Kevin DeYoung: Leg einfach los! Ein befreiender Weg, Gottes Willen zu entdecken

betanienverlag

Der zweite Untertitel ist vielsagend: "Oder: Wie man Entscheidungen trifft ohne Träume, Visionen, Wollvließ, Eindrücke, offene Türen, zufällige Bibelverse, Lose werfen, Gänsehautmomente, Schriftzüge am Himmel etc."

Zu oft tun Christen sich schwer, sich für einen Job, einen Partner oder eine Gemeinde oder für überhaupt irgendetwas zu entscheiden. Sie sorgen sich krampfhaft, dass sie nicht Gottes perfekten Willen für ihr Leben gefunden haben. Viele fallen in Passivität und Frustration, weil sie Gottes Willen suchen, aber nicht finden. Dabei hat die Bibel eine klare Lösung für dieses Problem: Gott hat seinen Plan für unser Leben bereits offenbart!
Kevin DeYoung verdeutlicht diese biblische Lösung auf erfrischende und sehr lebensnahe Weise. Besonders für junge Leute – die ja vor den wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens stehen – ist dieses Buch eine große Hilfe, um befreit und aktiv zur Ehre Gottes leben zu können.

Kevin DeYoung

Leg einfach los!


Kevin DeYoung

Ein befreiender Weg,

Gottes Willen zu entdecken


Kevin DeYoung ist Hauptpastor an der University Reformed Church in East Lansing,

Michigan, in Nachbarschaft zur Michigan State University. Er gehört auch

zum Leitungskreis der Initiative The Gospel Coalition und schreibt im Web den

Blog https://blogs.thegospelcoalition.org/kevindeyoung. Kevin ist Professor für

Systematische und Historische Theologie am Reformed Theological Seminary.

Weitere Bücher von ihm sind u. a. Crazy Busy, Gott beim Wort nehmen und The

Biggest Story. Kevin und seine Frau Trisha haben sieben Kinder: Ian, Jacob, Elizabeth,

Paul, Mary, Benjamin und Tabitha.

1. Auflage 2017

© der englischen Originalausgabe 2009 by Kevin DeYoung

Originaltitel: Just Do Something

Erschienen bei Moody Publishers, Chicago, Illinois

© der deutschen Übersetzung: Betanien Verlag 2017

Imkerweg 38 · 32832 Augustdorf

www.betanien.de · info@betanien.de

Übersetzung: Larissa Eliasch

Lektorat: Hans-Werner Deppe

Cover: Sara Pieper

Satz: Betanien Verlag

Druck: Druckhaus Nord, Bremen

ISBN 978-3-945716-25-0


Inhalt

Vorwort von Joshua Harris 7

1 Der lange Weg ins Nirgendwo 9

2 Der Wille Gottes auf »Christianesisch« 14

3 Die Herausforderung, sich zu entscheiden 24

4 Unser Wahrsagekugel-Gott 39

5 Ein besserer Weg? 51

6 Gewöhnliche Führung und außergewöhnliche

Überraschungen 59

7 Das Handwerkszeug 70

8 Der Weg der Weisheit 81

9 Berufswahl, Ehe und der Wille Gottes 92

10 Zum Schluss: Eine Geschichte und ihre Moral 106

Studienleitfaden 113


Vorwort

von Joshua Harris

E

s ist Gottes Wille für dich, dieses Buch zu lesen. Ja, ich meine

genau dich. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass du

»einfach so« dieses Buch nimmst, diese Seite aufschlägst und anfängst

zu lesen? Offensichtlich ist das ein Zeichen. Von den Millionen

von Büchern auf der Welt hast du gerade dieses gefunden.

Wow. Ich bekomme Gänsehaut. Verpasse nicht diesen von Gott

arrangierten Moment. Wenn du ihn versäumst, ist es sehr wahrscheinlich,

dass du Gottes Willen für den Rest deines Lebens

komplett verfehlen und deine Tage in Trauer und Bedauern verbringen

wirst.

Nachdem ich dir jetzt einen Schrecken eingejagt habe, muss

ich gestehen, dass der gesamte vorherige Absatz komplett Unsinn

ist. Es ist Quatsch. Überhaupt nicht wahr. In Wirklichkeit weiß

ich gar nicht, ob es Gottes Wille für dich ist, dieses Buch zu lesen.

Aber ich denke, das könnte eine echt gute Idee sein.

Wenn du dazu neigst, so von Gottes Willen zu denken, wie

ich ihn auf so bedrohliche Art und Weise beschrieben habe, wird

dieses Buch dir helfen, deine Sichtweise zu korrigieren. Kevin

DeYoung ist ein begabter Pastor und ein theologisch scharfsinniger

und Klartext redender Autor. Er vermittelt wichtige Inhalte

auf leicht lesbare und verständliche Weise.

In Leg einfach los zeigt Kevin, was uns daran hindert, vorwärtszugehen

und Entscheidungen zu treffen. Er verdeutlicht,

wie Gott zu uns redet und was es bedeutet, von Weisheit geleitet

zu werden. In einer einfühlsamen und liebevollen Weise fordert

er dich heraus.

Es ist gut möglich, dass du bei diesem Thema einigen fehlerhaften

Denkweisen erlegen bist. Ich schätze Kevins nüchterne

7


Leg einfach los! · Vorwort von Joshua Harris

Art und Weise sehr, mit der er uns wieder zurück zur Wahrheit

bringt: »Gott ist keine magische Wahrsagekugel, die wir nur gut

genug durchschütteln und in die wir dann hineinstarren müssen,

wann immer wir eine Entscheidung zu treffen haben. Er ist ein

guter Gott, der uns einen Verstand gibt, uns den Weg des Gehorsams

aufzeigt und uns dazu einlädt, Risiken für ihn einzugehen.«

(Seite 23)

Ich bin ein Pastor. Und das höchste Lob, das ich als Pastor

diesem Buch aussprechen kann, lautet: Es ist mein neues Nonplus-ultra-Buch

zum Thema »Gottes Willen finden« und Entscheidungen

treffen. Wenn du in meiner Gemeinde wärst, auf

mich zukommen und mir sagen würdest: »Ich muss eine wichtige

Entscheidung treffen (Ehe, Arbeit, Hauskauf etc.) und ich

muss wissen, was Gott von mir möchte«, würde ich dir dieses

Buch an die Hand geben.

Es ist befreiend und ermutigend – und sogar, wenn es dir vor

den Kopf stößt (was es hin und wieder tut), wird es dir gut bekommen.

Du wirst klarer und biblischer denken.

Also lies dieses Buch. Du wirst dadurch weiser werden.

Joshua Harris

Hauptpastor der Covenant Life Church und Autor u.a. von

»Mehr als ein Sonntagsflirt. Gib der Gemeinde dein Jawort«

8


1

Der lange Weg ins

Nirgendwo

Ich bin mit Tinkertoy-Spielzeug aufgewachsen. Wie die meisten

amerikanischen Haushalte der letzten hundert Jahre hatte auch

unsere Familie diesen klassischen länglichen Eimer voller Stäbe,

Holzräder und bunten Verbindungsteilen. Seit Erscheinen auf

dem Markt im Jahre 1913 verkaufte Tinkertoy jährlich über 2,5

Millionen Konstruktionssets. Erfinder der Tinkertoy-Sets, die

anfänglich für 60 Cent verkauft wurden und den wenig attraktiven

Namen »Thousand Wonder Builders« trugen, waren Charles

Pajeau und Robert Petit. Die Idee für ein solches Spielzeug hatten

sie, als sie Kindern beim Basteln mit Bleistiften, Stöckchen

und leeren Fadenspulen zusahen.

Auch ein Jahrhundert später findet man an den Tinkertoy-Sets

nichts Ausgefallenes, insbesondere in einem digitalen

Zeitalter, in dem Kinder ohne ihre elektronischen Gadgets nicht

das Haus verlassen. Trotzdem mögen Kinder immer noch Tinkertoy,

weil Kinder gerne basteln.

Und offensichtlich tun das auch Erwachsene gern.

Der Soziologe und Autor Robert Wuthnow bezeichnet die

Generation der 20- bis 45-Jährigen als »Tinkerer«, also »Bastler« 1

(tinker heißt »basteln«). Unsere Großeltern waren die Aufbau-Generation;

sie bauten. Unsere Eltern waren die so genannten Baby-Boomer,

sie »boomten«. Und meine Generation? Wir basteln.

Selbstverständlich ist Basteln an sich nichts Schlechtes, wie auch

Wuthnow herausstellt. Wer gerne bastelt, kann improvisieren,

sich spezialisieren, Dinge auseinandernehmen und Leute aus tau-

1 Robert Wuthnow: After the Baby Boomers: How Twenty- and Thirty-Somethings

Are Shaping the Future of American Religion. Princeton Univ. Press 2007.

9


Leg einfach los! · Kapitel 1

send verschiedenen Orten der Welt zusammenbringen. Jedoch

bedeutet Basteln auch Unentschlossenheit, Unvereinbarkeit und

Instabilität. Wir sehen eine Generation von jungen Leuten (irgendwie)

heranwachsen, die mit Lehren basteln, mit Gemeinden

basteln, mit Partnerbeziehungen basteln oder Hauptfächer zusammenwürfeln,

die mal im Keller bei den Eltern wohnen und

dann wieder von zu Hause ausziehen, die mit den verschiedensten

spirituellen Praktiken hantieren, unabhängig davon, wie unvereinbar

oder widersprüchlich sie sind.

Wir sind unbeständig und instabil. Wir halten an nichts fest.

Wir sind nie sicher, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben.

Meistens sind wir nicht einmal in der Lage, überhaupt eine

Entscheidung zu treffen. Und wir ziehen unsere Entscheidungen

nicht durch. All das bedeutet, dass wir als junge Christen weniger

Frucht bringen und weniger treu sind, als wir sein sollten.

Zugegeben, jung sein bedeutet zumeist auch, jugendlich zu

sein, und die Jugendlichkeit bringt Unentschlossenheit und Instabilität

mit sich. Junge Menschen, die gerne basteln, gibt es

nicht nur in einer einzigen Generation. Auch die Baby-Boomer

und wahrscheinlich sogar die »Builders«, die Aufbau-Nachkriegsgeneration

(die während der Weltwirtschaftskrise aufwuchs und

im Zweiten Weltkrieg kämpfte), bastelten als junge Erwachsene

mit Gott und dem Leben. Der Unterschied bei meiner Generation

ist jedoch, dass die Phase des »jungen Erwachsenen« immer

länger anhält. Früher galt man mit dreißig als alt und alles andere

als jugendlich, doch heute klingt es nicht ungewöhnlich, mit

vierzig »allmählich erwachsen zu werden«.

Eine interessante Statistik belegt: Im Jahr 1960 hatten unter

den Dreißigjährigen 77 % der Frauen und 65 % der Männer

die wichtigsten Stufen des Erwachsenwerdens hinter sich. Diese

Stufen beinhalten den Auszug aus dem Elternhaus, den Schulabschluss,

finanzielle Unabhängigkeit, Heirat und die Geburt eines

Kindes. Im Jahr 2000 hatten unter den Dreißigjährigen lediglich

46 % der Frauen und 31 % der Männer diese Stufen abgeschlossen. 2

2 Ebd., S. 11.

10


Der lange Weg ins Nirgendwo

Mich erstaunt, dass weniger als ein Drittel der Männer in meinem

Alter die Schule beendet haben, ausgezogen sind, geheiratet und

Kinder bekommen haben und einer Arbeit nachgehen, von der sie

ihren Lebensunterhalt bestreiten können. »Adultoleszenz« 3 ist das

neue Normal.

Auf der anderen Seite weiß ich natürlich, dass es viele gute

Gründe dafür geben mag, wenn jemand mit dreißig Jahren

immer noch zur Schule geht. Schließlich brauchen mehrfache

Master ihre Zeit. Ich erkenne auch an, dass es legitime Gründe

gibt, warum ein Dreißigjähriger vielleicht bei seinen Eltern leben

muss (z. B. Krankheit, plötzliche Arbeitslosigkeit oder Scheidung).

Was die Heirat angeht, hast du vielleicht die Gabe der

Ehelosigkeit. Und bezogen auf die Familie habt ihr vielleicht versucht,

Kinder zu bekommen, aber es hat bisher nicht geklappt. Es

gibt eine Menge von Gründen, warum es mit dem Erwachsenwerden

dauert. Ich verstehe das. Nur weil du ein Viertel bis ein

Drittel deines Lebens auf diesem Planeten bereits hinter dir und

»den Übergang« ins Erwachsenendasein immer noch nicht vollendet

hast, bedeutet das nicht, dass du automatisch ein Schmarotzer,

ein fauler Sack oder ein hoffnungsloser Vagabund bist.

