Im Schatten von Schlägel und Eisen (2)

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Preis: 18,95 €

Autor: Jörg Krämer

Genre: Belletristik

Webseite: www.baerenhund-witten.de

Erscheinungsjahr: 2014

Erhältlich: Als gedrucktes Buch & als E-Book

ISBN: 9783957200372

1865: Das Ehepaar Biel lebt mitten im Ruhrgebiet. Johannes Biel ist

Bergmann auf der Zeche Neu-Iserlohn. Seine Ehefrau, Wilhelmine

Biel, bringt acht Kinder zur Welt, die sie in armen Verhältnissen

resolut aber liebevoll großzieht. Abseits der glanzvollen Geschichten

bekannter Industriellenfamilien gewährt der Autor tiefe Einblicke in

das Leben der einfachen Bergleute. Die Arbeit auf der Zeche ist dabei

nur am Rande Thema. Der Blick ist immer in die Familie und das

Gefühlsleben hinein gerichtet. Der Leser lernt die Werte dieser Zeit

kennen, und wie sie vermittelt wurden. Werte, die sich teilweise

gravierend von unseren heutigen unterscheiden. Die genannten

Personen haben alle gelebt; die Schauplätze existieren teilweise heute

noch. So ist die Zeche Neu-Iserlohn die heutige JVA Bochum-

Langendreer.

Die Geschichte hinter dem Roman

Entstanden ist der Roman aus den Aufzeichnungen der Großmutter

des Autors, Hilde Niggetiet. Sie hat die Familiengeschichte zuerst

handschriftlich, später auf Kassetten gesprochen, bis zum Ende des

20. Jahrhunderts festgehalten. In einem Zeitungsinterview von 1985

erklärte Großmutter Niggetiet auf die Frage, wie sie an die

Informationen aus der Zeit, die sie nicht miterlebt hat gekommen ist: „

Früher gab es ja noch kein Fernsehen. Und so saß die Familie abends

um den großen Tisch und dann wurden Dönekes erzählt. Meine Oma

erzählte von ihren eigenen Eltern. Es wurde viel über Streiche gelacht,

und langsam konnte ich mir dann auch ein Bild von ihrer Zeit

machen“.


Leseprobe

Chronik einer Bergarbeiterfamilie im Ruhrgebiet ab

Achtzehnhundertfünfundsechzig

(Eine wahre Familiengeschichte)

Im Jahre Achtzehnhundertfünfundsechzig lebte in dem abgelegenen

Dorf Kleyberg, in der Nähe von Stockum, eine junge Familie.

Ich möchte ein bisschen aus ihrem Leben erzählen. Der Mann war von

Beruf Bergmann, seine Frau Haus-

frau und Mutter. Sie waren noch sehr jung. Die ersten fünf Kinder

kamen schnell; jedes Jahr eines. Da gab es viel, viel Arbeit.

...

Endlich kam die Hebamme. „Na, Frau Biel, das ist doch fein, dass es

das Baby so eilig hat, da haben sie bis zur Konfirmation alles hinter

sich. Es ist ja gleich soweit, nur Mut.

Sie kleines Fräulein, machen heißes Wasser.“ „Johanna, bring mich

nach oben, du weißt doch, die Möbel kommen gleich.“ „Oh, Mutter,

das habe ich ganz vergessen. Wie kannst du nur jetzt daran denken?“

„Mimmi und Elisabeth kommen auch aus der Schule. Halte sie unten

fest, bis alles vorbei ist. Wo ist August? Johanna, den haben wir ganz

vergessen.“ „Frau Biel, regen sie sich nur nicht auf, der ist so pfiffig,

hat sich bestimmt versteckt.“

Mutter schrie so laut, dass es Johanna unten hörte, dann war es wieder

ein paar Minuten still. Johanna suchte alles ab und rief immer

wieder:“August, bitte komm aus deinem Versteck!“ Aber es rührte

sich nichts. Vor Angst merkte sie gar nicht, dass die Mädels

gekommen waren. „Johann, was ist denn los, warum weinst du so?“

„Ach, Kinder, Mutter bekommt ihr Baby und August ist weg. Ich habe

in jeden Winkel nachgesehen, er ist nirgends zu finden.“ „Darum

brauchst du doch nicht weinen. Der spielt uns mal wieder einen

Streich.“ „Hoffentlich habt ihr Recht. Jetzt esst und macht eure


Schulaufgaben.“ „Nein, wir wollen erst zu Mutter.“ „Elisabeth, ihr

seid doch vernünftig, ein bischen müsst ihr noch warten.“ Endlich

kam Vater. Johanna lief ihm entgegen. „Komm schnell zu Mutter!“

„Johanna, es ist doch nichts passiert, beruhige dich.“ Vater nahm

immer drei Stufen auf einmal. Die Hebamme rief:“Es wird höchste

Zeit. Ich glaube wir brauchen einen Arzt.“ Er rannte gleich los, so

schwarz wie er war. Jetzt kamen auch Fritz, Johann und Wilhelm. Sie

konnten kaum etwas aus Johanna raus kriegen, so aufgeregt war sie.

