FINDORFF GLEICH NEBENAN Nr. 2

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PROFILE

q PARZELLENKULTUR IN FINDORFF

» Kleingärten sind wie alte Streuobstwiesen. «

RIKE FISCHER

GARTEN

KIRSTEN

KORYPHÄEN

FINDORFF GLEICH NEBENAN | 04

TIEDEMANN

R

ike Fischer, Sie sind seit Jahren engagiert für

die Natur und Umwelt und selbst im Garten

sehr aktiv. Wie wichtig sind Kleingärten für

ein gesundes Leben ?

Wie Parks und Grünflächen sind sie die

»grüne erfrischende Lunge« Bremens. Ein

Kleingarten bietet als Idyll Erdung, Ausgleich

zum Stadtleben und den Austausch mit der

Nachbarschaft. Obst, Gemüse und essbare Wildkräuter: Mit

der Ernte aus dem eigenen Garten kann man sich gesund und

günstig ernähren. Es ist auch ein idealer Raum, um Wissen

auszutauschen, das uns stark und unabhängiger macht – etwa

von den Lebensmittelkonzernen. Kleingärten sind ökologische

Nischen in der Großstadt und tragen auch enorm zur Erhaltung

der Artenvielfalt bei. Sie sind wie alte Streuobstwiesen: Die

Obstbäume bieten viel Lebensraum für Vögel & Co.

Gärtnern in der Stadt, neudeutsch »urban gardening«, liegt

voll im Trend. Initiativen wie das Findorffer Pflanzfest in der

Münchener Straße sind Beispiele dafür. Woran liegt das ? Gibt

es auch einen Trend zum Kleingarten ?

Spießig war gestern. Heute erkennen immer mehr Menschen,

welche Vorteile der Kleingarten hat; in der Stadt so nah vor der

Haustür. Es macht glücklich, eigene Vorstellungen wachsen und

gedeihen zu sehen. Nach der Gartenarbeit Bienengesumm und

Vogelgezwitscher in der Abendsonne zu genießen: Das finde ich

einfach herrlich !

Die Zukunft vieler Kleingartenvereine ist schwierig. Oft gibt

es Nachwuchsprobleme. Braucht es neue Konzepte, um das

Gärtnern wieder attraktiver zu machen ?

In der Präambel der Kleingartensatzung steht, dass »Umwelt«

und »Miteinander« im Fokus stehen – anstatt festzuhalten an

überholten Klischees von den »Gartenvereinsmeiern«. Neue

Ideen und Ansätze sind gefordert: Pachtgemeinschaften können

sich intern zusammenschließen, da vielen Menschen die Arbeit

an einer Parzelle allein zu umfangreich ist. Die Politik sollte

klar sagen, was mit den Vereinsflächen zukünftig geschehen

soll, damit Interessenten, die eine Parzelle übernehmen wollen,

Sicherheit für deren Bestand und Erhalt haben. Ehrenamtliche

Arbeit braucht einen Imagewechsel – nach dem Motto: »Verantwortung

ist geil !«. So bekommen wir junge Menschen in die

Vereinsarbeit. Wichtig ist die vertrauensvolle Zusammenarbeit

zwischen dem Landesverband der Bremer Gartenfreunde e. V.,

den Kleingartenvereinen und natürlich den KleingärtnerInnen.

Die »Tafelobstgarten-Initiative des BUND-Bremen« nutzt in

Findorff zwei Parzellen zum regionalen Obst- und Gemüseanbau.

Gibt es mehr derartige Ansätze in Bremen ?

Es gibt Kinder- und Schulgärten, den internationalen Garten,

den Garten vom Martinshof, Streuobstwiesen ... Viele gute

Aktivitäten sind vorhanden; die aber oftmals abhängig von dem

Engagement und den Kenntnissen der »Gartenpioniere« sind.

Davon brauchen wir unbedingt mehr.

Kirsten Tiedemann, Sie befassen sich seit vielen Jahren

intensiv mit den Bremer Kleingärten und besonders mit der

Geschichte der »Bremer Kaisenhäuser«. Welche Rolle spielen

Kaisenhäuser und das Wohnen im Kleingarten heute noch ?

Seit 2015 dürfen intakte Kaisenhäuser auch nach Ablauf der

Wohnberechtigung als Gartenhäuser weitergenutzt werden.

Das ist erfreulich. Viele dieser nach dem Do-it-yourself-Prinzip

gebauten Häuser bereichern die Bremer Parzellengebiete sehr.

Sie sind zugleich fast alle auch gebaute Zeugnisse der Bremer

Nachkriegsgeschichte – und damit für mich auch aus Sicht einer

Historikerin sehr interessant.

In einigen Kleingartengebieten stehen zunehmend Gartenhäuser

leer und Parzellen verwahrlosen. Was sind die Gründe ?

Für die heutigen Leerstände gibt es ein Bündel an Ursachen. Bis

vor kurzer Zeit durften leerstehende Kaisenhäuser nicht länger

genutzt werden und sollten abgerissen werden. Die Stadt kam

dieser Selbstverpflichtung aber nur sehr schleppend bis gar

nicht nach. Die Natur schlug zurück: Die leerstehenden Parzellen

sind dann natürlich schnell zugewachsen. Der erste Grund

ist: Parzellen mit nicht intakten Grundstücken und Häusern

sind nicht nachgefragt. Die zweite Ursache: Wenn ein solches

Grundstück geräumt und planiert wird, ist es bestenfalls noch

eine grüne Wiese, aber kein Garten mehr. Es kostet viel Geld,

Zeit und Mühe aus diesen scheinbar unattraktiven Flächen

wieder eine schöne Parzelle zu machen. Aber es geht natürlich !

Meine Empfehlung an die Stadt Bremen oder den Landesverband

der Bremer Gartenfreunde: Gebt denen, die sich interessieren

und auch KleingärtnerInnen werden wollen, einfach

zinsgünstige oder zinslose Laubendarlehen ! Damit könnten

auch Menschen, die nur wenig Geld haben, auf dem geräumten

Grundstück wieder eine Laube bauen, für die übrigens bis zu

24 qm Grundfläche zulässig sind. Dadurch könnte man die

Attraktivität für »leere« Grundstücke und die Motivation auch

für jüngere Generationen, sich diese wieder nutzbar zu machen,

steigern. Fast ein Viertel der BremerInnen ist arm: Wer nur eine

kleine Wohnung hat und sich keinen Urlaub leisten kann – für

den ist ein Kleingarten mit 300 qm ein toller Ausgleich.

Nach dem »Aus« für die Kaisenhäuser hat Bremen den harten

Kurs gegenüber »Kaisenhaus-Bewohnern« etwas gelockert.

Wenn jemand wegzieht oder stirbt, wird nicht mehr abgerissen:

Was ist der richtige Weg im Umgang mit Kaisenhäusern ?

Um die dauerhafte Nutzung der Häuser zu sichern, wäre es

wichtig, eine rechtliche Grundlage zu schaffen, für die u

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