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Der HÜHNER- VERSTEHER

Der HÜHNER- VERSTEHER „Ein Huhn, ein Huhn, ein Königreich für ein Huhn!“ – so oder so ähnlich hätte William Shakespeare seinen Macbeth in äußerster Not nach einem Backhendl rufen lassen sollen. Dann wäre die Geschichte weit weniger blutgetränkt verlaufen. Ein Beitrag von Frank Tichy Bald könnte auch bei uns schon ein Backhenderl außer Reichweite sein. In Zeiten, in denen von allen Seiten Gegacker gegen Multikultur, Toleranz und Freizügigkeit und ebenso gegen freien Handel, Globalisierung und gemeinsame Märkte durch das ach so grenzenlose Europa hallen, wollen uns gewisse Rabauken madig machen, was immer uns an Werten und gutem Leben lieb und wertvoll geworden ist. Was uns auch die Zukunft bescheren mag, manche Leute stellen sich bereits auf ein Selbstversorger-Dasein ein, zumal die Chemie in Form von Geschmacksverstärkern, Konservierungsmitteln, Antibiotika und was immer der Industrie einfällt, unseren Körper zum Müllplatz von Laborprodukten verkommen lässt. Meine Nachbarn begannen längst ihre eigenen Kartoffeln anzubauen, manche halten sich Hendln, wir kaufen unser Fleisch beim Bauern, Brot und Gemüse am Bauernmarkt, auch Kräuter- und Gemüsekisterln sind in den Städten hoch im Kommen. Mein Freund Alphonse trägt der neuen Drachensaat Rechnung, legte den Rückwärtsgang ein – Schrulle? Flause? Marotte? Nein, eigentlich etwas recht Gescheites. Eine Freilandhaltung für fünf Hühner. Und was für Hühner! Entgegen dem alten Klischee: Dummes Huhn, dumm wie ein Hendl etc. – nein, diese Hühner haben großen Charakter. Alphonse hat von Beginn an nicht an der sozialen Kompetenz der Hühner in seinem Familienverband gezweifelt. Er macht keine halben Sachen, ging mit Engagement und Begeisterung an die Aufgabe heran. Setzte auf die natürliche Intelligenz, die Trieb und Instinkt in diesem oder jenem Maße zur Verfügung stellen. Es ist nicht die Größe des Gehirns von Ausschlag, das Leben meistern zu können, es ist die Qualität der Gene, sozusagen die Verlängerung des Gehirns und der Instinkt, das Unterbewusstsein der Tiere, das ihrem Denken die Richtung weist. Alphonse hatte sofort große Freude an seinem Familienzuwachs, denn als solchen behandelt er die fünf Grazien. Beobachtet intensiv. Hat gleich einmal festgestellt, dass jede Henne distinktive Charaktereigenschaften an den Tag legt, jede sich als ausgeprägte Persönlichkeit präsentiert. Sie gehen sehr kommunikativ miteinander um, gackern, als wäre es Hühnerhof-Tratsch, Fressnapf-Getuschel, politisieren. Als Lehrer einsichtig, dass nicht alle Schüler degeneriert, dumm und träge sind, wählte Alphonse mit dem ihm eigenen Gespür für formbare Geschöpfe fünf Hühner aus einer Menge, der ihm vom Händler angebotenen Tiere: Jeweils eine Vertreterin der Rassen Königsberger Huhn (grau), Sperber-Barred (schwarz-grau gestreift), Grünleger (bunt), Braun-Tetra (rot) und Sussex (weiß). Nun sollten sie Namen bekommen. Intuition? Hexerei? Astrologie? Wer will schon unsere unterirdischen Kräfte ausloten? Jedenfalls war es so, behaupte ich einmal: Alphonse begutachtete seine Beute, als er sie in jener Luxus-Hühnerburg in seinem Garten ausgesetzt hatte. Überlegte, kratzte sich den Hinterkopf. Die fünf Mädchen in seiner sonst von Buben dominierten 4B-Klasse Fotos: Frank Tichy 36 gangart

– hey, schoss es ihm durch das Kleinhirn, das genau darunter liegt, wo er sich eben gekratzt hatte, die rot Gefiederte kommt ja der guten Silke in meiner Klasse gleich, der sommersprossigen Silke mit dem brandroten Haar. Das Huhn, unaufgeregt, cool, nahezu lässig, was unter Hühnern, wie auch unter dreizehn/vierzehnjährigen Mädchen gerne der Fall ist. Die nenn' ich Silke! Ja, und da war's auch schon geschehen, die anderen Hühner bekamen ebenfalls die Namen seiner Mädels. Ich sage bewusst „seiner“ Mädels, denn Lehrer empfinden meist die ihnen zugewiesenen Klassen nach kurzer Zeit als „ihre“ Klassen, und bald darauf die Schüler als „ihre“ Kinder, „ihre“ Mädels, „ihre“ Buben. Eine Glucken-Haftung, die Lehrer mit den ihnen anvertrauten Kindern einzugehen bereit sind, so letztere nicht gar zu