thema 1/17

Ingenieurkammer.Bau.NRW

Klar ist, dass es bei Partizipation immer um die Verteilung, Umverteilung, Erlangung oder Erweiterung von Macht geht. Der amerikanische Gemeindepsychologe Julian Rapport hat dazu das Konzept des Empowerments entwickelt. Es geht von einer homogenen Gruppe von Menschen aus, die durch genau das charakterisiert ist, was ihr fehlt: Macht. Bei uns können Partizipationswilige heute in erfreulich vielfältiger Weise Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Sie können zum Beispiel wählen gehen, einer Partei beitreten oder eine eigene gründen und zivil ungehorsam sein – also streiken, demonstrieren, boykottieren.
Das ist das, was wir alle kennen. Aber es gibt längst viel mehr Formen der Teilhabe - informelle, temporäre, universitäre und und und. Lassen Sie sich überraschen: Die neue Zeitung der Kammer „thema“ 1/17 hat für Sie die ein oder andere Idee - mal kürzer, mal länger - dargestellt.

Ingenieurkammer-Bau

Nordrhein-Westfalen

Zeitung der

Ingenieurkammer-Bau NRW

thema:

1.17

BETEILIGUNG

Thema will ein Reflektions-und Inspirationsmedium sein. Wir begeben uns damit

bewusst ein wenig weg vom Ingenieurwesen, wechseln munter Kontexte und

schlagen Bögen zu gesellschaftsbildenden Bereichen wie Wissenschaft und Kunst.

In Samuel Johnsons „Dictionary

of the English Language“ von 1756

steht unter „Participation“:

„The state of sharing something

in common.“

Wie ist die Beteiligungslage heute?

Und wer teilt was mit wem?

Die Polis und der Bürger

Wer „Beteiligung“ oder „Partizipation“ verstehen will, muss auf die alten

Griechen schauen, speziell auf Aristoteles und seine Idee der „Polis“, des Gemeinwesens.

Die Polis ist für Aristoteles der Zusammenschluss natürlich

wachsender Gemeinschaften (Familie – Hausgemeinschaft – Dorf – Polis)

und hat ein Ziel: Glückseligkeit für alle. Dabei bestimmen die Bürger über das

Schicksal des Staates, indem sie das Zusammenleben aller vernünftig organisieren.

Klingt toll. Interessant ist allerdings, was unter „vernünftiger Organisation

des Zusammenlebens“ verstanden wird. Denn schon bei Aristoteles

steckt dahinter die Idee der Arbeitsteilung. Für den griechischen Gesellschaftsdenker

existiert von Natur aus Herrschendes und Beherrschtes – und

herrschend sind die, die vorausschauen können, also vor allem „freie Männer“.

Sie sind es deshalb auch, die die Staatsangelegenheiten bestimmen und dabei

nicht mit den Mühseligkeiten und Nervenaufreibungen alltäglicher Arbeit

belastet werden sollen. Die lästigen, schweren Alltagsgeschäfte sollen gefälligst

andere erledigen: vor allem Frauen als Haushaltsexpertinnen, Sklaven

als Ackerbauern und Handwerker, die Aristoteles „Banausen“ nennt.

Teilhaben.

Teilnehmen.

Teil sein?

Dass es welche gibt, die von der Mitbestimmung ausgeschlossen sind, hat

also Tradition. Im Laufe der Geschichte wechseln die Unbeteiligten und Unterprivilegierten

zwar die Namen – heißen statt Sklaven Lohnarbeiter und

statt Barbaren Asylanten –, das fundamentale Gerechtigkeitsproblem aber


1.2017 thema: Beteiligung

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

WICHTIGE QUELLEN UND LINKS

Bazon Brock, Peter Sloterdijk (Hrsg.):

Der Profibürger. Handreichungen für

die Ausbildung von Diplom-Bürgern,

Diplom-Patienten, Diplom-Konsumen

ten, Diplom-Rezipienten und

Diplom-Gläubigen. Wilhelm Fink

Verlag, 2011

Ulrich Bröckling, Susanne Krasmann,

Thomas Lemke (Hrsg.): Glossar der

Gegenwart. Edition Suhrkamp, 2004

Brand Eins 02/17, Schwerpunkt

Marketing

www.bpb.de

www.hfg-karlsruhe.de

www.wikipedia.de

bleibt: Es gibt Menschen, die an der Macht partizipieren wollen – und das

nicht dürfen. Die Geschichte zeigt aber auch: Wenn Partizipationswillige an

Beteiligung gehindert werden, geht das meist nicht lange gut. Irgendwann

entlädt sich der soziale Ungerechtigkeitsdruck.