Aber es könnte das bedeuten. Es ist möglich, dass deine »ganz

neue Freiheit zum Vagabundieren und Experimentieren, zum

Lernen oder auch Nichtlernen, Weitermachen und nochmal Probieren«

4 dich nicht weiser, kultivierter oder reifer gemacht hat.

Vielleicht braucht dein freier Geist etwas weniger Freiheit und

mehr Treue. Vielleicht sollte dein ständiges Erwachsenwerden …

tja, endlich erwachsen werden.

Aber um nicht missverstanden zu werden: Dieses Buch richtet

sich nicht ausschließlich an junge Leute. Ich werde mich nicht

an einer Generationsanalyse meiner 30- bis 40-jährigen Altersge-

3 Eine im Englischen mittlerweile etablierte Wortschöpfung (adultolescence)

aus adult (erwachsen), und adolescence (Adoleszenz, Heranwachsen), also das

im Erwachsenenalter fortgesetzte Erwachsenwerden (Anm. Betanien Verlag).

4 Christian Smith: »Get a Life: The Challenge of Emerging Adulthood«. Books

& Culture. November/December 2007, S. 10.

11


Leg einfach los! · Kapitel 1

nossen versuchen. Ich werde kein neues Manifest der »Generation

X« 5 aufstellen. Dieses Buch ist sehr viel einfacher als all das.

Es handelt von Gottes WillenGottes Willen für desorientierte

Teenager, ausgebrannte Eltern, pensionierte Großeltern und, ja,

die bastelnde »Generation Y«, die Millennials oder wie auch immer

wir die derzeit Mitte Zwanzigjährigen nennen möchten.

Ich bringe diese ganze Sache mit dem verspäteten Erwachsenwerden

deshalb auf, weil es mit dem geistlichen Thema »Gottes

Willen erkennen« zusammenhängt. Du wirst in diesem Buch einige

der typischen Fragen nach dem Willen Gottes behandelt finden

– also wie man weise Entscheidungen trifft, eine Arbeitsstelle

wählt, wen man heiraten soll und so weiter. Die Beantwortung

dieser Fragen ist jedoch nicht Zweck dieses Buches. Mein Ziel

ist es weniger, dir zu offenbaren, wie du Gottes Stimme hören

kannst, um eine Entscheidung zu treffen, sondern vielmehr, dir

zu helfen, Gottes Offenbarung zu hören: Er sagt dir, den langen

Weg ins Nirgendwo zu verlassen und endlich eine Entscheidung

zu treffen, einen Job zu bekommen und – vielleicht – zu heiraten.

Die Unschlüssigkeit, die viele von uns (insbesondere die Jüngeren)

spüren, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen,

sich festzulegen und dafür sorgfältig nach Gottes Willen zu suchen,

hat mindestens zwei Ursachen: Erstens genießt die neue

Generation – oder zumindest glaubt sie es, zu genießen – eine

»ganz neue Freiheit«. Nach der Schule oder dem College gibt es

keine vorgegebenen Pfade mehr. Die Zukunft steht einem weit

offen und bietet unendliche Möglichkeiten – doch damit einher

gehen auch Desorientierung, Sorge und Unschlüssigkeit. »Bei all

den Dingen, die ich tun könnte, und all den Orten, an die ich

gehen könnte – woher soll ich da wissen, was davon das Richtige

ist?« Das führt zu dem starken Bedürfnis, »Gottes Willen für

mein Leben« zu entdecken. Das ist der Hauptgrund, warum es

12

5 Die »Generation X« wird im engl. auch Baby Busters genannt und ist die Generation

nach den Baby Boomers, also der von Mitte der 1960er bis Anfang

der 1980er Jahre Geborenen. Kevin DeYoung (geb. 1977) schrieb dieses Buch

2009 im Alter von 31/32 Jahren (Anm. Betanien Verlag).


Der lange Weg ins Nirgendwo

immer einen Markt für Bücher über Gottes Willen gibt.

Zweitens ist unsere Suche nach dem Willen Gottes ein Komplize

darin geworden, das Erwachsenwerden aufzuschieben. Diese

ständige Suche ist ein bequemer Ausweg für junge (oder ältere)

Christen, um sich ohne Sinn und Ziel durchs Leben treiben zu

lassen. Zu viele von uns verkaufen ihre Instabilität, Unbeständigkeit

und die endlose Selbsterkundung als angebliches »Suchen

nach Gottes Willen«, als wären das Vermeiden von klaren Entscheidungen

und ein stetes Herumwinden Kennzeichen eines besonderen

geistlichen Feinsinns.

Als Resultat sind wir geprägt von Passivität und mangelndem

Durchhaltevermögen. Wir basteln herum an allem und

mit jedem, anstatt dass wir im Hinblick auf unsere Zukunft

Verantwortung übernehmen, Entscheidungen fällen und einfach

loslegen.

13


2

Der Wille Gottes auf

»Christianesisch«

Wenn Gott einen so »wundervollen Plan für mein Leben«

hat, wie es in vielen evangelistischen Traktaten heißt, warum

sagt er mir dann nicht, was genau dieser Wille für mich ist?

Stattdessen gleicht unser Leben hier unten einem Wirrwarr

von voreiligen Aktionen und Abbrüchen, Sackgassen und offenen

Türen, Möglichkeiten und konkurrierenden Ideallösungen.

So viele Entscheidungen sind zu treffen und keine Antwort

scheint klar und deutlich zu sein. Was soll ich in diesen

Sommerferien tun? Welches Studienfach soll ich wählen? In

welche Richtung soll mein Berufsweg gehen? Will ich Karriere

machen? Soll ich heiraten? Wen soll ich heiraten? Will ich Kinder

haben und wenn ja, wie viele? Soll ich Sport machen oder in

einem Chor singen? Wohin soll ich aufs College gehen? Soll ich

überhaupt aufs College gehen? Soll ich einen Masterabschluss

machen? Welchen Beruf soll ich nehmen? Soll ich in meinem

jetzigen Beruf bleiben? Soll ich Missionar werden? Oder Pastor?

Soll ich irgendwo ehrenamtlich mitarbeiten? Soll ich von

Zuhause ausziehen und mal etwas anderes kennenlernen? Ist es

jetzt an der Zeit, ein Haus zu kaufen?

Für andere stellen sich wichtige Fragen über Geld, Beziehungen

oder gar den Ruhestand: Wie soll ich mit meinem Geld umgehen?

Wofür soll ich es ausgeben? In welche Gemeinde soll ich

gehen? Wie soll ich meiner Gemeinde dienen? Was soll ich den

Rest meines Lebens tun und wo und mit wem will ich mein Leben

verbringen? Wann soll ich in Rente gehen? Und was soll ich

in meinem Ruhestand machen?

Bei derart vielen Fragen, mit denen man sich in den nächsten

Jahren – oder womöglich Wochen – auseinandersetzen muss, ist

14


Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

es kein Wunder, dass so viele von uns verzweifelt nach Antworten

suchen, was Gottes Wille für ihr Leben ist. Das bringt mich

zurück zur Ausgangsfrage dieses Kapitels, die anders

ausgedrückt lautet: Wenn Gott einen wundervollen

Plan für mein Leben hat, wie kann ich herausfinden,

wie dieser Plan aussieht?

Viele Bücher wurden geschrieben, um diese

grundlegende Frage zu beantworten, und meine Antwort

darauf ist womöglich nicht die, die du von einem

Wie-erfahre-ich-Gottes-Willen-Buch erwarten

würdest. Meine Antwort habe ich mir nicht selbst

ausgedacht, aber sie ist ziemlich einfach und wie ich hoffe auch

ziemlich biblisch. Wagen wir doch einmal zu überlegen: Vielleicht

haben wir deshalb Schwierigkeiten damit, Gottes wundervollen

Plan für unser Leben herauszufinden, weil er in Wirklichkeit

gar nicht die Absicht hat, uns tatsächlich einen genauen

Plan mitzuteilen. Und vielleicht liegen wir falsch darin, dennoch

genau das von ihm zu erwarten.

Vielleicht hat

Gott gar nicht

die Absicht,

uns einen

genauen Plan

mitzuteilen.

Bist du schon durcheinander?

»Der Wille Gottes« ist einer der am meisten Verwirrung stiftenden

Begriffe im christlichen Vokabular. Manchmal sprechen wir

davon, dass alle Dinge nach Gottes Willen geschehen. Andere

Male sprechen wir davon, gehorsam zu sein und Gottes Willen

zu tun. Und wieder andere Male sprechen wir davon, Gottes

Willen zu suchen. Die Verwirrung ist der Tatsache geschuldet,

dass wir den Begriff »Gottes Wille« mit mindestens drei verschiedenen

Bedeutungen benutzen, die in den drei oben genannten

Sätzen zum Ausdruck kommen: Gottes souveräner Wille, Gottes

moralischer Wille und Gottes individueller Wille. Zwei dieser

Bedeutungen werden klar in der Bibel gelehrt; mit der dritten

ist es ein wenig komplizierter. Also fangen wir mit den ersten

beiden an.

15


Leg einfach los! · Kapitel 2

Gottes souveräner Wille – geschieht immer

Wenn wir die Bibel durchforschen, sehen wir, dass Gottes Wille

zwei Aspekte hat. Erstens haben wir Gottes souveränen Willen.

Damit ist das gemeint, was Gott verordnet hat. Alles, was geschieht,

geschieht gemäß Gottes souveräner Verordnung (seinem

Ratschluss). Und alles, was er verordnet, wird letztendlich eintreten.

Gottes souveräner Wille kann nicht vereitelt werden. Er ist

unveränderlich und steht absolut fest. Gott steht souverän über

allen Dingen – über Natur und Nationen, Tiere und Engel, Geister

und Satan, wundervolle und niederträchtige Menschen, sogar

über Krankheit und Tod. Augustinus sagte: »Der Wille Gottes ist

die Notwendigkeit aller Dinge.« In anderen Worten: Was Gott

will, wird auch geschehen, und was geschieht, entspricht Gottes

Willen. Das ist es, was ich mit Gottes souveränem Willen meine.

Gottes souveräner Wille wird in zahlreichen Bibelstellen gelehrt:

16

… in ihm, in welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben, die

wir vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles

wirkt nach dem Ratschluss seines Willens. (Eph 1,11)

Gott wirkt alles – das große Gesamtbild, die kleinen Details und

alles dazwischen – gemäß seinen eigenen guten und souveränen

Zielen.

Verkauft man nicht zwei Sperlinge um einen Groschen? Und

doch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei

euch aber sind selbst die Haare des Hauptes alle gezählt. (Mt

10,29-30)

Gott leitet unser Leben bis ins letzte Detail. Er plant nicht nur

ein paar der großen Dinge unseres Lebens. Preis den Herrn, dass

er den kleinsten Sperling und jedes einzelne graue Haar von

uns kennt. Und keines davon fällt zu Boden, es sei denn, unser

himmlischer Vater möchte es so.


Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

Wahrhaftig, sie haben sich versammelt in dieser Stadt gegen

deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes

und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels,

zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt

haben, dass es geschehen sollte. (Apg 4,27-28)

Bei allen menschlichen Klagen und Leiden müssen wir auf das

Kreuz blicken. Denn dort sehen wir das Problem des Bösen »beantwortet«

– nicht in einem theoretischen Sinn, sondern indem

wir auf den allmächtigen Gott hingewiesen werden, der alle Dinge

zum Guten wirkt. So erschreckend das auch klingen mag: Die

abscheulichste Übeltat und Ungerechtigkeit, der jemals auf Erden

verübt wurde – die Ermordung des Sohnes Gottes – geschah

gemäß Gottes gnädigen und vorherbestimmten Willen.

Deine Augen sahen mich schon als ungeformten Keim, und

in dein Buch waren geschrieben alle Tage, die noch werden

sollten, als noch keiner von ihnen war. (Ps 139,16)

Unser Leben beginnt, endet und entfaltet sich gemäß Gottes

Vorhersehung. So drückten es auch die Verfasser des Heidelberger

Katechismus aus dem 16. Jahrhundert sehr gut aus: »Was

verstehst du unter der Vorsehung Gottes? Die allmächtige und

gegenwärtige Kraft Gottes, durch die er Himmel und Erde mit

allen Geschöpfen wie durch seine Hand noch erhält und so regiert,

dass Laub und Gras, Regen und Dürre, fruchtbare und

unfruchtbare Jahre, Essen und Trinken, Gesundheit und Krankheit,

Reichtum und Armut und alles andere uns nicht durch Zufall,

sondern aus seiner väterlichen Hand zukommt.« 6

Gedenkt an das Frühere von der Urzeit her, dass ich Gott bin

und keiner sonst; ein Gott, dem keiner zu vergleichen ist. Ich

verkündige von Anfang an das Ende, und von der Vorzeit her,

6 Heidelberger Katechismus. Revidierte Ausgabe 1997. Frage und Antwort 27, S.

22, https://www.ekd.de/download/heidelberger_katechismus.pdf.