Bildungs- und/oder emotional resistent sind. Und so sich Lehrer ihren pädagogischen Eros soweit bewahrt haben, dass sie in ihren Schülern zuneigungswürdige Wesen erkennen und nicht Schüler-Material. So übertrug Alphonse sein Gluckengehabe gleich einmal auf „seine“ Schülerinnen. Als nächstes erkannte er in dem stets ausweichenden Huhn, das sich jeder Annäherung kokett entzieht, sich raffiniert und clever gibt, ja unnahbar durch die Hühnerwelt spaziert, alle Schliche zu kennen scheint, kaum auszutricksen ist, und – als einzige eine Ausbrecherin ist. Melissa! Alphonse fragt sich täglich, wie und wo sie den Maschenzaun zu überwinden vermag, er kommt nicht dahinter, wie sie es schafft, täglich irgendwann außerhalb der Einfriedung auf- und ab zu stolzieren. Vorerst dominiert wohl der Freiheitsdrang und vielleicht auch das Wissen, sie kann es, als einzige kann sie abhauen. Erst hintennach kommt der Frust, vom Fressen ausgeschlossen zu sein. Den Weg zurück schafft sie nämlich nicht. Sie lässt sich wieder leicht einfangen, ja wartet schon darauf, ist froh wieder in der Gesellschaft der anderen zurück zu sein. Ihren täglichen Ausbruch scheint sie zu brauchen, will ihn sich nicht nehmen lassen. Alphonse erkannte in ihr die kluge, pfiffige Melissa in seiner Klasse. Melissa hatte auch bald den Trick überlauert, den Herrchen immer anwendet, wenn der Futterkegel nichts mehr liefert, nämlich am Kegel oben zu rütteln, damit das träge Korn wieder rieselt. Man soll nicht glauben, dass Hühner nicht lernfähig wären. Wie beim Menschen, wenn sie nicht wollen, verweigern sie, ist jedoch Belohnung zu erwarten, lernen sie bereitwillig und schnell. Melissa hat gleich kapiert und imitiert, und nun fliegt sie einfach rauf, wenn Mangel an Körnern ist, hüpft und poltert, sodass Futter erneut nachrinnt . Alle Hühner sind zufrieden, nicken dankbar. Melissa ist glücklich und schreitet mit breiter Brust durchs Hendlgeläuf. Sirima ist ein Hendl, deren Namensgeberin in der Klasse man ein typisches Migrantenschicksal zuschreiben könnte. Sie stammt aus Thailand, kam erst vor zwei Jahren in die Klasse, konnte kaum Deutsch, hat sich jedoch schnell durch harte Arbeit zur guten Schülerin entwickelt, besonders in ihrem Lieblingsfach Mathematik, ist sehr sozial eingestellt und nun allseits beliebt. Das Huhn Sirima ist das Größe in der Gruppe, teilt die soziale Ader ihrer Namensvetterin, ist unkompliziert, schmiegt sich gerne an und lässt sich leicht fangen. Alina, die schöne Weiße, doch von wegen…, sie war von Beginn an die Außenseiterin, hatte sie doch keine Farbe in ihrem Gefieder. Alle Hühner peckten gnadenlos auf sie ein, bis bald ihr Hals kahl gerupft war. Alphonse schnappte die Malträtierte, fuhr zur Tierärztin. Frau Doktor entpuppte sich als erfahrene Tier-Verhaltenskennerin. Ein weißes Tier, das geht überhaupt nicht, macht so eine zur Außenseiterin, sprach sie, Vögel müssen bunt sein, wir müssen die anderen ärgern. Sie sprayte den nackten Hals mit Silberfarbe ein, dazu einen breiten dunkelblauen Ring um das Brustgefieder und schon war sie bunt, wurde von den anderen jäh akzeptiert und läuft nun munter im Rudel mit. Das Gefieder am Hals ist mittlerweile nachgewachsen, die Blöße kaum noch sichtbar. Als hätten diese konservativ gestimmten Hühner ihre xenophobe Gehässigkeit völlig vergessen, stört sie mittlerweile das grelle Weiß überhaupt nicht mehr. Ein Lehrstück! Bleibt noch Manuela, die elegante, hübsche, selbstbewusste. Stolz schreitet sie in ihrer schwarz-weißen Herrlichkeit durch die Gegend, lässt sich nicht fangen. Weiß, was sie wert ist, wie ihre Namensvetterin. Keines, weder Mädchen, noch Huhn, braucht sich von dieser Geschichte betroffen fühlen, ich habe nur berichtet, und das oberflächlich, was ich gesehen und gehört habe, von manchem mehr, von einigem weniger. Es ist nur eine Geschichte aus dem unendlichen Reich viehisch-menschlicher, menschlich-viehischer Verhaltensweisen und Eitelkeiten, und wie harmonisch sich Gruppendynamik entwickeln könnte. Könnte! Wenn der gute Wille Leitkultur ist. Alle sind wertvoll und gleichwertig, schön und großartig. Silke Melissa Sirima Alina Manuela gangart 37