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SCHWERPUNKT DIE MENSCH-

SCHWERPUNKT DIE MENSCH- MASCHINE Eine Liste sorgt 2014 für Aufregung. In ihr bewerten Professoren der Universität Oxford 702 Berufe nach ihrem Automatisierungspotenzial und kommen zu dem Ergebnis, dass bis 2050 mehr als die Hälfte aller Jobs auf dieser Liste von Robotern erledigt werden. Werden uns die Maschinen dann auch anschaffen, was zu tun ist? Oder werden wir bis dahin menschliche Arbeit neu definiert haben? Haben die Ängstlichen recht oder die Optimisten? Oder beide? Ein Beitrag von Wolfgang Tonninger „Wir waren kompliziert genug, die Maschine zu bauen, und wir sind zu primitiv, uns von ihr bedienen zu lassen.“ Karl Kraus, 1909, Apokalypse Es begab sich im Jahr 1811 in der englischen Grafschaft Nottinghamshire, unweit der ersten Industriemetropolen Sheffield, Manchester und Leeds, als der Lehrling Ned Ludd sein wild pochendes Herz in die Hand nahm, zu einem großen Vorschlaghammer griff, in die Textilfabrik eindrang und alle Webstühle und Maschinen demolierte, die ihm unterkamen. Dieser Vorfall ereignete sich 30 Jahre nach der Einführung des dampfgetriebenen Webstuhls und beinahe zeitgleich mit der Erfindung des ersten, „programmierbaren“ Web-Automaten, der Stoffe nach Programmen weben konnte, die auf Lochkarten vorgegeben waren. Damit wurde es möglich, die Idee eines Webmusters dauerhaft zu speichern und billig, beliebig oft und ohne Qualitätsverlust zu reproduzieren. Dass das fast ohne Mitwirkung des Menschen möglich war, bekamen die Arbeiter, die sich rund um diese Maschine verdingten, schmerzlich und am eigenen Leib zu spüren. Seit die mechanischen Webstühle ratterten, hatten viele ihren Job verloren und die Löhne sanken ins Bodenlose. Kein Wunder, dass es Menschen gab, die diese Maschinen stürmen wollten. Und kein Wunder, dass sich ihre Wut mitunter nicht nur gegen die Maschinen, sondern auch gegen diejenigen richtete, die sie zu bauen imstande waren. Eine unsichere Zeit also nicht nur für die Arbeiterklasse, sondern auch für Erfinder, Ingenieure und Innovatoren, die immer wieder aufgeknüpft, erschlagen oder zusammen mit ihren Maschinen verbrannt wurden. 10 gangart

Mythen der Automatisierung Wer jetzt versucht ist, überlegen zu lächeln – ob dieser für uns Heutige auf den ersten Blick kurzsichtigen Maschinenstürmerei –, sollte vielleicht noch einen Moment warten. Natürlich wissen wir heute, dass industrieller Fortschritt auch bedeutet, dass Berufsbilder und Jobs verschwinden und andere neu entstehen. Wer kennt heute noch einen Reepschläger, einen Fallmeister, einen Köhler oder einen Pechsieder? Und wer hätte vor 20 Jahren für möglich gehalten, dass man als Duftgestalter, Trauerritualist, Tiersitter, Ernährungscoach oder Blogger erfolgreich sein kann? Und natürlich wissen wir, dass Automatisierung von einfachen Tätigkeiten zu mehr Komplexität führt und zu Befreiungen aller Art. Wir wissen, wie zermürbend manche Handarbeit in Fabriken, aber auch auf den Feldern war, die heute von Maschinen erledigt wird. Aber wenn es nach den Ökonomen Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson geht, können wir heute nicht mehr wie in der Vergangenheit davon ausgehen, dass neue, qualifiziertere Jobs nachkommen, wenn alte durch Technologieeinsatz obsolet werden. Sie behaupten, dass der positive Spin, der noch die ersten Automatisierungsphasen im 18. und 19. Jahrhundert begleitete, mit zunehmender Computerisierung der Maschinen verloren zu gehen droht. Ihrer These zufolge beginnt durch die Entkoppelung von Arbeit und Produktivität das Verhältnis zwischen Fortschrittsgewinnern und Fortschrittsverlierern ungünstig zu kippen. Als ob wir auf dem Weg von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft eine Art Bermudadreieck überqueren müssen, in dem alle Prognosen außer Kraft gesetzt werden. 