17


Leg einfach los! · Kapitel 2

was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Mein Ratschluss soll

zustande kommen, und alles, was mir gefällt, werde ich vollbringen.

(Jes 46,9-10)

Gott weiß und fügt souverän alle Dinge. Gottes souveräner Wille

ist absolut und bestand schon vor Grundlegung der Welt. Er

ist Gottes höchste Verfügung über alle Dinge und kann nicht

aufgehoben werden.

Gottes moralischer Wille – geschieht nicht immer

Die andere Seite der Medaille ist Gottes moralischer Wille. Damit

ist das gemeint, was Gott befohlen hat – was er von seinen Geschöpfen

möchte, dass sie es tun. Während der souveräne Wille

beschreibt, wie die Dinge sind, zeigt der moralische Wille, wie

die Dinge sein sollten. Mir ist klar, dass ich mich hier nicht mit

der schwierigen Frage auseinandersetzen kann, wie Gott einerseits

alles vorherbestimmt und uns andererseits gleichzeitig zur

Rechenschaft für unsere Taten zieht. Das ist die alte Frage nach

der göttlichen Souveränität und menschlichen Verantwortung.

Die Bibel lehrt ganz klar beides.

Beispielsweise sandte Gott die Babylonier, um Juda zu bestrafen,

doch richtete er die Babylonier dennoch für ihre bösen

Taten, die sie Juda antaten (Jer 25). Gleichermaßen plante Gott

den Tod seines Sohnes und doch werden diejenigen, die Christus

getötet haben, »Gesetzlose« genannt (Apg 2,23). Ich denke, es

gibt theologische Lösungen, die uns helfen, göttliche Souveränität

und menschliche Verantwortung in Einklang zu bringen,

aber ein Vertiefen in dieses Thema würde den Rahmen dieses

kurzen Buches sprengen. Ich möchte lediglich anmerken: Gott

ist souverän, aber nicht der Urheber der Sünde. Wir stehen unter

seiner Souveränität, sind aber nicht frei von der Verantwortung

für unsere Taten.

Beide Seiten von Gottes Willen finden wir in der Heiligen

Schrift. Gottes souveräner Wille – was er vor ewiger Vergangen-

18


Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

heit vorherbestimmt hat – kann nicht durchkreuzt werden. Gottes

moralischer Wille – seine Gebote, nach denen wir leben sollen

– kann missachtet werden.

Ich möchte einige Bibelstellen anführen, die von Gottes moralischem

Willen sprechen:

Liebt nicht die Welt noch was in der Welt ist! Wenn jemand

die Welt liebt, ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn

alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches und die

Begierde der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht

vom Vater, sondern ist von der Welt. Und die Welt vergeht

und ihre Begierde; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in

Ewigkeit. (1Jo 2,15-17)

Mit dem Willen Gottes in diesem Abschnitt ist nicht Gottes souveräne

Anordnung aller Dinge gemeint, sondern seine Anweisungen,

wie wir leben sollen. Ein Leben nach dem Willens Gottes ist

das Gegenteil von Weltlichkeit, so sagt es der Apostel Johannes

hier. Den Willen Gottes zu tun, bedeutet, »nein« zu den Begierden

des Fleisches, den Begierden der Augen und dem Hochmut

des Lebens zu sagen.

Der Gott des Friedens aber, der unseren Herrn Jesus aus

den Toten heraufgeführt hat, den großen Hirten der Schafe

durch das Blut eines ewigen Bundes, er rüste euch völlig aus

zu jedem guten Werk, damit ihr seinen Willen tut, indem er

in euch das wirkt, was vor ihm wohlgefällig ist, durch Jesus

Christus. Ihm sei die Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

(Hebr 13,20-21)

Der Wille Gottes im moralischen Sinne bedeutet, dass wir tun,

was ihm gefällt.

Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr! wird in das Reich der

Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im

Himmel tut. (Mt 7,21)

19


Leg einfach los! · Kapitel 2

Auch hier sehen wir, dass mit dem kurzen Begriff »Willen Gottes«

etwas Umfassendes gemeint ist: den Anweisungen Gottes gehorsam

zu sein und in seinen Wegen zu gehen – an dieser Stelle

von Christus selbst so formuliert.

Was verborgen ist, das steht bei dem Herrn, unserem Gott;

was aber geoffenbart ist, das ist ewiglich für uns und unsere

Kinder bestimmt, damit wir alle Worte dieses Gesetzes tun.

(5Mo 29,29)

An dieser Stelle stehen Gottes souveräner Wille und sein moralischer

Wille ganz nah nebeneinander im selben Vers. Bei Gott

gibt es verborgene Dinge, von denen nur er weiß (seine unergründlichen

Ratschlüsse), er hat aber auch Dinge offenbart, die

wir wissen und denen wir gehorsam sein sollen (seine Gebote

und sein Wort).

Gottes individueller Wille – gibt es den?

Es gibt noch eine dritte Weise, wie wir den Begriff »Wille Gottes«

verwenden. Meistens suchen wir Gottes individuellen Willen.

Wir hören das in den Fragen, die wir zu Beginn dieses Kapitels

gestellt haben: Was soll ich nach Gottes Willen mit meinem

Leben anfangen? Welchen Beruf soll ich nehmen? Wo soll ich

leben? Das sind die Fragen, die wir stellen, wenn wir nach Gottes

individuellem Willen suchen. Wir wollen seinen persönlichen,

konkreten Plan für das Wer, Was, Wo, Wann und Wie in unserem

Leben kennen. Wir wollen seine Führung sehen.

Hier also der Kern der Sache: Hat Gott einen geheimen individuellen

Willen und erwartet er von uns, dass wir ihn herausfinden,

bevor wir irgendetwas tun? Und die Antwort lautet: Nein.

Es stimmt zwar, dass Gott einen speziellen Plan für unser Leben

hat. Und ja, wir können gewiss sein, dass Gott in Jesus Christus

alle Dinge zu unserem Besten wirkt. Und ja, im Rückblick werden

wir oft erkennen können, dass es Gottes Hand war, die uns

20


Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

dahin geführt hat, wo wir sind. Doch während wir einerseits frei

sind, seine Weisheit zu erbitten, belastet er uns andererseits nicht

mit der Aufgabe, seinen individuellen Willen für unser Leben

orakelhaft im Voraus zu deuten.

Der zweite Teil des letzten Satzes ist entscheidend. Gott hat

einen bestimmten Plan für unser Leben, aber er erwartet nicht,

dass wir ihn herausfinden, bevor wir eine Entscheidung

treffen. Ich sage nicht, dass Gott dir nicht hilft,

Entscheidungen zu fällen (das nennt sich Weisheit

und darauf werden wir in Kapitel 8 eingehen). Ich

sage nicht, dass Gott sich nicht für deine Zukunft interessiert.

Ich sage auch nicht, dass Gott nicht deinen

Weg führt und im Chaos deines Lebens nicht alles

unter Kontrolle hat. Ich glaube von ganzem Herzen

an Gottes Vorsehung. Ich sage aber definitiv: Wir

sollen damit aufhören, uns Gottes Willen als eine

Art Maislabyrinth, Drahtseilakt, Zielscheibenwerfen

oder »1000 Gefahren«-Abenteuer-Kinderbuch 7 vorzustellen.

Als ich ein Kind war, liebte ich es, die Abenteuerbücher dieser

1000-Gefahren-Serie zu lesen. Du kommst an einen kritischen

Punkt in der Geschichte, und wenn du dann aus dem Land fliehen

möchtest, blätterst du weiter auf Seite 23; wenn du dich lieber

in einer Höhle verstecken willst, blätterst du zu Seite 36. Und,

hoppla, die Höhle entpuppt sich als Teil eines Vulkans und du

bist tot. Du hast die falsche Wahl getroffen. Das sind lustige Bücher

für kleine Jungs, aber der Spaß hört auf, wenn es sich mit

Gottes Willen ebenso verhält. Viele von uns sorgen sich, dass sie

die falsche Arbeitsstelle annehmen oder das falsche Haus kaufen,

den falschen Studiengang wählen oder die falsche Person

heiraten könnten. Sie fürchten, dann würde ihr Leben plötzlich

platzen. Dann würden wir außerhalb von Gottes Willen stehen

Gott hat einen

bestimmten

Plan für unser

Leben, aber

er erwartet

nicht, dass wir

ihn herausfinden,

bevor wir

eine Entscheidung

treffen.

7 Eine beliebte Kinderbuchreihe, im engl. Original Choose Your Own Adventure

(»Wähle dein eigenes Abenteuer«), bei dem das Kind selbst aus mehreren

Optionen entscheiden kann, wie die Geschichte weitergeht.

21


Leg einfach los! · Kapitel 2

und dazu verdammt sein, geistlich, sozial und körperlich zu versagen.

Oder, um es in »Christianesisch« auszudrücken: Wir würden

uns außerhalb des »Zentrums von Gottes Willen« befinden.

Wir würden das Beste, was Gott uns bereithält, verfehlen, und

müssten uns mit einem alternativen Ausgang unseres Lebens abfinden.

Vor einigen Jahren las ich das Buch »Du lässt mich Freiheit

atmen. Wie Gottes Wille uns zu guten Entscheidungen führt«

von Gerald Sittser. Dieses Buch half mir, klarer zu verstehen, was

genau ich an dem verbreiteten Verständnis von Gottes Willen als

falsch empfand. Sittser beschreibt die althergebrachte und falsche

Vorstellung von der Suche nach Gottes Willen so:

Dieser Ansatz versteht den Willen Gottes als einen speziellen

Weg für unsere Zukunft, den wir einschlagen sollen. Gott

kennt diesen Weg und hat ihn für uns vorbereitet. Wir sind

dafür verantwortlich, diesen Weg zu entdecken – den Plan

Gottes für unser Leben. Wir haben die Aufgabe, unter den

vielen möglichen Wegen den von Gott vorgezeichneten herauszufinden.

Wenn wir die richtige Wahl treffen, ernten wir

dafür Gottes Wohlwollen; wir leben gemäß unserer Berufung

und unser Leben gelingt … Wenn wir die richtige Wahl treffen,

werden wir Gottes Segen erfahren und Erfolg und Glück

erleben. Wenn wir uns falsch entscheiden, leben wir am Willen

Gottes vorbei und bleiben für immer in einem undurchdringlichen

Labyrinth gefangen. 8

Dieses verbreitete Verständnis ist eine falsche Vorstellung von

Gottes Willen. Tatsächlich wird die Erwartung, dass Gott uns

irgendeinen verborgenen individuellen Willen offenbart, zu einer

Einladung für Enttäuschung und Unentschlossenheit. Gottes

souveränem Willen zu vertrauen ist gut. Seinem moralischen

Willen zu folgen ist Gehorsam. Auf Gottes individuellen Willen

22

8 Gerald Sittser: Du lässt mich Freiheit atmen. Wie Gottes Wille uns zu guten

Entscheidungen führt. Gießen: Brunnen 2002, S. 14-15.


Der Wille Gottes auf »Christianesisch«

zu warten ist das reinste Chaos. Es ist schlecht für dein Leben,

schadet deiner Heiligung und erlaubt zu vielen Christen, passive

Bastler zu sein, die sich seltsamerweise für umso geistlicher halten,

je weniger sie tatsächlich tun.

Kennt ihr diese Spielzeug-Wahrsagekugel namens Magic-8-

Ball, die wie eine schwarze Billardkugel aussieht? Wenn man sie

schüttelt, zeigt sie eine Antwort auf Ja-oder-Nein-Fragen an, die

in einem Fenster in ihrer Inneres sichtbar wird. Gott ist keine

solche magische Wahrsagekugel, die wir nur gut genug schütteln

und in die wir dann hineinstarren müssen, wann immer wir eine

Entscheidung zu treffen haben. Er ist ein guter Gott, der uns einen

Verstand gibt, uns den Weg des Gehorsams aufzeigt und uns

dazu einlädt, Risiken für ihn einzugehen. Wir wissen, dass Gott

einen Plan für unser Leben hat. Das ist wundervoll. Das Problem

liegt allerdings darin, dass wir denken, er wird uns diesen wundervollen

Plan mitteilen, bevor er sich entfaltet. Wir meinen, dass

wir bei jedem Schritt auf unserem Lebensweg wissen können –

und wissen müssen –, was Gott genau will. Aber derart von der

Suche nach Gottes Willen in Beschlag genommen zu sein – so

gut dieses Anliegen auch sein mag –, ist mehr Torheit als Freiheit.