Beteiligung hier und heute

Klar ist, dass es bei Partizipation immer um die Verteilung, Umverteilung,

Erlangung oder Erweiterung von Macht geht. Der amerikanische Gemeindepsychologe

Julian Rappaport hat dazu das Konzept des Empowerments entwickelt.

Es geht von einer homogenen Gruppe von Menschen aus, die durch

genau das charakterisiert ist, was ihr fehlt: Macht. Es sind die Machtlosen.

Die Einflussarmen. Die Habenichtse. Aus dieser Diagnose folgt die Therapie:

Ihre Machtpotenziale müssen gesteigert werden. Sie müssen „ermächtigt“

werden. Oder sich selbst ermächtigen. Denn je mächtiger sie sich fühlen,

desto weniger Probleme werden sie haben und machen.

Bei uns können Partizipationswillige heute in erfreulich vielfältiger Weise

Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Sie können zum Beispiel

wählen gehen, einer Partei beitreten oder eine eigene gründen und zivil ungehorsam

sein – also streiken, demonstrieren, boykottieren.

Und mittlerweile können sie sich auch digital selbst ermächtigen, denn das

Internet macht ja elektronische Partizipation möglich: die Einbeziehung

Vieler in Beteiligungsprozesse, die weder zeitlich noch örtlich gebunden

sind. Und bei allem, was man kritisch, nervig oder sogar gefährlich an „sozialen

Medien“ wie Facebook, Instagram, Tumblr, Pinterest finden kann, ist

doch eins unstrittig: Sie haben ganz neue Möglichkeiten der Selbstermächtigung

eröffnet. Man verlinkt sich binnen Sekunden mit anderen Blogs und

Plattformen (und den Menschen, die dahinterstecken) – und erweitert idealerweise

seinen Einflussbereich.

Als die Bemächtigungs- und Kommunikationsplattform der Stunde gilt

Twitter. Privatpersonen, aber zunehmend auch Organisationen, Unternehmen,

Massenmedien und Präsidenten nutzen es, um mit kurzen Textnachrichten

Aspekte des eigenen Lebens darzustellen. Auffälligerweise wird vor

allem Twitter allerdings zunehmend als Marketing-, Manipulations- und

Machtinstrument für gezielte und spontane Follower-Kampagnen genutzt.

Dabei scheint asoziales Verhalten in sozialen Medien mittlerweile das sozial

Positive zu überdrücken. Es wimmelt nicht nur, aber auch bei Twitter von

extremen Meinungen, Beleidigungen, Übertreibungen, dubiosen Verlautbarungen

aller Art.

Der Mensch als politisches, soziales Wesen

Eine Partizipations-Idee der etwas anderen, analogen, akademisch-nischigen

Art hatte die Hochschule für Gestaltung Karlsruhe: In sogenannten

Bürgerseminaren konnte man sich an der Hochschule zum Diplom-Bürger,

Diplom-Gläubigen, Diplom-Konsumenten, Diplom-Patienten und Diplom-

Rezipienten ausbilden lassen. Die Initiatoren, u. a. die Philosophie- und

Ästhetik-Professoren Bazon Brock und Peter Sloterdijk, wollten Bürgern

Wissen in aktuellen Spezialdisziplinen wie Gesundheit, Glaube und Konsum

vermitteln. Sie wollten den Bildungsbürgerbegriff vitalisieren – denn

sie halten Bildung für gut und wichtig für eine gesunde Polis. Und sie verkündeten

als Ziel von Bildung generell: das Vermögen, sich neugierig, nachdenklich,

lern- und hilfsbereit, solidarisch, politisch und kritisch zu anderen

Menschen und deren Lebens- und Arbeitswelt zu verhalten.

An den Menschen als soziales, politisches, bildungsbereites Wesen richtet

sich auch die Ingenieurkammer-Bau NRW mit ihrem Projekt „Stadtteilhabe“.

