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Der Willi, die Syngenta

Der Willi, die Syngenta und der Tauernroggen Landwirtschaft und Natur im Spannungsfeld zwischen Idealismus und Milliardengeschäft. Ein Beitrag von Fritz Messner „insa hoamat is a kigei im sonnensystem – und wann ma des nid kapiern, wer man löffe abgebn“ Querschläger 1990 kigei = kleine kugel Der Willi wird ab heuer nicht mehr kommen, hat er gesagt. Er geht jetzt stark auf den Achtziger zu und irgendwann muss man halt einmal auslassen, auch wenn es schwerfällt. Seine Felder hat er schon verpachtet, die Kühe stehen zwar noch im Stall, werden aber bald abgeholt werden. Der Willi hat fünfzehn Jahre lang die Wiesen rund um mein Haus gemäht, mit der Sense, weil es dort mit dem Mäher nicht möglich ist, vom Traktor ganz zu schweigen, wegen der Obstbäume und der verwinkelten Hecken. Er hat immer gewartet, bis die Wiesenblumen – Margeriten, Glockenblumen, Bocksbart und viele andere – verblüht waren, lange bevor es eine Förderung dafür gab; wegen der Bienen, der Kräuter im Futter und weil es einfach schön ist. Haben wollte er dafür nie etwas. Wenn ich zu Hause war, bin ich mit einem kleinen Bier zu ihm hinaus und wir haben ein wenig geplauscht, meistens über das Leben und die Veränderungen. Er war immer über die neuesten Entwicklungen informiert, begeistert davon war er selten. Es geht halt alles vom Kleinen zum Großen, meinte er. Solche Fleckerl wie meine Wiese und solche kleinen Nebenerwerbsbauern wie er passen heute nicht mehr in das System. Jahrzehntelang ist uns unterschwellig eingeredet worden, dass naturnahe Lebensmittelproduktion zwar eh super und putzig wäre, die Zukunft der Landwirtschaft aber eindeutig im Einsatz von Technik, Chemie und Genmanipulation und in der Bewirtschaftung immer größerer Flächen mit höherer Produktivität läge. Und so wurden – auch bei uns im Gebirge, vor allem aber im Flachland – immer größere Einheiten gebildet, immer mehr, größere und teurere Maschinen angeschafft, immer leistungsfähigere Tiere und Pflanzen gezüchtet, immer mehr Chemie auf die Böden und Pharmazie in die Tiere gespritzt und so immer mehr Abhängigkeiten von Banken, Konzernen und Institutionen geschaffen. Und das Ergebnis? Ausgelaugte Flächen, krankheitsanfällige Tiere und Pflanzen, Preisverfall durch Überproduktion und eine von Subventionen abhängige Landwirtschaft. Als ich ihn einmal fragte, warum so viele Bauern bei diesem Wahnsinn mitmachen würden, lächelte er nur milde und sagt, ich solle einmal in die Bauernzeitung schauen, die gibt es auch im Internet. Gesagt, getan. Nun bin ich ja nicht so naiv zu glauben, es gäbe keine Anzeigen von Agrochemie-Konzernen im Hausblatt des Bauernbunds – das Ausmaß und die Art hat mich aber dann doch überrascht. Syngenta, BASF und Bayer sind im wahrsten Sinne des Wortes flächendeckend präsent, äußerst problematisch erscheint vor allem die Vermischung von Information und Produktwerbung in Artikeln der Rubrik Produktion & Markt. Da wird natürlich (?) auch ganz kräftig über Studien gewettert, die behaupten, izide würden mit für das Bienensterben verantwortlich sein. Zusätzlich gibt es noch Bayer Agrar TV, eine Website, die die Bauernzeitung gemeinsam mit dem Chemiekonzern betreibt und auf der unter anderem Online-Pflanzenschutzberatung angeboten wird. Und wenn man dann noch liest, dass eine Studie über das Bienensterben im Auftrag des Landwirtschafts- und Umwelt(!) ministeriums ausgerechnet von den oben genannten Konzernen mitfinanziert wurde und das Ministerium wiederum zwischen 2006 und 2011 Inserate im Wert von fast 600.000 Euro in der Bauernzeitung geschaltet hat, wird klar, warum manche „Bauernvertreter“ sich gar so tapfer für das Insektengift und viele andere Produkte aus der riesigen Palette der Agrochemiekonzerne einsetzen. Aber es gibt auch viele Gegenbeispiele und Gegenstrategien – eine davon nennt sich „Low 34 gangart

Name Fritz Messner ist Musiker, Kabarettist, Autor und Kolumnist der Salzburger Nachrichten. mehr unter www.fritzmessner.at www.querschlaeger.at www.kultkabarett.at Input“ – also geringer Einsatz. Ein Beispiel: Eine kleine, 700 kg schwere Kuh, die mit Gras und Heu gefüttert wird, gibt 7000 Liter Milch pro Jahr, eine Turbokuh mit 900 kg, die mit Kraftfutter gefüttert wird, gibt 9000 Liter. Unter dem Strich verdient der Bauer mit den kleineren Tieren aber gleich viel, weil er sich das Geld für das Kraftfutter und die Tierarztkosten für die viel anfälligeren Hochleistungskühe spart. Ein ganz anderes Beispiel: In afrikanischen Maisanbaugebieten ist der Boden durch Monokultur schon derart ausgelaugt, dass die Erträge trotz Einsatzes von immer mehr Chemie drastisch sinken. Durch Mischkulturen mit Hülsenfrüchten steigt der Ertrag wieder – mit einem Bruchteil der eingesetzten Düngemittel. Und wer daran kein Interesse hat, ist klar – siehe oben. Grafik/Tuschzeichnung aus dem Buch „[umgeQuert]“ Künstler: Reinhard Simbürger, mehr dazu unter www.kunst-simbürger.at Es gibt aber auch ein weit verzweigtes Netz von Initiativen und Kooperationen, die sich dem Diktat der Konzerne widersetzen und nicht genmanipuliertes (und urheberrechtlich geschütztes!) Einheitssaatgut ausbringen und Hochleistungsnutztiere züchten, sondern mit alten und spezifischen Sorten und Rassen die Vielfalt, also die Biodiversität erhalten. In meinem Heimatbezirk Lungau werden zum Beispiel Tauernroggen (siehe: www.tauernroggen.at) und neuerdings auch alte und ungewöhnliche Kartoffelsorten, sogenannte „Ächtleng“, kultiviert und es gibt eine Initiative zur Erhaltung von Wiesenblumen und viele andere Aktivitäten in diese Richtung. Ich finde, wir können uns dafür gar nicht genug bedanken; beim Willi und bei allen anderen, die noch kleine Flächen behutsam bewirtschaften und so unserer Natur und unserer Landschaft ganz still einen großen Dienst erweisen und bei den vielen, oft nicht plakativ sondern im Stillen agierenden „Agrarrebellen“ im ganzen Land, die sich aus fester Überzeugung gegen eine der mächtigsten Lobbys dieses Planeten stellen – und am besten können wir ihnen diese Dankbarkeit wohl als treue Kunden und Konsumenten ihrer einzigartigen und hochwertigen Produkte erweisen. gangart 35