Als sie hörten, dass Vater den Arzt holen musste wurden sie auch

unruhig. Fritz sagte nur immer:“Beruhige dich, Johanna, es ist gleich

vorbei.“ Aber diesmal war es doch schwieriger. Als Vater mit dem

Arzt kam dauerte es nicht mehr lange. Alle atmeten auf, ein kleines

Mädchen, mit grauschwarzen Haaren. Vater musste erst seinen

Kohledreck abwaschen, erst durfte er das Zimmer nicht betreten, und

dann nur ganz kurz.

„Ihre Frau braucht äußerste Ruhe.“ Vater weinte das erste Mal, dass es

seine Kinder sahen. Er hatte den ganzen Tag gebetet:“Lieber Gott, lass

sie nicht sterben.“ „Aber Johann,“ sagte Mutter „es ist vorbei.“ „Mein

Liebes, ich verspreche dir, es war das letzte Mal.“ Mutter nickte nur,

sie war so erschöpft. Die Kinder durften nicht zu ihr, vielleicht

Morgen. Sie musste unbedingt schlafen. Als sich alle ein bischen

beruhigt hatten fragte Vater:“Wo steckt August denn?“ „Oh,“ sagte

Johanna „das habe ich ganz vergessen. Er ist schon den ganzen Mittag

weg. Mimmi meinte, der hat sich versteckt.“ „Aber doch nicht den

ganzen Nachmittag. Jungs, wir müssen ihn suchen.“ Er war einfach

nirgends zu finden.

Oma traf fast der Schlag. „Mein Bub, du bist doch nicht ganz allein

gekommen?“ „Aber Junge,“ rief Großvater „weiß Mutter, das du hier

bist?“

„Nein,“ sagte August „die ist ganz krank. Sie hat so laut geschrien, da

bin ich vor Angst weggelaufen.“ „Mein Gott, Vater, schnell hol

meinen Mantel!“ August fragte:“Oma, kann ich nicht hier bleiben?“

„Ja,“ sagte Opa „dann bist du schneller da. Was denkst du, wie die den

Kleinen suchen. Es glaubt doch keiner, das der Knirps den Weg zu

uns findet.“ „Junge, wie kannst du so was machen?“


Opa grinste, so ernst die Sache auch war. Oma lief so schnell sie

konnte, sie hatte sich noch nicht mal den Mantel zugeknöpft.

Elisabeth rief:“Oma kommt! Mein Gott, der Junge ist bestimmt zu ihr

gelaufen.“ „Nein,“ sagte Johanna „das ist doch unmöglich.“ Vater

dachte:“Jetzt geht ein Donnerwetter los.“ Aber Oma sagte

nur:“August ist bei uns. Wo ist Wilhelmine?“ Sie war so ruhig oder

täuschten sie sich? Ganz bestimmt, denn Oma war noch nie so

aufgeregt gewesen. Sie schaffte kaum noch die Stufen rauf.

Wilhelmine schlief so ruhig, da zog sie leise die Tür zu und ging

wieder nach unten. „Was glotzt ihr mich alle so an, hab ich was

Besonderes an mir?“ „Nein, Oma, du hast nur vergessen deinen

Mantel zu zuknöpfen.“ Alle atmeten auf. „Was war hier ein Theater

um August.“ „Dem werde ich ganz schön den Hosenboden versohlen,

oder hast du das besorgt, Oma?“ „Wie könnte ich, wo er in seiner

Angst zu mir gelaufen ist um Hilfe zu holen? Opa behält ihn ein paar

Tage bei sich. Da ist hier ein bischen Ruhe. Wie ist das alles so

plötzlich gekommen?“ Johanna erzählte alles ausführlich. Da meinte

Oma:“Das sieht meiner Tochter ähnlich, aber es tut mir schon ein

bischen leid, dass die Überraschung nicht gelungen ist.“ „Doch,“ sagte

Fritz „es lief nur anders als es sich die Beiden ausgedacht hatten. Jetzt

machen wir den Rest, dann freut Mutter sich, wenn sie aufsteht.