Es ist ein Bürgerprojekt für engagierte Kinder, Jugendliche und

Erwachsene bis ins Seniorenalter, das zusammen mit der Stadt Essen, der

Bürgerschaft Kupferdreh und mit Unterstützung der Initiative Bigwam

lebendig wird: Rund um zwei Straßenkreuzungen (eine im Süden Essens,

eine im Essener Norden) entwickeln Experten (Ingenieure), Stadtgesellschaft

und Entscheider gemeinsam und auf Augenhöhe neue Planungsideen.

Die Bürgerinnen und Bürger erfahren dabei Neues über Arbeitsfelder,

Arbeitsweisen und Leistungen von Raum- und Verkehrsplanern.

Experten und Entscheider erfahren viel über Nutzer- und Bedürfniswissen

der Bürgerinnen und Bürger. Die Menschen teilen bei diesem Experiment

Wissen, Ideen und Aktivitäten. Medien können prozessbegleitend berichten,

nicht erst über die Ergebnisse.

Mitmachen kann jeder, der wissen möchte, wie (Stadt-)Planung eigentlich

funktioniert, und der Lust hat, die (Stadt-)Planung vor der Haustür persönlich,

direkt und aktiv zu beeinflussen. Teilhaben, teilnehmen, Teil sein.


1.2017 thema: Beteiligung

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Andrea Wilbertz im Gespräch mit Prof. Dr. rer. medic. Herbert Hockauf, dem Geschäftsführer

des „Institute for Public Health and Healthcare“ an der Steinbeis-Hochschule in Essen-Kupferdreh.

Über Idee und Umsetzung der Patientenhochschule.

„Patienten-Empowerment

– das ist die Macht

des Patienten, sich

den Arzt zum Partner zu

machen“

Was ist die Idee hinter der Patientenhochschule, wer ist da beteiligt? Erzählen Sie mal.

Prof. Hockauf: Das ist eigentlich ganz einfach und klingt vielleicht erst einmal sogar banal: Teilhabe

am Leben ist die Idee. Dahinter steckt der Leitgedanke, dass Menschen darüber Bescheid wissen

sollten, was sie selbst betrifft. Schon vor 40 Jahren, als ich noch als Krankenpfleger gearbeitet habe,

ist mir aufgefallen, dass Patienten oft über sich, über ihre Krankheit und was mit ihnen passiert

nicht Bescheid wissen. Das ist aber wichtig, um über sich selbst bestimmen und selbst Einfluss nehmen

zu können. So ist die Idee entstanden, interessierten Menschen das notwendige Wissen zu vermitteln.

Im Gespräch mit Partnern von den Katholischen Kliniken Essen haben wir dann beschlossen,

das Projekt „Patientenhochschule“ gemeinsam anzugehen.

Welche Zielsetzung genau verfolgt die Patientenhochschule?

Prof. Hockauf: Wir möchten das Bestreben der Menschen zur Mündigkeit fördern. Mit der Patientenhochschule

haben wir eine Form gefunden, wie wir jeden interessierten Menschen auf hohem

Niveau – wissenschaftlich korrekt, aber verständlich – über die unterschiedlichsten Themen zur Gesundheit

informieren können. Unsere Dozenten bereiten ihre Themen allgemeinverständlich auf,

ohne zu simplifizieren. So möchten wir Menschen zum einen in die Lage versetzen, das Geschehen

um sich selbst, um die Krankheit, um notwendige Behandlungen und Medikationen zu verstehen.

Zum anderen sollen sie aber auch beim Arzt, bei Versicherungen, Pflegeeinrichtungen etc. die richtigen

Fragen stellen und eigene Rechte einfordern können. Kurz, sie sollen für sich gute Entscheidungen

treffen können.

Was macht für Sie die Mündigkeit aus? Warum sind mündige Patienten wichtig?

Prof. Hockauf: Wenn das Wissen über mich selbst fehlt, habe ich keine Möglichkeit der

Selbstbestimmung. Mündigkeit aber bedeutet, Entscheidungen für mich selbst zu treffen

und sie in eigener Verantwortung zu leben. Und so auch Dinge, die mein Leben betreffen,

für mich positiv zu verändern. Deshalb sind mündige Patienten so wichtig. Patienten,

die sich die Verantwortung für ihre Genesung nicht vom Arzt abnehmen lassen.