Der bessere Weg ist der biblische Weg: »Trachte« (suche!) zuerst

nach dem Reich Gottes und vertraue dann darauf, dass Gott

für deine Bedürfnisse sorgen wird, sogar bevor du weißt, welche

Bedürfnisse das sind und wohin deine Reise führt.

23


3

Die Herausforderung,

sich zu entscheiden

Warum suchen so viele Christen verzweifelt nach Gottes

Plan für ihr Leben? Warum sind Verleger immer noch bereit,

massenhaft Bücher zum Thema »Gottes Willen erkennen«

herauszugeben (so wie dieses!), obwohl es bereits unzählige auf

dem Markt gibt? Warum investieren Millionen von Christen

schier endlos viel Zeit und Energie in das Warten, dass Gottes

Wille sich offenbart? Und warum sorgen wir uns über den Willen

Gottes, als sei er wie eine Atomsprengkopfrakete, die auf unser

zukünftiges Glück abzielt? Ich möchte fünf Gründe nennen.

Wir wollen Gott gefallen

Über die Jahre habe ich mit vielen aufrichtigen Christen gesprochen,

die ernsthaft wissen wollen: »Bin ich da, wo ich sein sollte?

Tue ich das, was ich tun sollte?« Diese Männer und Frauen lieben

den Herrn. Sie versuchen nicht, kompliziert zu sein. Sie glauben,

dass Gott sich einen Weg für sie ausgesucht hat und sie möchten

diesen Weg nicht verfehlen und Gott nicht enttäuschen. Wenn

der Herr meint, wir sollten nach Nashville ziehen, wollen wir

nicht in Chicago enden. Wenn er meint, wir sollen Chemie studieren,

wollen wir nicht Russische Literaturwissenschaften als

Hauptfach wählen. Wenn wir für die Mission bestimmt sind,

wollen wir nicht in einem heimischen Vorort landen.

Das ist der erste Grund, warum wir Gottes individuellen Willen,

seine persönliche Führung, für uns entdecken wollen: Wir

möchten Gott gefallen. Wir möchten das tun, was Gott möchte.

Das ist gut, aber wie ich bereits erklärt habe und in den kom-

24


Die Herausforderung, sich zu entscheiden

menden Kapiteln konkretisieren werde, ist das nicht die Art und

Weise, wie Gottes Wille »funktioniert«. Auch wenn wir die besten

Absichten dabei haben mögen, wenn wir Gottes Willen herausfinden

wollen, sollten wir doch endlich damit aufhören, uns

ständig damit herumzuplagen, jede Entscheidung übermäßig zu

vergeistlichen. Unsere fehlgeleitete Frömmigkeit führt dazu, dass

die Nachfolge Jesu ganz falsch mystifiziert wird.

Einige von uns sind zaghaft

Der zweite Grund, warum manche Christen Gottes individuellen

Willen suchen, besteht darin, dass wir von Natur aus ziemlich

zaghaft und zögerlich sind. Energische, draufgängerische Typen

tendieren weniger dazu, sich über Gottes Willen zu sorgen,

als bedächtige, vorsichtige Typen. Manche voreiligen Christen

müssen ermutigt werden, erst zu überlegen, bevor sie handeln.

Andere hingegen müssen ermutigt werden, auch tatsächlich zu

handeln, nachdem sie überlegt haben.

Ich persönlich habe einige impulsive Christen kennen gelernt,

aber noch viel mehr zaghafte Christen, die durch Unschlüssigkeit

und Passivität wie gelähmt waren. Sie weigern sich, eine

Entscheidung zu treffen, ohne vorher alle Fakten abzuwägen

und eine geradezu vollständige Sicherheit zu erlangen, dass am

Ende alles gut werden wird. Als Kinder verlassen sie ihre Football-Mannschaft,

weil sie vielleicht nicht die Besten sind. In der

Schule rutschen sie ab und werden schlechter, weil sie es gar nicht

erst versuchen, anstatt es zu versuchen und vielleicht den Erwartungen

nicht ganz zu entsprechen. Solche Menschen meinte Paulus

wohl, als er den Thessalonichern sagte: »Verwarnt die Unordentlichen,

tröstet die Kleinmütigen, nehmt euch der Schwachen

an, seid langmütig gegen alle!« (1Thes 5,14). 9

9 Ich danke meinem Freund Doug Phillips, einem Pastor der Baptisten in Lansing,

Michigan, dass er mich auf diesen Vers und dessen Anwendung aufmerksam

machte.

25


Leg einfach los! · Kapitel 3

Manche Christen haben die besten Absichten, wenn sie Gottes

Willen herausfinden wollen. Sie sind einfach nur zu vorsichtig

und etwas zaghaft. Solche Christen brauchen Ermahnung, aber

sie verdienen auch unsere Geduld und Hilfe.

Wir wollen perfekte persönliche Erfüllung

Der dritte Grund, warum wir nach Gottes individuellem Willen

suchen, ist, dass wir die perfekte Erfüllung in unserem Leben

erstreben. Viele von uns haben es so gut, dass wir beginnen, den

Himmel auf Erden zu suchen. Wir haben jegliche Pilgergesinnung

– die Einstellung, dass wir als Christen nur Fremde und

Pilger auf Erden sind – verloren. Es ist alles eine Frage der Perspektive.

Falls du denkst, Gott habe dir versprochen, dass diese

Welt ein Fünf-Sterne-Hotel sein wird, wird es dir in den normalen

Kämpfen des Alltags schlecht ergehen. Aber wenn du an

Gottes Verheißung denkst, dass wir Pilger sein werden und diese

Welt sich eher wie eine Wüste oder gar ein Gefängnis anfühlen

wird, wirst du dein Leben überraschend glücklich finden.

Der Glaube an Jesus garantiert nicht, dass alles so läuft, wie

wir es gerne hätten. Schau dir Hebräer 11 an, dieses Kapitel, das

manchmal auch die »Hall of Fame (oder Heldengalerie) der

Glaubenshelden« genannt wird. Beachte allein nur die drei ersten

Glaubenshelden in diesem Kapitel. Der Bibelkommentator

Bruce Waltke zeigt auf: Abel glaubte und starb, Henoch glaubte,

starb aber nicht, Noah glaubte und alle anderen starben! 10 Der

Glaube garantiert dir nicht, dass dein Leben – oder das Leben

deiner Mitmenschen – ein Ponyhof oder Zuckerschlecken sein

wird. Das Leben ist nicht immer nur Spaß und wir sollten das

auch nicht erwarten.

Zum Teil ist das eine Generationensache. Immerhin zählen

meine Altersgenossen und ich zu den ersten, die eine Inflation

10 Bruce Waltke: Finding the Will of God: A Pagan Notion? Grand Rapids: Eerdmans

1995, S. 15.

26


Die Herausforderung, sich zu entscheiden

guter Schulnoten erlebten: Wir bekamen eine Eins dafür, in Integralrechnung

unsere Gefühle ausgegraben und »unser Bestes«

gegeben zu haben. Wir waren die Ersten, die auf Selbstwertgefühl

programmiert wurden, als wir gelernt hatten, dass wir allein

schon deswegen wunderbar und besonders sind, weil

wir einen Pulsschlag haben. Seit wir denken können,

wurden wir dazu ausersehen, Superstars zu werden.

Einige von uns wurden zu Eliteschülern präpariert,

noch bevor wir aufs Töpfchen gehen konnten, und

wir waren mit der Fußballmannschaft unterwegs,

noch bevor wir verstanden hatten, den Ball nicht mit

den Händen spielen zu dürfen. Wir wurden für Mittelmäßigkeit

mit Lob überschüttet und unsere Schwächen wurden

durch wortgewandte Bildungssprache und Küchenpsychologie

wegdiagnostiziert.

Es ist kein Wunder, dass wir von anderen Leuten erwarten,

dass sie uns stets bestätigen, niemals kritisieren und uns für alles

bezahlen, was wir tun möchten. Wir rechnen damit, direkt

nach dem Studium einen großartigen Job in einer tollen Umgebung

finden zu können, der uns dieselben Lebensstandards bietet,

wie ihn unsere Eltern jetzt haben, und uns so engagiert an

der Weltverbesserung teilhaben lässt, dass es sogar Bono stolz

machen würde. Wir wollen alles. Und Gott soll uns den Weg

dahin zeigen.

Die Generation meiner Großeltern erwartete im Großen und

Ganzen weit weniger von ihrem Familienleben, ihrer Karriere,

ihrer Freizeit und ihrer Ehe. Zugegeben – manchmal wurden sie

dadurch unreflektiert und hatten womöglich leise vor sich hin

krankende Ehen. Meine Generation jedoch befindet sich im anderen

Extrem. Wenn wir heiraten, erwarten wir großartigen Sex,

ein hervorragendes Familienleben, Freizeitabenteuer, vielfältige

kulturelle Erfahrungen und persönliche Erfüllung bei der Arbeit.

Es wäre eine gute Übung, unsere Großeltern einmal zu fragen,

ob ihre Karriere sie persönlich erfüllt hat. Wahrscheinlich

werden sie dich anschauen, als würdest du eine andere Sprache

sprechen – und tust das ja auch. Erfüllung war nicht ihr Ziel. Es-

Wir wollen

alles. Und

Gott soll uns

den Weg dahin

zeigen.

27


Leg einfach los! · Kapitel 3

sen war das Ziel, und Treue. Die meisten älteren Leute würden

wahrscheinlich so etwas sagen wie: »Ich habe nie an Erfüllung

gedacht. Ich hatte Arbeit. Ich aß. Ich lebte. Ich gründete eine

Familie. Ich ging zur Kirche. Ich war dankbar.«

Neulich sprach ich mit meinem Großvater, der sein Leben

lang Christ war und nun in seinen Achtzigern ist. Ich fragte ihn,

ob er jemals daran dachte, was Gottes Wille für sein Leben war.

»Ich glaube nicht«, war seine kurze Antwort, »Gottes Wille war

nie eine Frage, die sich mir stellte oder über die ich überhaupt

nachdachte. Ich meinte immer, dass meine Errettung … davon

abhängt, dass ich im Glauben die Dinge annehme, an die wir bekennen.

Darüber hinaus hatte ich nie das Problem zu überlegen:

›Ist dieses oder jenes das Richtige für mich?‹«

Je mehr ich mich mit meinem Großvater unterhielt, desto

klarer wurde mir: Den Willen Gottes zu suchen über das hinaus,

was Gott moralisch geboten hat, war für ihn ein fremdes

Konzept. Seine Grundeinstellung war anscheinend: »Du … tust

einfach Dinge«, und während du sie tust und mit dem Herrn

wandelst, verbringst du nicht Unmengen von Zeit damit, herauszufinden,

ob du das, was du tust, auch magst. Ich schätze, wenn

du beschäftigt bleibst und dein ganzes Leben lang arbeitest, hast

du keine Zeit, dir darüber Sorgen zu machen, ob du persönlich

erfüllt bist.

Ich versuche wirklich nicht, all deine Hoffnungen und Träume

zum Platzen zu bringen. Ich bin ganz für große, risikobereite

Träume (wie du bald lesen wirst). Ich habe nichts dagegen,

wenn Leute ihre freudlosen Jobs verlassen, um auszuprobieren,

was ihnen wirklich gefällt. Aber als ein Gegengewicht zu all

den Lass-deine-Träume-wahr-werden-Phrasendreschereinen bei

Schulentlassungsreden müssen wir kräftig daran erinnert werden,

dass wir oft zu viel vom Leben erwarten. Wir erwarten, dass

wir den Himmel auf Erden erleben werden, und sind bitter enttäuscht,

wenn die Erde sich als so unhimmlisch entpuppt. Wir

sehnen uns nur wenig nach dem Lohn im künftigen Leben, weil

wir lohnende Erfahrungen schon in diesem Leben erwarten. Und

wenn jede Erfahrung und jede Situation lohnend sein und uns

28


Die Herausforderung, sich zu entscheiden

der totalen Erfüllung näher bringen müssen, dann werden plötzlich

die Entscheidungen, wo wir leben, welches Haus wir kaufen,

in welchem Studentenwohnheim wir unterkommen und ob wir

Fliesen oder Laminat wählen, von schwerwiegender Bedeutung

sein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir erfüllter wären, wenn

wir nicht so sehr auf die Erfüllung fixiert wären.

Wir haben zu viel Auswahl

Von unseren fünf Gründen für unsere Obsession, Gottes Willen

zu finden, ist dieser womöglich der entscheidendste: Wir haben

zu viele Wahlmöglichkeiten. Ich bin überzeugt davon, dass vorherige

Generationen nicht so stark wie wir damit gerungen haben,

Gottes Willen zu entdecken, weil sie nicht so viele Optionen hatten

wie wir. In vielerlei Hinsicht ist unsere ständige Sorge über

den Willen Gottes ein westliches Phänomen der Mittelschicht

der letzten fünfzig Jahre. Wer in anderen Teilen der Welt von

einem Dollar pro Tag leben muss, hat einfach nicht viele Optionen.