Hoffentlich schafft sie es!“

Vater war schon wieder zu ihr gegangen. Er sagte nur immer

wieder:“Mutter, das war das letzte Mal.“ Damit wollte er Mutter

beruhigen. „Ist Oma da?Sie soll zu mir kommen.“

„Sag, Oma, woher wusstest du es?“ „Das erzähl ich dir, mein Mädel,

wenn du wieder auf den Beinen bist.“

Mutter erholte sich langsam wieder. Sie dachte nur an Mimmis

Konfirmation, es waren nur noch Tage. „Ich muss es bis dahin

schaffen.“ Sie hatte ja so einen eisernen Willen. Oma sah nach dem

Rechten, dass jeder seine Aufgabe erfüllte. Damit Mutter ja ihre Ruhe

hatte. Johanna kam jeden Tag vorbei. „Siehst du, Mutter, alles hat sein

Gutes, du hast dein Baby und Mimmi bekommt ihre

Konfirmationsfeier. Ich habe mit dem Bauer gesprochen. Er bringt

dich und Vater mit dem Kutschwagen zur Kirche.“ „Aber Johanna,


was sollen die Leute denken?“ „Mutter, sie kennen dich doch alle so

lange und werden es verstehen. Du würdest es nie zu Fuß schaffen.“

„Vielleicht hast du Recht“ „Du brauchst dir auch so keine Sorgen zu

machen. Es läuft alles wie geschmiert. Du kennst Oma; jeder hat sein

Pensum zu erfüllen, und jeder macht es mit viel Liebe.“ „Johanna, ich

hab dich richtig lieb!“ „Ich dich auch, Mutter. Jetzt muss ich schnell

zur Arbeit, die Mittagspause ist um.“ „Oh Gott, streng dich nur nicht

zu sehr an, es geht mir ja schon viel besser.“

Als Johanna gegangen war, ging Oma zu Wilhelmine. Sie öffnete

ganz leise die Tür. „Das habe ich mir fast gedacht, dass du schläfst.

Johanna versteht es mit Menschen umzugehen. Sie strahlt so eine

herrliche Ruhe aus. Alle haben sie lieb gewonnen. Berta und Viktoria

sind auch in Ordnung. Aber Johanna ist anders, ich kann es nicht so

beschreiben.“ Man konnte keinen Fehler an ihr entdecken. Fritz

konnte wirklich stolz auf sie sein. Heinrich versuchte seine Gefühle zu

unterdrücken. Er wollte sich nicht eingestehen, dass er in Johanna

verliebt war. Das durfte einfach nicht sein. Trotzdem ging immer

wieder ein Strahlen über sein Gesicht, wenn er Johanna sah. Mutter

hatte es längst gemerkt, und sie war ein bischen in Sorge. „Vielleicht

ist es nur eine Schwärmerei. Wie bei der ganzen Familie.“

Großvater hielt es auch nicht mehr aus. Er nahm August an der Hand:

„Weißt du, mein Junge, ich glaube die Bagage hat uns vergessen. Wir

wollen doch wissen was los ist.“ August lief immer ein Stück vor, Opa

konnte bald nicht mit, aber er ließ sich nichts anmerken. Alle waren

platt, als sie die beiden kommen sahen. „Opa“, rief Mimmi „fein, dass

du kommst, Oma hatte schon ein schlechtes Gewissen.“ „Das hat sie

auch zu Recht, ich müsste sie übers Knie legen. Uns einfach zu

vergessen.“ „Aber Alter, wie könnte ich das? Aber hier geht’s drunter

und drüber. Da bleibt keine Zeit zum vielen Denken. Geh erst mal zu

deiner Tochter.“ „Oh, Vater“, sagte Wilhelmine „das ist aber eine

Überraschung.“ „Und erst mal für mich. Willst du mir die kleine

Zigeunerin nicht zeigen?“ „Doch, Vater. Sieh nur, wie süß.“ „Ja, mein

Kind. Ich dachte, Oma hätte mal wieder übertrieben, aber die Kleine

ist wirklich hübsch. Sag mal, wie viele möchtest du denn noch?“

„Bitte, Vater, hör bloß auf. Mir reichts.“ „Das habe ich schon öfter

gehört. Die Hauptsache ist, du bist wieder auf dem Posten.“ „Sag das

mal deiner Frau. Vielleicht kann ich dann aufstehen.“ „Bleib du ruhig


noch zwei Tage liegen, es geht auch ohne dich rund.“ „Ja, Opa“, sagte

Johanna „mir glaubt sie das nicht.“

„ Jetzt lass dir erst mal einen guten Kaffee kochen, dann trinken wir

einen Schnaps zusammen. Einverstanden?“ „Ja, mein Junge, geht in

Ordnung.“

Alle saßen um Großvater rum, jeder wollte erzählen. Großmutter

sagte: „Immer hübsch einer nach dem anderen.“

August war schnell zur Mutter gelaufen. „Mein Junge, gut, dass du

wieder hier bist.“ „Weißt du, Mami, ich hatte solche Angst um dich,

da bin ich einfach zu Oma und Opa gelaufen.“ „August, ganz allein?