Standbild aus dem Video „Vorstellung der Patientenhochschule des KKE“

Was genau verstehen Sie unter „Patienten-Empowerment“?

Prof. Hockauf: Das ist die Macht des Patienten, sich den Arzt zum Partner zu machen.

Wir möchten mit der Patientenhochschule auch das Bewusstsein stärken, dass Ärzte

Dienstleister am Patienten sind. Patienten sollten noch viel häufiger eine umfassende

Sichtweise und eine partnerschaftliche Grundhaltung bei Ärzten einfordern.

Was ist die Motivation der Ärzte und der anderen Dozenten, mitzumachen und dieses

„Patienten-Empowerment“ zu stärken?

Prof. Hockauf: Dazu eines erst einmal vorweg: Alle Ärzte und Dozenten halten ihre

Vorträge ehrenamtlich, völlig unentgeltlich in ihrer Freizeit. Insgesamt wird die Patientenhochschule

von uns völlig unabhängig geführt. Unseren Dozenten ist es ein Anliegen,

so viele mündige Patienten wie möglich auszubilden. Mündige Patienten haben

oft eine höhere Compliance-Bereitschaft. Unsere Ärzte sind alle sehr patientenorientiert

und haben verstanden, dass es nicht sinnvoll ist, den Patienten aus seiner Eigenverantwortung

zu entlassen.


1.2017 thema: Beteiligung

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Ist es nicht nervig für Ärzte, wenn Patienten immer mehr wissen und immer mehr Fragen stellen?

Prof. Hockauf: Ärzte müssen lernen, dass sie Dienstleister sind. Sie müssen verstehen, was Patienten

verstehen müssen. Und dann zahlt es sich auch für Ärzte aus, wenn Patienten mit fundiertem Wissen

in die Sprechstunde kommen. Dann kann sich ein gutes und partnerschaftliches Patienten-

Arzt-Gespräch und eine hohe Compliance-Fähigkeit entwickeln. Mit dem Wissen aus Google-Foren

gelingt das eher nicht.

Für wen genau ist die Patientenhochschule da und wie funktioniert sie?

Prof. Hockauf: Unsere Patientenhochschule ist für jeden Interessierten, also nicht nur für Patienten,

gegründet worden. Sie ist kostenlos und somit auch für jeden zugänglich. Wir haben vier Module

entwickelt, in denen Vorlesungen gehalten werden, medizinische Themen, Patientenrecht, Ernährung

etc. Aus allen Modulen müssen die Studierenden Vorlesungen besuchen. Der Besuch

wird mit Stempel quittiert. Wenn alle notwendigen Module besucht wurden,

müssen die Studierenden eine Prüfung ablegen, um das Zertifikat „Mündiger Patient“

zu erhalten. Die Prüfung war die Idee unserer Studentenvertretung, die dies eingefordert

hat, und unsere Studierenden nehmen es auch sehr ernst. Dabei ganz am Rande:

Die Prüfungsergebnisse – Erfolg oder Misserfolg – sind nicht altersabhängig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Vertiefung: www.literarischeunternehmungen.de

www.thereader.org.uk

Geteiltes

Lesen

Keine Sorge, ist nichts Elitäres

„Shared Reading“ ist kein elitärer Literaturkreis und auch keine

anstrengende Therapiemaßnahme. Es funktioniert informell,

ungezwungen, ohne Vorbereitung zuhause, ohne Kauf

von Begleitmaterial, nämlich so: Die Teilnehmer einer Shared-

Reading-Gruppe treffen sich regelmäßig und lesen zusammen.

Sie werden dabei angeleitet von einem „Facilitator“,

einem Literatur-Vermittler, der den Text mitbringt und austeilt:

Gelesen wird gemeinsam, laut und langsam.

Was dann geschieht, ist faszinierend simpel: Die Teilnehmer

reagieren spontan auf den Text, sprechen über ihre Gedanken

und Gefühle, tauschen sich aus, teilen sich mit.

In Kürze: Eine Gruppe von Menschen. Literatur wird laut gelesen.

