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Der Grund für dieses

Der Grund für dieses Durcheinander nennt sich Anthropomorphismus – der Umstand, dass wir Menschen überall etwas hineinprojizieren und uns die Welt, die wir nicht erklären können, durch Analogien ähnlich machen. So reden wir über unser Gehirn wie über eine Art organischen Computer mit unserem Geist als sein Softwareprogramm. Doch diese Analogien bringen nicht nur nichts, sie sind auch gefährlich, weil wir dabei Vitalität mit Simulation bzw. Intelligenz mit logischen Prozessen verwechseln: Dabei ist das, was wir menschliche Intelligenz nennen, eine ständige Ausverhandlung zwischen Körper, Affekten, Stimmungen, Musterbildungen, Vermutungen, Ängsten und Sinneseindrücken. Wenn man menschliche Wahrnehmung auf die Fähigkeit reduziert, in Echtzeit auf Umweltreize zu reagieren, dann können Maschinen wahrnehmen. Wenn man sie aber als permanenten Prozess der Aufmerksamkeitsfokussierung und des selektiven Handelns begreift, dann wird man erkennen, dass Maschinen Wahrnehmung nur simulieren können. „Etwas tun, was ihr ähnlich ist“, wie Casati betont: „Wahrnehmung ist Agieren. Aber Maschinen agieren nicht, sie bewegen sich bloß. Ihre Dummheit ist ihre Stärke. Ein Google Car will nicht zu einem Restaurant in San Francisco fahren. Es wird nur mit dem Weg dorthin gefüttert. Wir müssen lernen, die Vermenschlichung des Maschinenverhaltens endlich abzulegen. Das sind Maschinen, und man kann ihnen einen Fußtritt geben.“ Das mit dem Fußtritt könnte ein Ansatz sein, der uns davon abhält, etwas in die Maschinen hineinzuprojizieren, was sie nicht sind; und der uns hilft, im Umgang mit ihnen erwachsen zu werden und die entscheidende Frage zu stellen, die bislang kaum gestellt wurde. Nämlich: Welche Tätigkeiten überlassen wir der Maschine und welche beanspruchen wir für uns, weil sie uns als Menschen ausmachen? Diese Frage könnte eine Befreiung sein von den technizistischen Utopien, die uns sagen, wie wir leben werden. Ein erster Schritt, um darüber nachzudenken, wie wir leben wollen, „das Machbare wieder hinter das Wünschbare zu stellen“, wie der Philosoph Richard David Precht es auf den Punkt bringt. Das würde auch bedeuten, dass wir unseren Minderwertigkeitskomplex ablegen, den die Erzählung von der Überflüssigkeit der Menschen seit Jahrhunderten befeuert. Und wir in einem neugierigen, aufgeklärten und selbstbewussten Zugang zur Maschine menschliche Arbeit nicht mehr länger auf Tätigkeiten reduzieren, die die Maschine (noch) nicht kann. Damit könnten wir in einem nächsten Schritt auch die alte Opposition „Mensch gegen Maschine“, die uns nicht weiterbringt, hinter uns lassen und uns aus freien Stücken entscheiden, nur noch das zu automatisieren, was uns als Menschen freier, zufriedener und glücklicher macht. Sie meinen, das klingt nach Utopie? Vielleicht. Sicher ist, dass wir eine Vision brauchen, die jenseits der Algorithmen Ziel und Sinn zusammenführt und diesem Projekt einen menschlichen Anstrich verleiht. Weil Entwicklungen nicht rückgängig gemacht werden können, ist der Wettlauf, auf den es ankommt, einer, der nicht gegen, sondern nur Hand in Hand mit den Maschinen zu gewinnen ist. Wohin geht die Landwirtschaft? Aufklärung und Selbstbewusstsein täte uns jedenfalls gut, wenn es darum geht, die Weichen in eine lebenswerte Zukunft zu stellen. Dann würden wie vielleicht auch das Paradoxe erkennen können, dass wir heute mit Computern und Maschinen Dinge realisieren, die die Natur schon lange kann. Und wir würden vielleicht auch den massiven Maschineneinsatz in der Landwirtschaft überdenken, in dem sich der Mythos der unvergleichlichen Produktivität selbst feiert. Patrick Spät erzählt im Magazin brennstoff von der Firma Spread, die im japanischen Städtchen„Kameoka eine Salatfarm eröffnet hat, in der Roboter den Salat wässern, umsetzen, schneiden, ernten, verpacken“, und damit die Lohnkosten halbiert hat, während die tägliche Produktion von 22.000 auf 51.000 Salatköpfe angestiegen ist. Fakten, die ihre Wirkung nicht verfehlen, aber zu hinterfragen sind. Genauso wie die Zahlen des EU-Vorzeigebetriebs von Cornel Lindemann-Berk, der auf seinem Gut Neu-Hemmerich bei Köln mit einer kleinen Armee an GPS-bestückten Traktoren, Computer-gesteuerten Mähdreschern und Software-Frühwarnsystemen, die Schädlingsbefall vorhersagen und selbstständig Pestizide auswählen, 390 Hektar bewirtschaftet; und in einem Jahr 5.000 Tonnen Zuckerrüben, 1.300 Tonnen Weizen, 300 Tonnen Raps, 900 Tonnen Braugerste und 500 Tonnen Kartoffeln erntet. Mögen die Biobauern hervortreten, die ob dieser Zahlen nicht eingeschüchtert sind. Haben wir demnach keine Wahl? Hilft nur bedingungslose Skalierung? Und sind die Kleinbauern eine zum Aussterben verdammte Spezies? Mitnichten!, wie Nicholas Green, Chefgärtner von Todmorden, einer Kleinstadt zwischen Manchester und Leeds – also nicht unweit von Nottinghamshire! – entgegenhält. Der streitbare Spezialist für Agrarökologie nennt es einen Mythos der Industrie, dass kleine Betriebe nicht produktiv wären: „Sie sind es, verglichen mit maschinellem Einsatz, sogar viel mehr. Was die Produktion angeht, sind industrielle Betriebe total ineffizient.