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GESUNDHEIT [ RÜCKEN +

GESUNDHEIT [ RÜCKEN + SCHMERZ ] Die Patientinnen und Patienten, die zu Ihnen kommen, leiden unter chronischen Schmerzen. Den Begriff „chronisch“ benutzen wir ja auch im Alltag, etwa wenn es uns z. B. regelmäßig im Rücken zwickt. Was sind aus Sicht einer Medizinerin „chronische Schmerzen“? Chronische Schmerzen sind zunächst einmal zeitlich definiert: Es sind anhaltende oder immer wiederkehrende Schmerzen, die länger als 3 bis 6 Monate bestehen. Schmerz hat ja eigentlich eine Warn- und Schutzfunktion. Ein gutes Beispiel hierfür ist der mit dem Griff auf die heiße Herdplatte verbundene Schmerz. Er hat eine Schutzfunktion und steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Ursache − in diesem Fall der heißen Herdplatte. Er soll dazu führen, dass die Hand schnell aus der Gefahrenzone zurückgezogen und so eine Schädigung vermieden wird. Der chronische Schmerz hat diese Warn- und Schutzfunktion verloren und entweder von einem auslösenden Ereignis entkoppelt, oder aber die Stärke des Schmerzes steht in keiner Beziehung zur Stärke des schmerzauslösenden Ereignisses. Der Schmerz ist somit zu einer eigenständigen Erkrankung geworden. Auch Rückenschmerzen können eine Warnfunktion haben, zum Beispiel nicht zu schwer zu heben oder mehr auf muskuläre Stabilisierung zu achten, etwa durch rückengerechtes Tragen oder muskuläres Training. Sie können aber bei anhaltender Fehlhaltung zur Schädigung der betroffenen Körperstrukturen führen und chronisch werden, unter anderem auch durch fehlende Gegenmaßnahmen. Wenn sich allerdings bestehende chronische Schmerzen verstärken oder in ihrem Charakter verändern, muss ausgeschlossen werden, dass noch ein weiteres akutes Problem, etwa ein weiterer Bandscheibenvorfall vorliegt, der Dr. Kristin Kotzerke zusätzlich Schmerzen verursacht. In diesen Fällen muss abgewogen werden, ob die Patientin oder der Patient, bevor wir ihn im Rahmen der multimodalen Schmerztherapie aufnehmen, nicht zunächst wegen des akuten Problems orthopädisch oder neurochirurgisch behandelt werden muss. Das Risiko, dass ein Schmerz chronisch wird, steigt, je länger er besteht. Was kann dazu führen, dass ein Schmerz chronisch wird? Das Risiko, dass ein Schmerz chronisch wird, steigt, je länger ein Schmerz besteht, weil er zum Beispiel unbehandelt bleibt oder seine Ursachen nicht ausreichend behandelt werden. Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass durch diesen Dauerstress für die betroffenen Nervenzellen biochemische Veränderungen an ihnen stattfinden, die dazu führen, dass auch schwächere Reize, auch unter Umständen auch Reize, die normalerweise nicht als Schmerz empfunden werden, wie etwa eine normale Berührung, als Schmerzimpuls an das Gehirn weitergeleitet werden. Das klingt zunächst einmal sehr technisch. An der multimodalen Schmerztherapie sind auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten beteiligt. Welche Rolle kommt ihnen zu? Zum einen geht es bei der psychotherapeutischen Behandlung um die Frage, wie ich mit einem Schmerz, der mich oft bereits seit Jahren quält, etwa durch Entspannungstechniken besser umgehen kann. Zum anderen muss man sich immer wieder klarmachen, dass das gesamte Schmerzgeschehen am Ende im Gehirn zusammenläuft. Dort wird ein körperlicher Schmerz in vielen Fällen dann mit anderen negativen Erlebnissen, die durchaus weit in der Vergangenheit liegen können, oder unangenehmen Erfahrungen, wie etwa Stress am Arbeitsplatz, verknüpft. Für die Patientinnen und Patienten bedeutet dies dann etwa: Kaum tritt