Die Menschen teilen sich mit.

You never read alone

Erfunden wurde „Shared Reading“ in Liverpool, in den späten

1990ern. Jane Davis, eine passionierte Literaturliebende, war in

der Erwachsenenbildung tätig, gab Kurse und brachte irgendwann,

um mal etwas Neues zu probieren, zu jeder Sitzung eine

Kurzgeschichte mit und las sie vor oder ließ vorlesen und dann

darüber sprechen. Dann erweiterte sie den Lese- und Lernraum,

setzte sich auch mal in die Foyers der von ihr frequentierten

Gemeindezentren – und fragte jeden, der vorbeikam,

ob er nicht mitlesen wolle. Das sprach sich herum, allmählich

ließen sich immer mehr Menschen inspirieren. Shared Reading

war geboren und wurde Davis’ Lebensprojekt.

Geteiltes Lesen macht zwei große Versprechen:

1. Es bildet.

Es hilft beim Erreichen von hehren Bildungszielen wie: Aufgeschlossenheit

(andere Leser, andere Überzeugungen), Urteilsund

Kritikfähigkeit (Umgang mit Unstimmigkeiten), Achtung

vor Individualität (verschiedene Perspektiven auf eine Geschichte)

und natürlich: Anteilnahme.

2. Es macht gesund.

Es kann Depression und Einsamkeit lindern. Mit Körper und

Geist passiert etwas, wenn man in der Gruppe liest und vorgelesen

bekommt. Man hört zu, dockt an, fühlt sich ein, ist nicht

allein. Und es fühlt sich einfach gut an, in fremde Welten entführt

zu werden. Alles spirituelle Spinnerei? Eher nicht. Denn

„Shared Reading“ wird u. a. von der britischen Gesundheitsbehörde

gefördert.

Das gute Grundgefühl

Im Kern geht es um das Gefühl der Zugehörigkeit. Teilnehmer

von Shared-Reading-Gruppen sind sich einig: Wer zu einer

Gruppe gehört, spürt eine permanente Selbstverpflichtung

zum Dabeiseinwollen. Ich will unbedingt auch am nächsten

Treffen teilnehmen. Ich will die fremden Texte verstehen. Ich

habe neue Gedanken und Emotionen und will mich damit auseinandersetzen.


1.2017 thema: Beteiligung

Die Kunst der

Beteiligung

Drei Künstler, die auf unterschiedliche und erfolgreiche

Weise andere in ihr Wirken einbeziehen.

1. Hans Ulrich Obrist beteiligt Künstler

Um was geht’s?

Der einflussreiche Kurator und Super-Brückenbauer Hans

Ulrich Obrist möchte, dass die Handschrift nicht in Vergessenheit

gerät. Dazu initiiert er eine Instagram-Aktion: „The

handwriting project“. Er publiziert in kurzen Abständen Posts

mit knackigen, handschriftlich verfassten Statements.

Wer beteiligt sich?

Künstler, Schriftsteller, Architekten aus aller Welt, z. B. Marina

Abramovic, Hanne Darboven, Olafur Eliasson, Ai Weiwei,

Yoko Ono, John Baldessari oder Gilbert & George.

Was ist dabei herausgekommen?

Eine interessante artistische Verknüpfung von digital (Instagram)

und analog (Handschrift), von Netz und Person.

Ein Versuch, das mögliche Verschwinden der Handschrift im

digitalen Zeitalter stärker oder überhaupt erst ins Bewusstsein

zu rücken.

2. Marina Abramovic beteiligt Museumsbesucher

Um was geht’s?

Marina Abramovic, weltberühmte Performance-Künstlerin,

erlebt im Museum of Modern Art (MoMA) eine Retrospektive

und den Höhepunkt ihrer Karriere. Im Rahmen einer Jubiläums-Performance,

betitelt mit „The artist is present“, sitzt sie

ingesamt 90 Tage ohne Pause, ohne zu essen, zu trinken, zu

sprechen auf einem Holzstuhl. Museumsbesucher können ihr

gegenüber auf einem Stuhl Platz und mit ihr Kontakt aufnehmen.

Allerdings nur über Blicke.

Wer beteiligt sich?