60% des Börsengeschehens, auf dem unsere Ökonomie basiert, fallen heute auf den Hochgeschwindigkeitshandel. Dabei reagieren Maschinen aufeinander im Mikrosekundenbereich – nach zuvor programmierten Algorithmen und jenseits unserer Wahrnehmungsschwelle. Sie entscheiden sozusagen mit Hundepfeifen, die wir nicht hören können, über unser Wohlergehen. Deshalb ist auch die Idee eines fixen Arbeitskuchens, von dem die Automatisierung Stück für Stück abträgt, nicht mehr zeitgemäß. Passender wäre das Bild eines Kuchens, der sich selbst bäckt und verzehrt. Vor diesem Hintergrund ist es höchste Zeit, dass wir nicht nur über Finanztransaktionssteuern und Maschinensteuern diskutieren, sondern auch über unseren Begriff der Arbeit und das bedingungslose Grundeinkommen. Weil es in der Welt von morgen, so wie sie von vielen Experten gezeichnet wird, nur wenige Menschen geben wird, die Computern sagen, was sie zu tun haben; viele Menschen jedoch, die von Computern gesagt bekommen, was sie zu tun haben und viele, für die es im klassischen Arbeitsmerkt keine Verwendung mehr geben wird. Bedenklich wird es, wenn Digitalisierung ein Menschenbild auf die Spitze treibt, das außer Profit, Wachstum und Konkurrenz keine anderen Kriterien gelten lässt. Schnellere Roboter, schnellere Fließbänder, mehr Output und Routinearbeit – das alles wird uns nicht helfen, wenn es darum geht, eine menschengerechte, individuelle und den Fähigkeiten der Einzelnen angemessene Arbeitswelt zu schaffen. Die rasant sich öffnende Einkommensschere zwischen Angestellten und Managern kann als weiteres Alarmsignal gelesen werden, dass Automaten und Kapitalisten mit dem Fortschritt durchbrennen – und der Mensch dabei auf der Strecke bleibt. Also doch die Maschinen stürmen? Warten Sie noch einen Augenblick! Seit es Maschinen gibt, gibt es Menschen, die sie stürmen wollen. Wie nahe Himmel und Hölle der Automatisierung beieinander liegen, sieht man an Entwicklungen wie der Eisenbahn im 19. Jahrhundert. Da gab es von Anfang an Menschen, die den neuen Komfort priesen und die Geschwindigkeit des neuen Reisens. Da gab es aber auch solche, die sich eben nicht zurücklehnen und die dargebotenen Panoramen genießen konnten, weil sie in den geschlossenen Abteilen Angstphantasien entwickelten oder sich an den Vordergrund klammernd übergeben mussten, sobald die Landschaft vor ihren Augen vorbeiraste. Das wäre so, wie wenn jemand die enormen Erleichterungen der ziemlich unbedenklichen Waschmaschine ablehnt, weil er mit den Augen den Umdrehungen der Wäschetrommel folgt und ihm dabei schwindlig wird. Sie finden das amüsant? Sie haben recht: Es ist amüsant, aber unbedenklich ist in diesem Zusammenhang gar nichts, nicht einmal die Schreibmaschine. Das 1892 gegründete Unternehmen Kodak, das in seiner Glanzzeit 145.000 Menschen beschäftigte, weiß davon ein Lied zu singen. 2009 wurde die Produktion des weltweit ersten Farbdiafilms eingestellt, 2012 auch die von Kameras und Videogeräten. Im gleichen Jahr übrigens in dem Instagram mit seinen 13 Angestellten für eine Milliarde Dollar von Facebook gekauft wurde. Jobs für ein paar Wenige. Wertschöpfung als Fieberkurve? Die Schreibkugel – Der Vorläufer der Schreibmaschine Wir schreiben das Jahr 1881. Der halb blinde Friedrich Nietzsche sitzt in einer Dachkammer am Hafen von Genua und lernt innerhalb kurzer Zeit das Blindschreiben mit einer gerade erfundenen Schreibkugel, dem Vorläufer der Schreibmaschine. Damit kann er seine Gedanken wieder zu Papier bringen, ohne von rasenden Kopfschmerzen geplagt zu werden. Aber das neue Schreibwerkzeug ist nicht nur eine Rettung für Nietzsche, es beeinflusst auch seinen Stil, wie Heinrich Köselitz, ein enger Freund, schon nach wenigen Monaten in einem Brief an ihn festhält: „Deine Prosa ist dichter geworden, telegraphischer.“ Und Nietzsche? Pflichtete ihm bei: „Du hast recht, unser Schreibzeug arbeitet mit an den Gedanken.“ > Fortsetzung nächste Seite gangart 11