Journal_1_2017_web

kibezmuehlacker

Themenausgabe

2017

KONKRET

ISSN 2192-8231 | Ausgabe Nr 14


Themenheft

Reformation

INHALT

3

4

5

8

9

9

10

12

Editorial

Evangelisch - nach

württembergischer Spezialanfertigung

Bekenntnisse

Der Predigtgottesdienst

Eine württembergische Spezialität

Wer hat uns

die Reformation gebracht?

Matthäus Alber

Der Luther Schwabens

Johannes Brenz

Reformator Württembergs

Mein Theobald

Wie die Reformation

nach Illingen kam

14

Martin Bucer

Erfinder der Konfirmation

15

21

22

26

Was hat uns die Reformation gebracht?

Demokratie | Kirchenmusik | Freiheit

Abendmahl in beiderlei Gestalt

Bildung und Glaube

Reformation als Bildungsbewegung

Philipp Melanchthon

als Bildungsreformer

Was hat uns die Reformation gebracht?

Bibel auf Deutsch | Frauenordintation |

Diakonie

32

35

Evangelisch oder protestantisch

Wie hast Du‘s mit der Konfession?

Stellenveränderungen

Cartoon | Impressum

2


Editorial

Liebe Leserin,

lieber Leser ,

als 2005 Joseph Ratzinger zum Papst

gewählt wurde, titelte die 4-Buchstaben-Zeitung

„Wir sind Papst“: eine so

geniale wie schmeichelhafte Schlagzeile.

Wie ginge es uns, hieße es heute

„Wir sind Luther“. Schmeichelt und

schmeckt uns das auch?

Mir ‘luthert’s‘ ehrlich gesagt zu viel.

Kaum ein Gebrauchsgegenstand, den

man inzwischen nicht auch mit Luthers

Bild bekommen kann.

Man macht das Jubiläum in einem

Maße an seiner Person fest, das fast

schon an Helden- und Heiligenverehrung

grenzt. Unbestritten hat sich

Luther was getraut, viel riskiert und in

einem Moment der Geschichte etwas

losgetreten, das nicht mehr aufzuhalten

war.

Aber: Aufbruch hängt nicht allein an

dem, der vorangeht. Es braucht Unterstützer,

Sympathisanten, Freunde,

Weggefährten, Menschen, die mitgehen

und erst eine Bewegung daraus

machen.

Deshalb gibt es für mich nicht die Reformation,

sondern ganz viele: Von Region

zu Region, von Stadt zu Stadt, von

Ort zu Ort verlief sie unterschiedlich.

Ohne einen Bugenhagen und Melanchthon,

Spalatin oder Brenz wäre das

eine regionale Episode geblieben.

Ganz zu schweigen von den vielen unbekannten

mutigen Frauen der Reformation:

An der Seite der berühmten

Männer und als selbstständige mutige

Persönlichkeiten.

Luther hat nichts Neues gebracht. Ein

Jan Hus oder Erasmus hat seine Anliegen

schon vor ihm publiziert:

Aber in anderem Ton, zu anderer Zeit,

ohne dass es nur jenen einen Funken

brauchte, der alles hochgehen ließ.

Luthers theologische Erkenntnis verdankt

sich ganz wesentlich seinem

katholischen Beichtvater Staupitz im

Kloster.

Deshalb haben alle Unrecht, die in Luther

den einzigartigen Erneuerer sehen

wollen.

Bei aller Vielfachbegabung und seinem

gewiss großen Mut ist mir Luther

in seiner Derbheit und Rücksichtslosigkeit

gegen Andersdenkende und

-glaubende kein Vorbild – von seinen

wüsten Entgleisungen gegenüber den

Täufern, Bauern, Juden und Moslems

ganz zu schweigen.

Ich halte es mit dem Theologen Paul

Tillich, der das protestantische Prinzip

dem protestantischen Profil vorgezogen

hat. Das eine ist ein Oberflächenbegriff,

im anderen liegt eine Kraft, die

die Reformation bis heute spannend

und notwendig macht.

Erneuerung ist ein Prozess,

der nie abgeschlossen ist.

Deshalb bleibt für jede Zeit die Herausforderung,

auf diese Fragen eine

persönliche Antwort zu finden:

• Was bedeutet es, aus der Bibel seine

Maßstäbe zu ziehen, ohne in

buchstabengläubigen Fundamentalismus

zu verfallen?

• Was hat es für Konsequenzen,

wenn tatsächlich gilt, dass Gott

mich schon liebt und achtet, unabhängig

und bevor ich ihm etwas

vorzuweisen habe?

• Was bedeutet es, wenn es einen direkten

Zugang zu Gott gibt, ohne

die Vermittlungsinstanz Priester

oder Kirche?

• Welche Risiken und Nebenwirkungen

liegen darin, wenn die eigene

Bibellektüre und das eigene

Gewissen zu Schlüssen kommen,

die nicht mit dem deckungsgleich

sind, was ‚von oben‘ gelehrt wird?

Ich will nicht noch mehr zum Teil banale

Luther-Folklore zwischen Mittelalter-Spektakel

und „Luther-Wurst“.

Ich will mich nicht allein für diesen

hoch widersprüchlichen Mann begeistern

und in seiner Zeit hängen bleiben.

Reformation geht weiter und zeugt

ständig neue Aufbrüche. Sie fordert

heraus, bleibt eine Daueraufgabe für

Kirche bis zum jüngsten Tag und gerade

hier bei uns, in der Region und unserem

Kirchenbezirk

Auf dem berühmten Altarbild der Wittenberger

Stadtkirche sieht man in der

Mitte Christus am Kreuz, rechts von

ihm Luther auf der Kanzel: Die eine

Hand hat er auf die aufgeschlagene Bibel

gelegt, die andere weist auf Christus.

Ihm gegenüber sitzen acht Frauen

mit Kindern, dahinter stehen würdige

Herren. Alle schauen zu Luther, alle

schauen zu Luther auf.

Nur eine junge, unverheiratete Frau

blickt den Betrachter direkt und keck

an. Mir ist’s, als wollte ihr Blick mich

herausfordern:

„Na, wie steht’s mit dir?

Was macht deine Reformation?“

Darin liegt für mich der entscheidende

und nachhaltige Impuls dieses Jubeljahres.

Pfarrer Ernst-Dietrich Egerer

| stellvertretender Dekan

3

© Ernst-Dietrich Egerer


Themenheft

Reformation

Evangelisch - nach württembergischer

Spezialanfertigung

Württemberg ist etwas Besonderes. Neig‘schmeckte und Zugreiste sagen, es sei

„eigen“. Evangelisch in Württemberg heißt, dass wir Lutherisch nach Lehre und

Bekenntnis sind, aber nicht nach Liturgie und Kirchenverfassung.

1534 wurde Württemberg evangelisch.

Die erste evangelische Predigt wurde

am 16. Mai 1534 in der Stuttgarter Stiftskirche

gehalten. Das Herzogtum und

fast alle Reichsstädte des Südens hatten

sich der Reformation angeschlossen.

Die Reformation kommt

nach Württemberg

Martin Luther war nur 1510 einmal in

Ulm auf seiner Romreise und später in

Augsburg, nie aber in Württemberg. Die

Überlegungen zur Reformation von Kirche

und Gesellschaft gelangten durch

seine Schüler nach Württemberg.

Dr. Wolfgang Schöllkopf notiert dazu:

„Für einige von ihnen wurde die erste

Begegnung mit Luther bei der Heidelberger

Disputation 1518 zum Schlüsselerlebnis.

»Wie im Traum« hörten

sie die bahnbrechenden Thesen Luthers,

so der für Süddeutschland bedeutsame

Reformator von Straßburg,

Martin Bucer. Auch dabei waren Erhard

Schnepf, später lutherischer

Reformator für Nordwürttemberg,

Martin Frecht, später in Ulm, und

nicht zuletzt Johannes Brenz, der prägende

Reformator Württembergs.«

Der württembergische

Predigtgottesdienst

Luther korrespondierte viel

per Brief, seine Schriften

gingen als ‚Flugblätter’

von Hand zu Hand, auch

in Süddeutschland.

„Mit einigen Reichsstädten,

zu denen Esslingen

und Reutlingen gehörten,

stand Luther in Kontakt.

Sein Brief an den Reutlinger

Reformator Matthäus

Alber, der dort 1524

die Reformation im lutherischen Sinne

einführte, hatte für Württemberg eine

große Bedeutung (siehe Seite 9).

Am 4. Januar 1526 schrieb er an »alle

lieben Christen in Reutlingen«: Er akzeptiere,

dass sie zwar die lutherische

Lehre übernommen haben, nicht aber

die Gottesdienstform der lutherischen

deutschen Messe, sondern bei ihrem

schlichten reichsstädtischen Predigtgottesdienst

geblieben sind“, so Schöllborn.

„Lutherisch Spanien“

Württemberg wurde auf Anweisung

des Herzogs evangelisch, „nach einer

schwäbischen Spezialanfertigung:

Lutherisch nach Lehre und Bekenntnis,

zuweilen durch die Universität Tübingen

so streng vertreten, dass man das

Land das „lutherische Spanien“ nannte

(Schöllkopf).

Diese Anordnung konnte erst 1535 ergehen

durch den Herzog, weil Ulrich

wegen unbotmäßigen Verhaltens gegen

den Kaiser, unter anderem war dies ein

Angriff auf die Reichsstadt Reutlingen,

von dessen Truppen 1519 vertrieben

worden war.

Erst 15 Jahre später konnte er zurückkehren

und die Reformation in Württemberg

einführen. - Württemberg war

umgeben von mächtigen Nachbarn,

dem lutherischen Hessen im Norden

und der zwinglianischen Eidgenossenschaft

im Süden, was zu theologischen

Diskussionen führte, die diese

„Spezialanfertigung“ hervorbrachten.

Herzog Ulrich von Württemberg

4

Unbekannter Maler - eingescannt aus: Robert Uhland (Hrsg.)1985:

900 Jahre Haus Württemberg, 3. Aufl., Stuttgart, 1985, ISBN 3-17-

008930-7, S. 121 | © gemeinfrei


© Kirchenbezirk Mühlacker

Die große Kirchenordnung

Die Reformation brachte für die Menschen

in Württemberg weitreichende

Veränderungen, die ihr ganzes Leben

von der Wiege bis zur Bahre betrafen,

mit sich. Um in diesen Veränderungen

Orientierung und Halt zu geben, erließ

Herzog Christoph zahlreiche Maßnahmen,

die in der „großen Kirchenordnung“

zusammengefasst sind. Diese

wurde im Mai 1559 erlassen.

Auf mehr als 500 Seiten sind 19 Ordnungen

versammelt. Diese reichen

von den Gottesdiensten, der Besetzung

kirchlicher Ämter und deren Aufgaben,

über das Armenwesen, das Eherecht, die

Visitation und Kirchenzensur, das Leben

in den Klöstern bis hin zu Landinspektionen

sowie Maßgaben für Schulen,

Stadtschreiber und Ärzte.

Die Confessio Virtembergica, das von

dem württembergischen Reformator

Johannes Brenz ausgearbeitete Glaubensbekenntnis,

ist dem umfangreichen

Ordnungstext vorangestellt.

Mit dieser „Präambel“ unterstellte Herzog

Christoph auch die politischen Teile

der Kirchenordnung seiner evangelischen

Glaubenshaltung.

Der herausragende Stellenwert zeigt

sich auch darin, dass die Kirchenordnung

eine ausgesprochen lange Geltungsdauer

besaß: Manche ihrer Teile

waren bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts

gültig.

Dann wurde eine Landessynode und

der Kirchengemeinderat eingerichtet.

Im Jahr 1920 gab sich die Landeskirche

ihre heutige Verfassung als „die

evangelisch-lutherische Kirche in

Württemberg“.

Bekenntnisse

Die evangelische Landeskirche in

Württemberg hat sich nie auf bestimmte

Bekenntnistexte festgelegt.

Ein Blick in das Gesangbuch auf Seite

1.483 ff zeigt deutlich, dass sie als

Richtlinie die beiden altkirchlichen

Bekenntnisse - das Apostolische Glaubensbekenntnis

und das Bekenntnis

von Nizäa-Konstantinopel - und die

entscheidenden Texte der lutherischen

Reformation wie auch der Theologischen

Erklärung von Barmen und der

Stuttgarter Schulderklärung hat.

Die altkirchlichen Bekenntnisse fassen

die zentrale biblische Verkündigung in

einigen Kernsätzen zusammen:

Das Apostolische Glaubensbekenntnis

verbindet als Taufbekenntnis weltweit

viele Kirchen. Es benennt die wichtigsten

Glaubensinhalte, die innerhalb eines

Gottesdienstes vermittelt werden.

Die evangelischen Kirchen bekennen

es in Gemeinschaft mit der römischkatholischen

Kirche, der altkatholischen

Kirche, den anglikanischen und

anderen Kirchen.

Das aus dem Griechischen

stammende

Wort „katholisch“ im

dritten Abschnitt des

Urtextes heißt „auf

das Ganze bezogen“

und drückt aus, dass

die Kirche auf der

ganzen Welt verbreitet

ist und das Evangelium

allen Menschen

zu allen Zeiten

und an allen Orten

gilt. Dieses Wort dient

also nicht zur Bezeichnung

einer bestimmten

Konfession;

deshalb übersetzen es

die evangelischen Kirchen

mit „christlich“

oder „allgemein“.

Das Bekenntnis von Nizäa-Konstantinopel

ist das ökumenische Glaubensbekenntnis:

Es verbindet Christen verschiedenster

Konfessionen.

© Kirchenbezirk Mühlacker

Das so genannte große Glaubensbekenntnis

geht angeblich auf zwei

Konzile in Nizäa und Konstantinopel

im vierten Jahrhundert zurück, an denen

Bischöfe aus den verschiedenen

5


Themenheft

Reformation

kirchlichen Strömungen des römischen

Reichs teilnahmen.

Es gilt damit als das erste ökumenische

Dokument der Kirchengeschichte.

Dieses Bekenntnis ist heute eine fundamentale

Grundlage des ökumenischen

Dialogs, da es sowohl in den katholischen

und protestantischen Kirchen

als auch in der Liturgie der orthodoxen

Kirche eine besondere Rolle spielt.

Wer es betet, bekennt sich zu einer weltweiten

Gemeinschaft der Christinnen

und Christen.

Evangelische Bekenntnisse

Die evangelischen Bekenntnisse der

Reformationszeit entstanden aus unterschiedlichen

Gründen:

Als Anleitung zur Auslegung der Heiligen

Schrift und Einübung im Glauben

schrieb Martin Luther 1529 den Großen

Katechismus für Theologen und

Gemeindepfarrer.

Die Reformatoren predigten seit 1517

regelmäßig über Gebote, Glaubensbekenntnis

und Vaterunser. Gemeinsam

mit Johannes Bugenhagen legt Martin

Luther ab 1525 besonderes Gewicht

auch auf das rechte Verständnis der

Sakramente.

Der kleine Katechismus ist für die

breite Öffentlichkeit, für den Hausgebrauch

gedacht. Er wurde im Jahr 1529

verfasst, bietet eine Einführung in die

wichtigsten Themen des reformierten

Christentums wie die Zehn Gebote, das

Glaubensbekenntnis oder zur Taufe und

überträgt diese auf das alltäglichen Leben.

Auch heute noch stellt der Kleine Katechismus

die Grundlage für den Dienst

des Pfarramtes dar und wird in einigen

Kirchen im Rahmen des Konfirmationsunterrichts

verwendet.

Bei seinen Reisen durch die Gemeinden

im gerade reformierten Deutschland

stellte Martin Luther fest, dass vielen

Pfarrherren in den dörflichen Gebieten

theologische Grundlagen fehlten. Für

Luther hing das Gelingen der Reformation

ganz entscheidend davon ab, ob es

glückte, die neuen Erkenntnisse einer

weiteren Öffentlichkeit verständlich zu

vermitteln.

6

Württembergischer Katechismus

Neben Luther verfassten auch andere

Reformatoren Hilfen für den kirchlichen

Unterricht. In Württemberg wurden

überwiegend die Fragstücke für die

Jugend von Johannes Brenz benutzt.

Brenz betont wie Luther die biblischen

und altkirchlichen Grundtexte, die er

kurz und schlicht in der pädagogischen

Frage-Antwort-Form auslegt. Auf das

Wirken von Brenz geht die Reihenfolge

der Hauptstücke und die Erklärungen

zum Eingang, zu Taufe, Abendmahl und

Schlüssel des Himmelreichs, dem Predigtamt,

zurück. Die anderen Hauptstücke

stimmen mit Luthers Kleinem

Katechismus überein.