Ebenso wenig Optionen hatten die meisten unserer Großeltern,

geschweige denn deren Großeltern. Vor einem Jahrhundert

lebtest du meistens dort, wo du geboren wurdest. Du tatest, was

deine Mutter oder dein Vater taten; wahrscheinlich arbeitetest du

in der Landwirtschaft, wenn du ein Mann warst, und zogst Kinder

auf (und arbeitetest nebenher in der Landwirtschaft), wenn

du eine Frau warst. Viele der älteren Leute, mit denen ich gesprochen

habe, begannen bereits mit 14 oder 15 zu arbeiten, und sie

nahmen jede Arbeit an, die sie finden konnten. Sie arbeiteten für

ihren Onkel oder ihren Vater oder fingen an, bei der Ernte zu

helfen oder was auch immer an Arbeit in der Stadt zu bekommen

war. Ironischerweise haben sie mehr geschafft als wir heute, weil

es nicht so viele Optionen für sie gab.

Ich kann mir vorstellen, dass auch in anderen Bereichen die

Entscheidung sehr viel einfacher war. Als potenzielle Ehepartner

hätte es vor einem Jahrhundert vielleicht ein Dutzend in Frage

kommende junge Leute in der Heimatstadt gegeben. Sogar

29


Leg einfach los! · Kapitel 3

wohlhabendere Leute waren in ihrer Wahlmöglichkeit erheblich

eingeschränkt: Sie waren ortsgebunden (aufgrund des schwierigen

Reisens) und an die Tradition gebunden (aufgrund kultureller

und familieller Werte). Es war üblich, dass junge Leute ein

größeres Pflichtbewusstsein gegenüber Familie, Staat und Kirche

besaßen. Heute können es sich dagegen nur wenige vorstellen,

für etwas so Altmodisches wie Pflichtbewusstsein freiwillig die

eigene Unabhängigkeit zu begrenzen und die Optionen einzuschränken.

Das Ergebnis ist eine schier endlose Fülle an Wahlmöglichkeiten.

Heute können wir überall zur Schule gehen, Hunderte

von Studienfächern belegen, nahezu überall wohnen, Tausende

von Singles persönlich kennen lernen und Millionen weitere im

Internet. Wir haben haufenweise Geschäfte, aus denen wir auswählen

können, Dutzende Restaurants, Hunderte von Karriereoptionen

und Millionen von Wahlmöglichkeiten.

In seinem Buch »Anleitung zur Unzufriedenheit« erzählt

Barry Schwartz von seinem Ausflug zum örtlichen mittelgroßen

Supermarkt. Er fand 285 verschiedene Sorten Kekse, 13 Iso-

Drinks, 65 Sorten Trinkpäckchen, 85 Kindersäfte, 75 Eistees,

95 Sorten Chips und Knabbersnacks, 15 Sorten Mineralwasser,

80 verschiedene Schmerzmittel, 40 Varianten von Zahnpasta,

150 Lippenstifte, 360 Shampoosorten, 90 verschiedene Erkältungs-

und Hustenmittel, 230 Arten von Suppen, 75 diverse Fertigsaucen,

275 Variationen von Frühstückszerealien, 64 verschiedene

Grillsaucen und 22 Variationen von Tiefkühlwaffeln. 11 Wer

schon einmal Lebensmittel in Nordamerika eingekauft hat, weiß,

dass diese Liste nur eine kleine Auswahl dessen ist, was man in

den Regalen alles finden kann. Das ist der Grund, warum wir bei

einer bestimmten gewohnten Sorte von Müsli, Marmelade oder

Mahlzeit bleiben, weil wir schlichtweg nicht die Zeit und Energie

aufbringen können, jedes Mal eine neue Wahl zu treffen, wenn

wir zum Supermarkt gehen. Aus diesem Grund gibt mir meine

11 Vgl. Barry Schwartz: Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher

macht. Ullstein 4 2014, S. 17-18.

30


Die Herausforderung, sich zu entscheiden

Frau auch jedes Mal eine minutiös detaillierte Einkaufsliste mit,

wenn ich die unglückselige Aufgabe habe, den Wocheneinkauf

zu erledigen. Wenn sie mir ohne weitere Details lediglich sagen

würde, ich soll Babynahrung mitbringen, könnte ich mit allem

zurückkommen – von Erbsenbrei bis hin zu löslichen Getreidekeksen

mit Kirschgeschmack. Ich brauche Details, weil es sonst

einfach zu viele Möglichkeiten gibt, etwas zu vermasseln.

In einigen Ländern leiden die Menschen unter zu wenig

Wahlmöglichkeiten. In der westlichen Welt haben wir zu viele.

Ich erinnere mich an einen Missionar aus der Türkei, der scherzhaft

meinte: Das Schwierigste daran, wieder zurück in den Vereinigten

Staaten zu sein, seien all die Salatdressings. »Gib mir

einfach irgendein Dressing«, sagte er, als wir gemeinsam Essen

gingen. »Ich will nicht aus sieben verschiedenen Sorten von Joghurtdressings

wählen müssen.« Ich vermute, unsere übermäßige

Beschäftigung damit, den Willen Gottes herausfinden zu wollen,

liegt größtenteils daran, dass wir mit Wahlmöglichkeiten überschüttet

sind. Wir glauben, es mache uns glücklich, Auswahl zu

haben, aber es kommt der Punkt (und die meisten von uns haben

ihn längst überschritten), an dem wir mit weniger Optionen besser

dran wären.

Barry Schwartz hat seine Studenten beobachtet, die er als

Professor unterrichtet, und seine Beobachtungen sind sehr aufschlussreich

und meiner Erfahrung nach auch absolut richtig.

Er beschreibt, dass seine Studenten viele verschiedene Interessen

und Fähigkeiten besitzen. Sie verfügen über haufenweise Talent

und Möglichkeiten. Die Welt steht ihnen offen. Aber anstatt diese

Freiheit zu genießen, quälen sich die meisten mit ihr herum.

Sie sind dazu gezwungen, zwischen konkurrierenden Interessen

zu navigieren: Geld verdienen und die Welt verändern, ihren

Geist herausfordern und ihrer Kreativität freien Lauf lassen, auf

eine Karriere hinarbeiten und Zeit für die Familie haben, sich

niederlassen und ins Ausland gehen, eine Karriere starten und

ein anderes Praktikum ausprobieren, in einer pulsierenden Stadt

leben und auf dem Land zur Ruhe kommen, mit dem Arbeiten

beginnen und sich weiterbilden und qualifizieren.

31


Leg einfach los! · Kapitel 3

Wenn du Student bist, hast du tatsächlich schwindelerregend

viele Wahlmöglichkeiten. Und weil Freunde und Familie

oft über das ganze Land oder sogar die ganze Welt verstreut leben,

hast du weniger Verpflichtungen und enge Beziehungen, die

deine Freiheit einschränken, und nichts, was dich an berufliche

Traditionen oder Orte bindet. Füge dem noch hinzu, dass du

überall einfach hinreisen und in vielen Jobs von jedem beliebigen

Ort aus am Computer arbeiten kannst, und das Ergebnis ist eine

völlige Entwurzelung und eine Explosion der Optionen. Alles ist

zu haben.

Schwartz fasst es treffend zusammen:

Man lernt rasch, dass die Frage »Was wollen Sie nach dem Examen

machen?« von den meisten Studenten nicht gern gehört

wird, ganz zu schweigen von der Beantwortung. Man kann

sich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele Studenten besser

dran wären, wenn sie ein bisschen weniger begabt wären

oder ein bisschen mehr Pflichtgefühl gegenüber der Familie

hätten, um in der Heimat zu bleiben, oder sogar, wenn sie

unter wirtschaftlicher Rezessionsangst stünden: »Nimm den

sicheren Job – denn wer weiß, was kommt.« Mit weniger Optionen

und mehr Einschränkungen blieben ihnen viele Abwägungen

erspart. Sie hätten weniger Selbstzweifel, weniger

Mühe, ihre Entscheidungen zu rechtfertigen, mehr Zufriedenheit

und weniger Anlass, ihre Entscheidungen hinterher

zu bedauern. 12

Schwartz’ Beurteilung trifft vollkommen zu. Ich bin mir sicher,

dass manche Christen Gott dadurch dienen können, dass

sie sechs Monate lang in der Welt herumtingeln. Und ich denke

auch, dass manche jungen Leute etwas für Christus bewegen

können, wenn sie sich von einer Arbeitsstelle zur nächsten

und von Ort zu Ort treiben lassen. Aber ich bin mir genauso sicher,

dass einige dieser Personen damit selbstzentrierte Entschei-

12 Ebd., S. 158-159.

32


Die Herausforderung, sich zu entscheiden

dungen treffen, unter dem Vorwand von Erfahrung, kultureller

Horizonterweiterung und manchmal auch – ich sage es äußerst

ungern – unter dem Deckmantel von Kurzzeit-Missionseinsätzen.

Als Pastor einer Universitätsgemeinde habe ich Verständnis

dafür, dass viele verschiedene Leute zu unseren Gottesdiensten

kommen und gehen. Das gehört zum Leben mit Studenten und

Doktoranden. Ich finde es spannend, wenn jedes Jahr neue Leute

kommen. Wenn sich aber niemand niederlassen und eine Zeit

lang – geschweige denn ein Leben lang – bleiben würde, könnten

wir all den Studenten überhaupt nicht dienen. Die Gemeinde

braucht »Lebenslängliche« und solche, auf die sie sich langfristig

verlassen kann.

Meine Sorge ist, dass angesichts all der Optionen, die wir heute

haben, diese Möglichkeit selten erwogen wird: »Wie kann ich

meiner lokalen Gemeinde am effektivsten dienen und dort am

meisten Frucht bringen?« Ich frage mich: Führt die heutige Fülle

von Möglichkeiten weniger dazu, dass reife Nachfolger Christi

herangebildet werden, als vielmehr dazu, dass Christen langfristige

Verantwortung vermeiden und seltener positiv prägende

Auswirkungen hinterlassen?

Mit derart vielen Wahlmöglichkeiten verwundert es nicht,

dass wir ständig daran denken müssen, dass das Gras auf der

anderen Seite des Zaunes immer grüner ist, wie es im Sprichwort

heißt. Wir grübeln pausenlos darüber nach, was besser oder was

schöner an einer neuen Sache oder Person sein könnte. Das Wort

»entscheiden« kommt sprachgeschichtlich von »das Schwert aus

der Scheide ziehen«, nämlich zum Zweck des Trennens und Abhauens.

13 Das erklärt, warum Entscheidungen heute so schwerfallen.

Wir ertragen diesen Gedanken nicht, irgendeine unserer

Optionen »abzuhauen«. Wenn wir A wählen, fühlen wir den

Schwerthieb, den es uns versetzt, nicht B und C und D haben

13 Beim englischen decide ist es ganz ähnlich: Das Wort kommt vom lateinischen

decidere, was ebenfalls »abhauen«, »abschneiden« bedeutet. Die deutsche

Übersetzung haben wir hier passenderweise übertragen (Anmerkung

Betanien Verlag).

33


Leg einfach los! · Kapitel 3

zu können. Daraus resultiert, dass jede Wahl sich schlimmer anfühlt,

als gar nicht erst eine Wahl zu haben. Und wenn wir eine

Wahl treffen, stellt sich gleich die Käuferreue ein und wir zweifeln

und hadern, ob wir vielleicht nur das Zweitbeste gewählt haben.

Oder schlimmer, wir leben weiterhin auf unbestimmte Zeit

Lasst uns

nicht ständig

unsere Entscheidungsunfähigkeit

vergeistlichen,

indem wir sie

als diffuses

Suchen nach

dem Willen

Gottes

ausgeben.

im Keller unserer Eltern, während wir versuchen, uns

selbst zu finden und Gottes Stimme zu hören. In unserer

Freiheit, alles tun und überall hingehen zu können,

fühlen wir uns vielmehr gebunden als frei, weil

Entscheidungen treffen zu müssen sich mehr nach

Qual als nach Vergnügen anfühlt.

Zu viele jungen Menschen von heute haben keine

Stabilität und Sicherheit, wenig Entscheidungsfreude

und viele Selbstzweifel. Es dauert immer länger,

bis sie sich entscheiden, sich dauerhaft niederzulassen.

Und manche treffen diese Entscheidung nie.

Ich vertrete nicht die Ansicht, dass jeder zurück in

seine Heimatstadt ziehen und irgendeine x-beliebige

Arbeitsstelle annehmen soll (wenngleich das für

manche zumindest ein Schritt in überhaupt irgendeine

Richtung wäre). Einige von euch sollten wirklich ins Ausland

gehen und andere werden mal hier und mal dorthin ziehen müssen.