Stress auf, setzt in der Folge Schmerz ein. Hier kann man psychotherapeutisch ansetzen. Die Herausforderung bei einem chronischen Schmerz besteht darin, dass viele verschiedene Faktoren wie in einem komplizierten Knoten miteinander verknüpft sind. In der multimodalen Schmerztherapie geht es darum, diesen Knoten gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten zu entwirren. Foto:EKGW Die Vorstellung, psychotherapeutisch behandelt zu werden, ist sicher für viele Patientinnen und Patienten erst einmal gewöhnungsbedürftig. Bevor wir mit unserer stationären Schmerztherapie beginnen können, spreche ich mit den Patientinnen und Patienten über den Sinn und auch die Chancen, die mit einer psychotherapeutischen Behandlung verknüpft sind. Sie müssen bereit sein, sich darauf einzulassen. Dennoch höre ich oft den Satz: „Frau Dr. Kotzerke, ich habe es doch im Rücken und nicht im Kopf.“ Aus meinen vielen 22 in

GESUNDHEIT [ RÜCKEN + SCHMERZ ] Jahren, in denen ich mit Schmerzpatienten gearbeitet habe, kann ich jedoch sagen, dass viele von ihnen sehr belastende Biografien haben. Oft leiden sie etwa an Traumata, die nicht bearbeitet wurden und die noch auf ihr Leben und ihre Schmerzen Einfluss haben. Das heißt, ein falscher Umgang mit seelischem Schmerz kann die Entstehung eines chronischen Schmerzes begünstigen? Viele Studien belegen dies. Und auch meine Erfahrung aus der Praxis bestätigt das. Selten kommen Menschen zu mir, die sagen: „Ich bin mit mir vollkommen im Reinen, bekomme ausreichend Bewegung, gehe entspannt und glücklich durchs Leben, leide aber unter chronischen Schmerzen.“ Stichwort Bewegung: Für das Thema Bewegung sind in der multimodalen Schmerztherapie Physiotherapeutinnen und -therapeuten zuständig. Weshalb sind auch sie in Ihr Behandlungskonzept eingebunden? Viele Patienten haben über lange Zeit eine Schonhaltung entwickelt, mit der sie schmerzende Bewegungen vermeiden. Diese aber führt oft zu einseitiger Belastung einzelner Muskelgruppen und damit wiederum selbst zu Schmerzen. Die Herausforderung bei einem chronischen Schmerz besteht darin, dass viele verschiedene Faktoren wie in einem komplizierten Knoten miteinander verknüpft sind. Außerdem haben sich viele Patientinnen und Patienten aufgrund der Schmerzen zurückgezogen, sich zu Hause eingeigelt und nur noch wenig bewegt. Wichtige Ziele der Physiotherapie sind daher eine gezielte muskuläre Kräftigung und ein Abbau von muskulären Ungleichgewichten, aber auch eine verbesserte Körperwahrnehmung und die Optimierung der Koordination. Insgesamt soll damit die Beweglichkeit und Ausdauer verbessert werden, damit die Patientinnen und Patienten wieder angemessen körperlich aktiv werden und am Leben teilnehmen können. Außerdem werden, auch mithilfe von Ergotherapeutinnen und -therapeuten, Techniken zur Verbesserung von Alltagstätigkeiten sowie Abläufe am Arbeitsplatz eingeübt. Welche Rolle kommt Ihnen als Medizinerin in der Therapie zu? Ich bin die zentrale Ansprechpartnerin für die Patienten und außerdem diejenige, die die verschiedenen Therapieelemente zusammenbringt und deren Abfolge festlegt. Am Anfang steht für mich eine umfassende Befragung und Untersuchung jedes Patienten. Denn wie bereits angesprochen, muss ich sicherstellen, dass neben dem Schmerz nicht noch weitere Erkrankungen vorliegen, die eventuell vorrangig behandelt werden müssen. Ich Standort Weende An der Lutter 24 37075 Göttingen Standort Neu-Mariahilf Waldweg 9 37073 Göttingen Standort Lenglern Pappelweg 5 37120 Bovenden Medizin ist unsere Leidenschaft Tel. 0551 5034-0 kontakt@ekweende.de www.ekweende.de