Augsburger Bekenntnis

Confessio Augustana

Kaiser Karl V. berief 1530 in Augsburg

einen Reichstag ein. Zu diesem Anlass

wurde von Melanchthon zur Verantwortung

unter Verwendung von früheren

Bekenntnistexten (Luther: vom

Abendmahl Christi, Bekenntnis 1528;

Schwabacher, Marburger und Torgauer

Artikel) das Augsburger Bekenntnis

verfasst als umfassende Darstellung

des Glaubens. Dieser Reichstag sollte

eine Lösung der drängend gewordenen

Religionsfragen bringen. Eine Kirchenspaltung

drohte unvermeidlich zu

werden. Ursprünglich war beabsichtigt,

die unterschiedlichen Auffassungen

bestimmter Punkte des praktizierten

Glaubens darzustellen. Im ersten Teil

umfasst das Augsburger Bekenntnis die

Hauptaussagen zur Glaubenslehre, im

zweiten Teil die Stellungnahmen zur

Abschaffung bestimmter kirchlicher

Bräuche bei den Protestanten.

Durch die klärenden Artikel des Augsburger

Bekenntnisses versuchten die

Reformatoren, die Gemeinsamkeit mit

der katholischen Kirche wiederzuerlangen.

Es ist von seinem Grundanliegen

her ein ökumenisches Bekenntnis. Es

wurde in den Auswirkungen im Lauf der

Zeit zu der zentralen Bekenntnisschrift

der protestantischen Kirchen lutherischer

Prägung und konnte die Kirchenspaltung

nicht verhindern.

Das Augsburger Bekenntnis wurde am

25. Juni 1530 in Augsburg verlesen und

von einer Gruppe evangelischer Fürsten

und Reichsstädten unterzeichnet.

Für viele Landeskirchen ist es zur Bekenntnisgrundlage

geworden. Im Herzogtum

Württemberg wurde das Augsburger

Bekenntnis, das unter anderem

Matthäus Alber (Seite 9) als Pfarrer der

Reichsstadt Reutlingen unterschrieb,

zur maßgeblichen Lehrgrundlage der

Reformation seit 1534.

Es ist in den kirchenpolitischen Aussagen

ein Dokument seiner Zeit. Das

Bekenntnis ist in seiner theologischen

Ausrichtung ein zeitloses Dokument,

das heute noch Orientierung im Glauben

gibt.

Als Glaubenszeugnisse aus dem

20. Jahrhundert haben die Theologische

Erklärung von Barmen und die

Stuttgarter Schulderklärung bleibende

Bedeutung erlangt:


Barmer Erklärung

Die Barmer Erklärung ist Ausdruck

des Widerspruchs gegen den diktatorischen

Machtanspruch und die Weltanschauung

des nationalsozialistischen

Staates und der Auseinandersetzung

mit der »Glaubensbewegung Deutsche

Christen«. Die Bekenntnissynode

vom 29. bis 31. Mai 1934 in Barmen hat

auf der Grundlage eines Entwurfs des

Schweizer Theologen Karl Barth sechs

Thesen als Theologische Erklärung der

Bekennenden Kirche verabschiedet. An

der vom Bruderrat der Bekennenden

Kirche einberufenen Synode nahmen

139 Abgeordnete aus lutherischen, reformierten

und unierten Kirchen teil,

darunter auch zehn Vertreter aus Württemberg.

Stuttgarter Schulderklärung

Mit der Stuttgarter Schulderklärung

vom 19. Oktober 1945 gestand die deutsche

evangelische Kirche ihr Versagen

im Dritten Reich ein. Dieses Eingeständnis

öffnete dem deutschen Protestantismus

nach dem Zweiten Weltkrieg

das Tor zur weltweiten ökumenischen

Zusammenarbeit.

Leuenberger Konkordie

Im März 1973 wurde auf dem Leuenberg

bei Basel die Konkordie reformatorischer

Kirchen in Europa verabschiedet.

Mit der Unterzeichnung der Konkordie

erklärten lutherische, reformierte,

unierte und die vorreformatorischen

Kirchen der Waldenser und Böhmischen

Brüder einander die Kirchengemeinschaft.

Dies umfasst, dass einander Gemeinschaft

an Wort und Sakrament gewährt

wird. Weiter besteht eine Kanzel- und

Abendmahlsgemeinschaft und die gegenseitige

Anerkennung der Ordination.

Inzwischen haben 107 Kirchen die Konkordie

unterzeichnet. Kirchengemeinschaft

bedeutet, „dass Kirchen verschiedenen

Bekenntnisstandes aufgrund

der gewonnenen Übereinstimmung im

Verständnis des Evangeliums einander

Gemeinschaft an Wort und Sakrament

gewähren und eine möglichst große Gemeinsamkeit

in Zeugnis und Dienst an

der Welt erstreben“ (Art. 29).

„Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt,

zu dem werde auch ich mich bekennen

vor meinem Vater im Himmel.“

Matthäus 10, 32

© vulcanus - fotolia.de

Quellen: “Wie die Reformation nach Württemberg

kam“, Dr. Wolfgang Schöllkopf, Pfarrer am

Stift Urach und landeskirchlicher Beauftragter für

württembergische Kirchengeschichte | http://www.

reformation-wuerttemberg.de/fileadmin/mediapool/

gemeinden/E_reformation_wuertt /PDFs/Reformation_in_Wuerttemberg_Schoellkopf.pdf

http://www.elk-wue.de/glauben/glaubenstexte/bekenntnisse/

| http://www.bayern-evangelisch.de/wasuns-traegt/die-tradition-bekenntnisse.php

http://ekiba.de/html/content/luthers_grosser_katechismus612.html

| Brenz-Zitat zur Grableguung:

Brecht, Martin: Johannes Brenz: Stiftspropst, Prediger,

Reformator Württembergs und Rat Herzog Christophs,

in: Württembergische Kirchengeschichte Online, 2016

https://www.wkgo.de/cms/article/index/johannesbrenz-stiftspropst-prediger-reformator-wurttembergsund-rat-herzog-christophs

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Themenheft

Reformation

Württembergische Spezialität:

Der Predigtgottesdienst

© Kirchenbezirk Mühlacker

Eine württembergische Besonderheit ist

der Predigtgottesdienst. Dieser wird so nur

in Württemberg gefeiert.

Der württembergische Predigtgottesdienst

lässt sich in drei Teile gliedern:

Eröffnung und Anrufung - Verkündigung

und Bekenntnis - Fürbitte, Sendung

und Segen.

In der Evangelischen Landeskirche in

Württemberg wird seit der Reformation

nicht wie in anderen lutherischen

Landeskirchen die evangelische Messe,

sondern Sonntag für Sonntag Predigtgottesdienst

gefeiert.

Wenn im Gottesdienst das Abendmahl

gefeiert wird, dann gibt es in Württemberg

dafür zwei Möglichkeiten: die so

genannte Oberdeutsche Form und die

Form der Messe.

So nur in Würrtemberg üblich

Wenn evangelische Christen anderer

Landeskirchen einen württembergischen

Gottesdienst besuchen, sind

sie häufig überrascht, den oder die

Prediger*in schon auf der Kanzel zu

sehen, kaum dass sie sich auf der Kirchenbank

eingerichtet haben.

Irritiert vermissen sie das gewohnte

Confiteor oder das gesungene Kyrie,

Gloria und Halleluja. Umgekehrt werden

ähnliche Erfahrungen gemacht:

Württemberger, die sich etwa von Ulm

über die Donaugrenze hinweg zum Besuch

eines Gottesdienstes in der Evangelisch-Lutherischen

Kirche in Bayern

begeben, meinen nicht selten aus Versehen

in eine katholische Messe geraten

zu sein. Zu ausladend erscheint ihnen

die Liturgie, zu fremd der Gottesdienst,

zu ungewohnt der Wechselgesang, in

dem sie – von Kind auf mit dem Predigtgottesdienst

vertraut – schlichtweg

nicht zu Hause sind.

Predigtgottesdienst, keine Messe

Bei uns in Württemberg wird der Predigtgottesdienst

gefeiert, nicht die

evangelische Messe. Reichsstädte gab

es im Umfeld des Herzogtums Württemberg

zahlreich: Reutlingen, Heilbronn,

Ulm, Esslingen – um nur die

Wichtigsten zu nennen.

Während in den Kirchen des Herzogtums

Württemberg ausschließlich und

mehrmals täglich Messe in Latein gehalten

wurde, hatten die freien Reichsstädte,

um ihrer Bevölkerung zusätzlich

wenigstens sonntags eine Predigt auf

deutsch zu Gehör zu bringen, bereits

im Spätmittelalter sogenannte „Prädikanten“

angestellt. Dies waren wissenschaftlich

ausgebildete, theologisch

sachverständige und sprachlich begabte

Männer, die sich – auf Grund von Stiftungen

– voll und ganz auf die Predigt

konzentrieren konnten. „Nach dem

Imbiss“, am Sonntagnachmittag bestiegen

sie die Kanzel und predigten verständlich

in der Volkssprache. Vor und

nach diesen Predigten wurden (bereits

schon vor der Reformation!) einfache

deutsche Gemeindelieder, sogenannte

Leisen und Rufe, gesungen.

Verkündigung im Zentrum

Im Laufe der Geschichte wurde der

Wortverkündigung des Gottesdienstes

ein hinführender Eingangsteil vorangestellt,

der Elemente der Eröffnung und

Anrufung enthält.

Der Eingangsteil dient dazu, dass alle,

die mit ihren persönlichen Erwartungen

und Bindungen zum Gottesdienst

gekommen sind, sich für die folgende

Wortverkündigung öffnen.

Die Bezeichnung „Predigtgottesdienst“

weist darauf hin, dass die Christus-Predigt

das vorherrschende Kernstück der

ersten Grundform ist: „Wie Jesus Christus

Gottes Zuspruch der Vergebung aller

unserer Sünden ist, so und mit gleichem

Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch

auf unser ganzes Leben; durch

ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus

den gottlosen Bindungen dieser Welt

zu freiem, dankbarem Dienst an seinen

Geschöpfen.“ (Barmen II) Die Schriftlesungen

folgen in der Regel der Ordnung

des Kirchenjahres (nach der geltenden

Perikopenordnung). Schriftlesungen

können von Gemeindegliedern übernommen

werden; Lesungen und Predigt

können durch Gemeindegesang,

Chorgesang und instrumentale Musik

aufgenommen und ausgelegt werden.

Der spätmittelalterliche Prädikantengottesdienst

(Gemeindelied – Predigt

mit Allgemeinem Kirchengebet – Gemeindelied)

wurde zum liturgischen

Vorbild und bleibenden Grundgerüst

des sonntäglichen Gemeindegottesdienstes

in der Evangelischen Landeskirche

in Württemberg. Und das

mit nur wenigen Veränderungen über

die Jahrhunderte hinweg bis ins letzte

Jahrhundert.

Veränderungen im 20. Jahrhundert

Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts

wurde der schlichte württembergische

Predigtgottesdienst in mehreren Schritten

erweitert.

Die entscheidenden Meilensteine hierfür

waren die Kirchenbücher von 1931

und 1988 sowie das Gottesdienstbuch

von 2004, worin der evangelische

Predigtgottesdienst in Württemberg

sukzessive um das Wochen- und Predigtlied,

die Schriftlesung und den im

Wechsel zwischen Liturg und Gemeinde

gesprochenen Psalm mit abschließendem

„Ehr sei dem Vater“ ergänzt

wurde.

Quelle: Figel, Matthias: Predigtgottesdienst, in:

Württembergische Kirchengeschichte Online, 2014

https://www.wkgo.de/cms/article/index/predigtgottesdienst

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WER HAT UNS DIE REFORMATION GEBRACHT?

Martin Luther ist mit Abstand die bekannteste Gestalt der Reformation. Aber er war nicht alleine. Von seinen Gedanken ließen

sich Gelehrte und Geistliche anstecken. Sie nahmen Impulse Luthers auf, dachten sie weiter und veränderten sie.

In Württemberg wirkten mehrere Reformatoren, deren Erbe bis heute wirkt. In dieser Ausgabe stellen wir vier von ihnen vor:

MATTHÄUS ALBER

Der Luther Schwabens

Seite 9

JOHANNES BRENZ

Der Reformator Württembergs

Seite 10

MARTIN BUCER

Der Erfinder der Konfirmation

Seite 14

PHILLIP MELANCHTHON

Der Lehrer Deutschlands

Seite 22

Matthäus Alber – der Luther Schwabens

Matthäus Alber wurde in der Reichsstadt

Reutlingen als Sohn eines Goldschmieds

am 4. Dezember 1495 geboren

und starb am 1. Dezember 1570.

Auf den Schulen zu Schwäbisch-

Hall, Rotenburg a. d. Tauber und

Straßburg qualifizierte er sich

für das Studium, welches er

1513 an der Universität Tübingen

absolvierte.

In Tübingen war Alber ein

Schüler Melanchthons. 1516

wurde er Baccalaureus und

1518 Magister. Nach dem Weggang

von Melanchthon von Tübingen

nach Wittenberg studierte

Alber in Freiburg i. Br. Theologie,

welche er 1521 dort selbst lehrte.

Alber begleitete Melanchthon ein

Stück auf der Reise bis nach Stuttgart,

wo er Johannes Reuchlin kennenlernte.

Seelsorger in Reutlingen

Vermutlich gegen 1521 wurde er in Konstanz

zum Priester geweiht und wurde

Kaplan und Prädikant in Reutlingen.

Dort fand seine Art zu predigen Anklang

und er hatte „großen Zulauf aus

Stadt und Land. Gegen die Drohungen

und Anfechtungen der österreichischen

Nachbar-Regierung, des schwäbischen

Bundes und seines Bischofs schützte

ihn die altbewährte Festigkeit seiner

Mitbürger“.

Als Bürgermeister und Rat der Stadt

Alber beriefen, hatten sie keineswegs

die Reformation ihrer Stadt im Blick.

Sie suchten eher der für eine Obrigkeit

damals selbstverständlichen Aufgabe

gerecht zu werden, auch für das Seelenheil

der Untertanen zu sorgen.

Luthers Anhänger

Doch Alber kam nicht nur dem Bedürfnis

nach einer Auslegung der biblischen

Schriften nach, er erwies sich bald als

Anhänger Luthers: Vor der Gemeinde

predigte er über die Evangelien

des Matthäus und Johannes; vor einem

Klerikerzirkel legte er zudem

den Römerbrief und andere Paulusbriefe

aus. Bald gelang es ihm,

einen ansehnlichen Teil der 30 bis

40 Reutlinger Kleriker, die teilweise

an der Hauptkirche St. Peter „in den

Weiden“, die außerhalb der Mauern

der Stadt lag, an einer der neun Kapellen

sowie der aufgrund eines Gelübdes

erbauten Marienkirche wirkten,

auf seine Seite zu ziehen.

Dass er auch unter der Bevölkerung

Anhänger gewann, belegt eine kleine

Episode, die aus jenen Jahren berichtet

wird. Ein altgläubiger Prediger sei wegen

unbiblischer Rede „von der Kanzel

gezogen“ worden.

Durch Albers Wirken gehört Reutlingen

zu den frühen Reformationsstädten

Süddeutschlands.

© Bild: Kupferstich, Autor unbekannt / copper engraving, author

unknown - Scan by Density, from: T. Dinkel, G. Schweizer:

Vorfahren und Familie des Dichters Friedrich Schiller, Stuttgart,

2005, ISBN 3-934464-08-4

9


Themenheft

Reformation

Abendmahl in beiderlei Gestalt

Alber feierte bereits 1524 das Abendmahl

„unter beiderlei Gestalt“ in der

Marienkirche, was überregional große

Aufmerksamkeit erregte.

Die Tatsache, dass Reutlingen als einzige

Reichsstadt neben Nürnberg 1530

das Augsburger Glaubensbekenntnis,

die Confessio Augustana, unterschrieb,

gilt noch heute als besonderer Höhepunkt

der Reutlinger Geschichte.

1548 verließ er Reutlingen auf Grund

des Augsburger Interims. Diese Verordnung

des katholischen Kaisers

Karl V. sollte nach dem Sieg über den

Schmalkadischen Bund (ein Verteidigungsbündnis

protestantischer Fürsten

und Städte unter Führung von Kursachsen

und Hessen gegen die Religionspolitik

des katholischen Kaisers Karl

V.) seine religionspolitischen Ziele im

Heiligen Römischen Reich durchsetzen.

Stiftsprediger und Abt

Das 1548 als Reichsgesetz erlassene Interim

sollte für eine Übergangszeit die

kirchlichen Verhältnisse regeln, bis ein

allgemeines Konzil über die Wiedereingliederung

der Protestanten in die

katholische Kirche endgültig entschieden

hätte.

Das Augsburger Interim stieß sowohl

auf protestantischer als auch auf katholischer

Seite auf Ablehnung.

In den süddeutschen protestantischen

Gebieten wurde es mit staatlichem

Zwang, in den Norddeutschen jedoch

nur oberflächlich durchgeführt. Bereits

1552 war Karl nach einem Aufstand protestantischer

Fürsten gezwungen, das

Interim wieder zurückzunehmen und

die konfessionelle Spaltung des Reiches

zuzulassen.

