Nahrungsraum Stadt / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 67 (2/2017)

derive

Urban Gardening liegt seit Jahren im Trend, städtische Märkte feiern eine Renaissance und sind Fixpunkt von Stadttourismustouren, Kochevents gibt es aller Orten und Streetfood wandelt sich von der exotischen Attraktion zum Alltagsangebot. In der Schwerpunktausgabe Nahrungsraum Stadt werden Sie über die neuesten Urban-Gardening-Tipps trotzdem ebenso wenig informiert, wie über die coolsten Streetfood-Hangouts oder die angesagtesten Community-Kochevents in Ihrer Nachbarschaft. Stattdessen legt der dérive-Schwerpunkt den Fokus auf die räumlichen Ausprägungen und Auswirkungen der diversen Hypes und Trends, beschäftigt sich am Beispiel Wien mit dem Themenkomplex urbane Landwirtschaft, Stadtwachstum, Imagepolitik und Partizipation oder stellt den Nahrungsmittelanbau in Kubas Städten vor. Das Heft kann hier https://shop.derive.at/collections/einzelpublikationen/products/heft-67 bestellt werden.

Lisa Bolyos

»Was wir

entwickeln müssen,

ist unser HORIZONT.«

Addis Abebas uferlose

Stadtentwicklung

Megacity, Stadtplanung,

Repression, Vertreibung, Informelle Siedlungen,

Widerstand, Äthiopien

Bis zum Kreisverkehr von Olympia ist die Gabon

Road eine einzige Baustelle. »Wenn ich Euch dort

hinbringen soll, mach ich mir das Auto kaputt,«

sagt der Taxifahrer, »also hört auf, den Preis zu

verhandeln«. Meskel Flower Area heißt das Viertel,

in dem wir wohnen, und es gilt, sich Orientierungspunkte

zu merken – eine Klinik, eine Bäckerei,

ein Hotel. In Addis Abeba ist es unüblich, Straßen

beim Namen zu nennen. Diese Orientierungspunkte,

die Landmarks, entlang derer man die

Stadt durchstreift, gehen mit der Stadterneuerung

nach und nach verloren, sagt Konjit Seyoum. »Das

schmerzt. Du vermisst den gewohnten Geruch

von gemahlenem Kaffee und Gewürzen, der dir an

einer Straßenecke zur Orientierung gedient hat,

die Geräusche, wenn das Brot geknetet wird, und

genauso vermisst du das menschliche Miteinander.

Wenn ein Stadtteil zerstört wird, geht das ganze

soziale Gefüge in Brüche.« Konjit Seyoum betreibt

unweit der ALE-Kunstuniversität die Asni Art Gallery.

Sie ist in der Stadt aufgewachsen, ist bildende

Künstlerin, Köchin und Konferenzdolmetscherin

für Englisch, Amharisch und Kroatisch. In der Galerie,

deren direkte Nachbarschaft zur Friedrich-

Ebert-Stiftung auch am Publikum sichtbar wird, ist

Ausstellungspause; an den Wänden hängen Bilder

Meskel Flower Area. »Wenn ein Stadtteil entwickelt

wird, geht nicht nur die Orientierung,

sondern das ganze soziale Gefüge verloren.«

Foto: Lisa Bolyos.

aus der hauseigenen Sammlung zeitgenössischer

Kunst. Da sind Architektur-Skizzen, Aquarelle von

Häusern aus dem 19. Jahrhundert, die es in der

Stadt längst nicht mehr gibt; die Seitengassen

informeller Wohnsiedlungen in graustufigem Acryl

auf Karton; eng aufeinander gestapelter Geschosswohnungsbau

auf gerahmter Leinwand. Die

Frage, wohin sich die Stadt entwickelt, scheint seit

Jahrzehnten Thema zu sein.

Magazin

Lisa Bolyos — »Was wir entwickeln müssen, ist unser HORIZONT« – Addis Abebas uferlose Stadtentwicklung

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