterlegt – dann ist der Film fertig! Meine Kollegin Anna Schwitzer und ich haben organisiert, telefoniert, bei der Sichtung der Zeitschriften nach passenden Ausschnitten geholfen, haben motiviert und für gute Rahmenbedingungen gesorgt, einschließlich einer Pausen-Jause, die von den Mädchen immer gern gestürmt wurde. Die Pausensituation war neben der kulinarischen Stärkung auch ein kommunikativer Austauschraum: Die Mädchen haben sich über ihre Wohn- und Lebenssituationen sowie über die Schule und Freundinnen und Freunde unterhalten. Obwohl am Freitag später Nachmittag nach einer langen Schulwoche durchaus mal Müdigkeit spürbar war, war die Atmosphäre immer angenehm und entspannt. Entstanden ist ein Kurzfilm von knapp sechs Minuten, der Beiträge von allen Mädchen beinhaltet und davon erzählt, was wichtig ist im Leben, was Spaß macht, wie die Zukunft ausschauen wird, was Freude und was Sorgen macht und ob das alles auch zu schaffen ist. Und er vermittelt auch die wichtige Botschaft: dass man immer wieder was ausprobieren soll, dass es wichtig ist, neugierig zu sein, nicht aufzugeben und sich auch was zu trauen! Anfang Jänner 2017 haben wir den Film im Admiral Kino einem ausgewählten Publikum gezeigt: Eltern, Freundinnen und Freunde der Mädchen, Kinder aus Wohngemeinschaften, SozialpädagogInnen und KollegInnen waren begeistert von den schönen und berührenden Aufnahmen! Danke an das Admiral Kino für die Gratisvorführung! Finanziell unterstützt wurde dieses Projekt durch die MA 57. 19


Arbeitskreis für Kinderund JugendlichenpsychotherapeutInnen Maria Raab Bei unseren Arbeitskreistreffen zeigt sich immer wieder, wie vielfältig und auch auf vielfältige Weise anspruchsvoll die therapeutische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien ist. Mit zwei recht unterschiedlichen Themen haben wir uns auch 2016 beschäftigt. Zum einen haben wir uns in der Auseinandersetzung mit der Situation von Kindern psychisch kranker Eltern einen inhaltlichen Schwerpunkt gesetzt, der uns auch in der Kinderschutzarbeit oft beschäftigt. Zum anderen hatten wir einen methodischen Schwerpunkt und konnten die Kinderorientierte Familientherapie (KOF) kennenlernen, die in der Kombination verschiedener Settings einen kreativen und spielerischen Zugang für die Arbeit mit Eltern und Kindern bietet. Arbeitskreis 1 Den ersten Arbeitskreis hat Dr. Sabine Röckel mit uns gestaltet. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin. Ihre Erfahrungen in der Erwachsenenpsychiatrie haben sie mit der Notwendigkeit konfrontiert, die Kinder von PatientInnen mehr in den Blick zu bekommen. Röckel ist Mitinitiatorin und fachliche Leiterin der Projekts KIPKE 1 in Niederösterreich, das Unterstützung für Kinder psychisch kranker Eltern anbietet. Anhand von zwei Videos haben wir uns bei diesem Arbeitskreis der Situation der betroffenen Kinder angenähert. Damit war die Grundlage gegeben, um Antworten auf Fragen rund um diese Problematik zu suchen. Fragen, die sich um ein besseres Verständnis der Welt der betroffenen Kinder bemühen: Wie erleben Kinder psychische Erkrankung? Womit sind sie da im Alltag konfrontiert? Was macht das mit ihnen? Und Fragen, die in Richtung passender Unterstützungsangebote gehen: Was brauchen die Kinder? Was brauchen die Eltern? Welche Interventionen sind hilfreich? Wie können familiäre Unterstützungssysteme eingebunden werden? Welche Rolle spielt Vernetzungsarbeit mit anderen Institutionen? Das Fehlen von Unbeschwertheit, die Isolation und dauernde Überforderung von Kindern in derart belasteten Familien wurde über die Videos sehr eindringlich vermittelt. Die Bedeutung von Themen wie Schuld, Scham, Loyalitätskonflikte, Sorgen und Ängste wurde verdeutlicht. Im Hinblick auf Hilfsangebote für Eltern und Kinder ging es dann viel um Aufklären und Informieren, Aufhebung von Tabus, Entlasten, Raum für die eigenen Gefühle der Kinder sowie um Krisenpläne und das Aktivieren oder Schaffen von sozialen Ressourcen im Umfeld der Kinder. Damit ein Kind wieder Kind sein kann, braucht es immer auch Erwachsene, die eine Erwachsenenrolle übernehmen. Das wurde in beiden Videos angedeutet: In dem Film, der den Alltag eines Schulmädchens und ihres jüngeren Bruders mit einer vermutlich manisch-depressiven Mutter nachstellt, zeigt sich ein Hoffnungsschimmer in der Gestalt von 20


