Das Huhn Angelika – Leseprobe

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Das Huhn Angelika

Eine Geschichte von Andrea Böhm mit Bildern von Lee D. Böhm


Das Huhn Angelika

Eine Geschichte von Andrea Böhm mit Bildern von Lee D. Böhm


ein drittes gar Gracia Prinzessin zu Federhausen.

Es war einmal ein Huhn, das hieß Angelika.

Angelika lebte auf einem kleinen Bauernhof mit zwanzig anderen Hühnern,

die samt und sonders außergewöhnliche Namen hatten.

Eines hieß Vera von Kornfeld,

ein anderes Constanza von Dottersdorff,

Nur Angelika hieß einfach Angelika.


Die Hühner waren schrecklich stolz auf ihre Namen. Sie glaubten, sie seien

von besonderer Geburt und in jedem Fall etwas Besseres als ein Huhn, das

nur einen einzigen Namen hatte. Obwohl sie weder schöner waren, noch mehr

Eier legten, sahen sie hochmütig auf Angelika herab und verspotteten sie, wo sie

nur konnten.

»Eine Schande«, pflegten sie zu gackern, »wir müssen die Gegenwart eines

gewöhnlichen Huhns ertragen. Kaum auszuhalten.« Manchmal hörte Angelika

noch weit schlimmere Sätze wie: »Wenn dich doch nur der Fuchs holen würde!«

oder: »Warum verschwindest du nicht einfach durch das Mauerloch?«

Alle Hühner dachten nämlich, die Welt sei kurz hinter der hohen Hofmauer

zu Ende. Noch nie hatte es ein Huhn gewagt, sich durch das kleine Loch zu

zwängen, das sich seit undenklicher Zeit in der Hofmauer befand. Schon die

frisch geschlüpften Küken bekamen eingeschärft, dass alles, was sie beim

Durchschauen sahen, eine reine Sinnestäuschung sei.

Alles bis auf die lärmenden Ungeheuer, die an der Grenze zum Nichts lebten und

jedes vorwitzige Huhn fressen würden, das es wagte, seinen Schnabel durch das

Mauerloch zu stecken.


Auf dem Bauernhof verging ein Tag wie der andere. Frühmorgens nahmen die

Hühner ein ausgiebiges Körnerfrühstück ein, dann scharrten sie bis zum

Einbruch der Dämmerung in der Erde herum oder standen in kleinen Grüppchen

zusammen. Dort schwatzten sie über Federkleider und die besten Schnabelstifte

oder lästerten über Angelika.

Die meiste Zeit aber schwärmten sie von Lothar.


Der stolze Hahn, der ebenfalls auf dem Bauernhof lebte, war nicht nur ganz

ansehnlich, sondern hatte auch einen großartigen Namen. Er hieß

Lothar Maximilian Erbprinz zu Ei und Schale,

Graf von Kronenkamm.

Wie alle Hühner war Angelika ein wenig verliebt in ihn. Doch Lothar nahm zu

ihrem Kummer keinerlei Notiz von ihr. Und das, obwohl Angelika mit ihrem

schneeweißen, weichen Gefieder eine richtige Hühnerschönheit war und im

Gegensatz zu den anderen Hühnern oft ein Ei legte.


Die Hühner duldeten Angelika fast nie in ihrer Nähe. So verbrachte sie ihre

Zeit damit, sich ihren Tagträumen hinzugeben. Darin hatte sie natürlich

viele Freunde und war ein beliebtes Mitglied der Hühnergemeinschaft. Eines

Mittags stand sie wieder einmal allein an der Hofmauer und sann darüber nach,

wie schön es wäre, mit Lothar Flügel an Flügel über den Hof zu spazieren. Ein

aufgeregtes Gackern riss sie aus ihren Gedanken.

Nicht weit von ihr schritt Lothar hoheitsvoll über den Hof. Er würdigte sie

keines Blickes. Seine ganze Aufmerksamkeit galt der Schar seiner unzähligen

Verehrerinnen, die ihm auf Schritt und Tritt folgten und sich im Moment

lautstark zankten.


»Lothar hat mich angeschaut! Sogar schon das zweite Mal in diesem Monat«,

jauchzte Dorothea Freihuhn von Waldfeder-Hennenberg. »Ich glaube, er ist

heimlich in mich verliebt.«

»Aber nur in deiner Einbildung«, entgegnete Kunigunde Gräfin zu Eiersburg-

Dotterau, »seine Verlobung wird er nämlich mit mir feiern. Vergiss nicht, er hat

letztes Jahr sogar meinen Flügel berührt.«

»Als er dich beiseite stieß, weil du wie ein dummes Huhn im Weg standest!«,

giftete das Freihuhn zurück.

»Ihr braucht euch gar nicht zu streiten«, sagte Hulda Prinzessin zu

Hahnenwegen, »nur eine Prinzessin ist eine standesgemäße Braut für

meinen Lothar für euch natürlich nur ›Seine Durchlaucht‹.«

»Wer weiß, vielleicht ist am Ende sogar Angelika die Auserwählte«, lachte

Victoria von Schalenburg. Alle Hühner stimmten in das Gelächter ein.


Angelika stand noch immer an der Hofmauer und tat, als hätte sie nichts gehört.

Während sich die Hühner einträchtig zum Sandbaden begaben, betrachtete

sie einen Augenblick gedankenverloren den lehmigen Boden.

Plötzlich entdeckten ihre scharfen Augen einen kleinen Regenwurm, der gerade

in der Erde verschwinden wollte. Regenwürmer aß Angelika für ihr Leben gern.

Blitzschnell zog sie ihn heraus und wollte ihn gerade verschlingen, als sie ein

leises Wispern hörte: »Verschone mich und ich werde dir helfen.«


Überrascht ließ sie den Wurm fallen und blickte sich um. Niemand war in der

Nähe. Sie beugte sich herab und nahm den Regenwurm in Augenschein.

»Hast du etwa mit mir gesprochen?«

»Wer sonst?“, entgegnete der Regenwurm.

»Aber… wieso kannst du reden?«, staunte Angelika.

»Wieso nicht? Du kannst es doch auch.«

»Hühner können sprechen. Regenwürmer nicht dachte ich bis jetzt.«

»Vielleicht hast du sie nur aufgegessen, bevor sie etwas sagen konnten«, wandte

der Regenwurm ein. Betreten schaute Angelika zur Seite. Der Regewurm schaute

sie freundlich an. »Mich hast du ja nicht verspeist.

Übrigens heiße ich Gregor. Gregor von Lumbrik.«

»Angelika«, stellte sich das Huhn vor. »Das ist leider mein einziger Name.«

»Weißt du eigentlich, dass bei uns Regenwürmern einst nur der König und

die Königin auf ihren Nachnamen verzichten durften?«

Angelika seufzte: »Ich wünschte, ich wäre ein Wurm.«

»Wirklich? Wir haben genug Ärger. Zum Beispiel, dass uns dauernd jemand

fressen will. Aber genug über mich geredet. Ich habe schließlich versprochen,

dir zu helfen.« Das Huhn schaute ihn zweifelnd an: »Wie willst du mir helfen?«

»Indem ich dir einen guten Rat gebe«, sagte Gregor und kroch geschäftig

auf dem Boden herum.

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