1550 wurde Alber Stiftsprediger in

Stuttgart, 1562 erster evangelischer Abt

in Blaubeuren.

Johannes Brenz – Reformator Württembergs

Johannes Brenz ist unter den Reformatoren

ein vergleichsweise langes Leben von 71

Jahren von 1499 - 1570 beschieden gewesen,

Zeit genug für ein reiches Lebenswerk.

Mit dem Herzogtum Württemberg hatte

er von Hause aus nichts zu tun, er war

der Sohn des Gemeindevorstehers

der Reichsstadt

Weil der Stadt. Zudem

hatte Brenz nicht in

Tübingen, sondern

in Heidelberg

studiert.

Dort hat ihn

der Humanismus

geprägt.

1518

kam es bei

der Heidelberger

Disputation

zur Begegnungen

mit Martin

Luther.

Schon 1522 erlangte

Brenz ein

festes Amt als Prediger

an der Michelskirche

in Schwäbisch Hall,

das er mehr als 25 Jahre versah,

bis er wegen des Interims und der

Verfolgung durch den Kaiser aus der

Stadt weichen musste.

10

Gefolgsmann der

lutherischen Reformation

Im Bauernkrieg 1525 beharrte Brenz

auf dem gebotenen Gehorsam gegen

die Obrigkeit, mahnte aber auch die

notwendigen sozialen Reformen

der Herrschenden an. Er

widersprach später der

drakonischen Unterdrückung

der besiegten

Bauern.

Im selben Jahr

stellte er sich

an der Spitze

einer

Gruppe befreundeter

fränkischer

Pfarrer. Sie

waren gegen

die

symbolische

Deutung des

Abendmahls

durch Ulrich

Zwingli, Johannes

Oekolampad

(Lehrer von Brenz)

und Martin Bucer

(Freund von Brenz).

Der biblische Wortlaut ließ

nach der Auffassung von Brenz

solche Interpretationskünste von ‚ist‘ zu

‚bedeutet‘ nicht zu. Von jetzt an kannte

man Brenz als einen der Gefolgsmänner

der lutherischen Reformation.

Kreativer Generalist und Ratgeber

Die herausragenden Pfarrer und Prediger

der Reformationszeit mussten

kreative Generalisten sein, die auf den

verschiedensten Gebieten neue und zugleich

prinzipientreue Problemlösungen

aufzeigen konnten.

Sie wurden um ihren Rat gefragt in für

die Evangelischen prekären politischen

Situationen. Ihre Gutachten wurden

von nah und fern erbeten. Darunter

finden sich auch Stellungnahmen, die

Meilensteine in der Praxis von Recht

und Politik sind.

Die evangelischen Geistlichen mussten

einen Zickzack-Kurs fahrende Politiker

bei der Sache halten. Dafür bedurfte es

Festigkeit und Verbindlichkeit zugleich.

Brenz verfügte über beide Eigenschaften.

Es galt neue Rechtsnormen zu

entwickeln, z.B. im Ehe- oder im Ketzerrecht.

Man brauchte die profilierten

evangelischen Theologen bei den

interkonfessionellen Verhandlungen

auf dem Parkett von Reichstagen und

Religionsgesprächen. Damit erlangten

diese Experten auch auf den politischen

Etagen Bekanntheit.

Vater und Verteidiger

der Confessio Augustana

Brenz gehörte 1530 auf dem Augsburger

Reichstag zu den Vätern und Verteidigern

der Confessio Augustana,


Martin Luther gilt als der Reformator.

Andere Gelehrte beförderten dieses

Anliegen ebenfalls.

© Bild: CCO Public Domain/mrapsch

das evangelische Hauptbekenntnis.

Die Veränderungen in dieser Zeitepoche

brauchten Gestalter, die neue Ordnungen

für die Kirche gestalten konnten.

Schnell war Brenzens Begabung auf

diesem Gebiet gefragt.

Zu diesem Anforderungskatalog gehörten

auch die neuen Medien für die

christliche Unterweisung der Jugend,

ein Fragen- und Antwortbüchlein oder

ein Katechismus.

De Katechismus von Brenz war der erfolgreichste

nach dem Luthers und in

Württemberg, er war jahrhundertelang

im Gebrauch. - Brenz erhielt mehrfach

Berufungen in höhere Ämter, nahm diese

jedoch nicht an.

Brenz und Württemberg

Die Beziehungen von Brenz zum Herzogtum

Württemberg wurden mit der

Einführung der Reformation 1534/1535

angelegt.

Brenz schien als profilierter Lutheraner

für das im lutherischen und schweizerischen

Einflusssbereich liegende

Württemberg nicht der geeignete Reformator

zu sein. Er wurde jedoch als

Ratgeber in Organisations- und Ordnungsfragen

mehrfach eingeladen und

konnte damit bis in den personellen

Bereich hinein entscheidende Weichen

stellen.

der unter riskanten Umständen den

vom Kaiser Verfolgten 1548 zeitweilig

versteckte. Am 6. November 1550 starb

Herzog Ulrich.

Ihm folgte sein Sohn, der 35jährige Herzog

Christoph 1515/1550-1568 nach. Er

war seinen religiösen Anschauungen als

evangelischer Fürst durch den damals

kürzlich aufgelegten aktuellen Jesajakommentar

von Brenz nachhaltig geprägt

worden, er ließ sich dieses Werk

später mit in den Sarg geben.

Ratgeber Herzog Christophs

Herzog Christoph hatte mehr politische

Möglichkeiten als sein vom Makel des

Aufruhrs gegen den Kaiser gekennzeichneten

Vater. Er stand vor der Herausforderung,

das 1548 vom Kaiser

verordnete Interrim loszuwerden. Dieses

hatte die Rekatholisierung zum Ziel.

Christoph sah in Brenz seinen wichtigsten

kirchlichen Ratgeber.

Dieser entwarf 1551 die Confessio

Virtembergica, das Bekenntnis, das

der Herzog 1552 dem Konzil von Trient

vorlegen ließ. Dies wurde neben der

Confessio Augustana zum eigentlichen

Landesbekenntnis des Herzogtums

Württemberg. An der Spitze der württembergischen

Theologendelegation in

Trient stand damals Brenz.

Kirchliche Neuordnung

durch Brenz

Schon 1551 hatte Brenz mit der zunächst

lateinischen, aber alsbald auch

ins Deutsche übersetzten Explicatio

Erklärung seines Katechismus ein weiteres

theologisches Grundlagenwerk

geschaffen.

Kirchenpolitische Entwicklungen gaben

Christoph die Möglichkeit, das

Interim außer Kraft zu setzen und eine

umfassende kirchliche Neuordnung

durch die „große Kirchenordung“ (siehe

Seite 5) vorzunehmen. Hier wirkte

Brenz auf Veranlassung von Herzog

Christoph verantwortlich mit.

Quelle: Brecht, Martin: Johannes Brenz: Stiftspropst, Prediger, Reformator

Württembergs und Rat Herzog Christophs, in: Württembergische

Kirchengeschichte Online, 2016 | https://www.wkgo.de/cms/article/index/

johannes-brenz-stiftspropst-prediger-reformator-wurttembergs-und-ratherzog-christophs

© Bild Brenz: Gemeinfrei | Johannes Brenz nach einem Holzschnitt eines

Zeitgenossen aus der Werkausgabe des Jahres 1590. In: Jean-Jacques

Boissard / Theodor de Bry: Bibliotheca chalcographica, hoc est Virtute et

eruditione clarorum Virorum Imagines, Clemens Ammon, Heidelberg 1669

Herzog Ulrich war es 1487/1498-1550,

11


Themenheft

Reformation

Mein Theobald

- Wie die Reformation nach Illingen kam

„Mein Theobald“, schrieb Luther, als er

eine Empfehlung für Theobald Diedelhuber

gab. Diedelhuber wurde der erste

reformatorische Pfarrer in Illingen und

wurde 1535 eingesetzt.

Martin Luther empfahl ihn damals dem

bedeutenden württembergischen Reformator

Erhard Schnepf.

Überraschend waren die Erkenntnisse,

die Prof. Dr. Siegfried Hermle in seinem

gut besuchten Vortrag im evangelischen

Gemeindehaus in Illingen im Februar

2017 referierte. „Wie die Reformation

nach Württemberg und nach Illingen

kam“ war sein Thema.

„Es ist sehr selten,“ berichtete Prof. Dr.

Hermle, „dass über die Geschichte eines

Pfarrers in dieser Zeit der Umbrüche

und der neuen glaubensmäßigen

Orientierung so umfassende Daten

vorliegen.“

Prof. Dr. Hermle war so freundlich, für

diesen Artikel einen Auszug aus seinem

Referat zur Verfügung zu stellen.

Wie die Reformation nach Württemberg

und nach Illingen kam

Über den ersten Pfarrstelleninhaber

nach der Reformation sind wir außergewöhnlich

gut unterrichtet.

12

Auch wenn dessen Name und Herkunftsort

in verschiedenen Varianten

auftauchen, so lässt sich doch ein sehr

anschauliches Bild dieses Pfarrers

nachzeichnen.

Nach den Angaben im Pfarrerbuch Herzogtum

Württemberg lautet sein Name

Theobald Diedelhuber. Das Besondere

an ihm ist, dass er aufgrund eines sehr

eindringlichen, wohlwollenden und

überaus persönlich gehaltenen Empfehlungsschreibens

von Martin Luther

persönlich im württembergischen

Pfarrdienst Verwendung fand.

Mein Theobald

Am 15. Mai 1535 richtete Luther an

Schnepf einen Brief, in dem er Diedelhuber

als „meinen Theobald“ bezeichnete.

Das Schreiben gibt einen Hinweis

darauf, dass Diedelhuber wohl schon in

Sachsen als Pfarrer gewirkt hatte und

Nachforschungen Gustav Bosserts

vom Anfang des letzten Jahrhunderts

förderten Erstaunliches zutage: Diedelhuber

war ab 1528 Pfarrer in Machern

bei Leipzig.

Bei der Visitation der Gemeinde wurde

1529 vermerkt:

„Der pfarrer Theobaldus Foster ottingensis,

etwo des ordens Cisterciensium, auch

hernach ein prediger vnder Ferdinando

gewest, ist seiner lere ziemlich bericht“

Wir dürfen uns

durch den Namen

nicht verwirren

lassen, Diedelhuber

wird Foster genannt,

das dürfte

auf den Beruf des

Vaters verweisen,

der demnach Förster

war. Die Ortsbezeichnung

„ottingensis“

verweist auf

Altötting in Oberbayern,

wo Diedelhuber

zur Schule

gegangen sein mochte, denn einem

späteren Schreiben ist zu entnehmen,

dass er aus dem in der Nähe von Altötting

gelegenen Burghausen stammte.

Ein ehemaliger Zisterziensermönch

Zudem erfahren wir, dass Diedelhuber

dem Zisterzienserorden angehört hatte

– leider fehlt jeder Hinweis, in welchem

Kloster er Mönch war. Er muss

die Priesterweihe erhalten haben, da

er zur Zeit des Interims – einer Zeit als

versucht wurde, die Reformation wieder

zurückzudrängen – zwar nicht mehr

predigen, wohl aber die katholischen

Sakramente spenden durfte.

Angeregt durch reformatorische Schriften

hatte der junge Priester das Kloster

verlassen und im Herrschaftsbereich

von Erzherzog Ferdinand, also in Österreich,

als reformatorischer Prediger

gewirkt.

Wann er das Kloster verließ, bleibt im

Dunkeln, doch wann er aus Österreich

floh, lässt sich recht gut erschließen:

Ab 1527 nämlich ging Ferdinand ganz

konsequent gegen Lutheraner und Wiedertäufer

vor und es wird von einigen

Personen – Michael Sattler in Rottenburg

oder Leonhard Kaiser in Schärding

– berichtet, die infolge dieser Verfolgungen

verhaftet und ertränkt bzw.

verbrannt worden waren. Diedelhuber

musste also fliehen.

Da er in seine Heimat Bayern nicht

konnte, da auch dort Verhaftung und

Tod drohten, wandte er sich nach Sachsen

und kam offensichtlich in sehr engen

Kontakt mit Luther. Es ist durchaus

möglich, dass er – wie Bossert vermutete

– im Schwarzen Kloster in Wittenberg

unterkam, bis er ein Amt übernehmen

konnte. Dies war nicht ungewöhnlich,

da Luther immer wieder vertriebene

oder geflohene Theologen wie auch

Studierende im von seiner Frau Katharina

von Bora geführten Haus aufnahm.


Diedelhuber in Wittenberg

Diedelhuber kam also in der 2. Jahreshälfte

1527 nach Wittenberg und wurde

Ende 1527 / Anfang 1528 mit der Versehung

der Pfarrei Machern bei Leipzig

beauftragt. Wann genau lässt sich nicht

erheben. Er scheint sich in Machern gut

eingelebt zu haben, da sich sein Zeugnis

während seiner Tätigkeit verbesserte.

Bei einer ersten Visitation 1529 wurde

ihm beschieden, er führte sein Amt

„ziemlich bericht“ und 1534 bei der

nächsten Visitation lautete das Urteil

auf „wohl bericht“.

Die Notizen über diese zweite Visitation

geben auch einen Hinweis auf eine

mögliche Ursache, weshalb Diedelhuber

Sachsen den Rücken kehrte: Seine Einkünfte

waren sehr bescheiden. Um ihn

zu halten wurde ihm zwar die Abführung

von 11 Groschen an einen Nachbarpfarrer

erlassen und ihm zudem eine

jährliche Aufstockung der Einkünfte um

10 Gulden zugesagt, aber Diedelhuber

wollte weg – auch, so Luther in seinem

Schreiben, wegen des von ungünstigen

feuchten und Nordostwinden stark beherrschten

Klimas in Machern.

Zudem ist in Rechnung zu stellen, dass

Diedelhuber zwischenzeitlich geheiratet

hatte, denn im Evangelischen Stift in Tübingen

wird 1551 ein Israel Diedelhuber

als Student aufgenommen, der in Machern

geboren worden war. Seine erste

Frau hieß im Übrigen mit Vornamen

wohl Dorothea, da er – sichtlich altersverwirrt

– versehentlich im Taufbuch

seiner späteren Pfarrei Baltmannsweiler

einmal diesen Namen als Taufpatin

eintrug, obwohl seine Frau seinerzeit

Gertrud, geborene Singer, hieß. Dieser

zweiten Ehe entstammten mindestens

zwei Töchter: Gertraud und Katharina,

die 1559 und 1564 in Baltmannsweiler

geboren wurden.

Auf dem Weg nach Württemberg

Anfang 1535 machte sich Diedelhuber

auf den Weg nach Württemberg mit

der schon erwähnten wohlwollenden

Empfehlung Luthers im Gepäck. Die

hohe Achtung Luthers kommt nicht

nur in der schon erwähnten Formulierung

„mein Theobald“ zum Ausdruck,

sondern auch dadurch, dass Luther gegenüber

Schnepf ausdrücklich betonte,

dass alles, was er an Diedelhuber tue,

das tue er an Christus selbst.

Auch machte Luther deutlich, dass

Diedelhuber nicht aus unbedachter Änderungssucht

wechseln wolle, vielmehr

sei er ein aufrichtiger und treuer Mann,

ein wahrer Nathanael, also ein wahres

Geschenk Gottes, und ein ausgezeichneter

Israelit.

Abendmahl mit Brot und Wein

Diedelhuber wurde von Schnepf nach

Illingen gesandt und blieb hier acht Jahre.

Seine Wirksamkeit lässt sich nicht

konkret nachzeichnen, doch musste

er die Gemeinde mit den Grundzügen

des neuen Glaubens vertraut gemacht

haben; er hat erklärt, weshalb die Heiligen

nicht mehr verehrt wurden und

weshalb das Messe lesen nicht weiter

praktiziert wird.

Im Zentrum seiner Tätigkeit stand die

Predigt gemäß dem Wort Gottes sowie

das Spenden der Sakramente Abendmahl

– mit Brot und Wein! – und Taufe

sowie natürlich die Kasualien.

1543 bat er „Schnepf um eine andere

Stelle, da ihm in Illingen allerlei unter

die Augen gegangen war, wie Schnepf es

schonend ausdrückte“.

Welche beschwerlichen und belastenden

Dinge er sehen und erleben musste

wird nicht deutlich, doch mag man an

Bettler und Hilfsbedürftige denken, die

angesichts der Lage von Illingen an der

wichtigen Handelsstraße wohl oft am

Pfarrhaus angeklopft haben mögen.

Auch ist denkbar, dass er seine erste

Frau in Illingen verloren hat.