Aber ich plädiere dafür, weniger umherzustolpern, früher

damit zu beginnen, Gott tatsächlich zu dienen, und vor allem

nicht ständig die eigene Entscheidungsunfähigkeit zu vergeistlichen,

indem man sie als diffuses Suchen nach dem Willen Gottes

ausgibt. Ich behaupte, dass unser Eifer nach dem Willen Gottes

wahrscheinlich weniger auf ein Herz hindeutet, das unbedingt

Gott gehorsam sein möchte, als vielmehr auf einen Kopf, der stetig

um all die Optionen kreist, aus denen es zu wählen gilt.

Wir sind Feiglinge

Der fünfte und letzte Grund, warum wir Gottes Willen herausfinden

wollen, ist, weil wir feige sind. Das stimmt. Manchmal,

34


Die Herausforderung, sich zu entscheiden

wenn wir dafür beten, Gottes Willen zu erkennen, beten wir das

Gebet eines Feiglings: »Herr, zeige mir, was ich tun soll, damit

mir nichts Schlimmes zustößt und ich nicht in Gefahr oder ungewohnte

Situationen komme.« Wir möchten sicher sein, dass

für uns und unsere geliebten Freunde und Familienangehörigen

alles gutgehen wird. Aber schauen wir uns einmal das biblische

Beispiel von Esther an: Gott sprach nicht auf diese Weise zu ihr.

Als jüdische Frau, die einen ungewöhnlichen Schönheitswettbewerb

gewonnen hatte, um Königin an der Seite von Ahasveros

zu werden (Est 2,2-17), musste Esther lernen, dass Gottes Pläne

Risiken mit sich bringen können – aber auch die Gelegenheit,

Courage zu zeigen.

Haman, die rechte Hand des Königs, war ein Feind der Juden

und bewirkte einen Erlass, dass alle Juden umgebracht werden

sollten. Der persische König Ahasveros unterzeichnete diesen Erlass,

ohne die Hintergründe zu kennen. Als Mordechai, Esthers

älterer Cousin und Pflegevater, von diesem Plan erfuhr, erzählte

er es Esther in dem Wissen, dass sie die einzige war, die in der

Position war, ihr eigenes jüdisches Volk zu retten. Sie aber weigerte

sich und sagte: Wenn sie ohne einberufen zu sein vor König

Ahasveros treten würde, würde sie gemäß dem persischen Gesetz

getötet werden – es sei denn, der König strecke ihr sein goldenes

Zepter entgegen, damit sie am Leben bliebe. Den Thronsaal auf

eigene Initiative zu betreten, war sehr riskant. Deshalb ließ sie

Mordechai ausrichten, dass sie es nicht tun würde.

Die Bibel berichtet uns von Mordechais Antwort auf die

Worte von Esthers Boten:

Da ließ Mordechai der Esther antworten: »Denke nicht in

deinem Herzen, dass du vor allen Juden entkommen würdest,

weil du im Haus des Königs bist! Denn wenn du jetzt

schweigst, so wird von einer anderen Seite her Befreiung und

Rettung für die Juden kommen, du aber und das Haus deines

Vaters werden untergehen. Und wer weiß, ob du nicht gerade

wegen einer Zeit wie dieser zum Königtum gekommen bist?«

(Est 4,13-14)

35


Leg einfach los! · Kapitel 3

Was würdest du an Esthers Stelle tun? Um ein Zeichen vom

Himmel beten? Darauf warten, dass Gottes Wille sich offenbart?

Fragen, warum Gott dich in solch eine schwieriges Situation gebracht

hat? Gar nichts und einfach davon ausgehen, dass alles,

was Leid und vielleicht sogar Tod einschließt, nicht Gottes Plan

für dein Leben sein kann? Schau, was Esther tat:

36

Da ließ Esther dem Mordechai antworten: »So geh hin, versammle

alle Juden, die in Susa anwesend sind, und fastet

für mich, drei Tage lang bei Tag und Nacht, esst und trinkt

nicht. Auch ich will mit meinen Mägden so fasten, und dann

will ich zum König hineingehen, obgleich es nicht nach dem

Gesetz ist. Komme ich um, so komme ich um!« (4,15-16)

Beachte, was wir in dieser Geschichte nicht lesen: Wir lesen nicht,

dass Esther nach irgendeinem offenbarten Wort vom Herrn suchte

(wobei ein kluger Leser Gottes Wirken in Mordechais Rat an

sie erkennen könnte). Sie hatte keine Verheißung, wie ihre persönliche

Zukunft aussehen würde. Alles, was sie wusste, war: Es

ist eine gute Sache, ihr Volk zu retten. Gott sagte ihr nicht, was

passieren würde, wenn sie gehorchen würde, und er hat ihr auch

nicht verraten, was sie exakt tun müsste, um Erfolg zu garantieren.

Sie musste ein Risiko für Gott eingehen. »Komme ich um,

so komme ich um«, lautete ihr mutiges Motto.

Esther verbrachte keine Wochen oder Monate damit, Gottes

Willen für ihr Leben zu erkennen, bevor sie handelte. Sie tat

einfach, was richtig war und was vor ihr lag, ohne ein spezielles

Wort von Gott. Wenn der König ihr sein goldenes Zepter entgegenstreckte

– preis den Herrn! Wenn nicht, würde sie sterben.

Esther war mannhafter als die meisten Männer, die ich kenne

– mich eingeschlossen. Viele von uns, Männer wie Frauen,

sind extrem passiv und feige. Wir gehen keine Risiken für Gott

ein, weil wir wie besessen sind von Sicherheit, Geborgenheit und

vor allem der Zukunft. Deshalb fallen die meisten unserer Gebete

unter zwei Kategorien: Entweder beten wir dafür, dass alles

gutgehen wird, oder wir beten dafür, zu wissen, dass alles gut


Die Herausforderung, sich zu entscheiden

gehen wird. Wir beten für Gesundheit, Reisen, die Arbeit – und

das sollen wir auch. Aber die meisten unserer Gebete laufen darauf

hinaus: »Herr, lass niemandem irgendetwas Unangenehmes

widerfahren. Mach alles für alle Menschen auf der ganzen Welt

schön.« Und wenn wir nicht diese Art von Gebeten sprechen, beten

wir dafür, dass Gott uns sagt, dass alles gut ausgehen wird.

Das ist oft genau das, worum wir bitten, wenn wir dafür beten,

Gottes Willen zu erkennen. Wir bitten nicht um Heiligkeit,

Gerechtigkeit oder Sündenerkenntnis. Wir möchten, dass Gott

uns sagt, was zu tun ist, damit alles angenehm für uns ausgeht.

»Sag mir, wen ich heiraten soll, wo ich leben soll, auf welche

Schule ich gehen soll, welche Arbeitsstelle ich nehmen soll. Zeig

mir die Zukunft, damit ich keinerlei Risiken eingehen muss.«

Das klingt nicht sehr nach Esthers Haltung.

Von Zukunftssorgen in Beschlag genommen zu sein, ist nicht

Gottes Wille für unser Leben, denn es ist nicht Gottes Weg, uns

die Zukunft zu zeigen. Sein Weg ist es, durch die Bibel zu uns zu

reden und uns durch die Erneuerung unserer Gesinnung

zu verändern. Sein Weg ist keine Kristallkugel.

Sein Weg ist Weisheit. Wir sollten damit aufhören,

von Gott zu erwarten, dass er uns die Zukunft offenlegt

und alle Risiken aus unserem Leben nimmt.

Wir sollten auf Gott schauen – auf seinen Charakter

und seine Verheißungen – und dabei das Vertrauen

haben, um seines Namens Willen auch Risiken einzugehen.

Gott ist allwissend und allmächtig. Er hat jedes Detail unseres

Lebens durchgeplant und ausgearbeitet – die fröhlichen wie

auch die schwierigen Tage – alles zu unserem Besten (Pred 7,14).

Weil wir Gottes souveränem Willen vertrauen, können wir uns

völlig seinem moralischen Willen widmen, ohne uns über seinen

individuellen Willen sorgen zu müssen.

Mit anderen Worten: Gott geht keine Risiken ein, also können

wir es.

Für einige bedeutet das, Gott genug zu vertrauen, um nicht

am Geld zu hängen. Für andere bedeutet es, in schwierigen Um-

Gottes Weg

ist keine

Kristallkugel.

Sein Weg ist

Weisheit.

37


Leg einfach los! · Kapitel 3

ständen oder unangenehmen Situationen an Gottes Wort festzuhalten.

Für wieder andere bedeutet es kulturübergreifende Mission

oder mehr Evangelisation oder eine neue Vision oder ein

Sündenbekenntnis oder die Auseinandersetzung mit einer Sünde

oder eine neue Verletzlichkeit in einer Beziehung. Und für noch

andere bedeutet es, den Hintern hochzubekommen und einen

Job anzunehmen oder die Angst vor Ablehnung zu überwinden

und sich eine liebenswerte christliche Frau zu suchen. Für uns alle

bedeutet es, unser unstillbares Verlangen abzulegen, jeden Aspekt

oder zumindest die allerwichtigen Aspekte unseres Lebens

vor unseren Augen festzunageln, bevor es überhaupt so weit ist.

Gott hat einen wundervollen Plan für dein Leben – einen

Plan, der dich durch Prüfungen und Erfolge bringen wird, während

du in das Bild seines Sohnes verwandelt wirst (Röm 8,28-

29). Darin können wir absolut zuversichtlich sein. Aber Gottes

übliches Vorgehen ist es nicht, uns diesen Plan im Voraus zu zeigen

– rückblickend vielleicht, aber selten vorab.

Fühlst du dich dadurch herausgefordert, dich zu entscheiden?

Verzweifle nicht. Gott verheißt dir, deine Sonne und dein Schild

zu sein, dich zu tragen und mit seinem starken Arm zu beschützen.

So können wir damit aufhören, darum zu betteln, dass Gott

uns die Zukunft aufzeigt, und damit beginnen, zu leben und gehorsam

zu sein, weil wir überzeugt sind, dass Gott die Zukunft

in seinen Händen hat.

38


4

Unser

Wahrsagekugel-Gott

Unser übliches Denken über den Willen Gottes ist wenig hilfreich

– wenn wir uns Gottes Willen wie ein Maislabyrinth

vorstellen, das nur einen einzigen Ausgang und vielen Sackgassen

hat, oder aber wie eine Zielscheibe, in der Gottes Wille das

Schwarze ist und alle anderen Kreise sind nur das Zweitbeste,

oder wie einen Magic-8-Ball, diese Wahrsagekugel, die man

schütteln muss, bis irgendeine zufällige Antwort in ihrem Guckfenster

angezeigt wird. Dieses Denken ist nicht gut für unsere

Entscheidungsfindung. Es ist nicht gut für unsere Heiligung.

Und manchmal verunehrt es offen gesagt Christus.

In Kapitel 3 habe ich einige Gründe erwähnt, warum wir so

erpicht darauf sind, Gottes individuellen Willen herauszufinden.

In diesem Kapitel möchte ich etwas näher darauf eingehen, warum

dieses übliche Denken über den Willen Gottes falsch ist, bevor

wir uns anschließend in Kapitel 5 die aufschlussreiche Bibelstelle

Matthäus 6,25-34 näher ansehen und einen besseren Weg

kennenlernen.

Doch zuvor möchte ich fünf Probleme mit dem üblichen

Denken über den Willen Gottes aufzeigen. 14

14 Die ersten drei Probleme werden auch von Gerald Sittser behandelt (Gerald

Sittser: Du lässt mich Freiheit atmen. Wie Gottes Wille uns zu guten Entscheidungen

führt. Gießen: Brunnen 2002, S. 16-25). Offensichtlich habe ich mich

seiner Weisheit bedient und nicht umgekehrt.

39


Leg einfach los! · Kapitel 4

Wir konzentrieren uns zu sehr auf nicht-moralische

Entscheidungen

Erstens richtet sich im üblichen Denken über das Entdecken von

Gottes Willen nahezu unsere gesamte Aufmerksamkeit auf Entscheidungen

ohne moralischen Stellenwert. Die Bibel sagt nichts darüber,

ob wir lieber in Minnesota oder in Maine leben sollen. Sie

verrät uns nicht, ob wir zur Universität nach Michigan oder auf

das Wheaton College gehen sollen. Sie sagt uns auch nicht, ob

wir ein Haus kaufen oder doch eher eine Wohnung mieten sollen.

Sie spricht nicht davon, ob wir einen wundervollen Christen

namens Tim oder irgendeinen anderen wundervollen Christen

heiraten sollen. In der Bibel steht nicht, was wir diesen Sommer

unternehmen oder welche Arbeitsstelle wir annehmen oder auf

welche Universität wir gehen sollen.