Um Gottes Willen!“ „Warum bist du so erschrocken? Ich bin doch

schon ganz groß.“ Mutter drückte ihn feste an sich. „Ja, mein Junge,

das bist du. Jetzt geh nach unten, sonst suchen sie dich wieder.“ Er rief

gleich: „Mutter ist ganz stolz auf mich, weil ich euch ganz allein

gefunden habe.“ „Hoffentlich hat sie sich nicht aufgeregt.“ „Warum

sollte sie denn? Es ist doch nichts passiert.“ Alle schauten sich an.

Opa meinte: „Er ist ein ganz gewitzter Bursche.“ „Ja“, sagte Vater

„manchmal ist er mir zu gewitzt. Die anderen habe ich einfach

verdroschen, wenn sie so etwas angestellt hatten, aber bei ihm mag ich

es nicht.“ „Johann, ich weiß auch warum. Er kennt genau seine

Grenzen, vor allen Dingen, er kennt dich und gibt dir keinen richtigen

Grund zu schlagen. Bei ihm hilft gutes Zureden.“ Mimmi rief: „Opa,

der Kaffee ist fertig.“ „Prima“, sagte Opa „wie fühlst du dich denn so,

Mimmi? Bist ein richtiges Fräulein.“ „Bleibst du die Nacht bei uns,

Großvater?“ „Du bist gut, soll ich auf dem Fußboden schlafen?“

„Warum nicht, wir haben noch einen Schlafsack auf dem Speicher.

Den könnten wir runter holen. Dann brauchst du nicht mehr allein für

dich sorgen. Wir haben so viel zu tun, da können wir Oma nicht

entbehren.“ „Weißt du, Mimmi, es ist nett von dir, dass du dir Sorgen

um mich machst. Ich schaff das schon bis Sonntag, ich muss ja auch

noch ein bischen Geld verdienen. Du möchtest doch gern ein schönes

Geschenk haben, oder nicht?“ „Ach Opa, das ist nicht so wichtig.“

„Doch, mein Kleines, jetzt seid ihr schon acht Geschwister. Jeder

möchte wenigstens zu Weihnachten und zum Geburtstag ein kleines

Geschenk und konfirmiert wird man nur einmal im Leben. Da muss es

schon etwas Besonderes sein. Jeder bekommt das Gleiche zu diesem


Fest.“ „Opa, das muss aber doch nicht sein.“ „Doch, mein Kind, wir

möchten es so. Deine Eltern freuen sich über jede Mark. Es ist nicht

so einfach acht Kinder groß zu ziehen.“ „Sieh mal, Großvater, unsere

vier Jungs sorgen ja schon für sich allein.“ „Trotzdem, Großmutter

und mir macht es Spaß ein bischen zuzusteuern.“ So lange hatten die

beiden noch nie miteinander gesprochen. Da erschienen Elisabeth und

August. „Was habt ihr für ein Geheimnis?“ „Gar keins“, sagte Mimmi

„ich habe Großvater nur gebeten heute Abend bei uns zu schlafen.“

„Oh ja“, riefen die beiden „das wäre fein.“ Also gab Opa nach. „Dann

wollen wir mal den Strohsack runter holen.“ „Das machen wir allein.

Du bist viel zu alt, es ist viel zu schwer für dich.“ Ehe Opa sich versah

waren die Kinder weg. Oma rief: „Ihr spinnt wohl, was soll denn der

Blödsinn.“ Mimmi sagte: „Großvater bleibt die Nacht bei uns, da

braucht er doch den Strohsack.“ „Wie habt ihr das denn geschafft?

Das ist das erste Mal, dass Opa über Nacht hier bleibt.“ „Oma, wir

haben ihn so lange gebeten, bis er weich wurde und „ja“ sagte.“ Oma

dachte: „Die wickeln dich ganz schön um den Finger.“ Alle freuten

sich, die Jungen, Vater, aber besonders Mutter und Oma.

Am nächsten Tag konnte Mutter schon ein paar Stunden aufstehen.

Es war schon etwas Besonderes, dass Großvater mit am Tisch saß. Es

gab so viel zu erzählen. „Mein Mädchen, ich staune nur, wie du das

schaffst, so eine große Familie.“ „Aber Opa, was denkst du, wie wir

Mutter helfen, dafür hat Oma gesorgt. Sie hat uns von Klein an unsere

Aufgabe gegeben. Heute sind wir ihr dankbar dafür. Wenn wir früher

auch manchmal gemault haben.“...

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