Von Illingen nach Untertürkheim

Diedelhuber erhielt zum 8. März 1543

die Pfarrei Untertürkheim übertragen,

die nicht nur durch eine schöne Lage

und natürlich ausgezeichnete Weine zu

punkten wusste, sondern auch durch

ein höheres Einkommen als Illingen. In

Juni 1549 wechselte er dann nach Baltmannsweiler,

wo er bis zum Eintritt in

den Ruhestand 1575 wirkte.

Seinen Lebensabend verbrachte er mit

seiner Frau Gertraud in Esslingen; dort

starb er am 14. Mai 1577 – seine Frau am

4. April 1591.

Erstaunliche Fakten

Eine ganze Reihe an erstaunlichen Fakten

erzählte Prof. Dr. Hermle:

So war zum Beispiel der vorreformatorische

Pfarrer Hans Rapp beim Baden

in Wildbad. Dort hat er unvorsichtigerweise

reformatorische Äußerungen getätigt,

wurde verpfiffen und denunziert,

verhaftet und in einem Turm festgehalten,

„jedoch auf Fürbitten der verwirkten

Leibesstrafe entledigt und nach

einem Prozess wieder freigelassen“,

dokumentiert am 5. August 1525.

Weiter wird berichtet: „Es habe in Illingen

einen „heimlichen ‚Zusammenschlupf‘

und ‚Synagogen‘ mit Lesen

verbotener Bücher“ gegeben; im benachbarten

Schützingen wurden im

Jahr zuvor sogar vier Bürger verhaftet,

ins Gefängnis gesteckt und in Vaihingen

vor Gericht gestellt.“ Auch dabei ging

es wohl um das Lesen von reformatorischen

Schriften.

Zusammengestellt von

Diakon Thomas Knodel, Bildungsreferent

Prof. Dr. Siegfried Hermle

Bild: Hermle beim Vortrag in Illingen

1955 geboren in Ludwigsburg,

aufgewachsen in Lienzingen.

1976 – 1982 Studium in Tübingen und München.

1994 – 2001 Pfarrer der

Matthäusgemeinde Gerlingen.

Seit 2001 Professor in Köln. Forschungsschwerpunkt

ist die Kirchliche Zeitgeschichte.

Stellvertretender Vorsitzender des Vereins

für Württembergische Kirchengeschichte.

© Bilder Seiten 12 & 13: Thomas Knodel

13


Martin Bucer – Erfinder der Konfirmation

Martin Bucer (andere Schreibweise:

Butzer) suchte den Ausgleich zwischen

Luther und Zwingli und zwischen dem

Kaiser und den Protestanten.

Er ging auf die katholischen Christen

zu und man kann ihm eine ökumenische

Haltung unterstellen. Seine eigene

Glaubenshaltung verband theologische

Erkenntnisse und persönliche Frömmigkeit.

Bucer wurde am 11. November 1491

im elsässischen Schlettstadt (Sélestat)

geboren. Dort besuchte er die Lateinschule

und erhielt eine humanistische

Ausbildung.

Wirtschaftliche Schwierigkeiten der

Familie führen zum Eintritt als 15jähriger

Junge in das Dominikanerkloster

seiner Heimatstadt. Dort

wurde er in der scholastischen

Theologie des Thomas von Aquin

unterrichtet.

1518 Begegnung mit Luther

Leben und Erfolge im Asyl

Zunächst wird er Pfarrer einer Gemeinde

von städtischen Kleinbauern

im Randbezirk, später hat Bucer die

einflussreiche Predigerstelle an der

St. Thomas-Kirche inne. Von hier aus

setzt er sich für die Reformation und

die Einheit der Protestanten ein, vor

allem im Abendmahlstreit - seiner Ansicht

nach ein vollkommen sinnloser

Streit.

Luthers Anhänger haben als Position

die körperliche Präsenz Christi im

Abendmahl, die Anhänger Zwinglis für

eine spirituelle.

Ein Plappermaul?

Bucer ist überzeugt, dass Leib und

Blut Christi im Abendmahl nicht körperlich

in Brot und Wein gegenwärtig

sind. Mal ist er ganz und gar gegen das

Papstamt, mal ist für ihn denkbar, dass

dieses gegebenenfalls weiter bestehen

kann. Zur Verbreitung seiner Thesen

schreibt er Zwiegespräche zwischen

Personen mit unterschiedlichen Haltungen.

Meist haben die Vertreter seiner

Ideen die besten Argumente und

gewinnen.

Luther nennt ihn wohl auch deshalb

ein „Plappermaul“ und meint,

dass man Bucer nicht trauen könne.

Konfirmation dank Bucer

Von seinem Orden wird er nach

der Priesterweihe zu weiteren

Studien bestimmt. Deshalb

lässt er sich 1517 an der Universität

Heidelberg immatrikulieren.

Dort lernt er Martin Luther bei dessen

Disputation 1518 kennen und wird

zu einem Anhänger der Reformation.

Den Ernst der neuen Überzeugung

bekräftigten der mühsam erkämpfte

Austritt aus dem Orden (1521) und

die demonstrative, in absichtlicher

Missachtung seines noch gültigen Zölibatsgelübdes

geschlossene Ehe mit

einer ehemaligen Nonne im Jahr 1522

– noch vor Luther.

Die Bezichtigung der lutherischen

Predigt sowie des politischen Aufruhrs

bringen ihm schließlich die Exkommunikation

durch den Speyerer

Bischof 1523 ein. Bucer muß deshalb

eine nur kurz versehene Pfarrstelle in

Wissembourg aufgeben und geht im

Mai 1523 in Straßburg ins Asyl.

SCHOLASTIK

Denn für ihn sind die großen Gemeinsamkeiten

wichtiger als die vermeintlich

kleineren Unstimmigkeiten.

Bucer steht zwischen den Fronten –

und schwankt maches Mal. Da stehen

einerseits die Wittenberger um Luther,

auf der anderen die Schweizer um Ulrich

Zwingli (1484-1531) sowie Heinrich

Bullinger (1504-1575).

Bucer wirkt darauf hin, dem sich

entwickelnden evangelischen

Kirchenwesen feste Strukturen zu

geben. Dazu gehört auch die Gründung

von Bildungsinstitutionen für

Jugend.

Bucer gilt auch als Erfinder der Konfirmation,

die er 1539 im hessischen

Städtchen Ziegenhain einführt. Dieses

protestantische Familienfest entsteht

aus dem Kompromiss im Streit über

die Säuglingstaufe. Diese bleibt, aber

Heranwachsende sollen nach entsprechendem

Unterricht selbst bestätigen,

dass sie Mitglied der Gemeinde sein

wollen.

Bucer ist im Gespräch mit Gegnern

der Reformation und Widerständlern

innerhalb der reformatorischen Bewegung

um sie zu überzeugen. Er erstellt

theologische und kirchenorganisatorische

Gutachten für benachbarte

Reichsstädte.

Die Scholastik war zur Zeit Bucers das gängige Verfahren zur Klärung wissenschaftlicher Fragen durch theoretische Erwägungen.

Es wird eine Behauptung untersucht, in dem zuerst die für und die gegen sie sprechenden Argumente nacheinander

dargelegt werden. Dann wird eine Entscheidung über ihre Richtigkeit getroffen und begründet. Behauptungen werden

widerlegt, indem sie entweder als unlogisch oder als Ergebnis einer begrifflichen Unklarheit bewiesen werden oder in dem

gezeigt wird, dass sie mit offenkundigen oder bereits bewiesenen Tatsachen unvereinbar sind.

Der heute bekannteste Teil der scholastischen Literatur behandelt theologische Fragen. Die Scholastik befasste sich nicht

nur mit theologische Themen und Zielen, sondern umfasste die Gesamtheit des Wissenschaftsbetriebs.

14


Bucer und Angelikaner

Der geflüchtete, gebannte und verheiratete

Mönch wurde in wenigen Jahren

vom vollkommenen Außenseiter

zum maßgebenden Kirchenmann der

Stadt und im ganzen südwestdeutschen

Raum zu einem gefragten Kirchenorganisator.

Doch Bucer lebt in bewegten Zeiten.

Die Religionsgespräche führen zu keinem

Ergebnis, Kaiser Karl V. siegt im

Schmalkaldischen Krieg, die Zeit des

Interdikts beginnt.

Bucer büßt seinen Rückhalt in Straßburg

ein und wandert nach England

aus. Dort lehrt er in Cambridge, wirbt

für eine kirchliche und gesellschaftliche

Reform und hilft beim Aufbau der

neuen anglikanischen Kirche mit. Das

dort bis heute gültige „Common Prayer

Book“ geht auf ihn zurück.

In England als Ketzer

verachtet, später rehabilitiert

Land, Essen und die Lebensweise bleiben

Bucer fremd, er findet keine neue

Heimat. „Ich befinde mich im Exil, in

meinem Alter, weit weg von meinem

Vaterland, verjagt von meiner so sehr

geliebten Kirche, meiner Schule und

Stadt“, soll er 1549 an Johannes Calvin

(1509 - 1564) geschrieben haben.

Bucer stirbt in dieser Fremde in der

Nacht zum 1. März 1551, wahrscheinlich

an einer schweren Tuberkulose,

59 Jahre alt.

Als die katholische schottische Königin

Mary Stuart den Thron besteigt,

wird sein Leichnahm ausgegraben und

nach einem Ketzerprozess zusammen

mit seinen Büchern verbrannt.

Auf Maria Stuart, die hingerichtet

wird, folgt Elisabeth I.. Sie lässt Bucer

rehabilitieren.

© BIld: Teil von: Boissard, Robert, Icones viros virtute atque eruditione

illustres repraesentantes. IV. Pars, 1599, Frankfurt (Main), bei: Theodor

de Brys Erben; (S.168); [HAB: 20 Geom. Bd 2(2)] Literatur: Mortzfeld A

2976, Singer 10483, Diepenbroick 4008, IFF XVIs. 1, 123

WAS HAT UNS DIE REFORMATION GEBRACHT?

REFORMATION

FREIHEIT

. . .

15


Themenheft

Reformation

DEMOKRATIE

Die evangelischen Kirchen in Deutschland

sind alle demokratisch verfasst. Es

wird keine Entscheidung „von oben“ getroffen,

sondern letztlich immer von den

Gemeinden vor Ort.

Nach einem ähnlichen Prinzip wie die

parlamentarische Demokratie der Bundesrepublik

Deutschland werden Angelegenheiten

auf mehreren Ebenen und

durch mehrere gewählte Parlamente geregelt.

Basisdemokratie

Angefangen beim Kirchengemeinderat

der Ortsgemeinde, in der Bezirkssynode

und der Landessynode und

schließlich der Synode des Zusammenschlusses

der verschiedenen Landeskirchen,

der Evangelischen Kirche

in Deutschland, der EKD. Ab 14 Jahren

kann jeder getaufte und konfirmierte

Evangelische den Kirchengemeinderat

wählen und sich ab 18 Jahren in

diesen wählen lassen.

Strukturen in Württemberg

Unsere evangelische Landeskirche in

Württemberg besteht aus rund 1.300

Kirchengemeinden und rund 100 Gesamtkirchengemeinden.

Diese sind zu 47 Kirchenbezirken zusammengefasst.

Insgesamt gibt es

derzeit 50 Dekanate. Diese wiederum

sind vier Prälaturen zugeordnet: Reutlingen,

Stuttgart, Heilbronn und Ulm.

Eine Besonderheit ist der Kirchenkreis

Stuttgart: Er umfasst vier Dekanate

und bildet für das Stadtgebiet eine

Einheit.

Im Rahmen der Leitung innerhalb der

Landeskirche begleiten, beraten und

„visitieren“ die Prälaten Dekanate und

Kirchenbezirke. Außerdem wirken sie

bei der Besetzung der Gemeindepfarrstellen

mit. Die Prälaten sind Mitglieder

der Kirchenleitung. Dort bringen

sie die Anliegen und Erfahrungen aus

den Gemeinden ein.

Strukturen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Kirchenbezirk als Aufgabenträger

Es gehört zum Wesen der Gemeinde

Jesu Christi, dass sie nicht isoliert

existiert. Die Kirchengemeinden des

Kirchenbezirks bilden den Arbeitsbereich

einer Dekanin oder eines Dekans.

Der Kirchenbezirk ist wie eine

Kirchengemeinde und die Landeskirche

eine Körperschaft des öffentlichen

Rechts, kann also Träger von Einrichtungen

und damit Arbeitgeber sein.

Die Aufgaben auf Bezirksebene haben

in den letzten Jahren an Bedeutung

gewonnen.

Zu ihnen gehören vor allem Jugendarbeit,

Erwachsenenbildung und Diakonie.

Kirchenbezirke sind also nicht nur

reine Verwaltungseinheiten, sondern

Träger von Aufgaben, die einer größeren

Einheit bedürfen.

Die Leitung des Kirchenbezirks liegt

bei der Bezirkssynode, dem Kirchenbezirksausschuss

und der Dekanin

bzw. dem Dekan. Sie wirken mit oder

entscheiden bei Bauaufgaben, Personalstellen,

Verteilung der Finanzmittel

u.a. So ist die Eigenverantwortlichkeit

der Gemeinden eingebunden in die

Gemeinschaftsverantwortung der Kirche.

Der Kirchenbezirk ist Gesprächs- und

Verhandlungspartner für den Landkreis.

Einrichtungen des Kirchenbezirks

unterstützen Gemeinden und

Mitarbeitende bei ihrer Arbeit und

prägen das Bild, das die Evangelische

Kirche in der Region bietet, mit.

WEITERE INFORMATIONEN

Eine ausführliche Darstellung des Kirchenbezirks

Mühlacker, seiner Einrichtungen

und Strukturen findet sich in den Journalen

des Kirchenbezirks:

Kirchenbezirk Mühlacker Konkret Nr 9

Unser Kirchenbezirk Mühlacker:

Für einander nah. Grundlagen-Information

Kirchenbezirk Mühlacker Konkret Nr 8

Unsere Kirche: Wer? Wie? Was?

Diese stehen auf www.kirchenbezirkmuehlacker.de/presse

als PDF bereit oder

können angefordert werden: Mail presse@

kirchenbezirk-muehlacker.de bzw. Tel 0 70

41 - 8 11 18 81.

16


KIRCHENMUSIK

Bedetung der Kirchenmusik und

des Gesangs im Gottesdienst

Wenn man sich bewusst macht, welche

kirchenmusikalischen Weichen in

der Zeit der Reformation gestellt wurden,

dann sind die Auswirkungen auf

die Kirchenmusik nicht nur eines Johann

Sebastian Bachs, sondern auch

bis in unsere Zeit, gewaltig.

Es ist der große und bleibende Verdienst

Luthers, erkannt zu haben,

welch tragende Rolle die Musik zur

Beförderung der Ziele der Reformation

übernehmen konnte. Sie wurde

zur Mittlerin zwischen Kirche und Gesellschaft.

Das Wort allein hatte nicht

die Kraft, in die Köpfe und Herzen der

Menschen zu dringen. Über die Musik

jedoch, speziell das Lied und das

gemeinsame Singen, konnte die Botschaft

weitergetragen und verbreitet

werden.

Luthers Liturgie

• Luthers Liturgie baut auf dem

Alten und Neuen Testament auf.

• Die Psalmen spielen eine kapitale

Bedeutung.

• Der Heiligenkult wird abgeschafft,

der Marienkult aus der Liturgie

ausgeschlossen.

• Deutsch wird Hauptsprache

der Liturgie.

• Die Predigt rückt in das Zentrum

des Gottesdienstes.

• Der Choral wird zum zentralen

Mittel zur Verkündigung der

reformatorischen Botschaft und

zur Beteiligung der Gemeinde.

Umsetzung der Liturgie

in der Kirchenmusik

Musikhistorisch vollzog sich im 16.

Jahrhundert der allmähliche Wandel

von der Polyphonie hin zur Monodie

und Homophonie. Dies war eine Voraussetzung

für die Textverständlichkeit

in der Musik und damit auch für

die Verkündigung der reformatorischen

Idee durch die Musik.

Erste Priorität hatte die Schaffung eines

Grundrepertoires an Chorälen,

z.B. 1524 Johann Walter: geistliches

Gesangbüchlein.

Das Prinzip des Chorals ist seine syllabische

Anlage in schlichter, regelmäßiger

Metrik und dem Anspruch, leicht

im Gedächtnis zu bleiben. Die Choräle

sollen von den Gläubigen leicht auswendig

gelernt werden können, um im

Gottesdienst oder bei der häuslichen

Andacht gesungen zu werden.

Luther selbst betätigte sich als Komponist,

z.B. „Ein feste Burg“ .

Häufig basieren die Choräle auf

Psalmtexten (s. Luther: Ein feste Burg,

Psalm 46). Ebenso bedeutungsvoll

war die Vertonung der Evangelien (s.

Luther: Vom Himmel hoch. Lukas 2),

insbesondere der Passionstexte.