Insgesamt 750.000 Besucher kommen zur Retrospektive, einige

warten stundenlang, bis sie der Künstlerin in die Augen

schauen dürfen. Die, die es schaffen, sind meist erst skeptisch,

viele fangen aber bald an zu weinen oder berichten später davon,

Gefühle wie Angst, Glück, Trauer, Hoffnung in extremer

Intensität erlebt zu haben. Gleichgültig bleibt niemand.

Marina Abramovic ist die ganz Zeit stoisch, nur einmal verliert

sie kurz die Fassung: Als ihr Ex-Lebens- und Kunstpartner

Ulay – den sie jahrelang nicht gesehen hat – ihr gegenüber

Platz nimmt, kann sie nicht reglos bleiben und ergreift seine

Hände.

Was ist dabei herausgekommen?

Ein Spiel mit Empathie und dem Aushalten von Gefühlen.

Ein Kunstwerk, bei dem das Publikum ein entscheidender

Teil ist.

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

3. Rimini Protokoll beteiligt „Experten des Alltags“

Um was geht’s?

Helgard Kim Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel bilden ein

Autoren-Regie-Team, nennen sich Rimini Protokoll und arbeiten

vor allem fürs Theater. Sie sind bekannt für ihre dokumentarischen

Inszenierungen und für außergewöhnliche

Spielorte. Das Markenzeichen ihrer Arbeit aber: Nicht professionelle

Schauspieler sind die Stars, sondern Experten des Alltags.

„Echte Menschen“, die direkt aus ihrem Alltag auf die

Bühne geholt werden. Die Darsteller spielen keine Dramen-

Texte, sondern sich selbst – auf Basis ihrer Biografien und

Berufe.

Wer ist beteiligt?

Experten des Alltags eben. Also, je nach Stück bzw. Projekt:

alte Damen um die achtzig, Teenager, arbeitslose Fluglotsen,

gescheiterte Bürgermeisterkandidaten, Vietnamsoldaten, Waffenhändler,

Trauerredner, bulgarische Fernfahrer, indische Call-

Center-Mitarbeiter, Rechtsanwälte.

Was ist dabei herausgekommen?

Faszinierende Inszenierungen, die nicht durch schauspielerische

Brillanz überzeugen, eher durch eine ganz spezielle,

ruppige Art von Echtheit.

Neue, ungewohnte Perspektiven auf unsere „Wirklichkeiten“ –

und aufs Schauspielen. Ein Theater der Beteiligung.

Antoine de Saint-Exupéry

„Mensch sein heißt


1.2017 thema: Beteiligung

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

verantwortlich sein.“

Jón Gnarr wird 1967 in Reykjavik als Sohn eines Polizeibeamten geboren, ist ein frühreifes,

renitentes Kind, wird Punk, Taxifahrer, Schauspieler, Comedian und schließlich

zum sensationell erfolgreichen Politiker. Bei der Kommunalwahl 2010 gewinnt seine

„Bes te Partei“, Gnarr wird regierender Bürgermeister der isländischen Hauptstadt und

macht es sich zur Aufgabe, gesellschaftlich etwas zu verändern, ohne sich untreu zu werden.

Er setzt ganz auf Einmischung und Beteiligung.

Misch. Dich. Ein.

Der Anfang: Politik ist doof

Politik findet Gnarr lange doof und nervig. Als die sogenannte Finanzkrise Island schwer

beutelt, wird allzu deutlich, was ihm und vielen anderen Isländern fehlt: neue Wörter,

neue Begriffe, neue Werte und unverbrauchte Gesichter in der Politik. Gnarr gründet,

halb im Witz (aber eben nur halb), die „Beste Partei“. Er will Politik interessanter und

spannender machen, um ein breiteres Spektrum an Menschen anzulocken: Wissenschaftler,

Künstler, ganz normale Leute. Schüchterne, Übergewichtige, Stotterer, Behinderte,

Punks, Bäcker, Handwerker – und vor allem junge Leute.

Alles geht schnell, wild und improvisiert vor sich. Gnarr lässt die „Beste Partei“ als gemeinnützigen

Verein eintragen und entwickelt ein Parteiprogramm von entwaffnend

schlichter Schönheit: Das Programm besteht aus den Highlights aller anderen Parteiprogramme,

es ist ein „Best of “ der Konzepte, für die die skandinavischen Sozialstaaten berühmt

geworden sind.

