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DIE SCHÄFERIN vom

DIE SCHÄFERIN vom Gerzkopf Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Ein Beitrag von Wolfgang Tonninger Ich sitze vor der Schäferhütte am Gerzkopf und warte. Von Helga Fritzsche, der Schäferin, noch keine Spur. Nein. Von Helga ganz viele Spuren. Das eingerollte Sonnensegel über der Tür, die Hängematte am Hütteneck unter dem Dachgiebel. Und vor mir auf dem Holztisch, der eine auf dem Rücken liegende Baumhälfte ist, ein Gedeck aus Moos, wildem Thymian, Schneckenhäusern, Pilzen, Zapfen und Zweigen. Dazwischen Preiselbeeren, Steine und ein Bergkristall. Da hat wer Zeit, denke ich. Zeit, sich um die Details zu kümmern, die das Leben hier heroben ausmachen. Ich spüre, dass das hier ihr Reich ist, auch wenn ich sie noch nie gesehen habe. Und wie um diesen Anspruch zu unterstreichen, sehe ich vor mir einen Anger aus giftgrünem Gras aus der Sumpfwiese herausgeschnitten und mit Holzpflöcken abgesteckt. Es ist ein besonderer Platz, auf dem die Schäferhütte steht. In einer kleinen Senke unter dem Gerzkopf, auf dem Weg zur Schwarzen Lacke. Die gelben Wegschilder vor der Hütte zeigen geschäftig in alle Richtungen, wie es sich für einen Knotenpunkt gehört. Und doch hat dieser Ort etwas Abgelegenes, Privates, wenn sein weiblicher Genius als Abwesender unterwegs ist. Ist es anmaßend, dass ich hier vor ihrer Hütte einfach Platz genommen habe? Oder passt es so, wie es ist? Von wo wird sie kommen, wenn sie kommt? Und wie wird der erste Eindruck sein? Der erste Satz? So weit weg von allem wird jede Begegnung zu einem existenziellen Unterfangen. Langsam zieht der Schatten den Bergrücken hinauf. Wann werde ich genug gewartet haben? Aufstehen und zurück zu der Jagdhütte am Westhang des Hirschköpfl gehen, die mir für zwei Tage Unterschlupf gewährt? Und morgen einfach wieder kommen und mein Glück erneut versuchen? Oder doch einfach zum Telefon greifen und die Nummer wählen, die mir unten im Tal zugesteckt wurde? Nein, ich lasse es. Das Naheliegende. Das Einfachscheinende. Ich entscheide mich für den Umweg, anstatt gedankenlos eine Nummer durchs Netz zu jagen, hineinzuplatzen in ihr Leben. Wenn die Sonne untergegangen ist, werde ich mich auf den Weg machen. Über den triefenden Moorboden zurück zu meiner Hütte. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Spektakulär ist was anderes. Zwischen dem klobigen Tennengebirge und dem mächtigen Dachsteinmassiv bildet der Gerzkopf als Teil der Fritztaler Berge ein unscheinbares Zwischenspiel. Mehr Plateau denn Gipfel besticht er als Kraftplatz durch seine inneren Werte. Mit einem Energiefeld, das die Gemeinden Filzmoos, Eben, St. Martin und Lungötz seit hunderten Jahren miteinander verbindet. Mit ein Grund wohl, dass die Bauern dieser Gemeinden im Sommer noch heute von allen Seiten ihre 6 gangart

Schafe hier herauftreiben und einem gemeinsamen Hüter anvertrauen. Der Haken dabei: Von den 2000 Hektar Wirtschaftsfläche sind nur 400 Hektar als Weidegebiet ausgewiesen. Der Rest birgt hohes Konfliktpotenzial – vor allem mit der Jägerschaft. „Das hab ich den Schafen auch so gesagt,“ lacht Helga, als wir am nächsten Tag gemeinsam eine Runde drehen, „aber die halten sich nicht daran.