Cruiser im April 2017

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Mehr als drei Dekaden lang war AIDS tödlich und hat viele schwule Männer nachhaltig traumatisiert. Die Generation AIDS erinnert sich noch gut an die damaligen Bilder – und fast jeder hat damals gute Freunde an die Krankheit verloren. Schnell wurde vor etwas mehr als 30 Jahren klar: Es muss etwas geschehen - das Massensterben in den Metropolen muss unter Kontrolle gebracht werden. Roger Staub war Mitbegründer der AIDS-Hilfe Schweiz und erinnert sich exklusiv in dieser Ausgabe an die Anfangszeiten der Epidemie. Ausserdem: Wie politisch ist eigentlich der kommende ESC wirklich? Unsere Autorin Yvonne Beck wagt einen etwas anderen Blick auf die Veranstaltung.

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Thema

Aidshilfe – wie alles begann

Roger Staub, einer der Gründerväter der Aidshilfe, vor über 30 Jahren.

Eines der ersten Farbinserate im damaligen

Cruiser.

wie Kurth W. Kocher, mein späterer Lebenspartner

zu sagen pflegte) – ig han Aids

und will öppis tue!» Ohne viel zu überlegen

sagte ich zu ihm: «Werden Sie Präsident!»

Das brauchte zwar einiges an Überzeugungsarbeit,

aber dann sagte er zu und wurde

an einer aussserodentlichen Generalversammlung

per Telefonkonferenz gegen den

Willen der HABS (Homosexuelle Arbeitsgruppen

Basel Stadt) zum Präsidenten

gewählt.

Am 2. Juli 1985 lud die AHS zur Pressekonferenz

in den Schweizerhof in Bern ein.

Die Schlagzeile auf dem Blick-Aushang des

nächsten Tages: «André Ratti (50): Ich habe

Aids!» Dass wir gleichzeitig auch die erste

Broschüre der AHS zum Thema «HTLV-III/

LAV-Antikörpertest» veröffentlichten, blieb

wegen der Sensation, dass ein bekannter TV-

Mann sein Coming-out als Schwuler und

Aidskranker hatte, unerwähnt.

Darauf stellten wir beim BAG das Gesuch,

dass uns eine Geschäftstelle in Zürich

finanziert werde. Im Herbst rief eine Frau

Moser vom BAG bei mir in der Schule an

und fragte, ob sie sich als Geschäftsführerin

der AHS bewerben könne, sie sei als Assistentin

von Dr. Somaini gerade dabei, die

Subventionsverfügung für unsere Geschäftsstelle

zu tippen. Herbert und ich trafen

sie an einem Abend in Bern und waren

von ihrer Energie und ihrem Engagement

so überzeugt, dass wir sie grad einstellten.

Wir fanden bald Räume im Kreis 2 und

konnten ab Januar 1986 die Geschäftsstelle

an der Gerechtigkeitsgasse in Zürich einrichten.

Vorher hatten wir im HAZ-Centro

am Sihlquai ein kleines Büro zur Verfügung,

das wir ab Herbst 1985 noch mit der

Zürcher Aids-Hilfe teilten. Endlich hatten

wir genug Platz für …

Mit dem stilisierten

Phallus im Namen gefiel

es dann allen.

The Hot Rubber – the Condom for

gay men

… das Lager der Hot Rubber Company

(HRC). Im Frühling 1985 verteilten wir die

Gratis-Muster der Firma Lamprecht mit

dem Kleber «HAZ-geprüft». Daraus entstand

die Idee, eine eigene Parisermarke zu

kreieren. Herbert machte anlässlich des Europäischen

Pfingsttreffens der Loge70 den

Versuch mit dem Namen «Hot Rubber» und

einem Stiefellogo. Das gefiel wohl in der Lederszene,

ausserhalb fehlte die Akzeptanz.

Mit dem stilisierten Phallus im Namen gefiel

es dann allen. So entstand im Herbst die Hot

Rubber Company als Teil der AHS. Und

Lamprecht lieferte die ersten Hot Rubber,

echte Ceylor-Blauband-Präservative in der

neuen Hot Rubber-Folie verpackt und von

der AHS via Bars und Saunen und im Direktversand

vertrieben. Ab November 1985

erschien fast jeden Monat ein neues Hot

Rubber Plakat, das in den Szenelokalen aufgehängt

wurde und für den Hot Rubber

warb. Im Jahr 1985 verkaufte die HRC 2000

Stück, 1986 125 000, 1987 über 300 000.

Wir lagerten aber nicht nur Broschüren

und Präservative an der Gerechtigkeitsgasse,

sondern auch sterile Einwegspritzen.

Freiwillige Helfer, Silvia Moser und ich verteilten

regelmässig saubere Spritzen auf dem

Platzspitz, dem damaligen Drogenpark

hinter dem Landesmuseum zu einer Zeit, als

der Kantonsarzt des Kantons Zürich den

Schutz vor AIDS bot das Kondom.

Im Direktversand wurden die Präser

für 10 Franken nach Hause geschickt.

©Bilder: Schweizerisches Sozialarchiv

CRUISER April 2017

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