Nach der Reformation nimmt die Musik

in den Kirchen eine bedeutende

Stellung ein. Die Kirchenmusik ab der

Mitte des 16. Jahrhundert wird geprägt

von Persönlichkeiten wie Prätorius,

Schein, Scheidt, Schütz, Hammerschmidt,

bis hin zu Johann Sebastian

Bach.

Musikalische Wirkung bis heute

Bis hin ins 20./21. Jahrhundert hat die

Reformation ihre musikalischen Spuren

hinterlassen:

• Der Choral als musikalische Basis

und Vermächtnis der Reformation

• Vertonungen von Psalmen, Evangelientexten

und Texten des Neuen

Testaments zur Verkündigung

der Botschaft Christi.

• Die Kirchenmusik bzw. der Gemeindegesang

nimmt eine tragende

Funktion innerhalb des Gottesdienstes

ein.

• Die Kirchenmusik als Botschaft,

die die Herzen öffnet und dort

wirkt, wo Worte die Menschen

nicht (mehr) erreichen.

Wenn wir Musik der Reformation so

verstehen, dann fußt all unsere Kirchenmusik

auf den Errungenschaften

der Reformation und ist auch heute

noch reformatorische Musik.

Kirchenmusikdirektorin Erika Budday

| Bezirkskantorin

17


Themenheft

Reformation

FREIHEIT

... im Wissen um die Verantwortung

Freiheit war ein zentraler Begriff der

Reformation Martin Luthers. „Die Reformation

als Ganzes erwies sich in

dreifacher Hinsicht als eine Befreiungsbewegung:

Im Bereich der evangelischen

Kirchen führte die Reformation zu einer

Befreiung von klerikalen Rangordnungen

und Traditionen ohne tragfähige

biblische Legitimation, also zu einer Befreiung

von religiöser Bevormundung.

Auf der Ebene des Individuums führte

die Reformation zur Befreiung des

Gewissens, das aufgrund seiner inneren

Bindung an Gottes Wort in geistlichen

Dingen keinen externen Autoritäten

mehr unterworfen ist. Und im

politisch-sozialen Sinne führte die Reformation

zu Protesten gegen vielerlei

Formen von Ungerechtigkeit und zu

Versuchen der Befreiung von der Leibeigenschaft“

schreibt Dr. Christiane

Kohler-Weiß (S. 10).

Freiheit hat Verantwortung als Grenze

Luther meint damit nicht eine Freiheit

im heutigen Sinne und keinen schrankenlosen

Lebenswandel.

Luther ging es um eine an Gott zurückgebundene

Freiheit: als Freiheit vom

religiösen Leistungszwang, sich sein

Heil bei Gott verdienen zu müssen. Die

eigene Freiheit findet bei Luther ihre

klare Grenze in der Verantwortung für

den Mitmenschen.

„Von der Freiheit eines Christenmenschen“

heißt Luthers Streitschrift von

1520, die der Reformator mit dem berühmten

Doppelsatz einleitete, die untrennbar

verbunden sind:

Ein Christenmensch ist ein

freier Herr über alle Dinge

und niemandem untertan.

Ein Christenmensch ist ein

dienstbarer Knecht aller Dinge

und jedermann untertan.

18

Luthers bahnbrechende Erkenntnis

war es, dass die Menschen sich die

Gnade Gottes nicht verdienen müssen,

zum Beispiel durch gute Werke oder

Ablässe.

Ein Christ, der von Gott angenommen

und damit befreit ist, muss sich nicht

mehr krampfhaft (und letztlich erfolglos)

selbst verwirklichen.

Ein Mensch, der von Sorge um den eigenen

Lebenssinn entlastet ist, kann

sich der Sorgen und Nöte seiner Mitmenschen

annehmen, sich phantasievoll

um sie kümmern, von der Liebe,

die er von Gott erfährt, weitergeben.

Luther fasst es selbst so zusammen:

„Das ist die christliche Freiheit, der

alleinige Glaube, der macht, dass wir

nicht müßig gehen oder Übles tun

wollen, sondern dass wir keines Werks

bedürfen, um Gerechtigkeit und Seligkeit

zu erlangen.“

Ein guter Baum trägt gute Früchte

Freiheit und die daraus resultierende

Verantwortung spielen seitdem im

Protestantismus eine ganz große Rolle.

„Ein guter Baum trägt gute Früchte“

– mit diesem biblischen Satz fasst Luther

die gesamte Ethik zusammen:

Der Baum ist gut, weil er Sonne und

Platz hat, auf festem, gutem Grund

steht und Wasser und Nährstoffe bekommt

– das ist ein Geschenk.

Um gute Früchte hervorzubringen, dafür

braucht er keine Anleitung, keinen

Anreiz und keine Strafandrohung. Das

tut er einfach so, quasi automatisch,

und das ist auch nicht sein Verdienst.

Bewusst handeln, tapfer sündigen

Richtiges Handeln ist kaum allgemeingültig

festzulegen.

Wer beispielsweise sieht, dass sich jemand

von der Klippe stürzen will, der

muss wohl handeln. Was er aber tut

oder sagt, unterlässt oder verschweigt,

das kann dann genau das Falsche sein

und dazu führen, dass der lebensüberdrüssige

Mensch springt.

Hier ist Luthers Rat, notfalls „tapfer zu

sündigen“ („pecca fortiter“), bewusst

zu handeln, um Leben zu retten, auch

wenn dieses Handeln dann nicht zum

Erfolg, sondern ein Fehlschlag wird.

Luther fügt hinzu: „Aber glaube noch

tapferer und freue dich in Christus,

welcher Sieger ist über Sünde, Tod

und Welt“ („sed fortius fide et gaude in

Christo, qui victor est peccati, mortis

et mundi“).

Praktische Folgen

für das kirchliche Leben

Aus Luthers reformatorischem Denken

ergaben sich praktische Folgen

und Neuordnung des kirchlichen Lebens.

In seiner Schrift von 1523 „Daß

Eine christliche Versammlung oder

Gemeinde Recht und Macht habe, alle

Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen,

ein und abzusetzen, Grund und

Ursache aus der Schrift“ begründete er

vom Neuen Testament her sowohl die

Lehrhoheit der Gemeinden als auch

konsequenterweise deren Recht, die

Pfarrstellen zu besetzen:

„[...] Christus [...] nimmt den Bischöfen,

Gelehrten und Konzilien sowohl das

Recht wie die Vollmacht, über die Lehre

zu urteilen, und gibt sie jedermann

und allen Christen insgemein [...]. [...]

Kein Bischof [soll] jemanden einsetzen

ohne Wahl, Willen und Berufen

der Gemeinde, sondern er soll den von

der Gemeinde Erwählten und Berufenen

bestätigen.“


‚Frei sein‘ aber ist das, welches mir freisteht:

ich mag es gebrauchen oder lassen,

doch so, dass meine Brüder

und nicht ich den Nutzen davon haben.

Martin Luther in seinen Invokavitpredigten

gegen die Wittenberger Schwärmer

© Bild: CCO-Domain | vasile_pralea

Nicht-Amtsträger leiten Gemeinde

Mit der Lehre vom „allgemeinen Priestertum

der Gläubigen“ wurde die mittelalterliche

Ständegesellschaft nicht

abgeschafft, aber in ihrer dreigliedrigen

Gestalt (Adel, Kleriker, Bürger und

Bauern) tief erschüttert.

„Man hat’s erfunden, daß Papst, Bischöfe,

Priester und Klostervolk der

geistliche Stand genannt werden,

Fürsten, Herren, Handwerks- und

Ackersleute der weltliche Stand, was

eine gar feine Erdichtung und Heuchelei

ist. Doch soll sich niemand dadurch

einschüchtern lassen, und zwar

aus diesem Grund: Alle Christen sind

wahrhaftig geistlichen Standes, und es

ist zwischen ihnen kein Unterschied

[...] Denn was aus der Taufe gekrochen

ist, das kann sich rühmen, dass es

schon zum Priester, Bischof und Papst

geweiht sei [...].“

Bis heute ist es für evangelisches Kirchentum

üblich und kennzeichnend,

dass etwa Nicht-Amtsträger, normale

Kirchenmitglieder, kirchenleitende

Aufgaben wahrnehmen und sich als

Prädikanten auch aktiv am Predigtdienst

und an der Sakramentsverwaltung

beteiligen.

Freiheitsimpulse bis Heute

Nochmals Christiane Kohler-Weiß (S.

11): „Immerhin kann man sagen, dass

von der reformatorischen Wiederentdeckung

der befreienden Kraft des

Evangeliums Freiheitsimpulse ausgingen,

die unsere Gesellschaft bis heute

prägen. Im Begriff der Freiheit bündelt

sich nicht nur das Selbstverständnis

des Protestantismus, sondern auch

das Selbstverständnis der modernen

Welt und Gesellschaft.

Gerade weil sich das christliche Freiheitsverständnis

vom neuzeitlichen

und vom alltagsweltlichen Freiheitsverständnis

in wesentlichen Punkten

unterscheidet, ist das Thema »Freiheit«

ein interessantes Thema für heutige

Dialoge, innerkirchlich und insbesondere

im Gespräch mit Vertreterinnen

und Vertretern anderer Religionen und

der säkularen Gesellschaft.

Die christlichen Kirchen haben in den

neuzeitlichen Freiheitsdiskurs, der

sich immer wieder an ethischen und

rechtlichen Fragen unseres Zusammenlebens

entzündet, einiges einzubringen:

• Einen klaren Blick für Formen

menschlicher Unfreiheit und Verfehlungen

von Freiheit, die in der

Sprache der Theologie »Sünde«

heißen.

• Ein Bewusstsein für den untrennbaren

Zusammenhang von

Freiheit und Bindung, bzw. von

Selbstbestimmung und Abhängigkeit.

• Die Erinnerung daran, dass äußere

Freiheit nicht von selbst zu

innerer Freiheit führt, sondern

dass diese nach christlichem Verständnis

im Glauben an Jesus

Christus gründet ein Verständnis

von Freiheit, das mit Verantwortung

einhergeht.

• Eine Freiheit, die sich nicht auf

Kosten der Freiheit anderer

durch setzt, sondern sich in den

Dienst für andere stellt.“

Quellen: „Freiheit bei Martin Luther“, Thomas Martin Schneider

http://ekkt.ekir.de/trier/fileadmin/user_upload/gemeinden/trier/

Freiheit_bei_Martin_Luther_-_Schneider.pdf

»... da ist Freiheit« Freiheit als Kernthema der Reformation, S. 10

in: Ideenheft zur Vorbereitung des Jubiläumsjahres | http://www.

reformation-wuerttemberg.de/fileadmin/mediapool/gemeinden/E_

reformation_wuertt/PDFs/2015_10_23_Download_Version_Ideenheft_20_MB.pdf

19


Themenheft

Reformation

ABENDMAHL IN BEIDERLEI GESTALT

Wein & Brot für alle

In allen christlichen Kirchen wird das

Abendmahl gefeiert. Es erinnert an Jesu

letztes Mahl mit seinen Jüngern, bei dem

Brot gegessen und Wein getrunken wurde.

In der katholischen Kirche sind die

Begriffe Eucharistie, heilige Kommunion

und Messopfer in Verwendung.

Das Abendmahl wird in den Kirchen

als Sakrament gefeiert und als Höhepunkt

christlichen Lebens erlebt.

Hier soll sich das zutragen, was Martin

Luther einen „fröhlichen Wechsel“

beschrieb: Gott will uns von dem befreien,

was als belastend erlebt wird:

Einsamkeit und Angst, Schuld und

Hoffnungslosigkeit. Gott will uns das

schenken, was er an Gutem zu geben

hat: Gemeinschaft und Lebensmut,

Vergebung und eine Zukunftsperspektive

über den Tod hinaus.

Unterschiede im

Abendmahlsverständnis

In der römisch-katholischen Kirche ist

das Abendmahl ein fester Bestandteil

des Gottesdienstes.

In der evangelischen Kirche ist es

übliche Praxis, einmal im Monat das

Abendmahl zu feiern.

Das Abendmahl ist ein Sakrament und göttlich

Wortzeichen, worin uns Christus wahrhaftig und

gegenwärtig mit Brot und Wein seinen Leib und

sein Blut schenkt und darreicht, und vergewissert

uns damit, dass wir haben Verzeihung der Sünden

und ein ewiges Leben.

Johannes Brenz | Aus dem Württembergischen Katechismus

Das Abendmahlsverständnis der

evangelischen Kirche hat sich in der

Auseinandersetzung Martin Luthers

mit seiner katholischen Kirche entwickelt.

Luther sprach sich dagegen

aus, das Abendmahl als Opfer zu verstehen

(„Messopfer“), das der Priester

Gott darbringt. Hier handelt Gott am

Menschen und nicht der Mensch vor

Gott. Die Rede von der „Wiederholung

des Kreuzopfers“ hat zum Eindruck

geführt, dass der einmalige Opfertod

Jesu am Kreuz im Gottesdienst regelmäßig

wiederholt werden müsste.

In der römisch-katholischen Kirche

war es bis ins Mittelalter hinein durchgängige

Praxis, dass Priester und Gemeinde

die Kommunion in Brot und

Wein empfingen.

Die Ehrerbietung angesichts der Gegenwart

Christi in Brot und Wein

brachte es mit sich, dass die Kelchkommunion

außer Gebrauch kam. Es

sollte kein Tropfen Wein versehentlich

verschüttet werden.

Das Konzil von Konstanz (1414-18)

vertrat die Ansicht, Christus sei auch

in nur einem der beiden Abendmahlselemente

ganz anwesend.

Dem widersprach Martin Luther zwar

nicht, fand aber, es sei „gottlos und

tyrannisch“ von der Kirche, „den Laien

das Abendmahl in beiderlei Gestalt

zu verwehren, denn Christus selbst

hat geboten: „Trinket alle daraus“ (Mt

26,27).

1521 feierte der Reformator Andreas

Karlstadt in Wittenberg demonstrativ

einen Gottesdienst mit Brot und Wein

für alle.

Bis heute unterscheidet sich die Form

der Feier bei beiden Konfessionen.

Evangelische Christen feiern Abendmahl

mit Kelchkommunion (Gemeinschafts-

oder Einzelkelch), wobei es

seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil

(1962-65) auch in der römisch-katholischen

Kirche erlaubt ist.

20


Ökumenische Gastfreundschaft

Es ist üblich in der evangelischen Kirche,

getaufte Christen anderer Konfessionen

in ökumenischer Gastfreundschaft

einzuladen.

Diese Einladung gilt auch für Kinder.

Was noch vor wenigen Jahren

die Ausnahme in der Evangelischen

Landeskirche in Württemberg war, ist

mittlerweile zur Regel geworden. Wer

getauft ist, gehört zur Kirche. Und wer

zur Kirche gehört, ist eingeladen, das

Abendmahl mitzufeiern.

Das gilt für Groß und Klein und so

hat es die Synode der württembergischen

Landeskirche im Jahr 2000 im

Rahmen einer Neufassung der Abendmahls-

und Konfirmationsordnung

einstimmig beschlossen.

Danach sind auch noch nicht konfirmierte

Kinder und Jugendliche zur

Teilnahme am Abendmahl eingeladen.

Sie sollen ihrem Alter gemäß darauf

vorbereitet werden.

BILDUNG & GLAUBE

„Zwei Begriffe sind es, auf die gleichsam

als das Ziel das ganze Leben ausgerichtet

ist: Frömmigkeit und Bildung“.

Diese Aussage von Philipp Melanchthon,

dem „Schulmeister“ Deutschlands

und Bildungsexperten der Reformation

macht deutlich:

1. Bildung und Glaube gehören

untrennbar zusammen.

Ein gebildeter Glaube kann sagen, woran

er glaubt und reflektieren, was die

Grundlagen des Glaubens sind. Denn

Glaube und Verstand sind keine Gegensätze,

sondern der Glaube sucht

das Verstehen. Die Tradition des Katechismus

für die Familie entwirft einen

spielerischen Zugang zu religiöser Bildung,

der in späterer Zeit leider stark

formalisiert wurde.

2. Bildung und Glaube sind

Auftrag in dieser Welt.

Die Gesellschaft braucht um ihrer

Entwicklung und Ordnung willen

gute Schulen. Dies hat Martin Luther

in einer wichtigen Schrift an die politisch

Verantwortlichen seiner Zeit

klar markiert. Gebildete Verantwortung

für das Gemeinwesen braucht

gebildete Verantwortliche, eine gebildete

Bürgerschaft hilft für ein verantwortungsvolles

Zusammenleben. Die

allgemeine Schulpflicht – für Jungen

und für Mädchen – ist eine wichtige

Errungenschaft der Reformation.

Bildung und Glaube prägen

die Sprache

Martin Luthers Übersetzungen der Bibel

in die deutsche Sprache sowie die

weite Verbreitung reformatorischer

Flugschriften (heute würde man sagen:

Werbeflyer) hat die Herausbildung

einer die bestehenden Dialekte

übergreifenden deutschen Sprache

maßgeblich befördert.