“ Zirka 300 Stück sind es dieses Jahr, von 25 verschiedenen Bauern, die in größeren und kleineren Gruppen über die Hügel ziehen. Das Problem ist, wie mir Helga erklärt, dass die Schafe nur „geringfügig standorttreu sind. Die Schafe von der Gsenghofalm werde ich nie auf der anderen Seite vom Gerzkopf auf dem Hüttelboden finden. Aber innerhalb bestimmter Grenzen ist vieles möglich. Da braucht man schon viel Ausdauer beim Gehen, Erfahrung und ein bisschen Intuition, um zu erraten, was sie gerade antreibt. Ich weiß, wo Schafe gerne auftauchen und wo sie nicht hingehören. Ich weiß, dass sie gerne Richtung Tal ziehen und dass du nur am Abend eine Chance hast, sie wieder nach oben zu bringen. Ich weiß, dass die Schafe vom Buschen und vom Nest zur Zeit hinter meiner Hütte in Richtung Langeggsattel stehen. Ich weiß aber nicht, ob und wann sie aufgeschreckt werden und was dann passiert.“ Vieles lässt sich hier heroben nicht kontrollieren. Vor allem, wenn man allein ist. Helga schaut liebevoll hinunter zu ihren Füßen. Okay, Boney, ihr quereingestiegener Hirtenhund, hat sich gut entwickelt in den letzten Jahren. Aber es kommt auch heute noch vor, dass er einen zu engen Kreis zieht, wenn er die Schafe von hinten aufrollen soll und dann das nervös gewordene Tierknäuel unter lautem Blöken auseinanderstiebt. Das kann auch einer erfahrenen Schäferin Stress machen. Weil es einfach nicht möglich ist, 30 Schafe wohin zu bewegen, wenn sie nicht wollen. Aber wenn sie trickreich ist und alles richtig macht und auch noch etwas Glück hat – denn ohne Glück geht gar nichts –, dann kann es schon einmal passieren, dass sie mit einer kleinen Gruppe leichtfüßig von Futterrille zu Futterrille turnt – „itschi, itschi, itschalan“ – und am Ende ganz unvermittelt vor ihrer Schäferhütte steht. Das sind die kleinen Siege, die die stundenlangen Streifzüge in steilem Gelände, die unbelohnt bleiben, mehr als wettmachen. Nach speziellen Schnittmustern in den Ohren kann Helga die Schafe zuordnen, wenn sich die Herden durchmischen oder einzelne Schafe sich abspalten und zu neuen Gruppen zusammentun. Was eher selten, aber doch immer wieder vorkommt. Normal ist hingegen, dass die Widder nirgendwo dazugehören und von Herde zu Herde ziehend die Schafe besteigen. Und dann gibt es noch das Unvorsehbare. Die Geschichten, die das Almleben schreibt. Wie letztes Jahr mit Hanni und Nanni. Das eine ein schwarzes Schaf, das andere ein weißes. Das eine aus Neuberg, das andere aus Neubachl. Sie stammten aus verschiedenen Herden und waren dann den ganzen Sommer allein zu zweit. Manchmal den ganzen Tag in Hüttennähe. Zwei Herzen, die sich gefunden hatten. Als Helga im Winter 2013 zum ersten Mal vor der Schäferhütte stand, im hüfthohen Schnee, wusste sie sofort, dass das ihr Platz ist. Und ihre Hütte. Der Geruch des alten Holzes führte sie geradewegs zurück in die Kindheit nach Kärnten, wo sie, die ursprünglich aus dem Ruhrgebiet stammt, mit ihren Eltern viele unvergessliche Sommer auf einem Bergbauernhof verbracht hatte. Sie trieb die Kühe aufs Feld, balgte sich im Heu und lebte mit den Tieren. Fernseher gab es keinen, nur ein altes Radio, das in der Küche stand und Nachrichten vor sich hersagte, auf die niemand wartete. Damals war die Welt heil und sie Teil von allem, zu Hause. Helga hat gelernt, dass sie nicht überall sein kann. Und dass sich dreihundert nicht eingezäunte Schafe eben auch nicht hundertprozentig kontrollieren lassen. Und dass es in den meisten Fällen, wenn das Telefon klingelt, weil irgendein Schaf > Fortsetzung Seite 9 gangart 7