Partizipationsvollgas geben

Für Gnarr ist die Politik der Zukunft die Lokalpolitik. Er ist überzeugt: Wer es ernst meint

mit der Demokratie und wirksam sein will, muss bei sich, in seinem Umfeld anfangen, in

der Schule oder Uni, am Arbeitsplatz, im Stadtteil.

Nach seinem Wahlerfolg legt Gnarr – zusammen mit den Bürgern von Reykjavik – Fahrradwege an, organisiert

Fördermittel für soziale Projekte, gründet eine Ideenbank und ein Nachhaltigkeitszentrum als

Forum, in dem Bürger Zukunftsideen zur Diskussion stellen können. Und er macht vor, wie digitale

Demokratie funktioniert, weil er es als seine Überaufgabe versteht, junge Leute darin zu bestärken, sich

überall einzumischen, wo ihnen etwas ungerecht, falsch oder sinnlos vorkommt. Gnarr führt also Direktwahlen

zu Bauprojekten und Sanierungsarbeiten in einzelnen Stadtteilen ein – die ersten digital

durchgeführten Bürgerentscheide, ein Musterprojekt „partizipativer Haushaltsführung“.

Schlüsselkompetenz Humor

Gnarr kann, was wenige können: in die demokratische Tiefe gehen und dabei lustig sein. Er ist überzeugt,

dass Menschlichkeit und Humor zu anerkannten Schlüsselkompetenzen werden und allmählich

die Politik und alle anderen Lebensbereiche erobern. Wie diese beiden Auszüge aus Strategiepapieren

der „Besten Partei“ belegen:

· Aus dem Wahlprogramm, Punkt 13: „Wir nehmen auch Frauen und alte Leute ernst.“

· Aus dem Moralkodex: „Wir diskriminieren niemanden, nicht mal die dämlichsten Volltrottel.“

Input

Jón Gnarr: „Hören Sie gut zu und wiederholen Sie! Wie ich einmal Bürgermeister von Reykjavik

wurde und die Welt veränderte.“ Stuttgart, Tropen Verlag, 2014


1.2017 thema: Beteiligung

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Ohne Ingenieurinnen und Ingenieure im Bau- und Vermessungswesen

gäbe es keine Messehallen, keine Häuser, keine Brücken,

keine Bahnstrecken, keine Kläran lagen, keine Deiche, keine Flughäfen

und keine Ampeln. Ingenieurinnen und Ingenieure

haben überall ihr Gehirn und ihre Hände im Spiel. Sie gestalten

wesent liche Bereiche des Lebens.

Die Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen (IK-Bau NRW)

unterstützt ihre Mitglieder umfassend. Sie fördert den Ingenieurnachwuchs.

Sie sorgt für Qualität. Sie schärft das Bewusstsein für

hochwertiges Bauen. Und einiges mehr.

Drei Kammern in einer

Die IK-Bau NRW ist das Dach für mittlerweile mehr als 10.000 Beratende Ingenieure, sonstige Beratende

Ingenieure, Öffentlich bestellte Vermessungsingenieure, selbstständig oder gewerblich tätige,

angestellte oder beamtete Ingenieure im Bau- und Vermessungswesen. Sie übernimmt für ihre Mitglieder

u. a. Aufgaben wie diese:

Als Aufsichtskammer verleiht und schützt sie konsequent die Berufsbezeichnung „Beratender Ingenieur“,

anerkennt staatlich anerkannte Sachverständige und ist ermächtigt, Sachverständige öffentlich zu

bestellen und zu vereidigen.

Als Dienstleistungskammer übernimmt sie für Mitglieder die rechtliche Erstberatung in allen Fragen

der Berufsausübung und im Rahmen von Vergabeverfahren; außerdem vertritt sie die Interessen der

Mitglieder, z. B. gegenüber den Institutionen des Landes NRW.

Als Kammer für Baukultur fördert sie das Qualitäts- und Verantwortungsbewusstsein der Mitglieder,

indem sie ihre Berufsausübung überwacht und sie verpflichtet, sich regelmäßig fort- und weiterzubilden.