Auch heute finden sich noch zahlreiche

Sprichworte und Redewendungen,

die der Bibelsprache Martin Luthers

zu verdanken sind.

© Bild CCO-Public-Domain / pixabay.de

Martin Luthers Bibelübersetzung war

zwar nicht die erste deutsche Übersetzung

der Bibel, ist aber bis heute

maßgeblich geblieben, auch für die

Sprachbildung der Christenheit.

Die Reformation ist und bleibt bis

heute eine Bildungsbewegung mit

kultureller Prägekraft. Sie hat Spuren

hinterlassen, die bis in die Gegenwart

prägend sind.

Stefan Hermann,

Pädagogisch-Theologisches Zentrum Stuttgart

21


Themenheft

Reformation

Reformation als Bildungsbewegung

- Philipp Melanchthon als Bildungsreformer

Die Reformation war Kirchen- und Bildungsreform

zugleich. Von der Reformation

ging eine europaweite Bildungsreform

aus, deren Wirkung bis in die heutige Zeit

reicht. Schule, d.h. Bildung, soll für alle

zugänglich sein. Dafür hat sich Martin

Luther in seiner Schrift von 1524 ausgesprochen:

„An die Ratsherrn aller Städte

deutsches Lands, dass sie christliche

Schulen aufrichten und halten sollen“,

vehement eingesetzt. Der Weggefährte,

Freund und reformatorische Mitstreiter

Martin Luthers, Philipp Melanchthon,

soll Martin Luther zu dieser Schrift angeregt

haben.

Überhaupt kommt dem Humanisten,

Theologen und Reformator Philipp Melanchthon

hinsichtlich des reformatorischen

Bildungsgedanken und evangelischen

Schulwesens eine zentrale Rolle

zu. Man könnte ihn auch als Vater der

reformatorischen Bildungsbewegung

bezeichnen.

Herkunft und Bildungsweg

Philipp Melanchthon wurde 1497 als

Sohn des Rüstmeisters Georg Schwarzerdt

im Haus seiner Großeltern in Bretten

geboren.

Sein Großvater ermöglichte ihm schon

in früher Kindheit den Unterricht in

Latein. Bereits sehr früh erkannte

man sein Talent für Sprachen. Im

Alter von 11 Jahren besuchte Philipp

Schwarzerdt die Lateinschule

in Pforzheim.

Sein Großonkel, Johannes Reuchlin,

förderte ihn, er war es auch,

der seinen neuen Namen „Melanchthon“

prägte. Der Name Melanchthon

ist die Gräzisierung des

Namens Schwarzerdt (μελάν (melan):

schwarz, χθών (cthon): Erde). Melanchthons

überdurchschnittlich hohe

Auffassungsgabe erleichterte ihm das

Erlernen der alten Sprachen Latein,

22

Griechisch und Hebräisch ungemein.

Die alten Sprachen waren seine Leidenschaft.

Bereits im Alter von knapp zwölf Jahren

studierte Melanchthon in Heidelberg,

wo er nach zwei Jahren den „Baccalaureus

artium“ ablegte (unterster Akademischer

Grad).

Mit 14 Jahren wechselte er an die Universität

Tübingen. Dort studierte er

Astronomie, Musik, Arithmetik und

Geometrie. Neben dem Studium beschäftigte

er sich intensiv mit den alten

Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch,

las Werke antiker Autoren und

befasste sich mit neuen pädagogischen

Konzepten.

Bereits während seines Studiums verfasste

er erste Publikationen. 1514, im

Alter von 17 Jahren, legte Melanchthon

seine Magisterprüfung ab. Vier Jahre

später, im Jahr 1518, trat Melanchthon

den neu errichteten Lehrstuhl für griechische

Literatur an der Universität in

Wittenberg an.

Bereits in seiner Antrittsrede mit dem

Titel: „Über die Umgestaltung des Jugendunterrichts“

äußerte sich Melanchthon

zu der Notwendigkeit einer

Studienreform. In Wittenberg kam es

zur Begegnung mit Martin Luther, unter

dessen Einfluss der reformorientierte

Humanist nebenher noch Theologie

studierte und zum Reformator wurde.

Martin Luther und Melanchthon

verband eine enge Freundschaft, die

bis zu Luthers Tod erhalten blieb.

Bildungsverständnis

Für Melanchthon sind Frömmigkeit

(pietas) und Bildung (eruditio (wörtl.:

Ent-rohung)) die obersten Ziele, auf die

das gesamte Leben auszurichten sind.

Beide unterstützen sich gegenseitig. Indem

das eine Ziel entwickelt wird, wird

das andere mitgefördert.

Damit wendet sich Melanchthon gegen

die Auffassung der Scholastik, die ein

Miteinander von Glauben und Wissen

für ausgeschlossen hält. Bildung ist

für ihn ein menschliches Vorrecht und

entspricht dem Willen Gottes. Glaube

und Bildung schließen sich nicht aus,

Bildung ist sogar notwendig für den

Glauben, da sonst die Gefahr der

Manipulation besteht. Deshalb soll

jedes Kind lesen und schreiben lernen,

um selbst in der Bibel lesen

zu können.

Für Melanchthon ist Bildung

allerdings nicht nur reine Wissensvermittlung,

sondern umfasst

auch Herzens- und Wesensbildung.

Diese umfassende

Bildung setzt sich für ihn aus dem

Studium der alten Sprachen, der

Religion und der Wissenschaft zusammen.

Die Verbindung von weltlichem

Wissen und religiösen Werten

ist dabei von großer Bedeutung, weil

Bildung den Menschen befähigt, mit

© Bild Philipp Melanchthon 1526,

Kupferstich von Albrecht Dürer | Gemeinfrei


Wissen umzugehen und Verantwortung

wahrzunehmen, zum eigenen Wohl und

zum Wohl der Gesellschaft. So schreibt

er in seiner Rede zur Eröffnung des

Nürnberger Gymnasiums im Jahr 1526:

“Wenn auf eure Veranlassung

hin die Jugend gut ausgebildet

ist, wird sie eurer Vaterstadt

als Schutz dienen.

Denn für die Städte sind nicht

die Bollwerke oder

Mauern zuverlässige Schutzwälle,

sondern Bürger, die sich

durch Bildung, Klugheit und

andere gute Eigenschaften

auszeichnen.“

Melanchthons Bildungskonzept

Für die Schulorganisation schlägt Melanchthon

in seiner Schrift mit dem

Originaltitel: „Unterricht der Visitatorn

an die Pfahenym Kurfurstenthum zu

Sachssen“ 1528 ein „Dreihaufensystem“

vor. Dabei sollen die Kinder je

nach ihrem Alter und Lernstand in drei

„Haufen“(Klassen) eingeteilt werden.

Die Kinder des „ersten Haufen“ lernen

lesen und schreiben sowie die Grundlagen

der lateinischen Grammatik und

den Grundwortschatz. Als Leselerntexte

dienen das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis

und verschiedene Gebete.

Sobald der Leselernprozess vorangeschritten

ist, werden die Kinder in die

Grammatik und das Vokabel lernen

eingeführt. Darüber hinaus sollen die

Kinder aber auch zur Musik und zum

Singen angehalten werden.

Kinder, die schon lesen können, besuchen

den „zweiten Haufen“. Dort wird

die Grammatik vertieft, werden leichtere

lateinische Schriften gelesen und

erste Wege zur eigenen sprachlichen

Gestaltung vermittelt. Jeden Tag, in der

ersten Stunde nach Mittag steht Musikunterricht

auf dem Plan. Als Hausaufgabe

sollen die Kinder täglich einen

Satz eines Dichters auswendig lernen.

Ein Tag in der Woche - Mittwoch oder

Samstag - ist für die christliche Unterweisung

der Kinder vorzusehen. Dabei

sollen biblische Bücher gelesen und

grundlegende Texte auswendig gelernt

werden. Melanchthon hält es für

wesentlich, dass die Lerntexte zuvor

vom Lehrer sorgfältig ausgelegt werden,

sodass die Kinder verstehen, was

sie lernen.

Kinder, die die Grammatik „wohl geübt“

haben und als sehr fähig gelten, bilden

den „dritten Haufen“. Dieser beschäftigt

sich mit Metrik, Dialektik und Rhetorik

als Vorbereitung

auf die

Hochschule.

Gemeinsam

mit den anderen

beiden

„Haufen“ sollen

sie nach

Mittag in der

Musik geübt

werden.

Der Wechsel

in den jeweils

nächsten

„Haufen“

orientiert sich

an der Lerngeschwindigkeit

und dem

Lernerfolg

des jeweiligen

Kindes. Man

könnte hier

schon einen

Ansatz individuellen

Lernens

erkennen.

Pädagogische Hauptanliegen Melanchthons

sind die individuelle Betreuung

der Studienanfänger und die Schulung

der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit.

So richtet er in seinem eigenen Haus

die „schola privata“ ein, in der er angehende

Studenten auf die Universität

vorbereitet. Die Förderung der sprachlichen

Ausdruckfähigkeit liegt Melanchthon

besonders am Herzen. Sprachliche

Ausdrucksfähigkeit (eloquentia)

und Urteilskraft durch Klugheit (prudentia)

gehen für ihn Hand in Hand.

Seiner Ansicht nach bewirkt verkommener,

fehlerhafter Sprachgebrauch

ein fehlerhaftes Denken, sprachliche

Sensibilisierung dagegen schärft die

Wahrnehmungsfähigkeit.

© Bild Marktplatz Bretten: Torsten Schleese

Public Domain


Themenheft

Reformation

Die Kenntnis der alten Sprachen ist in

Melanchthons Augen für ein sachgemäßes

Verständnis und Quellenstudium

der antiken Autoren und der Bibel unabdingbar.

Als wichtige Unterrichtsziele benennt

Melanchthon virtus (Tugend), humanitas

(Menschlichkeit) und pietas

(Frömmigkeit). „Tugend“ ist ethisches

Verhalten, das sich an den zehn Geboten

orientiert, „Menschlichkeit“ zeichnet

sich durch Besonnenheit aus, wozu

auch Kommunikations- u. Diskursfähigkeit

gehören. Die „Frömmigkeit“ verbindet

die Menschlichkeit mit Glaube,

Liebe und Hoffnung.

Zu Melanchthons didaktischen

Prinzipien zählen:

• Das Modell-Lernen

Geschichten beinhalten ein großes

Lernpotential, sie dienen als Beispiele

(Modelle) menschlichen Lebens.

• Die Motivation

Aufgabe der Schule ist es, junge

Leute für das Wissen der Zeit und

die Wissenschaften zu begeistern

und sie so zum Lernen zu

motivieren. Melanchthon ist davon

überzeugt, dass jemand nur

dann etwas leisten kann, wenn

ihn die Sache auch interessiert.

• Die Rücksichtnahme auf

die Auffassungsgabe

Die Schüler sollten nicht mit zu

viel Lernstoff auf einmal überfrachtet

werden. Deshalb sollten

z.B. nicht mehrere Sprachen

gleichzeitig unterrichtet werden.

sprachliche und moralpädagogische

Gehalt des Textes. Besonders

die antiken Fabeln hält Melanchthon

für ein gutes, motivierendes

Lehr-und Unterrichtsmaterial;

denn „ …Fabeln ermutigen, erheitern

und belehren jugendliche Gemüter

auf das Glücklichste.“

Melanchthon, der Lehrer Deutschlands

| praeceptor germaniae

Melanchthons Herz schlug für die Lehre

und den Umgang mit der Jugend.

Für die zu vermittelnden religiösen

und weltlichen Lerninhalte passende

Unterrichtsformen zu finden, war ihm

ein Anliegen. Neben seiner Lehrtätigkeit

war er ein sehr gefragter Bildungsberater

und -organisator.

In Nürnberg war er an der Einrichtung

der ersten „oberen“ Gelehrtenschule in

den Mauern des ehemaligen Benediktinerklosterns

St. Egidien maßgeblich beteiligt.

Sie wurde das erste Gymnasium

in Deutschland nach reformatorischem

Bildungsansatz. Weitere insgesamt ca.

50 Schulgründungen folgten, bei denen

Melanchthon als Bildungsorganisator

und -berater beteiligt war. Er verfasste

Schulordnungen und Lehrpläne und

visitierte Schulen.

Für seine Verdienste auf dem Gebiet der

Universitäts- und Schulreform erhielt

er den Ehrentitel „praeceptor germaniae“

(Lehrer Deutschlands).

Philipp Melanchthon war jedoch

nicht nur in Deutschland bekannt. Mit

Theologen und Gelehrten aller Fachrichtungen,

mit humanistisch geprägten

Freunden und Staatsmännern aus

England, Frankreich, Italien, Polen und

Ungarn stand er durch seine Schriften

und Briefe in Verbindung.

Studenten aus fast allen Provinzen

und Königreichen ganz Europas kamen

seinetwegen nach Wittenberg. Mit

Melanchthons Schriften, seinen Ideen

und Ansätzen im Gepäck kehrten sie in

ihre Länder zurück und organisierten

- manchmal per Briefkontakt Melanchthon

zu Rate ziehend - die Reformation

Europas auch hinsichtlich der Bildung.

Insofern könnte Melanchthon nicht

nur als „Lehrer Deutschlands“, sondern

durchaus auch als „Lehrer Europas“ bezeichnet

werden.

Grundstrukturen seiner Schulkonzepte

und didaktischen Prinzipien haben bis

heute noch Gültigkeit.

Melanchthon und Luther

Vom Aussehen und Wesen her waren

Martin Luther und Philipp Melanchthon

sehr gegensätzlich: Martin Luther

von kräftiger Statur, oft impulsiv und

laut, Melanchthon dagegen schmächtig,

sehr feinsinnig, leise, eher zurückhaltend,

vermittelnd und kompromissfähig.

• Die Gründlichkeit

und die Wiederholung

Es kommt nicht auf die Menge der

erarbeiteten Texte an, sondern auf

die Intensität. Der Lernstoff soll lieber

gründlich behandelt und immer

wieder wiederholt werden, um den

Lernerfolg und die Nachhaltigkeit

zu fördern.

• Die Kriterien für die Textauswahl:

Wichtige Kriterien für die Textauswahl

sind für Melanchthon der

24

© Bild: Lucas Cranach (II) - Martin Luther & Philipp Melanchthon.jpg, gemalt 16. Jahrhunder | Public Domain


Für beide war es wohl nicht immer einfach,

mit dem Temperament des anderen

umzugehen, aber jeder wusste um

die Stärken des anderen und schätzte

diese. Martin Luther und Philipp Melanchthon

waren beide auf ihre Weise

Theologe, Lehrer und Erneuerer.

Eine besondere Befähigung Melanchthons

liegt in seiner Begabung zur Vermittlung

zwischen gegensätzlichen Positionen.

Er war immer darauf bedacht

Brücken zu bauen.

Martin Luther schätze Melanchthons

pädagogische und didaktische Fähigkeiten

sehr. Er sagte einmal:

„Wer Philippus nicht als Lehrer anerkennt,

der muss ein rechter Esel und

Bachant sein….“.

Melanchthon besaß die Fähigkeit, die

Grundgedanken der Reformation nach

theologischen und didaktischen Gesichtspunkten

zu strukturieren. Man

nennt ihn deshalb auch den ersten

evangelischen Dogmatiker.

Martin Luther bewunderte Melanchthons

außerordentliche Sprachbegabung

und souveräne Stoffbeherrschung.

Im Beisein von Studenten soll Martin

Luther in Latein auf den Tisch geschrieben

haben:

„Philipp besitzt Sachkenntnis

und findet die richtigen Worte.

Erasmus (von Rotterdam)

kann sich gut ausdrücken,

aber versteht nichts von der

Sache, Luther versteht etwas

von der Sache, kann sich aber

nicht gut ausdrücken …“.

Viele Äußerungen Luthers hat Melanchthon

in eine verständliche Sprache

gebracht und somit den Dialog ermöglicht.

Zur Übersetzung der Bibel holte

sich deshalb Martin Luther die Unterstützung

und Beratung des Sprachengenies

Melanchthon.

Reformatorisches Wirken

Melanchthon schrieb zahlreiche humanistische

Lehrbücher, Lehrpläne

und Schulbücher. Er gab aber auch

theologische Schriften heraus. 1521

verfasste er die „loci communes“, die

erste systematische Zusammenfassung

der evangelischen Lehre. Sein theologisches

Hauptwerk ist die auf dem

Augsburger Reichstag 1530 vorgelegte

„confessio augustana“, die erste grundlegende

Bekenntnisschrift der Reformation.

Weil Luther als Gebannter und

Geächteter nicht verreisen konnte, trat

Melanchthon als Sprecher des Protestantismus

auf, so auf dem Reichstag zu

Augsburg 1530, zu Worms 1540 und zu

Regensburg 1546. Weil er immer mehr

in die kirchlichen, theologischen und

politischen Auseinandersetzungen einbezogen

wurde, konnte er seinen pädagogischen

Neigungen nicht mehr so

nachgehen, wie er es gerne getan hätte.