Nachbarn, die die Kinder zu einem Ausflug mitnehmen und damit ein Stück Unbeschwertheit ermöglichen. In dem Musikvideo „A song to say goodbye“ 2 sind es Fachpersonen, die dem parentifizierten Kind letztlich die Verantwortung für den depressiven Vater abnehmen. Unsere Praktikantin Julia Blocher hat ihre Eindrücke zu dem Musikvideo zusammengefasst (S. 23). Arbeitskreis 2 Im zweiten Arbeitskreis hat Mag. a Sigrid Binnenstein, Psychotherapeutin und Klinische und Gesundheitspsychologin, die Kinderorientierte Familientherapie (KOF) vorgestellt. KOF ist eine Methode die auf den norwegischen Psychologen und Kindertherapeuten Martin Soltvedt zurückgeht. Bernd Reiners 3 hat die Methode in Deutschland bekannt gemacht und vereinzelt wird sie derzeit auch in Österreich angeboten, seit 2015 im Kinderschutzzentrum. Binnenstein erläuterte entstehungsgeschichtliche und theoretische Hintergründe dieser Methode und ihre praktische Anwendung. KOF ist schulenübergreifend. Elemente der klassischen Spieltherapie sind hier mit systemischen Ansätzen auf eine originelle und fruchtbare Art und Weise verbunden. Auch verhaltenstherapeutische Aspekte fließen mit ein. In der praktischen Umsetzung gibt es sowohl Sitzungen mit Eltern allein als auch mit Eltern und Kind gemeinsam. Mit den Eltern wird in einem oder mehreren Vorgesprächen das Anliegen geklärt und die Methode KOF vorgestellt. Kind und Therapeutin lernen sich dann in einem ersten gemeinsamen Spiel kennen. Typischerweise findet dieses mit kleinen Holzfiguren in einer Sandkiste statt: ein freies Spiel ohne feste Regeln, aber in einem festen Rahmen. Die Eltern schauen zu, und das Spiel wird auf Video aufgezeichnet. In einem Reflexionsgespräch mit den Eltern wird anschließend besprochen, was im Spiel passiert und welche Parallelen zum Alltag sich möglicherweise zeigen. Das aufgezeichnete Spiel bietet die Grundlage und den Rahmen für dieses Gespräch. Das Reflexionsgespräch bildet die Brücke zwischen der Spiel- und der Realitätsebene. Zentrale Themen dabei sind: Wege der Kontaktaufnahme, Interaktions- und Beziehungsmuster sowie Beispiele von gelungenem „gemeinschaftlichem Handeln“ 4 . Es folgen weitere Spielsequenzen mit Eltern, Kind und Therapeutin gemeinsam, die ebenfalls auf Video aufgezeichnet und in Reflexionsgesprächen nachbesprochen werden. Dass Kinder meistens vom gemeinsamen Spiel begeistert sind, ist eine Erfahrung von Binnenstein. Für die Eltern bietet KOF die Chance, im Spiel Veränderungen auszuprobieren und die Wirkung unmittelbar zu erleben. Die Therapeutin ist aktiv dabei und kann mit ihrer 21


Spielfigur unterstützen, begleiten und bei Bedarf Impulse geben. In den Reflexionsgesprächen kann gezielt nach positivem Verhalten gesucht werden oder auch nach möglichen guten Absichten von „störendem“ Verhalten. Außerdem können Ideen und Wünsche für folgende Spiele besprochen werden. Ziel ist es, gemeinschaftliches Handeln von Eltern und Kind zu fördern und in jeder Familie die Wege dorthin zu finden. Binnenstein beschrieb noch viele Details und Variationen in der Arbeit mit KOF. Besonders eindrücklich ist insgesamt, wie hier die Therapie konsequent vom Kind aus betrachtet wird und wie sich über die Begegnung auf der Ebene des Kindes, dem Spiel, Entwicklungsräume auftun. Beziehungs- und Verhaltensmuster sowie auch Aspekte des Innenlebens des Kindes können sichtbar und besser verstanden werden. Spielund Reflexionsebene werden letztlich genutzt, um positive Veränderungen in einer Familie in Gang zu setzen. Hinweise Homepage von Bernd Reiners: http://www.kinderorientierte-familien therapie.de/ Einführungskurs mit Bernd Reiners vom 26.–28.10.2017 an der Lehranstalt für systemische Familientherapie: http://www.lasf.at/index.php/fortbildung/ Anmerkungen 1 http://www.psz.co.at/angebote/kinderpsychisch-kranker-eltern-kipke/ 2 https://www.youtube.com/watch?v= Hs9a9RRcKms 3 Bernd Reiners, 2013: Kinderorientierte Familientherapie. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 4 Eine deutsche Übersetzung für „samhandling“. Das ist ein zentraler Begriff bei Martin Soltvedt und beschreibt ein gemeinsames Tun, bei dem alle Beteiligten Spaß haben. „Samhandling“ ist für Soltvedt einer der wichtigsten Indikatoren dafür, dass eine Familie funktioniert. 22


