Cruiser im April 2017

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Mehr als drei Dekaden lang war AIDS tödlich und hat viele schwule Männer nachhaltig traumatisiert. Die Generation AIDS erinnert sich noch gut an die damaligen Bilder – und fast jeder hat damals gute Freunde an die Krankheit verloren. Schnell wurde vor etwas mehr als 30 Jahren klar: Es muss etwas geschehen - das Massensterben in den Metropolen muss unter Kontrolle gebracht werden. Roger Staub war Mitbegründer der AIDS-Hilfe Schweiz und erinnert sich exklusiv in dieser Ausgabe an die Anfangszeiten der Epidemie. Ausserdem: Wie politisch ist eigentlich der kommende ESC wirklich? Unsere Autorin Yvonne Beck wagt einen etwas anderen Blick auf die Veranstaltung.

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Thema

Aidshilfe – wie alles begann

Die ersten Werbe-Sujets sind mittlerweile legendär. Der Brand «Hot Rubber» wurde explizit für die Gay-Szene geschaffen, das «Stop AIDS»

Logo war auch den anderen «Risikogruppen» und biederen Heteros ein Begriff.

der Freundschaftsvereinigung Schweiz-Cuba.

Im Herbst 1983 war ich mit der Brigade

«José Martí» einen Monat im Arbeitseinsatz

in Kuba. In der deutschen Delegation gab es

einen hübschen jungen Mann und in der Delegation

aus West-Berlin eine Ärztin. Mit

beiden habe ich mich angefreundet, war aber

zu schüchtern … Die Ärztin aus Berlin hat

mich ein paar Monate später auf dem Weg

zum Wintersport in Zürich besucht und ich

sie dann in Berlin im November 1984.

1983 habe ich zum ersten

Mal von der neuen

Schwulenseuche in den

USA gelesen.

1983 habe ich zum ersten Mal von der

neuen Schwulenseuche in den USA gelesen

und Schlagzeilen wahrgenommen. Ich hatte

in diesem Jahr aber überhaupt nicht das Gefühl,

dass mich das etwas angehen könnte –

im Rückblick sehr zurecht, ich war ja nicht

besonders mutig. Im Herbst 1984 war AIDS 1

wieder über Wochen Titelthema im «Spiegel».

Auch am Esstisch der Berliner Gross-

WG der Ärztin wurde fast jeden Abend darüber

diskutiert, wohnten doch auch zwei

Schwule in der WG. Sie bot mir an, einen

Test auf das Aids-verursachende Virus, das

damals noch HTLV-III/LAV hiess, zu machen,

nahm am Küchentisch Blut und

schickte es in die USA. Ich habe damals meinen

Arm hingehalten weil ich dachte, es ist

gut zu wissen, dass man DAS nicht hat. Sie

versprach, mich in einigen Wochen telefonisch

über das Resultat zu informieren.

Donnerstag, der 13. Dezember 1984

Wieder zurück in Zürich und sensibilisiert

fürs Thema AIDS fielen mir in der Szene –

ich verkehrte damals vor allem im ZABI –

rosa Flugblätter der SOH und HAZ auf, die

für einen AIDS-Informationsabend für

schwule Männer im Unispital «mit dem besten

AIDS-Spezialisten der Schweiz» warben.

Ich war da, zusammen mit über 300 Männern

aus Zürich, der Grosse Hörsaal West

war bis auf den letzten Platz besetzt. An jenem

Abend begriff ich, worum es bei AIDS

wirklich geht und wie mann sich schützen

kann. Am Abend danach sagte ich im ZABI

zu Remo P. von der HAZ, mann müsse was

tun. Er sagte mir dass ich in die Kerngruppen-Sitzung

vom kommenden Mittwoch

kommen müsse, nur die Kerngruppe könne

die Einrichtung einer AIDS-Arbeitsgruppe

der HAZ beschliessen. Seit dem Vortrag – es

war Ruedi Lüthy persönlich, der uns informierte

– schlief ich schlecht, weil ich mich

an alle sexuellen Begegnungen mit Männern

der letzten Jahre zu erinnern versuchte. Ich

schätzte mein Risiko zwar als gering ein,

aber Null war es sicher nicht. Das motivierte

mich dazu, tatsächlich an der Kerngruppensitzung

vom Mittwoch, 19. Dezember teilzunehmen

und den Antrag zu stellen, es sei

eine AIDS-Arbeitgruppe der HAZ einzurichten

und es seien ihr 2000 Franken für die

Produktion eines Flugblattes über AIDS und

die Einrichtung eines Beratungstelefons zur

Verfügung zu stellen. Es wurde stundenlang

diskutiert. Gegen Mitternacht erfolgte endlich

die Abstimmung und mit knapper

Mehrheit wurde die AIDS-Arbeitsgruppe

der HAZ beschlossen. Müde kam ich spät

nachts nach Hause und fand auf meinem

Pult eine Notiz meiner Mitbewohner: «Gruss

aus Berlin – alles in Ordung!»

Der 2. Götti: Bertino Somaini, BAG

Bern

Im Januar 1985 schrieben wir in der AG

AIDS den Text eines ersten Flugblattes basierend

auf den Ausführungen von Dr. R.

Lüthy. Layout mit Schere und Leim und Abreibbuchstaben

für die Titel, Text aus meiner

elektrischen Schreibmaschine mit Korrekturtaste,

Illustration eigenhändig. Wir

druckten 5000 Exemplare und verteilten sie

in der Szene – gleichzeitig richteten wir ein

Beratungstelefon ein und versuchten, mehr

Informationen zusammenzutragen. Kollegen

brachten uns aus San Franzisco einen

1

AIDS wurde erst 1986 als Wort eingedeutscht

und wurde zu Aids (Duden, 1986).

©Bilder: Schweizerisches Sozialarchiv

CRUISER April 2017

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