Nach dem Tod Martin Luthers im Jahre

1546 wird Melanchthon zum Wortführer

der Reformation. Er selbst stirbt im

Jahre 1560 in Wittenberg.

Melanchthon im 21. Jahrhundert?

Melanchthon war ein Universalgenie

und Pädagoge aus Leidenschaft. Es war

sein Grundanliegen, allen Menschen

Bildung nahe zu bringen, und zwar sowohl

weltliche als auch religiöse. Den

Menschen umfassend zu bilden, bedeutete

für Melanchthon nicht nur die

Vermittlung von Wissen, sondern auch

Wesensbildung:

Die Bildung der Menschen zu Personen,

die in Verantwortung vor Gott und

den Mitmenschen leben. Wissens- und

Herzensbildung ist seiner Überzeugung

nach das einzige Mittel gegen Barbarei

und Kriege, denn nur sie fördert eine

zu Kompromiss, Konsens und Toleranz

bereite Einsichtsfähigkeit. Ganzheitliche

Bildung lehrt mit Wissen umzugehen

und es zum Wohl der Menschen

und der Gemeinschaft einzusetzen.

Wenn nur die eigene Leistung und das

eigene Wissen im Vordergrund stehen,

wenn die Fähigkeit fehlt, mit Wissen

verantwortlich umzugehen, kann „bloßes

Wissen“ gefährlich werden.

Melanchthons Forderung nach einer

umfassenden, ganzheitlichen Bildung,

einer Bildung, die neben der Vermittlung

von Kenntnissen, Fertigkeiten und

Fähigkeiten auch Persönlichkeits-, Gewissens-

und Glaubensbildung ist, hat,

besonders mit Blick auf das aktuelle

Weltgeschehen, bis heute nicht an Relevanz

verloren.

Würde Melanchthon in unserer heutigen

Zeit um Rat gefragt, wäre seine

Antwort vermutlich noch immer:

„Investiert in eine umfassende (weltliche

und religiöse) Bildung, achtet auf

Bildungsgerechtigkeit, denn Bildung

ist der Schlüssel zu einem verantwortungsbewussten,

friedvollen Miteinander!“

Gabriele Karle

| Schuldekanin Mühlacker und

Vahingen an der Enz

25


Themenheft

Reformation

BIBEL AUF DEUTSCH

Die Bibel ist eine Übersetzung, was nur

wenigen Menschen bewusst ist. Selbstverständlich

lesen wir die Bibel in unserer

Sprache. Dabei wurde die Bibel in 563

Sprachen übersetzt und ist damit das am

weitesten verbreitete und das am häufigsten

übersetzte Buch der Welt.

Die Lutherbibel wird alle paar Jahrzehnte

von Fachleuten durchgesehen.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

über den griechischen und hebräischen

Grundtext machen dies notwendig.

Zudem verändert sich unsere

deutsche Sprache immerzu – niemand

schreibt oder spricht heute mehr so

wie im 16. Jahrhundert. Begriffe und

Formulierungen, die vor 20 Jahren

geläufig waren, sind zwar noch verständlich,

aber nicht mehr geläufig.

Dazu kommt, dass die Lutherbibel in

der Ausgabe von 1984 uneinheitlich

ist: In der Ausgabe von 1984 wurde

lediglich das Neue Testament überarbeitet,

das Alte Testament ist noch in

seiner Version von 1964 enthalten, die

Apokryphen von 1970.

Auf der Suche nach einer Übersetzung,

die wissenschaftlich präzise und zugleich

sprachlich treffend ist, hat auch

Luther seine Bibelübersetzung immer

wieder geprüft und überarbeitet.

Auf eine sich verändernde Sprache

Rücksicht zu nehmen und den Text

immer wieder am aktuellen Stand der

Forschung auszurichten, entspricht

also den ureigenen Übersetzungsprinzipien

des Reformators.

Die Fachleute orientierten sich an

Luthers „Ausgabe letzter Hand“ von

1545 bei ihrer Übersetzung. Wo der

Reformator seine theologische Überzeugung

mit eigenen und besonderen

Worten ausgedrückt hatte, sollten diese

wieder neu zur Geltung kommen,

selbst wenn dadurch – gemessen am

Wörterbuch – eine „falsche“ Übersetzung

herauskam.

Und unsere Bibel?

Die Bibel ist kein Kunstwerk – auch

wenn sie sprachliche Kunstwerke

fasst. Sie ist das Medium einer Bot-

schaft, die alle Menschen angeht.

Diese Botschaft ist nicht ein zeitloses

Wort das in eine spezifische und bestimmte

Formel gebracht wurde, die

sich problemlos aus der Ursprungssprache

in beliebige andere Sprachen

übertragen und konvertieren lässt.

Die Botschaft erging ursprünglich an

Menschen einer für uns fernen Zeit

und in einer anderen Welt. Die Sprache,

in der dies sich ereignet hat, ist

wie unsere geprägt durch die Lebenssituationen

und Lebenserfahrungen

dieser Menschen.

Unsere Welt und unser Leben ist anders

als damals. „Wer die Bibel übersetzen

– und in einer Übersetzung

lesen – will, muss sich deshalb auf

Sprachformen und Denkweisen einlassen,

die uns fremd sind.

Der historische, soziale und kulturelle

Abstand zwischen der biblischen Welt

und unserer Gegenwart macht das

Übersetzen der Bibel zu einem Wagnis

und einer stets neuen Herausforderung“,

so die Deutsche Bibelgesellschaft

auf www.die-bibel.de.

© Bild: CCO-Domain | congerdesign

26


Mehr als fünf Jahre lang haben rund

70 Theologinnen und Theologen den

Text eingehend geprüft und, wo nötig,

überarbeitet. Das Ziel war es, eine

größere sprachliche Genauigkeit herzustellen

und gleichzeitig der Sprachkraft

Martin Luthers gerecht zu werden.

Dies war das Anliegen der Revison der

Lutherbibel 2017.

Bibel prägt Sprache

Die Lutherbibel hat deutsche Sprache

und Literatur stark geprägt. Wir

„tragen jemanden auf Händen“, hüten

etwas „wie unseren Augapfel“, arbeiten

„im Schweiße unseres Angesichts“

oder rennen von „Pontius zu Pilatus“.

Zahlreiche bekannte Redewendungen

stammen aus der Lutherbibel.

GENAUIGKEIT

Die Treue gegenüber dem Ausgangstext

ist das wesentliche Anliegen der

Revision. Es wurde die gesamte Bibel

anhand der hebräischen und griechischen

Grundtexte durchgesehen.

Unter anderem die Funde in den Höhlen

bei Qumran in Israel haben im 20.

Jahrhundert die Erkenntnisse der biblischen

Textforschung erheblich vorangebracht.

Häufig lässt sich heute die Überlieferung

eines Textes mit größerer Exaktheit

bestimmen. An anderen Stellen

wiederum haben neue wissenschaftliche

Erkenntnisse zu Fortschritten in

der Textauslegung geführt.

Kriterien der Bibelübersetzung

Lutherbibel 1984

Und siehe, da erhob sich ein gewaltiger

Sturm auf dem See, sodass auch das

Boot von Wellen zugedeckt wurde.

Er aber schlief.

Lutherbibel 2017

Und siehe, da war ein großes Beben

im Meer, sodass das Boot von den

Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief.

Bibelübersetzungen:

Wortlaut oder Verständlichkeit?

Die Bandbreite der Bibelübersetzungen

hat zwei Pole:

Bei der Übersetzung kann das zentrale

Anliegen sein, den Wortlaut der fremden

Sprache in der eigenen möglichst

genau nachzubilden – um den Preis,

dass dieser Wortlaut zunächst wie eine

Fremdsprache klingt.

Oder die Übersetzung kann versuchen,

den Sinn des fremdsprachlichen

Textes „mit eigenen Worten“, frei und

unmittelbar verständlich wiederzugeben

– um den Preis, dass die Lesenden

dem Übersetzenden vertrauen müssen,

da sie diese Arbeit in der Regel

nicht selbst überprüfen können. Hier

hilft es, zwei unterschiedliche Übersetzung

en zu nutzen – die Vorteile im

Verstehen werden mehr, die Nachteile

der jeweiligen Übersetzung ausgeglichen.

Neben den eigentlichen Bibeltexten

wurden auch alle Begleittexte und Informationen

gründlich überprüft und

überarbeitet. Dazu gehören die verschiedenen

Zwischenüberschriften,

die Sacherklärungen, die Landkarten

und angegebenen Parallelstellen.

VERSTÄNDLICHKEIT

Sprache entwickelt sich fortlaufend.

Im Lauf der letzten Jahrzehnte haben

sich Begriffe in ihrer Bedeutung verändert

oder verschwanden aus dem allgemeinen

Wortschatz.

Missverständliche und unverständliche

Begriffe der Fassung von 1984 wurden

für die Lutherbibel 2017 behutsam

angepasst.

LUTHERSPRACHE

Nach den Versuchen im 20. Jahrhundert,

die Bibel nach Martin Luther zu

modernisieren, ist es ein Anliegen der

Revision 2017, das Profil der Lutherbibel

wieder zu schärfen.

Damals vorgenommene sprachliche

Modernisierungen wurden zurückgenommen,

um die kernige Sprache des

Reformators wieder erklingen zu lassen.

Lutherbibel 1984

Da ihr aber die Geburt so schwer wurde,

sprach die Wehmutter zu ihr: Fürchte

dich nicht, denn auch diesmal wirst du

einen Sohn haben.

Lutherbibel 2017

Da ihr aber die Geburt so schwer wurde,

sprach die Hebamme zu ihr: Fürchte

dich nicht, denn auch diesmal wirst du

einen Sohn haben.

Lutherbibel 1984

Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes

reden, die ihr böse seid? Wes das Herz

voll ist, des geht der Mund über.

Lutherbibel 2017

Ihr Otterngezücht, wie könnt ihr Gutes

reden, die ihr böse seid? Wes das Herz

voll ist, des geht der Mund über.

27


Themenheft

Reformation

Stichwort Frauenordination

Schreiben Sie mal was

zur Frauenordination

Ein Artikel zur Frauenordination im Reformationsjahr

soll es werden. Klar, als

Frau sollte ich mich da ja auskennen. Ich

grabe in meinem Hirn. Seit wann gibt es

die überhaupt? Es kommt keine Antwort

aus den Tiefen meines Gedächtnisses.

Also mache ich mich auf die Suche.

Frauenordination - seit wann?

Ich bin Jahrgang 1981, für mich ist es

völlig normal, dass Frauen ordiniert

und als Pfarrerinnen tätig sind. Ich

kenne es nicht anders als mit Kolleginnen

zu arbeiten, meine Tochter ist von

einer Pfarrerin getauft.

Allerdings - ich erinnere mich noch

gut, dass meine Oma in den 90er Jahren

des letzten Jahrtausends mal etwas

erstaunt-despektierlich erzählte:

„Wir haben jetzt eine Pfarrerin bei uns

in der Gemeinde.“ Mit einer kleinen

Pause vor dem Wort „Pfarrerin“. Bei

ihr war es wohl noch nicht völlig normal.

Also suche ich weiter.

28

Was sagt die Bibel dazu?

In meinem Kopf tauchen Geschichten

und Zitate aus der Bibel auf, die etwas

mit Frauen zu tun haben und ich stolpere,

wie so oft, über „die Frau schweige

in der Gemeinde.“ (1. Kor 14,33).

Irgendwie hatte ich mir immer vorgestellt,

dass da Jüngerinnen hinter

Jesus durch Galiläa zogen und sich

staubige Sandalen und blutige Nasen

holten in seiner Nachfolge.

Und ich schweige ja in meiner Gemeinde

auch nicht. Das wäre ja noch

schöner. Und bei Paulus sind die weiblichen

Mitarbeiterinnen in der Gemeinde

ja auch überliefert, Priska, Lydia,

Junia und wie sie nicht alle heißen.

Was mich schließlich mit meiner Bibel

in dieser Sache auch wieder versöhnt

ist Galater 3,28: „Hier ist nicht Jude

noch Grieche, hier ist nicht Sklave

noch Freier, hier ist nicht Mann noch

Frau; denn ihr seid allesamt einer in

Christus Jesus.“

Genau so ist es, denke ich, und deshalb

stehe ich jeden Sonntag auf der

Kanzel, weil es eigentlich nicht wichtig

ist, ob man dort oben Mann oder Frau

ist, sondern was man sagt und wie

man Gottes Wort auslegt. Und seine

Hilfe und Gnade brauchen wir unter

und auf der Kanzel eh alle.

Argula von Grumbach

Zurück zu den Frauen, rufe ich mich

zur Ordnung, und mir fällt Argula von

Grumbach wieder ein.

Mit großem Interesse hatten die Damen

im Seniorentreff ihrer Biographie

gelauscht. Adelig geboren, katholisch

verheiratet, evangelisch gesinnt. 1523

hatte sie mit ihren Schriften eine so

große Auflage wie sonst nur Luther in

dieser Zeit. Ab 1524 verschwindet sie

wieder in der Namenlosigkeit und einer

unglücklichen katholischen Ehe.

Das klassische Schicksal einer Frau

dieser Zeit? Ich weiß nicht.

Sie hatte früh eine deutsche Bibel,

um darin zu lesen und kannte sie gut.

Dann hatte sie durch Luthers Lehre

vom Priestertum aller Gläubigen für

sich beschlossen, dass es rechtens ist,

wenn sie als Frau und theologische

Laiin die Bibel auslegt und dies auch

öffentlich tut.

Eine mutige Frau, deren Schicksal

mich jedes Mal berührt.


Und mir wird jedes Mal so anschaulich,

wie Menschen sich diesem neuen

evangelischen Selbst-Verständnis

ausgesetzt haben und es für sich angenommen

haben.

Frauen wie Argula von Grumbach

müssen ja damals zu sich gesagt haben:

„Es ist nicht Gottgegeben, dass

nur Männer die Bibel auslegen. Ich

kann das auch. Und ich darf das auch.“

Und dann taten sie das auch. Mit allen

Konsequenzen, die es für sie haben

konnte. Und von so arg vielen Frauen

wissen wir aus dieser Zeit auch nicht.

Keine Predigerin aus der Zeit zwischen

der Reformation und dem 20. Jahrhundert

fällt mir ein, aber mein Gehirn

wollte heute ja auch schon anderes

nicht ausspucken.

Irgendwann aber muss es doch für

Frauen möglich geworden sein ordinierte

Pfarrerin zu werden und nicht

immer nur als zwar geschätzte aber

unbezahlte Pfarrfrau in der Gemeinde

tätig zu sein.

Dienst der Theologin und der Dienst

des Theologen sind gleichwertig

Ich schaue mein Bücherregal an, doch

auch das gibt von sich aus nichts preis.

Also gebe ich auf und frage das Internet.

Die EKD gibt gerne Auskunft: „In

den 50er und zu Beginn der 60er Jahre

wurde in den meisten Gliedkirchen

der EKD die Frauenordination eingeführt.“

Aha, denke ich. Und Württemberg?

Hier werde ich beim Rückblick

des Theologinnenkonvents fündig:

„1968 November: Landessynode beschließt

Frauenordination“ und: „Der

Dienst der Theologin und der Dienst

des Theologen sind gleichwertig“.

Ich lerne, dass es nach dem 2. Weltkrieg

Überlegungen gab ein „Amt

der Theologin“ einzuführen und eine

Dienstbeauftragung nur für Frauen

zu formulieren. Es fanden sich aber

nicht genug biblische Begründungen,

die eine solche Einführung möglich

machten und gegen die Ordination

und das Pfarramt für Frauen sprachen.

Also werden in Württemberg nun

Frauen ordiniert. Und eigentlich weltweit

- außer in Lettland, das 2016 im

Kirchengesetz verankert hat, dass nur

Männer ordiniert werden dürfen - und

der katholischen Kirche.

Vielleicht wird daran schlussendlich

deutlich, was die Reformation in Sachen

Frauenordination auf den Weg

gebracht hat: „Hier ist nicht Mann

noch Frau; denn ihr seid allesamt einer

in Christus Jesus.“

Pfarrerin Angela Hahnfeldt

| Freudenstein & Hohenklingen

© Bild: Angela Hahnfeldt

29


Themenheft

Reformation

Zuerst der Mensch

Diakonie und Reformation

Schon im 1. Jahrhundert war die Zuwendung

zu den Schwachen und

Randständigen ein Markenzeichen

der christlichen Gemeinde.

Das beruhte im Wesentlichen auf der

praktischen Auswirkung von zwei

theologischen Grundsätzen:

Zum einen war es das Gebot der

Nächstenliebe in der Predigt Jesu,

das auf Vorbilder u.a. der jüdischen

Weisheit und Prophetie zurückgeht.