“ Bumm. Das Argument zählt doppelt, weil Green mit seinem Projekt „die unglaublich essbare Stadt“ Todmorden in ein kleines Schlaraffenland verwandelt hat und den Beweis in der Praxis führt. Statt Stiefmütterchen wachsen hier Kräuter und Gemüse in den Blumenkästen, in den Parks stehen Obstbäume neben Gemüsebeeten, und Kinder lernen schon in der Schule, ihr eigenes 14 gangart

Essen anzubauen. Bedient euch Leute, das Essen ist für alle! Was wie aus einem Märchenbuch klingt, ist in Todmorden Realität. Ein neuer Gemeinschaftsgeist beseelt die Stadt, man trifft sich beim Graben und beim Erntefest. Und es ist ein gutes Gefühl, für andere anzubauen, zu teilen, eine Gemeinschaft zu haben, die auf kostenlosem Geben und Nehmen beruht. Green selbst betreibt in Todmorden eine Art Versuchsstation, die auf 300 m 2 eine halbe Tonne Gemüse produziert. Das sind hochgerechnet 14 Tonnen auf einem Hektar. Und wenn man die 390 Hektar von Herrn Lindemann-Berk nimmt, käme man – ohne Traktoren und Mähdrescher, das heißt auch ohne fossile Brennstoffe – auf ca. 5.460 Tonnen. Da fehlt nicht viel. Getoppt wird dieses Ergebnis von Perrine und Charles Hervé- Gruyer, die in der Normandie auf 832 m 2 unfruchtbarem Boden innerhalb weniger Jahre eine Oase der Biodiversität schufen. Im Dokumentationsfilm „Tomorrow“ reden sie darüber, was sie antreibt: „Jede Kalorie, die wir heute essen, verbraucht 10 bis 12 Kalorien fossiler Brennstoffe – das ist schon ziemlich pervers, wir wissen ja, wie knapp fossile Brennstoffe werden. Deshalb müssen wir Wege finden, uns erdölfrei zu ernähren, das ist für die Zukunft auf diesem Planeten überlebensnotwendig. Dieser manuelle Anbau ist kein Spleen von Amateuren, sondern wie gesagt überlebensnotwendig, um die Menschheit von morgen zu ernähren.“ Mit ihren manuellen Präzisions-Sämaschinen aus dem 19. Jahrhundert können Perrine und Charles auf 80 cm Breite 24 Reihen mit drei Gemüsesorten setzen und im Zwischenfruchtbau den 3- bis 4-fachen Ertrag erwirtschaften, den ein Gemüsebauer mit Traktor schaffen würde. Wohlgemerkt: ohne Bewässerung, ohne Erdöl und ohne Dünger. „Das Tolle an der Permakultur ist“, schwärmt die Rechtsanwältin Perrine, „dass jede Pflanze mehrere Funktionen hat, die sie ausfüllt. Basilikum fühlt sich wohl im Halbschatten in Bodennähe, Tomaten sind Schlingpflanzen und holen sich das Licht von oben, und beide brauchen wenig Wasser. Weil Basilikum ziemlich stark riecht, hält es Ungeziefer fern, das die Tomaten befallen könnte, und zusätzlich bilden die Weintrauben oben drüber ein Dach und geben Feuchtigkeit ab, was gut ist für das Gemüse darunter. Alles wirft Ertrag ab und spielt eine wichtige Rolle im Ökosystem. Die Natur kennt keine Monokulturen. Sie sind eine Erfindung der Industrie.“ Damit haben Perrine und Charles bewiesen – und eine Studie von AgroParis Tech und INRA belegt das –, dass man von Hand auf wenig Fläche so viel produzieren kann, wie mit einem Traktor auf zehnmal so viel Land. Das ist insofern relevant, als heute immer noch 70% des weltweiten Nahrungsbedarfs von Kleinbauern produziert wird. Und es gibt Anlass zur Hoffnung, weil im Jahr 2050 von den prognostizierten 9 Milliarden Menschen ca. 70% in Städten wohnen werden und solche Mikrofarmen überall möglich sind, auch in Städten oder städtischen Randgebieten. Das beweisen Initiativen wie das Urban-Gardening-Projekt in der vergammelten Industriemetropole Detroit, wo mittlerweile ca. 20.000 Menschen in 1.400 Biofarmen und Biogärten miteinander das anbauen, was man zum Leben benötigt. LITERATUR / FILME: Ortwin Renn: Das Risikoparadox. Warum wir uns vor dem Falschen fürchten Nicholas Carr: Wo bleibt der Mensch, wenn Computer entscheiden Ilija Trojanow: Der überflüssige Mensch Matthias Horx (Hrsg.): Zukunftsreport 2017 Tomorrow: Die Welt ist voller Lösungen – Film Was man zum Leben benötigt. Das könnte ein Ansatz sein. gangart 15