Ohne

Ingenieurinnen und

Ingenieure

läuft, geht und steht

gar nichts

Alles Gute für den Ingenieur

Die Kammer tut auch ganz pragmatisch Gutes für ihre Mitglieder: Sie trägt z. B. ihren Teil dazu bei, sie

durch eine zusätzliche Altersversorgung sozial abzusichern. Und sie sorgt für eine prägnante, interessante

Darstellung des Inge nieurberufs in der Öffentlichkeit. Sie macht öffentlich klar, wie faszinierend

und wichtig Ingenieurleistungen sind.

Einladung zur Horizonterweiterung

Seit 1995 gehört die Ingenieurakademie West e. V. als Fortbildungswerk zur IK-Bau NRW. Sie ist der

Ort für fachliche wie persönliche Horizonterweiterung. Hier bilden sich Mitglieder (aber auch andere

interessierte Ingenieure) regelmäßig fort und weiter. Das Akademieangebot umfasst jährlich mehr als

160 Lehrgänge, Seminare und Veranstaltungen zu unterschiedlichsten baupraktischen und baurechtlichen

Themen (von der Energieeinsparverordnung über Kosten- und Leistungsrechnung im Ingenieurbüro

bis zur Rhetorik erfolgreicher Verhandlungsführung). Außer dem veranstaltet die Ingenieurakademie

regelmäßig Tagungen, um die Wissensvermittlung und den Gedankenaustausch unter

den am Bau Beteiligten zu fördern. In der Akademie sind alle richtig, die sich im Bauwesen stärker,

weiter und tiefer qualifizieren möchten.


1.2017 thema: Beteiligung

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen

Essen-Kupferdreh

Essen-Bergeborbeck

„Stadtteilhabe“ ist unser Engagement zur „Grünen Hauptstadt Europas 2017“ in Essen

„Für uns Ingenieurinnen und Ingenieure ist es immer aufregend, wenn wir moderne, zukunftsweisende

Projekte gestalten können. Umso spannender ist es, wenn wir in ganz neuen Projekten, die auch

ein wenig Experimentcharakter haben, die politische und sozialwissenschaftliche Seite der Stadt- und

Raumentwicklung mit befördern können“, so Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, Präsident der Ingenieurkammer-Bau

NRW, zum Projekt „Stadtteilhabe. Ein Bürgerprojekt“. Das Projekt ist Teil des Engagements

der Ingenieurkammer-Bau NRW im Rahmen der „Grünen Hauptstadt Europas – Essen 2017“.

Dem Bürgerprojekt folgt am 13. und 14. September 2017 die Fachtagung „Stadtteilhabe“. Die Fachtagung

ist offen für alle – ob Planungsprofi oder Laie. Nicht nur das Bürgerprojekt, auch die Tagung

nimmt „Teilhaben. Teilnehmen. Teil sein.“ sehr ernst.

www.stadtteilhabe.de

Wenn Sie mehr über uns und den Beruf des Bauingenieurs erfahren

möchten, besuchen Sie uns doch:

www.ikbaunrw.de und www.kammer-der-moeglichkeiten.de

Die Thema als E-Magazin und als PDF-Download finden Sie unter

www.ikbaunrw.de

Die Initiative für den Ingenieurberuf finden Sie unter dieser Adresse:

www.kein-ding-ohne-ing.de

HERAUSGEBER

Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen, Zollhof 2, 40221 Düsseldorf,

T 0211-1 30 67-0, E-Mail info@ikbaunrw.de, www.ikbaunrw.de

VERANTWORTLICH

Dr. Wolfgang Appold, Hauptgeschäftsführer der Ingenieurkammer-Bau NRW

REDAKTION

IK-Bau NRW: Andrea Wilbertz, Kröger Schulz

INHALTLICHES KONZEPT, GESTALTERISCHES KONZEPT UND AUSARBEITUNG

Kröger Schulz, Büro Grotesk

DRUCK UND VERARBEITUNG

druckhaus köthen, Köthen

ABBILDUNGEN

Titel iStock: Michael Jay; Seite 2 oben: Steinbeis-Hochschule; Seite 2 unten,

Literarische Unternehmungen: Joris van Velzen; Seite 3: Reuters/Brendan

McDermid; Seite 4: Bernd Edgar Wichmann

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