Zum andern war es die Auffassung

dass die christliche Botschaft alle

meint, sich Christen deshalb auch

den „Heiden“ zuwendeten.

Daraus resultierte eine fast grenzenlose

Offenheit der christlichen

Gemeinde für alle. Das machte das

Christentum für viele, die in der damaligen

Mehrheitsgesellschaft aus

wirtschaftlichen oder anderen Gründen

nur eine schwache Stellung hatten,

besonders Frauen und freigelassene

Sklaven und Sklavinnen, höchst

attraktiv.

Einheit von Gottesdienst, Fürsorge

und Seelsorge

Ein wichtiges Beispiel waren die

Agapen, gemeinsame Mahlzeiten vor

oder nach den Gottesdiensten. Hier

kamen Menschen verschiedenster

sozialer Schichten zusammen und

pflegten christliche Gemeinschaft.

Dabei ergab sich die Möglichkeit die

Nöte der Einzelnen wahrzunehmen

und Abhilfe zu schaffen.

Es gab ein Einheit zwischen Gottesdienst,

Fürsorge und Seelsorge.

30

Dieses Grundverständnis, ‚wir helfen

einander in der christlichen Gemeinschaft‘,

hatte sich in den Jahrhunderten

bis in die Zeit der Reformation

stark verändert.

Almosengeben für die Armen ist nun

zum Mittel zum Heil geworden. Es

muss Arme geben, damit die Besitzenden

sich ihr Heil kaufen können,

könnte man überspitzt sagen.

Mit der reformatorschen Erkenntnis,

dass der Mensch sich nicht durch

seine (guten) Werke Heil erkaufen

kann, sondern das Gottes Gnade ein

unverdientes Geschenk ist, hat sich

auch die Sicht auf die Armut und die

Armen verändert.

Jeder Mensch ist würdig vor Gott

Deshalb soll ihm geholfen werden.

Zur Würde gehört, dass jeder Verantwortung

trägt, für sich selbst, aber

auch für andere.

Der Glaube bringt

den Menschen zu Gott,

die Liebe bringt ihn

zu den Menschen.

Martin Luther

Luthers Vision war, dass Gemeinden

wieder Orte werden in denen Gottesdienst

und Fürsorge füreinander

zu einer lebendigen diakonischen

Gemeinschaft führt.

Es geht um wechselseitiges Anteilnehmen

und Miteinanderteilen des

Lebens.

Zuerst der Mensch!

Wir leben heute in einer ganz anderen

Zeit, trotzdem haben sich die

Fragestellungen kaum verändert.

Wir leben in einer Wohlstandsgesellschaft,

die sich provokant gesagt,

Armut leistet. Den Wohlstand teilen,

womöglich noch mit Fremden aus

anderen Ländern und Kulturen, das

ist eine Herausforderung, für unsere

Kirche und unsere Gesellschaft.

Es gilt den reformatorischen Impuls

aufzunehmen und und ihn neu zu beleben.

Heute sagt die Diakonie:

Zuerst der Mensch! Ohne Ansehen

der Person. Hilfe zum Leben ist notwendig.

Gleichzeitig kann Diakonie

ihrem Auftrag nur gerecht werden,

wenn sie wahrhaft Wesensäußerung

unserer Kirche ist.

Daran arbeiten wir im Kirchenbezirk.

Dafür gibt es in jeder Gemeinde Diakoniebeauftragte.

Pfarrerin Sabine Leibbrandt

| Bezirksdiakoniepfarrerin

© Bild: Sabine Leibbrandt


Ausstellung

Evangelische Schlosskirche im Alten Schloss

Schillerplatz 6, 70173 Stuttgart

8. APRIL – 10. JUNI 2017

Dienstag – Samstag: 14 – 18 Uhr

(Karfreitag geschlossen)

Eintritt frei

Eröffnung mit Landesbischof Dr. h.c. July

Freitag, 7. April 2017, 17 Uhr

FÜHRUNGEN

für Gruppen (bis 20 Personen)

nach Voranmeldung: 50 €

Ausstellungskatalog: 8 €

KONTAKT

E-Mail: Archiv@elk-wue.de

Telefon: 0711/2149-212

www.lutherkommt-ausstellung.de

Bildnachweis: Württ. Landesbibliothek; Roman Eisele; Landeskirchliches Archiv Stuttgart | Gestaltung: www.emde-gestaltung.de

LUTHER KOMMT

Berührungen, Wirkungen und Bilder

NACH WÜRTTEMBERG

ein Ausstellung von

8. April – 10. Juni 2017

Ausstellung in der

Schlosskirche Stuttgart

„Luther kommt nach Württemberg“

© Landeskirchlichen Archiv Stuttgart / Evangelische Landeskirche in Württemberg

Mit einer Ausstellung feiert die evangelische

Landeskirche in Württemberg das

500. Reformationsjubiläum 2017.

Gleich vorneweg: Persönlich kam Martin

Luther nie ins Land. Seine reformatorischen

Entdeckungen verbreiteten

sich jedoch auch im Süden des Reiches

sehr wirkungsvoll.

Auf den Wegen neu entstandener Kommunikationsmittel

wurde Luther bekannt

und um seine Ideen sammelten

sich interessierte Kreise.

Schon früh wurden seine Schüler gehört,

seine Schriften gelesen und auch

seine kraftvollen und inhaltsreichen

Lieder gesungen. Auf diese Weise kam

Luther doch nach Württemberg.

Die Ausstellung geht diesen Spuren

nach, zeigt Relikte der Berührungen

und erzählt ihre Geschichten an einem

besonderen Ort: Die Stuttgarter

Schlosskirche war der erste neugebaute

evangelische Kirchenraum in Württemberg.

Die Wirkungen sind folgenreich:

Württemberg wird lutherisch, wenn

auch in eigener Weise. Dieses Bewusstsein

prägte Land und Leute,

und besonders bei Jubiläen knüpfte

man daran immer wieder an.

Jede Zeit machte sich ihr eigenes Bild

von Luther, gebrauchte und missbrauchte

ihn, um Eigenes ins Licht

zu rücken. Bilder spielen daher in der

Ausstellung eine wesentliche Rolle –

Bildnisse aus württembergischen Kirchen

wie auch Vorstellungen, die bis

heute wirken.

31


Themenheft

Reformation

Evangelisch oder protestantisch

Wie hast Du’s mit der Konfession?

Status confessionis

Hand aufs Herz: Was sind Sie eigentlich?

Evangelisch oder protestantisch?

Sind Sie katholisch, orthodox, freikirchlich

oder …? Welchen Ausdruck wählen

Sie, um Ihre konfessionelle Identität

auszudrücken? Sie gehören keiner Konfession

[mehr] an? Die Frage betrifft Sie

trotzdem, denn konfessionell bedingte

Prägungen in Arbeitsmoral, Sprachduktus

und Gemütsdisposition wirken über

den Kirchenaustritt und Generationen

hinweg.

Der 31. Oktober 2016 als Auftakt des

Festjahres „500 Jahre Reformation“

in 2017 bietet einen guten An lass, den

Bezeichnungen „protestantisch“ und

„evangelisch“ aktuell nachzuspüren.

Eine Sensibilisierung für „evangelisch“

und/oder „protestantisch“ lohnt sich

und ist mehr als bloße Haarspalterei.

Evangelisch oder protestantisch, die

Frage ist nicht neu und hatte durchaus

das Zeug zum Politikum. 1821 ordnete

der preußische König Friedrich Wilhelm

III. für die von ihm geförderten

Kirchengemeinden an:

„Die Benennung: Protestanten, protestantische

Religion für die Bekenner

und das Bekenntnis der evangeli schen

Lehre ist mir stets anstößig gewesen;

sie gehört der Zeit an, in welcher sie

aufkam. Das Evangelische Glaubensbekenntnis

gründet sich lediglich auf

die heilige Schrift, der Name muss

also davon ausgehen. Im gemeinen

Leben lässt sich eine altgewordene

Benennung schwerer vertilgen, im

Geschäftsstil aber, bei der Zensur von

Druckschriften und der öffentlichen

Blätter soll darauf gehalten werden,

die Benennung evange lisch statt protestantisch,

Evangelische statt Protestanten

zu gebrauchen, weil eben

dadurch der alte, unpas sende

Name nach und nach verschwinden

wird.“

32

© Bild: CCO-Domain | Openclipart-Vectors


Friedrich Wilhelm III. bewies ein gutes

Gespür für die Beharrlichkeit von

Sprachregelungen. Auch heute noch

kommen ‚im gemeinen Leben‘ beide

Ausdrücke vor. Gleiches gilt allerdings

für den ‚Geschäftsstil‘, für ‚Druckschriftenund

öffentliche Blätter‘.

„Evangelisch“ und „protestantisch“

können, – auch laut Duden,- synonym

genutzt werden.

Dem Volk aufs Maul schauen!

„Evangelische Kirche in Deutschland

(EKD)“ heißt es und die meisten

Landeskirchen und einige Freikir

chen folgen dieser Diktion.

Zum Evangelischen Gesangbuch gesellt

sich das Evangelische Gottesdienst

buch.

‚Chrismon‘ und ‚Zeitzeichen‘ erklären

sich im Untertitel als evangelische

Magazine, wir haben einen ‚epd‘ und

keinen ‚ppd‘. (Anmerkung der Redaktion:

epd = Evangelischer Pressedienst )

Es gibt evangelische Krankenhäuser

und Kindergärten. An Schulen wird

Evangelische Religionslehre erteilt

und ein aktuelles Buch untersucht

„Das evangelische Pfarrhaus“.

Das Adjektiv „protestantisch“ findet

sich seltener als „evangelisch“, dafür

wird das Nomen „Protestantis mus“

häufig genutzt. Friedrich Wilhelm

Graf untersucht wissenschaftlich dessen

Geschichte und Gegenwart und

Friedrich Schorlemmer postuliert in

einem ‚großen Buch des Denkens und

Glaubens‘ „Was protestan tisch ist“.

Es klingt konfessorisch, wenn Heiner

Geißler aktuell zum 31.10.2016 titelt

„Jeder gute Katholik ist auch protestantisch“

oder wenn der Astrophysiker

und Fernsehmoderator Harald

Lesch formuliert: „Ich bin von Scheitel

bis Sohle Protestant“. Lassen sich

gemeinsame Merkmale der Phänome

feststellen, die heute jeweils mit

„evangelisch“ oder „pro testantisch“

bezeichnet werden? Sie könnten mit

der Entstehungsgeschichte der Begriffe

zusammenhän gen.

Wes Geistes Kind?

„Evangelisch“ leitet sich von Evangelium

ab, der ‚guten Botschaft‘ Jesu

Christi. Sprachgeschichtlich lässt sich

der Ausdruck im Bereich der Theologie

ab dem 11. Jahrhundert nachweisen.

Martin Luther nimmt ihn im Sinne von

‚bibelorientiert‘ auf und er wird weniger

von Luther als von anderen Flugschriftenautoren

sei ner Zeit bald auch

als durchaus streitbarer Name für die

eigenen Reihen genutzt. ‚Evangelisch‘

profiliert sich also aus der Begründung

und Herleitung der reformatorischen

Bewegung, steht für das, was im

späte ren Verlauf der Reformation in

das Schlagwort ‚sola scriptura‘ (‚allein

die Schrift‘, d.i. die Bibel) gefasst wird.

Evangelisch als Selbstbezeichnung ist

in dieser Linie eine schlüssige Konsequenz.

Der Begriff „protestantisch“ kommt

aus dem juristisch-politischen Bereich

und hängt an der ‚Protestatio‘

der reformatorischen Bewegung auf

dem Speyrer Reichstag von 1529. Die

der reformatorischen Bewegung zugehörigen

Reichsstände erhoben formal

Protest gegen die Bestätigung des

Wormser Edikts, das Martin Luther

und seine Anhänger unter die Reichsacht

stellte und ihnen jegliche publizistische

Tätigkeit verbot.

33


Themenheft

Reformation

„Protestantisch“ entsteht als Bezeichnung

einer religiösen und politischen

Interessengemeinschaft. Es könn te

also sein dass der Begriff auch heute

eher für Äußerungen der Kirchen

‚nach außen‘ genutzt wird.

So einfach ist es leider nicht: Auf der

Steuerkarte, die der Zuordnung zu einer

gesellschaftlichen Gruppe und

nicht dem persönlichen Glaubenszeugnis

dient, ist „evangelisch“ einzutragen.

Es gibt das „Handbuch der

Evangelischen Ethik“ und eine „Protestantische

Predigtlehre“. Spätestens

im europäischen Horizont (und

auch global) taucht „protestant/e“ als

Selbstbezeichnung von Kirchen der

Reformation prominent auf.

Evangelisch oder protestantisch?

Vielleicht passt es zu den Christen, die

zu Kirchen der Reformation gehören,

dass sie sich als Einzige immer wieder

zwischen zwei Begriffen für ihre Konfession

entscheiden müssen.

Die Freiheit und die Qual der Wahl

entsprechen dem Ansatz Martin Luthers

und anderer ReformatorInnen,

dass der/die Einzelne sich mit seinem/

ihrem Gott, mit dessen Zuspruch und

Anspruch auseinandersetzen und für

sein Sprechen und Han deln eine persönliche

Entscheidung treffen muss.

Im Sinne der Begriffe selbst müsste

dabei die Lust an der Varianz im fröhlichen

Freiraum eigener Grenzen gegenüber

der Last korrekter Begriffswahl

deutlich über wiegen.

Letztlich sind beide Begriffe innig und

untrennbar verbunden. In pro-testieren

steckt bei genauer Betrach tung

gar kein ‚gegen‘, sondern ein ‚pro‘, ein

‚für‘. Das französische Verb pro-tester

bedeutet Zeugnis für et was abzulegen,

im geschilderten Fall für Jesus

Christus und sein Evangelium. In diesem

Sinne sind alle, die sich zu Jesus

Christus bekennen, protestantisch und

evangelisch zugleich, welcher Konfession

auch immer sie angehören.

STICHWORT LUTHERISCH

„Zum ersten bitte ich, man wolle meines Namens schweigen

und sich nicht ‚lutherisch‘, sondern ‚Christ‘ nennen.

Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein,

ebenso bin ich auch für niemand gekreuzigt.

Paulus (1. Kor. 3, 4 f.) wollte nicht leiden, daß die Christen

sich paulisch oder petrisch, sondern Christen sollten (sie

sich) nennen.

Wie käme denn ich armer, stinkender Madensack dazu,

daß man die Kinder Christi mit meinem heillosen Namen

benennen sollte?

Nicht so, liebe Freunde, laßt uns die Parteinamen tilgen

und uns Christen nennen, (nach dem,)

dessen Lehre wir haben.“

Martin Luther, Eine treue Vermahnung an alle Christen,

sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung, 1522

Dr. theol. Wibke Janssen

(1965) ist Pfarrerin der Evangelischen Kirche im Rheinland und tätig

an der Erz bischöflichen Liebfrauenschule in Bonn (Religionsunterricht,

Gottesdienste, Schulseelsorge) sowie Lehrbe auftragte an der

Evangelischen Fachhochschule in Bochum.

Erstveröffentlichung auf kreuz-und-quer.de | Internetblog zum

politischen Handeln aus christlicher Verantwortung

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Stellenveränderungen

im Kirchenbezirk Mühlacker

Neu im Kirchenbezirk

Seit 01. März Pfarrerin Susanne Conza, Lomersheim

Nicht mehr im Kirchenbezirk

31. Dezember 2016 Dekan Ulf van Luijk, Mühlacker

31. Dezember 2016, Susanne Mauch-Fritz, Diakonische Bezirksstelle

Thesen

IMPRESSUM Publikation Kirchenbezirk Mühlacker Konkret | ISSN 2192-8231 | AUSGABE 1/2017, Nr. 14 | AUFLAGE 1.000 Exemplare | ERSCHEINUNGSWEISE derzeit jährlich |

HERAUSGEBER Evangelischer Kirchenbezirk Mühlacker, Körperschaft öffentlichen Rechts, vertretendurch Pfarrer Ernst-Dietrich Egerer, Dekanstellvertrerter | REDAKTION &

LAYOUT Medienarbeit und Medienbildung des Kirchenbezirk Mühlacker, Diakon Michael Gutekunst, MSc | TEXTE Siehe Autorennamen. Nicht namentlich gekennzeichnete

Texte verantwortet die Redaktion | KONTAKT Medienarbeit und Medienbildung Kirchenbezirk Mühlacker, Industriestraße 76, 75417 Mühlacker, Tel 0 70 41 - 37 84,

Fax 0 70 41 - 37 37, Mail presse@kirchenbezirk-muehlacker.de, Web kirchenbezirk-muehlacker.de/presse | VISDP Diakon Michael Gutekunst | BILDNACHWEIS siehe Bild

| PAPIER Gedruckt auf PEFC-Papier aus nachhaltiger Waldbewirtschaftung.

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