Als ich einmal über dieses Thema predigte, betonte ich sehr

stark die Aussage: »Gott kümmert es nicht, auf welche Schule

du gehst oder wo du lebst oder welchen Job du

annimmst.« Eine nachdenkliche junge Frau sprach

mich anschließend an und war enttäuscht darüber,

dass Gott sich um die wichtigsten Entscheidungen

ihres Lebens nicht kümmere. Ich erklärte ihr, dass ich

mich wahrscheinlich nicht klar genug ausgedrückt

hatte. Gott sind solche Entscheidungen nicht egal in

der Hinsicht, dass er für uns und für jedes Detail unseres

Lebens sorgt. Aber in anderer Hinsicht – und

das war der Punkt, auf den es mir ankam – sind das

nicht die wichtigsten Belange im Buch Gottes. Die

wichtigsten Dinge sind für Gott moralische Reinheit,

theologische Richtigkeit, Barmherzigkeit, Freude,

unser christliches Zeugnis, Treue, Gastfreundschaft,

Liebe, Anbetung und Glaube. Das sind seine großen

Anliegen. Das Problem ist, dass wir dazu tendieren, unsere Aufmerksamkeit

meistens auf alles andere zu richten. Wir lassen uns

von Dingen in Beschlag nehmen, die Gott nicht erwähnt hat

und wohl auch nie erwähnen wird, während wir uns vergleichs-

Wir lassen uns

von Dingen in

Beschlag nehmen,

die Gott

nicht erwähnt

hat, während

wir uns wenig

all den Dingen

widmen,

die er in der

Bibel offenbart

hat.

40


Unser Wahrsagekugel-Gott

weise wenig all den anderen Dingen widmen, die Gott bereits in

der Bibel offenbart hat.

Mit anderen Worten: Wir verbringen die meiste Zeit damit,

nicht-ethische Entscheidungen zu finden. Wenn ich nicht-ethisch

oder nicht-moralisch sage, meine ich damit Entscheidungen zwischen

zwei oder mehr Optionen, von denen keine in der Bibel

verboten wird. Zwischen einer Karriere in Biologie und einer in

der Wirtschaft zu wählen, ist eine nicht-ethische Entscheidung,

vorausgesetzt – und das ist eine sehr wichtige Voraussetzung –,

dass deine Motive und dein Handeln biblisch richtig sind. Wenn

also deine Laufbahn als Mediziner bedeuten würde, dass du als

Arzt Abtreibungen vornehmen müsstest, wäre das nicht richtig.

Gleiches gilt, wenn du Politiker wirst und als solcher Rufmord

und Betrug betreiben müsstest, um dir einen Weg an die Spitze

zu bahnen. Wenn du aber von guten Motiven geleitet wirst

und recht handeln willst, wird die Wahl deiner beruflichen Laufbahn

keine moralische Entscheidung sein. Die Bibel thematisiert

schlichtweg nicht jede einzelne Entscheidung, die wir zu treffen

haben.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass wir uns nicht

sorgfältig Gedanken darüber machen sollen, welchen Berufsweg

wir wählen sollen. Und es bedeutet auch nicht, dass wir missachten

sollen, welche Veranlagungen Gott uns gegeben hat oder dass

wir alles zu seiner Ehre tun sollen (1Kor 10,31). Mein Punkt ist,

dass wir mehr Zeit damit verbringen sollten, herauszufinden, wie

wir als Arzt oder als Anwalt »gerecht handeln, Liebe üben und

demütig mit Gott wandeln« können (wie uns Micha 6,8 lehrt),

und weniger Zeit damit, ob wir Arzt oder Anwalt werden sollen.

Haben wir einen heimtückischen Gott?

Zweitens impliziert das übliche Denken über Gottes Willen, dass

wir einen heimtückischen Gott haben. Im heute gängigen Verständnis

von Gottes Willen weiß Gott, was wir tun sollten. Er

hat den vollkommenen Plan für unser Leben und zieht uns zur

41


Leg einfach los! · Kapitel 4

Verantwortung, wenn wir seinen Willen nicht befolgen. Aber er

zeigt uns nicht, wie dieser Wille aussieht. Das übliche Denken

über Gottes Willen macht Gott zu einer listigen kleinen Gottheit,

die Verstecken mit uns spielt.

Nur, um deutlich zu sein: Gott verbirgt keine notwendigen

Informationen vor den Gläubigen. Es gibt viele Szenarien, die

wir nicht kennen und viele Geheimnisse, die wir nicht aufdecken

können. Das ist Gottes souveräner Wille, der den Gläubigen

üblicherweise nicht bekannt ist (5Mo 29,29). Jedoch versucht

er nicht, uns zu verwirren oder wichtige Wahrheiten zu verbergen.

In der üblichen Vorstellung von Gottes Willen haben wir

allerdings den Eindruck, dass er nicht nur seinen Willen vor uns

versteckt hält, sondern auch noch erwartet, dass wir ihn herausfinden.

Wir sind derart davon in Beschlag genommen, Gottes

individuellen Willen zu entdecken, dass wir schließlich frustriert

sind, weil er uns nicht zeigt, was er möchte. Am Ende sind wir

von uns selbst enttäuscht oder bitter gegen Gott, weil wir scheinbar

nicht in der Lage sind, herauszufinden, wie wir Gottes Willen

für unser Leben finden können.

Ich muss die Zukunft kennen

Drittens führt das übliche Denken über Gottes Willen zu übermäßigen

Zukunftssorgen. Viele Christen gehen mit Gottes Willen nicht

anders um als mit einem Horoskop. Wir kommen zu Gott und

wollen wissen: »Sieht es auf dem Arbeitsmarkt heute gut aus für

Kevin? Werde ich meine wahre Liebe finden? Soll ich in einem

Bundesstaat leben, der mit A beginnt?« Unsere Faszination an

der Offenbarung von Gottes individuellem Willen verrät oft unser

mangelndes Vertrauen in Gottes Verheißungen und Fürsorge.

Wir wollen nicht einfach nur sein Wort, das uns zusagt, dass

er bei uns ist; wir wollen, dass er uns schon zu Beginn das Ende

zeigt und beweist, dass er vertrauenswürdig ist. Wir wollen wissen,

was der morgige Tag bringen wird, anstatt uns mit simplem

Gehorsam auf unserem Lebensweg zufrieden zu geben.

42


Unser Wahrsagekugel-Gott

So sind wir völlig von Zukunftssorgen in Beschlag genommen.

Doch Sorge ist letztendlich einfach ein Leben in der Zukunft,

bevor sie begonnen hat. Doch hören wir, was Jakobus sagt:

Wohlan nun, die ihr sagt: Heute oder morgen wollen wir in

die und die Stadt reisen und dort ein Jahr zubringen, Handel

treiben und Gewinn machen – und doch wisst ihr nicht, was

morgen sein wird! Denn was ist euer Leben? Es ist doch nur

ein Dunst, der eine kleine Zeit sichtbar ist; danach aber verschwindet

er. Stattdessen solltet ihr sagen: Wenn

der Herr will und wir leben, wollen wir dieses oder

jenes tun. (Jak 4,13-15)

Sorge ist

letztendlich

einfach ein

Leben in der

Zukunft, bevor

sie begonnen

hat.

Das ist einer der deutlichsten Stellen über die Souveränität

Gottes. Wenn wir heute Nachmittag in einen

Supermarkt gehen werden, dann wollte es der Herr

so – dieser Stelle aus Jakobus zufolge. Wenn wir hundert

Jahre alt werden, wollte es der Herr so. Wenn wir

nur fünfundvierzig werden, wollte Gotte es auch so.

Wir brauchen nicht nach jedem Satz hinzufügen »so der Herr

will«, doch es sollte in unseren Köpfen und Herzen sein. Wir

sollten unser Leben in dem Glauben leben, dass all unsere Pläne

und Strategien dem unveränderlichen Willen Gottes unterworfen

sind. Deshalb sollten wir demütig auf die Zukunft blicken,

denn nicht wir haben sie in der Hand, sondern Gott. Und wir

sollten hoffnungsvoll auf die Zukunft blicken, denn Gott hat sie

in der Hand und nicht wir.

Damit kommen wir zurück auf die Sorge – auf unsere Neigung,

in der Zukunft zu leben, bevor sie angefangen hat. Wir

sollten unser sündiges Verlangen aufgeben, die Zukunft zu kennen

und sie in der Hand haben zu wollen. Wir sind keine Götter.

Wir leben im Glauben, nicht im Schauen. Wir riskieren etwas,

weil Gott nichts riskiert. Wir gehen in Gott verehrender Zuversicht

der Zukunft entgegen – nicht, weil wir sie kennen, sondern

weil Gott sie kennt. Sich über die Zukunft zu sorgen, ist nicht

bloß eine kleine Charakterschwäche – es ist die Sünde des Un-

43


Leg einfach los! · Kapitel 4

glaubens und ein Indiz dafür, dass unser Herz nicht in den Verheißungen

Gottes ruht.

Ich bin nicht verantwortlich dafür!

Viertens untergräbt das übliche Denken über Gottes Willen die eigene

Verantwortung, Rechenschaft und Initiative. Ich will an einem

Beispiel verdeutlichen, was ich damit meine: Als ich berufen

wurde, Hauptpastor an der University Reformed Church in East

Lansing (Michigan) zu werden, diente ich zu der Zeit gerade in

aller Zufriedenheit als Mitpastor im Nordwesten Iowas. Es war

eine schwere Entscheidung, in eine neue Gemeinde zu kommen

und meine geliebte Gemeinde zu verlassen. Es gab Leute in Iowa,

die verärgert über meine Entscheidung waren. Es wäre sehr einfach

für mich gewesen, den Leuten zu sagen (weil ich Aussagen

wie diese schon vorher gehört hatte): »Ich liebe es, in Iowa zu

sein. Wenn es an mir liegen würde, würde ich bleiben. Menschlich

gesehen macht es für mich wenig Sinn, zu gehen. Aber beim

Beten wurde mir klar, dass die Stelle in Michigan das ist, was

Gott von mir möchte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es überhaupt

mag. Aber ich habe das starke Gefühl, dass es Gottes Wille

für mich ist, nach Michigan zu gehen.«

Damit würden die Leute zwar vielleicht Ruhe geben, aber es

wäre nicht fair. Es war nicht Gottes Schuld, dass ich ging. Meine

Frau und ich beteten viel zum Herrn wegen dieser Entscheidung,

und ich denke, dass die Entscheidung dem Herrn gefiel. Ebenso

würde es ihm aber auch gefallen, wenn wir geblieben wären. Es

war meine Entscheidung. Ich war verantwortlich dafür, die Gemeinde

verlassen zu haben. Ich wählte. Ich entschied. Natürlich,

letztendlich hatte es Gott schon längst entschieden – das stimmt

immer. Aber es wäre falsch gewesen, wenn ich Gottes Willen dafür

instrumentalisiert hätte, meine eigene Verantwortung für die

Entscheidung abzugeben.

Dasselbe gilt auch für die persönliche Rechenschaft. Wir

müssen aufpassen, Gott nicht als Trumpfkarte in all unseren

44


Unser Wahrsagekugel-Gott

Entscheidungen zu missbrauchen. Nur, weil du betest, heißt das

nicht, dass deine Entscheidungen unangreifbar sind. Ich kenne

Leute, die Gottes Wirken in ihrem Leben mit verschiedenen

Phrasen beschreiben. Aber wenn wir sagen: »Gott hat

mir gesagt, ich soll das tun«, oder »Gott hat mich so

geführt«, macht das unsere Entscheidungen unantastbar

für jegliche Kritik und Einwände. Wir sollten uns

anders ausdrücken. »Ich habe dafür gebetet, und das

scheint am besten zu sein«, oder: »Es scheint, dass der

Herr so führt«, wären hilfreiche Formulierungen, um

unsere Abhängigkeit von Gott auszudrücken. Sätze

wie: »Gott hat es mir so gesagt«, oder: »Gott hat es

mir aufs Herz gelegt«, oder: »Es ist Gottes Wille«, oder schlimmer

noch: »Gott hat mir gesagt, dass er will, dass du dieses oder

jenes tust«, sind Totschlagargumente für jegliches Hinterfragen

und hebeln jede Rechenschaftsschuld bei der Entscheidungsfindung

aus.