A song to say goodbye – Placebo Julia Blocher In unserem ersten Arbeitskreis für Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen 2016 befassten wir uns dem Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“ (siehe S. 20/21) und haben uns zur Einstimmung zwei Videos angeschaut. Eines davon hat Julia Blocher zusammengefasst. In dem Musikvideo „Song to say goodbye“ werden durch Lyrics und Film zwei unterschiedliche Situationen gezeichnet, die sich in vielen Themen überschneiden. Der Songtext erzählt von der unerträglichen Beziehung zu einem Drogenabhängigen, das Video zeigt die untragbare Lage eines Jungen mit einem psychisch schwerkranken Vater. Beide Geschichten handeln vom Sichnicht-verlassen-Können und vom Verlassensein. Im Video übernimmt der Junge all das, was eigentlich Aufgabe des Vaters wäre: Er kümmert sich um seinen Vater, fährt ihn mit dem Auto, räumt dessen Zimmer auf, sorgt für Essen und Getränke etc. Doch diese Parentifizierung des Sohnes allein ist es nicht, was einem beim Betrachten des Filmes nahe geht bzw. einen bedrückt. Es ist die Tatsache, dass der Vater, der anscheinend an Depressionen leidet, die meiste Zeit keinerlei Reaktionen zeigt und lethargisch vor sich hinschaut, was nur durch gelegentliche Zusammenbrüche und Weinen unterbrochen wird. Nicht nur, dass sich der Junge gezwungen sieht, die Eltern-Rolle zu übernehmen und sein Kindsein aufzugeben, muss er dies für einen emotional für ihn nicht zugänglichen Mann tun. Immer wieder versucht der Sohn den Vater, der doch irgendwo in der Hülle diese Mannes sein muss, durch Blicke, Gesten oder zaghaft angedeutetes Lächeln zu erreichen („Now I’m breaking down your door . . . Now I’m trying to wake you up“), doch er lässt sich nicht affizieren („And you still won’t let me in“). Auch die Emotionspalette des Jungen wirkt stark eingeschränkt und jedenfalls nicht kindgerecht. Was bei ihm spürbar wird, ist etwas wie Ergebenheit in dieser unmöglichen Situation, was er zeigt, ist ein resigniertes Funktionieren. Der Junge bleibt allein mit dem Schatten seines Vaters, der sich immer wieder buchstäblich fallen lässt. Als ihm einmal Menschen auf der Straße zu Hilfe kommen, lässt er diese Unterstützung nicht zu. Nur sein Sohn kann ihm wieder aufhelfen. All das unterstreicht das drückende Gefühl von Einsamkeit und Verantwortlichkeit für etwas, wofür ein Kind keine Verantwortung übernehmen müssen dürfte und letztlich auch nicht übernehmen kann. Im Song wird die Aggression gegen die Person, die einen in eine solche Lage bringt und die sich innerlich von einem entfernt, ausgedrückt („You are one of God’s mistakes; You crying, tragic waste of skin“). Diese Art von Gefühlen lässt der Ausdruck des Jungen gänzlich vermissen. Selbst als er mit einem großen 23


