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Klar ist, dass es bei Partizipation immer um die Verteilung, Umverteilung, Erlangung oder Erweiterung von Macht geht. Der amerikanische Gemeindepsychologe Julian Rapport hat dazu das Konzept des Empowerments entwickelt. Es geht von einer homogenen Gruppe von Menschen aus, die durch genau das charakterisiert ist, was ihr fehlt: Macht. Bei uns können Partizipationswilige heute in erfreulich vielfältiger Weise Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. Sie können zum Beispiel wählen gehen, einer Partei beitreten oder eine eigene gründen und zivil ungehorsam sein – also streiken, demonstrieren, boykottieren. Das ist das, was wir alle kennen. Aber es gibt längst viel mehr Formen der Teilhabe - informelle, temporäre, universitäre und und und. Lassen Sie sich überraschen: Die neue Zeitung der Kammer „thema“ 1/17 hat für Sie die ein oder andere Idee - mal kürzer, mal länger - dargestellt.

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Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen Zeitung der Ingenieurkammer-Bau NRW thema: 1.17 BETEILIGUNG Thema will ein Reflektions-und Inspirationsmedium sein. Wir begeben uns damit bewusst ein wenig weg vom Ingenieurwesen, wechseln munter Kontexte und schlagen Bögen zu gesellschaftsbildenden Bereichen wie Wissenschaft und Kunst. In Samuel Johnsons „Dictionary of the English Language“ von 1756 steht unter „Participation“: „The state of sharing something in common.“ Wie ist die Beteiligungslage heute? Und wer teilt was mit wem? Die Polis und der Bürger Wer „Beteiligung“ oder „Partizipation“ verstehen will, muss auf die alten Griechen schauen, speziell auf Aristoteles und seine Idee der „Polis“, des Gemeinwesens. Die Polis ist für Aristoteles der Zusammenschluss natürlich wachsender Gemeinschaften (Familie – Hausgemeinschaft – Dorf – Polis) und hat ein Ziel: Glückseligkeit für alle. Dabei bestimmen die Bürger über das Schicksal des Staates, indem sie das Zusammenleben aller vernünftig organisieren. Klingt toll. Interessant ist allerdings, was unter „vernünftiger Organisation des Zusammenlebens“ verstanden wird. Denn schon bei Aristoteles steckt dahinter die Idee der Arbeitsteilung. Für den griechischen Gesellschaftsdenker existiert von Natur aus Herrschendes und Beherrschtes – und herrschend sind die, die vorausschauen können, also vor allem „freie Männer“. Sie sind es deshalb auch, die die Staatsangelegenheiten bestimmen und dabei nicht mit den Mühseligkeiten und Nervenaufreibungen alltäglicher Arbeit belastet werden sollen. Die lästigen, schweren Alltagsgeschäfte sollen gefälligst andere erledigen: vor allem Frauen als Haushaltsexpertinnen, Sklaven als Ackerbauern und Handwerker, die Aristoteles „Banausen“ nennt. Teilhaben. Teilnehmen. Teil sein? Dass es welche gibt, die von der Mitbestimmung ausgeschlossen sind, hat also Tradition. Im Laufe der Geschichte wechseln die Unbeteiligten und Unterprivilegierten zwar die Namen – heißen statt Sklaven Lohnarbeiter und statt Barbaren Asylanten –, das fundamentale Gerechtigkeitsproblem aber

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