Ich vergesse niemals meinen armen geplagten Mitbewohner,

der mit mir sprach, nachdem er das Risiko eingegangen war und

einer netten jungen Dame offenbart hatte, dass er sie mag. Sie

hatten einen langen Spaziergang gemacht. Er war sich ziemlich

sicher gewesen, dass sie seine Gefühle erwiderte. Doch dann

stellte sich heraus, dass sie doch nicht wollte. Sie war ein süßes

Mädchen, eine klasse Christin. Eigentlich stand sie lehrmäßig

klar. Doch anstatt einfach zu sagen: »Ich habe kein Interesse«,

oder: »Ich mag dich nicht«, oder: »Hör auf, mich zu bedrängen«,

meinte sie, die Sache auf höchst geistliche Weise lösen zu müssen.

»Ich habe viel deinetwegen gebetet«, wandte sie ein, »und der

Heilige Geist sagte Nein.« »Nein?«, fragte mein perplexer Mitbewohner.

»Nein … niemals«, war ihre Antwort.

Armer Kerl – er wurde abgelehnt, und das nicht nur von diesem

süßen Mädchen, sondern vom Heiligen Geist. Die dritte

Person der Dreieinigkeit erweiterte seine Tätigkeit, auf Jesus zu

verweisen, um diesem Mädchen zu sagen, sich nicht mit meinem

Mitbewohner einzulassen. Ich wusste gar nicht, dass das

zum Aufgabenbereich des Heiligen Geistes gehört. Aber ich wet-

»Gott hat mir

gesagt …«, ist

ein Totschlagargument

für

jegliches Hinterfragen.

45


Leg einfach los! · Kapitel 4

te, dass es an jeder christlichen Schule haufenweise Männer und

Frauen gibt, die Gott die Schuld an ihren Trennungen geben.

Ob es nun der Heilige Geist ist, der »Nein, niemals« sagt, oder

»Jesus« scheinbar mit einer Unmenge von Mädchen auf jedem

Campus »geht« 15 – oft wird Gottes angeblicher Wille als Ausrede

für schwierige Beziehungsentscheidungen vorgeschoben. Auf

diese Methode, mit gewissen Phrasen der eigenen Rechenschaft

aus dem Weg zu gehen, wollen wir verzichten. Wenn du kein Interesse

hast, dich zu verabreden und eine Partnerschaft und Ehe

anzubahnen, sag einfach »Nein, danke« oder »Nicht jetzt«, aber

bitte mach nicht Gott zum Übeltäter, der für deinen Beziehungsstatus

verantwortlich ist.

Das verbreitete Denken über Gottes Willen untergräbt außerdem

die persönliche Initiative. Haddon Robinson erklärt:

Wenn wir fragen: »Wie kann ich den Willen Gottes erkennen?«,

stellen wir womöglich die falsche Frage. Zu den meisten

Lebensentscheidungen gibt es in der Bibel kein Gebot,

dass wir dazu den Willen Gottes herausfinden sollen. Es gibt

auch keine Bibelstelle, die uns erklärt, wie der Wille Gottes

herausgefunden werden kann. Ebenso bedeutend ist die Tatsache,

dass die Christenheit sich niemals darauf geeinigt hat,

auf welche Weise Gott uns denn eine solche Offenbarung zuteilwerden

lässt. Und doch bestehen wir darauf, Gottes Willen

zu suchen, weil Entscheidungen schwierig und kraftraubend

sind. Wir suchen nach Erleichterung von der lastenden

Verantwortung in der Entscheidungsfindung und fühlen uns

bei wichtigen Entscheidungen weniger bedroht, wenn wir

passiv bleiben, als wenn wir aktiv sind. 16

15 Falls dir dieser Ausdruck neu ist: Junge Christinnen sagen manchmal, dass

sie »mit Jesus gehen« (engl. »date Jesus«) und benutzen das als Vorwand dafür,

dass sie keine Zeit für eine bzw. kein Interesse an einer Partnerschaft

haben.

16 Zitiert in Mark Chanski: Manly Dominion. Merrick, N.Y.: Calvary Press

2004, S. 84.

46


Unser Wahrsagekugel-Gott

Bedeutet dies, dass Gottes Wort nichts dazu zu sagen hat, wie wir

unser Leben leben und Entscheidungen treffen sollen? Keineswegs.

Aber bei den meisten alltäglichen Entscheidungen – und

sogar bei vielen »großen« Lebensentscheidungen – erwartet Gott

von uns, dass wir uns einfach entscheiden, und er ermutigt uns,

dabei darauf zu vertrauen, dass er bereits festgelegt hat, wie sich

unsere Entscheidung in seinen souveränen Willen einfügt. Passivität

ist eine Plage unter Christen. Es ist nicht nur so, dass wir

nichts tun; es ist so, dass wir uns geistlich dabei fühlen, nichts zu

tun. Wir meinen, unsere Untätigkeit sei Ausdruck von Geduld

und zeige, dass wir sensibel für Gottes Führung sind. Zeitweise

kann das sogar der Fall sein – es ist allerdings genauso gut

möglich, dass wir einfach nur faul und bequem sind. Wenn wir

unsere Entscheidungen übermäßig vergeistlichen, können wir in

impulsive und dumme Entscheidungen abgleiten. Wahrscheinlicher

ist aber noch, dass wir in ein endloses Muster von Unschlüssigkeit,

Unentschlossenheit und Bedauern fallen. Kein Zweifel,

Eigennutz und Eigenwille sind Gefahren für Christen, aber gleiches

gilt für Selbstzufriedenheit, ziellose Lethargie und Passivität,

die sich als besonders geistlich ausgibt. Vielleicht ist unsere Untätigkeit

weniger ein Warten auf Gott als vielmehr ein Ausdruck

von Menschenfurcht, Ehrsucht und Unglaube gegenüber Gottes

Vorsehung.

Die Sklaverei der Subjektivität

Fünftens versklavt uns das übliche Denken über den Willen Gottes in

den Ketten einer hoffnungslosen Subjektivität. Versteh mich nicht

falsch. Unsere Entscheidungen sind manchmal subjektiv. Das ist

nicht immer schlecht. Manchmal folgen wir unserer Intuition,

einer Vorahnung oder einem Gefühl. Es ist nicht zwangsläufig

schlecht, nicht-moralische Entscheidungen auf Basis unseres

Bauchgefühls zu treffen. Schlecht ist es, wenn wir Sklaven dieser

Art von Subjektivität sind. Dann werden wir niemals Risiken

eingehen, weil wir niemals Frieden über solche Entscheidungen

47


Leg einfach los! · Kapitel 4

haben werden. Oder wir bezweifeln unsere Entscheidungen im

Nachhinein, weil wir uns unwohl damit fühlen. Fakt ist, dass

die meisten großen Entscheidungen unseres Lebens uns etwas

unsicher fühlen lassen. Schließlich sind es ja die großen Entscheidungen.

Wenn du dich dazu entscheidest, zu heiraten, umzuziehen

oder ein Haus zu kaufen, wird es auf dich beängstigend

wirken, weil es groß, neu, unbekannt und dauerhaft sein wird

(zumindest sollte das auf die Ehe zutreffen). Aber dieses Gefühlt

bedeutet nicht, dass Gott dir absichtlich keinen Frieden über diese

Entscheidung gibt, um dich davon abzuhalten.

Ich sage nicht, dass subjektive Entscheidungen falsch sind.

Wir treffen die ganze Zeit Entscheidungen aufgrund eines »Gefühls«.

Ein subjektives Orakellesen mit dem Willen Gottes sollte

jedoch nicht die Methode deiner Entscheidungsfindung sein.

Das ist eine Sackgasse. Woher willst du wissen, ob eine offene

Tür eine offene Tür vom Herrn oder eine Versuchung des Satans

ist? Woher willst du wissen, ob eine geschlossene Tür eine

Gebets erhörung ist oder ob der Herr deine Standhaftigkeit und

Entschlossenheit prüfen will? Solche Rätselfragen stellen sich,

wenn Leute ihre Entscheidungen dadurch treffen wollen, dass

den Willen Gottes für ihr Leben auf rein subjektive Weise zu erkennen

versuchen.

Ich las kürzlich ein Buch eines bekannten christlichen Autors,

der dazu aufruft, die Beziehung zu Gott dadurch zu vertiefen,

dass man ständig und immer wieder die banalsten Details

des Alltagslebens mit dem Herrn prüft und hinterfragt. 17 Ich

möchte weder die Motivation des Autors noch seine Betonung

auf eine enge Beziehung zu Gott in Frage stellen (was für manche

unserer transusigen, zugeknöpften Geschwister durchaus

hilfreich sein könnte). Jedoch empfahl das Buch eine Methode

der Entscheidungsfindung, die mir Schwindel bereitete: Demnach

sollen wir an jeder möglichen Weggabelung auf Gottes

Stimme lauschen. Soll ich diese E-Mail schreiben? Soll ich das

17 Vgl. John Eldredge: Du sprichst zu meinem Herzen. Notizen aus meinem Alltag

mit Gott. Gießen: Brunnen 2011.

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Unser Wahrsagekugel-Gott

Badezimmer streichen? Soll ich heute Überstunden machen?

Soll ich zum Schrebergarten fahren oder zu Hause bleiben?

Welches Bibelbuch soll ich heute Morgen lesen? Welches Kapitel?

Ist heute ein guter Tag zum Angeln? Soll ich Wandern gehen?

Möchtest du mit dem Hund Gassi gehen? Sollen wir einen

Campingausflug machen? (Nebenbei bemerkt: Der Herr gab

dafür tatsächlich den 21. bis 24. April an). Sollen wir einen neuen

Welpen kaufen?

Das sind tatsächlich alles Fragen, die dem Herrn im Laufe des

Buchs gestellt wurden. Nochmals: Ich habe Hochachtung vor

dem Wunsch des Autors, Gott gehorsam zu sein. Aber warum

gab der Herr uns einen Verstand und fordert uns so oft auf, Weisheit

zu erlangen, wenn wir in Wirklichkeit nur eines tun sollen:

den Herrn bitten, uns direkt zu sagen, was wir in Tausenden von

nicht-moralischen Entscheidungen tun sollten?

Abgesehen davon erinnere ich mich nicht, in dem Buch gelesen

zu haben, wie dieses Orakeln von Gottes Willen eigentlich

funktioniert, außer, dass wir Antworten »ausprobieren« und uns

selbst viel hinterfragen. Mir tat der Autor unweigerlich leid, als

er von seinem Reitunfall berichtete und sein Bedauern beschrieb,

mit dem er danach leben musste: Er hatte zwar den Herrn befragt,

ob er reiten gehen sollte, aber niemals gefragt, wo er reiten

sollte. Er erinnerte sich daran, für die Pferde gebetet zu haben,

hatte aber das Gefühl, »dass es nicht klappt«, ritt aber trotzdem

weiter, weil er halt einfach wie jeder normale Mensch gern reiten

wollte. Natürlich ist das eine fehlplatzierte Reue. Es ist eine

gute Sache, vor jedem Aufsatteln für Sicherheit zu beten. Das

bedeutet aber nicht, dass wir erst ein »alles klar«-Gefühl bekommen

müssen, bevor wir losreiten. Würde Gott uns wirklich vor

allen Unfällen bewahren, wenn wir nur genug für jede kleine

Einzelheit bitten und bei Tagesbeginn nur intensiv genug beten

würden? Wenn etwas in unserem Leben schiefgeht, brauchen wir

dann wirklich zusätzlich noch dieses belastende Gefühl, dass alles

hätte verhindert werden können, wenn wir nur Gottes Willen

besser erkannt hätten? Und wie wollen wir dann seinen Willen

überhaupt tun als allein dadurch, dass wir unser subjektives

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Leg einfach los! · Kapitel 4

Bauchgefühl ergründen, was zwangsläufig zu viel verzweifeltem

Händeringen und Hinterfragen führen wird?

Das verdeutlicht eine der großen Ironie an dem ganzen Willen-Gottes-Gerede

unter Christen. Wenn es wirklich einen vollkommenen

Willen Gottes gibt, den wir entdecken sollen und in

dem wir grenzenlose Freiheit und Erfüllung finden können, warum

scheint es dann, dass alle, die den Willen Gottes suchen, so

versklavt und orientierungslos sind? Christus starb, um uns vom

Gesetz zu befreien (Gal 5,1), warum also verkehren wir den Willen

Gottes in ein weiteres Gesetz, das in die Sklaverei führt? Und

zu allem Übel ist dieses Gesetz obendrein für jeden individuell

verschieden, unsichtbar und unlesbar, wohingegen das Gesetz

Mose (was bereits schwer genug war) zumindest objektiv, öffentlich

und klar verständlich war. Was für eine Last! Von Gott zu

erwarten, dass er uns durch unsere subjektive Wahrnehmung für

jede Alltagsentscheidung den Weg weist, ganz gleich wie trivial

sie ist, ist nicht nur impraktikabel und unrealistisch – es ist ein

Rezept für Enttäuschung und falsche Schuldgefühle. Und das ist

wohl kaum das, was eine lebendige Beziehung zu Jesus ausmacht.

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