blauen Fleck auf der Wange gezeigt wird (ob dieser ein Symbol für die innerlichen Verletzungen des Kindes ist, die der Vater ihm zufügt, oder ob er von einer aktiven Handlung des Mannes stammt, bleibt der Interpretation der Betrachtenden überlassen), schenkt der Sohn seinem Vater nur ein trauriges Lächeln. Er hat alle seine Bedürfnisse aufgegeben, um für seinen Vater zu sorgen. Während des ganzen Videos wiederholt der Sänger die Phrase „A song to say goodbye“. Ein Abschied wovon? Möglicherweise von seinem Vater oder dem Menschen, der er früher war, von ihrem alten Leben oder von seiner Kindheit. Am Ende des Videos schafft es der Junge, sich Unterstützung zu holen. Er übergibt den Vater in die Hände von Fachpersonen und gibt damit auch seine Verantwortung ab. In der letzten Szene sieht man ihn, wie auch in der ersten, in einem fahrenden Auto. Nun sitzt er jedoch nicht mehr am Fahrersitz, sondern auf der Rückbank. Er hat das Steuer abgegeben. Das Video lässt einen die Situation so betrachten, dass man mit dem Jungen mitfühlt. Die Perspektive des Vaters darf aber auch nicht übersehen werden. Es geht ebenso um einen Mann, der unter einer schweren Krankheit leidet, die ihm seine Lebensfreude und schließlich auch sein Kind nimmt. 24


Fortbilden, Lernen, Vernetzen, Mitgestalten Holger Eich Kinderschutzarbeit ist auch: ProfessionistInnen zu schulen und in ihrer Arbeit supervisorisch zu begleiten. Kinderschutzarbeit bedeutet: unser Fachwissen in Gremien beizutragen. Und immer wieder uns selbst durch Fortbildungen weiterzubilden. Angebot von Fortbildungen Wie kann man bei einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung mit dem betroffenen Kind und mit den verdächtigten Eltern sprechen? Diese Frage bewegt viele ProfessionistInnen, die zwar inzwischen für das Thema sensibilisiert sind und vermehrt Wahrnehmung machen, aber dann nicht wissen: Wie kann es weitergehen, wenn man erst einmal einen „Verdacht“ hat? Wie kann man darüber reden, ohne „noch mehr kaputt zu machen“? Christina Radner sprach mit Studierenden des Fachbereichs der FH Soziale Arbeit über „Gesprächsführung mit Kindern und Jugendlichen“. Für den römisch-katholischen Kindergartenträger „Nikolausstiftung“ boten Gertrude König und Christina Radner zum Thema „Gewalt gegen Kinder/Gefährdung von Kindern erkennen und ansprechen“ einen Workshop mit dem Schwerpunkt, Gespräche mit Kindern und Eltern zu führen, an. Adressaten der Fortbildung waren Inspektorinnen, pädagogische Leitung sowie mobiles Team (Psychologinnen, mobile Sonderkindergärtnerinnen). Christina Radner stellte darüber hinaus im Lehrgang Sonderkindergartenpädagogik die Arbeit des Kinderschutzzentrums vor. Gertrude König bot Fortbildungen für folgende Institutionen an: Verein EFKÖ: Pflege-und Adoptiveltern Volksschule der Piaristen Hort der Piaristen Mit der Kollegin Gabi Walisch vom Kinderschutzzentrum gestaltete Gertrude König erneut das Grundlagenseminar für neue MitarbeiterInnen der österreichischen Kinderschutzzentren. Bei der MÖWE-Tagung leitete sie einen Workshop zum Thema „Psychische Gewalt“: Arbeit mit Eltern (Internetquelle: http://www.die-moewe.at/uploads/ media_files/document/orig/120/1200_ 403_df71a5492ec18b598ece7bae8fa0 a21e92668ca5.pdf). Im Rahmen des Lehrgangs Besuchsbegleitung im Gewaltkontext ist Gertrude König seit Beginn dieser, von ihr mitentwickelten, bundesweiten Ausbildung für das Modul „Kindeswohlgefährdung“ verantwortlich. Katrin Ebner präsentierte einen Workshop zum Thema „Gewalt in Familien – Auswirkungen auf Kinder“ in der Bildungsanstalt für Elementarpädagogik. Philipp Schwärzler unterrichtet weiterhin im Curriculum für Kinder- und Jugendkrankenpflege im AKH zum Thema „Kindesmisshandlung“. 25


Eigene Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kinderschutzzentrums Zur Qualitätssicherung unseres Angebots gehört, dass unsere MitarbeiterInnen ihre Kenntnisse fortlaufend auffrischen, vertiefen oder erweitern. Maria Raab hat im vergangenen Jahr das Curriculum „Ego-State-Therapie“ bei der Milton-Erikson-Gesellschaft sowie ihre Fortbildung „Kinderorientierte Familientherapie“ am ifs in Essen erfolgreich abgeschlossen. Darüber hinaus nahm sie an Seminaren zum „Therapeutischen Zaubern“ bei Annalisa Neumeyer teil und hat Veranstaltungen zu verschiedenen Themen in der hypnosystemischen Therapie am Hypnosynstitut in Wien besucht. Katrin Ebner und Gertrude König besuchten das Seminar „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ bei Dr. Kierein. Weiters bildete Katrin Ebner sich zum Thema „Dissoziative (Identitäts-)Störung in der Beratung“ in einem Seminar von Michaela Huber weiter. Philipp Schwärzler besuchte Fortbildungen zum Thema: „Der Körper von Kinder und Jugendlichen als formbares (sexualisiertes) Objekt in digitalen Medien“, „Jugendhilfe im Blick – Übergänge und Übergangene in der Kinderund Jugendhilfe“. Holger Eich setzte seine Ausbildung zum „Integrativen Eltern-Säugling- Kleinkind-Berater“ beim Team von Mechthild Papoušek an der Deutschen Akademie für Entwicklungsförderung und Gesundheit des Kindes und Jugendlichen fort. Netzwerken In der „Plattform für ambulante Psychotherapie für Kinder und Jugendliche“ wird das Kinderschutzzentrum schon seit Jahren von Christina Radner engagiert vertreten. Sowohl im Vorstand des Bundesverbands der Österreichischen Kinderschutzzentren als auch im Wiener Netzwerk „Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ vertritt uns Gertrude König. Mitarbeit in ExpertInnengremien Holger Eich nahm an der ExpertInnenkommission des BMFJ, die Qualitätsstandards für die „angeordnete Beratung nach § 107 (3) AußStrG“ ausarbeitete, teil. Er ist auch Mitglied der Arbeitsgruppe im BM Justiz zur Qualitätsentwicklung der Familien- und Jugendgerichtshilfe. Tagungen und Kongresse Vertreter unseres Teams waren darüber hinaus anwesend bei folgenden Tagungen und Kongressen: Tagung „40 Jahre Praterstraße – Gesellschaftliche Veränderungen im Spiegel therapeutischer Gespräche“ (Institut für Paar- und Familientherapie) Fachtagung „Transkulturalität und Vielfalt als Chance“ des Wiener Netzwerkes gegen sexuelle Gewalt an Mädchen, Buben und Jugendlichen 25 Jahre Erziehungsberatung der Wiener Kinderfreunde „Vom Reichtum der Kindheit und der Rede vom Sparen“ „Angekommen“ – Kinder nach der Flucht 63. Tagung der österreichischen JugendamtspsychologInnen Unterm Radar der Kinder- und Jugendhilfe: Bleibt rituelle Gewalt und organisierte sexuelle Ausbeutung an Kindern verborgen? Tagung der „Frühen Hilfen – gut begleitet“ Fortbildungsveranstaltung Kinderschutz im AKH Wien Angebot von Supervision Philipp Schwärzler und Holger Eich bieten nach wie vor Gruppensupervisionen und Fallbesprechungen für Teams in Krankenhäusern, Kindergärten und Kinderhorten sowie im Bereich „Frühe Hilfen“ an. 26


Die MitarbeiterInnen Mag. a Katrin Ebner Klinische und Gesundheitspsychologin Psychotherapeutin (Systemische Familientherapie) Diplomierte Sozialarbeiterin Psychotherapeutin (Systemische Familientherapie) DSA Christina Radner, MSc Mag. Holger Eich Klinischer und Gesundheitspsychologe Klinischer und Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut Leiter Mag. Philipp Schwärzler DSA Gertrude König Diplomierte Sozialarbeiterin Psychotherapeutin (Systemische Familientherapie) Dr. in Anna Schwitzer Klinische und Gesundheitspsychologin Doris Löwenpapst Organisation und Teamassistenz Dr. in Eva Traindl Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde und Ärztin für Allgemeinmedizin Ärztin für Psychosoziale und Psychosomatische Medizin Psychotherapeutin (KIB) Klinische und Gesundheitspsychologin, Personenzentrierte Psychotherapeutin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Mag. a Maria Raab 27


Sponsoren 2016 Private Spenderinnen und Spender 28


Das Kinderschutzzentrum wird gefördert von: UNABHÄNGIGES KINDERSCHUTZZENTRUM WIEN, 1030 WIEN, MOHSGASSE 1/TOP 3.1, TELEFON: 526 18 20 KRISENTELEFON: MONTAG, MITTWOCH & DONNERSTAG 10–12 & 16–18 UHR, DIENSTAG & FREITAG 14–16 UHR http://www.kinderschutzzentrum.wien · eMail office@kinderschutzzentrum.wien Spendenkonto Kontonummer 41402317006 · Volksbank, BLZ 43000 · IBAN: AT784300041402317006 · BIC: VBWIATW1

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